Rezension: Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe

Wie das Leben hätte sein können

Vielleicht sehen Sie das Bild eines Tages. […] Eine Frau kommt eine Treppe herab. Der rechte Fuss tritt auf die untere Stufe, der linke berührt noch die obere, setzt aber schon zum nächsten Schritt an. Die Frau ist nackt, ihr Körper blass, Schamhaar und Haupthaar sind blond, das Haupthaar glänzt im Schein eines Lichts.

Mit dem Bild einer Frau, die nackt die Treppe hinunter schreitet, fängt alles an. Der Ehemann der Frau möchte die Frau zurück, die zum Maler zog, der Maler möchte das Bild zurück, das noch beim Gatten hängt. Mitten drin ein junger Anwalt, der zwischen beiden vermitteln soll und der sich in die Frau verliebt. Schlussendlich hilft er ihr, beiden mitsamt Bild zu entkommen. Während er von einem gemeinsamen Leben träumt, flieht sie auch vor ihm.

Ändern lässt sich an der Vergangenheit nichts mehr. Damit habe ich schon lange meinen Frieden gemacht. Nur schwer mache ich meinen Frieden damit, dass die Vergangenheit immer wieder keinen rechten Sinn macht. Vielleicht hat jedes Schlechte auch ein Gutes. Aber vielleicht ist jedes Schlechte auch nur schlecht.

Jahre vergehen, Leben nehmen ihren Lauf. Eines Tages sieht der Anwalt das Bild wieder und sucht die Frau, um von ihr zu erfahren, wieso sie ihn damals benutzt hat. Er findet sie auf einer einsamen Insel und erfährt von ihr, dass sie eine andere Sicht der Geschichte hat als er. Als dann auch noch ihr ehemaliger Ehemann und der Maler auf der einsamen Insel auftauchen, scheint der Kampf um die Frau und das Bild von vorne loszugehen.

Bernhard Schlinks neuster Roman handelt von der Liebe, vom Leben, von verschiedenen Lebensmustern und Lebenswegen sowie von Wertvorstellungen wie richtig und falsch, gut und schlecht. Bernhard Schlink lässt seine Figuren auf die Vergangenheit zurückblicken, Bilanz ziehen.

Die Frau auf der Treppe beginnt spannend, zeigt die Figuren in ihrem Leben, lässt sie handeln, lässt den Leser an der Handlung teilhaben und mehr wissen wollen. Er taucht ein und fiebert mit, das Buch begeistert. So könnte es weiter gehen, so ist man es von Bernhard Schlink gewohnt. Interessante und tiefgründige Figuren, die in eine gemeinsame Geschichte verstrickt werden, aus der sie nicht mehr rauskommen.

Die Wege der Figuren dieses Buches trennen sich vordergründig, bleiben aber trotzdem verbunden. Die Zeit vergeht, der Leser folgt dem Anwalt aus dessen Perspektive er an der Geschichte teilhat. Er sieht sich teilweise unvermittelten Zeitsprüngen ausgesetzt, weiss oft nicht, wo er sich gerade befindet, da das Kapitel am Montag beginnt, nach einem Satz zum Sonntag springt, in die Vergangenheit abdriftet, zum Sonntag zurückkehrt, um am Schluss den einen Montagssatz zu wiederholen. Die Zeitsprünge werden später abgelöst durch Realität und Was-Wäre-Wenn-Geschichten, indem man kaum je weiss, ob gerade aktuell passiert, was erzählt wird oder man einer Erzählung in der Erzählung folgt. Das macht das Lesen ab und an anstrengend.

Bernhard Schlink thematisiert in diesem Buch diverse Lebensmuster und Lebensrollen, setzt sie gegeneinander und versieht sie mit Attributen wie richtig oder falsch. Die Sympathien liegen ziemlich offensichtlich bei der Frau, die ausschied aus dem gesellschaftlichen Leben, die auf einer einsamen Insel vor sich hin darbt, während den im (gesellschaftlichen) Leben stehenden Männern ihr Verhalten und Streben im Leben fast zum Vorwurf gemacht wird. Schlink bemüht hier alle nur greifbaren Klischees, das des älteren Ehemannes mit der jungen Frau als Trophäe ebenso wie das des gefühlskalten, karriereorientierten Anwalts, dessen Frau sich selber auslebt und trotzdem vom Leben ernüchtert alkoholisiert gegen einen Baum fährt.

Stünde der Name Bernhard Schlink sonst nicht für gute und tiefgründige Literatur, müsste man nach der Hälfte wohl zum Schluss kommen, dass das Buch vielversprechend begann, diese Versprechen aber leider nicht hielt. Trotzdem muss man dem Buch einiges zugute halten: Es hat eine nachdenkliche Art, lässt auch den Leser über die eigenen Lebensmuster reflektieren. Die Wut über die bemühten Stereotype und Klischees zeigt beim Lesen viel über das eigene Denken, einige Passagen sind philosophisch und tief. Trotzdem ist es wohl der schlechteste Schlink bislang. Schade, er hätte viel Potential gehabt.

 

Fazit:
Nachdenkliche Sicht auf das Leben, das war und auf das, was hätte sein können. Leider oft klischeehaft und insgesamt eine wenig überzeugende Fortsetzung eines vielversprechenden Anfangs.

 

Zum Autor
Bernhard Schlink
Bernhard Schlink wurde 1944 in Bielefeld geboren und ist in Heidelberg aufgewachsen. Er studierte in Heidelberg und Berlin Jura und war danach wissenschaftlicher Assistent. Es folgt eine Professur in Bonn, danach eine in Frankfurt. 1988 wird er Richter des VerfGH für das Land NRW und ist nach der Wende 1989 in Berlin tätig. Heute hat Bernhard Schlink eine Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität in Berlin inne und ist Richter am LVerfGH in Münster. Vom ihm erschienen sind unter anderem Selbs Justiz (1987), Die gordische Schleife (1988), Der Vorleser (1995), Das Wochenende (2008), Sommerlügen (2010).

