Moritz Rinke: Wir lieben und wissen nichts

Lebenslügen und Ausbruchsversuche

Du sitzt ja immer noch da! Es kann jeden Moment losgehen…

Hannah muss für einen Job nach Zürich, Sebastian soll gegen seinen Willen mit, weil Hannah ihre Wohnung für die Zeit mit Roman getauscht hat, welcher beruflich in die Stadt kommt und seine Frau Magdalena mitbringt.

Sebastian, pack bitte deinen Koffer, unsere Tauschpartner sind in einer Stunde da! Und ich weiss nicht, ob die hier wohnen wollen mit einem fremden Mann in der Abstellkammer!

Die Wohnungsübergabe ist alles anderes als reibungslos, Sebastians Unwille zeigt sich in mangelndem Antrieb und ausufernden Wortergüssen, welche sich meist gegen die Welt von Romans und Hannahs Geschäftsumfeld wenden, Roman und Hannah treiben zur Eile an und Magdalena fühlt sich von Sebastians Unkonventionalität angezogen, was sich nach einigen Gläsern Champagner noch verstärkt.

Schon bald liegen sämtliche Abgründe der beiden Beziehungen offen, teilweise durch die Dialoge unter den Partnern, teilweise durch die Verständigung übers Kreuz zwischen den jeweils verwandten Charakteren.

Moritz Rinke gelingt mit seinem Theaterstück quasi ein Mikrokosmos, welcher ein Abbild der Gesellschaft darstellt. Die vier Personen widerspiegeln sowohl die einzelnen Klassen der Gesellschaft (Wirtschaft/Technik, Kunst, Spiritualität, welche sich allerdings in den Dienst der Wirtschaft stellt und anpassungsfähige Ehefrau) und die Kräfte, die dazwischen wirken. Man sieht sich mittendrin in den gegenseitigen Abhängigkeiten und Verachtung. Auf der tatsächlichen Beziehungsebene wird man Zeuge von lange gehegten Lebenslügen, die über die Jahre aufrecht erhalten wurden, um die Beziehung zu stützen, die sie aber langsam unterhöhlten und den gegenseitigen Respekt absterben liessen. Die Ahnung, die von Anfang an geschürt wird, bestätigt sich: Das kann kein gutes Ende nehmen. Und irgendwie nimmt es keines, weil die Geschichte noch nicht fertig ist, die Gesellschaft noch nicht am wirklichen Scheidepunkt. Alles ist möglich, der Preis zeigt sich schon im bislang gesagten, doch man hat ihn so lange gezahlt, man wird es weiter tun.

Fazit:
Ein Theaterstück über eine Beziehung, welche der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Sehr gelungen.

Zum Autor
Moritz Rinke
Moritz Rinke wurde 1967 in Worpswede bei Bremen geboren und studierte in Giessen Angewandte Theaterwissenschaft. Danach arbeitete er für verschiedene Zeitungen wie Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, FAZ, u.a., wurde da für seine Tätigkeit zweimal mit dem Axel-Springer-Preis ausgezeichnet. Seit 1999 schreibt Moritz Rinke Theaterstücke. Sein Bühnenstück Republik Vineta wurde 2001 zum besten deutschsprachigen Theaterstück gewählt und 2006 verfilmt. 2003 debütierte er als Schauspieler und schaffte es bis nach Cannes. 2010 erschien sein erster Roman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Moritz Rinke lebt als freier Autor in Berlin. Von ihm erschienen sind unter anderem Republik Vineta (2000), Die Nibelungen (2002), Die Optimisten (2003), Cafe Umberto (2005), Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel (2010), Wir lieben und wissen nichts (2013).

4B56696D677C7C33353230323836377C7C434F50Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (2. Mai 2013)
ISBN-Nr.: 978-3499245190
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Wiedergutmachung

Kürzlich kam es zu einer Diskussion darüber, ob die Schweiz den ehemaligen Verdingkindern Geld zahlen müsse, ob es mit einer Entschuldung nicht getan sei. Die Stimmen wurden gleich laut, dass man natürlich nur mit Geld aufwiegen könne, was je passiert ist. Das Unrecht war gross, keine Frage, die damaligen Kinder litten, viele haben die Narben in die Gegenwart (oder schon in den Tod) mitgenommen. Macht Geld da was gut? Wiegt es etwas auf? Ist dann alles wieder gut?

Heute las ich den Entsetzensschrei über eine geforderte Steuererhöhung für höhere Einkommen. Die dies Fordernden wurden als Neidhammel bezeichnet, die den besser gestellten den Lohn nicht gönnen. Wie man in der heutigen Zeit noch mehr Steuern fordern könne.

Zurück bleibt die Frage: Wer soll alles bezahlen? Keiner will Steuern bezahlen, Unecht soll mit Geld abgegolten werden, die Infrastrukturen ausgebaut, alles muss funktionieren. Lebt man in einem EU-Staat, muss man noch andere Staaten sanieren (sofern man nicht saniert wird, dann kümmert man sich wohl auch weniger um das Gestern, sondern kämpft mit dem Heute).

Geld regiert die Welt. Am Besten fliesst es vom Himmel, denn es muss einfach da sein, sonst geht gar nicht. Ein „es tut mir leid“ reicht nicht, es muss Geld fliessen. Geld zahlen will aber keiner. Es ist irgendwie verdammt einfach, vom Moralstandpunkt aus zu sagen, wo Geld hinfliessen soll, wenn man das Geld nicht selber zahlt. Täte man das, sähe es sicher anders aus. Moral ist ein verdammt zweischneidiges Schwert. In der Theorie glänzen wir alle drin. Haben Theorien, Ideale. Sehen uns als Widerstandkämpfer im Dritten Reich und Rächer der Opfer im Heute. Praktisch bleiben es leere Worte, die die Handlung anderen zuschreiben.

Nun kann man sagen, mit dem Wort fängt der Kampf an. Zuerst muss etwas benannt sein, bevor es sich setzt, Wirkung zeigt, Handlungen folgen. Nur müsste beim Aussprechen des Wortes in meinen Augen schon die Tragweite der geforderten Handlung miteinbezogen werden. Nur zu fordern, ohne zu sehen, wo die Forderung hinläuft, könnte böse Abstürze zur Folge haben. Aber für den Fall gibt es sicher wieder genug, die in der Theorie alles besser gewusst hätten oder aber einfach nur die Folgen ohne die dahinter liegenden Forderungen anschauen und sie verurteilen.

Gibt es Widergutmachung? Nein, nicht im kollektiven Rahmen. Im Einzelfall kann man geschehenes Unrecht nach Normen abgelten. Gut ist es dann noch nicht, aber das Unrecht wurde sanktioniert. Das ist das Prinzip des Rechts angewendet auf den Einzelfall. Bei kollektivem Unrecht im Stile eines Kriegs, eines Völkermords kann man sicher auch allgemein gültige Gesetzeslaute formulieren. Aber nur da, wo es um allgemeine Forderungen geht. Und auch dann ist nicht alles wieder gut. Wieder gut wird es nie. Man kann es nur in Zukunft besser machen. Und die Fehler der Vergangenheit einsehen. Und beide Seiten müssen lernen, damit umzugehen.

Martin Walker: Femme fatale. Der fünfte Fall von Bruno, Chef de police

Frauen und andere Ungereimtheiten

Eine nackte Frauenleiche treibt in einem Boot durch Périgord, mit an Bord ein toter Hahn und grosse schwarze Kerzen. Schnell werden Stimmen laut, es handle sich um das Werk von Satanisten. Die einen fürchten um den Ruf von Périgord, die anderen freuen sich über Touristenströme. Aks kurz darauf in der örtlichen Höhle eingebrochen wird und ein blutiger Ziegenkopf sowie eine schwarz angemalte Madonna den Tatort zieren, sieht sich Bruno, der örtliche Chef de police, inmitten eines undurchschaubaren Falles welcher nicht nur mit Mord und möglichen Teufeln, sondern auch mit dubiosen Finanzgeschäften und vielen schönen Frauen mit verführerischen Absichten im Zusammenhang steht.

