Werkstattgespräche – Oliver Thalmann

Oliver Thalmann (1975) wuchs in Hergiswil am Napf im Kanton Luzern auf. Das Studium der Wirtschaftswissenschaften führte ihn nach St. Gallen, danach tobte er sich in Projekten im In- und Ausland aus. Das war noch nicht genug, daneben schrieb er eine Dissertation und bildete sich weiter. Nach weiteren innovativen und arbeitsintensiven Projekten kam die Kehrtwende: Der erste Roman entstand (»Mord im Hotel Savoy«) und landete gleich in den Top-Ten der offiziellen Schweizer Taschenbuch-Bestsellerliste. Weitere folgten, alle mit Ranglistenerfolg.

Oliver Thalmann lebt mit seiner Frau und seinen Kindern im Kanton Zürich.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Nächstes Jahr werde ich fünfzig Jahre alt. Ich bin unverhofft durch ein Schlüsselereignis Schriftsteller geworden und habe drei Kriminalromane geschrieben. Zuvor war ich als Unternehmer im Bereich der erneuerbaren Energien tätig, was auch spannend war, aber viel Reisetätigkeit mit sich brachte, auf die ich heute gerne verzichte. Ich bin glücklich verheiratet und habe zwei Töchter.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Rückblickend betrachtete, habe ich immer gerne geschrieben. Alles nur nicht Romane. Sportberichterstattungen in den Lokalzeitungen, Maturarbeit, Diplomarbeit und dann auch die Doktorarbeit haben mir keine Mühe abverlangt. Schriftsteller bin ich dann durch ein kleines, unscheinbares Ereignis geworden. Ich hörte in einem Restaurant einen Streit einer amerikanischen Familie und stellte mir vor, was geschähe, wenn eine Person vergiftet würde. Zurück im Zimmer nahm ich den Laptop hervor, begann eine Geschichte zu schreiben, die in „Mord im Hotel Savoy“ ihren Abschluss fand.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich wage zu behaupten, dass ich einen Schreibprozess habe. Bei mir beginnt er mit einem Problem aus dem Alltag, das mich beschäftigt und nicht mehr loslässt. Danach schreibe ich mir Fragen dazu auf – ohne Einschränkungen – einfach alles, was mir in den Sinn kommt. Mein Gehirn führt mich so zum Thema des Romans, und dieses dient dann als Leitplanke für meine Geschichte. Ich schreibe anschließend eine Zusammenfassung, versuche also Anfang, Mitte und Ende der Geschichte vorherzusagen. Aber wenn ich ehrlich bin, verändert sich die Geschichte während dem Schreiben noch einige Male. Und ich denke, das ist auch gut so. Denn das Leben verläuft größtenteils planlos, und so sollte auch ein guter Roman daherkommen.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich schreibe direkt am Computer. Das hat zwei Gründe. Erstens gefällt mir meine Handschrift nicht. Ich finde es schöner, wenn ich den Text auf dem Bildschirm sehe. Er erscheint mir dann so, als ob er bereits in einem Buch abgedruckt wäre. Das sieht professionell aus und wirkt motivierend auf mich. Zweitens bin ich viel schneller, als wenn ich auf Papier oder Tablet von Hand schreiben würde, da ich dem Zehnfingersystem auf der Tastatur mächtig bin.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit oder stören dich andere Menschen nicht?

Am besten schreibe ich allein und einsam in der Dunkelkammer zu Hause, meist mit Musik.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Ich schreibe meine Texte am Vormittag respektive frühen Nachmittag zu Hause, da ich zu diesen Stunden am kreativsten bin. Bevor ich nicht tausend Wörter geschrieben habe, höre ich nicht auf.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Das schönste für mich ist das Schreiben der Texte selbst. Wenn ich am Computer sitze, die Geschichte entwerfe, weiterentwickle und dann wieder verändere, weil eine neue Idee mich in Euphorie versetzt hat. Weniger schön ist die fünfte Überarbeitung, wenn man am Feinschliff der Geschichte ist. In dieser Phase hat der kreative Anteil sein absolutes Minimum erreicht.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Nein, ich schalte nicht ab, das will und brauche ich auch nicht. Denn häufig kommen mir Einfälle, Ideen und Lösungen zu Problemstellen in der Geschichte nicht während den Bürozeiten, sondern in der Freizeit oder in der Nacht. Deshalb trage ich immer etwas zu Schreiben auf mir und notiere die Gedanken sofort.

In einem Interview bezeichnetest du Schreiben als dein Hobby. Es ist ein zeitaufwändiges. Was reizt dich an diesem doch eher einsamen Hobby? Was unterscheidet das Schreiben von einem Beruf?

Hobby ist es nicht mehr. In der Zwischenzeit ist es zu meinem Beruf geworden. In den meisten anderen Beruf geht es im Vergleich zum Autorenschaffen sehr strukturiert und prozessorientiert zu, und man hat andere Mitarbeiter, die einen unterstützen. Beim Schreiben ist man, bis auf die Lektorin, die einem am Schluss als Sparringpartner dient, auf sich allein gestellt.

Deine Krimis spielen in Zürich und auch mehrheitlich in einem Umfeld, in dem du dich wohl selbst bewegst. Kannst du da aus dem Vollen schöpfen oder brauchtest du doch noch Recherche?

Das Recherchieren gefällt mir, es regt meine Gedanken an. Es ist mein Doping als Schriftsteller. Ich gehe zu den Schauplätzen und laufe sie ab, um ein Gefühl für die Atmosphäre zu bekommen, die ich dann in den Text einfließen lasse. Ich führe gerne Interviews mit Polizisten, Forensiker, Gerichtsmediziner, Fachspezialisten, Mitarbeitern. Oft erhalte ich Informationen oder Details, die auch die beste Suchmaschine der Welt nicht findet.

