„Auf welche Art wird man mittelmäßig? Dadurch, dass man heute das und morgen jenes so dreht und wendet, wie die Welt es haben will, dass man der Welt nur ja nicht widerspricht und nur der allgemeinen Meinung beipflichtet.“ (Vincent van Gogh)

Ich ertappe mich oft dabei, es anderen recht machen zu wollen. Ich frage mich, was der andere wohl gerne hätte, und passe mich dann an. Ein eingefahrenes Muster, vordergründig auch sehr nobel, bei genauer Betrachtung allerdings gefährlich. Nicht nur komme ich damit ab und zu an einen Punkt, wo ich denke: „Wo bleibe eigentlich ich bei dem Ganzen? Wieso schaut keiner je auf mich mit meinen Bedürfnissen?“ Ich begebe mich mit dem Verhalten selber in ein Gefängnis, in dem ich mich über kurz oder lang nicht wohl fühle, und meist einen anderen beschuldige, der Gefängniswärter zu sein.

Indem ich versuche, es allen recht zu machen, vergesse ich eine Person: Mich selber. Nun mache ich es vordergründig aus edlen Motiven, nur hintergründig steckt auch eine Erwartung dahinter: Jemand müsste es dann auch mir recht machen. Aber:

Keiner ist auf der Welt, um so zu sein, wie ihn ein anderer gerne hätte.

Wie jeder Mensch habe ich meine Eigenheiten und Bedürfnisse. Es ist mein gutes Recht, diese anzumelden und dazu zu stehen. Das heisst nicht, dass jedes der Bedürfnisse von einem anderen erfüllt werden muss, nur ist das die einzige Chance, dass es passiert (von ein paar Zufallstreffern mal abgesehen, bei denen sich ein anderer erfolgreich im Gedankenlesen bewiesen hat). Durch die ständige Selbstaufgabe, das ständige Unterdrücken meiner Bedürfnisse, um fremde Erwartungen zu erfüllen, wächst nach und nach eine Unzufriedenheit in mir, die ich den anderen irgendwann spüren lasse. Und dann leiden wir beide. Und wer weiss: Vielleicht schätzte ich die Erwartungen des anderen komplett falsch ein? Habe ich ihn gefragt, ob er das, was ich „ihm zu liebe“ tue, auch wirklich will? Dazu kommt: Je mehr Menschen um mich sind, denen ich es recht machen möchte, desto mehr gebe ich mich auf. Und dies ab und zu für unterschiedliche und sich widersprechende Erwartungen. Ein altes Sprichwort sagt denn auch:

Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

Alle Menschen haben Bedürfnisse und es ist wichtig, diese ernst zu nehmen. Dabei gilt es aber, die eigenen nicht zu vergessen, im Gegenteil. Bevor nicht die Frage geklärt ist, was ich selber will (und kann), werde ich nicht wirklich und von Herzen auf die Bedürfnisse des anderen eingehen können. Das mag kurzfristig funktionieren, langfristig aber Fäden ziehen. Indem ich die Bedürfnisse anderer per se über die meinen stelle, stelle ich selber eine Werte-Hierarchie auf. Dies nicht aufgrund des tatsächlichen Bedürfnisses, sondern aufgrund der Tatsache, dass ein anderer und nicht ich es hatte. Bedürfnisse mögen sich in ihrer Wichtigkeit unterscheiden, nicht aber nach Menschen. Kein Mensch ist wichtiger als der andere, weswegen keines Menschen Bedürfnisse automatisch über denen anderer steht. Und schon gar nicht stehen die Bedürfnisse aller anderen über den meinen.

Ich las kürzlich mal drei kurze Fragen, ich weiss nicht mehr wo. Aber: Vielleicht sollte man sie sich immer mal wieder stellen:

WILL ich das?
Will ICH das?
Will ich DAS?