 

Angaben zum Buch:
SchlinkFrauGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (27. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3257069099
Preis: EUR 21.90 / CHF 30.90

 

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Nein hat Macht

Wer nein sagt, ist am längeren Hebel, denn er bestimmt. Das war vielleicht nicht immer so, es gibt sicher auch heute noch Situationen, in denen ein Nein überhört, übergangen wird, doch das sind die, welche man lieber nicht erlebt, welche man selten gutheisst, welche meist nicht angebracht sind. Im Normalfall hat der, der nein sagt, die Macht, die Dinge so zu gestalten, wie er das will.

Klaus und Klara sind verheiratet. Alles liefe gut, wenn nur Klara nicht ständig Migräne hätte, jeder Vorstoss von Klaus, ihr näher zu kommen, im Keime erstickt würde. Sex? Pustekuchen.

Bettina und Paul haben Sex. Allerdings nicht mehr als das. Bettina hätte gerne eine Beziehung mit Paul, doch der will nicht, findet alles gut, wie es ist.

Das Nein bestimmt, das Ja schaut in die Röhre.

Ist das fair? Die Frage stellt sich nicht, da die Alternative keine wäre. Wenn Klaus sich Sex einfach nähme und Paul durch Tricks in eine Beziehung gelockt würde, hätte unterm Strich keiner gewonnen, schon gar nicht die Fairness. Bleiben also Bettina und Klaus die Opfer im Spiel, während Klara und Paul die Fäden in der Hand haben?

Wenn das Nein wirkliche Gründe hat und nicht Teil eines Machtspieles ist, würde ich nicht von Opfer und Täter sprechen wollen. Trotzdem ändert das nichts daran, dass der, der will, das Gewollte nicht kriegt, weil der andere es ihm versagt. Das kann man ein Stück weit verschmerzen, das Leben ist kein Ponyhof. Nimmt das Nein jedoch überhand und immer derselbe ist der Verweigerer und der andere schaut in die Röhre, wird es schwieriger. Trotzdem gibt es auch dann nicht Opfer und Täter. Der Zurückgewiesene hat durchaus eine Wahl, denn er kann sich überlegen, wie er mit dem ständigen Nein umgehen will und wo seine Grenzen sind. Dann kann auch er der sein, welcher mal nein sagt, und sei es im Extremfall dazu, weiter ein Nein hören zu wollen.

Wenn Klaus nicht zum Abstinenzler werden will, Klara ihn aber durch stetiges Nein dazu bringt, liegt es ihm frei, zu gehen. Ihm dann vorzuwerfen, er hätte sie verlassen, wäre zu kurz gegriffen, hat Klara ihn – zumindest auf der körperlichen Ebene – doch schon lange verlassen. Keiner muss ewig auf ein Ja warten, wenn nur ein Nein kommt. Manchmal passen Bedürfnisse einfach nicht zusammen und dann ist es besser, man erkennt das und geht, statt sich gegenseitig erziehen oder durch machtvolle Neins am langen Arm verhungern lassen zu wollen. Kleine Veränderungen passieren, niemand steht still, die Grundzüge bleiben wohl aber bestehen und keiner hat das Recht, jemanden nach eigenem Bild zu formen.

Als Fazit für den Wollenden gelten also die Fragen: Ist, was ist, gut für mich und will ich damit leben? Wenn nicht, sehe ich die Chance, dass es sich ändert? Wenn ja, kann ich so lange warten? Wenn nein: Wieso nicht und was wäre die Alternative? Das Fazit für den Neinsager? Steh zu deinem Nein, so lange es das ist, was du wirklich für dich willst und brauchst, und lebe mit den Konsequenzen, die es bringen kann. Das Leben ist in keinem Fall ein Ponyhof, trotzdem hat man eine Wahl (wenn sie auch nicht immer voll und ganz dazu führt, was man im Hier und Jetzt gerne hätte).

Jojo Moyes: Eine Handvoll Worte

Jagd nach Liebe

Ellie, Mitte dreissig, Geliebte eines verheirateten Mannes, Journalistin und auf der Suche nach einer neuen Story, stösst per Zufall auf einen alten Liebesbrief:

Meine einzig wahre Liebe,
was ich gesagt habe, war auch so gemeint. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der einzige Weg nach vorn darin besteht, dass einer von uns eine kühne Entscheidung trifft. […]
Am Freitagabend werde ich um 7.15 Uhr am Bahnhof Paddington sein, Gleis 4, und nichts auf der Welt würde mich glücklicher machen, als wenn du den Mut fändest, mit mir zu gehen.

Die Geschichte lässt Ellie nicht los, sie will erfahren, was aus dem Paar geworden ist.

40 Jahre früher. Jennifer ist die Gattin eines reichen Unternehmers, wohnt, wie viele sich das wünschen würden, hat sich um nichts zu sorgen. Das Leben könnte so weiter gehen, würde sie nicht eines Tages den Journalisten Anthony treffen und sich verlieben. Diese Liebe zeigt ihr die eigentliche Leere ihres bisherigen Lebens, nach anfänglichem Zögern beschliesst sie, alles hinter sich zu lassen, was bisher ihr sicheres Leben ausmachte. Zu dem Zeitpunkt hat Anthony ihr Zögern als Absage an einen gemeinsamen Weg interpretiert.

Ich weiss nicht, was ich sagen soll, liebste Jenny. Aber falls du das Gefühl haben solltest, die falsche Entscheidung getroffen zu haben, steht diese Tür immer noch weit offen.
Und wenn du meinst, deine Entscheidung war richtig, dann sollst du wenigstens eins wissen: dass da irgendwo auf dieser Welt ein Mann ist, der dich liebt, dem klar ist, wie besonders und klug und freundlich du bist. Ein Mann, der dich immer geliebt hat und der leider vermutet, dass es ewig so bleiben wird.

Ist es zu spät für die beiden?

