“ Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
(Reinhold Niebuhr)

Es gab in meinem Leben leider viele Momente, in denen ich dachte, dem, was grad passiert, einfach hilflos ausgeliefert zu sein. Ich fühlte mich ohnmächtig (es lag nicht in meiner Macht, etwas zu ändern), hilflos (ich wusste mir nicht zu helfen und fand auch im Aussen keine Hilfe) und vor allem sehr verletzlich (die Welt schaut auf mich und urteilt….).

Und ja, es ist so: Es gab viele Situationen, in denen das Gefühl nicht falsch war: Ich konnte die Dinge nicht ändern. Dabei wollte ich es so gerne. Ich studierte ganze Nächte, suchte tagsüber nach Wegen und Möglichkeiten. Am Schluss… blieb alles, wie es war. Und dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, der Hilflosigkeit, hatte sich eingebrannt.

Wie oft greifen wir genau auf das Gefühl zurück, wenn wir vor Schwierigkeiten stehen? Denken: Ach, das bringt ja eh nichts, es gelingt ja nicht.

Es ist eine Tatsache, dass wir nicht alles im Leben in der Hand haben. Ganz viel entzieht sich unserer Kontrolle, beruht auf Zufällen oder ist von etwas abhängig, das ausserhalb unserer Macht liegt. Wenn wir uns nun über diese Dinge aufregen und uns daran aufreiben, passiert nur eines: Wir ärgern uns, ändern aber nichts am Grund für den Ärger. Die Dinge nehmen ihren Lauf.


Es gibt aber durchaus Dinge, die wir selber in der Hand haben. Da dann einfach abwartend zu sitzen und zu hoffen, dass sich alles zum Guten wendet, wäre mehr als schade. Wir könnten da selber Hand anlegen, nur: Dinge zu verändern ist nicht immer nur einfach, Gewohnheiten wiegen mitunter schwer. Sind sie doch erstens erprobt und oft auch bequem. Und doch: Es wäre schade, es nicht zu tun, da wir damit das Steuer unseres Lebens aus der Hand geben und auf etwas verzichten, das wir insgeheim (wir würden uns sonst nicht ärgern) wollen.

„Man wirft den Menschen immer vor, daß sie ihre Mängel nicht erkennen. Noch weniger aber kennen sie ihre Stärken. Sie sind wie das Erdreich. In vielen Grundstücken sind Schätze verborgen, aber der Besitzer weiß nichts von ihnen.“ (Jonathan Swift)

Kennst du das auch, dass die Dinge nicht so laufen, wie sie sollten, oder etwas Herausforderndes ansteht und du dir dann sagst:

„Ich bin nicht gut genug.“, „Das schaffe ich nie!“, „Ich mache zu viele Fehler!“

Wie oft werfen wir uns vor, was wir nicht können? Wie oft glauben wir nicht an uns? Wie oft hadern wir mit unseren Schwächen und fürchten, nicht gut genug zu sein – für den Partner, für die Arbeitswelt, für die Schule, am schlimmsten: Für uns selber?

Wie oft aber kommt es vor, dass wir vor den Spiegel stehen und finden

„Ich bin gut.“, „Ich gefalle mir!“, „Wenn ich es will, schaffe ich es.“?

Wenn etwas gut geht, haben wir sicher schnell Freude, betrachten es aber sehr schnell auch als Normalfall, als selbstverständlich. Nur: Wir haben etwas dafür getan, dass die Dinge gut laufen. Wir haben in unsere Beziehung, in unsere Ausbildung, in unser eigenes Sein investiert, uns eingesetzt dafür, dass es eben gut läuft in dem Sinne, wie wir es uns wünschen.

Schlussendlich ist es doch so: Niemand kann alles, doch jeder hat seine Talente und Fähigkeiten. Statt also ständig auf dem rumzureiten, was (vermeintlich?) nicht geht, wäre es viel sinnvoller, sich vor Augen zu führen, was man alles kann und das dann auch zu leben. Aus dieser inneren Haltung sich selber gegenüber könnte eine Kraft wachsen, die zu einem positiveren Selbstbild führt, zu einem, das auf Vertrauen in die eigenen Kräfte, aber auch auf Vertrauen ins eigene Sein baut. Aus diesem Vertrauen wiederum kann Mut entstehen. Wenn wieder einmal etwas ansteht, könnte der erste Gedanke nicht sein „Ach, das schaffe ich sowieso nicht!“, sondern: Das probiere ich einfach mal aus! Und wenn es gelingt, ist super, wenn nicht, habe ich es versucht.

