Soziale Medien – sind sie nun Fluch oder Segen? Gerade in Zeiten wie aktuell verbinden sie Menschen. Sie sind der Weg von Mensch zu Mensch, weil die sich nicht mehr Auge in Auge treffen dürfen. WhatsApp, SMS, Mail und Facebook – wir sind nicht allein, wir treffen einander, sprechen einander Mut zu, teilen Angebote, die in solch isolierten Zeiten wertvoll sind. Ganze Programme sind aus dem Boden gestampft worden, teilweise aus reiner Nächstenliebe ohne Blick auf eigenen Profit.

Und doch ist da die Kehrseite. Früher war mir ganz klar – und vielen auch: Auf Fragen antwortet man, auf Briefe ebenfalls. Wenn sich einer meldet, reagiert man. In nützlicher Frist. Das gebot der reine Anstand, wenn einem der andere etwas bedeutete, erst recht. Das scheint ein wenig verloren gegangen. Whatsapp-Nachrichten gehen unter, Mails bleiben ohne Reaktion. Das Argument, sich von elektronischen Medien fern zu halten, klingt zwar schön, wenn diese aber die grundsätzliche Kommunikationsverbindung sind, die dann einseitig ins Leere läuft, wird es doch eher unglücklich.

Gibt es überhaupt noch eine Ethik des Umgangs? Ist Anstand noch ein Ziel? Oder ein Wert? Ist Kommunikation nicht mehr zweigleisig sondern Glücksache oder beliebig? Ich weiss es nicht, ich beobachte nur und komme teilweise zu dem Schluss. Was also tun?

Ich hörte oft, ich solle das nicht tragisch nehmen, das bedeute alles nichts. Wenn ich keine Antwort kriege oder sich jemand nie melde, hätte das nichts mit mir zu tun. Sei nicht böse gemeint. Das mag sogar so sein. NUR: Es macht trotzdem etwas mit mir. Und es lässt mich nachdenklich werden.

Ich würde mich freuen, etwas zu hören. Mal einfach so, sicher aber als Antwort. Bleibt das aus, muss das in der Tat nicht heissen, dass der andere etwas gegen mich hat. Es war ihm nicht so wichtig. Nur, hätte ihm die Nachricht Freude bereitet, ich wäre ihm wichtig, würde er dann nicht auch die Freude mal zurück geben wollen? Und sonst war ihm die Nachricht wohl auch egal. In beiden Fällen könnte ich sie mir sparen.

Ich bin sehr dankbar für ganz tolle Kontakte, mit denen ich mehrheitlich virtuell verkehre – aus Gründen der lokalen Distanz. Leider. Es gibt aber auch andere, sogar sehr reale, von denen nichts kommt. Und das hat mich immer wieder getroffen. Es war nicht so tragisch (und doch gefühlt), da real ja viel möglich war. Nur jetzt merke ich nun, dass nichts mehr bleibt.

Es sind oft die schwierigen Zeiten, die einen viel lehren. Krisen, Probleme, Unglücksfälle. Die ganzen Einschränkungen rund um Corona bewirken viel, sie sind herausfordernd. Es fehlt so viel, was vorher normal galt, was man für selbstverständlich nahm. Gerade im Miteinander. Zeit also für einen bewussten Umgang miteinander. Zeit dafür, den anderen auch über die Distanz spüren zu lassen: „He, du bist mir wichtig. Aber auch: Zeit, für einen innerlichen Abschied von denen, von denen das Gefühl nicht zurück kommt. Schlussendlich ist alles schon schwer genug, es müssen nicht noch negative Gefühle dazu kommen. Und: Die Zeit wird nachher wieder begrenzter sein – sie soll denen gehören, die auch in diesen Zeiten da waren.

