Michael Herzig – Nachgefragt

Michael Herzig

herzigmichaelMichael Herzig wird1965 in Bern geboren. Nach der Matur arbeitet er als Musikjournalist und Schallplattenverkäufer, träumt von einem Leben als Rockstar – ein Traum, der nicht in Erfüllung geht. 1998 bis 2014 arbeitet Michael Herzig im Sozialbereich und leitet u.a. niederschwellige, sozialmedizinische Einrichtungen für Drogen- und Alkoholabhängige, psychisch Kranke, Langzeitarbeitslose und Sexarbeiterinnen. 2007 veröffentlicht Michael Herzig seinen ersten Kriminalroman, danach folgen Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften sowie weitere Krimis. Für Töte deinen Nächsten erhält er die mit 10’000 Franken dotierte Zürcher Auszeichnung für herausragende literarische Neuerscheinungen. Im Grafit Verlag Dortmund sind von Michael Herzig bislang vier Romane mit der ebenso eigenwilligen wie leidenschaftlichen Stadtpolizistin Johanna di Napoli erschienen: Saubere Wäsche (2007), Die Stunde der Töchter (2009), Töte deinen Nächsten (2012), Frauen hassen (2014). Michael Herzig lebt in Zürich.

Michael Herzig hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin jemand mit vielen Interessen und arbeite sowohl gerne strukturiert betriebswirtschaftlich als auch kreativ chaotisch. Darum gehe ich diversen Beschäftigungen nach.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Mit Schreiben habe ich als Teenager begonnen. Damals habe ich vor allem amerikanische und französische Autoren der fünfziger bis siebziger Jahre verschlungen, die Beat Generation und die Existentialisten beispielsweise. Zusammen mit Punkrock hat mich das animiert, düstere und gewalttätige Kurzgeschichten zu schreiben. Einige dieser Texte habe ich 20 Jahre später in meine Krimis eingebaut.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

So simpel es klingt: mein Deutschlehrer war eine wichtige Motivationsquelle. Nach der Schule habe ich journalistische Erfahrung gesammelt und später in einer Weiterbildung die PR-Schreibe erlernt. Nur kreatives Schreiben habe ich nie gelernt. Mein Rezept: lesen, lesen, lesen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich beginne strukturiert und höre chaotisch auf. Am Anfang steht eine Idee, anschliessend folgen in einem iterativen Prozess Recherche, Figuren und Plot. Beim Schreiben kommen mir dann meistens bessere Ideen, weshalb ich dreiviertel der Vorbereitung wieder über den Haufen werfe.

Wann und wo schreiben Sie?

Am liebsten unter einem Baum in einem blumigen Garten. Aber es geht auch im Zug oder in einem Wartezimmer.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wie andere auch: mit Lesen, Musik, gutem Essen, Liebe oder was auch immer.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Für mich ist Autor kein Status, an dem ich hänge. Ich schreibe, weil ich den kreativen Prozess liebe. Das Drum und Dran interessiert mich weniger. Aber stehe ich natürlich vor demselben Berg, wie alle anderen auch.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe vor allem mit dem Grafit Verlag in Dortmund zu tun, der mir keinen Grund gibt, zu jammern. Aber ich kriege schon mit, wie die Verlage kämpfen. Das Geschäft wird in den nächsten Jahren noch härter werden.

Sie wohnen in der Schweiz, ihre Romane spielen hauptsächlich an Schweizer Schauplätzen (mit Einsätzen im Ausland), die Figuren sind Schweizer. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Es ist ein kleiner Markt, in dem nur extrem wenige Autorinnen und Autoren vom Schreiben leben können. Darum bin ich froh, dass ich einen deutschen Verlag habe. In der Liga, in der ich spiele, würde ich sonst ausserhalb der Schweiz kaum wahrgenommen, vielleicht nicht einmal ausserhalb Zürichs.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich lasse mich von gesellschaftlichen und politischen Themen leiten, z.B. habe ich in „Töte deinen Nächsten“ die schweizerische Deutschenfeindlichkeit in einen Krimiplot gepackt und in der Kurzgeschichte „Tschingg“ die italienische Immigration in die Innerschweiz der Siebzigerjahre. Schreiben ist meine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, bloss für die Galerie mache ich das nicht.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Herzig steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist immer eine Frage der Selbstreflexion. Aus der Verarbeitung eigener Erfahrungen ist schon manches spannende Buch entstanden. Fehlende Distanz des Autoren oder der Autorin zu sich selbst endet in narzisstischer Selbstdarstellung, was selten interessant ist und häufig bloss peinlich.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist ein soziologisches Interesse: Wenn Verbrechen geschehen, funktionieren die Gesellschaft schlecht. Diese Disfunktionalitäten sind spannend und die kann man mit Krimis wunderbar ausleuchten.

Frauen hassen spielt in der Rockerszene, des weiteren sind sie sehr nah an ihren Figuren dran – diese nehmen einen grossen Platz ein im Buch -, schildern die Atmosphäre im Polizeidienst. Wie recherchieren sie in den einzelnen Umfeldern?

Die Polizei kenne ich aus eigener beruflichen Erfahrung, andere Milieus recherchiere ich vor allem über Videos im Internet und wenn möglich über teilnehmende Beobachtung. Da ich sehr visuell funktioniere, bevorzuge ich Filme als Informationsquelle einem Buch oder Artikel. Nur bei den Rockern war das anders, da war ein wichtiger Teil meiner Recherche die Lektüre eines amerikanischen Ermittlers, der die Hells Angels unterwandert hat.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jede öffentliche Äusserung ist letztlich politisch. Die Frage ist bloss, wie bewusst ein Autor oder eine Autorin sich dessen ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo und Esprit. Wenn die Form überzeugt, finde ich die Geschichte zwar nicht irrelevant, aber doch weniger wichtig.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ian Rankin, A.L. Kennedy, Sarah Gran, Cormac McCarthy, Charles Bukowski, Friedrich Glauser

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Sorry, da muss ich passen. Ich bin selbst noch viel zu unerfahren, als dass ich anderen Tipps geben kann. Höchstens: Leidenschaft muss der Antrieb sein und Herzblut das Benzin.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Peter Beck – Nachgefragt

Peter Beck

BeckPeterPeter Beck wurde 1966 geboren und studierte in Bern Psychologie, Wirtschaft und Philosophie, doktorierte in Psychologie und machte einen MBA in Manchester. Er trägt im Judo den schwarzen Gürtel, war Geschäftsleitungsmitglied eines Großunternehmens und in mehreren Verwaltungsräten. Heute ist Peter Beck sein eigener Chef und unterstützt Organisationen bei der Gestaltung der Unternehmenskultur.