Es ist schon so: Nicht alles im Leben wird gelingen. Was gelingen kann, kann auch ebenso misslingen. Nur: Mit einem Misslingen ist noch nicht alles verloren. Es war ein Weg, der nicht zum gewünschten Ziel führte, aber es gibt noch viele weitere Wege, die zu gehen wunderbar und zielführend sein können. Und manchmal ändern sich auch die Ziele oder früher angestrebte erweisen sich als gar nicht wirklich wünschenswert. Das alles aber erfährt man erst, wenn man den Mut hatte, etwas auszuprobieren, eigene Träume zu verwirklichen, im Vertrauen darauf, dass man auch, wenn es nicht gelingt, ein guter Mensch ist und genug. Einfach nur, weil man ist, wer man ist.

„Erinnere dich daran, dass das, was dich wie an unsichtbaren Fäden hin- und herzieht, in deinem Innern verborgen ist.“ (Marc Aurel)

Ist es dir auch schon mal passiert, dass du auf etwas reagiert und dich im Nachhinein gefragt hast: „Was hat mich da geritten?“ Dann fallen dir spontan mehrere Möglichkeiten einer besseren Reaktion ein – alles Möglichkeiten, die du nicht gewählt hast, weil du aus dem hohlen Bauch heraus, ohne innezuhalten oder nachzudenken, spontan reagiert hast.

Was also hat dich geritten? Tief in unserem Unbewussten schlummern unterdrückte Gefühle, verdrängte Erfahrungen, ignorierte Emotionen. Wir haben etwas erlebt, das schmerzhaft oder unerfreulich war, haben beschlossen, das aus unserem Bewusstsein zu verbannen, weil wir nicht mehr weiter leiden wollten. Wir haben es verdrängt. Nur: Alles, was wir verdrängen, ist nicht einfach weg. Es tobt fortan in unserem Unterbewusstsein weiter. Und es kommt just dann wieder hervor, wenn etwas passiert, das in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten hat mit dem, was wir verdrängen. So passiert es, dass wir in aktuellen Situationen nicht auf das reagieren, was wirklich ist, sondern darauf, was wir in die Situation hineinlesen aufgrund vergangener Erfahrungen.

Mögen Gefühle, Emotionen und Erfahrungen auch noch so schmerzvoll sein: Es bringt nichts, sie zu verdrängen, weil wir sie auf diese Weise nicht los werden. Im Gegenteil: Sie bringen von da, wo sie sind, nur noch viel mehr Leid und Schmerz, da sie uns immer wieder neu in Situationen bringen, in denen wir das nochmals erleben, was wir eigentlich verdrängen wollten. Erst wenn wir uns dem Ganzen stellen, wenn wir hinschauen, analysieren, akzeptieren und verarbeiten, können wir frei werden davon. Nicht immer ein einfacher Weg, schon gar nicht der des geringsten Widerstandes, aber einer, der auf mittel- und langfristige Sicht Heilung und Wachstum mit sich bringt. Nur wenn wir uns bewusst sind, was in uns vorgeht, nur wenn wir genau hinschauen, können wir auf Situationen reagieren, wie sie sind, anstatt immer wieder in alte Muster zu verfallen und von neuem zu leiden.

eingesogen
weggezogen
hochgeworfen
tiefer Fall

hohe Wellen
dunkle Wogen
tiefe Wasser
Untergang

losgelassen
ungetragen
haltverloren
und allein

ohne Sonne
nirgends Lichter
eingenommen
und in Angst

ausgeworfen
auferstanden
Mut gewonnen
weiter geht’s

©Sandra Matteotti

Und plötzlich weiss man: Das möchte ich tun. Das wäre das Leben, das ich gerne leben würde. Und in uns entsteht ein Bild in den buntesten Farben, wir malen alles aus und fühlen uns wohl damit. Manchmal ist es auch nicht ein ganzer Lebensentwurf, nur ein Projekt, das wir gerne umsetzen, ein Plan, den wir gerne verfolgen würden. Egal, was und wie gross es ist: So soll es sein!