Die Fäden reichen immer weiter, bis nach ganz oben, was die Ermittlungen zusätzlich erschwert. In welche Richtung Bruno auch ermittelt, immer wieder führen ihn die Spuren zur Roten Komtesse, die auf einem Schloss in Périgord lebt. Früher eine blühende Schönheit, Kämferin für den Widerstand und Kommunistin, liegt sie heute mit Alzheimer unansprechbar im Bett. Neben all dem beruflichen Chaos sind da auch noch die Frauen in Brunos Leben. Wohin das alles führen soll?

Martin Walkers neuster Fall für seinen Chef de Police Bruno ist ein Krimi wie er im Bilderbuch steht. Er lebt von seinem überaus sympathischen Polizisten Bruno, bei dem man gerne einfach an den Tisch sitzen würde, sein Kochkünste bewunderte und den Hund zwischen den Ohren kraulte. Man sieht ihn vor sich und man mag ihn. Dabei wird der ganze Rest schon fast zweitrangig, das Buch hat den Leser quasi adoptiert.

Martin Walker passt prima in die Reihe der traditionellen Krimiautoren. Ihm gelingt es, eine charismatische Hauptfigur zu entwerfen, die er in ein liebliches französisches Dörfchen mit all seinen Eigenheiten und typischem Dorfcharakter setzt.

Mischt man dann noch ein paar männliche Probleme eines in die Jahre geratenen gutherzigen Mannes hinzu und lässt die entsprechenden Frauen mitspielen, wird die Handlung eigentlich fast nebensächlich, man ist gefangen. Trotzdem entbehrt der Krimi keineswegs der Spannung. Zwar hat man immer eine Ahnung, wer denn der Gesuchte sein könnte, erkennt aber die  Zusammenhänge nicht und tappt so immer wieder erneut im Dunkeln. All das macht Femme fatale zu einem Lesevergnügen.

Geht man nach Schreiblehrgang vor, kann man sagen: Protagonist perfekt gezeichnet, Antagonisten relativ farblos, aber ausreichend, Schauplatz lebendig, man fühlt sich mittendrin, Plot stringent.

Fazit:
Schlicht ein Lesegenuss von der ersten bis zur letzten Seite. Unbedingt empfehlenswert.

Zum Autor
Martin Walker
Martin Walker wurde 1947 in Schottland geboren. Er studierte in Oxford Geschichte, wechselte dann nach Harvard, um internationale Beziehungen und Wirtschaft zu studieren. Nach dem Abschluss war er viele Jahre im Journalistischen Bereich (The Guardian, Global Businell Policy Council) tätig. Und veröffentlichte daneben Werke über politische Themen. 1999 folgte der Umzug nach Périgord, wo er durch die Umgebung und ihre Bewohner zu seinen Kriminalromanen rund um Bruno, Chef de Police, inspiriert wurde.  Von ihm erschienen sind unter anderen Bruno, Chef de police (2009), Grand cru. Zweiter Fall für Bruno, Chef de police (2010), Schatten an der Wand (2012), Femme fatale. Der fünfte Fall für Bruno, Chef de police (2013).

WalkerFemmeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 426 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (23. April 2013)
Übersetzung von: Michael Windgassen
ISBN-Nr.: 978-3257068627
Preis: EUR  22.90 / CHF 34.90

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Zu feste Bänder

Eines Morgens wachte sie auf und merkte, dass sie im falschen Film war. Der Film ging schon lange, es war nicht mehr ganz ersichtlich, wann er begonnen hatte, sich in eine Richtung zu entwickeln, mit der sie eigentlich nicht übereinstimmte. Sie war in diesem Film langsam vom Regisseur zum Statisten geworden. War sie je Regisseur gewesen? Sie hatte es bis vor kurzem meistens gedacht. Oder vielleicht hatte sie auch gar nicht gedacht, sondern hatte sich treiben lassen. Schon da nicht Fährmann, eher treibendes Holz.

Sie sitzt im Bett und träumt von neuen Ufern. Von Ufern, die anders wären als die Festung, in der sie gerade sass. Sie sah Landstriche, die hell und sonnig waren, die ein Gefühl von Freiheit in sich trugen. Sie sah ein neues Leben an einem neuen Ort vor sich und sie zeichnete dieses Leben in den buntesten Farben, in allen Formen, auf alle Weisen. Sie griff in die Farbtöpfe, kleckerte, klotzte ab und an gar. Weg mit den Hindernissen, weg mit den Hemmnissen. Sie dachte an all ihre Träume und Wünsche, dachte an das Leben, das sie mal leben wollte und sah hin, wo sie gelandet war. Und die Schere dazwischen liess sie in Abgründe blicken.

Sie beschloss, dass es nicht so weiter gehen konnte, dass die gemalten Bilder nicht nur Bilder bleiben sollten, sondern Realität werden. Sie wollte es angehen, wollte endlich auch im Leben aufwachen, nicht nur am Morgen nach einer wenig erholsamen Nacht. Sie wollte endlich leben, nicht nur überleben. Sie machte sich auf, voller Tatendrang, ging in den Tag hinein, im Hinterkopf die neuen Ziele, die neuen Welten. Sie wollte Neues finden, Aufregung, Abwechslung, sie wollte ihr Leben finden, es ausfüllen, nicht als Füllmittel für die Leben anderer dienen.

Und sie traf auf Menschen, fühlte sich endlich wieder frei und unbeschwert. Sie fühlte sich beflügelt, spürte, wie ihr Herz vor Aufregung Salti schlug. Sie spürte das Kribbeln im Bauch, fühlte sich verliebt in dieses neue Leben. Dass auch ein Mensch in ihren Blick kam, der dieses Gefühl verstärkte, liess das neue Leben noch besser werden.   Sie sah, dass es möglich war, sah, dass ihre Träume lebbar waren, das Leben mehr bereit hatte als sie in ihrem Gefängnis lebte. Sie sah, dass sie ihr Leben selber in die Hand nehmen und wieder fühlen konnte, wieder lebendig sein durfte und Wünsche Erfüllung finden können.

Sie müsste nur noch die letzten Bänder zum alten Leben abschneiden und nach vorne in das neue Leben gehen. Ein Schnitt und sie wäre frei und könnte ganz hineingehen. Nochmals neu anfangen. Sie blickte zurück und sah, was alles nicht gut war. Sie schaute nach vorne, sah, was alles lockte. Und doch: sie schaffte es nicht, die Bänder zu zerschneiden. „Was, wenn alles nur Schein ist und zerbricht? Was, wenn alles eine Illusion?“ Das Schlechte kannte sie, das hatte sie lange gelebt und sich dabei nicht nur schlecht gefühlt. Es war zwar nicht ihr Wunschleben, aber es war die Sicherheit des Bekannten. Sie versuchte eine Zeit lang, beides parallel laufen zu lassen. Doch der Spagat zehrte an allen Sehnen und Nerven. Und so legte sie sich zurück ins Bett, zog die Decke über den Kopf, verabschiedete sich von dem neuen Leben und flüchtete sich in die Dunkelheit der Nacht.

Allein

Da sass sie nun, ein Glas Wein vor sich, eine Schale mit Nüssen daneben. Sie dachte an die letzten 24 Stunden und wie Schritt für Schritt das bisherige Leben sich verabschiedet hatte. Sie sah zurück auf das erste Unverständnis, als klar war, was kommen würde, fühlte den Kloss im Magen wieder, der sich damals ausbreitete, sie in den Boden zu drücken schien, immer schwerer wurde, kaum zu tragen war. Sie spürte noch den trockenen Hals, räusperte sich beim Gedanken daran, wusste aber nichts zu sagen – zu wem auch, da war niemand. Mehr.

