Ronsdorfer Bücherstube, Wuppertal

logoDie Ronsdorfer Bücherstube ist eine kleine, gemütliche Buchhandlung im Südosten Wuppertals. Im Sortiment findet man Bücher für Groß und Klein, Sachliteratur zu vielen Themen, Kochbücher und Reiseführer, aber auch Hörbücher, DVDs sowie Lizenzen für den Download von E-Books. Auf der Homepage der Buchhandlung findet der interessierte Leser monatliche Buchtipps, aber auch vor Ort ist man mit allen Fragen und Wünschen gut aufgehoben. Mehrmals im Jahr öffnet die Bücherstube ihre Türen für verschiedene Veranstaltungen, seien es Lesungen oder Rezitate .
 Das Team der Ronsdorfer Bücherstube besteht aus Susanna Erb, Christian Oelemann, Sabine Täger, Manuela Romund und Michael Gebauer. Christian Oelemann hat mir ein paar Fragen zu seiner Buchhandlung sowie zur Stellung von Buchhandlungen in der heutigen Zeit beantwortet. Kurz und prägnant nimmt er Stellung zur aktuellen Situation.

COChristian Oelemann, wuchs als Sohn eines Buchhändlers und einer Violistin in Wuppertal auf und bewegte sich selber schon früh zwischen Literatur und Musik. Er ist Autor von Büchern für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, engagiert sich in Schreibprojekten mit Schulklassen und arbeitet als Buchhändler.

 

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Eine typische kleine Vorstadtbuchhandlung mit allgemeinem Sortiment und einem Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendliteratur.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Mir wurde der Beruf in die Wiege gelegt, denn sowohl Vater als auch Mutter waren Buchhändler.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Unter veränderten Umständen ja.

 Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Es wird zunehmend auf Billigkeit Wert gelegt. Die Idee des festen Ladenpreises wird seit Jahren durch Schnellverramschungen hintertrieben.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Sehr spürbar. Ich versuche, den Kunden alles das zu bieten, was die Onlinegiganten auch bieten.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Er muss sich seines eigenen Wertes wieder bewusst werden.

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Er kann sich beraten lassen (ich rate oft auch von Büchern ab!) und er darf das Buch bei Nichtgefallen problemlos zurückgeben.

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Nichts, weil es im Grunde keine ist. Die Frage lautet eher, ob man sich mit beiden Handlungsgütern auskennt und sie beide anbietet.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Nicht die Spur. Die Verlage vergessen zunehmend ihren gesellschaftspolitischen Auftrag!

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Mehr Nachhaltigkeit! Weniger Zeitgeistsurfen! Trifft auf alle Gruppen zu!

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

„Lass es bleiben!“

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Ja! Die geradezu unwürdige Behandlung von angestellten Buchhändlern seitens dubioser Geschäftsführungen.

Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Buchhandlung Jürgensen in Wuppertal-Vohwinkel

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Schule

Eckdaten:
Ronsdorfer Bücherstube
Staasstrasse 11
42369 Wuppertal
Tel: +49 (0)202 246 16 03
E-Mail: info@buchkultur.de
Web: http://www.buchkultur.de

Öffnungszeiten:
MONTAGS BIS FREITAGS
09:00 – 18:30 Uhr
SAMSTAGS
09:00 – 13:00 Uhr

Alfred Döblin (*10. August 1878)

Alfred Döblin wird am 10. August 1878 in Stettin in eine bürgerliche jüdische Familie hineingeboren. Der Vater, durch die frühe Verheiratung mit Alfreds Mutter nicht wirklich glücklich in dieser Ehe, wendet sich einer jüngeren Frau zu und verlässt seine Familie, indem er mit seiner neuen Liebe nach Amerika geht. Alfred zieht mit seiner Mutter nach Berlin, macht da 1900 sein Abitur und beginnt danach mit dem Studium der Medizin und der Philosophie. Er promoviert beim Psychiater Alfred Erich Hoche zum Thema der Gedächtnisstörungen  bei der Kosakoffschen Psychose und strebt eigentlich eine wissenschaftliche Laufbahn an, was ihm aber – vermutlich aufgrund seines Judentums – versagt bleibt. Neben seinem Studium und auch später schreibt Döblin immer mehr oder weniger fleissig, veröffentlicht Artikel in der mit Herwarth Walden gegründeten Zeitschrift Sturm sowie einen Roman (Der schwarze Vorhang).

