Olga Tokarczuk: Übungen im Fremdsein

Inhalt

«Mir scheint, die Literatur als unaufhörlicher Prozess des Erzählens der Welt hat grössere Möglichkeiten als irgendetwas sonst, diese Welt in ihrer gesamten Perspektive gegenseitiger Einflüsse und Verbindungen zu zeigen.»

Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat in diesem Buch zwölf Essays und Reden zusammengestellt, die sich mit dem eigenen Schöpfungsprozess beschäftigen. Sie schreibt über die Motiviation zum Schreiben, zur Konstruktion von Figuren, zu den politischen, psychologischen, soziologischen und biographischen Quellen ihres Schreibens. Sie beleuchtet, wie wir durch Sprache neue Welten schaffen, beleuchtet den Lauf der Welt und die Art und Weise, wie Literatur damit umgeht.

«Existiert denn überhaupt die eine Welt…. Oder leben wir, die wir uns in der einen räumlichen Sphäre befinden, in Wahrheit in den jeweils eigenen Phantasmen?»

Entstanden ist ein Blick hinter die Kulissen ihres Schreibens und Denkens, ein kritischer Blick auf die Welt und unser Leben in ihr. Es ist zudem ein Aufruf, die Welt mit verschiedenen Augen aus verschiedenen Perspektiven zu sehen.

Gedanken zum Buch

«Wunder des Lesens… die Bereitschaft, sich mittels einer bewussten Verwendung von Sprache, durch das Spiel mit den Zeichen, Kontexten und Verweisen geduldig in vielschichtige, komplizierte, bedeutungsvolle Struktur der Welt ringsumher zu vertiefen, stetig weiter hinabzusteigen oder auch, wie über die Wendeltreppen eines perspektivischen Verwirrbildes, immer höhere Höhen zu erklimmen.»

Olga Tokarczuk bezeichnet sich als buchabhängig. Sie liest, sie liest Bücher auch mehrfach, und sie schaut, was in diesen Büchern steckt, wie sich die Geschichten ihr gegenüber öffnen, wie sich verschiedene Schichten beim wiederholten Lesen entfalten. Literatur ist ein Blick auf die Welt, welche diese sichtbar werden lässt in ihren Zusammenhängen und Strukturen.

«Ich bin überzeugt, dass unser Leben nicht nur eine Summe von Ereignissen ist, sondern ein verschlungenes Sinngefüge – das wir selbst schaffen, indem wir den Ereignissen jeweils einen Sinn zuschreiben.»

Literatur ist ein Sinnstifter, da durch das Schreiben den Dingen zugeschrieben wird. Geschichten kreisen um einen Sinn, der nicht den Dingen innewohnt, sondern den die Dinge für uns haben, weil wir ihnen diesen zusprechen.

«Die Geschichte, das Erzählen ist somit das fünfte Element, das uns die Welt auf ebendiese und keine andere Weise sehen lässt, das uns ihre unendliche Vielfalt und Vielschichtigkeit verstehen, unsere Erfahrung einordnen und sie von Generation zu Generation, von einer Existenz zur anderen weitergeben lässt.»

Seit Menschengedenken erzählen wir uns Geschichten. Es sind diese Geschichten, welche die Welt erfahrbar machen, indem sie eine Einordnung der Phänomene in einen Zusammenhang vornehmen. Indem wir unterschiedliche Geschichten von verschiedenen Menschen hören, eröffnet sich ein weiterer Blick, der aufzeigt, dass es mehrere Sichtweisen auf die eine Welt gibt, dass quasi diese eine Welt aus ganz vielen Welten besteht, die wir erst durch die Geschichten anderer Menschen erfahren können. Damit das so ist, bedarf es auch einer Offenheit. Wir müssen uns von unserem Standpunkt lösen und uns neuen Standpunkten, neuen Perspektiven gegenüber neugierig zeigen.

«Im Grunde nimmt der Reisende des Westens die Welt als nicht wirklich wahr. Gleich einem ewig eilenden Schatten bewegt er sich durch die Länder und Kulturen, die er besucht. Nichts berührt er, in nichts ist er einbezogen, er bleibt verkapselt in seinem Überlegenheitsgefühl.»

Tokarczuk wirft einen kritischen Blick auf die Welt und die Menschen in ihr. Sie thematisiert die Vereinzelung, die oft mit Entfremdung einhergeht, ebenso wie die wohl aus dieser hervorgehende Haltung der eigenen Überlegenheit. Zu oft verharren wir in der Meinung der eigenen Deutungshoheit, wir sehen uns und unser Erleben als Massstab, den wir auf den Rest der Welt anwenden. Was aus einer gefühlten Überlegenheit heraus passiert, führt uns eigentlich bei Lichte betrachtet in eine Verarmung der Wahrnehmung, da wir diese selbst beschränken.

Fazit
Ein klarer, scharfer und durchdringender Blick auf die Welt, das Leben, Lesen und Schreiben. Eine Hommage an die Sprache und ihre Möglichkeit, mit ihr die Welt erst zu schaffen.

Zur Autorin
OLGA TOKARCZUK, 1962 im polnischen Sulechów geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Sie zählt zu den bedeutendsten europäischen Autorinnen der Gegenwart. Ihr Werk wurde in 37 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für Die Jakobsbücher wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, ausgezeichnet und 2018 mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für Unrast, für den sie auch 2019 wieder nominiert war: Ihr Roman Der Gesang der Fledermäuse stand auf der Shortlist. 2019 wurde Olga Tokarczuk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Zum Schreiben zieht sie sich in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Kampa Verlag; 1. Edition (14. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
  • Übersetzung ‏ : ‎ Bernhard Hartmann, Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein ,  
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3311100751

Lebenskunst: Ich sein – weil ich es darf!

Als Kind der (vor-?)letzten Generation bin ich mit Aufforderungen aufgewachsen, bloss nicht zu laut zu sein, bloss nicht aufzufallen, mich auch ja schön artig zu benehmen. Am besten war es, wenn man mich nicht wahrnahm, ich quasi als braver Mitläufer in dieser Welt existierte, der seine Leistungen gut und richtig (nach äusserem Massstab) erfüllte und wenn eine Wirkung, dann eine positive hervorrief. Unter allem lag die latente Botschaft: Sei nicht so (wie du bist). und bei Nicht-Gelingen sofort: „Du bist nicht gut genug.“

Leider nehmen wir solche Prägungen oft ins Erwachsenenleben, die Sätze setzen sich fest, sie werden Glaubenssätze, an denen wir unser Denken, Fühlen und Handeln ausrichten. Der Satz „Das kann ich nicht.“, die eigene Verurteilung „Ich bin nicht gut genug.“ und das harte Gericht mit uns selbst, wenn etwas misslingt, sind Zeugen davon. Sich davon loszusagen, erfordert Mut. Ja, man könnte anecken, ja, es könnte nicht jedem gefallen. Nur: „So what?“ Gefällt es dir, es nicht zu tun?

Es ist (auch) deine Welt, es ist (nur) dein Leben!

Bettina Balàka (Hg.): Wechselhafte Jahre. Schriftstellerinnen übers Älterwerden

Inhalt

«Nichts ist schwieriger abzustreifen als eine von aussen übergestülpte Identität.» Alida Bremer

Und plötzlich ist man in dem Alter, das man früher als steinalt betrachtete. Und irgendwie hatte man es weder kommen sehen noch mitbekommen. Nun passen plötzlich Begriffe wie Wechseljahre, Klimakterium und Mittelalter auf einen, man hört von Veränderungen und fragt sich, wann sie kommen, wie sie sich auswirken und wie man damit umgehen wird.

«Manchmal fühlt man sich wie dreissig und dann geht man plötzlich an einem Spiegel vorbei und sieht jemanden, der um einiges älter ist. Es dauert einen Moment, bis man das innere Bild mit dem äusseren in Einklang bringt, bis man sich selbst erkennt.» Bettina Balàka

Dieses Buch versammelt humorvolle, realistische, poetische und sachliche Texte von Schriftstellerinnen über ihr eigenes Älterwerden und ihren Umgang damit. Es berichtet von Gutem und Schwierigerem, von Chancen und Herausforderungen.

Gedanken zum Buch

«Es ist von Bedeutung, dass ich nicht bemerkte, wie es begann. Einen Anfang jedoch muss es gegeben haben, den einen Tag, an dem ich morgens vor dem Spiegel beschloss, den Rock nicht anzuziehen…» Ruth Cerha

Im Leben passiert nichts von heute auf morgen, es ist ein schleichender Prozess, der einem selbst, weil man immer dabei ist bei den für sich gesehen unmerklichen Veränderungen. Man passt sich an die kleinen Zipperlein an, gewöhnt sich an die Schmerzen, nimmt die kleinen Veränderungen zwar wahr, denkt sich aber nichts dabei. Bis man damit konfrontiert wird, dass etwas passiert ist, das förmlich an einem vorbei gegangen ist und einen doch betrifft.

