Eine Geschichte: Contenance (XXXXIII)

Lieber Papa

«Papa sagt, du sollst an Weihnachten nicht kommen. Er habe keine Kraft.»

Ich legte den Hörer auf und war so allein wie wohl noch nie in meinem Leben. Ich spürte, wie du dich langsam aus meinem Leben verabschiedetest. Zwar hatten wir uns seit meinem Auszug zu Hause vor nun über 20 Jahren nur noch selten gesehen, Weihnachten waren ein sicheres Datum. Bis jetzt.

Ich merkte plötzlich, wie müde ich war. So unendlich müde. Seit du nicht mehr im Spital lagst, konnte ich dich nicht mehr besuchen. Die Fahrt war zu weit für einen kurzen Besuch. Die so gewonnene Zeit brachte mir keine Erholung, sondern nun brach ich vollends zusammen. Wo ich ging und stand, plötzlich kamen die Tränen. Aus dem Nichts. Ich traute mich kaum noch aus der Wohnung deswegen.

«Contenance!»

Das hast du immer gesagt. Erinnerst du dich. Es war im Spass gemeint, doch es steckte viel ernst darin. Sie war immer zu bewahren. Das war oberste Maxime bei uns. Sie war mir abhandengekommen. Hatte ich sie je?

Früher hatte ich immer gesagt, ich könnte nicht mehr leben, wenn du mal nicht mehr seist. Ich merkte, dass ich mich langsam damit auseinandersetzen musste. Niemand sprach es an. Als ob die Worte es in Stein meisseln würden, während das Unausgesprochene noch einen Resten Hoffnung birgt. Als ob man nichts verschreien wollte.  


Entdecke mehr von Denkzeiten - Sandra von Siebenthal

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

3 Kommentare zu „Eine Geschichte: Contenance (XXXXIII)

  1. Liebe Sandra,
    Contenance ist wie ein Panzer, der einem noch Halt gibt, wenn man innerlich schon am Zerfliessen ist…
    Ich habe noch heute die Stimme meiner Grossmutter Anna im Ohr, die in jeder Lebenskrise vor sich hinmurmelte: „Buuch ine, Bruscht use, Lächle!“ bevor sie rausging und sich der Krise stellte.

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu matter birgit Antwort abbrechen