Der Mensch deckt sich mit Aktivismus ein, um sich lebendig zu fühlen, und merkt nicht, dass er damit dem Leben ausweicht.
©Sandra Matteotti
Denkzeiten – Philosophie in Theorie und Praxis
Dr. Sandra von Siebenthal
Der Mensch deckt sich mit Aktivismus ein, um sich lebendig zu fühlen, und merkt nicht, dass er damit dem Leben ausweicht.
©Sandra Matteotti
Wenn Dinge nicht so laufen, wie man es gerne hätte, sucht man einen Schuldigen. Den findet man oft schnell – man nimmt den, der sich am besten anbietet. Heute ist das wohl: Die Schule. Missstände, wo man hinschaut. Lehrer, die nichts taugen, Lehrpläne, die dem nicht nachstehen. Man könnte es nicht besser, aber he: Man muss ja auch nicht.
Schule ist landläufig das, wo alles falsch läuft. Dass es so nicht sein kann, liegt auf der Hand, aber doch: Es ist nicht alles nur toll. Kinder werden im Gleichtakt geformt, der Gleichtakt ist genormt, es gibt Listen, aus denen man ablesen kann, wann ein Kind was können muss – kann es das nicht, ist es ausser der Norm, damit eine Gefahr für diese und zu therapieren. Therapie ist generell das Zauberwort. Heute kann man alles therapieren. Egal ob man zu dick, zu dünn, zu klein, zu gross, sexuell aktiv oder nicht ist. Egal, ob man trinkt, nicht trinkt, zu viel trinkt, das falsche trinkt, extrovertiert, nicht extrovertiert genug ist – es gibt eine Therapie.
Geht man dann hin, kann man zusammen mit anderen ebenso vom Weg Abgekommenen Bäume streicheln, das Miteinander fühlen und malend das eigene Ich wiederfinden. Man nimmt sich an den Händen, tanzt im Kreis, lächelt dabei selig. Es erschliesst sich nicht ganz wozu, aber das muss wohl dieses „Normal“ sein, denn die Anleitende tut es auch. Bloss nicht aus der Reihe tanzen, denn all das hat nur ein Ziel: Zur Norm zurückzukommen.
Wer nicht spurt, der ist ausser der Spur, dem muss man auf diese zurück verhelfen. Man kann sogar aus der Therapie ganz aus der Spur fallen, wenn man sich nicht willig genug zeigt. Wie heisst es so schön: Und bist du nicht willig – oh nein… Gewalt geht gar nicht. Lieber Gruppenkuscheln auf Kommando und ohne Ausweichmöglichkeiten als den leichten Klaps auf den Hinterkopf, der das Denkvermögen anstossen könnte. Denn: Selber denken geht nicht, es könnte die Norm sprengen. Kuscheln geht immer – nur nicht zu viel, es könnte sonst auch wieder Normen verletzen.
Im Zeitalter der politischen Korrektheit und der ach so sensibilisierten Gemüter muss man gleich hinterher sagen, dass man natürlich Klapse für überholt und Gewalt für nicht angebracht hält. Wo kämen wir hin, wenn jeder einfach jeden zum Denken prügeln würde. Wenn jeder jeden dazu anhalten würde – so ganz ohne gesellschaftliches Dafürhalten und obrigkeitlichen Antrieb -, das eigene Hirn zu gebrauchen.
Chaos. Es bräche aus. Keiner wüsste, was der andere tut und die, welche es gerne wissen – und vor allem bestimmen – wollten, sähen ihre Pfründe dahinschwimmen. Drum presst man gerne Kinder in Schemen, so wie diese früher farbige Holzklötzchen durch entsprechende Löcher klopften mit einem kleinen Hämmerchen. Man muss nicht stark hauen, Gewalt verabscheuen wir ja, es muss nur passen. Und was nicht passt, wird passend gemacht.