Sie blickte auf den Wein, rot und samtig schmiegte er sich an die Wand des Glases, füllte es aus, sie hatte zuviel eingeschenkt. Doch wieso kleinlich sein, sie musste nicht teilen und war nur noch müde. Sie hoffte, der Wein würde sich in ihr genauso anschmiegsam zeigen und ihr den Wunsch, sich selber irgendwo anzuschmiegen, anzulehnen, geborgen zu sein, nehmen.

Ich gehe. Die Worte hallten nach. Ich muss es tun. Wie Messerspitzen trafen sie. Und ich? Hatte sie gefragt. Ein Blick, ein Schulterzucken. Es ist nicht gegen dich. Ich kann nicht anders. Du bist so stark. Sie wollte nicht stark sein. Sie konnte nicht mehr. Immer nur stark sein, es von allen Seiten hören, es immer wieder neu beweisen müssen, weil keine andere Wahl blieb. Sie schickte sich rein, sie würde es eh nicht ändern können. Ab und an begehrte sie wieder auf, suchte nach anderen Wegen. Hoffte auf Lösungen. Stritt, schrie, weinte. Beruhigte sich. Resignierte.

Die Tage gingen dahin. Der Tag kam näher. Ein Zurück gab es nicht. Sie nahm es ihm übel. Sie fühlte sich übergangen, verraten, belogen, betrogen um ein Leben, das sie anders im Blick gehabt hatte. Fallen gelassen, auch wenn beteuert wurde, das sei nicht wahr. Es fühlte sich so an. Immer noch. Immer mehr.

Der Tag war da. Er packte. Er ging. Sie blieb zurück. Tränen hatte sie keine. Ab und an wollte ein Kloss wachsen. Sie verdrängte ihn. Sie musste funktionieren. Gute Miene zum Spiel machen. War es ein böses? War es überhaupt Spiel? Es fühlte sich verdammt ernst an. Sie fühlte sich leer. Wo war das Leben, das mal greifbar schien? Wo die Zukunft, die erhofft? Wozu hatte man all das auf sich genommen? Wieso war man den Weg so weit gegangen, wenn man am Schluss sowieso alleine war?

Das Gefühl wurde stärker, dass man schlussendlich immer alleine ist. Egal, wo man ist, mit wem. Egal, was gesagt und beteuert, was beschworen und in schöne Worte gekleidet wird. Am Schluss sind erst die Nächsten dran und ganz am nächsten ist sich jeder selber. Selbst wenn jeder gerne besser wäre, gerne anders wäre, vielleicht sich sogar in seinem sich selber der Nächste Sein anders sieht, es für sich in bessere Gewänder, schönere Worte, beschwichtigende Argumente kleidet: Am Schluss ist man alleine, weil jeder für sich selber schaut. Weil jeder, der es mal erlebt hat, weiss, dass die anderen es ebenso tun. Und er es drum auch tut. Den Letzten beissen die Wölfe, wer wollte das sein?

Und so sass sie da, nahm das Glas, schaute nochmals versonnen in das tiefe Rot und setzte es an. Der fruchtige Geruch des Rioja drang ihr in die Nase, beim ersten Schluck füllte das samtige Gefühl des Weines den Mund, eine leichte Schärfe zog in die Nase, Wärme glitt den Hals hinab. Was war, das war. Zurück blieb Leere. Sie wird sich irgendwann füllen. Irgendwie. Vielleicht.Allein

Keri Smith: Mach dieses Buch fertig

Destruktives zwischen Buchdeckeln

Als ich das Buch im Katalog sah, stellte ich mir vor, ich fände in diesem Buch Gedankenanregungen, die mich zum Handeln, zum Schreiben anregen. Ich erhoffte mir kreative Herausforderungen, aus einem Buch ein ganz persönliches Buch machen zu können. Der Untertitel, der nicht auf der Umschlagseite, sondern nur im Innern steht, hätte mich stutzig gemacht:

Erschaffen ist zerstören.

Nur schon der Satz ist purer Nonsens. Aus dem Hinduismus kennt man die Trinität, welche sich in den Eigenschaften Aufbau, Erhalten, Zerstörung widerspiegelt. Und natürlich resultiert daraus, dass Dinge untergehen müssen, damit neue entstehen. Was allerdings entstehen soll, wenn ich ein Buch zerstöre, bleibt dahingestellt.

Die erste Aufgabe ist merkwürdig genug: Ich soll meinen Namen in unterschiedlichen Lettern (meist eher unlesbar und grässlich) in das Buch hineinschreiben. Damit drücke ich keine persönliche Note aus, das ist pure Verwüstung. Danach kommen so sinnvolle Aufgaben wie:

  • Reisse diese Seite aus dem Buch und verbrenne sie
  • Breche den Rücken des Buches
  • Steche diese Seite mit dem Bleistift ein
  • Kleckere mit allem, was eklig ist, in das Buch
  • Zerkratze diese Seite mit einem scharfen Gegenstand
  • Ziehe Linien mit viel Kraft, so dass die Seiten einreissen

Ich habe kapituliert. Den Rücken brach ich noch mit viel Widerwillen, da das auch beim Lesen mal passieren kann, zum Rest war ich nicht fähig. Ich habe mit meiner Kapitulation vor diesem Buch verpasst, Fuseln aus Hosensäcken in das Buch zu kleben, ein wirklich ganz schreckliches Bild zu zeichnen oder das Buch unter die Dusche zu nehmen. Ich denke, ich kann damit leben. Das Buch wird nun mit gebrochenem Rücken und hässlich geschriebenen Namenszügen in meinem Regal stehen und ein Sinnbild dafür sein, dass man nicht jeden Mist mitmachen muss – auch wenn er hochgelobt und ach so kreativ neu ist.

Fazit:

Das wohl erste Buch, das mich überfordert hat. Nichts für Buchliebhaber.

MachmichfertigAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 192 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (1. März 2010)
Übersetzung: Heike Bräutigam, Julia Stolz
ISBN-Nr.: 978-3888976414
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

 

Bettina Plecher – Nachgefragt

bettina-plecherBettina Plecher wurde 1969 in Pasing (München) geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und Klassische Philologie. Nach dem Studium unterrichtete sie zuerst in Yorkshire, danach an verschiedenen bayrischen Gymnasien. Es folgte eine Kinderpause, der anschliessende Wiedereinstieg ins Lehreramt wurde durch das Projekt um ihren Erstlingsroman, Giftgrün (2013), vereitelt. Bettina Plecher lebt mit ihrer Familie in München.

Bettina Plecher hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten, worüber ich mich sehr freue:

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

 

Hätte mir jemand vor zehn Jahren gesagt, dass ich einen Unterhaltungsroman schreiben würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.
Ich hatte ja immer das Privileg, mich beruflich mit Literatur auseinanderzusetzen zu dürfen und wusste recht genau, wie hoch die Latte liegt.
Solange ich mich fast ausschließlich mit der sogenannten Hochliteratur beschäftigt habe, hätte ich es mir deshalb niemals angemaßt, selbst zu schreiben.