«Ich gehe verloren, etwas in mir geht verloren. Ich brauche nicht danach zu suchen, denn nicht, was war, muss wiederhergestellt werden. Ich brauche etwas anderes: mich selbst in meiner neuen Form. Als Frau, die weiss, wer sie in diesem Alter ist, welche Bedürfnisse sie hat, und die sich trotz Einschüchterungen nicht davon abhalten lässt, diese Bedürfnisse auszudrücken.» Ulrike Draesner

Nun ist man noch die gleiche, aber doch nicht mehr dieselbe. Man steht vor einem neuen Lebensabschnitt, der einerseits gefühlt ist, andererseits auch von aussen gezeigt wird. Die Aufmerksamkeit schwindet mehr und mehr, die Menschen rundherum scheinen jünger zu werden, man selbst bemerkt neue Bedürfnisse und Ansprüche, treibt sich mich anderen Themen – auch Lebensthemen – um. Oft passieren auch Brüche, die es zu bewältigen gilt: Kinder ziehen aus, Männer kommen abhanden, alte Lebensträume kommen plötzlich auf. Mit all dem will umgegangen werden.

«Altsein ist abhängig vom Geschlecht und von der historischen Epoche.» Bettina Balàka

Alter ist dabei viel mehr als nur eine Zahl, es ist bestimmt von gesellschaftlichen Konventionen darüber, was wann sein sollte. So oder so durchläuft man im Leben verschiedene Stufen und wird dementsprechend von aussen gesehen. Und genau davon handelt dieses Buch: Von den jeweiligen Altersstufen und dem Umgang mit dem Älterwerden. Die einzelnen Texte sind sehr unterschiedlich, so dass wohl nie jeder alle anspricht, aber sicher für viele etwas dabei ist. Entstanden sind so verschiedene Innensichten, die wohl keine neue Erkenntnis liefern, aber das Gefühl, mit all dem nicht allein zu sein, sondern in guter Gesellschaft.

Fazit
Ein kurzweiliges, unterhaltsames und sehr menschliches Buch über das Älterwerden als Frau in der heutigen Gesellschaft.

Herausgeberin und Autorinnen
Bettina Balàka, 1966 in Salzburg geboren, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, Theaterstücke und Hörspiele. Vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Georg-Trakl-Förderungspreis für Lyrik 2018 und dem Theodor-Körner-Preis 2004. Zuletzt erschien ihr erstes Jugendbuch »Dicke Biber« Leykam 2021), das mit dem Kinderbuchpreis für junge Leser*innen ausgezeichnet wurde. www.balaka.at

Die Texte stammen von:
Marlene Streeruwitz, Barbara Honigmann, Katja Oskamp, Barbara Frischmuth, Katrin Seddig, Linda Stift, Barbara Hundegger, Sabine Scholl, Marianne Gruber, Zdenka Becker, Alida Bremer, Ruth Cerha, Renate Welsh, Ulrike Draesner und Bettina Balàka.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Leykam; New Edition (27. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3701182633

Stefan Heym (10. April 1913)

Am 10. April 1913 kommt in Chemnitz Helmut Flieg als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie zur Welt. Schon früh engagiert er sich gegen den Faschismus, was die Nationalsozialisten auf ihn aufmerksam werden lässt. Er fällt vom Gymnasium und legt sein Abitur schliesslich in Berlin ab. Sein Studium der Journalistik kann er nicht da beenden, 1933 flieht er nach dem Reichstagsbrand in die damalige Tschechoslowakei und nimmt den Namen Stefan Heym an. Ein Stipendium einer jüdischen Studentenverbindung ermöglicht ihm die Übersiedlung nach Chicago, wo er sein Studium fortsetzt und dieses mit einer Arbeit über Heinrich Heine abschliesst.

Nach einer Tätigkeit als Redakteur für eine dem Kommunismus nahe stehende New Yorker Wochenzeitung arbeitet Heym ab 1939 als freier Schriftsteller.  Schon sein erster Roman Hostages (1942)wird ein grosser Erfolg.

Heym nimmt die amerikanische Staatsbürgerschaft an und zieht 1943 als Mitglied einer Einheit für Psychologische Kriegsführung in den Krieg, wo er Texte für Flugblätter und Rundfunksendungen schreibt. Es folgen Einsätze bei Zeitungen in Deutschland und 1945 wegen prosowjetischen Äusserungen die Rückversetzung in die Staaten, wo er wieder als freier Schriftsteller arbeitet und Ende 1948 den Roman The Cursaders veröffentlicht.

1952 verlässt Stefan Heym die USA und siedelt über Prag in die DDR über. Er arbeitet als freier Schriftsteller und sieht sich schon bald mit neuen Konflikten konfrontiert, an deren Ende ein Veröffentlichungsverbot steht. Eine unerlaubte Veröffentlichung in der BRD bringt ihm eine Geldstrafe. Eine kurzweilige Entspannung der Lage wird schnell revidiert, Heym kann nur noch in der BRD veröffentlichen und wird aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Stefan Heym spricht sich in den 1980er Jahren deutlich für die Wiedervereinigung aus, gehörte 1989 auch zu den Rednern auf der Alexanderplatz-Demonstration.

Auch nach der Wende hört sein politisches Engagement nicht auf. Immer wieder weist er auf die Benachteiligung der Ostdeutschen bei der Integration hin, übernimmt dafür sogar ein politisches Mandat, das er aus Protest 1995 wieder niederlegt. Am 16. Dezember 2001 stirbt Stefan Heym an einem Herzversagen.

Zurück bleibt die Erinnerung an ein politisch engagiertes Leben und seine Werke, die sein Engagement durchschimmern lassen:

Wenn die unerhörten Klänge

Wenn die unerhörten Klänge
wilder Frühlingsnacht verrauscht,
und die Wolkenwindgesänge
sich mit Morgendunst vertauscht.

Treten wir ins Licht hinein,
das von feuchten Blättern rinnt;
und wir werden anders sein
als wir je gewesen sind.

Neue Liebe unter neuen
Menschen, die mit frohem Grüssen
sich des neuen Daseins freuen –

Neuer Geist, der uns beschwört!
Eine Welt zu unsern Füssen,
eine Welt, die uns gehört!
(1936)[1]

Stefan Heym hinterlässt ein grosses literarisches Werk, das sein bewegtes Leben widerspiegelt. Stets stellte er sich seiner Zeit und setzte sich für seine Überzeugungen ein. Kritiker werfen ihm vor, Fahne im Wind zu sein, doch bei Lichte betrachtet setzt er sich selten dafür ein, was gerade in ist, vielmehr geht er meist den unbequemen Weg der Opposition. Auch wenn sie schwierig ist, liebt Stefan Heym seine Zeit und sagt selber, in keiner anderen leben zu wollen, da keine so viele Veränderungen mit sich bringen könnte, wie es die seine tut. Er sieht in den Schwierigkeiten der Zeit den Antrieb für menschliches Wachstum, vor allem aber ein Paradies für einen Schriftsteller, der aus dem Vollen schöpfen kann.

Werke von Stefan Heym

  • Nazis (1938)
  • Hostages (1942, dt. Der Fall Glasenapp)
  • The Crusaders (1948; dt. Der bittere Lorbeer oder Kreuzfahrt von heute)
  • The Eyes of Reason (1951, dt. Die Augen der Vernunft)
  • Shadows and Light (1963, dt. Schatten und Licht)
  • The Queen against Defoe (1975; dt. Die Schmähschrift oder Königin gegen Defoe)

[1] Zitiert nach Stefan Heym: Ich aber ging über die Grenze. Frühe Gedichte, ausgewählt und herausgegeben von Inge Heym, mit Collagen von Horst Hussel und einem Nachwort von Michael Müller, C. Bertelsmann Verlag, München 2013.

Tillie Olsen: Was fehlt

Inhalt

«Wen hören und lesen wir, wen nicht? Und warum nicht?»

Wie entstehen Kunstwerke, was steht diesem Entstehen im Weg? Wieso hört man viele Stimmen nicht, obwohl sie so wichtig wären? Wieso schweigen viele, die etwas zu sagen hätten, während andere sich ungehindert Gehör verschaffen können? Und: Wieso sind es oft Frauenstimmen, die nicht sprechen können, die nicht gehört oder gar verhindert werden?

Diesen Fragen geht Tillie Olsen in den in diesem Buch gesammelten Vorträgen und Essays nach und greift damit eine Diskussion auf, die auch heute noch aktuell ist (man denke nur an Nicole Seiferts «Frauenliteratur»).

«Was braucht das Schöpferische, um sich verwirklichen zu können? Ohne die Absicht oder den Anspruch, literaturwissenschaftlich vorzugehen, verspürte ich im Laufe der Jahre das Bedürfnis, alles darüber zu lernen, was ich in Erfahrung bringen konnte, blieb ich doch selber fast stumm und musste die Schriftstellerin in mir wieder und wieder sterben lassen.»

Gedanken zum Buch

«Warum werde so viel mehr Frauen zum Verstummen gebracht als Männer? Warum sind die wenigen Werke von Frauen, die es immerhin gibt…, so wenig bekannt, werden sie so spärlich im Unterricht behandelt oder Ausgezeichnet?»

