Wie Claudia schon erwartet hatte, waren die Rückenschmerzen auch nach zwei Wochen mit regelmässiger Medikamenteneinnahme nicht verschwunden. Im Gegenteil. Wenn sie sich bückte, ächzte sie, beim Hochkommen stöhnte sie. Das war nicht nur nicht sexy, das war vor allem kein Qualitätsmerkmal für eine Yogalehrerin. Der nächste Arztbesuch musste her. Und: Doktor Frank hatte Zeit.

Wieder machte sich Claudia auf den Weg zur Praxis, setzte sich geduldig ins Wartezimmer und sass alsbald im Stuhl vor dem Ärztepult. Doktor Frank schaute sie an, er kannte sie. Wie es ihr ginge, fragte er. Claudia fühlte sich wahrgenommen, ganz anders als beim Kollegen, dessen Namen sie bereits verdrängte, weswegen er ihr partout nicht mehr in den Sinn kam. Egal, das war hier nicht Thema, wobei sich Claudia fragte, ob sie mal einen Neurologen beiziehen sollte wegen ihrer Vergesslichkeit – aber zuerst war nun mal der Rücken dran.

Claudia erzählte also erneut von ihren Wehwehchen und Zipperlein, erörterte ihre Schlüsse aufgrund ihrer Selbststudien und deutete vage Vermutungen in Richtung Diagnose an. Doktor Frank schaute wenig beeindruckt, wies sie dann an, nochmals alle Stellungen einzunehmen, die schon der Doktor mit dem vergessenen Namen sehen wollte, klopfte hier, drückte da… und war alsbald so klug wie sein Kollege. Da die Wunderwaffe Tabletten schon ausgeschöpft war, zückte er die nächste aus dem Ärztekittel (den er übrigens nicht trägt – Klischees sind auch nicht mehr, was sie mal waren): Physiotherapie.

Claudia schaute ihn erwartungsvoll an und fragte: Massagen? Doktor Frank schaute kurz auf, denn er suchte bereits nach dem Formular für die Verordnung, und sagte (schon wieder über die Schublade gebeugt): „Nein, Übungen.“ Mittlerweile schien er das Formular gefunden zu haben, denn er tauchte wieder aus der tiefen Verbeugung auf und sass aufrecht vor ihr. Claudia meinte schüchtern (Widerstand erschien ihr mittlerweile sinnlos): „Die kenne ich doch selber, das hilft nichts.“ Doktor Frank liess sich nicht beirren: „Die kennen andere Übungen.“ Claudia schwieg. „Für den Notfall gebe ich Ihnen nochmals die Tabletten mit, damit sie Schmerzen überbrücken können.“ Claudia nickte und versuchte, nicht zu resigniert auszusehen. „Wenn nach drei Sitzungen mit der Physio nichts besser ist, brechen wir ab und röntgen mal. Rufen Sie dann einfach an“, sagt er ihr noch.

Nachdem alle Formalitäten geklärt, das Formular den Besitzer gewechselt und noch ein paar Worte gewechselt waren, verabschiedete Dr. Frank Claudia. Sie erinnerte ihn pflichtbewusst an die Medikamente, die er noch aushändigen wollte, was er pflichtschuldig tat. Dann zottelte Claudia von dannen, um einen Termin mit der Physiotherapie auszumachen. Zwar glaubte sie nicht an Übungen, wollte aber ja brav sein und musste den von der Krankenkasse vorgesehenen Weg gehen, denn: Das Hausarztmodell schreibt vor, dass erst der Hausarzt konsultiert werden muss, der dann weiterleitet. Zweifel an der Sparsamkeit dieses Modells stiegen langsam hoch, aber das wäre eine andere Geschichte. Diese hier geht nächstes Mal weiter mit dem Besuch beim Physiotherapeuten.

Claudia hatte Rücken. So richtig. Egal ob sie stand, ging oder sass: Es zwickte. Teilweise so stark, dass sie kaum mehr gehen, stehen oder sitzen konnte, nicht mal liegen ging. Sie cremte, salbte und badete, bis sowohl sie als auch die Wohnung den beissenden Geruch in allen Poren hatten. Aber es half nichts.

Claudia schimpfte und fluchte, jammerte und klagte. Nicht dass es geholfen hätte, aber es war die Vorstufe zum schlussendlichen Entschluss: Ein Arzt musste her. Oder sie zu ihm. Sie nahm den Hörer in die Hand… wobei, das ist so nicht ganz korrekt, da sie gar keinen Hörer hatte, sondern nur ihr iPhone. Dieses nahm sie also in die Hand und wählte die Nummer. Am anderen Ende meldete sich eine bislang noch unbekannte Stimme: „Praxis Doktor Frank und Doktor Kurzenegger.“

„Grüezi! Ich hätte gerne einen Termin bei Doktor Frank“, sagte Claudia.

