lebenstanz

ich mag keine
halben sachen
mag die dinge
richtig machen
denn zwei halbe
sind kein ganzes
sind 3/4
nur des tanzes
den man durch
das leben geht

und sich selbst
im wege steht
macht man nur so
halbe sachen

ich mag nur die
ganzen sachen
so mit haut und haar
und einem wachen
verstand noch
obendrein der
niemals doch
das herz besiegt
wenn wange sich
an wange schmiegt

©Sandra Matteotti

Was bleibt

fragen
immer
fragen

doch die antwort
seh ich nicht

dunkel
immer
dunkel

und was mir fehlt
das ist das licht

suchen
immer suchen

aber finden
kann ich nicht

hoffen
immer
hoffen

aber glauben
trau ich nicht

leben
weiter
leben

denn was andres
bleibt schlicht nicht

©Sandra Matteotti

du fehlst mir

mir fehlt ganz schlicht

der eine…
mit dem man einfach
reden kann

der erste
wenn was auf
der Seele brennt

der eine
mit dem man
Schönes teilt

Der mit dem
man gerne
Wein geniesst

der welcher
versteht wie man
so selber denkt

wenn ich es
selber nicht
versteh’

©Sandra Matteotti

Hermann Hesse: Glück

Hermann Hesse (1877 – 1962)

Glück

Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.

Solang du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man glücklich ist oder das Glück sucht

Ingeborg Bachmann: Mein Vogel

Ingeborg Bachmann (1926 – 1973)

Mein Vogel

Was auch geschieht:
die verheerte Welt sinkt in die Dämmerung zurück,
einen Schlaftrunk halten ihr die Wälder bereit,
und vom Turm, den der Wächter verliess,
blicken ruhig und stet die Augen der Eule herab.

Was auch geschieht:
du weißt deine Zeit, mein Vogel,
nimmst deinen Schleier und fliegst durch den Nebel zu mir.

Wir äugen im Dunstkreis, den das Gelichter bewohnt.
Du folgst meinem Wink, stösst hinaus
und wirbelst Gefieder und Fell –

Mein eisgrauer Schultergenoss, meine Waffe,
mit jener Feder besteckt, meiner einzigen Waffe!
Mein einziger Schmuck: Schleier und Feder von dir.

Wenn auch im Nadeltanz unterm Baum die Haut mir brennt
und der hüfthohe Strauch mich mit würzigen Blättern versucht,
wenn meine Locke züngelt, sich wiegt und nach Feuchte verzehrt,
stürzt mir der Sterne Schutt
doch genau auf das Haar.

Wenn ich vom Rauch behelmt
wieder weiß, was geschieht,
mein Vogel, mein Beistand des Nachts,
wenn ich befeuert bin in der Nacht,
knistert’s im dunklen Bestand, und ich schlage den Funken aus mir.

Wenn ich befeuert bleib wie ich bin
und vom Feuer geliebt,
bis das Harz aus den Stämmen tritt,

auf die Wunden träufelt und warm
die Erde verspinnt,
(und wenn du mein Herz auch ausraubst des Nachts,
mein Vogel auf Glauben und mein Vogel auf Treu!)
rückt jene Warte ins Licht,
die du, besänftigt,
in herrlicher Ruhe erfliegst –
was auch geschieht.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn das Leben schwierig ist oder man Mut braucht

Hans Brinkmann: Rummel

Hans Brinkmann (*1956)

Rummel*

Wir machen den ganzen Rummel mit.
Jeden Tag sind wir hier.
Riesenräder überrollen uns,
auf den Karussells drehen wir durch.
Wie die Schweine und Kleeblätter
haben wir meist kein Glück. Die Schiessbuden
laden uns ein, aufeinander zu feuern,
ehe wir in die Bierzelte laufen,
wo unsre Köpfe im Schaum verschwinden.
Lachend stehen die Rittmeister
an den Kassen der Hippodrome.
Pass doch auf, Junge, wo du hintrittst!
Wie du dich wunderst, lassen sie dich
dafür bezahlen. Nichts ist umsonst.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wie man das Leben angehen kann