Mehr zu Peter Beck unter www.peter-beck.net

Peter Beck hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinem Roman Söldner des Geldes zu beantworten.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Meine Biographie ist ziemlich langweilig. Auf die Welt gekommen bin ich 1966 in Bern und soweit ich mich erinnern kann, hatte ich eine glückliche Kindheit.

Dann studierte ich Psychologie, Wirtschaft und Philosophie, doktorierte in Psychologie und machte einen MBA in Manchester. Dort lernte ich auch meine Lebenspartnerin kennen. Anschliessend arbeitete ich für ein grosses Unternehmen, war dort in der Geschäftsleitung und in mehreren Verwaltungsräten.

Heute geniesse ich es, mein eigener Chef zu sein. Wir unterstützten Organisationen bei der Gestaltung und Weiterentwicklung ihrer Unternehmenskultur.

Daneben versuche ich regelmässig Sport zu machen und in spannenden Ländern zu reisen. Die meisten Handlungsorte meines ersten Thrillers Söldner des Geldes habe ich selber bereist.

 

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schreiben tue ich schon seit der Kindheit gerne und es ist mir eigentlich immer leicht gefallen. Söldner des Geldes war ein persönliches Projekt, das ich zwischen meiner Anstellung und meiner Selbständigkeit umsetzen konnte. Solche Gelegenheiten muss man packen.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich hatte immer gute Lehrer, aber zu einem Schreibkurs bin ich bis jetzt nicht gekommen. Für mich ist Schreiben tatsächlich vor allem Handwerk. Mit jedem Satz schlägt man einen Nagel ein. Anfangs hat man einen rohen Entwurf, überarbeitet diesen immer wieder und macht den Satz, den Text mit jedem Schritt ein bisschen besser. Hoffentlich!

 

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Der Weg beim Schreiben ist bei mir sicher nicht linear, sondern ziemlich verschlungen. Der Geist ist schliesslich frei.

Für Söldner des Geldes hatte ich die grobe Idee und einige Schlüsselszenen im Kopf. Dann habe ich angefangen die Geschichte abzuarbeiten, hier ein wenig ausgeschmückt, dort eine falsche Spur gelegt, schweren Herzen ein paar Kapitel gestrichen.

Die knapp 500 Seiten des Thrillers habe ich dann mehrmals vollständig durchgeknetet. Am schwierigsten war das Streichen liebgewordener aber unnötiger Stellen. Mein oberstes Gebot war und ist die Spannung für den Leser hoch zu halten, schliesslich bezahlt er für die Lektüre.

 

Wann und wo schreiben Sie?

Am besten schreibt es sich für mich am Morgen an meinem Pult. Dann ist es ruhig, der Kopf noch frei, und ich kann der Fantasie freien Lauf lassen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Abschalten tue ich am besten beim Sport oder in der Badewanne. Aber natürlich halte ich die Augen und Ohren immer offen und sammle Eindrücke, Ideen, Satzfetzen. So tauchen einige meiner Erfahrungen in Söldner des Geldes wieder auf. Für einen Thrillerautor liegen die Nuggets praktisch auf der Strasse, man muss nur hinschauen.

 

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es ist einfach ein schönes Gefühl, Söldner des Geldes in so vielen Buchhandlungen und Bibliotheken zu sehen. Zum Glück bin ich nicht nur Thrillerautor, sondern auch Partner, Sohn, Sportler, Firmeninhaber, Reisender, etc. Ich darf zum Glück ganz verschiedene Projekte machen. Der Autor in mir hätte gerne mehr Zeit, muss sich aber öfters gedulden.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritische und anklagende Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Der etablierte Emons-Verlag in Köln, der meinen Thriller verlegt hat, arbeitet sehr professionell, ist aber auch ein sehr persönlicher Verlag. So bekomme ich zum Beispiel auf Fragen per e-Mail innert Kürze eine Antwort. Und bei den Diskussionen um die Titelei (Cover, Titel, Rückseite) wurde ich immer mit einbezogen. Ich bin Emons jedenfalls sehr dankbar für die Unterstützung.

 

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben in Ihrem Roman Söldner des Geldes über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Söldner des Geldes ist in erster Linie ein internationaler Thriller und spielt – neben den Schauplätzen in der Schweiz – auch in Ägypten, Norwegen und Amerika. Persönlich bin ich glücklich Schweizer zu sein. Aber als frischer, deutschsprachiger Autor spielt die Nationalität keine grosse Rolle. Meine Verkaufszahlen zeigen, dass sich Söldner des Geldes auch in Deutschland und Österreich verkauft. Und ich hoffe, dass es bald auch eine Englische und Französische Übersetzung gibt. Auch bin ich Mitglied der Amerikanischen ITW (International Thriller Writer Association) und des Syndikates, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren. So lese ich Ende Mai in Nürnberg an der Criminale, dem grössten Krimifestival Europas, aus Söldner des Geldes.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Exzellente Frage, aber unmöglich zu beantworten, denn ich weiss nicht, wo meine Ideen letztendlich her kommen. Ich versuche mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und schnappe überall Sachen auf. Es ist wie ein grosses Puzzle, das sich in meinem Kopf zusammensetzt.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Peter Beck steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Auch das weiss ich nicht genau. Sicher sind meine Erfahrungen in Söldner des Geldes eingeflossen: Orte, an denen ich war. Bei den Kampfszenen habe ich von meinen Erfahrungen als Judoka gezehrt. Und wahrscheinlich steckt in allen Figuren auch ein bisschen von mir. Aber ich gestalte meine Charaktere in erste Linie nach dramaturgischen Gesichtspunkten. Bestenfalls lehne ich mich an real existierende Personen an, mische diese miteinander, bis es für die Geschichte stimmt.

