Als ich aus der Dusche kam, sassest du auf dem Balkon. Ich stellte mich hinter dich und blickte mit dir in den Innenhof. Solche Innenhöfe hatte ich in der Schweiz noch nie gesehen. Häuser rundherum, ganz viele Fenster auf denselben Platz hin ausgerichtet und hinter allen sassen Menschen, die dann und wann während ihres alltäglichen Lebens hindurch sahen. Was das wohl für Menschen waren? Familien? Einzelgänger? Alte Menschen, junge?

Die Häuser waren alle schon älter, dicht an dicht standen sie, jedes anders, und doch bildeten sie eine Einheit. Auch die Fenster unterschieden sich, es gab grosse, kleine, welche mit zuklappbaren Läden, andere mit Rollos. Vor einigen standen Blumen, vor anderen kleine Kompostkübel. Alle waren sie geschlossen, dunkle Scheiben, hinter denen sich das Leben abspielte. Trotzdem wirkte der Innenhof nicht verschlossen. Er wirkte weit und lebendig. Überall Bäume, Büsche, ein kleiner Weg, der sich hindurchschlängelte. Gestern waren wir ihn entlang gegangen, als wir zum Laden an der Ecke wollten. Er wirkte schon vertraut auf mich, ich hatte ihn mir erlaufen.

Ich fragte dich, worüber du nachdenkst. Über die Gnade, sagtest du. Ich konnte mir darunter nichts vorstellen. Was das sei, fragte ich dich. Du sprachst von Zuwendung und Verzeihen. Gnade sei das, was das Leben lebenswert mache, indem es erträglich werde, frei von allen Zwängen und Gesetzen. Du sprachst von Gottes Gnade. Du hattest nie an ihn geglaubt, mit den Jahren hatte sich das geändert. Ich konnte dir nicht folgen, aber das hat uns nicht getrennt. Im Gegenteil. Ich stellte es mir schön vor, an eine Gnade zu glauben. An etwas, das sich wärmend um einen legt, wenn man sich verloren fühlt. Irgendwie hatte ich das bei dir gefunden. Vielleicht verstand ich es doch.

Ich bin soeben aufgewacht. Die Nacht war tief und ruhig gewesen, geborgen. Als ich die Augen aufschlug, brauchte ich einen Moment, um zu wissen, wo ich war. Ich schaute mich um, sah die Teppiche, Bilder, braunen Holzregale, die vielen Bücher. Ich roch den Geruch, er hatte was von Mottenkugeln, von alt, auch was Beruhigendes. So wie du. Nun wusste ich, wo ich war. Gestern angekommen, hast du mich am Bahnhof abgeholt. Wir fuhren durch viele Strassen, du bogest wild ab, redetest unentwegt, erzähltest, wo wir genau waren, was du die ganze Woche gemacht hattest, wie du dich freutest, dass ich da war, was wir machen würden dieses Wochenende. Ich war still – und glücklich, da zu sein. Bei dir. In meiner Lieblingsstadt.

Ich lauschte. Alles war ruhig. Du schliefst wohl noch. Ich lag regungslos da, wollte dich nicht wecken, wusste auch nicht, was sonst tun. Du warst mir so nah, hier war mir alles fremd. Ich fühle mich unwohl an fremden Orten. Selbst wenn die Orte mir nahen Personen gehören. Es war kalt im Raum, ich mummelte mich in meine Decke. Plötzlich standst du in der Tür, fragtest, ob ich gut geschlafen hätte, lächeltest mich an. Deine Augen, braun und warm. Der Ort fühlte sich nicht mehr fremd an, ich fühlte mich zuhause. Ob ich Frühstück wolle. „Nur Kaffee“, antwortete ich. Gewohnheitstier, das ich bin, behielt ich wenigstens hier das Vertraute bei. Fast schon entschuldigend sagtest du, dass du was essen würdest, und du präsentiertest mir stolz deinen Toaster. Eine Bratpfanne, zwei Gabeln, Toastbrot drauf. Du lächeltest mich spitzbübisch an. Ich wusste schon da, dass ich diesen Toaster nie in meinem Leben vergessen werde.

