Alexander Kluge 1932 – 2026

Und wieder eine Nachricht, die mich erschüttert hat, als ich sie sah. Und wieder ein Verlust für die Welt, eine Stimme, die fehlen wird. Nomen est omen – ein Spruch wie für ihn gemacht.

Mit Alexander Kluge ist eine der eigensinnigsten und produktivsten Stimmen der deutschen Nachkriegsintellektualität verstummt. Kluge war nie nur Filmemacher, nie nur Schriftsteller, nie nur Theoretiker, er war ein Grenzgänger zwischen den Formen, ein unermüdlicher Arbeiter an der Verbindung von Erfahrung, Geschichte und Erzählung.

Als Mitbegründer des Neuen Deutschen Films stellte er sich früh gegen die Konventionen eines erstarrten Kinos und suchte nach einer anderen, offeneren Form des Erzählens. Seine Filme wie seine Texte verweigerten sich der glatten Dramaturgie. Sie montierten Fragmente, Stimmen, Perspektiven, immer im Versuch, Wirklichkeit nicht zu vereinfachen, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar zu machen.

Zugleich war Kluge ein Denker der Öffentlichkeit. In Zusammenarbeit mit Oskar Negt und als Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas entwickelte er die Idee einer „Gegenöffentlichkeit“, welche Raum schafft für Erfahrungen, die im dominanten Diskurs keinen Platz finden. Sein Werk war getragen von der Überzeugung, dass Erzählen eine Form des Widerstands ist gegen das Vergessen, gegen die Verflachung und gegen die sprachlose Anpassung.

Alexander Kluge hinterlässt kein geschlossenes System, sondern ein offenes Werk: ein Archiv von Geschichten, Gedanken und Möglichkeiten. Sein Schreiben und Filmen war immer ein Beginnen – im besten arendtschen Sinne. Mit seinem Tod endet dieses Beginnen nicht, es bleibt als Aufforderung bestehen.

Denkzeiten- Verantwortung für die Welt

„Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“
Hannah Arendt

Philosophie, verstanden als ernsthafte Praxis des Denkens, ist nicht die Akkumulation von Wissen, sondern ein Vollzug: das fortwährende Bemühen, die Dinge zu verstehen, ihnen auf den Grund zu gehen, ihre Voraussetzungen zu prüfen. In diesem Sinne ist Philosophie weniger ein Substantiv als ein Verb. Sie existiert nur als Praxis des Fragens, Hinterfragens und Begründens. Ihr Telos ist Wahrheit, nicht im Sinne eines endgültigen Besitzes, sondern als regulative Idee, die das Denken orientiert.

Diese Praxis ist wesentlich sprachlich vermittelt. Sprache ist dabei nicht bloß Ausdruck eines bereits fertigen Gedankens, sondern konstitutiv für dessen Entstehung. Philosophieren ist daher notwendig dialogisch strukturiert: Es vollzieht sich im Austausch, im Widerspruch, im Aushalten von Differenz. Erst in der Konfrontation mit anderen Perspektiven gewinnt Denken an Präzision, Reichweite und Tragfähigkeit. Verständigung ist dabei integraler Bestandteil dieses Prozesses. Im Idealfall mündet er in Konsens; mindestens aber ermöglicht er ein Fortschreiten des Verstehens, das isoliert nicht zu erreichen wäre.

Philosophieren ist auf Kommunikation angewiesen. Diese ist eine soziale Praxis, die auf einen Raum angewiesen ist, in dem sie sich entfalten kann. Ein solcher Raum muss Pluralität nicht nur zulassen, sondern er setzt sie voraus als Koexistenz unterschiedlicher Perspektiven, Interessen und Erfahrungen. Er ermöglicht, Positionen zu artikulieren und gehört zu werden, ebenso wie die Bereitschaft, sich den Argumenten anderer auszusetzen. Eine Grundvoraussetzung dazu ist Vertrauen, sowohl Vertrauen in die Gesprächspartner und deren Willen zur Verständigung als auch in die Praxis selbst. Dieser Raum ist nicht einfach gegeben, sondern er wird durch die Praxis der Beteiligten immer wieder neu gestaltet.

Gerade diese Räume sind fragil geworden. Der öffentliche Raum hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert, nicht primär durch formale Einschränkungen, sondern durch Verschiebungen im Umgangston und in impliziten Erwartungen. Kritik wird rasch als Angriff wahrgenommen, Differenz personalisiert, Positionen werden nicht mehr argumentativ geprüft, sondern sozial codiert. Es entsteht ein Klima subtiler, aber wirksamer Sanktionierung, das unter dem Anspruch wachsender Toleranz paradoxerweise die Grenzen des Sagbaren verengt. Man antizipiert Reaktionen, internalisiert Erwartungen und passt sich an.

Was als Rücksicht oder Selbstschutz beginnt, resultiert oft in Selbstzensur: Argumente werden zurückgehalten, Einwände nicht geäußert, Positionen abgeschwächt. Nicht, weil sie unbegründet wären, sondern weil ihre Artikulation soziale Kosten verursacht: Missverständnis, Zuschreibung, potenzieller Ausschluss. Der Wunsch nach Zugehörigkeit wirkt dabei als regulative Kraft, die den Rahmen des Sagbaren verschiebt. Mit dieser Verschiebung verändert sich nicht nur das Sprechen, sondern auch das Denken.

Denken ist keine rein innerliche Tätigkeit. Denken bedarf der Artikulation, der Responsivität, der Prüfung im Gegenüber. Ohne diese Rückkopplung verliert es an Schärfe und Differenziertheit. Der Rückzug aus der Öffentlichkeit ist daher kein neutraler Akt, sondern ein epistemischer Verlust. Wer nicht mehr spricht, denkt anders: vorsichtiger, weniger präzise, weniger weit.

Die Dynamik sozialer Medien hat diesen Prozess verstärkt. Ursprünglich als Räume des Austauschs konzipiert, folgen sie zunehmend einer Logik der Aufmerksamkeit, die Zuspitzung, Polarisierung und Affekt begünstigt. Differenzierung, Argumentation und Sachlichkeit geraten ins Hintertreffen. Es entstehen kommunikative Milieus, die zur Abschließung neigen, in denen Bestätigung Vorrang vor Prüfung erhält. Für viele wirkt dieser Raum damit dysfunktional: nicht mehr tragfähig für ernsthafte Auseinandersetzung, sondern ermüdend, bis hin zum vollständigen Rückzug.

Dieser Rückzug vollzieht sich selten abrupt. Er geschieht schrittweise durch reduzierte Beteiligung, durch das Zurückhalten von Einwänden, durch den Verzicht auf Artikulation. Mit der Zeit geht nicht nur die Verbindung zu anderen verloren, sondern auch zur Sache selbst. Gedanken, die keinen Ausdruck finden, verlieren an Evidenz; sie erscheinen erst kontingent, schließlich entbehrlich. Der Weltbezug wird schwächer, und mit ihm das Selbstverhältnis.