Döblin arbeitet nach der Promotion in verschiedenen Irrenanstalten und Krankenhäusern und lässt sich nach seiner Heirat mit Erna Reiss, Tochter eines wohlhabenden jüdischen Fabrikanten, in Berlin als Arzt nieder – ein Schritt, der ihn nicht wirklich freut.

Nicht freiwillig. Ich hatte geheiratet, darum durfte ich nicht bleiben.

Die Selbständigkeit ist ihm eher unangenehm, er vermisst die Geborgenheit des Angestelltenverhältnisses. Er beginnt wieder vermehrt zu schreiben.

1911 musste er in die mich erst fürchterlich abstossende Tagespraxis. Von da ab Durchbruch oder Ausbruch literarischer Produktivität.

Im ersten Weltkrieg meldet sich Alfred Döblin freiwillig zum Kriegsdienst und arbeitet fortan als Zivilarzt der Infanteriekaserne in Saargmünd, Elsass.  Noch während des Krieges beginnt er mit der Arbeit an seinem Wallenstein. Auch in diese Zeit fallen viele Artikel, teilweise unter dem Pseudonym Linke Poot. Seine Schriften zeugen von gesellschaftskritischen Ansätzen, er zeichnet das Bild Berlins zur Weimarer Zeit. 1925 ist Döblin Mitbegründer einer Gruppe linksgerichteter Schriftsteller, die sich Gruppe 1925 nennt.

Nachdem ihm sein Judentum schon die wissenschaftliche Karriere verunmöglicht hat, wird die Lage in Berlin in den folgenden Jahren immer angespannter. 1933 flieht Döblin mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten zuerst nach Zürich, dann nach Paris und übernimmt da die französische Staatsbürgerschaft. Nach Döblins anfänglicher Arbeit für das Propagandaministerium führt der Weg der Familie Döblin über Südfrankreich und Lissabon über den Teich in die USA. Trotzdem er sich da in guter Gesellschaft mit anderen Emigranten befindet, tut er sich schwer mit der Eingewöhnung und fühlt sich fremd. Er ist denn auch einer der ersten Rückkehrer nach Europa, am 15. Oktober 1945 erreicht die Familie Döblin Paris und später Deutschland.

Zurück in der alten Heimat ist Alfred Döblin Herausgeber der Zeitschrift Das Goldene Tor sowie Mitbegründer und Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Döblin kann sich allerdings mit dem Klima in Deutschland nicht mehr anfreunden, er ist enttäuscht über die politische Restauration der Nachkriegszeit. Nachdem auch sein Revolutionsroman November 1918, welcher die Berliner Märzkämpfe thematisiert, wenig erfolgreich ist, emigriert er nach Frankreich. Seine Parkinsonkrankheit nötigt ihn zu wiederholten Aufenthalten in Sanatorien und Kliniken im Schwarzwald. Er stirbt am 26. Juni 1957 in Emmendingen. Seine Frau Erna folgt ihm am 14. September 1957 durch Suizid in den Tod.

Alfred Döblins Werk

Der bekannteste von Döblins Romanen ist sicherlich Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf, welcher zwischen 1927 und 1929 entstanden ist. Der Roman stellt einen der ersten und bedeutendsten Grossstadtromane dar und behandelt die Geschichte eines einstmaligen Berliner Transportarbeiters. Der kleine Arbeiter lässt sich von dunklen und nicht fassbaren Kräften  in der ständischen Abhängigkeit halten, befreit sich dann, indem er das alte Ich abstreift und sich auf die eigene Vernunft besinnt. Seinen Anspruch, im anrüchigen Berlin zwischen Zuhälterei, Flittermoral und Verbrechertum anständig zu bleiben, hält nicht lange an, immer wieder vertraut er auf die falschen Leute und so schält sich das Leitmotiv des Romans schnell heraus:

verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen verlässt.