 

Jojo Moyes zeichnet die Liebesgeschichten zweier Frauen zu unterschiedlichen Zeiten nach. Sie beschreibt die unterschiedlichen gesellschaftlichen Anforderungen und Hindernisse, die Suche nach dem richtigen Weg zwischen Liebe, Treue, Leidenschaft, Offenheit. Dabei versteigt sie sich ab und an in gar kitschige Ausschweifungen, manches wirkt etwas weit hergeholt oder zu gesucht, einige Längen wären vermeidbar gewesen. Trotzdem packt einen das Buch, man will wissen, wie die Geschichten weiter gehen, man sehnt sich nach einem guten Ausgang, weil einem die Figuren ans Herz wachsen.

Eine Handvoll Worte ist leicht zu lesen, beinhaltet zwei schöne Geschichten, die sich langsam zu einer verweben. Die perfekte Sommer-Sonnen-Lektüre für einen erholsamen Urlaub.

 

Fazit:
Liebe pur, leicht zu lesen, mitreissend schön. Keine grosse Literatur, aber tolle Unterhaltung. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Jojo Moyes
Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex. Auch von ihr erschienen sind Ein ganzes halbes Jahr (2013), Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

 

Angaben zum Buch:
MoyesHandvollTaschenbuch: 592 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (4. Oktober 2013)
Übersetzung; Ursula Pesch und Friedrich Pflüger
ISBN-Nr.: 978-3499267765
Preis: EUR 14.99 / CHF 23.90

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Richard Yates: Eine strahlende Zukunft

Künstlerträume und das reale Leben

Kaum aus der Army entlassen, geht Michael Davenport nach Harvard, wo er bald darauf Lucy Blaine kennenlernt.

Sie war nicht das hübscheste Mädchen, dem er je begegnet war, doch das erste hübsche Mädchen, das je so viel Interesse an ihm gezeigt hatte, und er wusste, dass er aus dieser Mischung viel Nutzen schlagen konnte.

Die beiden heiraten – eher auf Lucys Ansinnen hin denn auf Daves. Dass Lucy reich ist und das weitere Leben komfortabel sein könnte, passt dem aus der Mittelschicht stammenden Dave nicht ins Konzept, will er es doch als Schriftsteller selber schaffen. Er heuert in einem Verlag in der Lizenzabteilung an, sie suchen ein einfaches Appartement in New York. Das schriftstellerische Werk kommt nicht wirklich voran, als er eines Tages Tom Nelson, einen Maler trifft, der es geschafft hat, seinen Traum als Künstler lebt. Dave wird förmlich von Neid zerfressen,

„Er hat mir erzählt – und das war nicht geprahlt; verdammt, nichts von dem, was der kleine Mistkerl sagt, ist geprahlt […]

Der Umzug aufs Land – mittlerweile sind sie eine Familie – macht die Situation nicht besser. Während Nelson in einem luxuriösen Anwesen lebt, reicht es für die Davenports für ein verwinkeltes kleines Hexenhaus, der erste Gedichtband erscheint zwar, ist aber nicht der Erfolg, von dem Dave träumte, die hochtrabenden Wünsche und Träume bleiben solche, Unzufriedenheit wächst.

Hin und wieder blickte er vom Gehsteig zwischen den Bäumen zu den funkelnden Sternen am schwarzen Himmel hinaus, als wollte er fragen, ob je – ach, irgendwann – eine Zeit käme, in der er lernte, etwas richtig zu machen.

Aus der allgemeinen Unzufriedenheit wachsen die Zweifel aneinander, die sich steigern, bis sich das Paar schlussendlich trennt. Die Trennung löst wie so oft keine Probleme, neue kommen in Form von Alkohol, gescheiterten Beziehungsversuchen dazu, das Leben nimmt keinen Lauf, es tritt eher an Ort.

„Weißt du, was wir getan haben, Lucy? Du und ich? Wir waren ein Leben lang voller Sehnsucht. Ist das nicht absolut schrecklich?“

Eine strahlende Zukunft zeichnet ein Bild von ausgemalten Illusionen, die wie Seifenblasen platzen. Es ist ein Buch von ehrgeizigen Menschen, die alles vor sich sehen und nicht dahin gelangen, wo sie sein wollen. Es ist die Geschichte des Scheiterns, das Bild des amerikanischen Traums vom Aufstieg, der in diesem Fall ein Traum bleibt. Richard Yates schrieb hier einen Künstlerroman, bei dem der Wunsch nach dem Künstlertum das bürgerliche Leben als ungenügend blossstellt und damit der Unzufriedenheit Boden schafft.

In klarer Sprache, ohne Sentimentalität wird die Geschichte von Menschen erzählt, die sich mit immer neuen Hürden konfrontiert sehen, die sie meistern müssen, um zu realisieren, dass Träume manchmal genau das sind: Träume.

Fazit:
Ein sprachlich gelungenes, in seiner Geschichtsführung stimmiges und inhaltlich packendes Buch. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Richard Yates
Richard Yates wird 1926 in Yonkers, New York, geboren, lebt später in Kalifornien. Neben kurzen Tätigkeiten als Werbetexter und Redenschreiber für Senator Robert Kennedy arbeitet er hauptsächlich als Schriftsteller: Er ist der Autor von sieben Romanen und zwei Erzählbänden, die zu seinen Lebzeiten kaum Beachtung finden, heute jedoch zu den wichtigsten Werken der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehören. Richard Yates stirbt 1992 in Birmingham, Alabama.

 

Angaben zum Buch:
YatesZukunftGebundene Ausgabe: 496 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (10. März 2014)
Übersetzung: Thomas Gunkel
Originaltitel: Young Hearts Crying
ISBN-Nr.: 978-3421046116643279
Preis: EUR  22.99 / CHF 35.90

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Philip Roth: Jedermann

Das Alter als Leinwand für den Lebensfilm

Er hatte dreimal geheiratet, hatte Geliebte und Kinder gehabt und war in einem interessanten Beruf sehr erfolgreich gewesen, aber jetzt schien die Flucht vor dem Tod zur zentralen Aufgabe seines Lebens und körperlicher Verfall sein ganzer Lebensinhalt geworden zu sein.

