#abcdeslesens – F wie Mascha Kaléko: Die frühen Jahre

Ausgesetzt
In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügel gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.*

Ein trauriges Gedicht, das von der Vertriebenheit, von der Fremdheit spricht. Das lyrische Ich befindet sich an einem Ort, an dem es nicht zu Hause ist, an einem Ort, den es nicht selber gewählt, sondern an welchem es ausgesetzt wurde. Es ist ein düsterer Ort, ein Ort der Dunkelheit, dafür spricht die Nacht. Die Barke deutet darauf hin, dass nicht wirklich auf ein Ziel hin treibt, mastlos, antriebslos liegt sie im Wasser, bis dieses sie an einem Ort an Land spült.

Die Welt selber zeigt sich von ihrer harten Seite mit Regen und Wind. Alle Orte, wo das Ich Zuflucht erhofft, zeigen sich als wenig vertrauenswürdig. Sie geben nach, sie geben nicht den gewünschten Schutz. Es gibt nur eines, was noch hilft: Ein Wunder.

Die Sehnsucht nach diesem Wunder ist gross, und es besteht Hoffnung. Beides wird geschürt, denn es ist alles, was ist in dieser Fremde, in diesem unbekannten Land. Die Fremdheit und die Einsamkeit lassen Kälte aufkommen, nichts ist da, was wärmt.

In dieser Kälte, Dunkelheit und Fremdheit gibt es nur eines, das Zuflucht verspricht: Die Liebe. Sie ist der Hort, sie ist, worauf sich bauen lässt. In der Liebe liegt ein Gefühl von Heimat, von Aufgehoben-Sein.

Erst noch ohne Punkt und Komma gleitet das Gedicht dahin gleich dem Treiben der Barke auf dem Wasser. Dann die Versuche, Schutz zu finden, die Orte als einzelne Zeilen durch Punkte getrennt. Das Fazit, dass es vergebens ist, ebenso abgesetzt. Man spürt förmlich, wie bei jedem Ich eine Stagnation, eine Resignation steht. Es folgen neue, hoffnungsvolle Versuche, fast atemlos über zwei Zeilen hinweg. Und wieder ein Punkt, an dem die Hoffnung stockt, gefolgt von der Bilanz und wohl auch Hoffnungslosigkeit, das Gesuchte, Erhoffte im Aussen zu finden.

Was bleibt, ist die Liebe.

Zur Autorin
Mascha Kaleko war eineVertriebene und Heimatlose. Am 7. Juni 1907 als Tochter eines russischen Vaters und einer österreichischen Mutter in Chrzanow geboren, floh die Familie 1914 vor den Pogromen nach Westen. 1918, der Vater war grad aus Gefangenschaft (in die er wegen seiner russischen Staatsbürgerschaft gekommen war) freigekommen, zog Mascha mit ihren Eltern nach Berlin, wo sich Mascha endlich zu Hause fühlte. Nach der Schule begann sie eine Arbeit im Büro, belegte daneben Abendkurse an der Universität (das gewünschte Studium versagte ihr der Vater) las daneben viel und schrieb Gedichte. Sie heiratete 1928 den Philologen Saul Kaléko, veröffentlichte ein Jahr später erste Gedichte, 1933 ihren ersten Gedichtband und feierte grosse Erfolge, die 1935 ein jähes Ende nahmen, als das Regime ihre jüdische Identität bemerkte.

1935 lernte sie den Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver kennen. Als bald darauf das gemeinsame Kind unterwegs war, wollte sich Mascha scheiden lassen, erst ohne Erfolg, ihr Mann willigte nicht ein. Erst 1938 kam es zur Scheidung, die zweite Hochzeit und die Emigration in die USA. Mascha fühlt sich entwurzelt, vermisst die Sprache. Erst 1955 besucht Mascha erstmals Deutschland. 1960 der nächste Ortswechsel, Mascha und Chemjo ziehen nach Palästine, wieder eine Fremde für Mascha, die ewig Heimatlose. Der Tod des Sohnes 1968 stürzt die beiden Eltern in ein tiefes Loch, Chemjo stirbt nach schwerer Krankheit 1973, lässt Mascha einsam und noch melancholischer zurück. Sie rafft sich nochmals auf, geht auf Reisen nach Deutschland, in die Schweiz, wo sie 1975 stirbt.


*

[1] Zit. nach „Die paar leuchtenden Jahre“ © 2003 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München Suchergebnis | dtv

Volker Weidermann: Ostende

1936, Sommer einer Freundschaft

«Er war 53 und weltberühmt. Ja, berühmt, aber auch scheu und in neuen Lebenssituationen und unter vielen Menschen seltsam ungelenk, nie wirklich selbstsicher. Stefan Zweig war ein suchender Mensch, immer auch auf der Suche nach dem ruhenden Pol in sich selbst, nach Selbstgewissheit.»

 Im Sommer 1936 zieht es Stefan Zweig nach Ostende. Er will arbeiten, in Ruhe, Ruhe haben von seiner Frau, mit der er schon lange nicht mehr glücklich ist, Ruhe haben von dem, was zu Hause abgeht politisch. Er schreibt an seine Sekretärin und Geliebte, Lotte Altmann nach London, sie solle mitsamt ihrer Schreibmaschine nach Ostende kommen. Sie würden da einfach leben. Es ist nicht das erste Mal, dass Stefan Zweig in Ostende ist, es ist ein sicherer Wert, er weiss, wer und was ihn da erwartet: Viele seiner Schriftstellerkollegen und Freunde, die wie er auf der Flucht sind vor einem Regime in einem Land, das das ihre nicht mehr sein kann, weil ihre Bücher da nicht mehr erscheinen dürfen: Joseph Roth, Irmgard Keun, Hermann Kesten, Ernst Toller, Egon Erwin Kisch.

«Jetzt sind sie Menschen auf der Flucht in einer Urlaubswelt.»

Besonders mit Joseph Roth verbindet Stefan Zweig eine enge Freundschaft – eigentlich mehr als das. Es ist eine grosse Bewunderung für dessen Schaffen, das er aber am Alkohol zugrunde gehen sieht; und Roth damit. Der jüngere Freund, dem Alkohol durchaus zugetan, steht finanziell und gesundheitlich immer am Abgrund, ist auf die Hilfe seines brüderlichen Freundes angewiesen, kann sie aber doch nicht ganz annehmen, da er sich für die Abhängigkeit schämt und sich nicht unterlegen zeigen will.

