Der Wert der Beziehung

Über das Sehen, Antworten und in Beziehung sein in der Philosophischen Praxis

Wenn man mit offenen Fragen konfrontiert ist im Leben, sucht man gerne Rat im Aussen. Dabei gibt es unterschiedliche Gespräche: solche, die folgenlos bleiben, obwohl viel gesagt wurde, und solche, in denen sich etwas verschiebt, obwohl kaum eine Lösung ausgesprochen wurde. Man geht nicht unbedingt mit einer Antwort hinaus, aber mit einem anderen Verhältnis zur eigenen Frage. Etwas ist klarer geworden, nicht weil jemand erklärt hat, wie das Leben geht, sondern weil jemand wirklich da war. Weil jemand zugehört hat, ohne sofort einzuordnen. Weil jemand nachfragte, ohne zu drängen. Weil jemand das Gesagte ernst nahm und zugleich das Ungesagte nicht überhörte.

Ich glaube, dass hier der eigentliche Wert der Beziehung beginnt. Nicht in der blossen Nähe, nicht in einer warmen Atmosphäre allein, sondern in jener besonderen Form von Gegenwart, in der ein Mensch sich zeigen kann, ohne festgelegt zu werden. In der Philosophischen Praxis ist Beziehung Bedingung des Denkens. Wenn ein Mensch mit einer Frage zu mir in die Praxis kommt, kommt er nie nur mit einem Problem, er kommt mit seiner Geschichte, seinen Deutungen, seinen Hoffnungen, seinen Brüchen, seinen Selbstbildern, seinen Verletzungen, seiner Art, in der Welt zu stehen. Und all das kann nicht verstanden werden, wenn man ihm nur sachlich begegnet.

Die Philosophische Praxis ist kein Ort, an dem der andere zum Fall wird. Sie ist auch kein Ort, an dem man ihn repariert. Sie ist ein Raum, in dem ein Mensch mit dem, was ihn bewegt, in ein gemeinsames Denken eintreten kann. Gemeinsames Denken setzt voraus, dass ich den anderen nicht schon zu kennen glaube. Ich muss ihm begegnen, bevor ich ihn deute. Ich muss aushalten, dass er mehr ist als das, was ich von ihm verstehe. Ich muss bereit sein, mich von seiner Frage berühren zu lassen, ohne sie mir anzueignen.

Hier greift Martin Bubers Unterscheidung zwischen Ich-Es und Ich-Du, die etwas beschreibt, das in jeder echten Begegnung auf dem Spiel steht. Ein Mensch kann mir als ein Etwas erscheinen: als Thema, als Problem, als Symptom, als Fall, als Gegenstand meiner Analyse. Dann stehe ich ihm gegenüber, aber ich bin nicht wirklich mit ihm in Beziehung. Oder er kann mir als Du begegnen: als ein Gegenüber, das sich nicht auf meine Begriffe reduzieren lässt, das mich anspricht, das nicht vollständig verfügbar wird. In der Philosophischen Praxis entscheidet sich sehr viel an dieser Schwelle. Sehe ich den Menschen vor mir als jemanden, über den ich nachdenke, oder denke ich mit ihm?

Das ist kein kleiner Unterschied. Wer über einen Menschen nachdenkt, kann klug sein und doch verfehlen, worum es geht. Wer mit einem Menschen denkt, bleibt in Beziehung. Er hört nicht nur auf die Aussage, sondern auf den Menschen, der sie macht. Er fragt nicht nur: Ist das logisch? Sondern auch: Was sucht hier Ausdruck? Welche Erfahrung ringt um Sprache? Welche Welt ist diesem Menschen brüchig geworden? Welche Freiheit ist ihm möglich, welche noch verstellt?

Philosophische Praxis lebt von dieser doppelten Bewegung: Sie nimmt das Gesagte ernst, aber sie bleibt nicht am Gesagten kleben. Sie sucht Klarheit, aber nicht auf Kosten der Person. Sie will Wahrheit, aber keine Wahrheit, die über den anderen hinweggeht, sondern eine, die ich mit ihm erst finde. Gerade darin liegt ihre ethische Dimension, wie sie auch Emmanuel Levinas formuliert hat: Der Andere ist nicht zuerst jemand, den ich erkenne, begreife oder verstehe, er ist jemand, der mich in Anspruch nimmt. Sein Dasein stellt mich in eine Verantwortung, noch bevor ich mich entscheide, verantwortlich sein zu wollen. Das mag auf den ersten Blick abstrakt klingen, es bedeutet aber schlicht: Der Mensch vor mir möchte nicht von mir übergangen werden, er möchte nicht klein gemacht oder zu schnell in einen Begriff verwandelt werden. Er möchte so gehört und gesehen werden, dass er nicht hinter meiner Wahrnehmung verschwindet.