Ich erinnere mich an dieses Puzzle. Blauer See unter blauem Himmel. Wunderschön anzusehen. Beim zusammensetzen erwiesen sich die Blautöne als sehr schwer auseinander zu halten, das Ganze überforderte bald meine Geduld. Ich ertappte mich beim Gedanken, es passend zu machen durch leichten (und immer etwas schwereren Hieb mit der rechten Handkante). Am Schluss sässe alles – ok, es hätte Luft. Aber es wäre blau. Und ich war froh, nicht mehr Kind zu sein, erinnerte ich mich doch gut an Mütter, die prahlten, dass ihre Kinder schon als Embryos im Bauch Puzzles von unvorstellbarer Grösse mit der Rückseite nach oben zusammengesetzt hätten.
Als heutiges Kind sässe ich wohl beim Therapeuten, nun schreibe ich hier meine Texte.
Ingeborg Bachmann (1926 – 1973)
Mein Vogel
Was auch geschieht:
die verheerte Welt sinkt in die Dämmerung zurück,
einen Schlaftrunk halten ihr die Wälder bereit,
und vom Turm, den der Wächter verliess,
blicken ruhig und stet die Augen der Eule herab.Was auch geschieht:
du weißt deine Zeit, mein Vogel,
nimmst deinen Schleier und fliegst durch den Nebel zu mir.Wir äugen im Dunstkreis, den das Gelichter bewohnt.
Du folgst meinem Wink, stösst hinaus
und wirbelst Gefieder und Fell –Mein eisgrauer Schultergenoss, meine Waffe,
mit jener Feder besteckt, meiner einzigen Waffe!
Mein einziger Schmuck: Schleier und Feder von dir.Wenn auch im Nadeltanz unterm Baum die Haut mir brennt
und der hüfthohe Strauch mich mit würzigen Blättern versucht,
wenn meine Locke züngelt, sich wiegt und nach Feuchte verzehrt,
stürzt mir der Sterne Schutt
doch genau auf das Haar.Wenn ich vom Rauch behelmt
wieder weiß, was geschieht,
mein Vogel, mein Beistand des Nachts,
wenn ich befeuert bin in der Nacht,
knistert’s im dunklen Bestand, und ich schlage den Funken aus mir.Wenn ich befeuert bleib wie ich bin
und vom Feuer geliebt,
bis das Harz aus den Stämmen tritt,auf die Wunden träufelt und warm
die Erde verspinnt,
(und wenn du mein Herz auch ausraubst des Nachts,
mein Vogel auf Glauben und mein Vogel auf Treu!)
rückt jene Warte ins Licht,
die du, besänftigt,
in herrlicher Ruhe erfliegst –
was auch geschieht.
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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn das Leben schwierig ist oder man Mut braucht
Nimm dich in Acht vor Menschen, die ständig betonen, ihr Leben so zu führen, dass sie niemanden verletzen.
©Sandra Matteotti
Sie legte den Kopf schräge: „Weißt du, was mich brennend interessiert?“
Er: „Hm….“
Sie: „War das nun ein Ja oder ein Nein?“
Er: „Was?“
Sie: „Ich fragte dich, ob du wüsstest, was mich brennend interessiere, heisst „Hm“ ja oder nein?“
Er: „Wieso interessiert dich das?“
Sie: „Na, weil ich sonst ja nicht weiss, ob du es nun weißt oder nicht..:“
Er: „Ich wüsste vor allem mal gerne, was in Köpfen, die sich für solchen Mist interessieren, vorgeht…“
Im Märchen hiesse es nun, dass sie, wenn sie nicht gestorben sind, glücklich weiterleben würden, es ist aber davon auszugehen, dass einer der beiden das nicht überlebt hat.
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Für die abc.etüden, Woche 23.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 23.18 kommt von Gerda Kazakou (gerdakazakou.com)
Sie lautet: Schräge, brennend, köpfen
Der Ursprungspost: HIER
Frau M. aus Z. kaufte einen Drucker. Online. Er kam, er funktionierte – 3 Monate. Dann war er tot.