„Alles, was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen.“ (C.G.Jung)

Als ich jünger war – auch heute noch – gibt es Züge bei meiner Mutter, bei denen ich hoffte, nie so zu werden. In Beziehungen zu anderen Menschen kam es vor, dass mich Dinge aufregten, Verhaltensmuster förmlich auf die Palme brachten. Im Miteinander mit verschiedenen Menschen kam es bei mir zu Reaktionen, bei denen ich dachte: „Bin ich das wirklich? So will ich doch nicht sein?“ – Irgendwas hatte mich dazu verleitet, auf eine Weise zu reagieren, die ich an mir nicht kannte oder aber nicht haben wollte.

Nun wäre es ein Leichtes, hinzugehen und zu sagen: Nur weil die anderen sind, wie sie sind, werde ich wütend, bin ich verletzt, reagiere ich auf eine Weise, die ich selber nicht will. Ich könnte damit die Verantwortung für mein Tun und Fühlen abschieben. Nur: Es wäre zu kurz gegriffen und es würde mir nichts bringen. Ich würde mich weiter ärgern – wenn nicht über die Menschen, dann über andere – ich würde mich weiter gleich verhalten – wenn nicht in den Beziehungen, dann in neuen.

Alles, was ich im Aussen sehe und worauf ich reagiere, hat etwas mit mir zu tun. Es sind nicht die anderen Menschen oder Erlebnisse, die mir Probleme bereiten, es ist meine Reaktion darauf. Und: Diese Reaktion hat viel mit mir selber zu tun – sie zeigt sich nur in Beziehungen.

Alfred Adler sagte, dass all unsere Probleme eigentlich Beziehungsprobleme seien. Nur weil wir mit anderen Menschen interagieren, offenbaren sich Probleme – sie entstehen auch nur darum. Wir wollen anerkannt werden, haben Erwartungen, Ängste und Hoffnungen. Aufgrund derer agieren wir im Miteinander. Und nicht selten manövrieren wir uns dadurch in ein ausgewachsenes Problem hinein.

Nun können wir uns nicht einfach aus Beziehungen herausnehmen und alles ist gut. Wir leben als soziale Wesen in einem Miteinander. Nur oft sehen wir es nicht als Miteinander, sondern erleben ein Gegeneinander, in dem wir tunlichst die Oberhand haben oder zumindest nicht abgelehnt werden wollen. Dafür verbiegen wir uns, dafür versuchen wir, alles nur mögliche zu tun – oder aber wir verweigern uns, da wir denken, sowieso nicht zu erreichen, was wir uns erhoffen – von uns und von anderen.

Wenn wir also wieder einmal Ärger, Wut, Angst verspüren durch das Verhalten eines anderen, oder wenn wir uns auf eine Weise verhalten, die für uns so gar nicht zu uns passt, sondern nur durch den anderen ausgelöst scheint:

Das ist der Zeitpunkt in mich zu gehen und hinzusehen. Was will mir dieses Gefühl sagen? Was bezwecke ich mit dem Verhalten? Was in mir trägt zu meinen Emotionen bei?

Ich kann die anderen nicht ändern. Ich kann auch das Leben nicht ändern. Was ich ändern kann, ist meine Haltung dazu. Ich habe es grundsätzlich jeden Moment in der Hand, für mich und mein Verhalten die Verantwortung zu übernehmen, indem ich mich so verhalte, wie ich es mir für mein Leben wünsche. Es werden mich dann vielleicht nicht alle mögen, aber: Ich lebe dann mein Leben und bin nicht fremdgesteuert durch zu impulsive Reaktionen auf das Verhalten anderer.

Liebst du mich?
Ich weiss es nicht!
Ach komm, das
kannst du nun nicht sagen.

Liebst du mich?
Ich trau mich nicht!
Ach komm, man
muss auch mal was wagen.

Liebst du mich?
Ich glaube nicht!
Ach kommt, du
willst es schlicht nicht sagen.

Liebst du mich?
Ich fühle nichts!
Ach komm, was
lässt du mich so klagen.

Liebst du mich?
Ich weiss, dass nicht!
Ach komm, das
lass ich dich nicht sagen.