Roth trifft in Ostende auf Irmgard Keun, es ist der Beginn einer zweijährigen Beziehung, welche neben der grossen Liebe (Roth ist wohl Keuns grösste Liebe in ihrem Leben) aus Schreiben und Trinken besteht, die beiden sind in beidem sehr fleissig.

Volker Weidermann ist ein wunderbares Porträt der Schriftsteller auf der Flucht gelungen. Mit feinem Blick, zielsicherer Sprache und genügend Wissen, die Inhalte auf leichte Art zu erzählen malt er ein Bild einer Oase in der Zeit, welche einerseits die Wunden durchscheinen lässt, andererseits die Kompensationsstrategien der Einzelnen aufzeigt – und dies ohne moralinsaure Stimme, ohne abschätzigen Ton, ohne zu stark zu Psychologisieren.

Persönlicher Bezug
Stefan Zweig war meine erste grosse Liebe in der Welt der grossen Literatur. Liebte ich ihn in der Jugend vorbehaltslos, kam im Zuge meines Studiums durchaus ein kritischer Blick auf ihn, die Überfülle des Adjektivgebrauchs, die teilweise doch sehr überschwängliche, blumige, sentimentale Herangehensweise an seine Stoffe, entsprachen durchwegs nicht ganz dem, was ich als grosse Literatur im strengen Sinne bezeichnen wollte, und doch war da etwas eigentümlich Packendes in seinen Darstellungen sowohl von Menschen als auch von Zeiten. Es gelang Stefan Zweig immer wieder, sowohl die Menschen authentisch und erfahrbar zu präsentieren, und die Zeiten plastisch werden zu lassen. Und durch Zeit und Mensch schien immer etwas durch: Stefan Zweig selber.

Als ich dann auch noch auf seine Gedichte stiess, die mich sehr berührten und einnahmen, war die Liebe wieder intakt. Es war schon von daher ein Muss, dieses Buch zu lesen. Aber es gab noch mehr Gründe:

Irmgard Keun ist eine in meinen Augen viel zu wenig beachtete Schriftstellerin. Die kecke Art, auf eine vordergründig naive Weise von den Zuständen im Dritten Reich zu schreiben, dabei aber tief in die Abgründe zu stossen und diese sichtbar zu machen, beläufig und doch nicht als Nebenschauplatz, ist grossartig. Und nicht zuletzt schätze ich Volker Weidermann für sein Wissen, für seine Art, dieses auf gut nachvollziehbare und unterhaltsame Weise zu Papier zu bringen, so dass jedes Buch nicht nur informativ, sondern auch eine grosse Lesefreude ist.

Fazit
Ein grossartiges Buch über die Geschichte einiger Schriftsteller auf der Flucht, das mit viel Hintergrundwissen, Menschlichkeit und einem gut lesbaren Erzählfluss aufwartet. Eine ganz grosse Leseempfehlung.

Zum Autor
Volker Weidermann, geboren 1969 in Darmstadt, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er war Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ist seit 2015 Autor beim SPIEGEL und war Gastgeber des »Literarischen Quartetts« im ZDF. Zuletzt erschien von ihm »Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft«, »Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen« und »Das Duell. Die Geschichte von Günther Grass und Marcel Reich-Ranicki«.

Angaben zum Buch
Taschenbuch: 160 Seiten
Verlag: btb Verlag (10. August 2015)
ISBN: 978-3442748914
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

#abcdeslesens – E wie Ein alter Tibetteppich (Else Lasker-Schüler)

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange bunt geknüpfte Zeiten schon.

Dieses Gedicht (geschrieben 1906, erschienen 1910) ist wohl eines der schönsten von Else Lasker-Schüler und es trägt in sich all das, was ihre Poesie so herausragend, so einzigartig macht. Schon die ersten beiden Zeilen sind sinnbildlich für ihr Schreiben und ihre Fähigkeit, durch Worterfindungen neue Bedeutungsebenen zu machen, welche in einem Bild daherkommen, das die Sprache übersteigt. Ebenfalls typisch ist das orientalisch-exotisch Anmutende und die Symbolsprache.

Formal haben wir vier Verse, dreimal zwei Zeilen, einmal drei, alles im Trochäus mit ansteigender Zahl der Hebungen. Der Reim ist paarweise, bis auf den letzten Vers, da ist quasi ein Störfaktor durch die mittlere Zeile, welche sich nicht wirklich reimt, man könnte höchstens eine Assonanz anbringen. Zufall? Nein, da wusste eine Dichterin ganz genau, was sie tut, dazu später mehr. Das soll auch genügen als Formanalyse.  

Zwei liebende Seelen, die miteinander verbunden sind. Schon das Bild des Tibetteppichs mit den Seelen als Fäden wäre grossartig, durch die Umstellung des Worts wurde aus dem Teppich ein ganzes Land, quasi eine neue Welt nur für die beiden Liebenden. Damit verlässt Else Lasker-Schüler das Bild des Teppichs, sucht neue Metaphern und Symbole, um die Liebe auszudrücken. Aus Fäden werden Strahlen, Farben bringen sich ein, der Sternenhimmel wird dazu genommen, alles, um immer wieder das gleiche Bild zu beschwören: Zwei Seelen, die miteinander verbunden sind. Die Sprache kann es allein nicht ausdrücken, es braucht Bilder.

Im nächsten Vers kehrt Else Lasker-Schüler zum Teppich zurück, nun ist er die Grundlage, auf welcher die Liebenden stehen. Nicht nur im Moment, sondern «maschentausendabertausendweit» – ein Bild der Unendlichkeit. Daraus spricht der Wunsch, dass die Liebe halten möge, ein Wunsch, den Else Lasker-Schüler zeitlebens hatte, der ihr aber nie erfüllt werden sollte. Sie war eine ewig nach Liebe suchende, sie sich Ersehnende, aber sie nie wirklich auf Dauer Findende.