Diese Haltung ist für eine Philosophische Praxis zentral, denn Philosophie verlegt sich gerne auf Begriffe, statt beim Hinsehen zu verweilen. Sie kann Erfahrungen ordnen, sie kann unterscheiden, sie kann Muster sichtbar machen, aber sie kann auch zu früh fertig sein damit. Dann wird der andere in eine Theorie überführt, bevor seine eigene Stimme wirklich hörbar geworden ist. Levinas erinnert daran, dass der Andere jeder Deutung vorausgeht. Er ist nicht Material für mein Denken, er ist derjenige, vor dem mein Denken sich bewähren muss.

Einfühlungsvermögen bedeutet vor diesem Hintergrund nicht, dass ich den anderen vollständig verstehe. Es kann sogar eine der gefährlichsten Illusionen sein, zu glauben, ich könne mich so sehr in einen anderen hineinversetzen, dass seine Erfahrung mir verfügbar wird. Wirkliches Einfühlungsvermögen ist demütiger. Es weiss, dass der andere fremd bleibt, auch wenn er sich öffnet. Es versucht, die Welt von seinem Ort aus zu sehen, ohne diesen Ort zu besitzen. Es fragt nicht: Was würde ich an deiner Stelle tun? Sondern: Wie erscheint dir die Welt von dort, wo du stehst?

Das verlangt Langsamkeit. In einer Zeit, in der vieles sofort bewertet, kommentiert und eingeordnet wird, ist Langsamkeit fast eine ethische Praxis. Ein Mensch erzählt etwas, und sofort liegen Deutungen bereit: Das ist Angst. Das ist Vermeidung. Das ist ein Muster. Das ist eine alte Verletzung. Das ist mangelnde Abgrenzung. Manches davon mag stimmen, manches aber auch nicht. Wenn ich zu schnell benenne, nehme ich dem anderen die Möglichkeit, sich selbst genauer zu finden.

In der Philosophischen Praxis braucht es darum ein Zuhören, das nicht nach dem schnellsten Begriff sucht, sondern nach der angemessenen Frage. Sokrates bleibt hier ein leiser, aber unvermeidlicher Hintergrund. Nicht als Denkmal, nicht als pädagogische Figur, die den anderen geschickt zur richtigen Einsicht führt, sondern als Erinnerung daran, dass Fragen eine Form der Achtung sein können. Eine gute Frage greift nicht zu, sie öffnet. Sie stellt den anderen nicht bloss, sondern stellt ihn in ein neues Verhältnis zu sich selbst. Sie sagt, dass das Denken an dem Punkt noch nicht zu Ende ist, sondern noch weitergehen kann.

Doch Fragen allein genügen nicht. Beziehung braucht auch Aufrichtigkeit. Wer einen anderen wirklich sieht, bestätigt ihn nicht einfach in allem. Das wäre keine Achtung, sondern eine subtile Form der Gleichgültigkeit. Wenn ich den anderen ernst nehme, traue ich ihm zu, auch mit einer Zumutung umzugehen. Ich darf ihm spiegeln, wo sich ein Gedanke verengt, wo eine Selbstdeutung schützt und zugleich fesselt, wo eine Erzählung immer wieder an derselben Stelle endet, weil ein anderer Ausgang noch zu gefährlich scheint.

Aufrichtiges Feedback ist in diesem Sinn ein wichtiger Akt der Beziehung. Es steht zwischen Schonung und Härte. Es setzt den anderen nicht fest mit einem «So bist du». Es sagt eher: Ich höre, dass du dich so verstehst, aber es könnte in dieser Deutung noch mehr stecken, das dich daran bindet. Es könnte sein, dass du dir selbst mit dieser Erklärung treu bleiben willst und dich zugleich daran hinderst, weiterzugehen. Es könnte sein, dass du an einer alten Form von Sicherheit festhältst, obwohl sie längst zu eng geworden ist.