Döblin ist mit diesem Roman eine herausragende Milieustudie gelungen, er besticht durch expressive Sprachgestaltung und spiegelt einen neuen Naturalismus wieder. In einer Art Montagetechnik zeichnet Döblin ein Miteinander von pausenlosen Monologen und assoziativen Bildern und Vorstellungen. Indem Döblin Biberkopf als typischen Mitläufer zeichnet, nimmt er ahnungslos den bald schon sich dem Nationalsozialismus unterwerfenden Menschentypus der kommenden Jahre vorweg.

Neben Berlin Alexanderplatz hat Alfred Döblin verschiedene Romane und Erzählungen veröffentlicht, die in ihrem Erfolg allerdings weit hinter dem Grossstadtroman zurückblieben.  In allen seinen Werken besticht Döblin durch eine Unmittelbarkeit, Gegenständlichkeit und Sachlichkeit. Döblin will die objektive Realität darstellen.

Sachlich sein; jedes Ding seine besondere Sachlichkeit, Zweckmässigkeit, nichts von aussen anbringen und ankleben.

Immer wieder entzündet sich Döblins Denken an den Polen Natur und Gesellschaft, er stellt einerseits den Determinismus und Monismus der Naturwissenschaften dem positiv gesetzten Recht des Machtstaates und der Klassengesellschaft gegenüber und widmet sich schon früh den kritischen Fragen der Gesellschaft. Er vertritt dabei die von Marx stammende Erkenntnis:

Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein,  sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.

Immer wieder reibt sich Döblin an den Gegensätzen Natur und Gesellschaft, sucht nach Lösungen und Antworten auf die Fragen, ob Weltsucht oder Entsagung, Aktion oder ruhige Betrachtung und Akzeptanz des Gegebenen die Lösung für ein Auskommen von Individuum und Gesellschaft seien,  und kommt zum resignierten Bekenntnis:

der eigentliche Prozess der Bestimmung und Feststellung erfolgte im Schreiben selbst. Das eigentümliche, Bittere, fatale ist dann: Jedes Buch endet (für mich) mit einem Fragezeichen. Jedes Buch wirft am Ende dem nächsten Buch den Ball zu.

Joachim Ringelnatz (*7. August 1883)

Hans Gustav Bötticher, wie Joachim Ringelnatz eigentlich heisst, wird am 7. August 1883 in Wurzen, einem Ort bei Leipzig, in ein künstlerisches Elternhaus geboren. 1886 folgt der Umzug nach Leipzig. Der Vater schreibt humoristische Verse und Kinderbücher und veröffentlicht über vierzig Bücher, die Mutter stellt Puppenkleidung her. Die Familie Bötticher ist finanziell gut gestellt. Klein Hans strebt dem Vater nach, ein Streben, das ihn zeit seines Lebens verfolgen soll, da er sich immer hinter dem zurückstehend sieht in Anbetracht von dessen akademischem Hintergrund. Trotzdem steht er ihm näher als der Mutter, deren Liebe ihm fehlt.

Die Schulzeit stellt ein eher düsteres Kapitel für Ringelnatz, wie wir ihn fortan nennen wollen, dar. Einerseits wird er von den Mitschülern wegen seines Aussehens gehänselt, andererseits fühlt er sich unwohl in Bezug auf die Lehrer, welche er als „respektfordernde Dunkelmenschen“[1] sieht. Sein Aussehen wird noch sein Leben lang an ihm nagen, viele seiner Schwierigkeiten im Leben führt er darauf zurück. Nach einem Vorfall in der Schule fliegt Ringelnatz von Gymnasium, setzt seine Schulkarriere in einer Privat-Realschule fort, beendet aber auch diese Lebensetappe wenig erfolgreich, indem er neben schlechten Noten den Eintrag „Schulrüpel ersten Ranges“[2] heimträgt.