Die Stimme fragte: „Waren Sie schon mal bei ihm?“ Claudia bejahte.

„Was haben Sie denn?“, erkundigte sich die Stimme. Claudia erzählte von ihrem Leiden.

„Doktor Frank hat leider keine Zeit, aber Herr Kurzenegger wäre frei“, antwortete die Stimme unverschämt wenig mitfühlend. Claudia meinte, sie hätte doch lieber Doktor Frank, wurde von der Stimme aber mit vielen Argumente davon überzeugt (oder eher dazu weichgekocht), dass Herr Kurzenegger ein wunderbarer Arzt und überaus kompetent sei. Claudia gab klein bei. Dafür konnte sie gleich in die Praxis.

Dort angekommen, sassen drei Praxisassistentinnen im Vorzimmer. Welche davon die Stimme gewesen war, liess sich nicht mehr eruieren – es gab sich auch keine zu erkennen. Egal. Nach einem kurzen Aufenthalt im Wartezimmer war es soweit: Der hochgelobte Arzt holte sie ab und fragte, im Sprechzimmer angekommen, nach ihren Beschwerden. Claudia erzählte genau, was wie und wann wo genau weh tat, äusserte ihren Verdacht, welcher Muskel betroffen sein könnte. Der Arzt schaute sie erstaunt an: „Sind sie im medizinischen Bereich tätig?“ Claudia antwortete: „Nein, ich bin Yogalehrerin, Anatomie war in dieser und anderen Ausbildungen Teilgebiet.“ Der Arzt war merklich weniger beeindruckt.

In der Folge klopfte er hier, tastete da, liess Claudia hüpfen, sich beugen und – wurde von einem Telefonanruf abgelenkt. Er verschwand aus dem Zimmer, während Claudia sich die Beine in den schmerzenden Rücken stand, der Dinge, die da noch kommen werden, harrend. Fünf Minuten später war Doktor Kurzenegger zurück im Zimmer. Er fragte gleich nochmals nach, welche Seite es denn genau wäre, die schmerze. Das hatte Claudia zwar schon etwa dreimal gesagt, aber der gute Mann wollte wohl auf Nummer Sicher gehen.

Dann sass er da. Hinter seinem Tisch. Hämmerte in seinen Computer, ohne nochmals aufzuschauen. Hielt kurz inne, hämmerte weiter. Claudia war sich nicht ganz sicher, ob er wusste, dass sie noch da sass. Er schien es zu wissen, denn irgendwann schaute er auf. Und er schaute sie an. Und er äusserte Möglichkeiten, die sein könnten, die er zu dem Zeitpunkt aber noch nicht prüfen wollte. Nieren waren ein Thema, den Blutuntersuch schlug er aus, könne man notfalls ein anderes Mal nachholen. Wie vieles anderes auch. Er hatte offensichtlich keine Ahnung, was es war. Er schlug vor, Claudia könnte ein wenig dehnen. Als Anschauungsunterricht machte er eine Bewegung, die Claudias morgendlichem Aufwärmprogramm nicht im entferntesten nahe kam. Claudia sagte nochmals leise, dass sie Yogalehrerin sei, es kaum an mangelnder Dehnung läge. Ein grosser, irgendwie hilfloser Blick von Herrn Kurzenegger liess sie verstummen.

Doktor Kurzenegger sah die Lösung in der Verschreibung von Schmerzmitteln, die Claudia für 10 Tage einnehmen solle. Nütze es nichts, solle sie… ein neuer Anruf. Wieder verschwand Doktor Kurzenegger für fünf Minuten. Kam wieder zurück und fragte Claudia, wo er stehen geblieben sei. Sie sagte: „Bei den Tabletten.“ Die solle sie also nehmen, befand er. Dann verabschiedete er sie. Sie fragte, ob er ihr nun noch die Tabletten geben könnte. Das hätte er vergessen, mache er aber natürlich sofort.

Claudia ging 14 Tage später dann zu Doktor Frank. Der hatte endlich Zeit. Ob mehr Ahnung? Das ist Gegenstand der nächsten Geschichte.