 

Wieso schreiben Sie Thriller? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Tatsächlich schreibe ich, was ich gerne selber lese: Rasante und intelligente Unterhaltung zum Abschalten in der Badewanne oder am Strand. Es ging mir beim Schreiben von Söldner des Geldes nie darum, irgend etwas auszuleben. Ich will einfach spannende Thriller schreiben und meine Leser damit so gut wie möglich unterhalten.

 

Ihr Thriller bewegt sich in der Wirtschaftswelt, thematisiert das Bankenwesen, Datenspionage und internationale Intrigen. Was reizt Sie an dieser Thematik?

Tom Winter, der Held von Söldner des Geldes ist Sicherheitschef einer Schweizer Privatbank. Ich wollte eine unverbrauchte Hauptfigur, nicht irgendeinen schlapphütigen Inspektor oder einen versoffenen Privatdetektiv.

Winters Bank hat Kunden auf der ganzen Welt. Als Autor kann ich ihn deshalb überall hin schicken. Das macht Spass. Da ist Tom Winter fast so frei wie Jack Reacher, der Held von Lee Child. Die Themen „Geld“, „NSA“, etc. leiteten sich dann fast automatisch daraus ab. Und praktischerweise gibt es in der Finanzwelt ja viele Bösewichte.

 

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jeder Mensch hat eine politische Verantwortung. Wir stimmen nicht nur an der Urne, sondern täglich zum Beispiel bei der Wahl der eingekauften Produkte oder unseres Verkehrsmittels ab. Davon sind Autoren natürlich nicht ausgenommen.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine spannende Geschichte und faszinierende Figuren. Ein gutes Buch muss mich packen und schwingt auch nach dem Fertiglesen noch nach. Aber zum Glück gibt es dafür keine Formel.

 

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ich kann mich an die „Rote Zora“ und die Serie „Drei Fragezeichen“ erinnern. In der Primarschule hatte ich eine tolle Bibliothekarin, Frau Zürcher, die mich mit Stoff versorgte.

Als Jugendlicher habe ich dann alle Maigrets von Simenon verschlungen. Bei den Thrillern ist le Carré mein Lieblingsautor. Der lebte übrigens selber einmal in Bern und hat einige Szenen hier angesiedelt.

Dann habe ich natürlich all die üblichen Verdächtigen gelesen: Lee Child, John Grisham, Ian Rankin, Denise Mina oder Mark Gimenez und Stuart MacBride. Aber auch die Nordländer inspirieren mich: Mankell, Stieg Larsson, Adler Olsen und Jo Nesbo. Ich lese viel auf Englisch aber mit Söldner des Geldes kann man einmal einen Schweizer Thriller im Original lesen.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Ich bin kein Fan von Listen oder Ratgebern, denn jeder muss seinen eigenen Weg finden. Aber ich kann sagen, was mir geholfen hat:

Erstens: Just do it! Die Idee, das Bild, der Dialog nützt im Kopf wenig und muss aufs Papier. Am Anfang ist es nie perfekt, aber es ist ein Anfang.

Zweitens: Nicht aufgeben! Ein Buch zu schreiben ist – ausser man ist ein Genie – zu 99% Schweiss, harte Arbeit und nur zu 1% Inspiration.

Drittens: Gut zuhören! Ich habe Söldner des Geldes vielen Testlesern gegeben und sie um ehrliches und hartes Feedback gebeten. Das war nicht immer leicht, aber hat mir geholfen, den Thriller besser, dichter, rasanter zu machen.

Viertens: Habe Spass! Ein schöner Satz, ein cooler Spruch, ein gelungener Cliffhanger macht Spass und erfüllt mich mit Stolz – und motiviert mich dran zu bleiben (siehe oben…;-)

Fünftes: Vertraue auf Dein Glück! Es gibt tausende von Autoren und letztendlich braucht es immer eine rechte Portion Glück. Es gibt einen abgewandelten Bibelspruch, der einen wahren Kern hat: „Gott gib mir Kaffee, um die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und Wein, um das zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann…“

Ich möchte mich bei Peter Beck für diese ausführlichen und interessanten Antworten bedanken, die einen  tollen Einblick in sein Schreiben sowie in sein Leben gewähren!

Philipp Probst – Nachgefragt

PProbstPhilipp Probst
Philipp Probst ist ein Schweizer Schriftsteller, Buschauffeur, Journalist, LKW-Fahrer – und noch einiges mehr. Bereits früh begann er zu schreiben, die ersten Geschichten entstanden während des Schulunterrichts. Im Alter von 16 und 17 Jahren schrieb er zwei Drehbücher, welcher auf Super-8 gleich selber verfilmte: Den Krimi Der Lebensretter und den Teenagerfilm Hoffnung, welcher zugleich Abschlussarbeit der Rudolf-Steiner-Schule war. Mit diesem Film gewann er in den 80er Jahren den zweiten Preis der Schweizer Jugendfilmtage. Nach einem kurzen Abstecher in den Buchhandel landete Philipp Probst im Journalismus, arbeitete für diverse Redaktionen und Medien und schrieb schliesslich 1994 sein erstes Buch Ich, der Millionenbetrüger Dr. Alder, welches 2009 unter dem Titel Der Fürsorger verfilmt wurde.  Von ihm erschienen sind daneben unter anderem Der Storykiller, Die Boulevard-Ratten und diverse Kurzkrimis .

 
Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin ein kreativer und tüchtiger Mensch mit Ecken und Kanten – und vielen Schwächen. Die Biographie würde ich als unterhaltenden Roman erzählen, gäbe eine nette Ferienlektüre.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich schreibe wegen dem Basler Autor Hans-Peter Hammel, alias –minu. Seine Geschichten in der Zeitung fand ich toll. Zuerst wurde ich allerdings Journalist und Lastwagenfahrer. Auf dem LKW habe ich dann angefangen, meinen ersten Roman zu schreiben. Die langen Fahrten auf der Autobahn haben mich inspiriert.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Schreiben zu lernen ist eine harte Ausbildung. Wichtig ist, einen guten Mentor oder Textchef zu haben. Dann ist es learning by doing. Und aus Fehlern lernen. Kritisch sein. Mutig. Grundsätzlich kann man Schreiben lernen. Talent hilft natürlich, doch das Wichtigste ist die Disziplin.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich schreibe einfach drauf los und versuche, so wenig wie möglich korrigieren zu müssen. Die Phantasie soll arbeiten!