In der Zeit, als meine Kinder klein waren, hatte ich eine Weile nicht mehr den langen Atem, mich mit wirklich ernsthaften Texten auseinander zusetzen und entdeckte die Unterhaltungsliteratur für mich. Es war aber gar nicht leicht, Romane zu finden, die ich richtig gut fand. So entstand die Idee, etwas zu schreiben, das auch Lesern wie mir Spaß machen könnte.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich glaube, viel lesen, hilft beim Schreiben. Darüber hinaus sollte man wohl kreativ und vielleicht auch ein bisschen mutig sein.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Einen Kriminalroman muss man planen. Das Genre setzt einen rationalen Prozess voraus. Während des Schreibens aber geschieht oft Unvorhergesehenes. Figuren entwickeln ein Eigenleben, tun auf einmal Dinge, die man ihnen zunächst gar nicht zugetraut hätte. Das ist manchmal fast unheimlich.

Ich schreibe, wenn es die Temperaturen zulassen (d.h. ab 10° Celsius), in meinem Wintergarten. Wenn es zu kalt ist, am Küchentisch.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ideen finde ich überall. Ich beobachte, höre zu, lese Zeitung. Das Entwickeln einer Geschichte aus den Ideen aber ist für mich harte Arbeit. Gespräche mit Freunden erleichtern mir diese Arbeit, aber es bleibt schwer.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Es gibt Phasen, in denen ich vollkommen absorbiert bin, und meiner Umwelt gehörig auf die Nerven falle. In anderen Phasen muss ich mich zwingen, jeden Tag einige Stunden an den Schreibtisch zu gehen – dann habe ich Feierabend, sobald ich das Laptop zuklappe.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Sind Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich bin ich in jeder meiner Figuren. In manchen mehr, in manchen weniger. Am meisten Persönliches liegt in den Figuren, aus deren Perspektive ich erzähle.

Wieso haben Sie einen Krimi geschrieben? Ist es das, was sie auch am liebsten lesen oder ist es die Freude, die bösen Seiten ausleben zu können, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Ich finde es zum einen reizvoll, in einem Genre zu schreiben, das zwar sehr klare Strukturen vorgibt, zugleich aber auch viel Spielraum lässt.

Auf der anderen Seite interessieren mich Grauzonen. Die Grauzone zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, Gesund und Krank. Mich interessiert, was passieren muss, damit jemand, der bisher ein Ausbund an Tugend war, auf einmal die Grenze zum Verbrechen überschreitet.

Sie haben Geisteswissenschaften studiert, auch in dem Bereich (wie überall in der Wissenschaft) gibt es Protegés und Kampf mit Ellbogen. Wieso verlegten Sie Ihren Roman in die Medizin?

Vielleicht ist es leichter, über etwas zu schreiben, zu dem man eine gewisse Distanz hat. Außerdem bin ich mit vielen Ärzten befreundet und fand das Spannungsfeld zwischen Menschenliebe und Ehrgeiz, Leistungswillen und Ohnmachtsgefühl.  Erfüllung und Frustration, in dem sich gerade Klinikärzte bewegen, immer schon spannend. Ich habe mich gefragt, was geschehen muss, damit eine normale Klinik, mit relativ normalen Strukturen und Bedingungen zum Nährboden für ein Verbrechen wird.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Eine sehr schwere Frage, die in diesem Rahmen kaum beantwortet werden kann. Nur so viel: Ich liebe Geschichte, ja ich bin gierig nach Geschichten. Die deutsche Gegenwartsliteratur ist mir deshalb manchmal etwas zu handlungsarm.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Leider ziemlich kompliziert.

Herzlichen Dank für diese Antworten und den Einblick in den Schreiballtag!

Andreas Izquierdo – Nachgefragt

IzquierdoAndreasAndreas Izquierdo wurde 1968 in Euskirchen geboren, ist in Iversheim aufgewachsen und in Bad Münstereifel zur Schule gegangen. Nach dem Abitur sammelte er erste Erfahrungen in den Massenmedien – bei Zeitungen und Rundfunk -, welche ihm einen Preis bei einem bundesweiten Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten einbrachten. Neben einer Krimireihe um den Protagonisten Jupp Schmitz schrieb Andreas Izquierdo verschiedene Drehbücher für Sitcoms und Serien und veröffentlichte im Internet eine Kriminalpersiflage. Von ihm erschienen sind unter anderem Dartpilots (2007), König von Albanien (2007), Apocalypsia (2010), Das Glücksbüro (2013).

Andreas Izquierdo hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten, worüber ich mich sehr gefreut habe:

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

 Ich wollte immer was mit Schreiben machen – Schriftsteller ist mir dabei aber nie in den Sinn gekommen. Ich komme vom Land, da hält man so was für ziemlich abgehoben. Ich damals auch. Also, Journalist, aber das war es auch nicht ganz. Eines Tages, nach einer durchzechten Nacht, sagte mein damaliger Nachbar bei einem Spaziergang zu mir: „Hörmal, du kommst doch aus der Eifel. Schreib doch mal was über ne tote Sau …“
Das habe ich dann gemacht: so entstand „Der Saumord“. Mein erstes Buch. Und für mich der Startschuss, dass ich doch so was wie „Schriftsteller“ werden wollte …

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder wie bei dir bei Schriftstellern. Ist Schreiben wirklich hauptsächlich Handwerk, kann das jeder lernen oder sitzt es in einem? Wie hast du gelernt zu schreiben?

Ja, ganz viel davon ist Handwerk. Vergleich es mit einem Sprinter: der muss auch trainieren, jeden Tag, sehr hart, um vielleicht einmal in seinem Leben unter zehn Sekunden zu laufen. Also, trainiert er: Laufen. Er übt ein Handwerk aus, bis er merkt: mehr geht nicht. Und jetzt kommt etwas, was es auch beim Schreiben gibt: 90 % sind Handwerk, 10 % etwas, was du NICHT lernen kannst. Und so kommt es, dass es Sprinter gibt, die können 11 Sekunden auf hundert Meter laufen, und solche, die können 10 Sekunden laufen. Einer ist sehr gut, der andere Weltklasse. Aber beide arbeiten gleich hart.

Ich habe einiges autodidaktisch, das meiste als Drehbuchautor gelernt und tue es immer noch. Schreiben ist wirklich sehr kompliziert: du schaffst es endlich, eine Sache in den Griff zu bekommen, schon versagst du bei einer anderen.

Ich habe von einigen Autoren eine sehr negative Sicht ihres Schreibens und auch vom Umgang mit Verlagen gehört. Sie bezeichnen sich als Schreibmaschinen, Schreibsklaven, fühlen sich menschenunwürdig behandelt und dergleichen mehr. Wie siehst du die Situation heute?

 

Das Buchgeschäft hat sich in den letzten 10, 15 Jahren vollständig geändert – leider nicht zum Guten. Dank Media Control können sich die Verlage wechselseitig quasi in die Bücher sehen, wissen, was Titel verkaufen und was nicht. Das hat dazu geführt, dass es eine immer größer werdende Verschiebung zu den Topsellern gegeben hat und eine immer größer werden Nichtbeachtung von Texten, die aufgrund ihrer Eigenart niemals Topseller werden können, literarisch aber sehr oft viel höherwertiger als Topseller sind.

Das ist Winner-Takes-it-all, das einigen wenigen alles, vielen andern wenig bis gar nichts beschert. Und ich werde den Eindruck nicht los: je größer der Verlag desto mehr wirst du danach bemessen, was du so einbringst an Kohle. Und wenn das nicht stimmt, dann bist du weg. Beziehungsweise du spürst eben sehr schnell, wie viel du dem Verlag wert bist: nämlich wenig bis nichts.

An dir klebt im wahrsten Sinne des Wortes ein Preisschild. Das ist nicht überall so, aber es hat sich leider durchgesetzt. Das ist eben unsere Zeit.

Wie sieht dein Schreibprozess aus? Schreibst du einfach drauf los oder recherchierst du erst, planst, legst Notizen an, bevor du zu schreiben beginnst? Wann und wo schreibst du?