„Öffentlichkeit lässt sich am ehesten als ein Netzwerk für die Kommunikation von Inhalten und Stellungnahmen, also von Meinungen beschreiben.“
Jürgen Habermas

Öffentlichkeit ist damit nicht bloßer Hintergrund, sondern konstitutive Bedingung eines geteilten Wirklichkeitsbezugs. Sie entsteht dort, wo Perspektiven eingebracht, aufeinander bezogen und geprüft werden. Wo diese Praxis erodiert, bleibt Gesellschaft als Struktur bestehen, doch die gemeinsame Welt verliert an Dichte. Pluralität wird nicht mehr gelebt, sondern vermieden.

Vor diesem Hintergrund ist der Rückzug ins Private keine harmlose Option. Das individuelle Verstummen hat politische Implikationen. Demokratie ist nicht allein ein institutionelles Arrangement, sondern eine Praxis: Sie lebt von der aktiven Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger, von ihrer Bereitschaft zu urteilen, zu argumentieren und zu widersprechen. Wo diese Praxis ausbleibt, bleibt die Form bestehen, während der Gehalt erodiert.

Das verbreitete Argument, man könne ohnehin nichts bewirken, verkennt die Struktur politischen Handelns. Dieses ist nicht primär instrumentell zu verstehen. Es zielt nicht ausschließlich auf unmittelbare Wirkung, sondern auf Sichtbarkeit, Orientierung und die Offenhaltung des gemeinsamen Raums. Es eröffnet neue Perspektiven, macht Differenzen sichtbar und schafft die Voraussetzungen von Verständigung. Wer schweigt, entzieht sich nicht nur dieser Praxis, sondern überlässt sie anderen.

Schweigen ist nicht neutral. Es ist Zustimmung durch Unterlassung. Die Konsequenz daraus ist nicht, dass jede Äußerung laut oder konfrontativ sein müsste. Im Gegenteil: Was fehlt, ist weniger Lautstärke als mehr Urteilskraft, nämlich die Fähigkeit zu unterscheiden, zu begründen, abzuwägen und gegebenenfalls zu revidieren. Es bedarf einer Sprache, die klärt, statt zu eskalieren, und einer Haltung, die Kritik ermöglicht, ohne den anderen zu negieren.

Dies setzt Mut voraus. Es braucht die Bereitschaft, die eigene Verletzlichkeit nicht zum Maßstab des Sagbaren werden zu lassen. Der Wunsch nach Zugehörigkeit ist legitim, darf jedoch nicht die Grenzen des Denkens und Sprechens bestimmen. Wer ausschließlich das äußert, was akzeptiert wird, verliert die Fähigkeit zur eigenständigen Urteilsbildung und damit einen wesentlichen Aspekt seiner Freiheit.

„Politik […] ist etwas, was für menschliches Leben eine unabweisbare Notwendigkeit ist, und zwar sowohl für das Leben des Einzelnen wie das der Gesellschaft.“
Hannah Arendt

Die Rückkehr zur Kommunikation als ernsthafte, auf Verständigung gerichtete Praxis ist daher keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Es gilt, den Raum offenzuhalten, in dem gemeinsame Welt überhaupt erst entstehen kann – im Gespräch, im Text, im Widerspruch.

Eine Gesellschaft, in der viele schweigen, ist nicht friedlich. Sie ist leer.

Lesezeiten – Grit Strassenberger: Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert

«Der Mensch ist stehts mehr, als von ihm erkannt wird.» Karl Jaspers

Beim Blick in die Regale voller Publikationen über Hannah Arendts Leben und Werk stellt sich die Frage, ob nicht bald mal alles geschrieben und wirklich Neues noch möglich sei. Grit Straßenberger hat den Versuch gewagt und legt mit Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert eine Biografie vor, deren zentrales Erkenntnisinteresse die ebenso schlichte wie anspruchsvolle Frage ist: Wer war Hannah Arendt? Thema sind dabei nicht nur die Autorin und ihre grossen Werke, sondern auch sie als Person, als Freundin, als Gesprächspartnerin, als Knotenpunkt eines intellektuellen Netzwerks.

«Dichterisch denken – hierin erkennt Arendt eine Möglichkeit, menschliche Geschichte auch in ihren Abgründen zu verstehen. Erzählen ist für sie eine Methode, um das Abgründige, das, was nie hätte geschehen dürfen, zu benennen, zu erinnern und sich mit dem, was geschehen ist, zu versöhnen.»

Straßenberger beantwortet diese Frage, indem sie Leben und Denken konsequent miteinander verschränkt. Der biografische Faden folgt den historischen Zäsuren des 20. Jahrhunderts – Emigration, Totalitarismus, Exil, Neubeginn –, doch er wird immer wieder durch Arendts Werk gespiegelt. Besonders stark ist das Buch dort, wo es zeigt, wie sehr Arendts Denken aus konkreten Erfahrungen hervorgeht: aus Fremdheit, Verlust, politischer Katastrophe und aus dem Bedürfnis, all dies nicht nur zu erleiden, sondern verstehen zu wollen.

«Freundschaft war für die streitlustige Aristotelikerin weit mehr als persönliche Beziehungspflege: nämlich ein genuin politischer Modus des Sich-in-Beziehung-Setzens… Freundschaft bedeutete für sie vielmehr, Konflikte auszutragen und Uneinigkeit zu riskieren.»

Daneben zielt der Blick Strassenbergers auf Arendts Beziehungen. Straßenberger entfaltet ein dichtes Geflecht aus Freundschaften, Briefwechseln und intellektuellen Begegnungen, neben Karl Jaspers, Walter Benjamin, Martin Heidegger und Mary McCarthy ein Grossteil des damaligen intellektuellen Who’s whos. Hannah Arendt war alles andere als eine isolierte Denkerin im stillen Kämmerchen (wobei sie diese Momente auch suchte und brauchte), sondern sie entwickelte ihr Denken wesentlich im Dialog mit Freunden. Die «Virtuosin der Freundschaft» war überzeugt, dass Freundschaft auch unterschiedliche Meinungen und harte Kontroversen aushalten muss.

Auch in der Darstellung der Werke überzeugt das Buch. Straßenberger gelingt es, zentrale Texte wie Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft oder Eichmann in Jerusalem verständlich einzuordnen, ohne sie zu vereinfachen. Dabei bleibt sie in der Regel erklärend und hält sich mit Interpretationsversuchen zurück. Dadurch wahrt sie die Komplexität. Das ist eine Stärke, weil es die Komplexität wahrt und Polarisierungen vermeidet. Dies wird vor allem bei der Kontroverse um Eichmann in Jerusalem deutlich, welche eher aus Arendts Perspektive erzählt wird, ohne aber direkt Stellung zu beziehen, während gewichtige Gegenargumente nur am Rand erscheinen.

Der Ton des Buches ist von Sympathie geprägt, ohne in unkritische Verehrung zu kippen. Straßenberger zeigt Arendts Ambivalenzen – ihre Eigenwilligkeit, ihre Konfliktfreude, ihre gelegentliche Unnachgiebigkeit. Doch sie bleibt meist im Modus des Verstehens, weniger des Urteilens. Dadurch fehlt ab und zu ein wenig die Spannung im Buch.

Formal ist die Biografie klar strukturiert und gut lesbar, auch wenn sich gelegentlich Wiederholungen und Redundanzen einschleichen. Das schmälert den Gesamteindruck jedoch kaum. Denn gerade stilistisch gelingt Straßenberger etwas Entscheidendes: Sie macht Arendt zugänglich, ohne sie zu trivialisieren.