Er ist ein Jedermann, bezeichnet sich als Durchschnittsmenschen. Dreimal war er verheiratet, hinterlässt drei Söhne, die ihn hassen, was er nicht begreift, und eine Tochter, die ihn vergöttert, was er ebenso wenig begreift. Nach einem Leben voller Fehler, auf die er nun mit Reue, nachdenklich, ab und an selbstanklagend und mit Unverständnis für das eigene Tun und den Lauf der Geschichte zurückblickt, nimmt das eigene Vergehen, der Weg durch Krankheiten, die Endlichkeit des Körpers eine immer zentralere Rolle ein.

Aber es ist ja gerade das Alltägliche daran, was am meisten schmerzt, die wieder einmal erneuerte Erkenntnis der Unabweislichkeit des Todes, die alles überwältigt.

Jedermann ist ein Buch über Verlust, Reue, das Leben, das Alter und das Sterben. Es ist ein Buch von gescheiterten Beziehungen, von den Gründen, die zum Scheitern führen und von falschen Entscheidungen, die dem Leben eine Prägung geben. Es ist ein Buch des Lebensabends voller Rückbesinnung, von Krankheiten, die aus dem Nichts kommen und ein Buch des Todes, der – drohend bevorstehend – das Leben reflektiv wiedererleben lässt. Schlussendlich muss der Jedermann des Buches erkennen, dass er vor seinem Tod nicht fliehen kann, dass er ihn annehmen muss – wie so vieles mehr.

„Aber man kann die Wirklichkeit nicht ummodeln“, sagte er leise, indem er ihren Rücken und ihre Haare streichelte und sie sanft im Arm schaukelte. „Man kann es nehmen, wie es kommt. Halt dich tapfer, und nimm es, wie es kommt. Anders geht es nicht.“

Ein tiefgründiger Roman über das ganz alltägliche Leben und einen ganz normalen Menschen. Sprachlich klar, inhaltlich gewaltig, umfasst er ein ganzes Leben auf wenigen Seiten, die dicht gefüllt sind und beim Lesen doch irgendwie leicht dahingleiten.

Fazit:
Ein tiefgründiger Roman über das ganz alltägliche Leben und einen ganz normalen Menschen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Philip Roth
Philip Roth wurde 1933  in Newark, New Jersey, in eine Familie mit europäisch-jüdischem Hintergrund geboren. Er gewann verschiedene wichtige US-amerikanische Literaturpreise und geniesst die Anerkennung der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N. Oft wird er in einem Atemzug mit Faulkner, Bellow und Dos Passos genannt. Sein erstes Buch mit Short Storys erschien 1959, darauf folgten Romane und Erzählungen mit meist explosiver Wirkung, führten die thematisierten Beziehungen mit ihren Zwängen, Neurosen und anderen Schwierigkeiten doch oft zu Skandalen. Bis 1992 unterrichtete Roth an verschiedenen Universitäten. Liebe, Sexualität und Tod sind bis heute die Themen seines Werks. Philip Roth lebt – nach Stationen in Rom, Chicago, London und New York – in Connecticut. Von ihm erschienen sind unter anderem Portnoys BeschwerdenProfessor der BegierdeJedermann, Der menschliche Makel,  Amerikanisches Idyll.

 
Angaben zum Buch:
RothJedermannTaschenbuch: 160 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1. März 2008)
Übersetzung: Werner Schmitz
ISBN-Nr.: 978-3499245947
Preis: EUR  8.95 / CHF 15.90

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Nicht gesucht – gefunden

Ich war wohl meines Lebens eine Suchende. Suchte nach Liebe, die ich nie kannte, weil sie nicht da war oder zumindest nicht gezeigt werden konnte. Weil sie missbraucht wurde, indem sie versprochen, nie gelebt wurde oder aber mit Lügen erkauft. Oder einfach ungewollt genommen. Ich suchte nach meinem Platz im Leben, den ich immer wieder aufgab, um eben andere Suchen zu ihrem Ende zu führen – und immer wieder auf die Nase fiel.

Ich habe seit Jahren mein Lebensmotto:

Ohne Liebe ist alles nichts.

Die Liebe selber lebte ich kaum. Mal fehlte sie, wo sie hätte sein sollen oder gar versprochen war, mal war sie nicht lebbar, weil zu viele Hindernisse da standen oder zumindest geahnt und gefürchtet waren. Das war kein wirklich grosses Problem, war ich doch sowieso ein eher rationaler Mensch, einer, der immer alles hinterfragte, auf zwei Beinen stand und die auf den Boden stellte. Kurze Höhenflüge landeten schnell, teilweise eher unsanft.

Wer in der Liebe schon so kläglich versagt, sollte wenigstens im Leben sonst besser bauen. Aber auch da baute ich auf Sand. Studierte, was kein Mensch braucht – war zwar gut darin, aber auch das half nichts, schadete wohl mehr. Die hochgezogenen Augenbrauen, die auf der einen Seite abschätzigen, auf der anderen Seite eher abgeschreckten Blicke,  kriegte ich gratis obendrauf. Jobs gab es nicht, weil zu viele Titel, zu wenig Erfahrung und vor allem keine Ellenbogen, Vitaminspritzen und anderen hilfreichen Mittel zum Zweck.

Und so sass ich immer mal wieder hier und fragte mich, was denn eigentlich aus mir werden sollte. Wer ich denn sei und was ich denn solle in dieser Welt. Was ich vor allem erwarten könnte und wie überleben. Von Natur Mimose (der Herr Papa würde das jederzeit unterschreiben und die nötigen Anekdoten gratis mitliefern),  tiefgründig, sensibel, eigensinnig und auch stolz, sah ich mich nicht vor den wirklich besten Voraussetzungen. Suchte mich mal hier, mal da, strandete, schwamm weiter, strauchelte, stand auf, erreichte doch eigentlich dieses und jenes, ohne es wirklich hoch zu schätzen, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt war, was ich grad nicht hatte oder war. Und immer, wenn ich vor einem Feld „Berufsbezeichnung“ stand, fing das Hirn zu rattern an. Beim Zivilstatus fehlte jedes Mal „gescheitert“.