Wann und wo schreiben Sie?

Meistens zu Hause am Esstisch. Aber unterwegs geht auch. Eigentlich völlig egal wo, es geht sogar auf dem Smartphone.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wenn ich schlafe.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Die Freude ist, den Leserinnen und Lesern Freude zu bereiten. Als Autor zähle ich mich zur Unterhaltungsbranche. Ich stehe also nicht nur im Wettbewerb mit anderen Autoren, sondern auch mit Kino, TV, Internet und Games. Ein Buch zu schreiben macht Spass, es zu verkaufen ist pickelharte Arbeit.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Da die Spielregeln der freien Marktwirtschaft gelten, gibt es wenig zu jammern. Ein Buch ist ein Produkt, das es zu vermarkten gilt. Ende.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Kommt darauf an, ob man sich als Autor im Buchmarkt oder in der Literaturszene bewegt. Die Literaturszene hat etwas Elitäres und zählt auf staatliche Förderung. Wer da rein kommt, darf sich „von“ nennen, wird eingeladen und kann sich in den anderen subventionierten Literaturszenen des deutschsprachigen Raums bewegen. Alle anderen Schriftsteller kämpfen im Buchmarkt, also in der freien Marktwirtschaft.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Geschichte entsteht beim Schreiben. Am Anfang ist einfach eine Idee, die man im Leben aufschnappt. Ich lasse meinen Figuren und deren Handlungen grossen Freiraum: Manchmal machen sie das, was ich von ihnen erwarte, ab und zu überlisten sie mich aber auch. Dazu kommen plötzlich ganz neue Ideen, dann kommt die Geschichte halt anders heraus. Das ist aber egal, Hauptsache sie ist spannend und unterhaltend.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Philipp Probst steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich bestehen meine Figuren aus mir. Aber nicht nur. Da werden noch andere Menschen drin verpackt. Da die Geschichten für mich realistisch sein müssen, könnte ich sie selbst auch erleben. Viele Szenen in meinen Büchern habe ich auch erlebt. Allerdings ist das kein Verarbeitungsprozess, sondern die Möglichkeit, etwas hautnah zu erzählen. Da werde ich dann wieder zum Reporter.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Ich fühle mich wohler mit dem Ausdruck Thriller. Nein, es geht nicht darum, das „Böse in mir“ auszuleben. Es geht nur darum, dass in einer Geschichte ja irgendetwas passieren muss. Sonst ist es keine Geschichte oder eben eine langweilige. Wenn ich lese, will ich eine Geschichte erleben. Das gilt auch beim Schreiben. Toll finde ich aber auch Liebesromane.

Ruhm, Ehre, Moral, ethische Prinzipien – deswegen wird in Ihren Krimis gemordet. Strebt (heute?) nicht jeder danach? Steckt in jedem Menschen ein Mörder, der über Leichen ginge, um das ihm höchste Ziel zu erreichen?

Nein. Viele Menschen sind zufrieden, sich im Mittelmass der Gesellschaft zu bewegen. Das bewundere ich.

Sie haben verschiedene interaktive Kurzkrimis realisiert, kürzlich haben Sie einen Fortsetzungskrimi für das Onlinemagazin buchmagazin.ch nach 35 Folgen beendet, bei welchem Sie Inputs von Lesern annehmen und damit die Geschichte weiter gesponnen haben. Was reizt Sie an diesem Vorgehen? Wie kamen Sie auf die Idee, solche Projekte in Angriff zu nehmen?

Das sind äusserst sportliche Projekte, die viel Phantasie und Disziplin abverlangen. Das Tolle daran ist, dass mit den neuen Medien viele neue Möglichkeiten entstanden sind, die im Buchmarkt und noch mehr in der Literaturszene überhaupt keine Anwendung finden. Heute kann man als Kunde beinahe jedes Produkt online mitgestalten – warum sollte man da nicht auch auf seine Lektüre Einfluss nehmen dürfen? Zudem sind solche Projekte Werbung für mich als Autor und meine Bücher. Eines meiner besten Projekte war ein SMS-Roman für eine Freundin. Brutal hart. Aber einfach toll. Hätte ich genügend Interessenten – ich würde einen Roman per SMS/WhatsApp liefern. Jeden Tag ein Stück …

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Aber er kann und darf und soll seine Meinung äussern. Da er aber heute praktisch gar nicht mehr nach seiner Meinung gefragt wird, muss er sich auch nicht damit beschäftigen. Da Medien ebenfalls nach den Regeln der freien Marktwirtschaft funktionieren, werden Prominente zu allem Möglichen befragt werden. Und falls es ein Schriftsteller zum Bestsellerautor schafft, trifft es automatisch auch ihn. Meistens allerdings zu Themen wie: „Kaufen Sie lieber im Coop oder in der Migros ein?“

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss spannend sein. Jeder Schriftsteller bekommt bei mir die Chance von 50 Seiten. Falls ich dann nicht mitfiebere, bin ich weg!

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ja, aber das sind so viele … Immerhin war ich mal Buchhändlerlehrling.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • Schreibe mal 100 000 Zeichen, die einen Sinn ergeben, innert weniger Tage. Falls du dich schwer tust damit, mache was anderes in deiner Freizeit.
  • Schreibe einem Freund oder einer Freundin einen Monat lang einen Fortsetzungsroman per SMS. Damit testest du deine Phantasie.
  • Treibe Sport oder schaff dir einen Hund an. So lernst du Disziplin.
  • Betrachte die Schreiberei als Hobby. Auch eine Modelleisenbahn ist toll!
  • Werde auf irgendeine Weise TV-Promi. Denn nur wer dich kennt, wird dein Buch kaufen.

Ich bedanke mich herzlich für diese Antworten!