«Gegen diese gefährliche Melange von Konformismus, Despotismus und Nationalismus machte Arendt sehr deutlich, was sie unter Demokratie oder unter der ‘Herrschaft des Volkes’ verstand: nämlich ‘das Recht aller, an öffentlichen Angelegenheiten teilzunehmen und im öffentlichen Raum zu erscheinen und sich zur Geltung zu bringen.»

Besonders gelungen ist der Epilog, in dem Straßenberger Arendts Verhältnis zur Demokratie zuspitzt. Hier werden nochmals Arendts tiefgründiges Denken und ihre Positionen deutlich: sie war skeptisch gegenüber Massengesellschaft und Parlamentarismus, setzte auf politische Freiheit und bürgerliche Verantwortung. Vieles entwickelte sie aus ihren eigenen Erfahrungen als Verfolgte, Flüchtling, Heimatlose, welche sie durch eigenständiges Denken zu konzisen Analysen formte. Entstanden sind Werke, die zugleich Analysen der Gegenwart als auch Theorien von Politischen Strukturen generell sind. Daraus entsteht eine Aktualität, die auch heute noch anhält, man könnte fast von einem Boom sprechen. Deutlich wird vor allem auch eines: Hannah Arendt lässt sich nicht leicht einer Strömung oder Richtung zuordnen. Sie selbst negierte auch immer die Versuche anderer, dies zu tun.

Die Denkerin ist weniger eine Biografie im klassischen Sinn als ein Versuch, Leben, Werk und Zeit in ein gemeinsames Bild zu bringen. Straßenberger gelingt dies auf eine informative und differenzierte Weise. Wer Hannah Arendt neu entdecken oder vertiefen möchte, findet hier einen fundierten und zugleich lebendigen Zugang.

Lesezeiten: Erich Fromm – Haben oder Sein

„Solange jeder mehr haben will, müssen sich Klassen herausbilden, muss es Klassenkampf und, global gesehen, internationale Kriege geben.“

Erich Fromms Buch Haben oder Sein ist längst ein Klassiker. Fromm unterscheidet hier zwei Weisen des menschlichen Lebens: der Haben-Modus und der Sein-Modus. Fromms zentrale These lautet, dass die moderne westliche Gesellschaft weitgehend vom Haben geprägt ist – und gerade darin ihre Krise liegt.

„(…) wenn Haben mein Ziel ist, bin ich umso mehr, je mehr ich habe (…)“

Der Haben-Modus beschreibt eine Haltung, in der der Mensch sein Leben über Besitz, Kontrolle und Aneignung definiert. Dinge, Wissen, Beziehungen und sogar Erfahrungen werden zu Objekten, die man „hat“. Aus einer solchen Perspektive wird Identität über Eigentum und Konsum aufgebaut: Ich bin, was ich besitze. Fromm zeigt, wie tief diese Logik in Wirtschaft, Sprache und Denken verankert ist. Das fängt schon früh an, nämlich in der Schule, wo Bildung häufig als Ansammlung von Wissen verstanden wird, das man besitzt, statt als lebendiger Prozess des Verstehens.

Dem stellt Fromm den Sein-Modus gegenüber. Sein bedeutet für ihn Lebendigkeit, Aktivität und Teilhabe. Ein Mensch im Sein-Modus strebt nach Produktivität: Er liebt, denkt, schafft und erfährt die Welt nicht als Objekt, sondern als Beziehung. Lernen bedeutet hier nicht, Wissen zu sammeln, sondern sich von etwas berühren und verändern zu lassen. Fromm zeigt auf, dass diese Sicht auf einer langen Tradition gründet, von der mystischen Tradition über den Buddhismus bis zu Meister Eckhart und Marx.

„Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?“

Die Ausrichtung auf das Haben bleibt nicht ohne Folgen, im Gegenteil. Eine Gesellschaft, in welcher Haben zur dominierenden Lebensform wird, macht auch vor den Menschen nicht Halt: sie werden zu Dingen, zu funktionalen Ausführern von Aufgaben zum Erreichen noch mehr Habens. Dadurch werden sie von ihrer Arbeit entfremdet und bald auch von sich selbst, weil sie sich nicht mehr als produktive Subjekte, sondern nur noch als ausführende Objekte erfahren. Der Mensch hat keinen Raum zur Entfaltung mehr, sondern steht vor der Aufgabe der (Selbst-)Optimierung. Die Ausrichtung am Haben, an materiellem Wohlstand allein garantiert kein erfülltes Leben, sondern führt zu einer dauerhaften inneren Leere.

„Der Konsumentenhaltung liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit.“

Erich Fromm bleibt aber nicht bei der kulturkritischen Frage stehen, sondern er verbindet seine Diagnose mit der Frage, wie ein anderes Leben möglich wäre. Der Übergang vom Haben zum Sein verlangt eine Veränderung der Haltung: mehr Achtsamkeit, mehr echte Begegnung, mehr Mut zur inneren Aktivität statt zur passiven Konsumhaltung. Dabei bleibt Fromm realistisch genug, zu sehen, dass diese Veränderung nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich gedacht werden muss.

In der heutigen Zeit, in der wirtschaftliches Wachstum, Konsum und Selbstoptimierung das Lebensgefühl vieler Menschen prägen, wirkt Haben oder Sein erstaunlich aktuell. Seine Unterscheidung zwischen Besitzorientierung und lebendigem Sein bietet einen klaren begrifflichen Schlüssel, um viele Phänomene der Gegenwart zu verstehen – von der Konsumkultur bis zur Suche nach Sinn.

Fromms Stil ist dabei essayistisch und zugänglich. Er verbindet psychologische Beobachtung, philosophische Reflexion und gesellschaftliche Kritik zu einem Gedankengang, der auch ohne akademischen Hintergrund verständlich bleibt, was ihm von akademischen Kreisen oft angelastet wurde und wird. Gerade darin liegt aber die Stärke des Buches: Es will nicht nur erklären, sondern zum Nachdenken über die eigene Lebensweise anregen.

„Die Alternative von Haben oder Sein ist keine abstrakte philosophische Frage, sondern betrifft die praktisch wichtigste Entscheidung unseres Lebens.“ (SVS)

Haben oder Sein ist deshalb mehr als eine theoretische Analyse. Es ist ein Plädoyer für eine andere Form des Menschseins, zu einer Lebensweise, die weniger vom Besitz und mehr von Lebendigkeit, Beziehung und innerer Freiheit geprägt ist. Wer sich mit der Frage beschäftigt, was ein erfülltes Leben ausmacht, wird in diesem Buch einen ebenso klaren wie herausfordernden Gesprächspartner finden.

Lesezeiten: Erich Fromm – Die Furcht vor der Freiheit

(Original: Escape from Freedom, 1941)

Am Anfang von Erich Fromms längst zum Klassiker avancierten Buch Die Furcht vor der Freiheit steht eine einfache Frage, formuliert im Schatten des aufkommenden Faschismus: Warum fliehen Menschen vor der Freiheit, statt sie zu nutzen?

«Unser Ziel ist, zu zeigen, dass die Struktur der modernen Gesellschaft den Menschen gleichzeitig auf zweierlei Weise beeinflusst: Er wird unabhängiger, er verlässt sich mehr aus sich selbst und wird kritischer; er wird aber andererseits auch isolierter, einsamer und stärker von Angst erfüllt.»