Bin ich gescheitert? Beruflich? Im Leben? Ich denke nicht. Ich ging vielleicht keinen gradlinigen Weg. Ich ging nicht den Weg des „nine-to-five-job“s, sterbe nicht mit der Sandkastenliebe, aber ich blieb mir wohl immer treu – selbst wenn ich nicht wusste, wo ich gerade stand und wo ich hin wollte. Ich wusste immer, was ich nicht will und hatte das Glück, dazu stehen zu können. Insofern hatte mein Geburtstag recht: Ich bin ein Sonntagskind, ich habe Glück. Ich muss es nur sehen. Ab und an geht der Blick verloren, aber man kann ihn wieder zurückholen. Ausrichten an dem, was ist. Und darauf zoomen, was man will. Weil alles, was nicht richtig ist, genau darauf zielt, was sein soll.

Und irgendwann. Kommt der Moment. Man weiss: Das ist es. So soll es sein, so soll es bleiben.  Das sang schon einer. Dass ich es nicht zitiere bedeutet, dass er es nicht erfunden hat, da wäre noch Goethe:

 »Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!« (V 1699–1702)

Augenblicke können lange sein, auch kurz. Es können ganze Lebensmuster sein oder kleine Entscheidungen. Ich denke, relevant in dem Wunsch des Verweilens ist das Gefühl der Stimmigkeit. Das Gefühl: Das ist es. Und es wird kommen. Ab und an auf Umwegen, ab und an spät, manchmal ganz schnell, wenn man jemandem in die Augen blickt, ihn von Weitem gar sieht. So oder so: Es ist das Gefühl, das zeigt, wohin man gehen sollte. Es ist dieses Gefühl, nach dem man sich richten sollte. Der Verstand hat seine Berechtigung, er kann die Argumente liefern. Wenn das Gefühl ausbleibt, wird er es nie ersetzen können.

Der Verstand sucht – nach Argumenten, nach Umständen, nach Kriterien. Das Gefühl sagt nicht gesucht, aber gefunden:

 So ist es gut.

Paula Fox: Was am Ende bleibt

Sophie und Otto Bentwood leben eine Ehe, wie sie wohl nicht unüblich ist für ein gutbürgerliches Paar in New York. Er Anwalt, Hauptverdiener, sie Drehbuchautorin und Übersetzerin, allerdings seit einiger Zeit eher lustlos in ihrem Tun, bestreiten sie mehr neben- denn miteinander ihren geordneten Alltag, bis Sophie eines Tages von einer streunenden Katze gebissen wird. Ein eigentlich unbedeutendes Ereignis, das eine Wende einzuläuten scheint.

Plötzlich, ausgezehrt von der nervösen Erregung, die sie für einen Augenblick ihre Müdigkeit und die eintönige Stumpfheit dieses frühen Morgens hatte vergessen lassen, vergrub sie ihr Gesicht am Bettrand. Otto begann etwas apathisch ihren Rücken unter dem Nachthemd zu streicheln. Sie war dankbar, dass sie nicht gestritten hatten – ihr fehlte die Energie dazu – , aber gleich hinter ihrer Dankbarkeit türmte sich eine düstere Enttäuschung auf. […]Eine Träne kullerte ihr über die Wange. Sie würde sich niemals von ihm befreien.

Ein Paar, das vordergründig alles hat, strauchelt nach und nach über die Unzulänglichkeiten im Selbst wie im Miteinander. Sophies Stimmungsschwankungen treffen auf Ottos Lebenssattheit, gesteigerte Sensibilität kämpft mit Rechenschaft und Moral.

Es war eine Belagerung im Gange – schon seit langer Zeit, aber die Belagerten selbst waren die Letzten, die sie ernst nahmen.

Paula Fox gelingt es in ihrem berühmtesten (und auch verfilmten) Roman, in einer klaren, nüchternen Sprache das Bild einer Mittelschichtsehe zu zeichnen und damit auch die Gesellschaft, in der diese Beziehung gelebt wird (oder eben nicht), zu spiegeln. Es gelingt ihr, auf eine subtile Weise die inneren Vorgänge in den äusseren Handlungen zu spiegeln, so dass die Charaktere plastisch werden, ihr Verhalten nachvollziehbar ist und man auch das nicht explizit Geschriebene implizit mitnimmt, versteht, weiterdenkt.

Ein tiefgründiger Roman, der die Seelenlandschaft zweier Menschen offenlegt, ohne dabei psychologisierend zu sein, eine packende Geschichte, die in nur drei Tagen passiert, aber einen ganzen Lebensentwurf umfasst und offenlegt.

Abgeschlossen wird das Buch mit einem Essay von Jonathan Franzen, der über seine eigenen Erfahrungen als Schriftsteller, sein Schreiben, sein Lesen, sein Leben berichtet. Er beschreibt zudem die Wirkung der Charaktere im Roman, die durch die Erzählweise von Paula Fox lebendig und lebensnah werden.

Ich kann Sophie Bentwood genau kennen und von ihr ebenso ungezwungen sprechen wie von einer guten Freundin, weil ich meine eigenen Erfahrungen mit Angst und Entfremdung in mein Bild von ihr habe einfliessen lassen.

Ein gelungener Abschluss eines grossartigen Buches.

Fazit:
Ein sprachlich gelungenes, in seiner Geschichtsführung stimmiges und inhaltlich packendes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Paula Fox
Paula Fox wurde am 22. April 1923 in New York geboren. Sie veröffentlicht zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, sechs Romane und zuletzt zwei autobiographische Bücher. Paula Fox lebt heute in New York. Von ihr erschienen sind unter anderem Der Gott der Alpträume, Was am Ende bleibt, Luisa, Ein Dorf am Meer, In fremden Kleidern, Der kälteste Winter.