Der vierte Vers bringt nochmals eine neue Symbolsprache. Mit dem Lamasohn wird quasi ein Prinz angesprochen – landläufig gilt der Lama als Oberhaupt einer buddhistischen Schule, was nicht stimmt, aber dem Bild keinen Abbruch tut. Da die Erbfolge durch Wiedergeburt funktioniert, könnte man den Nachkommen als Sohn bezeichnen. Moschus wiederum wurde früher als Sexuallockstoff eingesetzt. Hier kommt zur seelischen Ebene die körperliche dazu. Und dann der oben erwähnte Reim-Bruch. Die mittlere Zeile des vierten Verses stört das Reimmass. Hier schweift Else Lasker-Schüler ab, sie geht vom Beschrieben der Verbundenheit hin zur Hoffnung und auch Angst: Wie lange wird das dauern? Und wie lange hält das schon an?

Man hätte sich diese Interpretation wahrlich leicht machen können: Da schreibt eine über ein lyrisches Ich, das durchaus autobiographisch zu werten ist, wie so vieles in Lasker-Schülers Lyrik, das sich Liebe wünscht, sie sucht, sie findet, und zu verlieren befürchtet. Aber die Bilder, welche sie zum Aufzeigen dieser Verbundenheit durch die Liebe wählt, sie sind grossartig. Und drum sind Analysen teilweise so toll: Man geht nicht einfach mit dem Gefühl «Ist das schön» über ein Gedicht hinweg. Man schaut hin und merkt, wieso es so schön ist. Ab und an hilft das, zu erkennen, was man selber gerne hätte. Und wieso. Man lernt, hinzuschauen. Dafür danke ich der Lyrik und dafür mag ich so grossartige Dichterinnen wie Else Lasker-Schüler. Sie lehren einen das Sehen.

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in ELbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor.  Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.


Edgar Rai: Ascona

Inhalt
Anfang der 1930er-Jahre flieht Erich Maria Remarque aus Berlin in sein Haus in Ascona. Der Autor, der mit seinem Buch «Im Westen nichts Neues» grosse Erfolge feierte, fühlt sich in Deutschland nicht mehr sicher und hatte ein gutes Timing: Am Tag nach seiner Flucht wird Hitler zum Reichskanzler ernannt und wenig später landen Remarques Bücher im Feuer.

«Hier saßen sie, am Lago Maggiore, während ihr Land in einem Strudel aus Willkür und Gewalt versank. Ohnmacht war ein quälender Zustand.»

Erich Maria Remarque ist nicht der einzige in Ascona, mit ihm finden sich 1933 eine ganze Reihe in Deutschland nicht mehr gewünschter Künstler ein, unter anderem Else Lasker-Schüler, Marianne von Werefkin, Ernst Toller oder Emil Ludwig.

Er selbst würde immer ein Hineingeworfener bleiben, trotz seines Erfolgs, seiner Villa, des Autos und der Kaschmirschals. So teuer konnten die Zigarren und der Wein nicht sein, dass die Thomas Manns und Bertold Brechts dieser Welt ihn nicht dahinter erkannt hätten. Alles Staffage.

Remarque leidet an der Zeit, an Selbstzweifeln und unter seinem blockierten Schreiben, er ertränkt sein Leiden im Alkohol, treibt Raubbau mit seinem Körper, flüchtet sich in Liebschaften, die ihm dann doch wieder zu eng werden. Als auch noch seine Exfrau in Ascona auftaucht, wird alles noch komplizierter. Dann trifft er die eine Frau, in die er seine Hoffnungen setzt, obwohl sie teilweise innerlich wie äußerlich viel zu weit weg scheint. Als die Lage sich in ganz Europa zuspitzt, ist sie es, die ihn aus seinem Schweizer Exil holt.

Zum Buch
Anhand von Erich Maria Remarques Biografie wird in «Ascona» das Bild einer Zeit wieder lebendig, die wohl als die schwärzeste unserer hiesigen Welt bezeichnet werden darf. Wir treffen zusammen mit Remarque auf eine ganze Reihe namhafter Persönlichkeiten, die alle ihre Heimat verloren haben und im Exil zwischen Verzweiflung, Ohnmacht und Hoffnung schwanken, wobei jeder für sich anders damit umgeht.

Edgar Rai ist es gelungen, sowohl Remarque als auch das Leben im Exil auf anschauliche, authentische, eindrückliche Weise zu schildern, die sowohl kompetent recherchiert und doch flüssig zu lesen ist. Es ist ihm gelungen, das Zeitzeugnis als unterhaltsame, mitreißende, betroffen machende und einnehmende Weise zu erzählen. Zudem weckt das Buch den großen Wunsch, mehr über die Zeit und die in der Geschichte spielenden Figuren zu erfahren.

«Er liebte seine Künstlereinsamkeit, doch sobald er sich in sie hineingab, krochen die Dämonen aus den Ecken. Aber nur dann war er gut. Er musste in Gefahr schweben, wenn er verstehen wollte, worum es ihm bei Schreiben wirklich ging.»

«Ascona» ist aber nicht nur die Geschichte einer Zeit, es ist auch die Geschichte von Remarques Schreiben, mit allen Kämpfen, die damit zusammenhingen. Es ist die Geschichte der Entstehung seines Romans «Drei Kameraden», die Geschichte um das Ringen mit der Geschichte und mit sich selbst.

„Arbeiten, das sollte er! Das Schaffen im Exil war ja auch immer ein Akt der Selbstbehauptung.“

Persönliche Einschätzung
Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Wollte ich es erst noch neben anderen Büchern und in kleinen Etappen lesen, musste ich alles andere bald zur Seite legen und mich nur noch diesem Buch widmen. Einerseits liegt das sicher daran, dass mich diese Zeit und alles damit Zusammenhängende interessiert und ich generell Künstlerbiographien, vor allem solche von Schriftstellern, liebe. Andererseits liegt es aber auch an der wirklich großartigen Erzählleistung von Edgar Rai.

Es finden sich in diesem Buch immer wieder wunderbare Sätze, die fast poetisch anmuten. Dabei wirken diese aber nie deplatziert, gekünstelt oder irgendwie unpassend, sondern sie machen das Buch zu einer noch größeren Freude für den Leser. Hier nur ein Beispiel:

„…der See flirrte als blaue Ahnung durch das Grün.“

Fazit
Eine sehr intensive Geschichte um einen in Depressionen und Alkohol versunkenen Schriftsteller, die das Leiden an der Zeit sowie das Kämpfen ums eigene Überleben in derselben auf plastische, sprachlich hochstehende und trotzdem lesbare Weise erzählt. Ganz große Leseempfehlung.