Kürzlich wollte ich mit meinem Sohn an ein Konzert. Leider wollten es die Umstände, dass mein Kopf just an dem Sonntag Morgen zu hämmern begann, diese Tätigkeit nicht mehr einstellte, im Gegenteil: Entgegen sonstiger handwerklicher Gepflogenheiten arbeitete er fleissig weiter und wäre der Hammer echt gewesen, wäre mein Hirn zu Mus geworden – angefühlt hat es sich so.

Nun hatte die kluge Frau, die ich ja bin (zumindest ab und an), vorgesorgt und wohlweislich eine Annulierungsversicherung abgeschlossen. Hoffnungsvoll schrieb ich also an die Europäische Reiseversicherungs AG (das Genitiv-s bei „Reiseversicherungs“ steht übrigens so im Namen, das habe ich nicht falsch geschrieben), um nicht zum enttäuschten Kind noch einen finanziellen Schaden zu haben.

Bei dem Vorgehen hatte ich die Rechnung allerdings ohne die Versicherung gemacht. Sie wollten ein ärztliches Zeugnis für den Tag. Einerseits nachvollziehbar (ich könnte ja auch gar nicht krank, sondern nur… was auch immer sein), andererseits insofern ärgerlich, als ein solches an einem Sonntag im Notfall teurer kommt als beide Konzerttickets zusammen, b) ein Notarzt wohl anderes zu tun hat, als Kopfschmerzen, gegen die er eh nichts tun kann, zu behandeln.

Nun denn: Fürs nächste Mal bin ich klüger: Eine Annulierungsversicherung bei einem Konzert ist unsinnig, denn die Aufwände, die dafür nötig wären, übertreffen den Betrag, den man zurückerstattet erhielte (wenn man dann noch die Versicherungsgebühr mit einberechnet sowieso). Ein anderer qualifizierender Grund für die Nichtteilnahme und darauffolgende Rückerstattung war übrigens ein verlorener Autoschlüssel. Ich bin gespannt, was für ein Zeugnis dafür gefordert worden wäre. Ob ich es mal ausprobieren sollte – einfach so zum Spass?

Alfred Döblin wird am 10. August 1878 in Stettin in eine bürgerliche jüdische Familie hineingeboren. Der Vater, durch die frühe Verheiratung mit Alfreds Mutter nicht wirklich glücklich in dieser Ehe, wendet sich einer jüngeren Frau zu und verlässt seine Familie, indem er mit seiner neuen Liebe nach Amerika geht. Alfred zieht mit seiner Mutter nach Berlin, macht da 1900 sein Abitur und beginnt danach mit dem Studium der Medizin und der Philosophie. Er promoviert beim Psychiater Alfred Erich Hoche zum Thema der Gedächtnisstörungen  bei der Kosakoffschen Psychose und strebt eigentlich eine wissenschaftliche Laufbahn an, was ihm aber – vermutlich aufgrund seines Judentums – versagt bleibt. Neben seinem Studium und auch später schreibt Döblin immer mehr oder weniger fleissig, veröffentlicht Artikel in der mit Herwarth Walden gegründeten Zeitschrift Sturm sowie einen Roman (Der schwarze Vorhang).

Döblin arbeitet nach der Promotion in verschiedenen Irrenanstalten und Krankenhäusern und lässt sich nach seiner Heirat mit Erna Reiss, Tochter eines wohlhabenden jüdischen Fabrikanten, in Berlin als Arzt nieder – ein Schritt, der ihn nicht wirklich freut.

Nicht freiwillig. Ich hatte geheiratet, darum durfte ich nicht bleiben.

Die Selbständigkeit ist ihm eher unangenehm, er vermisst die Geborgenheit des Angestelltenverhältnisses. Er beginnt wieder vermehrt zu schreiben.

1911 musste er in die mich erst fürchterlich abstossende Tagespraxis. Von da ab Durchbruch oder Ausbruch literarischer Produktivität.

Im ersten Weltkrieg meldet sich Alfred Döblin freiwillig zum Kriegsdienst und arbeitet fortan als Zivilarzt der Infanteriekaserne in Saargmünd, Elsass.  Noch während des Krieges beginnt er mit der Arbeit an seinem Wallenstein. Auch in diese Zeit fallen viele Artikel, teilweise unter dem Pseudonym Linke Poot. Seine Schriften zeugen von gesellschaftskritischen Ansätzen, er zeichnet das Bild Berlins zur Weimarer Zeit. 1925 ist Döblin Mitbegründer einer Gruppe linksgerichteter Schriftsteller, die sich Gruppe 1925 nennt.