Dein neuster Krimi spielt in der Kunstszene. Welchen Bezug hast du persönlich zu Kunst und dem dazugehörigen Markt?

Ich liebe durch Ausstellungen zu flanieren, obwohl ich kein Kunstexperte bin. Oft kommen mir viele Ideen für meine Buchprojekte in einem Museum. Komischerweise weisen diese Gedanken oft keinen (mir bekannten) Zusammenhang mit der Exposition auf.

Donna Leon liess ihre Romane nie ins Italienische übersetzen, andere Autoren schreiben unter Pseudonym. Hast du keine Angst, jemandem auf die Füsse zu treten?

Nein, die Figuren meiner Romane sind frei erfunden, und ich mache keine Politik. Natürlich kommt es vor, dass LeserInnen etwas reininterpretieren und mir etwas unterstellen, aber das gehört dazu. Jede Person darf sich ihre eigenen Gedanken und Vorstellungen machen. Das ist gerade das Schöne am Lesen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in einzelnen Figuren drin?

Schreiben ist eine Kunst, wo der Autor seine Fantasie, seine Gedanken, seine Gefühle, seine Stimmung, aber auch seine eigenen Erfahrungen in einem Buch niederschreibt. Die Autobiografie hat einen Anteil, aber denn würde ich nicht überbewerten.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Ein Buch muss spannend sein, einen bewegen und die eigene Vorstellungskraft anregen. Man muss sich die Figuren im Roman vorstellen können, als ob man als Zuschauer oder Akteur direkt Vorort beteiligt wäre. Wenn ich eine Geschichte schreibe, muss sie mir als Leser gefallen. Zum Glück haben meine Bücher bisher auch Anklang beim Publikum gefunden, sonst hätten wir ein Problem…

Wenn du fünf Bücher deines Lebens (vielleicht auch zu verschiedenen Zeiten desselben) nennen könntest, welche wären das?

  1. To kill a mockingbird von Harper Lee
  2. The nightingale von Kristin Hannah
  3. Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert von Joël Dicker
  4. The islands of missing trees von Elif Shafak
  5. Strangers on a Train von Patricia Highsmith

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

So viel wie möglich schreiben, und nicht auf die bösen Geister hören, die sagen: „Du bist nicht gut genug.“

Leseerlebnisse – Oliver Thalmann: Mord im Landesmuseum

«Monti war sich sicher, dass es das Richtige war, aber es fühlte sich trotzdem nicht gut an. «Was kann man gegen die Wahrheit tun?» Urech seufzte: «Man muss sie akzeptieren, sonst frisst sie einen auf.»

16 Jahre lebte ich in Zürich, es war eine schöne Zeit und ich lernte die Stadt nach gewissen Startschwierigkeiten lieben. Es fühlte sich also an wie Heimkommen, als ich in diesen Krimi eintauchte. Ich kannte die Lokationen, ich sah sie vor mir. Damit hatte das Buch sprichwörtlich einen Heimvorteil bei mir, den es aber gut nutzte.

«Nun beging er den gleichen Fehler wie das Rotkäppchen im Märchen der Brüder Grimm: Er kam vom Weg ab.»

«Mord im Landesmuseum» ist der dritte Krimi von Oliver Thalmann. Fabio Monti muss zuerst in fremden Gewässern, da er sich statt mit Mord mit einem Diebstahl beschäftigt, doch das soll sich bald ändern:

Fabio Montis Schwiegervater, der renommierte Anwalt Christian Huber, bittet ihn um Hilfe: Monti soll den Besitzer des Bildes „Rotkäppchen“ von Albert Anker ausfindig machen. Er hatte es vor Jahren erworben und seiner Frau geschenkt, musste es dann wegen Geldsorgen wieder veräussern. Nun soll es in die Familie zurückkommen als Geschenk für seine Frau. Kurz darauf verschwindet just dieses Bild aus einer Ausstellung im Landesmuseum, wo es als Leihgabe hing, wenig später wird dessen Besitzerin umgebracht. Wie hängen der Raum und der Mord zusammen? Als auch noch der Kurator der Ausstellung verschwindet und ein Erpresserbrief auftaucht, tappen die Ermittler vollends im Dunkeln: Welches Motiv steckt hinter all dem und wer hat ein Interesse? Monti ahnt noch nicht, dass die Aufklärung dieses Falls auch für ihn gefährlich werden kann. 

Da haben wir ihn also, diesen grundsoliden Ermittler, der die persönlichen Emotionen aussenvor lässt und im Wissen, sich selbst das eine oder andere Grab zu schaufeln, der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Dass er selbst dabei die eigene Befangenheit und einiges mehr ignoriert, sei ihm vergeben bei so viel Einsatz. Ich glaube, ein solcher Krimi geht nur in der Schweiz, wie anders sähe er in Italien oder Spanien aus – man schaue nur auf die entsprechenden Krimis und ihre Plots und Nebenplots. Krimis, das liebe ich an ihnen, sind immer auch ein Spiegel der Kultur und der Gesellschaft. Sie decken Mentalitäten und Verhaltensmuster auf, weil sie die Situationen thematisieren, in welchen diese am besten ans Licht kommen: Konflikte zwischen widersprüchlichen Wünschen und Bedürfnissen.

Ein solider Krimi, den ich flüssig weggelesen habe und nun gespannt bin, wie es mit Monti weitergeht. Da muss ich mal nachfragen beim Autor – seid gespannt.

(Oliver Thalmann: Mord im Landesmuseum, emons Verlag, 2024.)