 

Angaben zum Buch:
FoxEndeGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13. März 2013)
Übersetzung: Sylvia Höfer
Sonstiges: Mit einem Essay von Jonathan Franzen
ISBN-Nr.: 978-340664711643279
Preis: EUR 18.95 / CHF 28.70

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Dankbarkeit

Oft gehen wir durchs Leben, hadern mit diesem und jenem, meist Kleinigkeiten, an denen wir uns aufhängen, und sehen nicht, was alles gut ist, wofür wir eigentlich dankbar sein könnten. Dankbarkeit ist so etwas, das unglaublich gut tut, auch ein wenig demütig macht, wenn man erkennt, was alles ist, weil man sieht, dass man zu vielem keinen Beitrag leistete, vieles als selbstverständlich annahm, ohne es zu schätzen. Genau hingeschaut zeigt sich grosses Glück – Glück, für das viele froh wären, während wir es hinnehmen und uns dem Hadern hingeben. Drum hier meine (unvollständige) Liste der Gründe, dankbar zu sein:

  • Ich bin geliebt und liebe
  • Ich habe Menschen um mich, die mir viel bedeuten und auf die ich bauen kann
  • ich bin gesund
  • ich habe ein Dach über dem Kopf
  • mir geht es so gut, dass ich diesen Text am Computer schreiben kann (ich habe also einen Computer, kann schreiben, kann meine Gedanken in Worte fassen, habe Internet, alles zu publizieren und es funktioniert sogar)
  • Ich habe einen gesunden Sohn
  • Ich habe Eltern, die sich um mich kümmerten, so dass ich auf eine heile Kindheit zurück blicken kann
  • Ich hatte die freie Wahl, welchen Bildungsweg ich einschlug
  • ich lebe in einem freien Land
  • ich lebe in einem wunderschönen Land
  • ich kann wählen, was ich esse (und sogar drüber diskutieren, was nun vertretbar sei und was nicht)
  • ich kann tun, was ich liebe
  • ich kenne Momente, in denen ich die ganze Welt umarmen möchte
  • ich kann manchmal sogar den gegenteiligen Momenten etwas Positives abgewinnen
  • ich lerne jeden Tag etwas dazu
  • ich bin gut so, wie ich bin (wer das nicht so sieht, soll sich wo anders aufhalten)
  • ich kann noch viel lernen (es wäre ja langweilig sonst – allerdings gebe ich das selten so zu)
  • es geht mir verdammt gut
  • ich habe die Möglichkeit, Genussmensch zu sein
  • ich bin, wie ich bin, werde dafür weder verbrannt, gesteinigt oder sonst irgendwie malträtiert
  • und selbst wenn ich nicht jedermanns Geschmack bin, darf ich so bleiben
  • Die Natur hat es verdammt gut mit mir gemeint
  • …..

Ich bin übrigens dankbar für jede Ergänzung, die euch in den Sinn kommt. Ich hoffe, dass Menschen das lesen und merken, dass es so viel gibt auf dieser Welt, für das man dankbar sein kann. Vielleicht relativiert das ein wenig das, womit man hadert. Und wenn es nur für einen Bruchteil einer Sekunde ist.

Iwan Turgenjew: Frühlingsfluten

Im Sommer 1840 reist Sanin, ein junger russischer Gutsbesitzer durch Europa, um das Leben noch zu geniessen, bevor er in Russland in den Staatsdienst eintritt. Am letzten Ort seiner Reise, in Frankfurt, kurz vor seiner Rückreise nach Russland, für die er gerade noch so viel Geld hat, wie er eben braucht, trifft er Gemma. Die junge Konditorstochter ist das wohl Schönste, was er je gesehen hat.

Er sass seitwärts, etwas hinter ihr, und dachte bei sich, dass keine Palme, selbst nicht in den Gedichten Benediktows, der damals Mode war – es mit der Schönheit ihres schlanken Wuchses aufnehmen könne; und wenn sie bei gefühlvollen Stellen den Blick erhob, so schien es ihm, als gäbe es keinen Himmel, der sich vor diesem Blick nicht öffnen müsste.

Sanin ist hin und weg, was dem Leser mehr aufzufallen scheint als ihm selber. Dass er erfahren muss, dass die schöne Angebetete bereits einem anderen versprochen ist, betrifft ihn zwar, stürzt ihn jedoch nicht ins Elend.

Auf einem Ausflug, den die jungen Leute, Gemma, deren Bruder, ihr Bräutigam und Sanin, gemeinsam machen, wird Gemma von einem Offizier ungebührlich angesprochen, worauf Sanin ihre Ehre verteidigt – was deren Bräutigam sträflich vernachlässigt (wie so vieles mehr, was sich für einen aufmerksamen und zugewandten Bräutigam gehörte) –, worauf sich Sanin mit einem Duell konfrontiert sieht und der Bräutigam mit der Entlobung. Es kommt, wie es kommen muss, Gemma und Sanin finden zusammen, der Liebesbeschreibungen sind die wohl schönsten zu lesen, die man sich nur vorstellen kann.

…was ich Ihnen jetzt sagen muss – das ist: Ich liebe Sie! Ich liebe Sie mit der ganzen Leidenschaft eines Herzens, das zum ersten Mal liebt! Dieses Feuer hat sich plötzlich in mir entzündet, aber mit einer solchen Macht, dass ich keine Worte dafür finde!

Man ist geneigt zu sagen, dass er sie zum Glück hier doch gefunden hat.

Dass man als mittelloser Russe nicht einfach eine ebenfalls nicht auf Rosen gebettete Konditorstochter heiraten kann, die gerade einen vermögenden Kaufmann in den Wind geschlagen hat, versteht sich von selber. Hilfe naht in Form einer schönen, reichen Frau, die Sanins Gut abkaufen und ihm damit das nötige Geld verschaffen will. Allerdings ist dieses Ansinnen nicht ganz uneigennützig. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, sie ist zum Glück nicht ganz so tragisch, wie sie romantisch war, überleben immerhin alle. Nur wie, das ist die Frage, die hier nicht beantwortet wird.

Turgenjew zieht alle Register des Gefühls, der Beschreibung der Liebe, er legt die Hintergründe der Charaktere, deren Beweggründe ihres Handelns, Fühlens, Denkens offen. Frühlingsfluten ist pure Poesie in Novellenform.

 

Fazit:
Wunderschöne Literatur, poetisch, blumig, wunderbar zu lesen – Genuss pur und absolut empfehlenswert.