Tillie Olsen (1912 – 2007) ist selbst eine der (fast) verstummten Stimmen. Neben der Betreuung ihrer Kinder sowie der Arbeit für den Lebensunterhalt blieb kaum Zeit für die eigene Kreativität. Vermutlich ist es diesem Umstand geschuldet, dass sie über viele Jahre Gründe sammelte für das literarische Schweigen. Auch Zeugnisse von Schreibenden, die mit dem Schreiben und mit Blockaden und Hindernissen kämpften, fanden Eingang in ihre Vorträge und Reden, es sind Zitate aus Tagebüchern und Briefen von Franz Kafka und Virginia Woolf, Katherine Mansfield und Rainer Maria Rilke, von Dorothy Parker und Carson McCullers, und vielen mehr.

«Man wächst auf mit dieser […] seltsamen Vorstellung von weiblicher Verfügbarkeit in jeder geistigen Beziehung und dass man jedem, der es einfordert, zu Diensten sein muss.»

Gerade Frauen fiel es mehrheitlich schwer, für ihr Schreiben einzustehen. Dies hing auch mit den Rollenbildern früherer Zeit zusammen, in welcher Schreiben und Kunst für Frauen nicht vorgesehen war, sie ihre ihnen zugeschriebenen Aufgaben in der Gesellschaft hatten und den Rest den Männern überlassen sollten.

«Wie viel nötig ist, um zu schreiben. Neigung (viel verbreiteter als angenommen), die rechten Umstände, Zeit, die Entwicklung des eigenen Handwerks – aber darüber hinaus: wie viel Überzeugung von der Wichtigkeit des eigenen Worts, des eigenen Rechts, es auszusprechen. Und der Wille, der unerschöpfliche Vorrat an Glauben an sich selbst, um die eigenen Lebenserkenntnisse zu finden, ihnen treu zu bleiben, sie in die richtige Form zu giessen.»

Olsen thematisiert aber nicht nur, wer alles schwieg und aus welchen Gründen, sondern sie beleuchtet auch die Bedürfnisse eines schreibenden Menschen: Was braucht es, damit ein schreibender Mensch seiner Berufung zu schreiben folgen kann? Welche äusseren und inneren Bedingungen müssen erfüllt sein?

«Letzten Endes ist Kreativität eine Abbildung der Wechselbeziehung zwischen dem Individuum und der Umwelt, in der es lebt.»

Wichtig zu sehen ist, dass das Verstummen vieler Stimmen nicht nur ein individuelles Problem ist, sondern ein systemimmanentes. So lange die Rollen zwischen den Geschlechtern aufgeteilt sind, wie das auch heute noch oft der Fall ist, haben Frauen es schwerer, sich die nötigen Bedingungen für ihr eigenes Schreiben zu schaffen. Dazu kommt, dass der Literaturbetrieb auch heute noch zu einem grossen Teil männlich dominiert ist, so dass Bücher von Männern mehr berücksichtigt, mehr beworben und mehr besprochen werden, und auch die Schullektüren vorwiegend männlich ausfällt. (Ein Blick in die Schweizer Pflichtlektüre für die Matur hat das leider aktuell bestätigt: Siehe hier, hier und hier). Den Bezug zur heutigen Situation stellt auch das persönliche, kompetente und aufschlussreiche Vorwort von Julia Wolf her, welches den Boden für das Buch quasi vorbereitet, in welchen die Samen der Gedanken des Buches nachher fallen sollen, um von da zu wachsen.

Dem Aufbau Verlag ist ein grosses Lob auszusprechen, dass er diese Autorin auf den deutschen Markt gebracht hat, einerseits mit dem vorliegenden Buch, andererseits mit dem Erzählband «Ich stehe hier und bügle».

Fazit
Ein wichtiges Buch über die Situation schreibender Menschen, was sie zum Schreiben brauchen und wie so viele von ihnen verstummen und nie gehört werden.

Zur Autorin und den Mitwirkenden
Tillie Olsen, 1912 als Tochter jüdischer Einwanderer aus Russland in Nebraska geboren, musste als junge vierfache Mutter ihre fortschrittlichen politischen Ansichten mit künstlerischem Ehrgeiz und Brotarbeit unter einen Hut bringen. Gleich ihre erste Story, »Ich steh hier und bügle«, erschien in den »Best American Short Stories of 1957«, kurz darauf wurde sie mit dem begehrten O.-Henry-Preis ausgezeichnet. Obwohl sie die Highschool ohne Abschluss verlassen hatte, erhielt sie für ihr Werk diverse Stipendien, Ehrentitel und Gastprofessuren der großen amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, Harvard und Amherst College. Ihr berühmter Essay »Was fehlt« entstand aus einem Vortrag, den sie 1962 am Radcliffe Institute der Harvard University gehalten hatte. Sie starb 2007 in Oakland, Kalifornien, und gilt heute als Vorreiterin der emanzipatorischen Literatur.

Nina Frey studierte Anglistik und Germanistik in Hamburg. Sie arbeitete lange im Kunsthandel, bevor sie sich als Übersetzerin selbstständig machte. Sie lebt in Wien.

Hans-Christian Oeser, geboren 1950 in Wiesbaden, ist literarischer Übersetzer, Herausgeber, Reisebuchautor, Publizist, Redakteur und Sprecher. Er hat zahlreiche Klassiker ins Deutsche übertragen, darunter Mark Twains Autobiographie. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. »Heinrich Maria Ledig-Rowohlt«-Preis, Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis und Straelener Übersetzerpreis.

Nele Holdack, leitende Lektorin moderne Klassik und Klassik, gab unter anderem Werke von Hans Fallada und Victor Klemperer, Lion Feuchtwanger und Mark Twain, Tillie Olsen und Brigitte Reimann heraus.

Julia Wolf ist Autorin und Übersetzerin. Zuletzt erschien ihr Roman »Alte Mädchen«. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs »Writing with Care/Rage« und lebt mit ihrer Familie in Leipzig.
Tillie Olsen, 1912 als Tochter jüdischer Einwanderer aus Russland in Nebraska geboren, musste als junge vierfache Mutter ihre fortschrittlichen politischen Ansichten mit künstlerischem Ehrgeiz und Brotarbeit unter einen Hut bringen. Gleich ihre erste Story, »Ich steh hier und bügle«, erschien in den »Best American Short Stories of 1957«, kurz darauf wurde sie mit dem begehrten O.-Henry-Preis ausgezeichnet. Obwohl sie die Highschool ohne Abschluss verlassen hatte, erhielt sie für ihr Werk diverse Stipendien, Ehrentitel und Gastprofessuren der großen amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, Harvard und Amherst College. Ihr berühmter Essay »Was fehlt« entstand aus einem Vortrag, den sie 1962 am Radcliffe Institute der Harvard University gehalten hatte. Sie starb 2007 in Oakland, Kalifornien, und gilt heute als Vorreiterin der emanzipatorischen Literatur.

Nina Frey studierte Anglistik und Germanistik in Hamburg. Sie arbeitete lange im Kunsthandel, bevor sie sich als Übersetzerin selbstständig machte. Sie lebt in Wien.

Hans-Christian Oeser, geboren 1950 in Wiesbaden, ist literarischer Übersetzer, Herausgeber, Reisebuchautor, Publizist, Redakteur und Sprecher. Er hat zahlreiche Klassiker ins Deutsche übertragen, darunter Mark Twains Autobiographie. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. »Heinrich Maria Ledig-Rowohlt«-Preis, Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis und Straelener Übersetzerpreis.

Nele Holdack, leitende Lektorin moderne Klassik und Klassik, gab unter anderem Werke von Hans Fallada und Victor Klemperer, Lion Feuchtwanger und Mark Twain, Tillie Olsen und Brigitte Reimann heraus.

Julia Wolf ist Autorin und Übersetzerin. Zuletzt erschien ihr Roman »Alte Mädchen«. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs »Writing with Care/Rage« und lebt mit ihrer Familie in Leipzig.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Aufbau; 1. Edition (11. Oktober 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3351039832
  • Übersetzung : Nina Frey und Hans-Christian Oeser
  • Originaltitel ‏ : ‎ Silences

Warum ich keine Verrisse schreibe

Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, keine Verrisse zu schreiben. Einerseits würde ein fundierter Verriss verlangen, dass ich das Buch zu Ende lese, wofür mir die Zeit zu schade ist, weil so viele Bücher auf mich warten, die ich wirklich lesen mag. Bücher, die mich nicht packen, breche ich ab. Oft nach wenigen Seiten, manchmal auch später. Zudem würde auch das Schreiben des Verrisses Zeit brauchen, die mir auch wieder von für mich passenderer Literatur abginge – und ich sage explizit nicht besserer Literatur.

Nun bin ich von Haus aus Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin, darin geübt, Literatur zu analysieren, zu taxieren nach diversen Kriterien. Von einer Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin hörte ich in einem Interview, dass Literaturkritik sich selbst verrate, wenn keine Verrisse geschrieben würden. Erst diese machten die Kunst der Kritik zu einer objektiven, sachlichen, wertvollen. Der Verweis auf das, was nicht funktioniert, was schlecht geschrieben ist, was Mängel aufweist, runde das Bild der Literatur auf dem Markt ab. Verzichte man darauf, schaffe man damit auch die Literaturkritik ab.