Solche Sätze sind nur möglich, wenn Beziehung trägt. Ohne Beziehung werden sie zur Kritik. Ohne Wohlwollen werden sie hart. Ohne Präzision werden sie beliebig. In der Philosophischen Praxis geht es deshalb nicht um nette Zustimmung, aber auch nicht um distanzierte Klugheit. Es geht um eine Verbindung von Zugewandtheit und Wahrhaftigkeit. Man könnte sagen: Beziehung macht Wahrheit sagbar. Oder sogar noch mehr: Sie macht Wahrheit bewohnbar. Einsichten sind nicht nur richtig oder falsch. Sie haben auch einen Zeitpunkt, eine Form, eine Zumutbarkeit. Ein Mensch kann eine Wahrheit hören und dennoch nicht aufnehmen, weil sie ihn zu früh trifft oder zu einsam lässt. Manchmal braucht eine Einsicht einen Raum, in dem sie landen darf. Einen Raum, in dem nicht sofort Konsequenzen gefordert werden. Einen Raum, in dem man nicht mit jeder Wahrheit gleich etwas anfangen können muss, sondern sich auch eingestehen darf, dass man noch nicht wirklich weiss, was man nun machen soll.

Die Philosophische Praxis arbeitet an Fragen des Lebens. Lebensfragen öffnen sich nur dort wirklich, wo ein Mensch nicht auf seine Funktion, seine Leistung, seine Krise oder seine Schwäche reduziert wird. Ein Mensch ist nicht einfach, was ihm geschehen ist, er ist mehr und er erzählt davon. Max Frisch beschreibt das in einem schönen Satz in seinem Buch «Mein Name sein Gantenbein»:

«Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.»

In der Philosophischen Praxis wird diese Erzählung hörbar. Jemand sagt: Ich bin gescheitert. Ich bin nicht mutig genug. Ich habe immer falsch entschieden. Ich gehöre nirgends hin. Und im Gespräch kann sichtbar werden, dass diese Sätze nicht einfach die Tatsachen sind, als die sie erzählt werden, sondern Deutungen. Es sind Glaubenssätze, die über viele Jahre gewachsen sind und sich verfestigt haben. Sätze, die weh tun, die immer wieder von neuem verletzen und doch wiederholt werden. Es sind Sätze, die so tief drin sind, dass sie zur Wahrheit werden, zur Wahrheit, wer ich bin. Es sind keine Lügen, aber es ist auch nicht die Wahrheit, sondern eine Deutung –sicher nicht die einzig mögliche.

Das ist ein entscheidender Moment. Plötzlich merkt ein Mensch, dass seine Geschichte nicht gelogen ist, aber auch noch nicht abgeschlossen. Er muss nicht einfach neu anfangen, als wäre nichts gewesen, sondern anders auf das schauen kann, was war. Ricœur spricht vom erzählten Selbst, und gerade darin liegt eine grosse Nähe zur Philosophischen Praxis: Sie hilft nicht, ein künstlich positives Selbstbild zu erzeugen, sie hilft, die eigene Geschichte wahrer zu erzählen. Freier, nicht beschönigt, aber weniger gefangen.

Es ist schwierig, diese Arbeit an der eigenen Erzählung allein zu bewältigen. Manchmal braucht es einen anderen Menschen, um die Stellen zu hören, an denen die eigene Geschichte zu eng geworden ist. Allein kreist man oft um dieselben Sätze. Man kennt sie so gut, dass man sie für Wahrheit hält. Im Gegenüber können sie fraglich werden. Nicht, weil der andere besser wüsste, wer man ist, sondern weil er nicht in derselben inneren Schleife gefangen ist. Karl Jaspers hat dafür den Begriff der existenziellen Kommunikation geprägt. Wahrheit ist für ihn nicht einfach Besitz eines Einzelnen, sie entsteht da, wo Menschen einander nicht ausweichen, wo sie sich zumuten, ohne einander zu beherrschen, wo sie im Gespräch nicht nur Meinungen austauschen, sondern sich selbst aufs Spiel setzen. Das wird in der Philosophischen Praxis sehr konkret. Hier geht es um Gespräche, in denen man nicht einfach über etwas spricht, sondern in denen man selbst wirklich anwesend und ernsthaft beteiligt ist.