Liebst du mich?
Nein, nun lasse mich!
Ach komm, wir
sollten uns vertragen.

©Sandra Matteotti

Sie: „Ganz schön schwül heute…. UIIIIIII, was war das denn?“

Er: „Ich könnte dir das natürlich gleich verraten, aber das wäre nur halb so lustig, drum rate mal – du hast drei Versuche.“

Sie: „Nicht dein Ernst, oder? Du weißt genau, dass ich solche Spiele hasse, nun spuck schon aus.“

Er: „Nun sei doch keine Spassbremse, rate!“

Hätte er mal gesehen, was sie in der Hand hält, er hätte gesagt, dass es eine Fledermaus war, die in dunkelster Nacht und damit ungesehen, lautlos und nur durch den nahen Lufthauch gefühlt an ihr vorbeischwirrt war und sie erschreckt hatte.

Die Moral von der Geschicht’?

Provoziere erschreckte Frauen nicht, schon gar nicht mit besserwisserischen Ratespielchen… die Polizei fand nur das blutüberströmte Messer neben seiner Leiche und glaubte der immer noch erschreckt wirkenden Frau (die zwei Semester an der Schauspielschule waren also doch für etwas gut gewesen – man sollte Weiterbildungen nie unterschätzen, auch wenn sie nicht gleich eingesetzt werden können), dass es Notwehr war aufgrund der Todesangst, die ihr eine aus dem Nichts auftauchende und hautnah durchhuschende Gestalt eingejagt hätte….

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Für die abc.etüden, Woche 28.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 28.18 kommt von Natalie aus dem Fundevogelnest

Sie lautet: Fledermaus, schwül, verraten

Der Ursprungspost: HIER

 Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge.

Dieses Zitat geht vermeintlich auf Thomas Mann zurück, doch es scheint, wer es auch sagte, er steht mit der Ansicht ziemlich alleine. Zwar würde wohl jeder theoretisch der Wahrheit den Vorrang vor einer Lüge geben, allerdings oft mit kleinen Einschränkungen. Man findet Lügen dann landläufig angebracht, wenn sie nicht schaden, nur nützen, gar schützen. Nur: Ist dem wirklich so oder sind das nur Ausreden dafür, selber nicht die Wahrheit sagen zu wollen? Und wieso würde man das nicht tun wollen?

Lügen kommen wohl immer dann zum Einsatz, wenn das, was passieren würde aufgrund der Wahrheit, nicht gewünscht ist. Man fürchtet eine Reaktion, will diese möglichst nicht erleben und verstrickt sich in Lügen. Die können klein sein, wie dass das Kleid wirklich wunderprächtig ist, können wachsen bis hin zu fundamentalen Dingen wie Lebensumstände, Verbindlichkeiten und Gefühlsspielereien.

Es mag wohl angehen, dass die Wahrheit mitunter schmerzhaft ist. Keiner hört gerne, dass er in einem Kleid unvorteilhaft aussieht, auch sonst kann Kritik schmerzen – vor allem im ersten Moment, später sieht man vielleicht den Sinn und Wert darin, hilft sie doch, sich zum Besseren zu verändern.

Betrachtet man nun die Lüge unter diesem Gesichtspunkt, nimmt sie dem Gegenüber eigentlich die Möglichkeit des Wachsens. Ganz sicher aber nimmt sie ihm die Möglichkeit, frei zu entscheiden. Selbst wenn jemandem das Kleid nicht gefällt, könnte der Tragende es trotzdem schön finden. Die betrogene Ehefrau würde vielleicht bleiben wollen, obwohl der Mann untreu war, weil sie nun zusammen die Möglichkeit hätten, den Gründen auf den Grund zu gehen. Der zu füllige Mann könnte finden, sich so wohl zu fühlen oder aber Sport zu treiben. Sie alle hätten die freie Wahl. Nun kann man sagen, die haben sie immer noch, auch wenn der andere lügt, nur: Sie fusst dann auf falschen Grundvoraussetzungen.

