Eine Geschichte: Am Ende wird alles gut (XXXXVIII)

Lieber Papa

«Papa ist diese Nacht gestorben.»

Ich packte meine Sachen zusammen, raste zur Bushaltestelle. Alles an mir zitterte. Ich sass hinter Sonnenbrillengläsern verborgen am Fenster, lehnte das Gesicht an die Scheibe. Die Tränen liefen die Wangen hinunter. Alles war wie immer, der gleiche Weg, der gleiche Bus, der gleiche Zug. Und doch war alles anders. Es würde nie mehr sein wie immer.

Ich setzte mich auf die Treppe zwischen den Zugwaggons. Fühlte mich zwischen den Welten oder aus diesen gefallen. Ich ertrug keine Menschen. Ich ertrug gar nichts. Wollte allein sein. Mich verkriechen. Am liebsten im Bett, die Decke über den Kopf gezogen und nie mehr aufstehen. Was für ein verbrauchtes Bild. Gerade jetzt.

Ich lehnte an die Wand und starrte vor mich hin, ohne etwas zu sehen. Tränen hatte ich keine mehr. Dachte ich. Dann sah ich ihn: den Kontrolleur. In der Eile hatte ich mein ganzes Portemonnaie zuhause gelassen. Samt Fahrkarte. Als er vor mir stand, blickte ich hoch. Und weinte los. Und stammelte etwas von vergessener Fahrkarte und totem Vater. Und konnte nicht mehr aufhören. Er schaute mich an.

«Machen Sie sich keine Sorge. Alles ist gut. Bleiben Sie hier ruhig sitzen. Es wird keine weitere Kontrolle geben auf dieser Fahrt. Ich wünsche Ihnen alles Gute.»

Wie gut das tat. Die ruhige Stimme. Das Verständnis. Das Mitgefühl. Ich war so dankbar.

Mama war schon bei dir im Zimmer, als ich kam. Ich liess sie mit dir allein, setzte mich in die Kaffeestube. Und wartete. Sie kam. Wir begrüssten uns. Mit Umarmung. Sie fühlte sich ungewohnt echt an.

«Er sieht friedlich aus.»

«Ich werde nicht reingehen.»

«Du solltest.»

«Nein, ich will ihn lebend in Erinnerung haben.»

Die Pflegefachfrau schaltete sich ein.

«Es wird Ihnen guttun. Dann können Sie Abschied nehmen.»

«Ich habe mich am Dienstag verabschiedet, als ich wusste, dass ich ihn nicht mehr wiedersehen würde.»

Irgendwann gab ich nach. Lief den Gang hinunter. Fast hätte ich geklopft. Ich öffnete langsam die Tür. Streckte den Kopf durch den Spalt. Wie immer.

Da lagst du. Schmal. Still. Alles war still. So still. Ich ging an dein Bett. Setzte mich dieses Mal nicht drauf, wie immer, sondern kniete daneben. Schaute dich an. Streckte langsam meine Hand aus. Zögerte. Streckte weiter. Zögerte erneut. Berührte deinen Arm. Er war kühl. Ich nahm die andere Hand dazu. Umfasste deinen Arm mit beiden Händen. Und weinte. Ich weinte, als könnte ich nie mehr aufhören.

Eine Welt ohne dich, Papa? Das war nicht mehr meine Welt. In dieser Welt könnte ich nicht leben. Das war immer meine Überzeugung gewesen. Nun war es so weit. Und ich würde weiterleben. Die Welt drehte weiter. Mit mir, ohne dich.

«Am Ende wird alles gut.»

Das sagtest du immer. Es fühlte sich nicht so an. Doch mehr Ende ging nicht. Oder doch?

(«Alles aus Liebe», XXXXVIII)


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6 Kommentare zu „Eine Geschichte: Am Ende wird alles gut (XXXXVIII)

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