In seiner Argumentation geht Fromm historisch vor. Er blickt auf den Menschen der Vormoderne, welcher stark in traditionelle Ordnungen (Familie, Kirche, Stand, Gemeinschaft) eingebunden ist. Diese Bindungen gaben Sicherheit und Orientierung, ließen aber wenig individuelle Freiheit. Mit der Moderne, insbesondere seit der Reformation und der Entwicklung des Kapitalismus, wird der Mensch zunehmend von diesen Bindungen gelöst. Er gewinnt Freiheit, erfährt aber zugleich auch Vereinzelung, Unsicherheit und Angst.

Hier setzt Fromms zentrale These an: Freiheit ist nicht nur Befreiung von äußeren Zwängen, sondern stellt den Menschen auch vor die Aufgabe, sein Leben selbst zu gestalten und Verantwortung zu tragen. Viele Menschen empfinden diese Offenheit als Überforderung uns reagieren mit psychologischen Mechanismen, die Fromm als „Fluchtwege aus der Freiheit“ beschreibt. Er nennt deren drei:

  • Autoritarismus – das Bedürfnis, sich einer starken Autorität zu unterwerfen oder selbst Macht über andere auszuüben.
  • Destruktivität – der Versuch, eine bedrohliche Welt zu zerstören, um sich ihrer Unsicherheit zu entziehen.
  • Konformismus – die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen, bis das eigene Selbst verschwindet.

Hier zeigt sich auch die ungebrochene Aktualität des Buches, wird hier doch sichtbar, wieso sich Menschen autoritären Systemen und politischen Bewegungen zuwenden, weil sie darin die verlorene Sicherheit und Orientierung wieder zu finden hoffen. Nach Fromm erfolgt diese Zuwendung also mehr aus anthropologischen Gründen, denn aus politischer Überzeugung.

Nach Fromm ist echte Freiheit nur dort möglich, wo der Mensch durch Liebe, Kreativität, Arbeit und verantwortliches Handeln ein produktives Verhältnis zur Welt entwickelt. Freiheit bedeutet dann nicht Vereinzelung, sondern eine aktive Beziehung zu anderen Menschen und zur Welt. Zeitweise trägt das Buch deutliche Spuren der Zeit seiner Entstehung, auch wirken gewisse soziologische Verallgemeinerungen stellenweise schematisch. Trotzdem überzeugt sein Kerngedanke: Freiheit ist kein Zustand, der einfach erreicht wird, sondern eine Aufgabe des Menschseins.

«Das einzige Kriterium für die Verwirklichung der Freiheit ist, ob der einzelne Mensch aktiv sein Leben und das der Gesellschaft mitbestimmt oder nicht, und das nicht nur durch den formalen Akt der Wahl, sondern bei seiner täglichen Arbeit und in seinen Beziehungen zu den anderen,»

Fromm erinnert daran, dass Freiheit Mut verlangt, den Mut, ein eigenes Selbst zu entwickeln, statt sich in Anpassung oder Autorität zu flüchten. Gerade in der heutigen Zeit mit ihren vielfältigen Bedrohungen und komplexen Zusammenhängen ist das dringend nötig. Es ist nötig, dass Menschen sich ihrer gemeinsamen Aufgabe der Welt gegenüber erinnern und ihre Freiheit nutzen, in dieser gemeinsam zu handeln.

«Das unveräusserliche Recht des Menschen auf Freiheit und Glück ist in Eigenschaften begründet, die dem Menschen angeboren sind: in seinem Streben zu leben, sich zu entfalten und die in ihm angelegten Möglichkeiten zum Ausdruck zu finden, welche sich im Prozess der historischen Evolution in ihm entwickelt haben.»

Denkzeiten: Vom Anfangen

«Da Menschen… in eine immer schon bestehende Menschenwelt geboren werden, geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, sodass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern, wie sie ihrerseits alle Lebensfäden, mit denen sie innerhalb des Gewebes in Berührung kommen, auf einmalige Weise affiziert.»

Heute denke ich mit Hannah Arendt übers Anfangen nach. Im Buddhismus ist der Anfängergeist die Haltung, mit der wir durch die Welt gehen sollen. Nicht schon alles wissen, sondern die Dinge in ihrem wirklichen Sein neu sehen. Hesse schrieb dem Angfang einen Zauber zu und Aristoteles befand, dass mit dem Anfang schon die Hälfte gemacht sei.

Für Hannah Arendt steht jeder Mensch für einen Anfang. Sein In-die-Welt-Kommen fügt dieser einen neuen Faden im Beziehungsgewebe hinzu, ohne den dieses nie wäre, was es sein kann durch ihn. Es ist nun an uns, diesen Anfang ernst zu nehmen und uns ins Gewebe einzubringen. Ein Gewebe ist nur so stark, wenn die einzelnen Fäden halten und zusammenhalten. Dieses Bewusstsein scheint aktuell zu fehlen. Doch – und das ist das Schöne am Anfangen: Es ist jederzeit möglich. Nicht nur im Grossen, auch im Kleinen. Nicht jeder kann gleich die ganze Welt retten, aber er kann mit seinen Möglichkeiten in seinem Leben und seiner Welt einen Anfang setzen hin zu dem Leben und der Welt, die er sich wünscht.

Aus dem Bücherschrank – Markus Gabriel: Ethische Intelligenz

«Die Künstliche Intelligenz der Zukunft wird nicht wie die Roboter aus Actionfilmen auftreten, sondern wie eine dialogische Atmosphärenmaschine, eingebettet in unseren Alltag, ununterbrochen uns spiegelnd, korrigierend, erweiternd – ein Resonanzmedium unserer inneren und äusseren Welt, dem man sich nicht entziehen kann.»

Markus Gabriel gehört zu jenen Philosophen, die sich nicht damit begnügen, technologische Entwicklungen zu kommentieren, sondern versuchen, sie begrifflich neu zu rahmen. In seinem Essay „Ethische Intelligenz“ unternimmt er genau das: Er verschiebt die Diskussion über künstliche Intelligenz von der Technik zur Ethik – und damit von der Maschinentheorie zum Menschenanliegen.

Aus dieser Perspektive ist für Gabriel die KI-Revolution nicht primär eine technische, sondern eine emotionale und ethische Revolution. Er betrachtet Künstliche Intelligenz nicht als neutrales Werkzeug, sondern als Spiegel menschlicher Praxis. In ihr verdichten sich unsere Werte, Interessen und Verhaltensweisen. Als richtigen Umgang mit ihr sieht Gabriel deswegen weder die Einschränkung derselben oder sie in ihrer Entwicklung ganz den grossen Tech-Konzernen zu überlassen, sondern er ruft dazu auf, sie aktiv zu gestalten – auf Grundlage klarer ethischer Prinzipien.

Hier setzt sein zentraler Begriff an: Ethische Intelligenz. Darunter versteht Gabriel nicht einfach eine moralische Regulierung von Technologie, sondern eine neue Phase der Ko-Evolution von Mensch und Maschine. KI soll weder als Bedrohung noch als Heilsversprechen verstanden werden, sondern als Partner in einem Prozess, der uns zwingt, unsere eigenen moralischen Massstäbe zu reflektieren. Statt einer „Ethik der KI“ plädiert Gabriel daher für eine „Ethik mit KI“ – ein fortlaufendes Gespräch zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz.

