Es ist fünf vor Zwölf. Heisst es. Klimakrise. Heisst es. Wir machen unsere Welt kaputt. Wir, das sind die Alten, die, welche schon da waren und den Schlamassel angerichtet haben. Angeklagt werden wir von der jungen Generation. Zu Recht. Sie gehen dafür nicht auf die Strasse, sie kleben sich drauf. Sie zerstechen Pneus, zünden Autos an, bewerfen Bilder mit Kartoffelstock. Und sie kriegen Aufmerksamkeit. Die Medien werden nicht müde, davon zu reden. Die problembewussten Bürger loben das politische Engagement, die Gegner fluchen und verstehen nicht, wie man diese Aktionen gutheissen kann.
«Immerhin kriegen sie Aufmerksamkeit.»
Das ist das Argument, dass dann oft ins Feld geführt wird. Das Engagement mit medienwirksamen Aktionen fällt auf. Und auffallen will man, schliesslich will man die Welt retten.
Die Welt ist in der Tat in einem desolaten Zustand. Wir haben sie benutzt, wir haben sie ausgebeutet, wir lebten, als gäbe es kein Morgen. Weil wir so weit nicht dachten. Und wenn wir daran dachten, hiess es, es sei fünf vor zwölf, wir waren alle entsetzt und machten weiter wie bisher – oder noch schlimmer: Seit über dreissig Jahren ist es nun fünf vor zwölf. Man solle weniger verbrauchen, weniger fliegen, weniger auf Wasser und Strassen verkehren. Die Flieger wurden grösser und mehr, die Schiffe ebenso, die Autoproduktion machte Kosmetik – teilweise mit energiesparenderen Modellen, teilweise nur auf dem Papier.
Haben sie also recht, unsere jungen Klimakleber, wie man sie gerne etwas abschätzig nennt? Ich würde mit einem bestimmten «Jein» antworten. Wir haben es zu weit getrieben, unser Leben in der westlichen Welt kostet zu viele zu viel: Menschen in anderen Ländern, Tiere, die Natur. Aber: Sind das wirklich die Massnahmen, die helfen? Einerseits ist es gut und wertvoll, wenn Demokratie gelebt wird, was immer auch Widerspruch bedeutet. Nur stellt sich die Frage der Mittel. Wären Mittel, die auf positive Weise auf die Missstände hinweisen, nicht sachdienlicher, weil sie weniger Opposition wegen plakativer Aktionen, die man mit wirklich sachlichen Mitteln verurteilen könnte, hervorrufen würden? Zum Beispiel ein Aufruf zum «Tag des Müllsammelns» – diese Massen anschaulich demonstriert wären auch eindrücklich. Dies nur ein Beispiel. Man hätte mit so einer Aktion gleichzeitig auch etwas Gutes getan.
Solche Vorschläge treffen meist auf das Argument, dass damit wenig Aufmerksamkeit generiert würde, sicher weniger als die aktuellen Aktionen. Das mag stimmen. Nur: Was genau bewirken die aktuellen Aktionen? Sie halten Medien, Polizei, Justiz und eventuell Politik in Trab, welche darüber berichten, für Ordnung sorgen, Sanktionen überlegen und Massnahmen gegen die Akteure diskutieren. Die Welt pfeift derweil weiter aus dem letzten Loch. Berechnet man, was all die Aufräumarbeiten und Reparaturen der beschädigten Dinge kosten (an Geld und Ressourcen jeglicher Art), sieht die Bilanz düster aus.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit als hohes Gut gewertet wird. Likes, Sternchen, Herzchen – je mehr du hast, desto besser bist du. Und dann giltst du was und machst es quasi richtig. Was in den sozialen Medien stimmen mag, verliert leider in einem gelebten, demokratischen Leben, in welchem es darum geht, miteinander in Frieden in einer Welt, die dieses Leben trägt, auszukommen. Da geht es um die Sache. Um Handlung.
Ein kleines Beispiel, wie Klimarettung konkret im Kleinen aussehen könnte:
Sebastião Salgado, ein berühmter Fotograf, wuchs auf einem fruchtbaren Bauernhof auf. Er zog in die Welt, die Eltern wurden alt, der Hof war verlassen, die Erde trocknete aus. Es hörte auf, zu regnen, es war eine unfruchtbare Öde. Salgado zog wieder hin, fing an, Bäume zu pflanzen. Von Hand. Mit seiner Frau, dann mit Helfern. Immer mehr Bäume. Es fing wieder an zu regnen. Das Klima änderte sich. Nachzuschauen ist das im wunderbaren Film «Das Salz dieser Erde».
Wir können nicht alle Bäume pflanzen. Aber wir können etwas bewirken. Auch mit guten und legitimen Mitteln. Diese würden auf mehr Zustimmung auch für die Sache stossen und sicher den einen oder anderen mitbewegen, selbst etwas zu tun. Wir können allein nie die Welt retten. Aber wir können einen Anfang machen. Im Guten. Für die Sache und nicht für blosse Aufmerksamkeit.
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Ich für meinen Teil ziehe den Hut vor den Klimaklebern, die so mutig daran erinnern, was wir noch retten können. Und zum ersten Male in der Geschichte verfasst die Regierung jetzt konkrete Zeit- und Zielpläne, während man jahrhundertelang doch nur vor sich hin gewurschtelt hat.
Wenn Du ein Unternehmen betreibst, dann setzt Du Ziele, stellst einen Businessplan auf. Wo ist denn dieser für das Land die ganze Jahre gewesen? Es gab keinen. Und in weiten Teilen noch immer nicht: wir setzen weiter auf Wirtschaftswachstum und nicht auf ethisch vertretbare Lösungen.
Und nachdem wir die Rohstoffe der Entwicklungsländer geplündert haben, plündern wir jetzt deren Fachkräfte und geistiges Potential.
Ich denke, die Klimakleber noch noch viel zu tun!
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Die Politik hat aber erst angefangen, wirklich etwas zu tun, als durch den Krieg Putins gegen die Ukraine alles knapp wurde. Das war ziemlich unabhängig von den Klimaklebern. Wie gesagt begrüsse ich eine aktiv gelebte Demokratie mit Widerstand, aber es stellt sich mir trotz allem die Frage nach den wirksamen Mitteln und konkreten und nützlichen Taten.
Ich bin die erste, welche nicht nur eine Tat, sondern schon die zugrundeliegenden Gedanken und Ideen, wertschätzt, aber wenn blosse Zerstörungswut sichtbar wird bei Aktionen, dann habe ich doch Fragezeichen.
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Nach all den verschlafenen Jahren muss es doch mal richtig weh tun, sonst merkt es doch keiner. Und Du kannst mir nicht sagen, dass das Bekleckern eines Bildes die „Menschheit“ aufgeregt hat, das haben nur die Medien und die Politik hochgespielt.
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Ich denke, es hat einfach negative Stimmung gegen die Aktivisten geschürt. Weil man es nicht verstehen und tolerieren wollte. Die abschätzigen Bemerkungen gegen Greta von Thunberg oder die Future-Fridays waren deplatziert, das waren wirklich mutige und tolle Kinder/Jugendliche mit einer Mission. Aber das ist aus dem Ruder gelaufen mit wirklich negativemAnsehen. Das bedaure ich.
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