„Im Bewusstsein des Leides, das durch unachtsame Rede und durch die Unfähigkeit, anderen zuzuhören, entsteht, gelobe ich, liebevolles Sprechen und aufmerksames, mitfühlendes Zuhören zu entwickeln, um meinen Mitmenschen Freude und Glück zu bereiten und ihre Sorgen lindern zu helfen.“ (Thich Nhat Hanh)

Ich habe mich selber schon dabei ertappt, dass ich bereits Antworten suchte, bevor mein Gegenüber fertig gesprochen hat. Natürlich kriegte ich noch mit einem Ohr mit, was er mir sagte, aber wirklich präsent war ich doch nicht mehr. Und bestimmt ist mir auch schon das eine oder andere unachtsame Wort über die Lippen, das zu harsch klang, zu impulsiv und auch verletzend. Wenn mir das im Nachhinein bewusst wird, wünschte ich, ich hätte meine Worte zuerst durch die drei Siebe des Sokrates gelassen:

Ist es wahr? Bin ich wirklich sicher, dass es so ist, wie ich sage, oder ist es nur eine Meinung oder gar Hören-Sagen?
Ist es gut? Ist das, was ich sage, gut, sind es meine Absichten?
Ist es notwendig? Muss ich das wirklich sagen oder könnte ich auch genauso gut schweigen?

So manches bliebe da wohl ungesagt und das wäre vielleicht auch besser. Worte können Waffen sein, sie können aber auch Freude bereiten. Schön wäre, wir würden mehr Worte der zweiten Sorte finden.

„How do I listen to others? As if everyone were my Master speaking to me his cherished last words.

How do I listen to you? As if you were the Alpha and Omega of all sound.“
(Hafiz)

Wie hören wir anderen Menschen zu? Geben wir ihnen wirklich unsere volle Aufmerksamkeit oder suchen wir nur nach Stichworten, um unsere eigenen Meinungen kundzutun?

Erst wenn wir einem anderen aufmerksam und achtsam zuhören, wirklich wissen und verstehen wollen, was er uns zu sagen hat, erst dann ist eine wirkliche Beziehung möglich.

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Wie soll ich anderen zuhören? Als ob sie mein Meister wären, der zu mir seine letzten geschätzten Worte spräche.

Wie soll ich dir zuhören? Als ob du das Alpha und Omega von allem Klang wärst.

„Sprache kann schöpferisch oder zerstörerisch sein. Achtsames Sprechen kann wahres Glück bringen; unachtsames Sprechen kann töten.“ (Thich Nhat Hanh)

Wie oft reden wir miteinander und nehmen doch wenig davon wahr, was der andere wirklich sagt? Wir sind zu sehr mit unseren eigenen Gedanken zum Thema beschäftigt, sortieren unsere Argumente, statt die des anderen mit offenem Ohr und Geist zu prüfen. Reden ist so reiner Informationsaustausch, kein Dialog.

Wie viel entgeht uns da? Wir erfahren nicht nur nichts über den anderen, auch wir selber gewinnen keine neue Sicht auf die Dinge. Ein wirklicher Dialog ist mehr als nur ein Austausch von Informationen. Er ist das bewusste Zuhören und Wahrnehmen des anderen, er ist ein offener Umgang mit neuen Sichten. Im Dialog kommt es zu einer wirklichen Begegnung zwischen Menschen. Wir nehmen einander ernst mit allem, was wir denken, fühlen und sagen.

Wenn wir in einen Dialog treten, entsteht etwas Neues: In uns, im anderen und zwischen uns beiden. Achte beim nächsten Gespräch mal darauf, ob du wirklich zuhörst oder mehr mit dir selber beschäftigt bist. Und vielleicht ändert sich was in dir und in deinen Beziehungen zur Welt da draussen.

„Das grösste Problem in der Kommunikation ist die Illusion, sie hätte stattgefunden.“ (George Bernhard Shaw)

Wir reden den ganzen Tag viel und oft aneinander vorbei. Achtsame Kommunikation kann Beziehungen retten, das Verhältnis am Arbeitsplatz angenehmer und damit auch die Arbeit produktiver machen, das Leben mit sich allein und im Miteinander friedlicher gestalten.

Oft nutzen wir Gespräche nur zum Informationsaustausch. Ich habe etwas zu sagen, der andere soll es hören. Und meist bin ich davon überzeugt, dass meine Meinung, meine Information richtig ist. Ich will den anderen davon überzeugen. Dieser aber geht mit derselben Haltung daran. Er hat seine Meinung, die hält er entgegen. Im besten Fall teilen wir eine Meinung und nicken uns wohlwollend zu.