Doch dann kommen die inneren Stimmen: „Das geht doch nicht!“, „Ich kann doch nicht!“, „Was werden bloss die anderen sagen?“, „Wie könnte ich das schaffen?“ Das eben noch so leuchtende Bild wird trüber, die eigene Freude gedämpft. Erich Fried hat diese inneren Stimmen in Bezug auf die Liebe in ein wunderbares Gedicht verpackt:

Was es ist
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Wir können diese inneren Stimmen wichtig nehmen und alles lassen, wogegen sie stänkern. Wir können uns einreden, dass unsere Pläne wirklich unsinnig, aussichtslos, lächerlich, leichtsinnig oder gar unmöglich sind. Und dann tun wir brav das, was wir schon immer taten. Der Umstand, dass wir beim Denken neuer Wege aufblühten, zeigt zwar, dass wir mit den alten nicht glücklich waren, trotzdem das wäre sicher der Weg des geringsten Widerstands. Wir bleiben dabei aber auch das, was wir waren: Unglücklich, zumindest unzufrieden.

Was ist die Alternative? Wir fassen uns ein Herz und wagen das Risiko. Das braucht Mut, keine Frage, und ich behaupte nicht, dass es einfach ist. Neue Wege sind immer unsicher, wir betreten damit Land, das wir vorher noch nicht kannten, verlassen unsere eingetretenen Pfade, die uns vertraut waren. Aber: Schon Hermann Hesse wusste:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Diese Zeile des Gedichts ist wohl vielen bekannt, aber das Gedicht geht weiter:

Der uns beschützt und der und hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen.
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ und Stufe heben, weiten.

Mut zu haben, heisst nicht, dass wir von jetzt auf gleich keine Angst mehr haben. Es heisst auch nicht, dass all die Stimmen plötzlich verstummt sind und wir nur noch optimistisch in die Welt grinsen. Es ist sogar wichtig, die inneren Stimmen anzuhören, die Risiken einzuschätzen und abzuwägen. Unter Umständen erkennen wir so Hindernisse, die wir ausräumen können.

Dass wir den Mut aufbringen, für unsere Wünsche und Ziele einzustehen, bedeutet, dass wir uns ernst nehmen. Wir stehen für uns ein und gestehen uns ein: Es ist, was es ist. Ich bin, wie ich bin. Und ich bin es mir wert, dass ich für mich meine Wege gehe.

Natürlich ist es möglich, dass wir mit einem Plan in die Irre laufen. Es ist auch gut möglich, dass ein erreichtes Ziel beim Erreichen plötzlich nicht mehr so bunt ist, wie es auf dem Weg dahin schien. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es sich lohnt, den Weg zu gehen. Entweder zeigt er uns auf, was wir schon hatten, aber nicht sahen, oder aber wir entdecken eine Abzweigung, die uns wirklich an einen Ort führt, der für uns richtig ist. Und ab und an gehen wir den Weg, kommen ans Ziel und wissen: Ich habe es geschafft. Das war mein Weg und ich bin angekommen. Was könnte es schöneres geben?

Am Anfang stehen immer die Fragen: Wer bin ich? Was will ich im Leben? Wie will ich leben? Wie will ich sein? Sie geben den Weg vor, den wir gehen wollen. Und: Wenn wir Dinge mit Leidenschaft tun, unser Herz daran hängt, dann eröffnet sich immer etwas Gutes daraus. Dieses ist nicht zwangläufig immer das, was wir uns am Anfang vorstellten, aber der Weg, den wir dahin gingen, war selbst gewählt. Die nötige Vorsicht ist geboten, die Vernunft soll immer mitgehen, aber der Mut soll die Führung übernehmen, denn er ist der Verbündete der Liebe – der Liebe zu uns selber.

Hermann Hesse schliesst sein Gedicht „Stufen“ mit der wunderbaren Zeile:

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

War ich zu feige?
Fehlte der Mut?
Musste es sein?
War alles gut?

Ich sitze hier
und denke,
was alles sein könnte.

Ich sitze hier
und frage
nach einem Grund.

War ich zu feige?
Fehlte der Mut?
Musste es sein?
War alles gut?

Ich sitze hier
und ich weine,
um blosse Tagträume.

Ich sitze hier
und trinke
Schluck für Schluck Wein.

War ich zu feige?
Fehlte der Mut?
Musste es sein?
War alles gut?

Ich sitze hier
und sinke
langsam ins Dunkel,
das mich sanft umhüllt.