Zum Autor
Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, studierte Musikwissenschaften und Anglistik. Von 2003 bis 2008 war er Dozent für Kreatives Schreiben an der FU-Berlin. Seit 2012 ist er Mitinhaber der literarischen Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. Mit seinem Bestseller »Nächsten Sommer« (2010) gelang ihm der Durchbruch als Autor. Außerdem erschienen »Die fetten Jahre sind vorbei« (Roman zum Film von Hans Weingartner 2004) ), »Vaterliebe« (Roman, 2008), »Salto Rückwärts« (Roman, 2010), »88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht« (Sachbuch zus. mit Hans Rath, 2011), »Sonnenwende« (Roman, 2011), »Wenn nicht, dann jetzt« (Roman, 2012) sowie zuletzt »Die Gottespartitur« (2014) und »Halbschwergewicht« (2018). Als Autorenduo zusammen mit Hans Rath entwickelte er die Kriminalromanreihe »Bullenbrüder«, zu denen die beiden auch die Drehbücher verfasst haben. Außerdem legte Edgar Rai unter dem Pseudonym Leon Morell den Bestseller »Der sixtinische Himmel« vor. Er lebt mit seiner Frau, der Übersetzerin Amelie Thoma, und den gemeinsamen Kindern in Berlin.

Ein Interview mit dem Autor findet sich HIER

Angaben zum Buch
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Herausgeber: ‎ Piper; 2. Edition (29. Juli 2021)
Übersetzung: Sabine Leopold
ISBN: 978-3492070683

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Auftanken

Die Möwe fliegt mit weiter Spanne, zieht
in Kreisen übers Meer. Mit heis’rem Ruf,
der um sich greift, durchschweifend Raum und Zeit,
im Wolkenweit des Himmelsfelds; und wer

ihr mit dem Blicke folgt weit übers Meer,
verliert sich hinterm Horizont und kommt
dann wieder her. Er zieht ganz einem Engel
gleich und lässt zurück das Erdenschwer.

So ziehen oft Gedanken auch in ferne
Welten weit hinweg, verlassen diese
schwere Zeit und suchen einen Hort,

wo sie sich tief geborgen fühlen, Frieden
finden für sich selbst; wo sie vom Trubel
Zuflucht suchen, einen Heimatort.

©Sandra von Siebenthal

Felicity Ward: Sag mir, wer ich bin

Ihre ersten Worte waren: „Ich wusste, dass ich in Paris sterben würde. Ich wusste es schon, als ich herkam.“
„Aber sie sind nicht gestorben“, erwiderte der Arzt. „Sie sind am Leben und werden wieder ganz gesund.“

Inhalt
Mehr tot als lebendig in ein Pariser Krankenhaus eingeliefert, weiss Sally, als sie aufwacht, nichts mehr: Nicht, wer sie ist, nicht, wo sie wohnt, nicht, was ihr passiert ist. Langsam kehren die wichtigsten Erinnerungen zurück, so erinnert sie sich bald an ihren Namen, ihre Herkunft, dass sie ein Mann im Cafe angesprochen, belästigt, danach verfolgt und zu sich nach Hause gebracht hat, wo es zu den grausamen Misshandlungen gekommen ist. Andere Lücken bleiben hartnäckig: Wie sah der Mann aus, wie kam sie in sein Auto, wie ins Spital?

Sally kehrt nach Hause, nach Montreal zurück und richtet sich langsam in einem Leben ein, welches von vielen Ängsten geprägt ist: Sally kann nicht in kleinen Räumen sein, allein ins Cafe gehen, meidet Männer mehrheitlich, kann nicht allein auf die Strasse – und vieles mehr. Ihr Patenonkel Carson nimmt sich schliesslich ihr an, setzt alles daran, ihre Blockaden zu überwinden, was teilweise auch gelingt. Die beiden heiraten und man könnte Sally fast als glücklich bezeichnen – bis eine schicksalshafte Begegnung dieses Glück und Sally als Menschen ins Wanken bringt. Das kann kein gutes Ende nehmen.

Zum Buch
«Sag mir, wer ich bin» ist die Geschichte einer Frau, die durch ein Erlebnis in jungen Jahren tief traumatisiert ist und die es kaum schafft, in ein normales Leben zurückzufinden. Es ist eine Geschichte über Angst, Hass und Rache, eine Geschichte über die Prägungen im Leben und unser Ausgeliefertsein.

«Weil dies eine Geschichte ist, möchte ich sie nicht mit einem Vorwort belasten, doch irgendetwas in der Art scheint mir nötig zu sein, denn es handelt sich um einen Roman über Kanada.»

Felicity Ward hat der Geschichte ein sehr ausführliches Vorwort zur Lage Kanadas und dem schwierigen Verhältnis der französischsprachigen und englischsprachigen Bevölkerung vorangestellt, welches politisch interessierte Menschen sicher interessiert, der Geschichte aber keinen Mehrwert gibt. Zwar spielt das Thema am Rande mit, ist aber auch in der Geschichte nicht wirklich relevant.

Persönliche Einschätzung
Ein Buch, das mich sehr ambivalent zurückgelassen hat. Einerseits behandelt es ein wichtiges Thema, welches viel zu sehr als Tabu behandelt und mit Schweigen bedacht wird. Es ist wichtig, zu zeigen, dass ein Übergriff auf eine (junge) Frau nicht einfach mit dem Vorfall beendet ist, sondern seine Spuren im Leben hinterlässt und mitunter zu einem lebenslangen Leiden führen kann. Auch ist es Felicity Ward gelungen, zu zeigen, dass die Folgen oft nicht nur für die betroffene Person, sondern für deren ganzes Umfeld zu einem das Leben immer wieder prägenden Thema wird.