Wenn man sich fragt, wozu Literaturkritik überhaupt dienen soll, vor allem, wenn sie in den Medien stattfindet, dann steht für mich die Literaturvermittlung an vorderster Stelle. Ich möchte Menschen zum Lesen animieren, ich möchte auf Bücher hinweise, die ich gut fand, und auch sagen, wieso ich sie gut fand (wobei auch Schwächen durchaus thematisiert werden können). Ich sehe schlicht keinen Sinn darin, die Zeit der Lesenden und den Platz in den Medien für etwas zu nutzen, von dem sie nichts haben ausser dem Rat, etwas nicht zu lesen. Und dieser Rat beruht auf meinem persönlichen Geschmack und meiner individuellen Lesevorliebe.

Die Frage, die sich zudem stellt, ist: Was ist gute Literatur, was macht sie aus? Formale Kriterien wie Stil, Ausdruck, Sprache, Aufbau und einige mehr sind sicher wichtig und richtig, doch was für mich beim Lesen immer am meisten zählt, ist: Packt mich das Buch so, dass ich es lesen will? Stösst das Buch in mir auf Resonanz, so dass ich mich in das Buch hineinziehen lasse und am Schluss als eine andere herauskomme, als ich es am Anfang war? Bücher sind für mich Welten, in die wir tauchen. Nicht jede Welt ist für jeden Menschen, aber es gibt sicher für jeden Menschen eine passende Welt (in Form von Büchern sogar viele passende Welten).

Ich sehe es als meine Aufgabe (und der widme ich mich mit Herzblut und aus Überzeugung), Menschen zum Lesen zu animieren, indem ich auf Bücher hinweise, die ich für lesenswert halte. Und so bleibe ich bei meinem Entschluss, auch künftig keine Verrisse zu schreiben. So bleibt es nicht aus, dass ich viele Bücher nicht bespreche, die aktuell wären, die vielleicht auch gelobt werden oder gar in einem Kanon vorkommen. Johann Wolfgang von Goethe schrieb in seinem «Faust»:

«Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll.»

So halte ich es mit den Kritiken: Die Bücher, welche mir zu Herzen gingen, bespreche ich von Herzen, in der Hoffnung, dass sie noch weiteren LeserInnen zu Herzen gehen werden.

Lebenskunst: Was andere denken

Viele haben es wohl auch schon als Kind gehört: «Was denken die anderen, wenn du dich so verhältst.» Es war damit klar, dass ich nicht in Ordnung bin und mein Verhalten nicht nur von meinem Vater, sondern auch von denen rundum missbilligt würde. Es war ebenso klar, dass dies zu vermeiden sei. Als brave Tochter bemühte ich mich redlich, doch nicht nur das: Ich nahm den Satz mit in mein Leben und er sprach in vielen Situationen quasi aus dem Off zu mir. Da ich wie wohl alle Menschen angenommen und akzeptiert werden wollte, verkniff ich mir vieles lieber, als Ausgrenzung riskierte. Bloss nicht zu laut sein, bloss nicht negativ auffallen, es bloss allen recht machen, lautete die Devise. Doch wozu?

Indem ich mich immer zurücknahm, vergab ich mir nicht nur die Chance, aus vollem Herzen selbst zu leben, ich zeigte mich anderen auch nicht. Oft wirkte ich aus der eigenen Unsicherheit heraus eher arrogant, als wolle ich nicht mit anderen sprechen. Dass ich mich nicht traute aus der Angst heraus, einen Fehler zu machen, nahm keiner an. Die Strategie ging also nicht auf. Doch was dann?

Ich habe erkannt, dass es bei Lichte betrachtet egal ist, was andere denken, denn diese Gedanken haben weder einen Einfluss auf meine Gesundheit noch auf mein Wohlbefinden – das haben nur meine eigenen. Auch die Angst, dass sie mir etwas vorspielen, mich aber nicht mögen, ist unbegründet, denn wenn ich nichts davon merke, tangiert es mich nicht – auch das tun nur meine Gedanken. Zudem: Indem ich die ganze Zeit denke, was andere denken, und mich mit mir befasse, gehe ich ziemlich egozentrisch durch die Welt. Indem ich die Aufmerksamkeit mehr nach aussen auf die anderen richte, mich ehrlich für sie und was sie zu sagen haben, interessiere, trete ich in Beziehung. Und das ist es doch, was ich eigentlich will.

Und sollte mir doch mal zu Ohren kommen, dass jemand negativ über mich sprach, halte ich es mit Epiktet, da Humor immer eine gute Lösung ist:

«Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

Fragst du dich oft, was andere von dir denken?

Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie

Inhalt

«Elisabeth Zott war ebenfalls nachtragend. Doch sie war das hauptsächlich in Bezug auf eine patriarchalische Gesellschaft, die auf der Idee fusste, Frauen seien weniger. Weniger fähig. Weniger intelligent. Weniger schöpferisch.»

Elisabeth Zott lebt in einer Zeit, in der Frauen hinter dem Herd stehen und die Männer das Leben aktiv gestalten. Sie will sich dem nicht fügen, sie will als Chemikerin ihren eigenen Weg gehen, beweisen, dass sie genauso viel kann wie ein Mann – und teilweise kann sie sogar mehr. Auch wenn sie mit schwierigen Startbedingungen in dieses Leben ging und dieses ihr immer wieder Knüppel zwischen die Beine wirft, gibt sie nicht auf. Dass sie als alleinerziehende Frau schlussendlich beim Fernsehen in einer Kochsendung landet, war so nicht vorgesehen, doch auch das hindert sie nicht daran, an ihre eigenen Ziele zu glauben. Im Gegenteil, sie nutzt das als Chance, auch anderen Frauen Mut zu machen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen.

«Aber sie hatte nun mal Ziele, und verdammt, wieso sollte sie den anderen bloss zuschauen? Zuschauen brachte niemanden weiter.»

Gedanken zum Buch

«Wenn Selbstzweifel Sie beschleichen… wenn die Angst sie packt, denken Sie immer daran, dass Mut der Grundstein für Veränderung ist. Und wir sind chemisch dazu angelegt, uns zu verändern. Fassen Sie also morgen beim Aufwachen folgenden Vorsatz: Keine falsche Zurückhaltung mehr. Kein Unterordnen mehr unter die Meinungen anderer, die Ihnen sagen wollen, was sie leisten können und was nicht. Und nie wieder zulassen, dass andere Sie in Schubladen stecken, in sinnlose Kategorien wie Geschlecht, Rasse, wirtschaftlicher Status und Religion. Lassen Sie ihre Talente nicht schlummern, Ladys. Gestalten Sie Ihre eigene Zukunft.»

Die Geschichte spielt in den 60er Jahren, in einer Zeit, in der Männer das Sagen haben, Frauen aber langsam aufwachen. Es wird eine Gesellschaft dargestellt, die in ihren Strukturen patriarchalisch ist, in der es nicht vorgesehen ist, dass Frauen sich in der Wissenschaft oder sonst öffentlich durchsetzen. Auf eine feinfühlige, witzige, teilweise ein wenig dozierende Weise legt die Geschichte den Finger in die Wunden, zeigt die Missstände auf, die auch heute noch teilweise spürbar sind, und ruft dazu auf, sich für eine Veränderung einzusetzen. Entstanden ist ein Buch, das als Aufforderung gelesen werden kann, sich als Frau nicht unterwerfen zu lassen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, die eigenen. Ziele zu verfolgen, sich nicht selbst unterzuordnen. «Eine Frage der Chemie» ist ein Lebensratgeber in Romanform, eine Geschichte, die wichtige Themen des Seins als Mensch, als Frau, als Gesellschaft aufgreift und auf eine zutiefst menschliche, berührende, warmherzige Art behandelt.

«Menschen werden sich immer nach einer einfachen Lösung für ihre komplizierten Probleme sehnen. Es ist sehr viel leichter, an etwas zu glauben, das du nicht sehen, nicht berühren, nicht erklären und nicht verändern kannst, als an etwas zu glauben, bei dem das alles möglich ist… An sich selbst, meine ich.»

Mit Elisabeth Zott ist Bonnie Garmus eine Protagonistin gelungen, die kämpferisch, ehrlich, mutig und authentisch ist. Eine Frau, die ihr Leben in die Hand nimmt, die Probleme, die sich stellen angeht. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, spricht die Dinge an, nennt sie beim Namen. Und doch hat auch sie Bereiche, die sich in Schweigen hüllen, die sie in sich verschliesst, weil sie zu nah gehen, weil sie zu schmerzhaft sind, und auch weil sie weiss, dass die Zeit dafür noch nicht reif ist. Elisabeth Zott ist eine Frau, die man ins Herz schliesst, der man sich verbunden fühlt, mit der man leidet, hofft und fühlt. Nie lässt sie einen einfach kalt, sie berührt auf eine unprätentiöse Art durch ihr ehrliches, pragmatisches, souveränes Auftreten. Dass ihr ein zweiter Protagonist an die Seite gestellt wird, ein zotteliger grosser Hund, der als gute Seele alles zusammenhält, aufpasst, dass nichts passiert, der mit feinem Gespür für Menschen weiss, wie es ihnen geht, wonach sie sich sehnen, und was sie von ihm brauchen, macht das Buch noch menschlicher.