 

Zum Autor
Iwan Turgenjew
Iwan S. Turgenjew, geb. 1818 in Orel, gest. 1883 in Bougival bei Paris gestorben, stammt aus altem Adelsgeschlecht. Nach dem Studium der Literatur und der Philosophie in Moskau, St. Petersburg und Berlin war er für zwei Jahre im Staatsdienst tätig. Danach lebte er als freier Schriftsteller und verfasste Erzählungen, Lyrik, Dramen, Komödien und Romane. Turgenjew gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus und zählt zu den großen europäischen Novellendichtern. Seine Novellistik bedeutet einen Höhepunkt der Gattung in der russischen Literatur.

 

Angaben zum Buch:
TurgenjewFrühlingsflutenTaschenbuch: 185 Seiten
Verlag: Insel Taschenbuch Verlag (24. Januar 2000)
ISBN-Nr.: 978-3-458-34304-2
Preis: EUR 9.95 / CHF 4.40

 

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Wir sind

Ich bin ich –
so ganz und gar
und doch nur halb,
da nur ein Teil
des grossen Ganzen.

Ich steh für mich,
stets ein und hin,
doch auch für dich
und neben dir –
gar überall.

Denn nur durch dich
fand ich zu mir
und lebte auf.
Weil nur mit dir,
ergab es Sinn.

Jeder steht,
als Ich und ganz,
ein fürs Du,
das erst das Ich
erfüllen mag.

Nur im Wir
zeigt sich das Ganze,
das zu leben lohnt,
wenn jeder ist
und beide sind.

 

Volker Weidermann: Max Frisch

Sein Leben, seine Bücher

Ein Leben zwischen Unsicherheiten, Affären, Politik und immer wieder Schreiben

Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen. […] Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen könne, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.

In eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, studiert Frisch Germanistik, hält sich mit Artikeln für verschiedene Zeitungen über Wasser, mehr schlecht als recht. Er beschliesst, mit Hilfe eines vermögenden Freundes und auf Anraten seiner baldigen Ehefrau, doch noch etwas Lebenstüchtiges zu machen und studiert Architektur. Dem Schreiben schwört er ab, was nicht lange anhält. Sein erster Architekturwurf wird ein Erfolg, das von ihm entworfene Zürcher Freibad preisgekrönt. Trotzdem zieht es ihn zum Schreiben zurück. Immer wieder schreibt er Geschichten, die hauptsächlich von einem zu handeln scheinen: Ihm selber und seinem Leben zwischen Künstlertum und Bürgertum. Ein ständiges Hadern und Schwanken. Frisch ist nicht etwa der selbstbewusste Schriftsteller, als der er hätte scheinen mögen, er zerfrass sich teilweise mit Selbstzweifeln, suchte seinen Platz.

Neben dem Schreiben reiste Max Frisch viel und auch die Liebe und die Frauen kamen nicht zu kurz. Die Liebe ist ein Thema, dem sich Frisch immer wieder widmet:

Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben.

Fertig wurde Max Frisch vor allem mit einer Liebe nie, auch nach der Trennung von Ingeborg Bachmann durchstreift sie dessen Werk, ist Vorlage, Hintergrund, immer präsent – nicht nur im Schreiben, auch im Denken Frischs. Seine Reaktionen auf sie angesprochen bestätigen dies.

Volker Weidermann verschränkt Leben und Werk ineinander, geht chronologisch durch Frischs Sein und Schaffen. Er überzeugt durch Ausführlichkeit und Hintergrundwissen. Seine Sprache ist leicht lesbar, ab und an ein wenig flapsig. Volker Weidermann muss sich sicherlich nicht den Vorwurf gefallen lassen, seinen Biographierten verzärtelt zu haben, geht er doch oft hart mit ihm und vor allem mit dem Wert seines Werkes ins Gericht. Teilweise stimmt seine Kritik mit Stimmen aus den Literaturkritiken der zeitgenössischen Feuilletons überein, teilweise bewegt er sich auf eigenem Terrain und widerspricht gar Literaturprofis wie Peter von Matt. Wer nun recht hat mit seiner Werkeinschätzung soll hier nicht entschieden werden.

 

Fazit:
Flüssig lesbar geschrieben gibt das Buch ausführlich und kompetent, ab und an sehr kritisch dem Werk und dessen Wert gegenüber, Auskunft über das Leben und Schreiben Max Frischs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Volker Weidermann
Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Berlin. Von ihm erschienen bei Kiepenheuer & Witsch: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher (2010), Das Buch der verbrannten Bücher (2008) und Lichtjahre (2006).

 

Angaben zum Buch:
WeidermannFrischGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. November 2010)
ISBN-Nr.: 978-3462042276
Preis: EUR 22.95 / CHF 32.30

 

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Stockhorn – 25. Mai 2014

DSCF0036Heute führte die Wanderung in meine Heimat, verbrachte ich doch die schönste Zeit meiner Kindheit im wunderbaren Berner Oberland, genauer im Diemtigtal – mit Ausflügen ins Simmental. Seit ich denken kann, habe ich einen Kraftberg, einen Berg, der mir was bedeutet, an den ich Erinnerungen habe, der mir Mut macht, wenn ich ihn sehe, den ich lange vom Wohnzimmerfenster her sah und den ich als Kind jährlich mindestens einmal bestieg.

DSCF0041DSCF0043Um 10 Uhr landeten wir am Bahnhof Erlenbach und liefen zur Talstation der Stockhornbahn hoch. Nicht mehr ganz früh dran, waren wir nicht alleine. Aus Zeitgründen fuhren wir mit der Seilbahn bis zur Mittelstation. Sehr willkommen war die Gepäckannahme der Bahn, so dass wir nicht mit Rollkoffer den Berg hinauf kraxeln mussten. Da der Gepäckraum nicht wirklich bewacht (eigentlich gar nicht) war, blieb der Kitzel, ob wir unten angekommen unser Gepäck wiederfinden würden. Die Fahrt hinauf war wunderbar und eng – wie wohl immer an schönen Tagen. Bald schon sah ich auf der gegenüberliegenden Hangseite das Diemtigbergli, in dem ich einen Grossteil meiner Kindheit verbracht habe, wo ich Ski fahren lernte und einfach zu Hause war. Die Seilbahn landete im Chrindi, der Mittelstation. Aus dem Gebäude getreten eröffnete sich schon der Blick auf den Hinterstockensee – wunderbar zum Fischen und einfach malerisch gelegen. Vor uns steil empor das Stockhorn – des Berges zweiter Teil. Wir marschierten los, leider war der eine Weg noch geschlossen wegen Schnee, so dass wir den Touristenweg wählen mussten. Schnell war ein rhythmischer Tritt gefunden und so ging der Aufstieg flott, er floss förmlich. Heute waren die Gedanken frei, einer Meditation gleich flogen sie dahin, ohne irgendwo anzustehen, einfach im Fluss.