Auf der anderen Seite wurde ich mit der Protagonistin nicht warm. Obwohl diese in der Geschichte viele Jahre begleitet wurde, war keine Entwicklung feststellbar, sie blieb immer ein junges Mädchen in ihrem Verhalten. In einer fast schon als pubertär zu bezeichnenden Trotzigkeit brachte sich Sally so immer wieder in Situationen, mit denen sie nicht umgehen konnte, die sie in durchaus vermeidbare Schwierigkeiten brachten, in welche sie dann ihr Umfeld involvierte und gleich darauf auch wieder vor den Kopf stiess.

Dass sie auch jegliche professionelle Hilfe ausschlug, sich in ihrem Opferdasein des Lebens praktisch einrichtete, wirkte auf die Dauer wenig nachvollziehbar, selbst wenn man zugesteht, dass verschiedene Menschen unterschiedlich mit einer solchen Geschichte umgehen, das also ein Weise sein könnte.

Die schicksalshafte Begegnung und deren Folgen könnte man als spannendes Katz- und Maus-Spiel bezeichnen, was es auch wurde, allerdings kam bei mir keine Spannung, sondern nur noch mehr Unverständnis auf. Vermutlich auch aus diesem Grund zog sich das Buch für mich nur noch in die Länge.

Das Buch hat mich trotz einiger guter Ansätze und einem wichtigen Thema nicht wirklich überzeugen können, was aber ein anderer Leser durchaus anders empfinden kann.

Fazit
Die Geschichte einer misshandelten und schwer traumatisierten Frau, die versucht, sich wieder im Leben einzurichten. Ein wichtiges Thema, leider auf eine mich nicht überzeugende Weise erzählt.

Zur Autorin
Felicity Ward, geb. 1945, verbrachte die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Montreal, wo sie noch heute Verwandtschaft hat. Sie lebte an vielen verschiedenen Orten der Welt, bevor sie sich endgültig in Frankreich niederließ. Bis heute kehrt sie in regelmäßigen Abständen in ihre Heimat Montreal zurück. Sie war zweimal verheiratet und hat Kinder aus beiden Ehen.

Angaben zum Buch
Gebundene Ausgabe: 328 Seiten
Herausgeber: Europa Verlag; 1. Edition (29. Juli 2021)
Übersetzung: Sabine Leopold
ISBN: 978-3958904057

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

#abcdeslesens – D wie Du bist wie eine Blume (Heinrich Heine)

Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein;
Ich schau dich an, und Wehmut
Schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt,
Betend, dass Gott dich erhalte
So rein und schön und hold.

Da ist dieses lyrische Ich, das ein Du gefunden hat und es schön findet – schön wie eine Blume. Und nicht nur das: Schön und hold und rein. In damaliger Zeit sind das alle gewünschten Tugenden einer anzubetenden Frau. Man würde denken, das wäre Glück pur für dieses Ich – aber weit gefehlt. Er (ich gehe hier von der Zeit und dem Leben des Dichters aus und möchte keine anderen Möglichkeiten aus irgendwelchen anderen Gründen ausschliessen) schaut sie an und spürt nicht Glück, sondern Wehmut.

War da noch erst dieses Schwärmen ob der Vollkommenheit, schleicht – quasi durch die Hintertür – ein Pfeil ein und dringt mitten ins Herz. Ihm wird die Vergänglichkeit bewusst. Und er möchte sie schützen. Ihr die Hände aufs Haupt legen und zu beten anfangen. Im Wissen, dass die Welt ist, wie sie ist, und es schafft, fast jeden zu verderben. Das, dies der Wunsch des lyrischen Ich, soll nicht das Schicksal dieser schönen Blume sein. Er möchte das abwenden.

Nun sind das in der Tat keine wirklich neuen Erkenntnisse, dass Lieben enden können, wusste man schon vor Heine, dass Menschen auf Abwege geraten können, ebenfalls, dass die Welt nicht einfach schön, sondern eher grausam ist, war auch kein Novum. Und: Heine wurde nie müde, all das Schwarze, Schwere, Hässliche zu benennen. Dies meist in derben, klaren, harten Worten. Dieses Gedicht mutet dagegen harmlos und sanft an. Und es besticht in einer Zartheit, die eigentlich nicht typisch für Heine ist. Egal! Es ist schön, es ist tief, es ist wahr, es besteht auch nach mehrfachem Wiederlesen immer wieder.

Zum Autor
Harry Heine, wie er mit Geburtsname hiess, wurde am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und dessen Frau geboren. Nach einem Ausflug in die Bankenwelt beginnt er ein Studium der Rechtswissenschaft, publiziert schon da Gedichte, promoviert, konvertiert zum Christentum für bessere Berufschancen – vergeblich. Er wender sich dann der Literatur zu, schreibt zwar auch Feuilletons, politische Betrachtungen und Reiseberichte, bis heute bekannt ist er aber für seine Gedichte. Auch in diesen ist seine Kritik an den sozialen und politischen Verhältnisse immer wieder präsent, überhaupt göänzt er oft durch Scharfzüngigkeit, welche bis zur Bösartigkeit werden kann. Zu seinen bekanntesten Werken zählen wohl «Das Buch der Lieder» und «Deutschland. Ein Wintermärchen». Heine stirbt am 17. Februar 1856 in Paris.

Mascha Kaléko: Blatt im Wind

Lass mich das Pochen deines Herzens spüren,
Daß ich nicht höre, wie das meine schlägt.
Tu vor mir auf all die geheimen Türen,
Da sich ein Riegel vor die meinen legt.

Ich kann es, Liebster, nicht im Wort bekennen,
Und meine Tränen bleiben ungeweint,
Die Macht, die uns von Anbeginn vereint,
Wird uns am letzten aller Tage trennen.

All meinen Schmerz ertränke ich in Küssen.
All mein Geheimnis trag ich wie ein Kind.
Ich bin ein Blatt, zu früh vom Baum gerissen.

Ob alle Liebenden so einsam sind?

Schon der Titel weist darauf hin, dass hier jemand ist, der herumgeworfen wird durch eine grössere Macht, durch etwas, das dieses Ich bewegen kann. Es folgt gleich in der ersten Zeile eine Bitte: «Lass mich das Pochen deines Herzens spüren.» Dieses Pochen soll vom eigenen ablenken, welches sich gerade in Angst befindet. Man kennt das ja, wenn die Angst das Herz bis zum Hals schlagen lässt, es schlägt schneller, lauter, treibt die Angst gerade nochmals an.