«Die beste Methode, das Schlechte im Leben zu bewältigen, ist oft, es umzukehren, es als Stärke zu benutzen, nicht zuzulassen, dass das Schlechte dich bestimmt.»

«Eine Frage der Chemie» ist ein Buch, das Mut macht. Es ist ein Buch, das dazu aufruft, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und auch bei schwierigen Situationen nicht aufzugeben. Es ist ein Buch darüber, Missstände zu bekämpfen und sich ihnen nicht einfach zu ergeben. Es ist vor allem aber ein Buch, das berührt, das den Leser in den Bann zieht, das Resonanz erzeugt, indem es zum Lächeln und zum Weinen bringt.

Es gibt teilweise Längen im Buch, die den Erzählfluss zugunsten von halbtheoretischen Abhandlungen und zu langwierigen Situationsbeschreibungen unterbrechen. Es hätte der Geschichte gutgetan, diese zu kürzen. Trotzdem lohnt es sich, durchzuhalten, denn danach nimmt das Buch wieder Fahrt auf.

Fazit
Ein herzergreifendes Buch über eine Frau, die ihren Weg geht in einer Zeit, die das so nicht vorgesehen hat – berührend, unterhaltsam, klug.

Zur Autorin
Bonnie Garmus war als Kreativdirektorin international vor allem in den Bereichen Medizin, Erziehung und Technologie tätig. Privat bevorzugt sie das Schwimmen im offenen Meer, wobei sie sich darauf konzentrieren muss, nicht darüber nachzudenken, was alles sonst noch unter ihr schwimmt. Gebürtig aus Kalifornien lebte sie lange in Seattle, wo sie sich ausgiebig dem Wettkampfrudern widmete. Sie ist außerdem Mutter zweier erwachsener Töchter und lebt aktuell mit ihrem Mann in London. Dies ist ihr erster Roman.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Piper; 15. Edition (31. März 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 464 Seiten
  • Originaltitel ‏ : ‎ Lessons in Chemistry
  • Übersetzung ‏ : ‎ Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3492071093

Lesemonat März – ein Rückblick

Es sind viele Bücher zusammen gekommen im März, es war ein wilder Ritt durch die Welt der Literatur, einer mit den wundervollsten Highlights und doch einigen Abbrüchen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich habe Long/Schwebbe, Natalie Goldberg, Olga Tokarczuk und Jesse Falzoi das Schreiben erkundet, mit Julia Schoch das Leben und die Liebe erforscht, bin mit Annie Ernaux in Erinnerungen gewatet und habe eine junge Frau auf ihrer Suche nach sich begleitet. Ich habe mich in lichtenden Nebeln ein wenig verloren, und mich mit King Kong und den Nachmittagen ein wenig schwergetan. Ich habe bei Tillie Olsen gelesen, was nie geschrieben wurde und weshalb, und mich in Sachen Chemie weitergebildet. Und ich habe mir ein Liebespingpong von abgrundtraurigen Briefen zugemutet, von dem ich nicht wusste, ob ich bei dem Spiel nicht eigentlich ein unerwünschter Zuschauer war. Und schliesslich und endlich habe ich vier Frauen begleitet, die nach Umbrüchen den Mut hatten, das Leben neu in die Hand zu nehmen.

Es war ein schöner Lesemonat, der April hat schon begonnen ich hoffe, er wird ebenso gut. Was waren eure Lesehighlights im März?

Hier die komplette Liste meiner Bücher:

Aljoscha Long/Ronald Schweppe: Schreib dein Ding! Authentisch – achtsam – kreativ. Dein eigenes Buch – der Weg zu dir selbstEin Schreibratgeber, der mehr auf den werdenden Schriftsteller als auf konkrete Schreibtipps ausgerichtet ist. Die innere Haltung, das Drumrum des Schreibens stehen im Zentrum, doch auch der eine oder andere Tipp, wie aus dem Wunsch Realität werden kann, angefangen vom Schreibritual über Etappen des Prozesses bis hin zur Verlagssuche finden sich in diesem kleinen, gut lesbaren, informativen Buch.5
Julia Schoch: Das Liebespaar des JahrhundertsDie Geschichte einer Liebe über Jahrzehnte, deren einziger Wert im Bestehen scheint, so dass das Ende als notwendig gedacht wird. Wie trennt man sich nach all den Jahren? Was hat man alles gemeinsam erlebt? Wo ging das Verbindende verloren? Was bleibt? Eine unglaublich schöne, tiefe, unsentimental gefühlvolle Geschichte. 5
Annie Ernaux: Der junge MannDie Geschichte einer älteren Frau mit einem jungen Mann, das Leben zwischen den Zeiten und Orten, das Leben als Wiederholung der jungen Jahre, gelebt im Heute, im Wissen um das Ende, dass auch dieses Heute schon zum Gestern macht. Das wohl kürzeste Buch meines Lebens, von dem ich weit mehr erwartet hätte. 3
Clare Pollard: Delphi – abgebrochenKurze Kapitel mit Titeln, die Weissagungen tragen. Das Leben einer kleinen Familie, die Ich-Erzählerin, Jason und ihr. beider Sohn, der Anfang der Covid-Pandemie und die alltäglichen Ängste und Vorkommnisse plus Gedankengänge. Alles zerhackt, nirgends ein Fluss. Ich musste aussteigen, nachdem ich zweimal begonnen hatte, weil ich nicht reinkam und sofort wieder vergessen hatte, was ich schon gelesen habe. –
Matthias Göritz: Die Sprache der Sonne – abgebrochenEine junge Frau reist auf den Spuren ihrer Grossmutter nach Istanbul und hofft, auch Antworten zu ihrer eigenen Vergangenheit zu finden. Das Thema wäre nicht uninteressant, doch ich kam in keinen Lesefluss, es war alles zu zerhackt, es hat mich weder mit den Figuren, noch mit der Erzählweise, noch mit der Geschichte soweit gepackt. –
Julia Schoch: Das VorkommnisJulia Schoch lässt uns durch die Protagonistin, die namenlose Ich-Erzählerin eintauchen in die Welt und vor allem die Gedanken einer Frau, die durch ein Vorkommnis, das unerwartete Auftauchen einer bislang unbekannten Schwester, aus der Bahn geworfen wird und plötzlich nicht mehr weiss, ob sie bisher überhaupt in einer drin war. Als Leser findet man sich unweigerlich in einem Dialog zwischen den Gedanken der Protagonistin und den eigenen. 5
Caroline Schmitt: LiebewesenDie Geschichte einer jungen Frau, die mit sich, ihrer Vergangenheit, und mit der Liebe in all ihren Formen kämpft. Es ist die Geschichte einer Suche zu sich selbst, die ihre Opfer fordert. 4
Manuel Niedermeier: Das ist einer, der lebt! – abgebrochenIch kam in dieses Buch nicht rein. Zuerst verstand ich nicht, was der Anfang mit dem zu tun haben soll, was als Beschreibung stand, dann fand ich es über den Klappentext raus, machte mit dem zweiten Kapitel weiter, da das erste so wenig einnehmend war, doch auch das verlor mich nach wenigen Zeilen. –
Jesse Falzoi: Creative Writing. Texte und Bücher schreiben16 Lektionen hin zum Schreiben eines Textes oder gar eines Buches. Es geht über die Entwicklung eines Plots über die des Protagonisten bis hin zum stimmigen Aufbau, alles mit Übungen zur praktischen Umsetzung sowie Ideen, wie man ins Schreiben kommt. 5
Christian Haller: Sich lichtende NebelEin junger Wissenschaftler beobachtet eines Nachts einen Mann, der im Licht auftaucht und wieder in der Dunkelheit verschwindet, er kommt dadurch zu neuen Erkenntnissen, die in seinen Kreisen auf Skepsis stossen. Der Beobachtete merkt davon nichts, er versucht, über den Tod seiner Frau hinwegzukommen, indem er sich neuen Gebieten zuwendet, die allerdings kein anderer verstehen kann. Zwei unabhängige Leben, die sich zufällig kreuzen, ohne es zu merken, nur der Leser kennt das verbindende Element, welches aber ein wenig dürftig ist für ein ganzes Buch mit zwei parallel laufenden Strängen.3
Toni Morrison: Sehr blaue Augen – abgebrochenEine Geschichte über das Aufwachsen von schwarzen Kindern in einer von Weissen dominierten Welt. Ich kam in keinen Lesefluss, die Geschichte hat mich nirgends abgeholt. –
Natalie Goldberg: Schreiben in Cafés. Kreatives SchreibtrainingEin Buch für alle, die schreiben wollen. Es geht mehr darum, ins Schreiben zu kommen, als eine technische Anleitung. Es ist ein motivierendes, persönliches, inspirierendes Buch mit vielen kleinen Tipps, die dazu führen, loszuschreiben, denn: Das wichtigste, um schreiben zu lernen, ist schreiben. 5
Jochen Schmidt: Ich weiss noch, wie King Kong starbEin humoristischer Blick auf das alltägliche Leben, begleitet von kleinen Comics des Autors. Die Kindheitsträume eines DDR-Jungen sind ebenso Thema wie die Natur, Kunstwerke, Bananen und Bommelmützen. Vielleicht wäre es lustiger, wenn man selbst in der DDR aufgewachsen wäre, auf alle Fälle nimmt das scharfsinnig Witzige mit der Zeit eher ab und die Längen nehmen zu. 3
Ferdinand von Schirach: NachmittageIn seinem ruhigen sachlichen Ton schreibt sich Ferdinand Schirach durch die Gegebenheiten seiner Geschichten, langsam plätschern die Texte dahin, so dass die Gedanken beim Lesen zu oft abschweifen zu früheren Büchern des Autors, die so grossartig waren, dass man dieses Buch blind gekauft hat und nun doch etwas enttäuscht ist.3
Ingeborg Bachmann, Max Frisch: «Wir haben es nicht gut gemachtDer Briefwechsel zwischen dem Liebespaar, dessen Beziehung von Anfang an mit dem drohenden Absturz kämpfte, das so gerne wollte, was erst schwierig erschien, dann war, schlussendlich untragbar wurde, und zwei zurückliess, die trotz allem wohl eine Liebe füreinander bewahrten, die jedoch nicht nährte, sondern eher auszehrte. Ein sehr bedrückendes Buch, ein (vielleicht zu) intimer Blick tief in die Seelen und Herzen zweier Menschen.4
Olga Tokarczuk: Übungen im FremdseinEssays und Reden zum Schreiben und zur Welt, in der wir leben. Wie schaffen wir durch Sprache neue Welten, wohin läuft die Welt und wie gehen die Geschichten mit? Wie entstehen Figuren, woher kommen Ideen, was haben sie mit der Welt draussen zu tun und wie viel von der inneren Welt steckt drin? Ein Blick hinter die Kulissen der Literaturnobelpreisträgerin. 4
Bonnie Garmus: Eine Frage der ChemieDie Geschichte einer Frau, die dafür kämpft, auch als Frau ernst genommen zu werden, zu einer Zeit, als das kein Thema war. Als alleinerziehende Mutter, eigentlich Chemikerin von Beruf, findet sie sich in einer Fernsehsendung zum Kochen wieder, doch sie hat mehr im Sinn, als nur Essen auf den Tisch zu bringen. Und: Die Geschichte einer grossen Liebe, die zwar endet, aber doch das Leben weiter prägt. 4
Stephan Porombka: Kritiken schreiben. Ein TrainingsbuchMan könnte es genauso gut als Schreibratgeber generell ansehen: Eine Anleitung, was eine Erzählung ausmacht, wie man sie angeht, woraus sie besteht. Kritik beinhaltet all das, aber immer in Bezug auf etwas, auf ein Werk. Eine gelungene Einführung und Übungsanleitung.5
Thorsten Pilz: Weite SichtNach dem Tod von Friedrich erfährt Charlotte bei der Testamenteröffnung, dass dieser eine lange Zeit eine Affaire mit ihrer Schwester hatte. Doch das ist nicht die einzige Lebenslüge, die ans Licht kommt. Die Gelegenheit ist da, die eigenen Beziehungen zu überdenken und das Leben neu auszurichten. 5
Tillie Olsen: Was fehltEssays über das Schweigen in der Literatur, darüber, was dem Schreiben im Weg steht und was nötig wäre, um schreiben zu können. Mit vielen Beispielen aus Tagebüchern und Briefen schreibender Menschen lässt Tillie Olsen den Blick hinter die Kulissen von Schreibenden (und nicht mehr Schreibenden) zu und beleuchtet die Schwierigkeiten, mit denen schreibende Menschen (vor allem Frauen) zu kämpfen haben. 4
Simone Atangana Bekono: Salomés Zorn – abgebrochenEs soll die Geschichte eines Mädchens sein, das durch erlebtes Unrecht wütend und dann gewalttätig wird. Ich fand nicht rein. Der Erzählfluss stoppt alle paar Seiten, um an einem anderen Punkt wieder anzusetzen. Die Protagonistin wird nicht deutlich, wir haben nur Erinnerungsfetzen und ein paar aktuelle Erfahrungen. Es gab nichts, woran ich mich hätte halten können, um weiterlesen zu wollen. –
Nicolas Mathieu: Rose Royal – abgebrochenDiese typisch männliche Frauenbeschreibung war schon fast Grund zum Abbruch, doch die folgenden Klischees von Bars, Männern in Bars, alleinstehenden Frauen um die 50 und die Klischee-Geschlechterrollen haben den Rest gegeben. –
Nick Hornby: Mein Leben als Leser – abgebrochenEine Auflistung der gekauften und gelesenen Bücher sowie ein dem Lesen entlang Schreiben und Kommentieren der Leseerfahrungen und des eigenen Lebens rund ums Lesen. Mich sprach die zu joviale Sprache nicht an, ich wurde mit dem Stil nicht warm.–