Le coeur a ses raisons que la raison ne connaît point. (Blaise Pascal)

Ich bin oft sehr vernunftgesteuert und doch kommt ab und an die Lust zur Unvernunft. Dann brodelt das Herz über und ich möchte einfach ausbrechen aus der Vernunftwelt, möchte ausprobieren, was geht – und auch, was nicht geht. Ich möchte Grenzen testen und überschreiten. Und ab und an tu ich es. So ein bisschen. Zaghaft. Ab und an lass ich es auch. Dann denke ich, dass ich nur ein wenig mutiger sein müsste, Dinge wagen. Ich schelte mich als zu zaghaft und schaue auf verpasste Gelegenheiten zurück.

Bei all dem Gezeter übersehe ich wohl eines: Es gibt sicher ganz viele Dinge, die ich ganz unvernünftig gemacht habe, einfach, weil sie mir entsprachen. Nur, wenn ich sie getan habe, dann hinterfrag ich sie nachträglich selten und schaue auch nicht mehr so genau, wieso ich sie tat, ob es Herz oder Verstand war, die mich leiteten.

Vielleicht fällt es uns nur mehr auf, wenn wir eine Herzenssache aus Vernunftgründen nicht machen, weil die emotionale Enttäuschung über die verpasste Umsetzung schwerer wiegt, als es die vernünftige tut im umgekehrten Fall. Vielleicht entsteht so ein Bild der verpassten (Herzens-)Chancen. Wenn man nämlich genau aufs Leben schaut, ist wohl selten bei jemandem ALLES vernünftig. Man muss dabei auch nicht nur die grossen Dinge in die Waagschale legen, auch kleine Unvernünftigkeiten zählen und machen Spass. Sie brauchen vielleicht weniger Mut, aber doch das Ausschalten der Vernunft.

Es ist einfach, sich die Unvernunft zu wünschen oder die eingehaltene Vernunft zu betrauern, weil man eine Chance verloren sieht. Unvernunft ist heutzutage besser gestellt als Vernunft. Dieser hängt ein verstaubter Ruf an, sie gehört quasi zum alten Eisen, zu dem, was man besser ablegt, wenn man von heute sein möchte.

Schliesslich und endlich bleibt bei allem Wunsch um die Unvernunft im Leben zu beachten, dass alles im Leben Konsequenzen hat. Diese dauern meist über die einzelnen Handlungen hinaus an und können mitunter – im schlimmsten oder auch besten Fall – das ganze Leben prägen. Alles im Leben hat seinen Preis, auch Vernunft- und Herzentscheide. Die Frage, die sich wohl immer stellt, ist: Bin ich bereit, diesen zu zahlen? Kann ich ihn überhaupt zahlen? Dinge einfach zu tun, ohne nachher die Rechnung zahlen zu wollen oder zu können, ist nicht nur unvernünftig, sondern kann mitunter verheerende Folgen haben. Sicher für einen selber, oft auch für die Menschen um einen. Aber vielleicht ist das auch zu vernünftig gedacht?

Ich bin von Grund auf ein nachdenklicher Mensch. Hinterfrage viel, das Leben und vor allem mich selber. Immer wieder lege ich auf den Prüfstand, was sich einfach so bietet im Leben, höre dabei oft, ich denke zu viel.  Ich kann nicht aus meiner Haut.

Als  mein Mann und ich uns trennten, verlor ich nicht nur meine Familie, wie ich sie mir vorstellte, sondern auch die ganze an meinem Mann hängende Familie. Irgendwie gehörte die nicht mehr zu mir, zumal schon eine neue Frau an meines Mannes Seite stand, die nun eben da rein gehörte. Der Kontakt wurde weniger, wenn überhaupt, bestand er nur noch über meinen Sohn, der noch immer in dieser Familie zu Hause war. Seine Grosseltern waren ihm nahe und sollten es bleiben.

Mein Schwiegervater wurde krank. Ich erfuhr davon von Ferne, blieb aber in eben dieser, da ich nicht in etwas hinein wollte, das nicht mehr meines war. Die Krankheit wurde schlimmer, sie führte zu einem Punkt, an dem klar war, dass es nicht mehr gut, sondern langsam aber sicher dem Ende zu gehen wird. Da konnte ich nicht mehr fern bleiben, ich ging zu ihm. Ich sah, was ich ihm (immer noch) bedeutete und spürte, was er mir bedeutete. Ich bin froh, habe ich den Schritt gemacht, auch wenn es nun sehr schmerzhaft ist, ihn gehen zu sehen.