Das Ich vermisst die Offenheit der Welt, des Blicks, da es selber Riegel vorgelegt hat. Wohl aus Angst, dass die eigenen Gedanken überborden, vielleicht auch in der Hoffnung, so bewahren zu können, was ist. Nun aber bittet es das Du, die Türen aufzutun, da es vermutlich auf die Türen des Du mehr vertraut als auf die eigenen.

Das Ich kann nicht sagen, was genau in ihm vor sich geht, es unterdrückt die Tränen, um sich nicht in seiner Angst mitzuteilen. Doch dann wird die Angst formuliert: Das Schicksal kann tun und lassen, was es will. Zwar hat es dem Ich eine Liebe geschenkt, doch kann es diese auch sofort wieder nehmen. Der Schmerz über diesen Gedanken ist gross, das Ich versucht, sich mit Küssen davon abzulenken – es gelingt wohl nicht, sonst gäbe es dieses Gedicht nicht. Das Geheimnis wird tief drin verschlossen, es soll nicht nach aussen dringen.

Nun kommt ein neues Bild, in nur einer Zeile, doch dieses Bild erklärt die ganze Angst und ihren Boden: Das Ich ist ein Blatt, das zu früh vom Baum gerissen wurde. Es fehlen ihm noch die letzten Tage Kraft, die es am Baum hätte tanken können. Dem Ich (und man darf es hier wohl mit der Autorin gleichsetzen, da Mascha Kaléko immer wieder ihr eigenes Leben in ihre Gedichte verwob) fehlt wohl das Urvertrauen in das eigene Sein, in die Beständigkeit, weil es nicht lange genug in Ruhe wachsen konnte, sondern immer auf der Flucht war – schon von Kindesbeinen an.

Trotz allem fand dieses Ich ein Du, eine Liebe, vom Schicksal geschenkt, ängstigt sich nun vor dessen erneutem Zuschlagen, indem es diese wieder nimmt. Und das Ich verschliesst sich, nimmt sich so also schon während der noch dauernden Zweisamkeit in die Einsamkeit zurück. Und fragt sich: Kennen andere das auch?

Ein melancholisches Gedicht, ein Liebesgedicht, aus dem viel Angst, Trauer und Einsamkeit spricht. Und doch auch ein tröstliches Gedicht für all die, welche genau das auch kennen und beim Lesen merken, dass sie nicht allein sind damit. Und oft braucht es auch einen Anstoss von aussen – zum Beispiel dieses Gedicht -, um das eigene Verhalten zu erkennen und es vielleicht auch ändern zu können. Man kann die Gedanken vielleicht nicht immer ganz ausschalten, aber gerade dann kann ein Mitteilen etwas (noch mehr) Verbindendes haben, das dann wiederum die Liebe zusätzlich stützt – und vielleicht dadurch auch die bösen Gedanken ausräumt. 

#abcdeslesens – Else Lasker-Schüler: Chaos

Die Sterne fliehen schreckensbleich
Vom Himmel meiner Einsamkeit,
Und das schwarze Auge der Mitternacht
Starrt näher und näher.

Ich finde mich nicht wieder
In dieser Todverlassenheit!
Mir ist: ich lieg’ von mir weltenweit
Zwischen grauer Nacht der Urangst…

Ich wollte, ein Schmerzen rege sich
Und stürze mich grausam nieder
Und riss mich jäh an mich!
Und es lege eine Schöpferlust
Mich wieder in meine Heimat
Unter der Mutterbrust.

Meine Mutterheimat ist seelenleer,
Es blühen dort keine Rosen
Im warmen Odem mehr. –
…Möchte einen Herzallerliebsten haben!
Und mich in sein Fleisch vergraben.

Die ersten zwei Zeilen offenbaren eigentlich alles. Die Einsamkeit tropft förmlich aus ihnen. Nicht nur ist keiner da, auch die Sterne ziehen sich zurück. In den nächsten Zeilen senkt sich das Dunkel. Es kommt näher und näher, erdrückt förmlich.

Als wäre das nicht genug, doppelt die nächste Strophe nach: Nicht nur ist da keiner, sich selber hat sich die Einsame auch verloren. Was für eine schöne Wortschöpfung: Todverlassenheit. Wo wäre man mehr allein als im Tod? Man ist gegangen, während die anderen bleiben. Und so sitzt sie nun in der sternengeflohenen dunklen Nacht. Und findet nicht mal mehr sich selber. Als ob das nicht genug wäre, kommt nun auch noch die Angst dazu. Die Urangst ist immer die vor dem Tod. Auf sie greifen alle anderen Ängste zurück.

Was kann da noch helfen? Man findet sich selber nicht mehr, man hat keinen Menschen mehr… der eigene Schmerz. Er führt einen immer zu sich zurück. Wenn man gar nichts mehr fühlt, hilft der Schmerz zu zeigen, dass man noch lebt. Heute würde man das Borderline nennen, Else Lasker-Schüler machte aus diesem Gefühl ein Gedicht. Sie möchte den aufweckenden Schmerz spüren, der sie sich wieder näher brächte. Egal wie grausam, die Gefühllosigkeit, das sich selber nicht mehr Spüren scheint grausamer. Der Wunsch, zurückzukehren in den Mutterschoss, als sie noch geborgen und nichts ausgeliefert war, folgt sogleich. Hier spielt ein autobiographischer Teil mit: Der Tod der Mutter bedeutete für Else Lasker-Schüler das Ende einer Welt, die sie bislang die ihre fand. Haltlosigkeit bieb zurück. Der Garten ist quasi verdorrt, keine Rose blüht mehr, das Leben ist ausgehaucht.

Aus diesem Gefühl heraus kommt die Sehnsucht nach Liebe. Wenn es nur einen Herzallerliebsten gäbe, in den man sich – dem Mutterschoss gleich -eingraben könnte. Geborgen wäre, aufgehoben. Leider hat Else Lasker-Schüler eine solche Liebe nie kennenlernen dürfen. Sie war eine ewig nach Liebe suchende, eine verzweifelt lieben und geliebt werden Wollende. Wäre es anders gewesen, wären uns wohl ganz viele Gedichte entgangen. Aber der Preis war hoch. Für sie selber wohl zu hoch. Sie starb schliesslich auch an einem Herzanfall. Ob dieser auf ein gebrochenes Herz zurückzuführen sei, wäre Spekulation, vielleicht ein wenig an plakativ klingend, aber wohl durchaus in ihrem Sinne.