Eine Philosophische Praxis braucht genau diese Ernsthaftigkeit. Sie darf Umwege nehmen, sie darf mit Literatur, Bildern, Beispielen arbeiten, aber im Kern geht es um etwas Wirkliches: Wie will ich leben? Was trägt mich? Was schulde ich mir und anderen? Wo verwechsle ich Anpassung mit Frieden? Wo Freiheit mit Rückzug? Wo Verantwortung mit Selbstaufgabe? Wo Ehrlichkeit mit Härte? Wo Liebe mit Besitz? Wo Sicherheit mit Lebendigkeit?

Solche Fragen berühren den Menschen nicht abstrakt, sie betreffen seine Weltbeziehung. Sie fragen danach, wie jemand in der Welt steht, ob er ihr noch antworten kann, ob er sich in ihr nur ausgeliefert fühlt oder handelnd vorkommt. Beziehung in der Philosophischen Praxis ist deshalb nicht nur Beziehung zwischen zwei Menschen, sie ist auch ein Zwischenraum, in dem die Beziehung zur Welt neu sichtbar wird. Der andere hilft mir nicht einfach, mich selbst zu verstehen, er hilft mir, mein Verhältnis zur Welt zu befragen.

Beziehung bedeutet in diesem Raum auch, das Schweigen auszuhalten. Nicht jedes Schweigen ist Leere. Manchmal ist es der Moment, in dem ein Gedanke zum ersten Mal nicht sofort zugedeckt wird. Manchmal hört ein Mensch erst im Schweigen, was er eben gesagt hat. Manchmal zeigt sich dort, dass unter einer klaren Aussage eine Trauer liegt, unter einer Wut eine Angst, unter einer Entscheidung eine ungelebte Sehnsucht. Wer begleitet, muss nicht jedes Schweigen füllen. Er muss ihm trauen können.

Diese Fähigkeit zur Zurückhaltung gehört ebenso zur Beziehung wie das Sprechen. Philosophische Praxis darf nicht übergriffig werden. Den anderen wirklich zu sehen, heisst auch, seine Grenze zu sehen. Levinas formulierte das so: Der Andere entzieht sich. Und dieses Sich-Entziehen ist kein Mangel, sondern seine Würde. Sie zu bewahren ist zentral. Eine aufrichtige Begegnung steht zwischen Nähe und Abstand. Sie ist nah genug, um nicht kühl zu bleiben, und zurückhaltend genug, um nicht zu vereinnahmen. Sie ist klar genug, um nicht beliebig zu werden, und warm genug, um nicht zu verletzen. Sie fragt nach, aber sie drängt nicht. Sie fordert heraus, aber sie lässt den anderen nicht allein mit dem, was dadurch sichtbar wird.

In dieser Verbindung liegt für mich der eigentliche Wert der Philosophischen Praxis. Sie ist ein Ort, an dem Denken menschlich wird, weil sie beim konkreten Menschen beginnt. Die grossen Fragen der Philosophie stehen nicht irgendwo über dem Leben, sie erscheinen in ihm. In einem Abschied. In einer Entscheidung. In einer Erschöpfung. In einer Liebe. In einer Schuld. In der Frage, ob man noch am richtigen Ort ist. In der Erfahrung, nicht gesehen worden zu sein. In der Sehnsucht, nicht nur zu funktionieren, sondern wahrhaftiger zu leben.

Philosophie, die dem Leben dient, muss diese Orte ernst nehmen. Sie sind der Boden, auf dem Begriffe überhaupt Bedeutung bekommen. Das ist der Grund, weshalb eine gute Philosophische Praxis nicht mit Antworten beginnt, sondern mit Anwesenheit. Mit dem Wunsch, den anderen wirklich zu sehen. Mit der Fähigkeit, sich berühren zu lassen, ohne die eigene Klarheit zu verlieren. Mit der Bereitschaft, aufrichtig zu sprechen, ohne die Beziehung zu verlassen. Mit dem Vertrauen, dass ein Mensch mehr ist als seine gegenwärtige Verstrickung. Dort, wo das gelingt, geschieht etwas Unscheinbares und Tiefes. Ein Mensch wird nicht belehrt, sondern angesprochen, nicht analysiert, sondern erkannt. Er erfährt, dass seine Fragen einen Ort haben. Darum geht es in der Philosophischen Praxis: dass jemand wieder in Beziehung kommt, zu sich selbst, zu anderen, zur Welt und zu der Möglichkeit, das eigene Leben nicht nur zu ertragen, sondern bewusster zu führen.