Das Ganze lässt mich nicht kalt, es hat viel bewirkt. Ich bin noch nachdenklicher geworden. Hinterfrage mich und mein Leben, wie es war. Frage mich, was kommt und was ich von diesem Rest des Lebens haben möchte. Es ist endlich. Das ist mir bewusst. Ich habe keine Angst vor meinem eigenen Tod. Lange fürchtete ich ihn, weil ich ein Kind habe. Dieses wird nun selbständiger, es käme klar. Insofern: Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Nicht, dass ich es mir wünschte, aber es ist kein Drama für mich, dass es so sein könnte.

Was habe ich gelernt? Ganz vieles, dies nur ein Teil davon:

  • Das Leben ist endlich – man muss es leben, wenn es da ist
  •  Man sollte sich dann für die Menschen Zeit nehmen, die einem wichtig sind, wenn sie da sind – es könnte zu spät sein sonst
  • Dinge immer nur aufzuschieben, weil ja alles Zeit hat, könnte ein Aufschub für immer sein –zudem verschenkt man schlicht Zeit damit
  • Man sollte mit seinen Gefühlen nicht hinterm  Zaum halten, es könnte sein, dass sie erwidert werden, ohne dass man es weiss
  • Das Leben ist zu kurz für Spiele
  • Das Leben ist zu kurz für faule Kompromisse
  • Selbst wenn alles traurig ist, es gibt immer etwas Schönes, Wichtiges, Lehrreiches in allem
  • Finde heraus, was du wirklich willst und geh den Weg

Habe ich was vergessen? Vermutlich ganz viel. Ich sehe einiges klarer heute, bereue gewisse Entscheidungen, Handlungen, Versäumnisse, werde sie nicht rückgängig machen können. Alles hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich heute bin. Was bleibt ist, ehrlich zu mir selber zu sein, hinzuschauen, wo Fehler passierten, die mir selber einzugestehen (wenn möglich und nötig auch anderen gegenüber) und die Zukunft anzugehen. Ehrlich, mutig, authentisch.

Eines Morgens wachte sie auf und merkte, dass sie im falschen Film war. Der Film ging schon lange, es war nicht mehr ganz ersichtlich, wann er begonnen hatte, sich in eine Richtung zu entwickeln, mit der sie eigentlich nicht übereinstimmte. Sie war in diesem Film langsam vom Regisseur zum Statisten geworden. War sie je Regisseur gewesen? Sie hatte es bis vor kurzem meistens gedacht. Oder vielleicht hatte sie auch gar nicht gedacht, sondern hatte sich treiben lassen. Schon da nicht Fährmann, eher treibendes Holz.

Sie sitzt im Bett und träumt von neuen Ufern. Von Ufern, die anders wären als die Festung, in der sie gerade sass. Sie sah Landstriche, die hell und sonnig waren, die ein Gefühl von Freiheit in sich trugen. Sie sah ein neues Leben an einem neuen Ort vor sich und sie zeichnete dieses Leben in den buntesten Farben, in allen Formen, auf alle Weisen. Sie griff in die Farbtöpfe, kleckerte, klotzte ab und an gar. Weg mit den Hindernissen, weg mit den Hemmnissen. Sie dachte an all ihre Träume und Wünsche, dachte an das Leben, das sie mal leben wollte und sah hin, wo sie gelandet war. Und die Schere dazwischen liess sie in Abgründe blicken.

Sie beschloss, dass es nicht so weiter gehen konnte, dass die gemalten Bilder nicht nur Bilder bleiben sollten, sondern Realität werden. Sie wollte es angehen, wollte endlich auch im Leben aufwachen, nicht nur am Morgen nach einer wenig erholsamen Nacht. Sie wollte endlich leben, nicht nur überleben. Sie machte sich auf, voller Tatendrang, ging in den Tag hinein, im Hinterkopf die neuen Ziele, die neuen Welten. Sie wollte Neues finden, Aufregung, Abwechslung, sie wollte ihr Leben finden, es ausfüllen, nicht als Füllmittel für die Leben anderer dienen.