Ringelnatz hat den Traum, Seemann zu werden, sieht aber schon nach fünf Monaten als Schiffsjunge, dass er als eher kleiner, feiner Jüngling in der harten Seemannswelt einen schlechten Stand hat. Es folgt Arbeitslosigkeit im Wechsel mit diversen Jobs im Seemannsbereich. Weitere Versuche, beruflichen Erfolg zu finden, sind ebenfalls nicht vom Glück gekrönt, Höhepunkt eines solchen Versuchs ist sogar eine Inhaftierung. Unter all diesen unerfreulichen Lebensumständen veröffentlicht Ringelnatz Gedichte, Witze und Anekdoten in einer satirischen Zeitschrift.

1909 tritt Joachim Ringelnatz in der Münchner Künstlerkneipe Simpilicissimus auf und legt damit den Grundstein zu seiner Künstlerlaufbahn. Schnell wird er zum Hausdichter des Etablissements, verkehrt fortan mit Künstlern wie Erich Mühsam, Bruno Frank, Ludwig Thoma, Frank Wedekind, und vielen mehr. Wegen der schlechten Bezahlung auf der Suche nach anderen Einnahmequellen, versucht sich Ringelnatz als Dichter von Reklameversen – auch das ohne finanziellen Erfolg. Es folgen Veröffentlichungen von Gedichten und Essays unter verschiedenen Pseudonymen in der angesehenen Satirezeitschrift Simplicissimus sowie zwei Kinderbücher und ein Gedichtband.

Um seinen Bildungsmangel zu beheben und nicht länger hinter seinen Künstlerkollegen zurückzustehen, nimmt Ringelnatz Privatunterricht in Latein, Geschichte, Literaturgeschichte und weiteren Fächern, verschlingt zudem Werke der Weltliteratur. Schon bald fehlt das Geld, sein Bohème-Leben weiterzuführen, so dass er fortan als Wahrsagerin verkleidet den Prostituierten in Bordellen die Zukunft vorhersagt. Die finanzielle Lage bleibt prekär, der Winter ist hart, ihm entspringt der erste Band seiner autobiographischen Bücher. Weitere Arbeitsversuche führen ihn 1912 zu einer Anstellung als Bibliothekar, zu einem Job als Fremdenführer und schliesslich zur Arbeit als Schaufensterdekorateur (für die Dauer eines Schaufensters, danach sieht er seine zu unorthodoxe Dekorationskunst ein und gibt auf).

Obwohl Ringelnatz in dieser Zeit einiges veröffentlichen kann, unter anderem seine Gedichtsammlung Die Schnupftabakdose, hat er kaum Einnahmen aus seiner Schriftstellerei. Zu Kriegsbeginn meldet er sich freiwillig zur Marine, darf aber zu seiner Enttäuschung nicht am Getümmel teilnehmen, versucht aber alles, um die Karriereleiter in der Armee hochzusteigen. Auch der Krieg lässt Ringelnatz ernüchtert zurück. Im Jahr 1918 erschüttert ihn der Tod seines Vaters schwer. 1920 heiratet Ringelnatz, das Paar wohnt erst in München, dann in Berlin, seine Frau Leonharda unterstützt ihn in seinem Schreiben, doch das Paar ist weiterhin in ständiger Geldnot. Ringelnatz versucht das durch eine Aushilfsstelle bei der Post und Auftritte im Simplicissimus aufzufangen, was nur leidlich gelingt. Auch die erfolgreichen Gedichtsammlungen, Auftritte in verschiedenen Kabaretts und weitere Bücher bringen nur Achtungs- kaum Gelderfolg.

Vollends verarmen Ringelnatz und seine Frau nach 1933, als die an die Macht gekommenen Nationalsozialisten ihm ein Auftrittsverbot auferlegen und später auch seine Bücher verbrennen. In dieser Zeit zeigen sich erste Zeichen von Tuberkulose, woran Joachim 17. November in seiner Wohnung stirbt.