Thorsten Pilz: Weite Sicht

Zum Inhalt

«Charlottes Gedanken drehten sich weiter. Friedrichs Tod, sein Testament, sein Doppelleben…, ihre Freundschaft mit Sabine, die gemeinsame Zeit in ihrem Haus in Hamburg. All das wollte sich in dieser Nacht nicht zusammenführen lassen.»

Als Friedrich stirbt, kommen sie ans Licht – all die kleinen Lebenslügen. Charlotte, Friedrichs Witwe, blickt auf ihr Leben bislang, auf die Beziehungen zu Familienmitgliedern und Freunden, und merkt, dass es nun, mit über 70, an der Zeit ist, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, um das Leben zu leben, das sie zu leben nicht gewagt hatte. Sie ist damit nicht allein.

Gedanken zum Buch
Sartre sagte, wir würden in die Welt geworfen und es sei an uns, uns darin einzurichten als die, die wir sind. Das nannte er unsere Freiheit, zu welcher wir verdammt seien. Es scheint, dass wir dieser Verdammnis oft leicht entkommen, indem wir uns gesellschaftlichen und familiären Zwängen und Geboten unterwerfen. Wir nehmen ein Lebensmodell auf, von dem wir denken, es würde von uns erwartet – und oft ist dem auch so. Wir fügen uns in eine Lebenssituation ein, weil dies allein unsere Zugehörigkeit in der Gemeinschaft, zu der wir gehören wollen, sichert. Nicht selten befinden wir uns dann bei näherem Betrachten in einem Leben, das uns nicht entspricht. Dies widerfährt den Figuren in Thorsten Pilz’ Roman «Weite Sicht». Alle hatten sich vordergründig eingerichtet in ihren bürgerlichen Existenzen, hatten dafür (was oft verdrängt wurde) Träume und Lieben aufgegeben. Als Friedrich stirbt, kommt alles ans Licht.

Wieso dann, könnte man fragen? Vielleicht weil er mit einer offenen Aussprache (in Form eines durch den Nachlassverwalter vorgelesenen Briefs) den Stein ins Rollen brachte. Was sich vorher schon in kleinen Brüchen in der Fassade zeigte, brach nun durch. Jeder für sich war gefordert, hinzuschauen. Die Frage, wessen Leben man gelebt hatte und welchen Preis man dafür zahlte, lag nun offen da. Und sie suchte nach Antworten, die jeder für sich finden musste.

«No regrets in life! Just lessons learned.”

Thorsten Pilz hat ein wunderbares Buch über die menschliche Fähigkeit zur Anpassung geschrieben. Er thematisiert, wie über Jahre Lebenslügen aufrecht erhalten werden, um den Schein zu wahren. Er legt die Folgen für den jeweils Einzelnen offen, und er macht deutlich, wie daraus ein Beziehungsgefüge von eigentlich beziehungslosen Menschen entsteht. Dies alles gelingt Pilz ohne moralischen Zeigefinger oder psychologisierende Sozialkritik, sondern durch eine stille, sachliche, trotzdem menschliche und wohlwollende Erzählweise. Wir Leser begleiten Charlotte durch die Tage nach Friedrichs Tod, sehen Lügengebilde platzen, Trauer aufsteigen und neue Lebenspläne entstehen. Wir sind Teil eines Umbruchs, fühlen uns beim Lesen mittendrin und würden am liebsten das Glas hinhalten, wenn Rotwein eingeschenkt und das Leben besprochen wird.

Fazit
Ein warmherziges, einnehmendes, berührendes Buch über Liebe und Tod, Schein und Sein, Beziehungen und Eigenverantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Thorsten Pilz (Jahrgang 1969) ist Redakteur beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Seine Liebe zu Dänemark begann in Sommerurlauben an der jütländischen Westküste mit Softeis, Pølser und scheinbar endlosen Sandstränden. WEITE SICHT ist sein erster Roman. Thorsten Pilz lebt in Hamburg.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Lübbe; 1. Aufl. 2023 Edition (31. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 288 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3785728376

Lebenskunst: Eigenarten

«Schön, ist es auf der Welt zu sein, sagt der Igel zu dem Stachelschwein.»