Nur ein Idiot schreibt einfach drauf los. Oder jemand, der überhaupt keinen Respekt vor der eigenen Arbeit hat, womit wir gleich wieder bei der Eingangsbehauptung wären. Ich recherchiere, ich arbeite lange an einem belastbaren Exposé, an das ich mich später halte. Es ist der Bauplan, die Blaupause. Ich weiche davon nicht ab. Es mag Erzählbögen geben, die nicht vorhergesehen waren, Figuren kommen dazu, andere verschwinden, aber es passt immer in den Plan. IMMER.

Während der Arbeit bespreche ich mich mit anderen, lasse mitlesen, auch von mir völlig fremden Personen. Ich bin da nicht empfindlich. Wenn es eines Tages auf den Markt kommt, muss es eh bestehen. Nur dann ist es gedruckt und zu spät. Ich höre mir das lieber vorher an.

Und ich versuche immer, das Beste herauszuholen, was ich leisten kann. IMMER. Egal für wen, egal wie gut oder schlecht es bezahlt ist. Ich hadere oft, frage mich immer: Ist das schon das Beste? Oder bist du bloß zu faul nachzudenken.

Woher holst du die Ideen für deine Bücher? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert dich?

Konzentration. Ich warte nicht auf die Muse, ich fahnde nach ihr. Und wenn ich sie finde, zwinge ich sie, für mich da zu sein. Das ist nicht nett, aber ich muss vom Schreiben leben, das geht leider nicht anders. Ich sitze manchmal stundenlang vor einem geöffneten Dokument und starre auf das weiße „Papier“. Manchmal tippe ich wirr vor mich hin, Sätze entstehen, verschwinden, aber irgendwann hab ich ein Fädchen und ziehe daran … immer wieder spannend zu sehen, was dann hochkommt.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schaltest du ab?

Ja. Ich kann sehr gut in den Urlaub fahren und an gar nichts denken.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Bist du auch in deinen Figuren? Wieviel Albert Glück steckt zum Beispiel in dir?

Ja, ich bin im wahrsten Sinne des Wortes in meinen Figuren drin. Sehe die Welt so, wie sie sie sehen. Ich durchleide alles mit ihnen zusammen. Erst wenn ich ihnen ganz nahe bin, kann ich über sie schreiben. Autobiographisch ist das nicht, aber es hat viel mit mir zu tun.

Albert Glück fand in Anna seine erste Liebe. Der Weg dahin war steinig und am Schluss lauerte der Tod. Wie empfindest du Albert Glücks Leben? War es ein glückliches?

Ja, ich glaube,  er war glücklich. Er hat alles riskiert und alles gewonnen, auch wenn er es teuer bezahlt hat. Ich glaube, die meisten von uns wagen zu wenig – ich schließe mich da gar nicht aus. Und viele spüren, dass ihr Weg nicht richtig ist, trotzdem wagen sie es nicht, umzudrehen oder abzubiegen, weil das Ungewisse schlimmer zu sein scheint, als die Gewissheit, unglücklich zu sein. Es verlangt Mut und Verstand, sein Leben zu ändern: Du musst erkennen, dass dein Weg falsch ist und du brauchst einen (guten) Plan, es zu ändern. Mut und Verstand. Beides.

Was bedeutet Glück für dich?

In einem Land zu leben, das sich jemanden wie mich leisten kann.

 

Albert Glück muss nach 35 Jahren Gleichschritt aus seinen Gewohnheiten ausbrechen. Sind Gewohnheiten für dich eher Halt oder Stillstand?

Gewohnheiten geben Sicherheit. Nur die wenigsten Menschen sind für ständiges Chaos gemacht. Irgendwann will doch jeder zur Ruhe kommen. Allerdings verführt diese Ruhe, je länger sie anhält, dazu, nichts mehr ändern zu wollen. Oder – im Endstadium – nichts mehr ändern zu können. Wie Muskeln, die man nicht mehr bewegt. Sie verkümmern, bis sie zu nichts mehr zu gebrauchen sind.

Was muss ein Buch haben, dass es dich anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die du speziell magst?

Sie müssen in aller erster Linie unterhalten. Sie sollten emotional sein, Figuren haben, die mich bewegen – ganz gleich ob positiv oder negativ. Ich will eine neue Welt sehen, eine neue Sichtweise. Und ich will nicht belehrt werden, sondern daraus lernen.

Wenn du dich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Nur zufällig da.

Ich möchte mich herzlich für diese ausführlichen und tiefgründigen Antworten bedanken!

Verantwortung fürs eigene Leben

Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich ist. Tabus werden gesprengt, Grenzen ebenso. Wir kommen immer höher, weiter, tiefer. Der Mond wird erforscht, der Ozean ebenso. Wir haben Bilder von den Vorgängen im Gehirn und wissen, was im menschlichen Gehirn abgeht, wenn er handelt. Der Schritt dahin, das Gehirn so zu verändern, dass der Mensch handelt, wie er soll (von wem immer auch bestimmt), ist ein kleiner. Der Mensch ist eine Marionette. Wenn nicht schon, dann bald.

Alles ist möglich. Du kannst alles erreichen, wenn du nur dran glaubst. So oder so ähnlich klingen all die markigen Sprüche der Aussteigerbewegungen. Seien es Religionen, Sekten, Philosophien – alle predigen sie den Ausstieg aus dem Hamsterrad des als unsinnig deklarierten Allgemeinen der Gegenwart. Der Mensch schaut hin, verzweifelt ob der oft als unmenschlich wahrgenommenen Realität und denkt sich aufgehoben in neuen Werten. Diese Werte orientieren sich immer an den aktuellen Strömungen und formulieren Gegenwerte. Sie sind nie unabhängig, nie selber stehend. Ihr Fundament ist immer das, was sie bekämpfen. Der Mechanismus ist ein wirklicher: wir sind dagegen. Fällt die Basis des Bekämpften, fällt auch das Dagegen. Es gibt wieder nur Verlierer.

Ist wirklich alles möglich? Kann man einfach dem eigenen Herzen folgen, nur noch tun, was grad beliebt, erreichen, was man gerade im Sinn hat? Klar klingt das verlockend, ich denke aber nach wie vor, dass es unrealistisch ist. Alles im Leben hat seinen Preis. Und das Leben des Einzelnen ist nie unabhängig. Wenn es das ist, ist der Lebende eine arme Sau. Er ist verdammt einsam. Sobald da nur schon ein Mensch ist, besteht eine Abhängigkeit. Die muss nicht mal definiert sein, sie kann ganz einfach in irgendwelchen emotional begründeten, verbal nicht fassbaren Komponenten bestehen. Und schon geht nicht mehr alles. Man muss Rücksicht nehmen. Muss sich einschränken. Sind da mehr als nur ein Mensch, mehrere Menschen, werden die Rücksichten grösser.

Dann kommt da noch die ganze vermaledeite Gesellschaft dazu. Man will sich lossagen. Findet, die sei überbewertet, alter Zopf. Aber man steckt drin. Wuchs drin auf. Hat die Werte verinnerlicht. Das rigorose Nein dazu wäre auch nur von ihr selber genährt, weil man all das, was sie sagt, verneint. Wozu könnte man noch nein sagen, schwiege sie? Und wo wäre man, gäbe es sie nicht? Wo wäre man, gäbe es all die nicht, wegen denen  man Rücksicht nehmen musste, Dinge nicht verwirklichen konnte?

Es ist nie alles möglich. Die Illusion, es wäre so, führt ins Verderben – zumindest in die unendliche Unzufriedenheit. Alles im Leben hat seinen Preis. Wichtig ist, zu wissen, was man wirklich will und was man bereit ist, dafür zu bezahlen. Ist der Preis zu hoch, war der Wunsch zu klein. Ist der Wunsch gross, nimmt man den Preis in Kauf. Allen macht man es nie recht. Die Frage ist: Ist man sich selber so viel wert, dass man alle andern den eigenen Wünschen opfert, wiegen die doch mehr, dass man mal zurücksteht? Schlussendlich liegt die Entscheidung bei einem selber. Die Verantwortung auch. Es ist zu einfach, dem anderen die Schuld für die eigenen Entscheidungen zuzuschieben.