Sein Werk

Lange Zeit beschränkt sich das Hauptinteresse von Ringelnatz’ Leserschaft vornehmlich auf seine Lebensgeschichte, was in Anbetracht dieses sehr umtriebigen Lebens nicht erstaunt. Die Literaturwissenschaft spricht seiner Lyrik zeitweise Rang und Wert ab, befindet sie als höheren Ansprüchen nicht genügend.

Joachim Ringelnatz’ Schaffen ist stark geprägt vom literarischen Kabarett der Jahrhundertwende, es findet sich in seinem Schreiben oft eine Ähnlichkeit mit Christian Morgenstern, aber auch Frank Wedekind, Carl von Maassen und andere haben auf ihn eingewirkt.  Anders als bei Morgenstern wird bei Ringelnatz Reales in den Gedichten umgesetzt. In der Figur des Kuttel Daddeldu verarbeitet Ringelnatz zum Beispiel viel Autobiographisches:

So erzählt Kuttel Daddeldu heiter, –
Märchen, die er ganz selber erfunden.
Und säuft. – Es verfliessen die Stunden.
Die Kinder weinen. Die Märchen lallen.
Die Mutter ist längst untern Tisch gefallen,
und Kuttel – bemüht, sie aufzuheben –
Hat sich schon zweimal dabei übergeben.
Und um die Ruhe nicht länger zu stören,
Verlässt er leise Mutter und Göhren.[3]

Ringelnatz’ Werk vereint schwarzen Humor, Groteske, die Sicht auf das reale Leben und die Zeit, es umfasst exotische Erzählungen, Lügenmärchen, Seemannsphilosophie sowie Gedichte und Balladen, welche die verschiedensten Gefühlslagen von Lebenslust bis hinein in die tiefen Niederungen der Befindlichkeit widerspiegeln.  Die Moral, welche Ringelnatz der Welt zuschreibt, klingt sowohl banal als auch nüchtern, manchmal gar brutal und zynisch:

Vier Treppen hoch bei Dämmerung

Du mußt die Leute in die Fresse knacken.
Dann, wenn sie aufmerksam geworden sind, –
Vielleicht nach einer Eisenstange packen, –
Mußt du zu ihnen wie zu einem Kind
Ganz schamlos fromm und ärmlich einfach reden

Von Dingen, die du eben noch nicht wußtest.
Und bittst sie um Verzeihung – einzeln jeden –,
Daß du sie in die Fresse schlagen mußtest.
Und wenn du siegst: so sollst du traurig gehen,
Mit einem Witz. Und sie nie wieder sehen.


[1] Günther: Joachim Ringelnatz in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten.
[2] Friederike Schmidt-Möbus: Joachim Ringelnatz – Leben und Werk
[3] Kuttel Daddeldu und die Kinder  aus: Joachim Ringelnatz: Gedichte Prosa Bilder

Angélique Mundt – Nachgefragt

Random House GoldmannAngélique Mundt
Angélique Mundt wurde 1966 in Hamburg geboren. Nach ihrem Studium der Psychologie arbeitete sie lange in der Psychiatrie, bevor sie sich 2005 als Psychotherapeutin mit einer eigenen Praxis selbstständig machte. Sie arbeitet ehrenamtlich im Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuz, das Menschen bei potentiell traumatisierenden Ereignissen “Erste Hilfe für die Seele” leistet. Angélique Mundt lebt in Hamburg. Nacht ohne Angst ist ihr erster Roman und Start einer Serie um die Psychotherapeutin Tessa Ravens und Hauptkommissar Torben Koster.

Ich freue mich sehr, dass sich Angélique Mundt spontan bereit erklärt hat, mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie tat dies auf eine tiefgründige Art und gewährt damit wunderbare Einblicke in ihr Schreiben:

1.  Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe als Psychotherapeutin einen emotional sehr anstrengenden Beruf und brauche ein Ventil. Ich brauche Ausgleich, ein Hobby und etwas das mich erfüllt. Schreiben hat mich schon immer interessiert und vor ein paar Jahren habe ich mich getraut, selber einmal etwas zu schreiben. Schreiben hilft mir, meine Gefühle zu sortieren oder mich auch wieder von ihnen zu distanzieren. Und es macht Spaß! Meistens jedenfalls.

2. Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich habe tatsächlich mit einem Volkshochschulkurs angefangen und danach war alles klar: Ich will Schreiben! Nichts anderes. Seitdem lerne ich. Und ich übe. Ich glaube, neben Handwerk und Talent, braucht es noch viel Engagement, um tatsächlich einen Roman oder eine Kurzgeschichte fertig zu schreiben.

 

3. Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Am Anfang steht eine Idee. Etwas was mir am Herzen liegt, worüber ich schreiben möchte. Und diese Idee formt sich langsam zu einer Geschichte. Den Verlauf dieser Geschichte formuliere ich aus. Von Anfang bis Ende. Dann versuche ich einen Einstieg zu finden und plane den Szenenablauf. Der verfeinert sich zusehends und das Schreiben folgt dann diesem Plan.

Leider komme ich viel zu selten zum Schreiben! Wenn, dann am liebsten zu Hause – in aller Ruhe, mit einem Milchkaffee.

 

4. Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich brauche nicht abschalten, ich verlasse einfach den Laptop. Sollten mir dann noch Ideen kommen oder Korrekturen einfallen: Ist doch toll! Eine Notiz auf einem Zettel und fertig. Bearbeitet wird es dann am nächsten Tag.

 

5. Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Es ist tatsächlich eine Mischung aus Erlebtem, Gelesenem, Gehörtem. Dann überlege ich: Was fesselt mich so sehr? Warum kann ich es nicht vergessen? Welche Gefühle löst das Ereignis in mir aus. Meistens ist dann schon eine Idee geboren. Aber ob die Idee gut und tragfähig ist, stellt sich erst viel später heraus. Ich schreibe viele kleine Anekdoten und Begebenheiten, Emotionales und Bewegendenes auf. Mich interessiert, was der Tod mit den Überlebenden macht: mit den Angehörigen der Opfer, den Tätern und mit den Ermittlern. Darüber möchte ich schreiben.

 

6. Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Sie sind selber Psychologin, ihr Buch spielt in einer Universitätsklinik. Ist dieser Krimi eine Verarbeitung ihres Alltags?

 

Nicht so direkt, wie man es sich vielleicht vorstellt. Oft sind es die kleinen Begebenheiten am Rande einer Katastrophe, die stellvertretend für das Unfassbare stehen und mich nachhaltig beeindrucken. Das muss ich dann loswerden. Da ist zum Beispiel die Einkaufstüte, die neben der alten, alleinstehenden Dame liegt, die gerade an einem Herzinfarkt auf der Straße verstorben ist. Wer nimmt sich ihrer Einkäufe an? Was soll damit geschehen? Die Polizei steht ratlos mit der Tasche in der Hand. Eine Packung Milch, ein Toastbrot … schon bin ich berührt und machmal entwickelt sich daraus das Fragment, das vielleicht einmal eine Geschichte wird.

 

7. Sind Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich mag alle meine Figuren. Sie habe alle irgendetwas Liebenswertes, auch wenn sie schlimme Dinge tun. Natürlich liegt mir Tessa besonders am Herzen, da sie viel von mir hat und dann habe ich sie noch ausgestattet mit allem, was ich nicht bin, aber gerne wäre.

 

8. Wieso haben Sie diese Spannung zwischen Torben Koster und Tessa Ravens aufgebaut? Woher rührt sie? Was lässt Koster so ablehnend und grob reagieren anfangs?

Tessa und Koster sind irgendwie seelenverwandt, wenn ich das Wort mal benutzen darf. Sie verstehen sich ohne viele Worte. Gerade das macht es für die beiden auch sehr schwer, denn ihre Gefühle und ihr Kopf gehen nicht miteinander im Gleichschritt, sie sind nicht im Einklang. Sie haben ein schlechtes Timing.