Verbundenheit mit der Welt

Über Verbundenheit, Entfremdung, Handeln und Liebe

Manchmal gibt es Momente, in denen es sich anfühlt, als stünde ich neben mir und beobachte mich selbst, wie ich in dieser Welt stehe. Es ist, als wäre ich eine Art Knotenpunkt, durch den vieles hindurchgeht: Stimmen, Erwartungen, Erinnerungen, Möglichkeiten, Verletzungen, Hoffnungen. Ich sitze an einem Tisch, gehe durch eine Stadt, höre jemandem zu, lese eine Nachricht, sehe ein Kind auf der Strasse spielen oder einen alten Menschen allein an einer Bushaltestelle stehen, und mir wird förmlich vor Augen geführt: Ich bin nie einfach nur ich, ich bin immer ich in einer Welt. Diese Welt ist nicht Kulisse, nicht Hintergrund, nicht blosses Material, aus dem ich mir mein Leben baue, sie ist das, worin ich überhaupt erst zu mir komme. Ich finde mich in ihr vor. Vielleicht beginnt die Frage nach dem Menschen gar nicht beim isolierten Ich, das sich besitzt, sondern beim Menschen in der Welt, in welcher er steht.

Ich bin nicht gefragt worden, ob ich geboren werden möchte. Ich wurde in eine Zeit, eine Sprache, eine Familie, einen Körper, eine Geschichte hineingestellt. Martin Heidegger hat dafür das schwere, aber treffende Wort der „Geworfenheit“ gefunden. Der Mensch findet sich vor, ohne sich selbst begründet zu haben. Er ist da, bevor er weiss, was dieses Da bedeutet.

«Geworfenheit» wirkt grob, wirkt direkt und doch wenig bestimmt. Es klingt wie eine Last, die wir tragen müssen, weil wir keine andere Wahl haben. Und doch ist da nicht nur Last, es schwingt immer etwas anderes mit: Anfang. Hannah Arendt sagte, dass mit jeder Geburt etwas Neues in die Welt kommt. Natalität meint bei ihr nicht einfach biologische Geburt, sondern die menschliche Fähigkeit, anzufangen. Ich bin nicht nur hineingeworfen in eine Welt, die schon fertig und endgültig da ist; ich bin auch jemand, der in dieser Welt etwas beginnen kann. Darin liegt eine eigentümliche Spannung: Ich habe mir die Bedingungen meines Lebens nicht ausgesucht, aber ich bin nicht vollständig durch sie bestimmt. Ich kann auf sie antworten. Vielleicht ist genau das der Ort, an dem Freiheit beginnt: nicht jenseits der Welt, sondern mitten in ihr.

Diese Spannung wird mir oft besonders dann bewusst, wenn etwas nicht aufgeht, wenn eine Situation mich überfordert, wenn ein Gespräch misslingt oder ich mich fremd fühle unter Menschen, denen ich eigentlich nah sein möchte. Es fühlt sich dann an, als entzöge sich mir die Welt, als sei sie nicht verfügbar und schon gar nicht das, was ich mir zurechtlege, damit es zu mir passt. Welt ist Widerstand, Anspruch, Begegnung. Sie stellt Aufgaben, bevor ich weiss, ob ich ihnen gewachsen bin.

In diesem Sinn ist das Leben kein fertiger Plan, den ich nur ausführen müsste. Es ist eher ein Wechselspiel zwischen der Welt, die an mich herantritt, und mir. Ich stehe vor Fragen, die keiner wirklich gestellt hat, und auf die ich keine schnelle Antwort habe: Ein Mensch braucht meine Aufmerksamkeit, ein Konflikt verlangt Haltung, eine Ungerechtigkeit ruft nach Widerspruch, eine Möglichkeit öffnet sich, aber nur für kurze Zeit. Wenn ich dann handle, passiert das nicht immer bewusst und es gelingt auch nicht immer so, wie ich es möchte. Meine Antwort kann vielfältig aussehen: zupackend oder zögerlich, laut oder durch Schweigen, vielleicht weiche ich auch aus. So oder so handle ich, was nach Hannah Arendt bedeutet, dass ich mich in ein Bezugsgewebe eineschreibe, dessen Folgen ich nie vollständig kontrollieren kann.

