Gedankensplitter: Herkunft, die nicht vergeht

«Die lange verleugnete Wahrheit über das, was ich war, kam zu mir zurück und zwang mir ihr Gesetz auf.»

Wir kommen in diese Welt und sie schreibt sich in uns fest. Wir gehen unseren Weg, doch nehmen wir mit, was wir unterwegs auflesen. Jean Paul Sartre schrieb in seinem Stück Saint Genet:

«Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.»

Als Existenzialist vertrat er die Meinung, dass wir sein können, wer wir wollen, dass das Leben keinen Sinn hat ausser dem, den wir ihm zuschreiben durch unser Dasein. Und doch: Wir sind, wer wir sind, auch aufgrund dessen, woher wir kommen. Und diese Herkunft prägt unser Sein bis tief in unsere Gene, sie ist in unserer Haltung, unserer Sprache, unserem Denken eingeschrieben und wirkt sich da aus. Zwar können wir die Herkunft verlassen, doch los werden wir sie nie.

Als ich Didier Eribons «Rückkehr nach Reims» las, kamen mir unter der Dusche spontan folgende Zeilen in den Sinn, so dass ich diese verliess, um sie sofort aufzuschreiben:

«Es gibt Bücher, die sind für dich geschrieben. Sie tragen Sätze in sich, die zu dir sprechen, weil sie gleichsam auch aus dir sprechen. Sie scheinen dazu geschrieben worden zu sein, dass du dich in ihnen erkennst und dir endlich erklären kannst, was du bislang nur gefühlt hast, aber nicht erfassen und einordnen konntest – oder dich nicht trautest, es zu tun.»

Müsste ich ein Buch nennen, das mir wichtig ist, das mir am Herzen liegt, das ich nicht missen möchte, es wäre dieses.

***

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Suhrkamp Verlag, 2023.

Die autobiografische Erzählung von Didier Eribon, welcher zu seinen Wurzeln im Arbeitermilieu zurückkehrt, aus dem er für lange Zeit geflohen war – körperlich und geistig. Eribon verwebt autobiografische Erlebnisse mit politischen, soziologischen und psychologischen Erklärungen, er zeichnet das Bild einer Zeit und einer Gesellschaft, erläutert politische Gesinnungen und Gesinnungswechsel, legt eigene Gedanken und Verhaltensmuster offen. Ein kluges, ein tiefes, ein bewegendes, ein wichtiges Buch. Ein Herzensbuch.


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3 Kommentare zu „Gedankensplitter: Herkunft, die nicht vergeht

  1. Sandra: „…kamen mir unter der Dusche spontan folgende Zeilen in den Sinn, so dass ich diese verliess, um sie sofort aufzuschreiben“

    Albert Einstein soll mal erzählt haben, daß er die besten Einfälle habe, wenn er in der Badewanne sitzend mit den Seifenblasen spiele.

    Zwei Nackedeis schlittern triefend…, aber
    sportlich an ihren jeweiligen Schreibtisch.

    Im entspanntem Zustand, also in der Wanne, unter der Dusche, oder in der Meditation…, wenn der Verstand mit vermeintlich unbedeutenden Dingen beschäftigt ist, öffnen sich Türen, die im Normalbetrieb vom Verstand bewacht werden, so daß sie gar keine Chance haben, durchzukommen.

    Jetzt, in einem unbewachten Moment, zeigen sich die feineren
    Ressourcen, von denen unser Tages-Denken keine Ahnung hat.

    Und ja, wenn man diese Einfälle, Eingebungen, Einsichten, Erkenntnisse… nicht sofort notiert, sind sie gleich wieder futsch ― weil zwischen den feiner schwingenden Ebenen und dem Gedächtnis keine Verbindung besteht.

    Wollen wir den Raum der Weisheit betreten…, müssen
    wir den EgoVerstand draußen bei den Schuhen lassen.

    🌻

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  2. Sandra: „Einstein, ich sehe ihn bildlich vor mir.“

    Im Gegensatz zum Albert wirst du mich nicht aus dem Bad zum PC stürzen
    sehen – weil dort Notizblock und Stift griffbereit in der Schublade liegen. 😎

    Schreibt man zu wenig auf, nutzt es auch nichts.
    Gelegentlich finde ich gestern notierte Stichworte,
    mit denen ich heute nichts mehr anfangen kann.
    Der Zugang ist schon längst wieder dicht.

    🌿

    Sandra: „Herkunft, die nicht vergeht“

    Zu dieser haben weder der denkende Verstand, noch
    unser Erinnerungsvermögen… Zugangsberechtigung.

    Alles was Körper ist, oder Gefühl oder Denken,
    oder Erinnerung… vergeht über kurz oder lang.

    In tiefer Meditation
    können wir eine leise Ahnung
    bekommen von dem, was nicht vergeht.

    Auf der Erde sind wir nur kurz Gast –
    sie ist nicht der Ort unserer Herkunft.

    🌿

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