 

9. Wieso haben Sie einen Krimi geschrieben? Ist es das, was sie auch am liebsten lesen oder ist es die Freude, die bösen Seiten ausleben zu können, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Ich mag das Rätsel und die Spannung. Als Autor mag ich Krimis, weil ich zunächst so tun kann, als ob gut wirklich gut und böse wirklich böse wäre. Aber ich habe in meiner KIT-Arbeit festgestellt, dass das Böse gar nicht so böse ist und das Gute gar nicht so gut. Darüber versuche ich zu schreiben. Ich möchte wissen, was ein Verbrechen mit den Opfern, Angehörigen und Augenzeugen macht?

 

10. Wird es eine Fortsetzung mit den Protagonisten geben? Planen Sie andere Bücher?

Ja, unbedingt. Tessa und Koster zwingen mich dazu, weiterzumachen. Aber mal sehen, ob der Leser das auch so sieht J

Es gibt tatsächlich einen Plan für ein ganz anderes Buch, aber darüber darf ich leider noch nichts verraten!

11. Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ich mag Kriminalromane, die dicht an der Realität sind und nicht so sehr „ver-rückte“ Psychothriller. Ich mag sehr viele Schriftsteller aus sehr unterschiedlichen Gründen. Zum Beispiel: Bernhard Jaumann, Jan Costin Wagner, Harlan Coben, Elisabeth George …

 

12. Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Engagiert, sensibel, interessiert.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Hermann Hesse (*2. Juli 1877)

Um meine Geschichte zu erzählen, muss ich weit vorn anfangen. Ich müsste, wäre es mir möglich, noch viel weiter zurückgehen, bis in die allerersten Jahre meiner Kindheit und noch weit über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft zurück.

Mit diesen Worten beginnt Hermann Hesse seinen Demian und drückt damit ein Verständnis von Sein und Werden aus, das sich durch sein ganzes Werk zieht. Die kindliche Seele, ihre Entwicklung und die Nöte dabei prägen Hermann Hesses ganzes Werk. Kaum ein anderer Schriftsteller hat Themen wie (Persönlichkeits)Bildung und Erziehung so ins Zentrum gerückt wie er.

Hermann Hesse erblickt als Sohn einer christlichen Missionarsfamilie am 2. Juli 1877 in Calw, einer kleinen Stadt im nördlichen Schwarzwald, das Licht der Welt.  1881 folgt der Umzug nach Basel, wo die Familie fünf Jahre bleibt und Hermann Hesse die Internatsschule der Basler Mission, für die seine Eltern tätig sind, besucht. 1886 führt der Weg zurück nach Calw, wo Hermann Hesse die Schule besucht, danach in Stuttgart das Landesexamen besteht und in der Folge in das evangelisch-theologische Seminar in Maulbronn eintritt. Er ist ein rebellischer Student, der mehrfach den Seminarmauern entflieht.

Durch Konflikte mit den Eltern und verschiedenen Schulen belastet, tritt Hermann Hesse in eine depressive Phase ein, welche Suizidgedanken mit sich bringt. Ein gescheiterter Suizidversuch führt zu Hermann Hesses Einlieferung in eine Nervenheilanstalt nahe Stuttgarts. Hermann Hesse fühlt sich unverstanden und verstossen, er distanziert sich von seiner Familie, äussert dies in aggressiven und von Sarkasmus strotzenden Briefen.

Ab 1892 besucht Hermann Hesse das Gymnasium, bricht dann die Schule ab und beginnt eine Buchhändlerlehre, welche er nach drei Tagen hinwirft, um eine Mechanikerlehre zu beginnen und dann erneut in den Buchhandel zu wechseln.

Neben seiner Arbeit und Reisen nach Italien veröffentlicht er immer wieder Gedichte und kleine literarische Arbeiten in Zeitschriften. 1903 lernt Hesse die Basler Fotografin Maria (Mia) Bernoulli kennen und heiratet sie 1904. Im selben Jahr gelingt ihm auch der Durchbruch mit seiner Literatur, Peter Camenzind erscheint beim Fischer Verlag. 1906 erscheint der zweite Roman, Unterm Rad.