Hier zeigt sich wohl die Verletzlichkeit des menschlichen Lebens besonders deutlich, denn ich kann nicht handeln, ohne mich zu zeigen, lieben, ohne mich auszuliefern, oder sprechen, ohne missverstanden werden zu können. Ich kann nicht wirklich in der Welt sein und zugleich unangreifbar bleiben. Diese Verletzlichkeit ist die Bedingung von Beziehung. Ich glaube, diese Sehnsucht nach Beziehung ist in jedem von uns angelegt. Es geht dabei nicht nur um spezifische Beziehungen zu Menschen, sondern auf ein tiefes Gestimmtsein: Ich möchte nicht nur in der Welt vorkommen, ich möchte mit ihr verbunden sein. Ich möchte das Gefühl haben, dass mein Tun nicht ins Leere fällt. Dass meine Worte jemanden erreichen. Dass meine Arbeit, mein Denken, mein Lieben, mein Sorgen, mein Schreiben eine Resonanz finden.

Hartmut Rosa hat diesen Begriff der Resonanz stark gemacht: Weltbeziehung gelingt dort, wo die Welt mich berührt und ich auf sie antworte, ohne sie vollständig verfügbar machen zu können. Resonanz ist kein Echo, das einfach zurückwirft, was ich hineingerufen habe. Sie ist eine lebendige Antwort, durch die sich beide Seiten verändern. Wenn ich mit einem Menschen spreche, bleibe ich nicht dieselbe. Wenn ich ein Musikstück höre, das mich trifft, nehme ich nicht bloss Töne wahr; ich werde anders gestimmt. Wenn ich schreibe und ein Gedanke plötzlich Form annimmt, ist es nicht einfach mein Wille, der sich durchsetzt. Etwas antwortet.

Meine Sehnsucht richtet sich auf solche Momente. Auf jene seltene Erfahrung, dass Welt nicht stumm bleibt. Dass ich nicht nur funktioniere, nicht nur Aufgaben abarbeite, nicht nur Rollen erfülle, sondern in ein lebendiges Verhältnis trete. Vielleicht ist Glück gar nicht primär Besitz, Erfolg oder Sicherheit, sondern die Erfahrung: Ich bin gemeint. Ein einem existenziellen Sinn, dass es eine Verbindung gibt zwischen mir und dem, was mir begegnet. Wo diese Verbindung abreisst, kommt es zur Entfremdung. Rahel Jäggi beschreibt diese als gestörte Welt- und Selbstbeziehung. Man lebt weiter, funktioniert vielleicht sogar gut, aber man erkennt sich nicht mehr in dem, was man tut. Das eigene Leben wird äusserlich. Man erfüllt Anforderungen, aber sie sind nicht mehr wirklich die eigenen. Man bewegt sich durch Räume, aber man ist nicht anwesend. Man spricht, aber die Worte gehören einem nicht ganz. Man ist unter Menschen und fühlt sich trotzdem allein.

Ich kenne dieses Gefühl der Entfremdung. Sie beginnt manchmal unspektakulär: wenn ich merke, dass ich mehr reagiere als antworte; dass ich mich anpasse, statt mich zu zeigen; dass ich Dinge tue, weil sie verlangt werden, aber nicht, weil ich mich in ihnen wiederfinde. Es ist ein Unterschied, ob ich auf die Welt antworte oder ob ich bloss auf Reize reagiere. Reaktion ist oft schnell, defensiv, getrieben, Antwort braucht Gegenwart. Sie setzt voraus, dass ich höre, was mich wirklich anspricht. Entfremdung entsteht deshalb nicht nur durch äussere Zwänge, sondern auch durch eine bestimmte Form der Selbstverfehlung. Ich kann mich selbst verlieren, indem ich mich zu sehr schütze. Wenn ich mich unangreifbar machen will, nur noch das zeige, was funktioniert, was überzeugt und was ich unter Kontrolle habe, bin ich zwar da, aber nicht wirklich sichtbar. Ich erscheine als Rolle, nicht als Mensch.