Optimistisch ist Gabriels Blick vor allem deshalb, weil er in der Entwicklung moderner Sprachmodelle und neuronaler Netze eine neue Dimension erkennt: KI bewegt sich zunehmend im Bereich des Emotionalen. Viele Menschen suchen heute bereits Rat bei künstlichen Systemen, teilen Sorgen, Zweifel oder alltägliche Probleme. Die digitale Sphäre wird so zu einem neuen Resonanzraum, in dem sich menschliche Selbstverständigung abspielt. In diesem Sinne sieht Gabriel in der KI weniger das Ende des Menschlichen als vielmehr eine Erweiterung unseres Selbstverständnisses.

«KI kann dabei helfen, regionale Unterschiede zu vermitteln, kulturelle Ausdrucksformen zu bewahren, Bildung zu personalisieren, Pflege und Teilhabe zu verbessern, Kunst und Forschung transkulturell zu vernetzen.»

Aus dieser Perspektive entwickelt er auch eine politische Vision. Europa, so Gabriel, habe die Chance, eine „Neue Aufklärung“ einzuleiten: eine technologische Entwicklung, die wirtschaftliche Innovation mit moralischem Fortschritt verbindet. Philosophie, normative Klarheit und interdisziplinäres Denken seien dabei keine akademischen Luxusgüter, sondern zentrale Voraussetzungen für eine verantwortliche Gestaltung der digitalen Zukunft.

Der grosse Reiz des Buches liegt in dieser Perspektiverschiebung. Während viele Debatten über KI zwischen Alarmismus und Technikbegeisterung schwanken, sucht Gabriel einen dritten Weg. Sein Essay lädt dazu ein, künstliche Intelligenz als kulturelle und ethische Herausforderung zu verstehen und nicht nur als technologisches Problem.
Ganz frei von offenen Fragen bleibt der Ansatz allerdings nicht. Wie sich eine ethisch gestaltete KI tatsächlich gegen die wirtschaftliche Macht globaler Technologiekonzerne oder gegen autoritäre politische Systeme durchsetzen soll, bleibt im Buch eher skizzenhaft. Auch die Frage nach den konkreten ethischen Grundlagen einer solchen „Ethischen Intelligenz“ wird eher angedeutet als systematisch ausgearbeitet. Auch zentrale Themen wie Datensicherheit oder die sozialen Folgen digitaler Geschäftsmodelle erscheinen nur am Rand.

«Wenn Daten wertvoll sind, dann nicht als Rohstoff, sondern weil sich in ihnen Werte verbergen, die wir dank der KI methodisch erfassen können. Ethische Intelligenz bedeutet, diese Werte sichtbar zu machen und sie in kooperative Formen des Lebens und damit auch in Geschäftsmodelle zu übersetzen.»

Des Weiteren ist fraglich, ob bei ausbleibender Kontrolle der Verwertung eingegebener Daten wirklich eine Wendung zum moralisch Guten möglich ist, spiegelt doch – was Gabriel ja sagt – die KI die menschliche Natur, wie sie sich zeigt (quasi wenn keiner hinschaut). Da stellt sich dann die alte Frage nach dem Menschenbild. Geht man davon aus, dass der Mensch von Grund auf gut ist, wird das System eine Potenzierung dieses Guten bringen. Im Gegenteil eher nicht.

Dennoch ist „Ethische Intelligenz“ ein anregender philosophischer Beitrag zur KI-Debatte. Gabriel gelingt es, die Diskussion aus dem engen Horizont technischer Machbarkeit zu lösen und sie in einen grösseren kulturellen Zusammenhang zu stellen. Sein Buch liefert keine fertigen Antworten, sondern einen Denkrahmen, der deutlich macht: Die eigentliche Frage der künstlichen Intelligenz lautet nicht, was Maschinen können, sondern was wir als Menschen aus dieser neuen Beziehung machen wollen.

Tagesgedanken: Die Verantwortung der Freiheit

„Die wirtschaftliche und politische Szene ist komplizierter und umfangreicher geworden, als sie früher war, der einzelne ist daher weniger in der Lage, die Dinge zu durchschauen. Auch die Bedrohung, der er sich ausgesetzt sieht, hat zugenommen… Das Gefühl der Ohnmacht wird beim einzelnen auch noch durch das Gespenst eines drohenden Krieges verstärkt.“

Das schrieb Erich Fromm 1941 in seiner Schrift „Die Furcht vor der Freiheit“. Es ist erschreckend, wie aktuell diese Gedanken sind. Seine Analysen des modernen Menschen gelten heute noch wie damals. Viele flüchten sich in Ideologien und unterwerfen sich Autoritäten, um die Verantwortung der Freiheit nicht tragen zu müssen.

Rezension – Pema Chödrön: Wie wir leben, so sterben wir

«Jede positive Energie, die wir uns oder aneren zufliessen lassen, schafft eine Atmosphäre der Liebe und des Mitgefühls, die immer Weitere Kreise zieht – wer weiss, wie weit?»

Nur schon wegen Sätzen wie diesem, lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Aber da ist noch mehr: Pema Chödrön behandelt das Thema, dem keiner von uns entfliehen kann, und das doch selten eines ist, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Dieses Ausblenden des Todes im Alltags ist erstaunlich, weil er doch zu den wenigen Gewissheiten unseres Lebens gehört. Die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön stellt sich dieser Verdrängung bewusst entgegen. Ihr Buch Wie wir leben, so sterben wir lädt dazu ein, den Tod nicht als bedrohlichen Endpunkt zu betrachten, sondern als Teil eines fortwährenden Wandels, der das ganze Leben durchzieht.

«Nicht die Vergänglichkeit bewirkt, dass wir leiden. Wir leiden, weil wir wollen, dass die Dinge dauerhaft sind, obwohl sie es nicht sind.»

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist eine zentrale Einsicht buddhistischer Praxis: Alles ist vergänglich. Nichts bleibt, wie es ist – weder Freude noch Schmerz, weder Begegnungen noch Lebensumstände. Statt diese „grundlegende Bodenlosigkeit“ zu fürchten, schlägt Chödrön vor, sie als Einladung zu verstehen, das Leben wacher und offener zu führen. Wer akzeptiert, dass alles im Fluss ist, kann lernen, sich auch den Übergängen des Lebens – bis hin zum Sterben – ohne Abwehr zuzuwenden.

Das Buch ist in 25 kurze Lektionen gegliedert, die praktische und meditative Zugänge zu dieser Haltung eröffnen. Ein zentraler Gedanke dabei ist, dass der Umgang mit schwierigen Emotionen Teil des Weges ist. Trauer, Wut oder Hoffnungslosigkeit werden nicht als Hindernisse verstanden, sondern als Erfahrungen, die bewusst wahrgenommen und mit Mitgefühl gehalten werden können. In Übungen wie dem „mitfühlenden Verweilen“ zeigt Chödrön Wege auf, wie wir lernen können, unsere Gefühle auszuhalten, statt vor ihnen zu fliehen – eine Haltung, die nach ihrer Auffassung nicht nur zu mehr innerer Verbundenheit führt, sondern auch auf das Sterben vorbereitet.