Frau M. dachte: „Das kann es nicht sein?!“
Frau M. schrieb dem Lieferanten eine Mail, dass der Drucker in der Garantiezeit das Zeitliche gesegnet hätte (klar, weniger blumig, man passt sich ja an).
Es kam auch Antwort: „Sehr geehrte Frau M. Folgen sie folgendem Link, füllen Sie alles aus und drucken sie schliesslich den Lieferschein aus. Packen Sie den Drucker dann ein und schicken Sie ihn an die angegebene Adresse.“
Frau M. schluckte leer, las nochmals, schluckte wieder. Sie hub dann in die Tasten.
Sie schrieb: „Sehr geehrte Damen und Herren, da mein Drucker soeben den Dienst verweigerte, bin ich nicht in der Lage, das von Ihnen geforderte Dokument auszudrucken. Zudem sehe ich es nicht ein, dass ich das Gerät auf eigene Kosten einschicken soll.“
Frau M. hatte Glück. Es kam eine Antwort. Natürlich übernehme man die Kosten. Man schicke ihr sofort ein frankiertes Rücksendeetikett zu. Tat man auch. Elektronisch, zum Ausdrucken.
Frau M. dachte, dass es das nun wirklich nicht sein könne. Sie rief also die Hotline an. Sie durfte sich da von einer spöttischen Stimme anhören, dass man im elektronischen Zeitalter sei, wo alles papierlos funktioniere. Frau M. versucht nun, den Drucker ans Mail zu hängen.
Wenn man ohne Bodenhaftung nach den Sternen greifen will, ist das, als ob man ein Luftschloss auf Sand baut.
©Sandra Matteotti
Hans- Christoph Neuert (1958 – 2011)
Alle
Alle
Welten abgesucht
nur Träume
sind mir oft geblieben
endlich hab ich – dich
gefunden
doch auch die Angst
vor Schmerz
Verlust
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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedichte, wenn man von Angst geplagt ist
Wenn Angst das Steuer übernimmt, geht das Schiff unter.
©Sandra Matteotti
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)
Klärchens Lied
(1788)Freudvoll
Und leidvoll,
gedankenvoll sein,
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
ist die Seele, die liebt.
(aus Egmont, 3. Aufzug, 2. Szene)
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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt
Als mein Vater krank wurde, war sein wohl meist gesagter Satz (er sprach generell nicht sehr viel):
Das kommt schon gut.
Und ja, wir wollten das alle glauben. Die Einen wollten mehr, die anderen glaubten mehr. Und er? Glaubte er? Wollte er es glauben? Wollte er uns überzeugen? Man weiss es nicht so genau. Er war nie ein offenes Buch, eher eines mit sieben Sigeln.
Heute sagt meine Mutter den Satz oft – immer mit dem Nachsatz, dass Papa das immer gesagt hätte. Und ja, wieder glauben wir es und wollen es glauben. Die Frage, die sich ja bei allem immer stellt, ist:
Was ist gut?
Und vor allem:
Wann wissen wir, ob es nun gut ist?
Auf Søren Kierkegaard geht der Ausspruch zurück:
„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts; leben muss man es aber vorwärts.“
Menschen sterben, Lieben zerbrechen, Hoffnungen platzen – jeder Mensch durchläuft diese Stadien, meist mehrfach. Und immer geht das Leben weiter, auch wenn man ab und an (anfänglich) denkt, dass es das nun war. Irgendwann blickt man zurück und sieht, dass aus Dingen, die einst als grosses Unglück schienen, auch Gutes entstand oder sie zumindest aus der einen oder anderen Perspektive etwas Gutes in sich trugen: Der Mensch, der starb, hätte unnötig gelitten, mit dem Menschen, der die Liebe aufkündigte, wäre man nicht glücklich geworden, aus den Steinen im Weg konnte man etwas Neues aufbauen.