Bettina Plecher: Giftgrün

Gift und bayrische Gemütlichkeit

„Ich laufe nicht davon. Ich will mein Leben ändern.“
„Und da wirfst du einfach alles fort, was du dir aufgebaut hast?“ Nader lächelte nicht, als der das sagte. „Entwciklungshilfe. Ich bitte dich. Das sind Perlen vor die Säue, wenn du den Ausdruck entschuldgist. Jemand wie du kann der Menschheit auf anderem Wege weit effektiver nützen.

Frieda May hat gerade ihre Dissertation beendet, ihr Doktorvater, Gabor Nader, will sie an die Klinik mitnehmen, in der er in Kürze eine Chefarztposition innehat. Zwar möchte Frieda lieber Entwicklungshilfe leisten statt die Karriereleiter weiter hochkraxeln, doch kann sie ihrem Doktorvater, mit dem sie mehr als nur Wissenschaft verbindet, nicht widerstehen – sie geht nach München, wo ihr Gabor Nader eine Unterkunft bei seinem alten Freund Quiril Quast, urchiger Bayer und nicht nur karrieretechnisch pures Gegenteil von Nader, vermittelt.

Kurz nach dem Klinikeintritt stirbt Gabor Nader an einer Vergiftung. Quast und May sind überzeugt, dass das kein natürlicher Tod war und gehen dem Ganzen auf eigene Faust nach. Immer tiefer tauchen sie in den Sumpf von Vetternwirtschaft, Plagiat und Intrigen im Klinikalltag ein. Dass auch Quast selber eine mysteriöse Vergangenheit mit Nader hat, lässt Frieda May vorsichtig werden.

Frieda wurde es heiss. Jetzt war der Moment, um nachzuhaken. Diesmal durfte sie ihn nicht verpassen. Krampfhaft suchte sie nach den Worten, die Quast aus der Reserve locken würden. Schliesslich sagte sie: Und was ist mit der Vergangenheit? Gab es da nicht irgendetwas zwischen Gabor und dir?“ Sie liess die Worte im Raum stehen und beobachtete Qusst: Er schien ungerührt, nur die Falte zwischen seinen Augen wurde um ein weniges Tiefer, das Grübchen in seiner Wange verschwand.

Mit Giftgrün ist Bettina Plecher ein amüsanter und spannender Erstling gelungen. Sie nimmt den Münchner Lokalkolorit genauso auf wie die Abläufe des Klinikalltags, spinnt inmitten dieser Schauplätze eine Geschichte, die trotz Themen wie Mord, Gift, Intrigen und Betrug leicht und spritzig daher kommt. Dass die einzelnen Figuren etwas gar klischeehaft erscheinen, kann man ihr verzeihen, da der Lesespass nicht darunter leidet, sondern eher dadurch gesteigert wird

Fazit:
Ein leichte und lockere Lektüre für zwischendurch. Absolut empfehlenswert!

Zur Autorin
Bettina Plecher
Bettina Plecher wurde 1969 in Pasing (München) geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und Klassische Philologie. Nach dem Studium unterrichtete sie zuerst in Yorkshire, danach an verschiedenen bayrischen Gymnasien. Es folgte eine Kinderpause, der anschliessende Wiedereinstieg ins Lehreramt wurde durch das Projekt um ihren Erstlingsroman, Giftgrün (2013), vereitelt. Bettina Plecher lebt mit ihrer Familie in München.

PlecherGiftgrünAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (2. Mai 2013)
ISBN: 978-3499235627
Preis: EUR  9.99/ CHF 15.90

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Andreas Franz: Teufelsleib. Ein neuer Fall für Peter Brandt

Kindheitstrauma und Serienmord

„…Hey, komm, lass mich am Leben, bitte!…“
[…]
„Tja“, sagte er mit gespieltem Bedauern, „es gibt da nur ein klitzekleines Problem – ich habe die Entscheidung schon getroffen, heute eine Hure zu töten, bevor ich dich gesehen habe. Sagen wir’s mal so, du warst einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Offenbach wird erschüttert durch einen Serienmörder, welcher auf brutale Weise Prostituierte umbringt. Peter Brandt, sonst schon sehr belastet durch seine aktuellen Fälle, muss dieses Mal bei seinen Ermittlungen auf seine Partnerin, Nicole Eberl verzichten, welche wegen einer aggressiven Form von MS den Dienst quittieren musste und nun auf den baldigen Tod wartet. Zum Glück steht  ihm seine Freundin, die Staatsanwältin Elvira Klein zur Seite. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem bestialischen Täter.

Teufelsleib ist ein solide gestrickter Krimi mit einem sauber aufgebauten Plot bestehend aus dem Hauptstrang der Serienmorde und den Nebensträngen bestehend aus Brandts Privatleben und allem, was dazu gehört, den Lebensgeschichten der Opfer, der Krankheit von Brandts Partnerin bei der Polizei. Das Mordmotiv ist vielleicht ein wenig sehr klischeehaft, dadurch aber nicht weniger glaubwürdig. Der Krimi hätte eine Überarbeitung gut vertragen, da sich einige Redundanzen darin befinden, die schade sind und dem Buch einen Anschein von Rohfassung verleihen. Dazu kommt eine etwas zu gesuchte Schlusswendung. Trotz alledem ist es ein guter Krimi und ein würdiger Abschluss der Peter Brandt-Reihe.

Fazit:
Ein kurzweiliger Krimi mit einigen stilistischen Mängeln, die aber den Lesegenuss nicht schmälern. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Andreas Franz
Andras Franz wurde am 12. Januar 1954 in Quedlinburg/Sachsen-Anhalt, geboren und zog danach mit seinen Eltern nach Helmbrechts. Nach der Trennung der Eltern folgte 1967 der Umzug nach Frankfurt a.M., wo er das Gymnasium besuchte, dann beschloss, „etwas Ordentliches“ aus seinem Leben zu machen und die Sprachschule besuchte, welche er mit einem Abschluss in Wirtschaftsenglisch und –französisch verliess. Danach frönte Andreas Franz seinem Hobby, der Musik, welche er zum Beruf machen wollte. Es folgten Jobs als LKW-Fahrer oder Mädchen für Alles in einer Werbeagentur, danach eine Kaufmännische Ausbildung, da die mittlerweile 7köpfige Familie ernährt sein wollte. 1990 eröffnete Frank ein Übersetzungsbüro.

Nach einigen Manuskripten, die bei den Verlagen abblitzten, wurde Jung, blond, tot vom Droemer Knaur Verlag angenommen. Es folgten 20 weitere Romane, Teufelsleib war der letzte. In der Schublade warteten noch viele Ideen, umgesetzt zu werden, leider machte ein plötzliches Herzversagen am 13.März 2011 diese Pläne zunichte. Von ihm erschienen sind unter anderem die Julia Durant-Reihe [Jung, blond, tot (2000), Das Verlies (2004), Mörderische Tage (2009), etc.], die Peter Brandt-Reihe [Tod eines Lehrers (2004), Schrei der Nachtigall (2006), Teufelsleib (2010), etc.] sowie die Kieler Reihe Sören Henning und Lisa Santos.

FranzTeufelsleibAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 252 Seiten
Verlag: Knaur Taschenbuch Verlag (10. November 2010)
ISBN: 978-3426639436
Preis: EUR  9.99/ CHF 17.90

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Vladimir Nabokov (*22. April 1899)

Vladimir_NabokovVladimir Nabokov wird am 22. April 1899 in St. Petersburg als Kind einer russischen Adelsfamilie geboren. Er kommt wegen seines westlich orientierten Vaters schon als Kind in Kontakt mit der Weltliteratur, spricht französisch und englisch. Bereits mit 17 Jahren veröffentlicht er seinen ersten Gedichtband.   Das politische Engagement des Vaters bringt diesem verschiedene Inhaftierungen und führt schliesslich zur Flucht nach London. Nabokov studiert an der Universität Cambridge Romanistik und Russische Literatur und zieht nach dem Studium nach Berlin.

Er publiziert unter dem Pseudonym V. Sirin, kann aber nicht leben von der Literatur und hält sich mit Tennis- und Boxunterricht über Wasser. 1937 folgt die Emigration nach Paris, 1940 die Flucht in die USA, wo er als Kurator des zoologischen Museums an der Harvard University arbeitet und wissenschaftlich schreibt. 1948-1958 hat er eine Professur für russische und europäische Literatur an der Cornell Universität inne. 1955 erscheint sein Roman Lolita, der für Aufruhr sorgte, aber  grosse Erfolge einfuhr. In der Folge kann er von seinem Schreiben leben. 1961 folgt die Übersiedlung in die Schweiz, nach Montreux, wo er 1977 stirbt. Werke Nabokovs sind unter anderem Die Mutprobe (1932), Verzweiflung (1934), Lolita (1955),   Ada oder das Verlangen (1969), Die Kunst des Lesens (1984).

Jojo Moyes – Nachgefragt

©Phyllis CHristopher
©Phyllis CHristopher

Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex.  Auch von ihr erschienen sind Ein ganzes halbes Jahr (2013), Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

Jojo Moyes hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu Ihrem Schreiben zu beantworten, worüber ich mich sehr freue.

Wieso schreiben Sie? Gibt es einen speziellen Grund, einen Auslöser dafür?

Ich habe schon als Kind geschrieben, trotzdem dachte ich nie, dass ich Schriftstellerin werden könnte – dieser Beruf schien irgendwie nichts mit mir zu tun zu haben. Ich habe zehn Jahre für Zeitungen geschrieben und sah rund um mich Leute Bücher schreiben, bis ich eines Tages dachte: Wieso ich nicht?

Es gibt diverse Angebote, Kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich habe mir das Schreiben selber beigebracht. Ich habe drei Romane geschrieben, die nie publiziert wurden. Sie haben mich gelehrt, wie ich an Charaktere herangehen und sie aufbauen kann, wie ich einen Plot gestalten muss. Ich hätte sehr gerne einen Kurs in Kreativem Schreiben besucht, hatte aber nie die Zeit dazu, da ich voll arbeitete, ein Baby hatte und daneben noch versuchte, in der spärlichen Freizeit meinen eigenen Roman zu schreiben. Ich denke, solche Kurse können einem viel beibringen, doch es muss ein gewisses Talent vorhanden sein, um wirklich mit dem Schreiben zu beginnen. Ich glaube nicht, dass jeder ein Buch in sich hat, wie es ein Sprichwort sagt. Vielleicht hat jeder eine Geschichte in sich, ab und an ist es aber vielleicht besser, diese einen anderen schreiben zu lassen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Meist werde ich durch eine Idee inspiriert – ein Zeitungsartikel, jemandem, den ich kenne, passiert etwas – ,welche sich mit anderen Dingen vermischt, die in meinem Kopf rumschwirren. Langsam, meist noch unbewusst, fange ich dann an, daraus einen Plot zu konstruieren. Wenn ich dann wirklich zu schreiben beginne, bin ich strukturierter. Ich schreibe einen ungefähren Plan meines Plots, schreibe die einzelnen Geschichten meiner Hauptcharaktere, so dass ich eine Idee davon habe, wie diese sind, bevor es losgeht.

Ich schreibe an den verschiedensten Orten – zu Hause, in einem kleinen Büro, das ich gemietet habe, im Zug, in einem kleinen Apartment, das ich in Paris teile. Alles, was ich brauche, sind ein paar freie Stunden ohne Unterbrechungen und meinen Computer.

Was waren die Inspirationsquellen Ihrer letzten Bücher?

Meine letzten beiden Bücher – The Girl Left Behind und Me Before You (Ein ganzes halbes Jahr) – sind beide durch Zeitungsartikel inspiriert worden. Oft passiert es, dass ich etwas höre oder lese und ein Bild oder eine Frage bleibt hängen, lässt mich nicht mehr los. Im Falle von Ein ganzes halbes Jahr(EGHJ) fragte ich mich immer wieder: Was braucht es, um Eltern davon zu überzeugen, ihr Kind in eine Klinik für begleiteten Selbstmord zu bringen. Und: Wie würdest du leben, wenn dir alles, was dich ausmacht, genommen würde.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

 Ich habe gerade dieses Wochenende festgestellt, dass ich meine letzten zwei freien Tage am Stück im Januar hatte. Ich habe wenig freie Zeit im Moment, weil ich versuche, ein Buch fertigzustellen, zwei weitere in verschiedenen Ländern promote und daneben noch ein Drehbuch von EGHJ für MGM schreibe. Um mich zu entspannen unternehme ich Ausflüge mit meinen Kindern oder reite mit meinem Pferd übers Land. Aber ich muss gestehen, ich denke eigentlich immer übers Schreiben nach, selbst wenn ich es nicht tue, vor allem, wen ich ein neues Buch entwickle. Manchmal denke ich, es muss mühsam sein, mit mir zu leben.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Sind Aspekte von Ihnen in Ihrem Roman EGHJ?

Ich denke, alle erschaffenen Charaktere sind auf eine Art Erweiterungen des Schriftstellers, seiner Person. Bezogen auf EGHJ sind da einige Themen, mit denen meine Familie konfrontiert war, so dass das bestimmt in meinem Kopf war, als ich diese Geschichte schrieb.

Es gibt einige Gemeinsamkeiten Ihres Romans mit dem Film Intouchable. War das je ein Problem für Sie? Haben Sie Philippe Pozzo di Borgos Geschichte gekannt, als Sie zu schreiben begannen?

Ich wusste nichts von Intouchables bis ich mein Buch beendet hatte. Ich war vor allem sehr verärgert, als ein Filmdirektor, der sich zuerst für das Buch interessiert hatte, sich zurückzog, als er von Intouchables hörte. Eines Tages sah ich den Film selber im Flugzeug und ich fand ihn wundervoll. Ich denke, die beiden Geschichten sind unterschiedlich genug, so dass die Leute beide geniessen können (auf alle Fälle hoffe ich das!).

[Achtung: Die nächste Frage nimmt das Ende von EGHJ vorweg – wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte sie vielleicht überspringen]

Liebe hat viel Kraft. Wieso ist sie in Ihrem Roman unterlegen? Wieso ist der Tod mächtiger?

Ich wollte zeigen, dass Liebe manchmal nicht genug ist. Und manchmal sind auch Happy Ends, die wir als solche sehen, in Tat und Wahrheit keine. Ich hätte ein Ende schreiben können, bei dem Will und Lou zusammen geblieben wären, aber das hätte nicht zu seinem Charakter gepasst, das hätte Will nicht entsprochen.

Was muss ein Buch mit sich bringen, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

 Ich habe viele Lieblingsautoren – Barbara Kingsolver, Michael Chabon, Nora Ephron, Marian Keyes, Stieg Larsson. Bei sehr literarischen Büchern bin ich oft frustriert, weil sie für mich zu wenig Plot haben. Ich habe gemerkt, dass ich immer weniger tolerant mit Büchern bin. Wenn Sie mich nach 50 Seiten nicht gepackt haben, neige ich dazu, mich etwas anderem zuzuwenden.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Hartnäckig, loyal, glücklich!