Der Erste Weltkrieg bricht aus, Hesse ist kriegsuntauglich und schon bald Gegner der Kriegspolemik, die er rund um sich sieht. 1917 verfasst Hesse seinen Roman Demian, welcher erst nach dem Krieg, 1919 unter Pseudonym erscheint. Ebenfalls 1919 folgt der Umzug ins Tessin. Zu diesem Zeitpunkt liegt Hesses Leben in Scherben. Mehrere Schicksalsschläge stürzen Hesse in eine Krise und auch seine Ehe ist nicht von Glück gesegnet. Die vielen Reisen Hesses, die alleinige Pflicht Mias für Haus und Kinder und die psychischen Probleme beider führen zum Auseinanderleben und zur Scheidung 1923.

Kennst du das auch?
Kennst du das auch, dass manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehen musst?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie Einer, den ein plötzlich Heimweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt – kennst du das auch?

Hermann Hesse widmet sich neu inspiriert seiner Schriftstellerei, malt daneben Aquarelle und macht Zeichenskizzen. Der Zweite Weltkrieg lässt seine Produktivität schwinden, zwar entstehen in der Zeit noch Erzählungen und auch Gedichte, aber kein Roman mehr. 1961 erkrankt Hermann Hesse an einer Grippe, man entdeckt zudem eine bisher unentdeckte Leukämie. Hermann Hesse stirbt in der Nacht zum 9. August 1962 in Montagnola.

Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Werke Hermann Hesses:

  • Peter Camenzind (1904)
  • Unterm Rad (1906)
  • Gertrud (1910)
  • Unterwegs (1911)
  • Rosshalde (1914)
  • Demian (1919)
  • Siddharta (1922)
  • Narziss und Goldmund (1939)
  • Morgenlandfahrt (1932)
  • Das Glasperlenspiel (1943)

Saul Bellow (*10. Juni 1915)

Am 10. Juni 1915 erblickt Solomon Bellows in Lachine, einem Vorort von Montréal, das Licht der Welt. Als er neun Jahre alt ist, zieht er mit seiner Familie nach Chicago, wo er aufwächst und später an der Northwestern Universität seinen Bachelor in Anthropologie und Soziologie macht. Danach arbeitet er an der University of Wisconsin, als Journalist und ist später Universitätsprofessor für Literatur.

 Das Judentum prägt sein Aufwachsen sehr, seine erste erlernte Sprache ist Hebräisch. In seinem literarischen Werk nimmt das östlich-jüdische Thema im Grossstadtmilieu eine zentrale Rolle ein. Da Bellow selber einer aus Russland nach Kanada eingewanderten jüdischen Familie aus bescheidenen Verhältnissen  entstammt, später an Colleges unterrichtet, lernt er Menschen aus den verschiedensten Schichten kennen. Die Verarbeitung derselben als Nebenfiguren in seinen Romanen (hervorragend gelungen in seinem wohl erfolgreichsten Roman Herzog) hilft, das soziale Spektrum seiner Zeit plastisch darzustellen. Die Suche männlicher, jüdischer Intellektueller in den USA nach ihrem Platz in dieser Welt, ihr Kampf mit dem Leben und der Liebe prägen als Leitthemen Bellows gesamtes Werk.

 Saul Bellow erhält 1976 den Nobelpreis für Literatur. Er stirbt am 5. April 2006 in Brookline, Massachusetts.

 

Von Saul Bellow u.a. erschienen sind:

  • Dangling Man (1944, dt: Der Mann in der Schwebe)
  • The Victim (1947, dt: Das Opfer)
  • Herzog (1964)
  • The last Analysis (1965)
  • Mr. Sammler’s Planet (1970, dt: Mr. Sammlers Planet)
  • Humboldt’s Gift (1974, dt: Humboldts Vermächtnis)
  • The Dean’s December (1982, dt: Der Dezember des Dekans)
  • A Theft (1989, dt: Ein Diebstahl)
  • The Actual (1997, dt: Das einzig Wahre)
  • Ravelstein (2000)