Es gibt noch so einen schönen Satz:
„Am Ende wird alles gut. Und ist es nicht gut, so ist es nicht das Ende.“
Er gründet wohl auf dem Prinzip Hoffnung. Ich denke, die Hoffnung ist es, die einen immer wieder überleben lässt. Es heisst zwar in der Bibel, dass am Schluss Glaube, Liebe, Hoffnung bleiben, die Liebe das Grösste sei. Ich denke auch, dass die Liebe das Grösste überhaupt ist, aber: Ohne Hoffnung würde man wohl vieles nicht überstehen.
Und wenn du gehst,
geht etwas von mir mit.
Und weil ich bleibe,
bleibt etwas von dir hier.
©Sandra Matteotti
Je höher der Sockel ist, auf den du andere stellst, desto kleiner machst du dich selber.
©Sandra Matteotti
Was Glück ist und wie man es finden kann, darüber haben die Menschen über Jahrtausende nachgedacht, Thesen aufgestellt, Definitionen verfasst. Dass die Fragen nach dem Glück nicht leicht zu beantworten seien, glaubt man darin zu sehen, dass die Literatur ganze Regale füllt und doch nicht alle Menschen glücklich sind. Die Anleitungen scheinen also nicht zu fruchten – oder die Menschen halten sich nicht an die Anleitungen.
Auch Matthieu Ricard beschäftigt sich im vorliegenden Buch mit dem Glück. Aus buddhistischer Sicht versucht er darzulegen, was Glück ist und wie man es nach buddhistischer Auffassung erlangt. Das Fazit ist eigentlich ein einfaches:
Glück ist in uns allen angelegt, wir erlangen es nicht, indem wir den Dingen im Aussen nachrennen.
Glück ist ein Zustand innerer Erfüllung, nicht die Befriedigung des unerschöpflichen Verlangens nach äusseren Dingen.
Will man sich also auf die Suche nach dem Glück machen, gilt es, die Sicht von aussen nach innen zu verlagern und den eigenen Geist zu schulen. Wir müssen erkennen, wie der Geist funktioniert und vor allem, was uns gut tut und was nicht. Das klingt einfach, ist aber eine langwierige Angelegenheit.
Eine Lebensweise zu pflegen, durch die man dauerhaftes Glück erreicht, ist eine Kunst. Es erfordert ständiges Bemühen, eine unablässige Schulung des Geistes und die Entwicklung einer Reihe von menschlichen Qualitäten wie etwa Geistesruhe, Achtsamkeit und selbstlose Liebe.
Ricard greift bei seinen Darlegungen auf ein immenses Wissen westlicher und östlicher Philosophie zurück, er zitiert die neue wissenschaftliche Forschung und legt die buddhistische Sicht dar, die sich in vielen Punkten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen deckt. Dabei bleibt er nicht in der trockenen Theorie, sondern erläutert diese mit anschaulichen persönlichen Erlebnissen.
Neben den theoretischen Erklärungen finden sich auch Anleitungen für die eigene Meditation zu Hause, so dass man sich gleich hier und jetzt auf den Weg zum eigenen Glück machen kann. Ricard versteht es, ein grosses Thema auf eine verständliche, tiefgründige und gut lesbare Art zu vermitteln. Ein wahrlich wunderbares Buch, das in keinem Regal fehlen sollte!
Fazit
Ein wunderbares, reiches und inspirierendes Buch, das ich nur ans Herz legen kann. Absolut empfehlenswert.
Zum Autor
Matthieu Ricard
Matthieu Ricard arbeitete als Forscher auf dem Gebiet der Molekularbiologie, ehe er seine Berufung zum Buddhismus erkannte. Seit 25 Jahren lebt er als buddhistischer Mönch in den tibetischen Klöstern des Himalaya. Er übersetzt Werke aus dem Tibetischen und ist der offizielle Französischübersetzer des Dalai Lama.
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Knaur MensSana TB (1. Februar 2009)
ISBN-Nr.: 978-3426874134
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
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Lebenskunst: Nicht trauern um das, was endet, dankbar sein für das, was kommt.
@Sandra Matteotti