Wie viel ist uns entgangen. Wir haben nichts über den anderen erfahren, nichts über uns selber, keine neue Sicht dazugewonnen – wir stehen noch immer am selben Punkt wie vorher, es flossen nur ein paar Worte hin und her.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr als blossen Austausch von Informationen. Er erfordert aber auch mehr. Ein wirklicher Dialog bedingt, dass wir einander begegnen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir lassen uns auf den anderen ein als der, welcher er ist. Wir nehmen ihn ernst und wissen uns selber auch ernst genommen. Wir sind offen dafür, was er zu sagen hat, setzen ihm nicht gleich unsere Sicht entgegen. Wir sind offen für seine Botschaft, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Beide kommentieren oder werten wir nicht gleich. Wir nehmen beides wahr. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen.

Ein wirklicher Dialog hilft, unsere doch sehr begrenzte Sicht zu erweitern. Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Sicht – auf sich und auf die Welt. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert. Erst durch den anderen können wir überhaupt auch etwas über uns selber erfahren, denn: Die blindesten Flecken haben wir bei uns selber. Andere zeigen sie uns auf – weil wir durch sie uns selber besser wahrnehmen. Wir brauchen andere Menschen, ohne sie wären wir nichts, ganz sicher nicht lebensfähig.

Damit ein wirklicher Dialog gelingen kann, braucht es verschiedene Dinge:

  • die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
    • Begegnung auf Augenhöhe
    • die Bereitschaft, sich selber einzubringen
    • Authentizität in Wort und Gefühl
    • direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
    • Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
    • Wirkliches Zuhören
    • Gegenseitiger Respekt
    • Offenheit
    • Verantwortung übernehmen
    • Gegenseitiges Lernen
    • Mitgefühl

Nur wenn wir uns auf Augenhöhe begegnen, als Mensch zu Mensch, wenn wir aktiv zuhören und präsent sind, offen bleiben gegenüber anderen Sichtweisen und Meinungen und nicht nur auf vorgefertigte Meinungen und Muster zurückgreifen, kann achtsame Kommunikation entstehen.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr als blossen Austausch von Informationen. Wir sind offen für die Botschaft des anderen, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert.

Achtsame Kommunikation wird etwas verändern. Bei allen Beteiligten.

Zum Angebot: Achtsame Kommunikation

Sie legte den Kopf schräge: „Weißt du, was mich brennend interessiert?“

Er: „Hm….“

Sie: „War das nun ein Ja oder ein Nein?“

Er: „Was?“

Sie: „Ich fragte dich, ob du wüsstest, was mich brennend interessiere, heisst „Hm“ ja oder nein?“

Er: „Wieso interessiert dich das?“

Sie: „Na, weil ich sonst ja nicht weiss, ob du es nun weißt oder nicht..:“

Er: „Ich wüsste vor allem mal gerne, was in Köpfen, die sich für solchen Mist interessieren, vorgeht…“

Im Märchen hiesse es nun, dass sie, wenn sie nicht gestorben sind, glücklich weiterleben würden, es ist aber davon auszugehen, dass einer der beiden das nicht überlebt hat.

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Für die abc.etüden, Woche 23.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 23.18 kommt von Gerda Kazakou (gerdakazakou.com)

Sie lautet: Schräge, brennend, köpfen

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Er: „Was machst du denn so Anstrengendes, dass du schon zum dritten Mal laut stöhnst?“

Sie: „Du weisst doch, dass ich mir ein neues Hobby zulegen wollte, weil ich finde, dass jeder Mensch etwas haben sollte, mit dem er sich vom Alltag erholen kann, mit dem er ein bisschen mehr zu sich selber findet und ausgeglichener ist.“

Er: „Also ich habe nichts solches.“

Sie: „Das merkt man gut, darum bist du so unausgeglichen.“

Er: „Wenn du das sagst – aber was machst du denn nun zur Selbstfindung?“

Sie: „Ich klöpple, muss aber feststellen, dass es extrem langwierig ist, mit diesem Geklöppel eine einigermassen grosse Decke zu bekommen – das ist fast wie wenn ein dünnes Rinnsal durch ein Flussbett strömt und das Meer füllen sollte.“

Er: „Und du willst nun mit Klöppeln das Meer füllen?“

Sie: „Du verstehst mal wieder gar nichts.“

Er: „Du hast vom Meer gesprochen, aber was auch immer du füllen willst, Selbstfindung braucht halt Zeit.“

Er hatte kaum war das letzte Wort ausgesprochen, da wurde er auch schon von einem Klöppelhagel getroffen.

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Für die abc.etüden, Woche 48.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für Textwoche 46.17 kommt von Frau Myriade vom Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée, die Wörter lauten: Flussbett, langwierig, klöppeln.

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