Ganz herzlichen Dank für diese offenen Antworten, die einen schönen & persönlichen Einblick gewähren.

Horst Eckert: Schwarzer Schwan

Hinter Lügen und Intrigen in Politik und Wirtschaft lauert der Tod

Die Investmentbankerin Hanna Kaul steht kurz vor dem Abschluss eines grossen Geschäfts, von dem sie sich einen Karrieresprung erhofft. Dass genau in dieser Zeit ihre Nichte Leonie zu Besuch kommt, passt nicht in ihr Konzept. Aus unersichtlichen Gründen platzt der Milliardendeal und Hanna merkt, dass sie seit längerer Zeit ausspioniert wurde. Als dann auch noch Leonie verschwindet, liegt ihre Welt in Trümmern. Hilfe findet sie bei Dominik Roth, welcher nicht nur aus beruflichen Gründen helfen will – erstens hat er ein schlechtes Gewissen Hanna gegenüber, weil er an ihrer Beobachtung beteiligt war, zudem gefällt sie ihm zunehmend. Bald schon sieht er sich inmitten eines Falles, der viel grösser ist, als man vorerst ahnen konnte. Hochfinanz und Politik haben die Hände im Spiel, ihre Methoden sind durchtrieben, voller Betrug, und Lügen und sie schrecken auch vor Mord nicht zurück.

Horst Eckerts Thriller bewegt sich im Milieu der Banken und der Politik. Er legt detailliert unsaubere Bankgeschäfte und geschäftspolitische Intrigen offen, zeigt die Politik von ihrer bestechlichen Seite und verwebt diese Wirtschaftsaspekte mit der Entführung einer jungen Frau, der Ermordung einer Aussteigerin aus der Finanzszene, Kleinkriminalität und Burschenschaft.

Die ersten Kapitel sowie diverse Zwischenkapitel sind sehr den Machenschaften aus Politik und Wirtschaft gewidmet, wenn man sich dafür nicht interessiert, ist der ganze Roman sehr schwierig zu lesen und das Dranbleiben mühsam. Die darunter liegende Geschichte ist spannend, man möchte wissen, wie sie ausgeht und das hat geholfen, durchzuhalten, wobei die Geschichte nicht litt, wenn man einige Teile überblätterte beim Lesen. Ab der zweiten Hälfte gewinnt die Geschichte an Spannung und es ist wirklicher Lesegenuss.

Fazit:
Langatmiger Anfang mit spannendem Abgang. Für Wirtschafts- und Politikinteressierte sicher spannender als für andere.

Zum Autor
Horst Eckert
Horst Eckert wurde am 7. Mai 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren und wuchs in Pressrath auf. Er studierte in Erlangen und Berlin Soziologie und Politische Wissenschaften, jobte als Bierschlepper und Fahrstuhlführer, später als Hospitant im Berliner ZDF-Studio. Nach einem Umzug nach Düsseldorf 1987, die Liebe war Schuld, arbeitete er 15 Jahre lang als Fernsehreporter, seitdem ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller tätig. Von ihm erschienen sind unter anderem Annas Erbe (1995), Finstere Seelen (1999), Ausgezählt (2002), Der Abrsprung (2006), Sprengkraft (2009), Schwarzer Schwan (2011).

Porträt der Frankfurter Rundschau

 

EckertSchwanAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 383 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (7. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3894254131
Preis: EUR  10.99 / CHF 17.90

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Håkan Nesser: Die Einsamen

Wenn die Zeit keine Wunden heilt

Letztes Mal. Wie viele Jahre war das jetzt her? 1975. Mit anderen Worten: fünfunddreissig Jahre. Ein Menschenalter, wie man so sagte. […]

Ich träume, dachte Elis Bengtsson. Es ist nicht möglich, dass die gleiche Geschichte noch einmal passiert.

Eines Morgens findet ein Hundebesitzer am Fusse eines Abhangs eine Leiche. Das wäre schon beunruhigend genug, aber noch beunruhigender ist der Umstand, dass an derselben Stelle vor 35 Jahren schon einmal eine Leiche lag. Wie hängen die beiden Fälle zusammen?

Die zweite Leiche war der Lebensgefährte der 35 Jahre früher zu Tode gestürzten Frau. Schon damals war der Ermittler der Meinung, es stecke mehr als ein Unfall oder Selbstmord dahinter, fand aber keine Beweise, so dass er den Fall einstellen musste. Auch dieses Mal deutet alles darauf hin, dass es wieder genau so enden wird. Und doch bleibt bei den Ermittlern, Gunnar Barbotti und Eva Backman ein Gefühl, dass mehr dahinter stecken muss. Sie tauchen ein in eine Geschichte, die in die 70er Jahre zurückreicht und noch weiter. Sie treffen auf eine Gruppe von sechs (oder sieben) Menschen, die irgend ein Geheimnis zu hegen scheinen, eines mit tödlichen Folgen.

Håkan Nesser beginnt langsam, man findet sich oft in neuen Zeiten und an neuen Plätzen, weiss nicht, mit wem man es zu tun hat, wie alles zusammen hängt. Die Einsamen erzählt die Geschichte von sechs Studenten aus Uppsala und überbrückt dabei einen Zeitrahmen von über 40 Jahren. In einem ständigen Wechsel zwischen den Zeiten verweben sich die verschiedenen Handlungsstränge des Buches immer weiter. Immer tiefer taucht man als Leser ein und will nur eines: herausfinden, was wirklich passiert ist – vor 35 Jahren, wie es dazu gekommen ist und wie es zu dieser neuen Leiche kam.

Steigt anfangs die Spannung immer mehr an, so dass man sich für jeden einzelnen Handlungsstrang interessiert, weil in jedem ein neues Puzzleteil zu Tage tritt, so wird das Buch in der zweiten Hälfte etwas zu ausführlich, weil man kaum schnell genug zur Lösung durchdringen kann. Man kann dies dem Buch nicht mal wirklich anlasten, denn wäre es nicht so spannend, hätte man mehr Geduld beim lesen.

Håkan Nesser gelingt es, eine Geschichte auf mehreren Ebenen zu konstruieren, die Ebenen wild zu durchmischen und dabei die Cliffhanger so zu setzen, dass man schnell die Fortsetzung der entsprechenden Ebene erreichen will. Dafür muss man durch die nächste Erzählebene durch, welche sich als genauso packend erweist wie die letzte. Ein Buch, das einen packt und nicht mehr loslässt. Bis zum Ende.

Fazit:
Ein packender, spannender Roman, den man nicht mehr aus den Händen legen mag, bis man weiss, was hinter der Geschichte steckt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Håkan Nesser
Håkan Nesser wurde am 21. Februar 1950 in Kumla geboren, machte 1968 Abitur  und studierte ab 1969 an der Universität Uppsala Soziologie, Englisch, Literaturgeschichte, Skandinavistik, Geschichte und Philosophie . Nach einem Lehramtsstudium in den Fächern Schwedisch und Englisch arbeitete er als Gymnasiallehrer und begann daneben, Romane zu schreiben. Seit 1998 lebt Håkan Nesser als freier Autor in London und auf Gotland. Von ihm erschienen sind unter anderem die Krimi-Reihen um Kommissar Van Veeteren und Inspektor Barbotti sowie Romane wie Barins Dreieck (2003), Die Fliege und die Ewigkeit (2006), In Liebe (2006), Die Perspektive des Gärtners (2010).

Ein Einblick in Håkan Nessers Schreiben

NesserEinsamenAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 608 Seiten
Verlag: btb Verlag (9. April 2013)
Übersetzung: Christel Hildebrandt
ISBN-Nr.: 978-3442743797
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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