Die moderne Entfremdung besteht vielleicht weniger darin, dass wir keine Welt mehr hätten, sondern dass uns zu viel Welt in falscher Form begegnet. Zu viele Reize, zu viele Ansprüche, zu viele Vergleichsmöglichkeiten, zu viele Oberflächen. Alles spricht uns an, aber wenig erreicht uns. Alles fordert Reaktion, aber wenig ermöglicht Antwort. Wir sind verbunden und doch nicht berührt. Hannah Arendts Begriff des Amor Mundi, der Liebe zur Welt, gewinnt hier eine besondere Bedeutung. Weltliebe meint nicht naive Zustimmung zu allem, was ist. Sie ist keine Beschönigung, im Gegenteil: Nur wer die Welt liebt, kann an ihr leiden, ohne sie aufzugeben. Amor Mundi heisst, die Welt trotz ihrer Brüche als gemeinsamen Raum ernst zu nehmen. Nicht als Besitz, sondern als Aufgabe. Wenn Handeln Antworten bedeutet, dann ist die Welt nicht einfach das Problem, vor dem ich stehe, sondern der Raum, in dem meine Antwort Bedeutung erhält. Ich stehe in ihr als die, welche ich bin, dies auch im ganz körperlichen Sinn. In diesem Körper zeigt sich sowohl die Entfremdung in Form von Enge, Müdigkeit, Unruhe, Verstummen, als auch die Verbundenheit als Aufatmen, als Weite, als Klarheit, als Lebendigkeit. Der Körper weiss oft früher als der Begriff, ob ich in einem Verhältnis stehe, das mich trägt oder verformt.

Vielleicht heisst, in Beziehung mit der Welt zu sein, ein Verhältnis zu finden, in dem ich atmen kann. Ein Verhältnis zur Welt, in dem ich mich nicht ständig beweisen muss. Zu Menschen, vor denen ich nicht nur funktionieren muss. Zu einer Aufgabe, in der ich mich nicht verliere, sondern entfalte. Zu mir selbst, ohne mich abzuschliessen.

Entfaltung ist dabei kein rein innerer Vorgang, sie passiert immer im Kontakt mit der Welt, durch Widerstände, Begegnungen und offene Fragen. Die Welt stellt Aufgaben, nicht im Sinn, als gäbe es vorgefertigte Lösungen, sondern als Zumutungen des Lebendigen: Ein Mensch, der mir widerspricht, ein Verlust, der mich zwingt, neu zu sehen, eine Liebe, die mich öffnet, eine Ungerechtigkeit, die mich nicht ruhig bleiben lässt. Ich löse diese Aufgaben nicht, indem ich antworte. Dabei verändert jede Antwort die Aufgabe, genau darin liegt das Wechselspiel: Die Welt formt mich, aber ich forme auch Welt. Ich bin nicht souveräne Schöpferin meines Lebens, aber auch nicht bloss Produkt meiner Umstände, ich bin Mitspielerin in einem offenen Geschehen. Ich bin nicht allmächtig, aber auch nicht ohnmächtig. Ich habe die Verantwortung, sie liegt zwischen den beiden.

Verantwortung heisst wörtlich: Antwort geben. Nicht auf alles, nicht perfekt, nicht endgültig, aber dort, wo ich angesprochen bin. Es gibt eine Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben, es nicht fremd werden zu lassen. Eine Verantwortung gegenüber anderen, sie nicht zu Objekten meiner Angst oder meines Begehrens zu machen. Eine Verantwortung gegenüber der Welt, sie nicht nur zu verbrauchen. Und eine Verantwortung gegenüber der Liebe, sie nicht mit Besitz zu verwechseln.

Vielleicht ist das die Form von Weltverbundenheit, nach der ich suche: nicht Einssein mit allem, nicht harmonische Verschmelzung, sondern ein tragfähiges Dazwischen. Ein Raum, in dem Unterschied nicht Trennung bedeuten muss, in welchem Nähe nicht Besitz und Handeln nicht Selbstbehauptung gegen die Welt ist, sondern Antwort in der Welt. Ich stehe also nicht vor der Welt wie vor einem Objekt. Ich stehe auch nicht über ihr. Ich stehe in ihr, mit anderen, durch andere, gegen Widerstände, in Beziehungen, in Geschichten, in Aufgaben. Ich bin geworfen und anfangend, verletzlich und handlungsfähig, sehnend und antwortend. Meine Entfremdung beginnt dort, wo dieses Verhältnis stumm, äusserlich oder verfügbar wird. Meine Lebendigkeit beginnt dort, wo ich wieder antworten kann. Und frei atmen.