Matthias Engels – Ein Buchhändler erzählt

Matthias Engels
denkerfotoMatthias Engels wurde 1975 in Goch geboren. Nach dem Abitur absolvierte er eine Buchhändlerlehre und ist diesem Beruf seit da treu geblieben. Matthias Engels ist Autor von Romanen und Lyrik, zahlreiche Texte erschienen zudem in Anthologien und Zeitschriften, und er führt als Referent für Erwachsenenbildung Interessierte in die Inhalte der Literaturgeschichte ein.  Matthias Engels lebt mit seiner Familie in der westfälischen Pampa, wie er sich selber ausdrückt. Mehr über sein Tun findet sich unter http://dingfest.wordpress.com.

Matthias Engels hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zum Berufsbild des Buchhändlers in der heutigen Zeit und die damit einhergehenden Herausforderungen zu beantworten. Er zeichnet mit seinen ausführlichen Antworten ein realistisches Bild der heutigen Buchhandelslandschaft, schält die schwierigen Punkte heraus und zeigt gangbare Wege  für die Zukunft auf.

 

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Ich arbeite in Teilzeit in einer großen Universitätsbuchhandlung mit Vollsortiment. Das Geschäft befindet sich in zentraler Lage in Münster/Westfalen und bietet auf 5 Etagen zahlreiche Fachabteilungen.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

schardtporträt2Ehrlich gesagt ist die Entscheidung im Ausschlußverfahren zustande gekommen. Nach dem Abi und dem Zivildienst habe ich mir überlegt, welche Jobs ich mir NICHT für die nächsten 40 Jahre vorstellen konnte. Bei den Dingen, die mich interessierten, Kunst und Literatur, fielen mir wenig „vernünftige“ Jobs ein, die ein Auskommen versprachen. Ich las gern, Literatur faszinierte mich und insgeheim war auch der Wunsch nach dem eigenen Schreiben da-so kam ich auf den Buchhändler. Sicher ist es Heinrich Böll, Hermann Hesse und Wolfgang Borchert ähnlich gegangen, die ja alle zunächst eine Buchhandels-Lehre begonnen hatten. „Der Junge liest gern- steck` ihn in einen Buchladen.“
Ich lernte den Beruf nach einem anfänglichen Schock schon in meiner Ausbildung lieben. Zuerst sah ich mich als Kafka-Liebhaber vor Kleintier-Ratgebern und Landkarten, die ich verkaufen musste. Als ich mein erstes Schaufenster dekorieren durfte, wählte ich dafür ausschließlich Titel von Suhrkamp und Insel aus, die wir z.T. nur mit einem einzigen Exemplar vorrätig hatten. Die Chefin lächelte und ich merkte bald, dass der Buchhandel so nicht funktioniert. Wirklich schmackhaft wurde mein Beruf durch den Kontakt mit Menschen und die Auseinandersetzung mit dem Sortiment. Ich habe meine Ausbildung und die ersten Berufsjahre in einer kleinen Buchhandlung verbracht, in der ich bald vom Einkauf über das Bestellwesen bis zum Verkauf alles allein gemacht habe. Danach tingelte ich durch verschiedene Antiquariate und bin nun seit der Geburt meiner Kinder vor über 10 Jahren in Teilzeit bei einer großen  Kette beschäftigt, in der ich massgeblich für den Verkauf zuständig bin. Ich kenne also verschiedene Ausprägungen des Buchhandels.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Schwer zu sagen. Mit dem heutigen Wissen um die Schwierigkeiten, in denen der Beruf heute steckt, vielleicht eher nicht. Dennoch halte ich den Buchhändler, wenn er vernünftig ausgebildet ist und für den Beruf brennt, immer noch für den akademischsten aller unakademischen Berufe. In meinen Augen wird er heute zu Unrecht als beinahe überflüssige Bestellmaschine angesehen. Ich habe mittlerweile die für mich perfekte MIschung gefunden: Ich schreibe und veröffentliche selbst Bücher, lese immer noch manisch und kann meine Kenntnisse an einigen Tagen in der Woche durch Beratung und Verkauf an andere Leser weitergeben. Für mich persönlich ist der buchhändlerische Alltag immer noch spannend: der Zugang zu neuer Literatur, neuen Büchern, die unbegrenzte Informations- und Recherchemöglichkeit. Auch die Veränderungen in der Branche empfinde ich als Herausforderung. Was schwierig ist, ist der neu entstandene Druck und das deutlich herabgesetzte Ansehen meines Berufs.

Was fasziniert Sie an Büchern? Woher stammt die Liebe dazu?

Meine Liebe zu Büchern begann, rückblickend, eigentlich schon als Kind. Ich las nicht nur, ich bastelte eigene Bücher, Nachschlagewerke über Dinge, die mich damals interessierten. In Kladden klebte ich Bilder und schrieb dazu; mit etwa 15 kam ich darüber und über das Tagebuch-Schreiben zu kleinen Gedichten, die selbst illustrierte, heftete oder band.

Das Buch -und damit meinte ich die Einheit von Inhalt und Form- ist als Medium perfekt für den Transport unterschiedlichster Informationen. Es wurde schon so oft totgesagt und lebt noch immer, weil es kaum ein vergleichbar vielseitiges Medium gibt. Es kann die gesamte Bandbreite an Leserwünschen erfüllen -von der Unterhaltung bis zur Vermittlung von komplexem Wissen. Es ist mit seinen Bildern, Karten, Skizzen und den unendlichen Möglichkeiten des Satzes unglaublich variabel und war schon interaktiv, bevor es den Begriff überhaupt gab: Durch Unterstreichungen, handschriftliche Einträge und eingeklebte Zettel nimmt der Leser am Text teil und greift in ihn ein. Aus der Massenware Buch wird somit ein individuelles Objekt. Ein Buch kann so klein sein, dass es in der Tasche, eng am Körper, fast wie ein Teil davon transportiert werden kann und es kann so groß sein, dass es eigene Möbelstücke erfordert. Ein und derselbe Text kann in einer kleinen Form genauso funktionieren wie als riesige Ausgabe mit Bildern. Bücher können, wenn die Einheit von Form und Inhalt stimmt, zu einer Art Fetisch werden; einem Objekt, das unheimlich viel mehr in sich trägt als Buchstaben auf Papier.