Im zweiten Teil des Buches wendet sich Chödrön den sogenannten Bardo-Lehren des tibetischen Buddhismus zu – jenen Übergangszuständen zwischen Leben, Tod und Wiedergeburt, wie sie etwa im Tibetischen Totenbuch beschrieben werden. Dabei interpretiert sie diese Lehren nicht nur kosmologisch, sondern auch psychologisch: Die verschiedenen Daseinsbereiche können ebenso als innere Zustände verstanden werden, die wir im Leben immer wieder durchlaufen. Auf diese Weise bleiben ihre Überlegungen auch für Leserinnen und Leser zugänglich, die mit der buddhistischen Vorstellung von Wiedergeburt wenig anfangen können.
Besonders hilfreich sind die konkreten Hinweise zum Umgang mit dem eigenen Sterben und zur Begleitung Sterbender. Ergänzt werden sie durch einen umfangreichen Anhang mit Meditationsanleitungen und übersichtlichen Darstellungen zentraler buddhistischer Konzepte.

Pema Chödrön gelingt es, ein existenziell schweres Thema in einer ruhigen und zugleich ermutigenden Sprache zu behandeln. Ihr Buch ist keine theoretische Abhandlung über Tod und Jenseits, sondern vielmehr eine Einladung zu einer veränderten Haltung gegenüber dem Leben selbst. Wer lernt, die vielen kleinen Abschiede des Alltags anzunehmen, so ihre Botschaft, wird dem großen Abschied eines Tages mit weniger Angst begegnen können.

Wie wir leben, so sterben wir ist damit vor allem ein Buch über das Leben: über die Kunst, Wandel zu akzeptieren, Unsicherheit auszuhalten und dem, was geschieht, mit Offenheit und Mitgefühl zu begegnen. Gerade darin liegt seine stille, aber nachhaltige Kraft.

Tagesgedanken: Wo bleibt das Mitgefühl?

Ich lese aktuell das grossartige Buch von Markus Gabriel, Ethische Intelligenz… Wie KI uns moralisch weiterbringen kann. Er schreibt realistisch, gar nicht pessimistisch, eher hoffnungsvoll und zu richtigem Verhalten motivierend. Und doch ist in mir immer die Frage: Will ich das alles? Kann das klappen? Ich meine: Der Mensch müsste hier was tun.

Ich las über die Rückholungsflüge von Reisenden in Dubai, Katar und anderen. Ich sehe Intervies mit Menschen, die das Bombardement erlebt haben, von Ort zu Ort fuhren, um irgendwie aus der Gefahrenzone zu kommen. Zu teils horrenden Preisen, die die Fluggesellschaften fordern konnten – sie sitzen am längeren Hebel.

Und dann lese ich die Kommentare. Und zweifle. An den Menschen und vor allem an der Mitmenschlichkeit. Ja, ich wäre auch nie in diese Länder gereist, da es absehbar war, dass was passiert. Was wurde ich belächelt. Wie vor dem Krieg in der Ukraine, als ich sagte, es sei eine Frage der Zeit, dass Putin angreift. Spott und Häme kamen über mich. Ich sei überängstlich, sehe zu schwarz. Nein, ich studiere die politische Lage, tue das mit dem Hintergrund eines Studiums in politischer Philosophie, dessen Schwerpunkt immer totalitäre Systeme war. Aber nicht mal darum geht es mir.

Ich lese kommentare, dass es den Menschen eh zu gut gegangen sei, könnten sie sich solche Ferien leisten, lese, dass sich die Schnäppchenjäger nun nicht aufregen sollen, kämen sie an die Kasse. Als ob es einem Menschen recht geschehe, so etwas erleben zu müssen. Als ob es ein Verbrechen sei, sich einen Urlaub zu gönnen. Wer weiss, was dahinter steckt? Ein Traum, ein Wunsch, eine Auszeit von einem schwierigen Leben, was auch immer. Es ist egal. Schlicht egal. Da erlebten Menschen den Albtraum, den man eigentlich niemandem wünschen dürfte und es gibt Menschen, die finden: Sälber schuld.

Ist das so? Nochmals: Ich wäre nie dahin geflogen. Andere taten es. Und es ging bislang gut, worüber ich (aus Gründen) sehr froh bin. Für viele Menschen ging es nun nicht mehr gut. Ich würde mir ein wenig Mitgefühl wünschen. Das wäre die Welt, in der ich gerne leben würde. Eine Welt, in welcher man nicht nach Gelegenheiten sucht, die eigene moralische Überlegenheit wie eine Pradatasche durch die Welt zu tragen, sondern das eigene Herz mitfühlen lässt am Leid anderer.

Und hier schliesst sich der Kreis zu Markus Gabriel. Seine Hoffnung ist, dass wir die KI, welche unser Verhalten spiegelt und daraus eigene Reaktionen ableitet, die sie dann mittlerweile auch schon selbständig wieder einspeisen kann, durch unser ethisches Verhalten selbst „ausbilden“, sprich, sie durch unsere gezeigten und gelebten Werte zu einem ethischen Multiplikator werden lassen. Wenn ich in die Welt schaue, scheitert diese Hoffnung am Menschen. Und das macht mir etwas Sorge.

Tagesgedanken: Dialoge statt Fronten

„Es gibt vielleicht jetzt kein besser geglaubtes Vorurteil als dies: dass man wisse, was eigentlich das Moralische ausmache.“  Friedrich Nietzsche*

Ich lese immer wieder über die steigenden Benzinpreise wegen des Krieges im Nahen Osten. Und dann sitze ich so hier und frage mich, ob das wirklich das grösste Problem an all dem ist? Und ich frage mich weiter, was in Köpfen vorgeht, die das als Argument gegen den Krieg einbringen.

Aber fragen tue ich mich ja sowieso. Wie oft lese ich einen Satz, der einen Krieg klar analysieren und in gut und böse einteilen will. Wie schön wäre es, wenn das Leben so einfach wäre? Hier die Guten, da die Bösen. Aber das scheint die Weltsicht vieler Menschen zu sein. Und sie schreien sie laut in die Welt hinaus und merken nicht, dass sie damit neue Fronten schaffen. Dann haben wir nicht nur Krieg vor Ort, sondern auch in den Köpfen. Die schlagen wir uns gegenseitig ein bei anderer Einordnung.

Wie schön wäre es, wenn wir wieder lernen würden, hinzuschauen, hinzufühlen, zuzuhören, abzuwägen. Wenn wir wieder lernen würden, Dialoge zu führen statt Kriege mit Argumenten, nur dazu gedacht, den anderen zu schlagen, ihn mundtot zu machen, sich zu überhöhen. Weil man ja weiss. Und das absolut und unumstösslich.

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*Friedrich Nietzsche, Morgenröte 132

Aus dem Bücherschrank – Sarah Bakewell: Das Cafe der Existenzialisten


Freiheit, Sein & Aprikosencocktails

«Ich bin meine eigene Freiheit, nicht mehr und nicht weniger.»

Der Mensch erschafft sich erst durch sein Handeln. Er wird nach Sartre in die Welt geworfen und hat es dann in der Hand, sich und sein Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

«Das ist für Sartre die Conditio Humana schlechthin, die Grundbedingung unseres Menschseins von dem Augenblik an, da wir uns unserer selbst bewusst werden, bis zu dem Moment, da der Tod dieses Bewusstsein auslöscht.»