Lieber Michael

Ich erinnere mich noch gut, wie du mir damals im Bahnhof Bern entgegen kamst. Von weitem schon sah ich dich. Du lächeltest mich an. Ich konnte dir nicht entgegen gehen, war wie festgenagelt. Ich stand schon lange da, viel zu früh war ich gekommen. Die Vorfreude hatte mich getrieben, die Neugier, die Aufregung. Wie ich dich so kommen sah, warst du mir vertraut. Und innerlich warst du es ja auch. Wir hatten so viele Stunden geredet, so viel geschrieben. Wir kannten uns so tief. Das hier war nur noch der letzte Funke – und er sprang über.

Wir verstanden uns blind und ohne Worte, trotzdem ging uns der Gesprächsstoff nie aus und ein Blick aus deinen Augen bedeutete mir die Welt. Er hüllte mich ein mit Wärme und gab mir die Geborgenheit, die ich so lange gesucht hatte. Du hast mich immer verstanden, in meinem Sein, in meinem Tun. Du hast mich bestärkt in meinen Träumen, machtest mir Mut, zu wagen, was ich wünschte. Mit dir sah ich mich dazu in der Lage.

Du hast gesagt, ich hätte in dir ein großes schwarzes Loch geschlossen, das seit langem da gewesen sei. Du sagtest, ich sei das, was deinem Leben Sinn gäbe. Ich glaubte dir. Weil du mich nie angelogen hättest. Weil ich dasselbe fühlte.

Unser Weg war kein gradliniger, er war nicht so schön, wie er eigentlich gemeint gewesen wäre. Alles hätte so einfach sein können, denn wir waren einander das, was der andere brauchte. Und doch habe ich mich gesträubt. Und doch traute ich mich nicht. Weil die Welt ist, wie sie ist. Weil keiner verstanden hätte, was wir hatten, und jeder seine dreckige Phantasie in alles gelegt hätte. Trotzdem ich dich auf Abstand zu halten versuchte, warst du mir immer näher als irgendjemand sonst. Wenn es dir nicht gut ging, merkte ich es, rief dich an. Umgekehrt genauso. Selbst wenn mal eine Weile Pause war – wir trafen den Punkt.

Du hast mir versprochen, zum Arzt zu gehen. Du hast es nicht getan. Als du dann gingst, war es zu spät. Du riefst mich aus dem Krankenhaus an, meintest, alles sei nur Routine. Ich wollte kommen, du sagtest, du kämest bald und verabschiedetest dich. Als ich dich nicht mehr erreichte, suchte ich im Internet. Ich las deine Todesanzeige. Meine Welt brach in Stücke. Ich schrie sie laut heraus, brach zusammen. Tränen flossen, um mich ein großes, schwarzes Loch. Wohl so schwarz wie das, das ich dir füllte – und dann nicht geschlossen hielt wegen meiner Angst.

Es sind nun sechs Jahre vergangen. Sechs Jahre, in denen kaum ein Tag verging, an dem ich nicht an dich dachte. Wenn es mir schlecht geht, wünsche ich mir dich her. Wenn ich nicht weiter weiß, frage ich mich, was du gemacht hättest. Wenn ich mich unverstanden fühle, weiß ich, du hättest mich verstanden. An gewissen Tagen hadere ich und gebe mir die Schuld. Was wäre geworden, wäre ich nicht so feige gewesen? Du fehlst mir. Jeden Tag. Aber du bist auch bei mir. Jeden Tag. Ich blicke zum Himmel und frage mich, ob du mich siehst, auch wenn ich nicht daran glaube. Ich höre noch heute deine Stimme. Dein Lachen. Sehe deinen Blick. Wenn ich ganz hilf- und haltlos bin, fasse ich den Anhänger an meiner Halskette. Du hast ihn mir geschenkt. Drei Herzen. Du meintest, eins für dich, eins für mich, eins für meinen Sohn. Dein Herz ist immer bei mir und du bist in meinem Herzen. Dafür bin ich dankbar.

In Liebe

Sandra

 

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Dieser Brief ist Teil des Buches 1000 Tode schreiben, erschienen als E-Book und hier erhältlich.