Das Leben als Rummelplatz, manchmal dreht man im Kreis, manchmal hofft man auf Glück, doch das bleibt aus. Man stösst auf Menschen, die einem nicht wohlgesonnen sind, tritt anderen auf die Füsse – und am Schluss kriegen wir die Rechnung, da nichts umsonst ist. Alles ein einziges Trübsal? Nein! Das Gute liegt im Detail. Wir haben nur meist kein Glück, sprich: ab und an haben wir welches. Der Rittmeister lacht, wir können mit ihm lachen, statt über alles zu klagen, nur weil es grad nicht rund läuft. Wir müssen auch nicht auf andere feuern, wir sind nur dazu eingeladen. Es bleibt unsre Wahl, ob wir es tun – nur wenn, dürfen wir uns nicht wundern, wenn andere zurückschiessen. Es bleibt unsere Wahl, wie wir das Leben sehen. Jede Sicht hat ihren Preis, unsere Entscheidung bleibt, was die Währung ist.

*zit. nach „Alle Tage ein Gedicht“, Aufbau Verlag

Lebenslicht

Hier brennt ein Licht,
es soll dir leuchten,
den letzten Weg,
den du heut gehst.

Ich bleibe hier,
ich möchte weinen,
ein ganzes Meer
dunkel und tief.

Ich glaube nicht,
dass dieses Leben,
je wieder sein
wird, wie es war.

Hier brennt ein Licht,
es soll mich leiten,
auf meinem Weg,
der vor mir liegt.

©Sandra Matteotti

(geschrieben zum Tag der Einäscherung meines geliebten Vaters)

Heinrich Heine: Alte Rose

Heinrich Heine (1797 – 1856)

Alte Rose

Eine Rosenknospe war
Sie für die mein Herze glühte;
Doch sie wuchs, und wunderbar
Schoß sie auf in voller Blüthe.

Ward die schönste Ros’ im Land,
Und ich wollt’ die Rose brechen,
Doch sie wußte mich pikant
Mit den Dornen fortzustechen.

Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt
Und verklatscht von Wind und Regen –
Liebster Heinrich bin ich jetzt,
Liebend kommt sie mir entgegen.

Heinrich hinten, Heinrich vorn,
Klingt es jetzt mit süßen Tönen;
Sticht mich jetzt etwa ein Dorn,
Ist es an dem Kinn der Schönen.

Allzu hart die Borsten sind,
Die des Kinnes Wärzchen zieren –
Geh’ in’s Kloster, liebes Kind,
Oder lasse dich rasiren.

(1851)
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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedichte bei Liebeskummer

Ingeborg Bachmann: Ich

Ingeborg Bachmann (1926 – 1973)

Ich*
Sklaverei ertrag ich nicht
Ich bin immer ich
Will mich irgend etwas beugen
Lieber breche ich.

Kommt des Schicksals Härte
oder Menschenmacht
Hier, so bin ich und so bleib ich
Und so bleib ich bis zur letzten Kraft.

Darum bin ich stets nur eines
Ich bin immer ich
Steige ich, so steig ich hoch
Falle ich, so fall ich ganz.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn das Leben schwierig ist

*zit. nach Ingeborg Bachmann, Sämtliche Gedichte, Piper Verlag.

Friedrich von Schiller: Nänie

Friedrich von Schiller (1759 – 1805)

Nänie

Auch das Schöne muss sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klagelied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich;
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

(1799)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man traurig ist, wenn jemand gestorben oder etwas vorbei ist

Schiller behandelt die Vergänglichkeit. Goethes Faust wünschte sich, einmal sagen zu können, der Augenblick sei so schön, er möge verweilen. Der Mensch tendiert dazu, Schönes festhalten zu wollen, doch liegt nicht auch in dessen Vergänglichkeit ein Teil der Schönheit? Wäre es nicht schön, würden wir ihm nicht nachweinen, wäre es immer da, achteten wir es gering. Erst der Umstand, dass es nicht da ist, lässt es uns wünschen, dass es wieder geht, lässt es uns schätzen. Alles hat seine Zeit, die Kunst ist wohl, die Dinge dann zu geniessen, wenn sie da sind, um sie dann wieder loszulassen.