Mit Im Café der Existenzialisten legt Sarah Bakewell keine systematische Einführung in eine philosophische Schule vor, sondern eine intellektuelle Bewegungsgeschichte – erzählt entlang ihrer prägenden Figuren. Im Zentrum stehen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, deren Denken und Leben Bakewell eng miteinander verschränkt darstellt. Von hier aus öffnet sie den Blick auf ein erweitertes Netzwerk von Denkern, Freunden, Rivalen und Weggefährten, darunter Maurice Merleau-Ponty und Albert Camus.

Bakewell zeigt, dass der Existenzialismus nie blosse Theorie war. Er entstand nicht im akademischen Elfenbeinturm, sondern im Gespräch, im politischen Engagement, in persönlichen Krisen und historischen Erschütterungen. Paris, Krieg, Besatzung, Nachkriegszeit – all das bildet den Resonanzraum, in dem die berühmte Formel „Existenz geht der Essenz voraus“ ihre Dringlichkeit erhält. Freiheit ist dementsprechend auch keine abstrakte Kategorie, sondern eine Zumutung.

Gleichzeitig arbeitet Bakewell die philosophischen Voraussetzungen sorgfältig heraus. Sie verweist auf Søren Kierkegaard als existenziellen Vorläufer, auf Edmund Husserl und die Phänomenologie als methodischen Ursprung sowie auf Martin Heidegger, dessen Denken prägend wirkte. Dabei spart sie auch dessen politische Verstrickung in den Nationalsozialismus nicht aus. Gerade hier zeigt sich die Stärke des Buches: Es verklärt nicht, sondern kontextualisiert. Denken ist immer auch biografisch und historisch situiert.

Das Buch ist Einführung, Überblick, Zeitzeugnis und Doppelbiografie zugleich. Sartre und de Beauvoir erscheinen nicht als Denkstatuen, sondern als Menschen mit Ambitionen, Eitelkeiten, politischen Irrtümern und intellektueller Radikalität. Bakewell macht nachvollziehbar, wie eng Lebensführung und Philosophie hier miteinander verwoben sind. Existenzialismus wird zur Haltung: eine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Handeln in einer kontingenten Welt.

Stilistisch verbindet Bakewell erzählerische Leichtigkeit mit gedanklicher Präzision. Sie erklärt philosophische Positionen verständlich, ohne sie zu simplifizieren, und führt zugleich durch ein dichtes Geflecht persönlicher Beziehungen und ideengeschichtlicher Verschiebungen. Wer eine streng systematische Darstellung erwartet, wird sie hier nicht finden. Wer jedoch verstehen will, wie Existenzialismus entstand, wovon er lebte, wie sich seine Er-Denker zerstritten und immer wieder neu politisch positionierten, erhält eine lebendige und kluge Einführung.
So bleibt am Ende weniger ein abgeschlossenes Lehrgebäude als ein Eindruck: Philosophie kann eine Form des Lebens sein – und unter bestimmten historischen Bedingungen sogar eine existenzielle Notwendigkeit.

Tagesgedanken: Die eigene Wahrheit ergründen

„Unsere Wahrheit liegt innen, und dort sind wir souverän. Solange wir diese uralte Wahrheit nicht neu entdecken und zwar jeder für sich und auf seine Weise, sind wir dazu verdammt, umherzuirren und Trost dort zu suchen, wo es keinen gibt – in der Aussenwelt.“ James Bugental

Wenn man sich durch die sozialen Medien scrollt, gibt es, so will es scheinen, nur Menschen, denen alles gelingt, die auf der Welle des Erfolgs reiten, schon beim Aufstehen am Morgen wie aus der neusten Vogue entsprungen aussehen und auch von 0 auf 100 mit bester Laune gesegnet sind, die dann bis Abends anhält. Der Blick auf das eigene Leben zeigt im Vergleich dazu viel Optimierungspotential. Schnell sind die Sätze im Kopf: „Wenn ich nur schlanker wäre, dann wäre alles einfacher.“ Oder: „Wenn ich nur dies oder jenes hätte, dann würde ich das alles auch schaffen.“ Einfach ein wenig sein wie der andere, dann wäre die Welt eine bessere und man selbst in ihr glücklicher.

Was wir dabei vergessen: Wir sind, wer wir sind. Alles, was wir daran verändern im Sinne einer Anpassung an von aussen gegebene Bilder, führt uns vom einzigen Menschen weg, der wir wirklich sein können, hin zu etwas, von dem wir eine blosse Kopie und damit immer auf verlorenem Posten sind. Wer das Original kennt, wird uns immer messen, wer nur uns kennenlernt, wird merken, dass irgendwas nicht echt ist.

Das alles heisst nicht, dass wir nicht zu einer besseren Version unserer selbst werden können, wenn das unser Wunsch ist, nur gibt es dafür nur eine Vorgabe: Uns selbst und das, was in uns angelegt ist. Der Blick muss also nach innen gehen, er muss von der Frage geleitet sein: Wer bin ich und wer will ich wirklich sein? Was sind meine Werte im Leben, woran will ich mich ausrichten. Ich las mal die Frage

„Wer will ich gewesen sein?“

Sie erinnert ich an Kierkegaards Spruch, dass man das Leben nur vorwärts leben, aber im Rückblick verstehen kann. Zu versuchen, die Perspektive von später einzunehmen und quasi zurückzublicken kann helfen, heute so zu sein, wie man gerne in Erinnerung bleiben würde irgendwann. Und vielleicht denkt man zuerst an grosse Erfolge und Schönheit und all die äusseren Merkmale. Nur: Wäre es nicht viel wertvoller, wenn es hiesse:

„Ein toller Mensch – weil er war, wie er war.“

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch ein solcher ist, wenn er es zulässt. Alles, was es dazu braucht, ist in uns angelegt. Wir müssen es nur entfalten.

Aus dem Bücherschrank – Anselm Grün: Im Wandel wachsen


Wie wir freier, authentischer, gelassener und hoffnungsvoller werden können

«Verwandlung bedeutet: ich schaue zurück, aber auch nach vorne. Ich würdige mich und mein Leben, wie ich es bisher gelebt habe. Aber ich spüre: Ich bin noch nicht der oder die, die ich von meinem Wesen her sein könnte. Wandel kann nur geschehen, wenn ich das, was ist, annehme.»

Im Wandel wachsen ist kein Ratgeber im engeren Sinn, sondern ein geistlicher Begleiter durch die unterschiedlichen Phasen und Zumutungen des Lebens. Anselm Grün entfaltet sein Thema entlang zweier großer Bewegungen: den biografischen Entwicklungsstufen und den existenziellen Erschütterungen, die uns widerfahren – und die wir nicht gewählt haben.

Am Anfang stehen die ersten Stationen menschlicher Entwicklung: Geburt, Kindheit, Jugend, Ablösung, Elternschaft, Lebensmitte, das Altern der eigenen Eltern. Diese Phasen erscheinen nicht bloß als chronologische Abfolge, sondern als je eigene „Schulen“ der Reifung. Wachstum ist hier nie spannungsfrei. Ablösung bedeutet Verlust von Geborgenheit; Elternschaft ist zugleich Bindung und Loslassen; die Lebensmitte konfrontiert mit Begrenztheit.

