Selbstliebe

Kennst du das auch, dass du in eine Runde kommst und dazu gehören willst? Vielleicht hast du einen neuen Partner, lernst dessen Familie oder Freunde kennen und willst bloss nichts falsch machen – sie sollen dich doch mögen. Vielleicht hat er dir vorher noch erzählt, wie wichtig ihm diese Familie ist – umso mehr willst du dich anstrengen, keine Fehler zu machen, den Erwartungen (die du nicht mal genau kennst, die du dir nur vorstellst, wie sie aussehen könnten) zu genügen. Als Mensch generell zu genügen und nicht irgendwie durch die Maschen zu fallen. Und so kommst du da an und bist unsicher. Und du versuchst diese Unsicherheit zu überspielen, entweder indem du gar nichts sagst, denn dann kann es zumindest nichts Falsches sein, oder aber redest wie ein Buch, um ja nicht langweilig zu wirken. Und beides bist eigentlich nicht du – aber wer bist du eigentlich? Und vor allem: Wieso denkst du, nicht der sein zu dürfen, um angenommen zu werden?

Bei Brené Brown las ich mal den schönen Satz

Lass los, was du glaubst sein zu müssen, und umarme, was du bist.

Ich war oft in solchen Situationen. Sie kommen umso mehr vor, je wichtiger mir die sind, zu denen ich gehören will – aus welchen Gründen auch immer: Ich will jemandem gefallen, ich will jemandem genügen, ich will in eine Gruppe passe da ich sie toll finde – und vieles mehr. Immer dann, wenn für mich etwas persönlich davon abhängt, dazuzugehören, werde ich unsicher, ob ich dafür gut genug bin. Bei Wildfremden kann ich ich sein. Bei ihnen habe ich nichts zu verlieren, da ich von ihnen nichts erhofft habe. Und noch wichtiger: Ich erhoffe mir auch von mir und für mich nichts. Ich hoffe nicht, aufgenommen zu werden in eine Runde. Ich fürchte nicht, durchzufallen, verurteilt und verstossen zu werden. Ich fürchte nicht, nicht zu genügen.

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist wohl eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, ein authentisches Leben zu führen. Es ist aber auch eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, Beziehungen zu führen. Nimmt man sich nämlich nicht selber an, wie man ist, ist man zu schnell dazu bereit, ja zu sagen statt nein. Man unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und ist danach wütend auf sich – und ein wenig auch auf den anderen. Und seien wir mal ehrlich: Wenn in einer Beziehung nur der andere seine Bedürfnisse anmelden und durchsetzen dürfte, wir selber nicht genügend wären, wenn wir all uns Sein und Wünschen und Brauchen hintenanstellen: Wäre das wirklich eine Beziehung, wie wir sie uns wünschen? Oder aber würden wir so viel lieber in so einer Beziehung leben als gar keine zu haben? Das ist wohl möglich – aber ob es gut tut? Es spricht zumindest nicht von einer grossen Selbstliebe, und ohne die, das glaube ich mittlerweile aus tiefem Herzen, ist eine wirkliche Verbundenheit nicht möglich.

Doch wo ging diese Selbstliebe verloren? Und wieso? Ich bin kein Freund vom Graben in der Kindheit. Ich bin auch keiner davon, einen Schuldigen in der Vergangenheit zu suchen, um nun Opfer in der Gegenwart sein zu können. Ich denke aber, wir haben unsere Prägungen, unsere Muster, und die haben einen Ursprung. Und wenn wir den finden, ist es vielleicht leichter, daran zu arbeiten, sie loszulassen, weil wir uns sagen können: Heute ist heute, gestern war gestern. Der jetzt vor mir stehende Mensch ist nicht der, welcher mich dazu brachte, genügen zu wollen oder gar zu müssen. Der jetzt vor mir stehende Mensch hat eine Chance verdient, als mitfühlender und toleranter Mensch wahrgenommen zu werden, indem ich ihm zeige, dass ich mich ihm öffne, im Vertrauen darauf, dass er dies mit einem fühlenden Herzen annimmt – mich annimmt, wie ich bin. Natürlich können wir das auch ohne die Kenntnis der Ursache, nur fällt es ab und an leichter anders.

Nun ist es durchaus so, dass wir uns nicht einfach allen Menschen gegenüber öffnen können und sollten. Nicht jeder Mensch ist der richtige Mensch für jede Art von Offenbarung. Es gilt zu unterscheiden, wo wir mit unserem Sein auf offene Arme und wo auf gefährliches Terrain geraten insofern, als manche Menschen vielleicht selber nicht mit einer solchen Offenheit umgehen können – oder wollen. Der alte Spruch

Trau,schau wem?*

hat durchaus etwas Wahres an sich. Und auch da bin wieder ich das erste Glied in der Kette. Ich muss vertrauen. In mich und mein Sein, dann in mein Urteil, wem ich trauen kann, und dann aber wirklich auch dem, den ich als vertrauenswürdig ansehe. Und das tue ich, indem ich mich gebe, wie ich bin. Offen und authentisch. Als ich. Dann kann eine Verbindung entstehen zwischen uns. Dann gehöre ich dazu. Und er auch zu mir. Es ist ja durchaus gegenseitig, was wir in unserer Angst, nichtzu genügen, oft vergessen.

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*Die Redewendung geht übrigens auf einen lateinischen Spruch zurück: „Fide, sed cui, vide.“, was zeigt, dass die menschlichen Probleme und Bedürfnisse im Miteinander sich seit der Antike wohl unswesentlich verändert haben….