Ich mag Menschen. Ich liebe gemeinsame Essen an grossen Tafeln mit angeregten Gesprächen, ich liebe die vertraulichen und tiefen Momente mit einer Freundin. Ich liebe auch spontane Begegnungen mit eigentlich fremden Menschen, mit denen plötzlich ein Austausch entsteht. Es gibt aber Momente, da mag ich keine Menschen um mich haben. Da suche ich die Einsamkeit, suche die Stille, die Zeit nur für mich. Ich mag in diesen Momenten nicht gestört werden, will versinken können in ihnen, um dann wieder wie frisch gestärkt aus ihnen zu steigen und mich unter die Menschen zu mischen. 

Manchmal finde ich es schwer, mir diese Zeit zu nehmen, weil ich merke, dass manche Menschen dieses Bedürfnis (in dieser Ausgeprägtheit) nicht verstehen. Ich habe ich oft gefragt, ob ich irgendwie eigenartig bin, komisch, nicht in diese Welt passend. Ich bin zum Schluss gekommen, dass ich in der Tat eigenartig bin – wie jeder andere auch. Der Wunsch, in dieser Eigenartigkeit akzeptiert zu werden, ist gross, aber ich kann es nicht erwarten. Mir deswegen aber zu versagen, nach meinen Bedürfnissen zu leben, ist der falsche Schluss, denn das wird zu nichts Gutem führen. Ich werde mich zunehmend unwohler und dadurch gereizter fühlen, nur um zu merken, dass ich mit einem Menschen, der mich mit meinen Eigenarten nicht akzeptieren kann, nie auf einer Linie sein werde. Zudem führt die so entstehende Unzufriedenheit oft auch zu Konflikten, weil ich aus ihr heraus reagiere und nicht mehr auf konkrete Situationen. 

Der Weg dahin war nicht leicht, er war manchmal schmerzhaft, aber wichtig. Es war ein Weg hin zu mir, zum Wissen, dass ich Grenzen setzen darf, dass meine Bedürfnisse etwas zählen und ich es (mir) wert bin, sie zu leben.

Fällt es dir leicht, zu deinen Bedürfnissen zu stehen? 

Brigitte Reimann: Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955 – 1963

Eine junge Frau schreibt Tagebücher. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, viele jungen Mädchen und Frauen tun es, auch einige Jungs und Männer. Es gibt Veröffentlichungen vieler Tagebücher von Schriftstellern, die Bandbreite des Inhalts reicht von Tagesbeobachtungen und Notizen zu Befindlichkeiten (man denke an Thomas Mann) über Schaffensprotokolle (derselbe),  bis hin zu hochphilosophischen Gedankengängen (Georg Lichtenberg, Hannah Arendt, Ayn Rand und viele mehr). Die Frage, ob solche Tagebücher, die eigentlich privat verfasst wurden, veröffentlicht werden sollten, kann sich moralisch stellen, wenn der Schreiber der Veröffentlichung nicht explizit zugestimmt hat, sie stellt sich aber auch im Hinblick auf den zu erwartenden Wert und Sinn für den Leser.

Beides ist für mich bei den vorliegenden Tagebüchern sehr in Frage gestellt. Als Leser wird man über Seiten mit spätpubertär anmutenden Liebesphantasien und -eskapaden einer jungen Frau überflutet. Jeder Mann ist ein potenzieller Liebhaber, entpuppt sich mehrheitlich als sehr angetaner Verehrer, und das schwache Weib kann nicht widerstehen, gibt sich hin, prahlt im Tagebuch einerseits mit ihrer Wirkung und kokettiert mit gespielter (für wen eigentlich) Selbstkritik. Dass dann und wann ein paar tiefgründige Gedanken einfliessen, wiegt die Sache leider bei Weitem nicht auf.

Diese endlosen Liebeleien und Schwankereien zwischen Männern waren schlicht ermüdend. Es geht mir nicht um Sitte und Moral, jeder kann, wie er mag. Aber: Ich möchte das nicht lesen. Nun kann man sagen: «Kein Problem, kauf das Buch nicht.» Aber ich frage mich dann, was für eine Motivation gibt es, das zu drucken? Worauf zielt man ab? Literarischen Mehrwert wohl kaum. Auf den Voyeurismus der Menschen? Sex sells? Der neugierige Blick hinter die Schlafzimmergardinen anderer als Verkaufsmagnet, im Wissen, dass das zieht? Tut es das wirklich?

«Ich habe längst keine rechte Lust mehr, mich mit meinem Tagebuch zu beschäftigen – ist ja doch alles Schwindel. Die ganze Welt ist ein Gewebe von Lügen, man sollte sich aufhängen. Aber dazu hat man ja doch keinen Mut, so treibt es einen weiter, und manchmal bildet man sich ein, glücklich zu sein.»

Bei mir zog es nicht. Im Gegenteil. Es war das erste Buch, was ich von Brigitte Reimann las, und irgendwie habe ich gar keine grosse Lust mehr, nun eines ihrer Werke zu lesen. Brigitte Reimanns eigene fehlende Lust auf diese Tagebücher kann ich nachvollziehen, so ging es mir auch. An den Satz angehängt findet sich zwar eine der sehr seltenen tieferen Betrachtung, die den Menschen hinter all der oberflächlichen Liebelei durchscheinen lässt – leider sind diese Einsichten zu dünn gesät.

Persönliche Betrachtung
Beim Lesen der vorliegenden Tagebücher merkte ich eines: Grundsätzlich trenne ich Werk und Autor. Ich lese meist ein Buch und will dann mehr über den Autoren erfahren, wenn mich dieses begeistert hat. Wenn im Nachhinein Details über einen Autor bekannt werden, die diesen diskreditieren, tangiert das sein Bild als Mensch, nicht aber meine Begeisterung für ein Buch. Wenn sich aber eine Antipathie für einen Künstler entwickelt hat, fehlt mir die Motivation, seinen Werken Zeit zu widmen.

Wie geht euch das?

Zur Autorin und weiteren Mitwirkenden
Brigitte Reimann, geboren 1933 in Burg bei Magdeburg, war seit ihrer ersten Buchveröffentlichung freie Autorin. 1960 zog sie nach Hoyerswerda, 1968 nach Neubrandenburg. Nach langer Krankheit starb sie 1973 in Berlin. Veröffentlichungen: Ankunft im Alltag (1961), Die Geschwister (1963), Das grüne Licht der Steppen. Tagebuch einer Sibirienreise (1965), Franziska Linkerhand (1974). Außerdem die Briefwechsel mit Christa Wolf, Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen 1964-1973 (1993), mit Hermann Henselmann, Mit Respekt und Vergnügen (1994), Aber wir schaffen es, verlaß Dich drauf. Briefe an eine Freundin im Westen (1995) und mit Irmgard Weinhofen, Grüß Amsterdam. Briefwechsel 1956-1973 (2003), sowie die Tagebücher Ich bedaure nichts (1997) und Alles schmeckt nach Abschied (1998). Aus dem Nachlaß: Das Mädchen auf der Lotosblume. Zwei unvollendete Romane (2003). Zuletzt erschienen Jede Sorte von Glück. Briefe an die Eltern (2008) und Post vom schwarzen Schaf. Geschwisterbriefe (2018).

Angela Drescher, geboren 1952, ist Lektorin und gab Werner Bräunigs Roman „Rummelplatz“ heraus, außerdem die Tagebücher Brigitte Reimanns und die ungekürzte Neuausgabe des Romans „Franziska Linkerhand“.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Aufbau; 1. Edition (14. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 592 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3351041861

Bücherliebe

Meine Mutter will umziehen und sortiert aus. Die Bücher werden keinen Platz haben, so dass ich holte, was ich haben möchte. Es hat nicht viele Bücher. Sie standen immer bei uns, gelesen hat wohl nie jemand drin, zumindest habe ich weder meine Mutter noch meinen Vater je Bücher lesend gesehen. Mein Vater las Zeitungen, viele verschiedene von vorne bis hinten. Er arbeitete auch für eine. Meine Mutter las gar nicht. Doch: Sie las mir vor, als ich ein Kind war. Märchen. Als ich ein wenig älter war, ging sie mit mir in die Bibliothek. Woche für Woche lieh ich fünf Bücher aus und las sie alle. Mehr durfte man nicht. Einmal lieh ich – noch klein – ein Buch mit Tierfabeln aus und liebte es, so dass ich es immer wieder ausgeliehen habe. Bis die Frau da meinte, ich dürfe nicht mehr. 

In den folgenden Nächten hörte ich meine Mutter jede Nacht auf ihrer Schreibmaschine tippen – immer wieder klingelte der Hebel beim Umschalten auf die neue Seite. Irgendwann kam sie zu mir und übergab mir einen dicken Stapel mit Seiten, die sie mit einem Faden zu einem Buch gebunden und dessen Titelblatt sie mit aus Zeitschriften ausgeschnittenen Tieren dekoriert hatte. Sie hatte das ganze Fabelbuch für mich abgeschrieben. Ich habe es leider nicht mehr. So wie ich bald auch meine Mutter nicht mehr in der Nähe haben werde. Wenigstens bleibt die Erinnerung.  Damit ist nichts ganz verloren. 

