Tagesgedanken: Wo bleibt das Mitgefühl?

Ich lese aktuell das grossartige Buch von Markus Gabriel, Ethische Intelligenz… Wie KI uns moralisch weiterbringen kann. Er schreibt realistisch, gar nicht pessimistisch, eher hoffnungsvoll und zu richtigem Verhalten motivierend. Und doch ist in mir immer die Frage: Will ich das alles? Kann das klappen? Ich meine: Der Mensch müsste hier was tun.

Ich las über die Rückholungsflüge von Reisenden in Dubai, Katar und anderen. Ich sehe Intervies mit Menschen, die das Bombardement erlebt haben, von Ort zu Ort fuhren, um irgendwie aus der Gefahrenzone zu kommen. Zu teils horrenden Preisen, die die Fluggesellschaften fordern konnten – sie sitzen am längeren Hebel.

Und dann lese ich die Kommentare. Und zweifle. An den Menschen und vor allem an der Mitmenschlichkeit. Ja, ich wäre auch nie in diese Länder gereist, da es absehbar war, dass was passiert. Was wurde ich belächelt. Wie vor dem Krieg in der Ukraine, als ich sagte, es sei eine Frage der Zeit, dass Putin angreift. Spott und Häme kamen über mich. Ich sei überängstlich, sehe zu schwarz. Nein, ich studiere die politische Lage, tue das mit dem Hintergrund eines Studiums in politischer Philosophie, dessen Schwerpunkt immer totalitäre Systeme war. Aber nicht mal darum geht es mir.

Ich lese kommentare, dass es den Menschen eh zu gut gegangen sei, könnten sie sich solche Ferien leisten, lese, dass sich die Schnäppchenjäger nun nicht aufregen sollen, kämen sie an die Kasse. Als ob es einem Menschen recht geschehe, so etwas erleben zu müssen. Als ob es ein Verbrechen sei, sich einen Urlaub zu gönnen. Wer weiss, was dahinter steckt? Ein Traum, ein Wunsch, eine Auszeit von einem schwierigen Leben, was auch immer. Es ist egal. Schlicht egal. Da erlebten Menschen den Albtraum, den man eigentlich niemandem wünschen dürfte und es gibt Menschen, die finden: Sälber schuld.

Ist das so? Nochmals: Ich wäre nie dahin geflogen. Andere taten es. Und es ging bislang gut, worüber ich (aus Gründen) sehr froh bin. Für viele Menschen ging es nun nicht mehr gut. Ich würde mir ein wenig Mitgefühl wünschen. Das wäre die Welt, in der ich gerne leben würde. Eine Welt, in welcher man nicht nach Gelegenheiten sucht, die eigene moralische Überlegenheit wie eine Pradatasche durch die Welt zu tragen, sondern das eigene Herz mitfühlen lässt am Leid anderer.

Und hier schliesst sich der Kreis zu Markus Gabriel. Seine Hoffnung ist, dass wir die KI, welche unser Verhalten spiegelt und daraus eigene Reaktionen ableitet, die sie dann mittlerweile auch schon selbständig wieder einspeisen kann, durch unser ethisches Verhalten selbst „ausbilden“, sprich, sie durch unsere gezeigten und gelebten Werte zu einem ethischen Multiplikator werden lassen. Wenn ich in die Welt schaue, scheitert diese Hoffnung am Menschen. Und das macht mir etwas Sorge.


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