Mit jedem Schritt erweiterte sich auch hier das Panorama. Kindheitserinnerungen kamen auf, wie oft war ich diesen Weg gegangen, teilweise vom Diemtigbergli runter, Stockhorn rauf, runter, wieder zum Bergli rauf. Eine Kindheitsepisode kam mir in den Sinn. Ich war schon den ganzen Hang vom Bergli runtergelaufen, nun wieder auf halbem Weg bis zur Mittelstation rauf, da zog über unserm Kopf die Seilbahn durch, Kinder winkten runter. Empört sagte ich zu meinem Vater: „Wenn ich mal Kinder habe, frage ich die, ob sie fahren oder laufen wollen.“ Mein Vater, der nun nicht wirklich ein Unmensch war ( alles andere) sagte bei der Ankunft an der Mittelstation zu mir: „Schau, hier können wir noch bis zum Gipfel fahren. Magst du?“ Trotzig sagte das Kind (also ich): „Nun bin ich bis dahin gelaufen, nun lauf ich auch noch den Rest.“ Sagte es und lief hoch, wieder runter und die andere Seite wieder hoch. Der Trotz, gemischt mit Ehrgeiz, geht mir wohl heute noch nach.

DSCF0060Nach kurzer Zeit schon war es leider mit der Stille der Berge vorbei. War ich bislang sehr happy, einen Wandergenossen gefunden zu haben, der genauso wie ich schweigend Berge hoch läuft, trafen wir alle paar Meter auf Turnschuhtouristen, die den Berg mit der Bahn hochgefahren waren und nun eifrig plappernd runterliefen. Das trübte das Bergerlebnis ein wenig, hatte ich es doch aus der Zeit vor 30 Jahren (Zahl bitte sofort wieder vergessen) ruhiger in Erinnerung. Nichts desto trotz entschädigte  das Panorama von Meter zu Meter. Eiger, Mönch und Jungfrau, Blüemlisalp, Finsterarhorn – alle zeigten sie sich immer mehr. Erlenbach weit unten im Tal wurde zur Spielzeugeisenbahnlandschaft.

DSCF0063Vorbei an der Oberstockenalp, welche übrigens im Sommer wunderbare Wanderbauernplatten mit leckerem Käse und Hobelfleisch serviert, die kühlenden Getränke nicht zu vergessen, ging der Weg weiter bis zum Gipfel, welcher um die Mittagszeit an einem Sonntag natürlich gut bevölkert war.

 

 

DSCF0076Schnell ein Gipfelfoto geschossen, den Blick in die Weite über Thun bis nach Bern (dieses Mal im Dunst, sonst gut sichtbar) genossen, machten wir uns an den Abstieg, um ein ruhiges Plätzchen für die Mittagspause zu finden. Wir fanden es am Vorderstockensee, wo nicht alle Turnschuhtouristen hinkamen. Von da führte unser Weg über sehr steile Bergwanderwege zuerst nochmals hinauf, dann hinunter, die Knie begannen zu schlottern, aber die Ruhe war herrlich.

DSCF0084Anfangs noch ein wenig grummlig, weil meine Kindheitserinnerung nicht mehr ganz so idyllisch war, wie gedacht, weil ich an einer noch nicht ganz abgeheilten Verletzung litt, der Zeitdruck spürbar wurde, ich musste nach Hause, und Selbstzweifel dem Ganzen die Krone aufsetzten, kehrte schon bald ein wohliges Gefühl zurück: Der Weg war gut ausgeschildert, menschenleer, die Gedanken und der Schritt flossen wieder dahin und die Welt war in Ordnung. Nach 5 Stunden und 45 Minuten Wanderzeit kamen wir bei der Talstation an, wo wir unser noch vorhandenes Gepäck aufgriffen, zum Bahnhof pilgerten und die Heimreise antraten. Im Kopf schon beim Fahren das Lied im Kopf „Ich han Heimweh nach de Berge…..“. Einmal Bergkind, immer Bergkind. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei meinem wunderbaren Wanderbegleiter, der sich als Einzelbergwanderer in dieses Tourigewimmel stürzte für mich und mich aus meinen zeitweilig trüben Gedanken riss. Es war wunderbar.

 

Fazit:

Von unten hoch und wieder runter ist das Stockhorn eine Herausforderung für die Ausdauer, da es mitunter sehr steil ist, was beim Weg hinunter (vor allem ab dem Chrindi) in die Knie geht. Wer andere Leute beim Wandern liebt, kann getrost hinaufsteigen, wer die Stille der Berge sucht, sollte den „üblichen“ Weg meiden und andere Routen wählen oder aber unter der Woche hinaufsteigen, wenn es deutlich ruhiger ist. Der Ausblick vom Gipfel ist wundervoll, den kann ich jedem nur ans Herz legen.

 

 

Das etwas andere Liebesgedicht

Und da war dann noch die eine Frau,

uninteressant, wer nun genau!

Sie suchte nicht, sie fand,

Das brachte sie um den Verstand.

Fortan regierte nur das Herz –

mein Gott, war das ein Terz.

Sie hüpfte hoch und sang dazu,

die Nachbarn waren fort im Nu,

denn Singen war nicht wirklich Stärke,

klang nicht wie Nachtigall und auch nicht Lärche.

Egal, die gute Frau war froh,

ihr Herz entflammt gar lichterloh,

und wenn sie nicht gestorben ist,

singt sie noch heute diesen Mist.