Was aber hat es nun mit dem Titel auf sich? Wo ist das Chaos? Es ist die verkehrte Welt, in welcher Schmerz plötzlich gewünscht ist, weil das Gefühl nicht mehr da ist. Damit haben die Lebensum- und zustände veränderte Vorzeichen erhalten, man steht als Mensch da und versteht quasi die Welt nicht mehr, sieht aber nur noch den Schritt aus dem Gewöhnten hinein ins Verkehrte, da das andere nicht mehr greift.

Das Gedicht erschien 1919. Else Lasker-Schüler war gerade mal 50 Jahre alt. Die Hoffnung, den Geliebten noch zu finden, könnte also durchaus noch intakt gewesen sein. Man möchte es ihr wünschen, dass sie diese noch nicht aufgegeben hat. Der Lebenslauf spricht diese Sprache.  

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in ELbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor.  Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.

Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz

„Was ist guter Stil? Und was hat guter Stil mit grosser Literatur zu tun? Alles, oder fast alles.

Inhalt
Michal Maar geht in diesem Buch auf die ihm eigene Art wieder einmal ins Detail. Schon im Klappentext steht, dass in diesem Buch vierzig Lesejahre verarbeitet worden sind, was sich dann auch so zeigt: Eine Fülle an Literaturverweisen pflastern den Weg hin zur Antwort auf die Frage, was denn nun grosse Literatur ausmache, was man unter gutem Stil verstehe und wieso dieser relevant ist, um aus Geschichten gute Literatur zu machen. Dabei achtet er – dafür ist er schon aus seinen früheren Werken bekannt – auf die kleinen Details der Sprache und der Geschichte, zeigt auf, wieso das Eine funktioniert, anderes nicht. Er beleuchtet Essays, Gedichte, Romane, Erzählungen und Novellen, hinterfragt den gängigen Kanon und setzt ihm seine persönliche Meinung entgegen. Dabei begründet er seine eigenen Urteile sorgfältig, so dass der Leser diese gut nachvollziehen und sich auf dieser Basis auch eine eigene Meinung bilden kann.

Klar ist: Es ist einfacher, schlechten Stil zu definieren als guten, und DEN einen guten Stil gibt es nicht. Eine generelle Regel lässt sich nicht finden, der passende Stil hängt immer vom Inhalt, vom Autor und von der literarischen Form ab.

Michael Maar verweist auf viele Bücher, der Vielleser wird sicherlich einige davon kennen, aber es bleibt sicher nicht aus, dass er neue entdeckt bei der Fülle, die präsentiert wird. Maar gelingt es dabei, den spontanen Kaufwunsch seiner gelobten Bücher auszulösen, indem er durch seine Präsentation die Lust am Lesen des ganzen Werks auszulösen vermag.

Persönliche Einschätzung
Ich liebe Bücher über Literatur, ab und an denke ich, ich liebe die Bücher über Bücher fast mehr als die Bücher selber, da ich es immer wieder spannend finde, was andere Menschen in Büchern entdecken, worauf sie achten, was sie finden und wie sie es dann übermitteln. Ein neues solches Buch ist Michael Maars „Die Schlange im Wolfspelz“. Es wurde verdient für den Deutschen Sachbuchpreis 2021 nominiert und hat ihn unverdient nicht gewonnen (wobei der Sieger, Jürgen Kaube mit „Hegels Welt“ durchaus verdient gewonnen hat).

Was mir natürlich persönlich gefällt, ist, dass Michael Maar meine Sicht teilt, dass man Bücher nie von ihrem Autor und dessen Biographie trennen kann. Zu der Zeit, in welcher ich studierte, kam die Tendenz auf, gerade dies zu tun und ich habe es nie verstanden. Zwar denke ich durchaus, dass ein Text auch etwas über das bewusst hineingefügte enthalten kann, dass ihm erst der Leser mit seiner Biographie und daraus resultierenden Lesart zufügt, und doch ist in meinen Augen – um es mit Goethe zu sagen – alles Schreiben autobiographisch. Das heisst nicht, dass jeder Roman eine Wiedergabe der Lebenseckdaten des Autors ist, aber er entsteht schlicht aus einem Menschen heraus und trägt diesen dann auch in sich.

Etwas bitter ist natürlich, dass der Lyrik nur ein Kürzestausflug gewidmet ist, aber auch dieser zeugt, wie der Rest des Buches, von viel Wissen, Belesenheit und Tiefgang. Es sei also verziehen. Es ist eine wahre Freude, mit Michael Maar auf der Suche nach dem guten Stil durch die Literatur zu streifen. Ich kann das Buch nur empfehlen!

Fazit:
Ein gut lesbares und fundiert geschriebenes Buch darüber, was gute Literatur ausmacht und was der Stil dazu beiträgt. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Michael Maar, geboren 1960, ist Germanist, Schriftsteller und Literaturkritiker. Bekannt wurde er durch „Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg“ (1995), für das er den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhielt. 2002 wurde er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, 2008 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste, 2010 bekam er den Heinrich-Mann-Preis verliehen. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf“ (2013) und „Tamburinis Buckel. Meister von heute“ (2014). Er hat zwei Kinder und lebt in Berlin. 

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 656
Verlag: Rowohlt Buchverlag; 8. Edition (13. Oktober 2020)
ISBN: 978-3498001407

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Rainer Maria Rilke: Wenn es nur einmal so ganz stille wäre…

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre 
Verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte im Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.*

Das lyrische Ich sehnt sich nach Stille, möchte fast die Welt anhalten, dass alles, was so reinkommt in die eigene Welt, ruhig wäre und auch die Geräusche rundherum verstummen. Und dann, wenn all das weg wäre, wären da noch die Geräusche der Sinne, alles, was es so landläufig hört, sieht, fühlt, riecht und auch denkt, alles sind mehrheitlich automatische Abläufe, welche mehr einnebeln als wirklich wach und sehend machen. Wie oft laufen wir doch durch die Welt und sehen so wenig wirklich mit neuen Augen, sehen wirklich hin, sondern nehmen alles einfach als gegeben, lassen es an uns vorbeiziehen? All das, möchte das lyrische Ich beenden, um wach zu sein. Um zu sehen.