Immer, wenn ich diese Bücher nun im Regal sehe, werde ich mich an den Moment erinnert sein, wie sie bei mir einzogen. Das geht mir mit vielen Büchern so: Ich weiss, wann und wo ich sie gekauft oder geschenkt gekriegt habe. Geht euch das auch so? Habt ihr auch solche Büchergeschichten?


Heinrich Mann (27. März 1871 – 11. März 1950)

Heinrich Mann wird am 27. März 1871 als erstes Kind einer Lübecker Kaufmannsfamilie geboren. Vier Jahre später kommt sein Bruder Thomas zur Welt, später die Schwestern Julia und Carla und schlussendlich der kleinste Bruder Viktor.

Mit 13 beschliesst Heinrich Mann, Schriftsteller zu werden und setzt dies auch gegen die Wünsche seines Vaters durch, welcher ihn lieber in einem Jura-Studium sähe. Heinrich Mann bricht das Gymnasium ab und wird ein Suchender. Nach einer abgebrochenen Buchhandelslehre (begonnen nur als Kompromiss mit dem Vater) arbeitet er kurz in einem Verlag, belegt einige Vorlesungen an der Uni und begibt sich danach auf Reisen. Wie tief die Ablehnung der Schriftstellerwünsche Heinrich Manns durch den Vater gehen, zeigt dessen Testament 1891:

„Soweit sie (die Vormünder) es können, ist den Neigungen meines ältesten Sohnes zu einer literarischen Thätigkeit entgegenzutreten. Zu gründlicher, erfolgreicher Thätigkeit in dieser Richtung fehlen im m. E. die Vorbedingnisse: genügendes Studium und umfassende Kentnisse. Der Hintergrund seiner Neigungen ist träumerisches Sichgehenlassen und Rücksichtslosigkeit gegen andere, vielleicht aus Mangel am Nachdenken.“

Heinrich Mann hält an seinem Wunsch fest, er schreibt Erzählungen, poetische Texte, Rezensionen und später auch politische Essays. Nach Heinrich Manns eigenen Aussagen soll sein Vater kurz vor seinem Tod doch noch den Segen für diesen Weg gegeben haben.

1904 schreibt er seinen ersten Roman, „Professor Unrat“ erscheint ein Jahr später, stösst aber in Lübeck auf Schweigen oder Kritik. Erst die Übersetzungen und die spätere Verfilmungen bringen den Erfolg.

1902 beginnt Heinrich Mann mit der Arbeit an seinem Roman „Der Untertan“, welcher aber erst 1915 erscheinen wird, allerdings nur auf russisch (es gab eine deutsche Privatausgabe, weil die Zensur die Veröffentlichung in Deutschland verunmöglichte). Erst nach dem Krieg war 1918 auch eine Veröffentlichung in Deutschland möglich.

Die Beziehung zwischen den beiden Brüdern Thomas und Heinrich ist immer von Auf und Abs begleitet. Schon in Lübeck kommt es zu einem Zwist, als der Langsamschreiber Thomas (er schreibt pro Tag etwa eine Seite bis anderthalb) den Vielschreiber anfährt:

„Ich halte es für unmoralisch, aus Furcht vor den Leiden des Müssigganges ein schlechtes Buch nach dem anderen zu schreiben.“

Die Aussage mag sehr überheblich klingen, doch Heinrich Mann steht in der Folge wirklich im Schatten seines erfolgreichen Bruders. Trotzdem ist die Bruderverbindung auch eine enge, so reisen die beiden Brüder vor Ausbruch des ersten Weltkrieges auch zusammen nach Palestrina, in der Nähe von Rom, wo Thomas Mann an seinen Buddenbrooks schreibt.

1914 bricht der Kontakt völlig ab wegen unvereinbarer politischer Haltungen. Heinrich Mann lehnt den Krieg ab. Er warnt sogar in seinem Roman „Der Untertan“ vor dem wilhelminischen Obrigkeitsstaat mit seinem Militarismus und prangert die Haltung des „Deutschland über alles in der Welt“ aufs schärfste an:

„Auf dem Pferd dort, unter dem Tor der siegreichen Einmärsche und mit Zügen, steinern und blitzend, ritt die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! (…) Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in gegliederten Massen, als Neuteutonen, als Militär, Beamtentum, Kirche und Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisationen und Machtverbände kegelförmig hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend!“

Thomas Mann hingegen ist von der allgemeinen Kriegsbegeisterung erfasst und ruft freudig aus:

„…wie die Herzen der Dichter in Flammen standen, als jetzt Krieg wurde“

Eine wirkliche Versöhnung kommt erst 1922 zustande.

Die nächsten Jahre sind nicht einfach. 1923 stirbt die Mutter, 1927 nimmt sich seine Schwester Julia das Leben (schon der Suizid von Clara 1910 hat ihn tief erschüttert), 1930 kommt es zur Scheidung von seiner Frau, zu der Zeit kennt er Nelly Kröger, seine spätere Frau, bereits.

Nach seinem politischen Einsatz (gemeinsam mit Käthe Kollwitz und Albert Einstein) für einen Zusammenschluss der Kommunisten und der Sozialdemokraten gegen die Nationalsozialisten (das kostet ihn die deutsche Staatsbürgerschaft) verlässt Heinrich Mann 1933 Deutschland und geht nach Nizza.

1935 bis 1938 schreibt er an seinem Zweiteiler „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“. Er wird zum Gegenbild aller entarteten Führerfiguren auf dieser Welt stilisiert. Sogar Thomas Mann lobt das Buch in höchsten Tönen:

„…das Gefühl, es mit dem Besten, Stolzesten, Geistigsten zu thun zu haben, das die Epoche zu bieten hat. Das Buch ist gross durch Liebe, durch Kunst, Kühnheit, Freiheit, Weisheit, Güte, überreich an Klugheit, Witz, Einbildungskraft und Gefühl…“

Nach seiner Hochzeit mit Nelly Kröger 1939 fliehen die beiden mit Golo Mann und den Werfels 1940 in teilweise beschwerlichen Fussmärschen durch die Pyrenäen in die USA, wo er sich aber nie heimisch fühlt und der Erfolg ausbleibt, obwohl er ein Werk nach dem anderen schreibt. Es sind düstere Jahre und die Alkoholprobleme seiner Frau tragen sicher viel dazu bei. Unterstützung erhält er von seinem Bruder Thomas, dessen Werke übersetzt werden und der auch sonst grosse Erfolge feiern kann. Nelly Mann nimmt sich 1944 das Leben und Heinrich Mann stürzt in ein grosses Loch.

Erst im Jahr 1949 scheint es aufwärts zu gehen. Heinrich Mann wird zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt, er stirbt aber noch vor seiner Übersiedlung am 11. März 1950 in Santa Monica, Kalifornien.

Werke

  • 1891 Haltlos
  • 1894 In einer Familie
  • 1897 Das Wunderbare und andere Novellen
  • 1900 Im Schlaraffenland
  • 1905 Flöten und Dolche (Novellen)
  • 1905 Professor Unrat (Roman)
  • 1907 Zwischen den Rassen
  • 1912 Die grosse Liebe
  • 1917 Die Armen
  • 1918 Der Untertan
  • 1912 Diktatur der Vernunft
  • 1932 Ein ernstes Leben
  • 1949 Der Atmen

Lebenskunst: Dunkle Stunden

Rainer Maria Rilke schrieb in einem meiner liebsten Gedichte:

„Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangen Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.“

Das Leben läuft nicht immer so, wie wir uns das erträumt haben. Manchmal beginnen wir einen neuen Lebensabschnitt voller Freude und Hoffnung, um dann vor einer Mauer zu stehen, wo es nicht mehr weiter geht. Oder wir leiden an einer Krankheit, werden von Menschen enttäuscht, auf die wir gebaut haben. Und dann wird die Welt dunkel, alles erscheint in düsteren Farben, wir hadern mit geplatzten Hoffnungen und leiden. Es sind die Momente, die wir eigentlich nicht in unserem Leben wollen, wir streben die lichtvollen an, die, welche hell und klar scheinen. Leider wird das Leben nie nur hell sein, zudem ist es nicht mal sicher, ob das wirklich wünschenswert wäre.

Oft zwingen uns gerade die dunklen Stunden, genauer hinzuschauen. Oft öffnet sich dann der Blick auf vorher Verborgenes, wir erkennen Irrtümer, Wünsche, Träume, finden neue Ziele. Oft sind es die problematischen Situationen, an denen wir wachsen.

Vielleicht können wir dunkle Stunden auch als Chance sehen? Als Möglichkeit, innezuhalten, uns zu hinterfragen? Vielleicht sind sie Mittel, unserem Unbewussten mehr auf die Spur zu kommen, weil sie uns mit dem konfrontieren, was uns leiden lässt. Vielleicht finden wir dadurch auch Mittel und Wege, künftiges Leiden zu minimieren, so dass wir von Mal zu Mal wachsen. Und sicher hilft der Gedanke daran, dass irgendwann wieder die Sonne aufgehen wird und es hell wird. 

Was macht ihr, wenn im Dunkel sitzt? Habt ihr Strategien, wie ihr wieder ins Licht kommt?