Lügen sind respektlos. Der Lügende spricht dem Belogenen die Fähigkeit ab, mit der Wahrheit umzugehen, womit er ihn herabsetzt. Und ja, vielleicht kann dieser das wirklich nicht gut, nur: Wie sollte er es lernen? Zudem: Wenn die Lüge dann auffliegt, bekommt der Gegenstand, weswegen gelogen wurde, eine viel grössere Tragweite, ein grösseres Gewicht, war es doch so gravierend, dass man deswegen lügen musste.

Lügen sind feige. Der Lügende will sich selber nicht der Reaktion des anderen aussetzen und versteckt sich drum lieber hinter einer Lüge. Dass man den anderen schützen wollte mit der Lüge wegen des Kleides, ist kaum vorstellbar und vermutlich nur vorgeschoben, um sich nicht der  Reaktion aussetzen zu müssen, die je nach Kritikfähigkeit des Angesprochenen durchaus unangenehm sein kann – von der Reaktion eines gehörnten Ehemannes oder einer fülligen Frau ganz zu schweigen (die Rollen wurden absichtlich vertauscht, der gerechten Verteilung wegen).

Die Wahrheit kann schmerzen. Es gilt drum in der Tat, zu versuchen, sie so vorzubringen, dass sie möglichst rücksichtsvoll und mitfühlend vermittelt wird. Man kann Menschen mit der Wahrheit erschlagen, man kann ihnen aber auch helfen, durch den Blick von aussen sich selber besser zu verstehen – indem sie die Fähigkeit trainieren können, mit (auch unbequemen) Wahrheiten umzugehen. Und sie können vor allem die Fähigkeit trainieren, zu beurteilen, ob das Ausgesprochene wirklich eine Wahrheit oder aber nur eine subjektive Meinung eines anderen ist – und zu entdecken, wie sie dazu stehen.

Die Würde des Menschen besteht in seiner Wahl.

Dieser Ausspruch geht auf Max Frisch zurück. Lügen nehmen dem Menschen seine Wahl und damit auch einen Teil seiner Würde. Ob das eine gute Basis für ein Miteinander ist? Nun weiss man, dass jeder Mensch lügt, wer behauptet, nie zu lügen, lügt bereits. Vielleicht sollte man sich aber bewusster werden, dass man es tut und schauen, wann man es tut. Und dann könnte man sich fragen, wieso man es tut und ob es wirklich sinnvoll ist und gut. Und vielleicht kommt man dabei auch sich selber ein wenig mehr auf die Schliche, sieht die eigenen Schwächen, Ängste, Unsicherheiten, um derentwillen man lügt. Wie so vieles im Leben führt uns auch die Frage nach der Lüge zu dem zurück, was die Basis von allem ist:

Erkenne dich selbst.

Nur wenn wir wissen, wer wir sind, es immer wieder neu entdecken, können wir wissen, was wir wollen – und was nicht. Selbsterkenntnis hilft, das Leben so zu führen, dass es ein gutes und sinnvolles Leben ist. Das heisst nicht, dass es immer angenehm ist, zum Beispiel, wenn man Menschen mit Wahrheiten konfrontieren muss, die unangenehm sind, aber: Es ist die einzige Möglichkeit, ein freies, würdevolles und aufrichtiges Leben zu führen. Und was könnte man sich mehr wünschen? Und wenn man es sich wünscht, sollte man es anderen dann nicht auch wünschen?

Sie: „Ich kann nicht mehr, ich habe keine Kraft mehr.“
Er: „Das tut mir leid, kann ich was tun?“
Sie: „Ich weiss nicht, wohl kaum. Ich muss schlicht wieder zu Kräften kommen.“
Er: „Schade, du brauchst mich nie. Ich fühle mich damit schlecht.“
Sie: „Das tut mir sehr leid.“
Er: „Ja, du solltest dich wirklich mal mehr um meine Bedürfnisse kümmern. So kann ein Miteinander ja nicht funktionieren.“