 Gibt es Bücher, Schriftsteller, die Sie persönlich geprägt haben, die Ihnen wichtig sind?

Das sind unglaublich viele und unterschiedliche. Mein Revier als Buchhhändler ist wohl am ehesten die gehobene Unterhaltung. Ich schätze Bücher, die handwerklich gut gemacht und flüssig zu lesen sind, deren Ambition dennoch höher liegt als nur zu unterhalten. Natürlich schätze ich einige moderne Klassiker und privat auch eine Art Geheim-Kanon, der im Handel praktisch nicht auftaucht. Was für mich gar nicht geht, sind Bücher ohne irgendeine Art von Humor.

 

Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Seit dem Auftauchen des Online-Handels wird das Sterben des Buchhandels prognostiziert. Trotzdem lebt er noch, denn mit diesem lediglich anderen Vertriebsweg ließ sich leben. Mit der Verbreitung des Internets in  weiteren Bevölkerungsgruppen als den sowieso schon Technik-Affinen kam aber eine andere Problematik dazu. Der Buchhändler ist nicht mehr alleiniger Hüter der Kataloge und die Bandbreite der Bezugsquellen UND Anbieter von Literatur nahm zu. Früher kam das Buch vom Verlag, der Buchhändler bestellte es dort oder über den Zwischenhändler -weder zu dem einen noch dem anderen hatte der Endkunde wirklich Zugriff. Heute kommt das Buch vielleicht von BOD oder einem kleineren Anbieter dieser Art, von einem Selfpublisher oder oder oder. Für den Käufer ist es ein Leichtes, sich im Internet das gewünschte Buch zu bestellen. Dank dem Internet ist es für jedermann möglich, in seinem Bereich zum Experten zu werden. Der Markt hat darauf reagiert und ist in den letzten Jahren mit einem Feuerwerk neuer Genres explodiert. Ein Buchhändler kann aber, bei aller Liebe, nicht Experte sein für sämtliche Schweden-Krimis, homoerotische Fantasy, Chick-Lit UND lesbische Vampirromane. Oft wird aber genau das vom Kunden erwartet. Während der Kunde selber in der Regel ein oder zwei Interessengebiete hat, über die er im Netz recherchiert, soll der Buchhändler in ALLEN fit sein, denn jeder Kunde hält seinen Geschmack (und das ist durchaus verständlich) für massgeblich und ist enttäuscht, wenn der Buchhändler SEIN Buch nicht kennt.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Unsere Buchhandlung hat als große Kette natürlich schon lange einen Online-Vertrieb, der mit seinen Lieferzeiten, Konditionen etc. Amazon in nichts nachsteht. Wir weisen darauf hin und bieten den kostenlosen Versand nach Hause an. Viel wichtiger ist aber in unserem Konzept die Beratung. Anders als andere Ketten setzen wir auf eine recht hohe personelle Besetzung, die fast ausschließlich aus gelernten Buchhändlern besteht. Weiterhin spezialisieren wir Verkäufer uns auf verschiedene Genres, um gewährleisten zu können, dass in aller Regel für jeden Kunden ein kompetenter Verkäufer anwesend ist. Da wir am gleichen Ort eine weitere Filiale mit etwas anderem Konzept haben, ist es in unserem Fall so, dass die Kunden die Wahl haben, ob sie eine gute Beschilderung zum Selbst-Finden der Ware oder eine persönliche Auskunft und eventuelle Beratung haben möchten. Bei aller selbstverständlichen Anpassung unseres Konzeptes an die neuen Gegebenheiten sind wir also im besten Sinne auch „old-school“ und setzen auf die ehemals geschätzten Qualitäten des Buchhandels: Kompetenz, Beratung und Betreuung.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Er muss, ganz vereinfacht gesprochen, den Spagat schaffen, sich einerseitsmit dem Verkauf von Bestsellern zu finanzieren, andererseits aber dennoch Qualität zu bieten. Das gilt übrigens auch für die Verlage. Der Leser, der eben nicht die Massenware möchte, darf nicht das Gefühl bekommen, er sei in einer Buchhandlung fehl am Platz oder unerwünscht. Das Prinzip der Mischkalkulation muss m.E. wieder ernster genommen werden. In unserem Laden bieten wir natürlich Dan Brown und Dora Heldt auf prominenten Plätzen an, führen aber auch Manesse-Bücher, ein großes Lyrik-Regal und Titel  von kleinen und Nischen-Verlagen. Des Weiteren muss der Buchhändler sich wieder das Vertrauen der Leser erarbeiten, wieder zum kompetenten Ratgeber werden, der mehr beherrscht als Algorithmen. Das heißt konkret: er muss auch abseits des Mainstreams bewegen und den Mut haben, diese Titel auch anzubieten, wenn sie in Frage kommen. Nur Bestseller kann auch Amazon empfehlen. Heute muss der Buchhändler weit über den Tellerrand des Vlbs hinausschauen und die vielfältigeren Recherchemöglichkeiten des Internets nutzen. Ein “Das gibt es aber nicht.“ sollte nur nach Ausschöpfen aller möglichen Quellen fallen. Kennt der Kunde Autor und Titel nicht, weiß aber, dass der Autor am Samstag in der Talkshow XY aufgetreten ist, muss der Händler auf der Seite des jeweiligen Senders nachsehen, wer es gewesen sein könnte. Qualitität im Programm und in der Beratung sind gefragt.

 Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Für den durchschnittlichen Kunden, der einen konkreten Buchwunsch hat, macht es vielleicht keinen Unterschied. Bei uns nennt er Autor und Titel und in aller Regel kann ich ihm das Buch persönlich in die Hand drücken und ihm einen schönen Tag wünschen. Meine Kolleginnen an der Kasse packen es ihm dann gerne als Geschenk ein und schenken ihm ein Lesezeichen oder ähnliches. Allerdings muss er dafür das Haus verlassen und – wenn er einen speziellen Lesegeschmack hat, ist es eher unwahrscheinlich, dass wir das Buch vorrätig haben. Ein solcher Kunde neigt wahrscheinlich direkt zur einfachen Variante des Online-Kaufens. Für den Kunden allerdings, der noch nicht so genau weiß, was er will, bietet unser Konzept einen mächtigen Vorteil, wie ich finde. Oft erlebe ich, dass Kunden nur eine vage Vorstellung haben, was sie gerne lesen würden, aber keine Ahnung, was dem entsprechen könnte. Sie haben vielleicht einen Lieblingsautor, aber alle dessen Bücher bereits gelesen. Die Algorithmen Amazons können da evtl. noch Bücher anzeigen, die von anderen Lesern dieses Autors gekauft wurden. Aber wenn unter diesen sehr unterschiedliche Querbeet-Leser waren, ist das wenig aussagekräftig. Wir können ihm durchaus sagen, wer dem Stil seines Lieblingsautors nahekommt oder wer ähnliche Themen behandelt. Für die allermeisten Titel, so möchte ich behaupten, kenne ich eine gute Ergänzung. Ob sie jetzt ähnlich oder eben komplett anders und daher interessant ist, sei mal dahingestellt. Viele Leser sind froh, wenn sie auf neue Autoren aufmerksam gemacht werden, die sie sonst nicht so schnell entdeckt hätten. Allerdings erfordert dies ein Aufeinander-Einlassen von Buchhändler und Kunde, das m.E. nicht mehr selbstverständlich ist.

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Ein Stück weit gilt hier meine Antwort auf die Frage Nr. 4. Das E-book ist eine Darreichungsform des Textes. Es ist schnell verfügbar, leicht transportabel und hat somit durchaus seine Vorteile. Das gedruckte Buch geht m.E. weit darüber hinaus. Aber auch hier gilt: mit schlecht gemachten, billigen Büchern voller Druckfehler sticht man das ebook nicht aus. Billiger Druck auf billigem Papier und mit billigem Kleber aus China geleimte Bücher rechtfertigen nicht den Nimbus, den das Buch als Objekt einmal hatte. Für mich ist das Lesen eines E-books in etwa so, als schaue ich einen großen Kinofilm auf dem Laptop -ich kenne natürlich hinterher den Film, aber das Erlebnis ist ein anderes.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Generell versuchen wir alle Bücher, für die Nachfrage besteht, anzubieten. Wenn der Titel eines Selfpublishers für uns interessant sein sollte und er ist auf einem zumutbaren Weg zu besorgen-warum nicht? Allerdings würden wir keinem Titel hinterherjagen, der nirgendwo gelistet oder nur zu für den Laden unzumutbaren Konditionen zu beziehen ist. Ein gewisses Einhalten der Regeln muss gegeben bleiben. Die Fronten in diesem Konflikt haben sich ja sehr verändert. Früher galt der Verlag als Qualitätssicherung und wer keinen fand, konnte folglich nicht gut genug sein. Heute wiederum gilt es schon fast als Qualitätsmerkmal, NICHT in einem Verlag zu erscheinen. Die neuesten Plagiatsfälle rücken diese Euphorie schon wieder etwas gerade. Hier müssen sich die Verlage ein wenig an die Nase fassen und sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Es wird zu viel, zu schnell und zu günstig produziert. Lektorate etc. werden ausgelagert und eine umfassende Qualitätssicherung scheint oft nicht mehr gegeben zu sein. Die Profile der Verlage müssen wieder schärfer werden und ratsam wäre es eventuell, einfach mengenmäßig weniger und weniger austauschbare Bücher zu produzieren.

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Das ist eine komplexe Frage und ich bin mir überhaupt nicht sicher, wer der eigentlich richtige Ansprechpartner wäre. Die einfache Wahrheit: Wer schlechte Arbeit macht, sollte Pleite gehen- greift hier meines Erachtens nicht. Die Größenverhältnisse und finanziellen Mittel innerhalb der Branche sind sehr unterschiedlich. Ein Stück weit fehlt die Aufklärung. Warum ist die Buchpreisbindung in Deutschland wichtig? Wie läuft das überhaupt mit dem Buchhandel und warum sind einige Titel schwierig zu bekommen und andere nur über Amazon? Viele Kunden denken heute noch, dass ich nur zu faul zum holen, bin, wenn ich sage, das Buch könne morgen da sein. Von allen Seiten: den Händlern selbst, den Verlagen, dem Börsenverein wäre ein Schritt hin zu, Kunden ratsam. Amazon und andere Anbieter kopieren zu wollen ist keine Lösung. In nicht allzu ferner Vergangenheit staunte ich bei der Pleite des Schlecker-Konzerns darüber, wie sehr sich Öffentlichkeit und Politik für die sog. Schlecker-Frauen engagierte. Bei einer insolventen Buchhandlung, der die Kunden zum Online-Anbieter weggelaufen sind, sagt man: „Pech gehabt-Trend verschlafen!“ Obwohl momentan eine leichte Dosis Amazon-Bashing Mode ist, gibt es zu viele Kunden, die sich im Laden ausführlich beraten lassen, um dann freudestrahlend zu danken und zu sagen: „Ich bestelle es gleich im Internet!“ Letztlich ist wohl eine Sensibilisierung des Kunden von Nöten, von welcher Seite auch immer.

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

Mach es, es ist ein interessanter Job, der dir die Möglichkeit bietet, dir Wissen zu verschaffen und es weiterzugeben und der sich enorm entwickeln wird. Die nächsten Jahrzehnte werden Veränderungen bringen, an denen man teilnehmen und lernen kann. Such dir ein Spezialgebiet, auf dem du wirklich gut bist, engagiere dich. Erwarte aber keinen sicheren Job, in dem du 8 Stunden absitzen kannst. Lass dich auf Menschen ein und sei Dienstleister. Die ehemals hier und da vorgefundene Haltung, alleiniger Besitzer einer Art Geheimwissen zu sein, ist nicht mehr angemessen!