Morgengedanken: Beziehung mit der Welt

Eigentlich ist alles in Ordnung. Es sind schöne Tage. Und doch fehlt etwas. Dieses tiefe Gefühl von Verbundenheit, von Beziehung zu dieser Welt. Ich lese Nachrichten und frage mich, was für eine Welt das ist. Es scheint alles wie immer und ich kann mir auch glauben, dass es das ist – und weiss tief drin, dass es eben doch nicht stimmt. Es war früher nicht alles besser. Aber es war vertrauter. Vielleicht ist es das. Die Veränderung der Lebensumstände und der Weltzusammenhänge. Ich möchte nicht wieder jung sein und doch fiel damals einiges leichter. Zugänge, Möglichkeiten, Erfolge waren dichter gesät. Die Welt schien ein grosser Ort voll Chancen zu sein und ich konnte sie ergreifen. Mir scheint, Türen schliessen sich immer mehr. Spielräume fallen weg, Vertrautes schwindet, Sicherheiten werden brüchig. Es hiess mal «nie mehr», nun sind wir bald mittendrin im «Wieder». Es hiess mal, die Zukunft wird mal besser werden, nun scheint das Beste hinter uns zu liegen. Es hiess mal, wir müssen diese Welt retten, nun machen wir immer noch mehr, sie zu zerstören.

Und doch: Es ist die einzige Welt, die wir haben. Vielleicht müssten wir uns das immer wieder sagen. Vielleicht würden wir sie dann doch irgendwann retten wollen? Nicht für die Welt, für uns. Sie kann ohne uns, nur umgekehrt wird es schwer. Und vielleicht ist es mit der Gesellschaft dasselbe: Wir haben nur die eine, wir sollten sie so gestalten, dass sie zu einem Zuhause wird für alle. Manchmal hilft schon ein Lächeln am Morgen im Bus. Was könnte das verändern im Tag eines anderen Menschen.

Philosophisches: Haben oder Sein

«Die Aufgabe ist, dass der Mensch so lebt, dass der Zweck, das Ziel seines Lebens die volle Entfaltung aller seiner Kräfte ist als ein Selbstzweck und nicht als Mittel zur Erreichung anderer Zwecke.» (Erich Fromm, Marx zitierend)

Das sagte Erich Fromm in einem Interview und meinte es als Kritik an einer Welt, die Menschen immer mehr als Ressourcen sieht, und immer weniger als Personen, als Individuen. Was zählt, ist das Haben, der Profit, dabei geht das Sein, das Leben als ganzer Mensch, unter. Sinnbildlich wird das in Firmen, in denen die Personalbüros «Human Ressources» heissen: Menschliches Kapital quasi, ein Gut, auf das man für den Profit strategisch zurückgreift. Kein schönes Bild, wie ich finde. Kein Wunder, fühlen sich Menschen immer unwohler in der Arbeitswelt, brennen sie aus, werden sie krank. Für die ressourcenorientierte Gesellschaft ist das kein Problem, jeder ist ersetzbar, fällt einer aus, kommt der nächste.

Das fängt aber schon früher an: Auch in der Schule zeigt sich diese Haltung. Es geht nicht um Bildung, sondern um Wissensanhäufung unter Zwang und Leistungsdruck. «Und bist du nicht willig, dann kriegst du ne eins (in der Schweiz die schlechteste Note).» Wer es nicht aufs Gymnasium schafft, hat je länger je mehr ein Problem, die Berufsauswahl schrumpft. Es zählt nur noch, was einer (an Papieren) hat, nicht was er an wirklichen Fähigkeiten mitbringt. Eine Kindergartenlehrerin muss in Mathe gut sein, die Sozialkompetenz, der liebevolle Umgang mit Kindern sind keine ausschlaggebenden Kriterien.

Was so mehr und mehr wegfällt, ist eine wirkliche Beziehung zwischen Menschen, eine wirkliche Beziehung zur Welt. Der Mensch sieht sich als Rad im Getriebe und fühlt sich nicht gesehen. Das Interesse liegt mehrheitlich darauf, was einer hat, nicht wer er ist. Dadurch entstehen keine wirklichen Beziehungen, doch die wären wichtig für den Menschen, denn ohne sie kann er nicht als Mensch wirklich existieren, sicher kann er kein Leben führen, das ihn befriedigt, das er als gutes Leben bezeichnen würde. Es kommt zu einer immer grösseren Entfremdung – von der Welt, von anderen Menschen, oft auch von sich selbst.

Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, umzudenken, Leben neu zu denken – weg von

«Sag mir, was du hast, und ich sage dir, wer du bist.»

Hin zu

«Sag mir, was du fühlst, denkst, tust und willst, und ich sehe, wer du bist.»

Das könnte ein Weg sein weg von profitorientierter Existenz hin zu einem sinnerfüllten Leben.