Immer in meinem Herzen

Lieber Michael

Ich erinnere mich noch gut, wie du mir damals im Bahnhof Bern entgegen kamst. Von weitem schon sah ich dich. Du lächeltest mich an. Ich konnte dir nicht entgegen gehen, war wie festgenagelt. Ich stand schon lange da, viel zu früh war ich gekommen. Die Vorfreude hatte mich getrieben, die Neugier, die Aufregung. Wie ich dich so kommen sah, warst du mir vertraut. Und innerlich warst du es ja auch. Wir hatten so viele Stunden geredet, so viel geschrieben. Wir kannten uns so tief. Das hier war nur noch der letzte Funke – und er sprang über.

Wir verstanden uns blind und ohne Worte, trotzdem ging uns der Gesprächsstoff nie aus und ein Blick aus deinen Augen bedeutete mir die Welt. Er hüllte mich ein mit Wärme und gab mir die Geborgenheit, die ich so lange gesucht hatte. Du hast mich immer verstanden, in meinem Sein, in meinem Tun. Du hast mich bestärkt in meinen Träumen, machtest mir Mut, zu wagen, was ich wünschte. Mit dir sah ich mich dazu in der Lage.

Du hast gesagt, ich hätte in dir ein großes schwarzes Loch geschlossen, das seit langem da gewesen sei. Du sagtest, ich sei das, was deinem Leben Sinn gäbe. Ich glaubte dir. Weil du mich nie angelogen hättest. Weil ich dasselbe fühlte.

Unser Weg war kein gradliniger, er war nicht so schön, wie er eigentlich gemeint gewesen wäre. Alles hätte so einfach sein können, denn wir waren einander das, was der andere brauchte. Und doch habe ich mich gesträubt. Und doch traute ich mich nicht. Weil die Welt ist, wie sie ist. Weil keiner verstanden hätte, was wir hatten, und jeder seine dreckige Phantasie in alles gelegt hätte. Trotzdem ich dich auf Abstand zu halten versuchte, warst du mir immer näher als irgendjemand sonst. Wenn es dir nicht gut ging, merkte ich es, rief dich an. Umgekehrt genauso. Selbst wenn mal eine Weile Pause war – wir trafen den Punkt.

Du hast mir versprochen, zum Arzt zu gehen. Du hast es nicht getan. Als du dann gingst, war es zu spät. Du riefst mich aus dem Krankenhaus an, meintest, alles sei nur Routine. Ich wollte kommen, du sagtest, du kämest bald und verabschiedetest dich. Als ich dich nicht mehr erreichte, suchte ich im Internet. Ich las deine Todesanzeige. Meine Welt brach in Stücke. Ich schrie sie laut heraus, brach zusammen. Tränen flossen, um mich ein großes, schwarzes Loch. Wohl so schwarz wie das, das ich dir füllte – und dann nicht geschlossen hielt wegen meiner Angst.

Es sind nun sechs Jahre vergangen. Sechs Jahre, in denen kaum ein Tag verging, an dem ich nicht an dich dachte. Wenn es mir schlecht geht, wünsche ich mir dich her. Wenn ich nicht weiter weiß, frage ich mich, was du gemacht hättest. Wenn ich mich unverstanden fühle, weiß ich, du hättest mich verstanden. An gewissen Tagen hadere ich und gebe mir die Schuld. Was wäre geworden, wäre ich nicht so feige gewesen? Du fehlst mir. Jeden Tag. Aber du bist auch bei mir. Jeden Tag. Ich blicke zum Himmel und frage mich, ob du mich siehst, auch wenn ich nicht daran glaube. Ich höre noch heute deine Stimme. Dein Lachen. Sehe deinen Blick. Wenn ich ganz hilf- und haltlos bin, fasse ich den Anhänger an meiner Halskette. Du hast ihn mir geschenkt. Drei Herzen. Du meintest, eins für dich, eins für mich, eins für meinen Sohn. Dein Herz ist immer bei mir und du bist in meinem Herzen. Dafür bin ich dankbar.

In Liebe

Sandra

 

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Dieser Brief ist Teil des Buches 1000 Tode schreiben, erschienen als E-Book und hier erhältlich.

2 Comments

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  1. Bewegend!
    Und irgendwie vertraut!
    Daß man so etwas für einander sein kann!!

    Man will sich offenbar dem Liebsten/der Liebsten nicht zeigen im Verfall – oder will man ihm grösseren Schmerz ersparen? Ich weiß es nicht.

    Gefällt mir

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