Und sie traf auf Menschen, fühlte sich endlich wieder frei und unbeschwert. Sie fühlte sich beflügelt, spürte, wie ihr Herz vor Aufregung Salti schlug. Sie spürte das Kribbeln im Bauch, fühlte sich verliebt in dieses neue Leben. Dass auch ein Mensch in ihren Blick kam, der dieses Gefühl verstärkte, liess das neue Leben noch besser werden.   Sie sah, dass es möglich war, sah, dass ihre Träume lebbar waren, das Leben mehr bereit hatte als sie in ihrem Gefängnis lebte. Sie sah, dass sie ihr Leben selber in die Hand nehmen und wieder fühlen konnte, wieder lebendig sein durfte und Wünsche Erfüllung finden können.

Sie müsste nur noch die letzten Bänder zum alten Leben abschneiden und nach vorne in das neue Leben gehen. Ein Schnitt und sie wäre frei und könnte ganz hineingehen. Nochmals neu anfangen. Sie blickte zurück und sah, was alles nicht gut war. Sie schaute nach vorne, sah, was alles lockte. Und doch: sie schaffte es nicht, die Bänder zu zerschneiden. „Was, wenn alles nur Schein ist und zerbricht? Was, wenn alles eine Illusion?“ Das Schlechte kannte sie, das hatte sie lange gelebt und sich dabei nicht nur schlecht gefühlt. Es war zwar nicht ihr Wunschleben, aber es war die Sicherheit des Bekannten. Sie versuchte eine Zeit lang, beides parallel laufen zu lassen. Doch der Spagat zehrte an allen Sehnen und Nerven. Und so legte sie sich zurück ins Bett, zog die Decke über den Kopf, verabschiedete sich von dem neuen Leben und flüchtete sich in die Dunkelheit der Nacht.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

(Rainer Maria Rilke)

Draussen dämmert es, Mondlicht im See. Der Tisch ist gar klein und alles ist eng. Eine blassgelbe Blume kämpft gegen Schein, die Kerze soll Stimmung bringen, nimmt noch mehr Raum. Beide sind Schranke zwischen uns drin, stehen so da, nehmen uns ein. Da passt keine Hand durch, kein falsches Wort. Alle kommen sie durch die Blume hindurch.

„Hast du auch Hunger?“, du schaust zu mir hin, mit schwarzbraunen Augen, so gross und so ernst. Mir ist grad nach andrem, ich weiss nicht wonach. Irgendwo ist mir die Gewissheit verloren, was ich nun will  und was ich auch kann. Essen ist wohl die einfachste Wahl, alles andere erscheint mir so schwer. Etwas Rotwein könnt’ helfen, die Klippen zu weichen, den Kanten die Schärfe abziehn.

Das letzte Mal hier war ich im anderen Leben, mit einem anderen Mann. Ich war glücklich, dachte, ich könnte es sein. Dachte an Ankommen, an Friede und Heim. Wo vorher die Leere, ein pestscharzes Loch, schien Licht nun und Zukunft, was wollte ich noch? Vorher da suchte ich, Raum und auch Zeit. Verlor mich oft selber, um anders zu sein. Mich gefunden, verloren, neu erfunden, neu verwirkt. Aus jedem Scheitern habe ich Lehren gezogen, sie mitgenommen, gedacht, nun weiss ich es besser, die nächste Etappe in Angriff genommen, wieder gefallen. Und dann der Hafen. Der breite, grosse, mich einnehmend, verschlingend. Ich habe mich hingegeben. „Willst du mich ganz?“ Und wie ich es wollte. Hoch auf dem Berg mit Blick über alles. Ich war so frei, ich wollte es sein. Ich lief mit offenen Augen hinein ins Verderben. Wieso denk’ ich noch dran? Ich sitz’ hier mit dir.

„Magst du auch Wein?“ Unbedingt will ich, denn Wein ist so gut. Lässt die Gedanken anhalten, sie kreisen nicht mehr. In Ringen, der eine dem anderen nach, immer grösser, immer weiter. Ein Stein fiel ins Wasser, zog sie um sich, einen ganz klein, den nächsten darum. Sie werden grösser, fliessen aus, blenden aus, was da noch war. Mittendrin, da spiegelt sich noch immer der Mond.

Oft sassen wir oben am Berg und sahen den Mond. Wir sahen den See und träumten die Welt, die Luftschloss nur war. Versprochen war Stahl. So hart er auch ist, so sicher wirkt er. Zurück blieb ein Hauch, ein nichts war mehr da. Hier sitze ich nun und alles ist neu. Du bist da, verstehst mich sogar, wie keiner es tat. Gleiche Themen, gleiche Träume. Ich vermisse den Stahl, sehe nur Luft. Mir fehlt der Glaube, wie kann das besteh’n?