Nachdem ihm sein Judentum schon die wissenschaftliche Karriere verunmöglicht hat, wird die Lage in Berlin in den folgenden Jahren immer angespannter. 1933 flieht Döblin mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten zuerst nach Zürich, dann nach Paris und übernimmt da die französische Staatsbürgerschaft. Nach Döblins anfänglicher Arbeit für das Propagandaministerium führt der Weg der Familie Döblin über Südfrankreich und Lissabon über den Teich in die USA. Trotzdem er sich da in guter Gesellschaft mit anderen Emigranten befindet, tut er sich schwer mit der Eingewöhnung und fühlt sich fremd. Er ist denn auch einer der ersten Rückkehrer nach Europa, am 15. Oktober 1945 erreicht die Familie Döblin Paris und später Deutschland.

Zurück in der alten Heimat ist Alfred Döblin Herausgeber der Zeitschrift Das Goldene Tor sowie Mitbegründer und Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Döblin kann sich allerdings mit dem Klima in Deutschland nicht mehr anfreunden, er ist enttäuscht über die politische Restauration der Nachkriegszeit. Nachdem auch sein Revolutionsroman November 1918, welcher die Berliner Märzkämpfe thematisiert, wenig erfolgreich ist, emigriert er nach Frankreich. Seine Parkinsonkrankheit nötigt ihn zu wiederholten Aufenthalten in Sanatorien und Kliniken im Schwarzwald. Er stirbt am 26. Juni 1957 in Emmendingen. Seine Frau Erna folgt ihm am 14. September 1957 durch Suizid in den Tod.

Alfred Döblins Werk

Der bekannteste von Döblins Romanen ist sicherlich Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf, welcher zwischen 1927 und 1929 entstanden ist. Der Roman stellt einen der ersten und bedeutendsten Grossstadtromane dar und behandelt die Geschichte eines einstmaligen Berliner Transportarbeiters. Der kleine Arbeiter lässt sich von dunklen und nicht fassbaren Kräften  in der ständischen Abhängigkeit halten, befreit sich dann, indem er das alte Ich abstreift und sich auf die eigene Vernunft besinnt. Seinen Anspruch, im anrüchigen Berlin zwischen Zuhälterei, Flittermoral und Verbrechertum anständig zu bleiben, hält nicht lange an, immer wieder vertraut er auf die falschen Leute und so schält sich das Leitmotiv des Romans schnell heraus:

verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen verlässt.

Döblin ist mit diesem Roman eine herausragende Milieustudie gelungen, er besticht durch expressive Sprachgestaltung und spiegelt einen neuen Naturalismus wieder. In einer Art Montagetechnik zeichnet Döblin ein Miteinander von pausenlosen Monologen und assoziativen Bildern und Vorstellungen. Indem Döblin Biberkopf als typischen Mitläufer zeichnet, nimmt er ahnungslos den bald schon sich dem Nationalsozialismus unterwerfenden Menschentypus der kommenden Jahre vorweg.

Neben Berlin Alexanderplatz hat Alfred Döblin verschiedene Romane und Erzählungen veröffentlicht, die in ihrem Erfolg allerdings weit hinter dem Grossstadtroman zurückblieben.  In allen seinen Werken besticht Döblin durch eine Unmittelbarkeit, Gegenständlichkeit und Sachlichkeit. Döblin will die objektive Realität darstellen.

Sachlich sein; jedes Ding seine besondere Sachlichkeit, Zweckmässigkeit, nichts von aussen anbringen und ankleben.

Immer wieder entzündet sich Döblins Denken an den Polen Natur und Gesellschaft, er stellt einerseits den Determinismus und Monismus der Naturwissenschaften dem positiv gesetzten Recht des Machtstaates und der Klassengesellschaft gegenüber und widmet sich schon früh den kritischen Fragen der Gesellschaft. Er vertritt dabei die von Marx stammende Erkenntnis:

Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein,  sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.

Immer wieder reibt sich Döblin an den Gegensätzen Natur und Gesellschaft, sucht nach Lösungen und Antworten auf die Fragen, ob Weltsucht oder Entsagung, Aktion oder ruhige Betrachtung und Akzeptanz des Gegebenen die Lösung für ein Auskommen von Individuum und Gesellschaft seien,  und kommt zum resignierten Bekenntnis:

der eigentliche Prozess der Bestimmung und Feststellung erfolgte im Schreiben selbst. Das eigentümliche, Bittere, fatale ist dann: Jedes Buch endet (für mich) mit einem Fragezeichen. Jedes Buch wirft am Ende dem nächsten Buch den Ball zu.