Hier schwingt das mit, was Rilke das «neue Sehen» nannte, und das ihm ein grosses Anliegen war. Er wollte die Welt wirklich wahrnehmen, wie sie ist, er wollte sie mit allen Sinnen erkunden und geniessen.

Dann wendet sich das lyrische Ich dem Du zu. Es will ganz zu ihm durchdringen, es mit allen Facetten vor dem geistigen Auge sehen, an alles, was dieses Du ausmacht, möchte das Ich denken. Und nur dann, wenn alles gesehen, gefühlt, bedacht ist, gehört es für einen kleinen Augenblick ihm, weil es ganz in ihn überging – in einem Lächeln. Und dann wäre es ein Geschenk fürs Leben, ein Geschenk, das dankbar macht.

Was für eine schöne Art, einem Menschen zu sagen, dass man sich ganz auf ihn einlassen möchte. Und was für eine Hingabe an dieses Einlassen. Doch dieses Einlassen, dieses wirkliche Sehen, dieses Wahrnehmen dessen, was wirklich ist, mit wachen Sinnen bedarf der Stille. Nur wenn die äusseren und inneren Ablenkungen zum Schweigen kommen, sind wir in der Lage, zum Kern der Dinge durchzudringen. Dann fangen wir an, nicht einfach alles schnell zu benennen und abzuhaken: Haus, Baum, Mensch. Erst dann, wenn wir uns die Zeit nehmen (können), wirklich hinzuschauen, werden wir das Wesen der Dinge und das Wesen der Welt erkennen. Wir werden nicht mehr blind durchs Leben gehen, sondern als Sehende. Und das wird dem eigenen Leben eine ganz neue Tiefe geben. Weil wir dann auch in unserem eigenen Wesen ruhen.

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*erschienen im „Stundenbuch. Vom Mönchischen Leben“, zit. nach Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte, Goldmann Verlag, München 2006.

#abcdeslesens – B wie Beherzigung (Johann Wolfgang von Goethe)

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.
Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie ers treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle!

Da haben wir ihn schon ein wenig, den Faust. So viele Fragen und so wenig Antworten. Faust studierte alles denkbar mögliche und fand keine Antworten, in diesem Gedicht findet sich zumindest ein Schluss. Aber der Reihe nach:

Da wird ein Mensch ins Leben geworfen und ist fortan diesem ausgesetzt. Was nun? Goethe formuliert präzise: Nicht: Was kann er verlangen, sondern was soll er verlangen. Können tut man ja grundsätzlich viel, nur: Ist es sinnvoll? Das «soll» ist also wichtig. Und dann fängt das Fragen an:

Soll er ruhig bleiben, auch wenn alles anders läuft als gewünscht? Oder soll er an seinen Wünschen festhalten? Soll er sich treiben lassen, schauen, wohin das Leben ihn schlägt? Oder doch ein Haus bauen, sich niederlassen? Der Punkt scheint wichtig, er wird in anderen Worten wiederholt: Zelte bricht man schnell mal ab, Felsen stehen gefühlt für die Ewigkeit.

Und dann findet er einen vorläufigen Schluss: Es sind nicht alle Menschen gleich, was dem einen Not tut, ist für den anderen falsch. Wie auch Voltaire kommt Goethe zum Schluss: Jeder kann nur für sich entscheiden, was für ihn stimmt, wie das Leben für ihn ein glückliches ist. Und dann soll er dafür sorgen, dass es so kommt, wie er es braucht und will und haben muss.

Goethe wäre nicht Goethe, schickte er nicht noch eine Warnung hinterher: Nachdem du nun also gesehen hast, dass das Leben für jeden selber zu leben ist, du dich für deinen Weg entschieden hast, schau, dass du darauf aufrecht gehst und nicht doch noch irgendwo in eine Grube fällst.

Ich mag keine Moralkeulen. Ich mag auch nicht, wenn man mir sagt, was ich tun oder lassen soll. Das tut Goethe hier nicht. Ich mag dieses Gedicht. Es wirkt auf mich nicht wie eine dogmatische Handlungsanweisung, eher wie eine Bestandsaufnahme, was wir im Leben vorfinden und wie wir damit umgehen könnten – zu unserem Wohl. Goethe hat das nicht erfunden, vor ihm waren die Stoiker da.

Epiktet sagte in seinem «Handbüchlein zur Moral», dass es im Leben Dinge gäbe, die man selber in der Hand hätte, und solche, auf die man keinen Einfluss hätte. Kämpft man gegen die der zweiten Sparte, kann man nur verlieren. Es ist nicht im eigenen Einflussgebiet. Bei den anderen allerdings sollte man sich ranhalten: Was will ich, was kann ich dafür tun? Und dann das Ganze umsetzen.

Das Gleicche gibt es auch in der östlichen Philosophie, bei Shantideva:

„Wenn Du Dein Problem lösen kannst, wozu dann Sorgen machen? Und wenn Du es nicht lösen kannst, wozu dann Sorgen machen?“

Wir haben im Leben nicht alles in der Hand, in der Hand haben wir einzig (und das nicht mal immer bewusst), wie wir auf die Dinge reagieren. Daran können wir arbeiten. In der Hoffnung, dass wir so dem Glück auf die Spur kommen.

Zum Autor
Johann Wolfgang von Goethe wird am 28 .August 1749 in Frankfurt als Spross einer reichen Familie geboren. Er wird von verschiedenen Hauslehrern unterrichtet, studiert später Jura, besucht andere Vorlesung zwecks eigener Abhärtung und Vervollkommnung, und beginnt Mitte 20 ernsthaft mit dem Schreiben. Wenige Wochen nur braucht er für «Die Leiden des jungen Werthers». Er schrieb in den verschiedensten Gebieten, hatte zudem viele Ämter inne, arbeitete als Jurist, Minister und Naturforscher – ein richtiger Allrounder oder Tausendsassa. Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Er hinterliess wohl eines der umfassendsten, vielfältigsten und umfangreichsten Werk überhaupt.