Ich sag’s durch die Blume. Du verstehst es wohl nicht. Vielleicht ja auch doch, willst es nur nicht. Du glaubst an die Zukunft, bist lebensfroh. Ich beneid’ dich darum, ich wär’ auch gern so.  In mir dreh’n die Kreise, sie schaukeln sich hoch. Soll ich ihn wagen, kann ich es tun? Noch einmal kreisen, zum wievielten Mal? Ertrag ich den Fall, wenn er denn kommt? In mir wächst Wehmut in Kreisen heran, die weder Wein noch Salat retten kann. Mir fehlt die Gewissheit, mir fehlt auch der Mut. Ich kreise im Alten, das kenne ich gut.  Und wenn es dann scheitert, dann bin ich geübt, nichts wird mehr töten, es ist schon erprobt.

Wie oft verharrt man in Situationen, die einem nicht gefallen, die einen leiden lassen, die weh tun. Wie oft versagt man sich ein Glück, das eigentlich zum Greifen nah sein könnte, das man sich aber nicht zu greifen getraut. Wieso? Weil man dafür etwas aufgeben müsste. Etwas, das da ist, das man kennt. Man kennt es mit all seinen negativen Seiten, all seinem Schmerz, all seinen Schwierigkeiten. Aber man kennt es.

Das Neue klingt toll, aber was, wenn es nicht hält?Was, wenn es auch schwierige Seiten hat, die man nicht kennt? Solche, die man erst erfahren muss, damit umgehen lernen muss? Mit den alten Schwierigkeiten hat man sich – mehr schlecht als recht, aber doch – arrangiert. Drum bleibt man dabei, leidet vor sich hin, sucht weiter nach dem Glück, um es jedes Mal wieder gehen zu lassen, wenn man nur eine blasse Ahnung davon hat. 

Lebe deine Träume, träume nicht dein Leben.

Es klingt so gut, es klingt so wahr und vor allem klingt es einfach. Aber alles andere als das ist es. Man wünscht sich ein Leben nach seinen Plänen, nach seinen Massstäben, nach seinen Zielen. Erfüllt soll es sein, voller Liebe, voller Zufriedenheit, lebendig.

Leben bedeutet immer auch Veränderung. Mal im Kleinen, mal etwas grösser. Wir jedoch halten krampfhaft fest, was ist. Brechen ab und an vielleicht in Gedanken aus, vielleicht auch ein wenig real, um dann schnell und unbemerkt wieder zurück zu krebsen. Im Schoss der Gewohnheiten, des Althergebrachten fühlen wir uns geborgen. Ein Gefühl, das wir nicht mehr im Stande sind, uns selber zu geben, weil wir uns und der Welt nicht trauen, weil sie so gross, so schnell, so unbeständig scheint. Alles, was wir haben, ist das, was ist. Und wir krallen uns förmlich fest. Nichts soll entgleiten. Auch wenn es nicht wirklich das ist, was wir uns wünschen.  Es ist alles, was wir haben. Und:

Schlimmer geht immer.

Allerdings könnte es auch besser werden. Wenn man sich traute, wenn man sein Leben in die Hand nimmt und versucht, das aus seinem Leben zu machen, was man sich davon auch wirklich erhofft. Dazu hilft es, auch mal hinzusehen, was ist. Das Leben ist nicht einfach, wie es immer war, man hat es selber in der Hand, es aktiv mitzugestalten, wie es sein soll. Ab und an bedeutet das, Abschied nehmen von lieb gewonnen oder nur einfach vertrauten Gewohnheiten. Etwas zu wagen, einen Schritt nach vorne zu gehen. Nicht jeder Schritt geht direkt ins Glück, einige gehen auch in die Irre. Doch wäre ein Verharren im Leid, im ungewollten Leben wirklich besser?

Drum wünsche ich mir fürs neue Jahr Mut, Zuversicht, Willenskraft und gutes Schuhwerk, um meinen Weg zu gehen. Ich wünsche mir die eine oder andere Hand, die mir hilft, wenn ich falle, hoffe auf viel Licht, damit ich den richtigen Weg sehe und auf viel Freude, ihn mit leichtem Herzen gehen zu können. Ich wünsche mir gleich gesinnte, gut gewillte Wegbegleiter und auch das eine oder andere Hindernis, damit ich die Leichtigkeit des Seins im Gegenzug zu schätzen weiss.