Anselm Grün zeigt auf, dass es dabei nie um Optimierungsprojekte geht, nicht darum, sich neu zu erfinden oder sich permanent zu verbessern. Sein zentrales Motiv lautet vielmehr: Annahme als Voraussetzung von Veränderung. Nur wer sich selbst annimmt – mit Geschichte, Brüchen und Grenzen –, kann wirklich wachsen. Wer sich ändern will, weil er sich ablehnt, bleibt innerlich unfrei.

Das Leben schreitet nicht nur chronologisch von der Kindheit zum Alter, immer wieder konfrontiert es uns auch mit Erfahrungen: Ausgrenzung, Krankheit, Trennung, Begegnungen mit dem Tod, spirituelle Dunkelheit oder gesellschaftliche Umbrüche. All das iegt nicht in unserer Hand, betrifft uns aber oft nachhaltig. Es gilt hier – wie es schon Epiktet tat, zu unterscheiden, worauf wir Einfluss haben und worauf nicht. Wir können nur beim ersten etwas bewirken, hier tragen wir die Verantwortung: Wir entscheiden, wie wir uns in Bezug auf das Leben und seine Zumutungen (im Guten wie im Schlechten) vergalten. Wachstum geschieht dort, wo wir nicht im Widerstand verharren, sondern unsere Reaktion bewusst gestalten.

«Es ist heute eine grosse Chance, dass wir uns im Dialog zwischen Kulturen und Religionen gegenseitig bereichern… Unterschiede sind eine Bereicherung, insofern verschiedene Perspektiven und unterschiedliche Erfahrungen zum Tragen kommen und die Wahrnehmung erweitern.»

Wir sind bei all dem nie allein, sondern in eine Welt eingebettet und von anderen Menschen umgeben. Wachstum ist denn auch kein individualistisches Projekt, sondern immer eingebettet in Beziehung.

Grüns geistliche Perspektive ist bei all dem präsent, aber nicht missionarisch. Gott erscheint weniger als dogmatischer Lehrsatz denn als Vertrauensraum. Das Buch lässt sich daher auch säkular lesen: als Einladung, die eigene Biografie anzunehmen und Krisen nicht nur als Störung, sondern als Möglichkeit zur Vertiefung zu verstehen. Es verbindet Lebenshilfe, spirituelle Deutung und anthropologische Reflexion. Wer eine analytische Gesellschaftsdiagnose sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch Orientierung im persönlichen Wandel sucht, findet ruhige, klärende Impulse.

«Das wäre das Ziel der Verwandlung, mein wahres Selbst zu erkennen und es zu leben.»

Fazit
Im Wandel wachsen plädiert nicht für Selbstoptimierung, sondern für Selbstannahme. Wachstum ist kein Akt der Selbstüberwindung, sondern der Versöhnung mit sich selbst. Gerade darin liegt die befreiende Kraft des Buches: Veränderung wird nicht erzwungen, sondern ermöglicht – durch Annahme, Vertrauen und bewusste Gestaltung der eigenen Haltung.

Aus dem Bücherregal – Niklaus Brantschen: Du bist die Welt

«Religionen sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind menschengemacht. Und da sie in der Zeit des sogenannten Patriarchats entstanden sind, also männerzentriert und hierarchisch strukturiert sind, fallen sie aus der Zeit – buchstäblich.»

Niklaus Brantschens Buch Du bist die Welt beginnt unspektakulär – mit einem Besuch bei seiner Nichte. Sie pflegt einen Kräutergarten, arbeitet naturverbunden und bezeichnet sich unter anderem als Schamanin. Für Brantschen, Jesuit und Zen-Meister, ist das zunächst ein Feld von Projektionen. Schamanismus verbindet er mit gängigen Klischees: Exotik, Trommeln, Ekstase, vielleicht etwas esoterischer Unschärfe.
Gerade von dieser Skepsis aus setzt das Buch an.

«…offen zu sein bedeutet für mich vor allem dies: Ich muss nicht verteidigen, muss nicht rechtfertigen.»

Brantschen unternimmt keine analytische Klärung des Begriffs „Schamanismus“. Er liefert weder eine systematische Definition noch eine historische Einordnung. Sein Zugang ist ein existenzieller: Er will verstehen, was seine Nichte tut. Dafür hinterfragt er immer wieder sich und sein Leben, untersucht Begegnungen, in denen schon angelegt ist, was er nun zu ergründen sucht, nämlich das Leben in und mit der Natur und anderen Menschen in ihrer Vielfalt.

«Wie lebe ich so auf diesem schönen Planeten, dass auch unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen? Wer bin ich, wenn ich ein Teil der Welt bin und die Welt ein Teil von mir? Wenn ich die Welt bin?
Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt.“

Im Zentrum seines Forschens steht nicht die Frage „Was ist Schamanismus?“, sondern: Was haben wir verlernt? Dabei stellt er eine Entfremdung von der Natur – und damit von uns selbst – fest. Vor diesem Hintergrund erscheint ihm der Schamanismus als eine Praxis, die den Menschen wieder in ein Beziehungsgeflecht stellt: mit Pflanzen, Tieren, Elementen, mit anderen Menschen. „Du bist die Welt“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Du stehst ihr nicht gegenüber, du bist Teil ihres lebendigen Zusammenhangs.

Es ist ein gewisses »Etwas«, das man bodenständige, weltoffene Spiritualität nennen kann. Oder interreligiöse Spiritualität. Oder schamanische Lebensweise. Oder man kann es einfach »Leben« nennen. Leben, das alles ein- und nichts ausschließt, das mir als Individuum Sinn gibt, das mich trägt und zu dessen Gelingen ich beitragen darf
Dieses Buch ist eher eine Spurensuche als eine Lehre. Schamanismus wird zu einer Chiffre für eine Lebensweise, die die Natur achtet, ihre Eigenwürde anerkennt und sie gerade deshalb schützen will. In Zeiten ökologischer Krisen gewinnt diese Haltung für Niklaus Brantschen normative Kraft.

Das Buch ist getragen von einer ruhigen, menschlichen Stimme. Nachdem ich Niklaus Brantschen aus vielen Interviews und Gesprächen kenne, sah ich ihn beim Lesen förmlich vor mir. So kam mir das Buch manchmal wie eine Erzählung vor, der ich nur zu gerne folgte.

Fazit
Wer eine Einführung in schamanische Praktiken oder eine ethnologische Abhandlung erwartet, wird enttäuscht sein. Brantschen schreibt als Suchender. Er tastet sich vor, reflektiert eigene Vorurteile, lässt Erfahrungen wirken. Der Text lebt vom Perspektivenwechsel: vom anfänglichen Befremden zur Anerkennung einer spirituellen Intelligenz, die im Umgang mit Natur gründet.

Gerade diese persönliche Anlage macht die Stärke – und zugleich die Begrenzung – des Buches aus. Es argumentiert nicht streng, sondern erzählend. Es überzeugt weniger durch Belege als durch Nachdenklichkeit.
Getragen wird das Ganze durch eine ruhige, schlichte Sprache, welche erzählendes und reflektierendes Beobachten mit spiritueller Einsicht verbindet. Ein wahrlich menschliches Buch, das berührt und zum Nachdenken anregt.