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Ich möchte generell von Schwarzweißmalerei abraten. Es gibt, bei Verlage, Selfpublishern, Buchhandlungen und Buchhändlern immer gute und weniger gute. Nicht alles, was in einem Verlag erscheint, ist gut und nicht jeder Selfpublisher verzapft nur Schrott. Andersherum ist auch nicht zwingend jedes selbstverlegte Buch der große Wurf, wie es mittlerweile beinahe dargestellt wird, einfach nur, weil es KEIN Verlag haben wollte. Man kann von der Kleinstadtbuchhandlung nicht das Sortiment einer Uni-Buchhandlung erwarten, wenn man ein hoch spezialisierter Leser ist- wenn man aber eher Mainstream liest, gibt es eigentlich keinen Grund, seine Vorort-Buchhandlung, die vielleicht nur einmal um die Ecke liegt, zugunsten Amazons zu verlassen.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Zoë Beck – Nachgefragt

©Victoria Tomaschko
©Victoria Tomaschko

Zoë Beck
Schon mit 3 Jahren begann die 1975 geborene Zoë Beck Klavier zu spielen, hatte mit ihrem Spiel Auftritte und gewann Auszeichnungen bei Wettbewerben. Nach dem Abitur folgte das Studium der deutschen und englischen Literaturwissenschaft, welches mit einer Magisterarbeit zu Elisabeth George abgeschlossen wurde. Nach dem Studium arbeitete Zoë Beck als Lektorin, TV-Producerin, Dramaturgin und Autorin in verschiedenen Bereichen. Zoë Beck lebt als freie Autorin, Übersetzerin und Redakteurin in Berlin. Von Zoë Beck erschienen ist unter anderem Wenn es dämmert (2008), Das alte Kind (2010), Der frühe Tod (2011), Das zerbrochene Fenster (2012).

Zoë Beck gewährt mit ihren Antworten einen spontanen und sehr authentischen Einblick in ihren Schreiballtag und die (Hinter-)Gründe, wieso sie tut, was sie tut.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich heiße Zoë Beck und wurde 1975 irgendwo in Mittelhessen geboren. Damals kannte man mich noch unter einem anderen Namen. Mit drei warf ich mich ans Klavier, mit fünf wäre ich am liebsten ausgewandert, und irgendwann bin ich dort auch weg, allerdings im Zickzack und ohne festes Ziel. Ich habe Literatur studiert, am Theater, beim Film, in Verlagen, beim Radio und für Zeitungen gearbeitet, und jetzt schreibe ich Bücher.

Ist Zoë Beck Ihr Pseudonym? Wenn ja, was hat sie dazu bewegt, eines anzunehmen?

Das ist mein Name. Ich habe noch ein geschlossenes Pseudonym, zu eben diesem Zweck – dass es geschlossen bleibt und niemand weiß, wer dahintersteckt. Aber Zoë, das bin ich. Ich habe damals einen anderen Namen angenommen, weil ich beispielsweise den ursprünglichen noch nie wirklich mochte und mich irgendwie auch mit diesem Namen in einem Kontext sah, in dem künstlerisches Schaffen weder gewünscht noch gewürdigt wurde. Außerdem wollte ich etwas anderes als zuvor schreiben, da brauchte ich einen Neustart. Auf vielen Gebieten. Hinzu kam, dass die Entscheidung in einen Zeitraum fiel, in dem ich sehr krank war und nicht wusste, wie es weitergehen würde. Zoë heißt übrigens Leben. Das passte dann irgendwie alles.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Nein, ich wollte nicht Schriftstellerin werden. Pianistin, ja, aber sonst wäre mir nicht so viel eingefallen. Es war eher Zufall. Eine Freundin arbeitete für eine Literaturagentur und fragte mich, ob ich nicht mal ein Buch schreiben wollte. Ich hatte zu der Zeit viel Erfahrung im Bereich Stoffentwicklung, Dramaturgie, Drehbuch und hätte nie gedacht, dass es funktioniert. Aber ein paar Wochen später war meine Leseprobe fertig, und ich bekam einen Vertrag über drei Bücher.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich lerne immer noch. Es ist vor allem Handwerk. Wie beim Klavierspielen. Wie bei den meisten anderen Berufen. Es heißt ja immer: Bis zu einem gewissen Grad kann man alles lernen, der Rest ist Begabung oder Talent. Die einen lernen es nie, die anderen sehr schnell. An der Uni hatte ich Creative Writing-Kurse, aber weniger, weil ich damals schon vorgehabt hätte zu schreiben, sondern wirklich einfach so. Klang gut, fand ich, und der Kurs lag zu einer bequemen Zeit, außerdem war die Frau, die es unterrichtete, nett. Als ich beim Film war, habe ich oft Drehbuchkurse belegt, aber auch das nicht, weil ich Schreiben lernen wollte, sondern um mich zu informieren, schließlich sollte ich Stoffe entwickeln und Drehbücher bearbeiten. Ich fand, da sollte ich auch ein wenig mehr darüber wissen, wie ein Drehbuch überhaupt geschrieben wird. Ich glaube, durch die praktische Arbeit an Filmstoffen, durch die Arbeit am Theater, durch viel Lesen habe ich eine Menge gelernt, und ich lerne wie gesagt immer noch.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Vorbereitung ist sehr wichtig. Recherche, Notizen, eine Outline schreiben – sehr, sehr wichtig. Natürlich ändert sich dann beim Schreiben immer noch etwas, manchmal sogar die ganze Geschichte. Aber ich muss wissen, was ich erzählen will. Wessen Geschichte ist es, und warum soll ich sie erzählen?

Wann und wo schreiben Sie?

Ich schreibe meist zu Hause, wobei das „zu Hause“ nicht mein eingetragener Wohnsitz sein muss. Manchmal miete ich mich für ein paar Wochen oder Monate wo ein. Im Café oder so kann ich nicht schreiben. Ich bin Nachtarbeiterin. Da kann ich am besten denken. Und ich muss allein sein.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein, Feierabend, Ferien, nein. Phasen, in denen ich was anderes mache, ja. Aber abschalten? Wovon denn?

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Oh, das ist aber eine schwierige Frage. Autorin sein ist eine Freude und ein Kampf und Glückssache und vor allem ein Knochenjob. Das will natürlich jetzt wieder keiner hören. Ist aber so, jedenfalls, wenn man es ernst nimmt. Sich ständig selbst hinterfragen, ständig am Stil arbeiten, ständig bewusstmachen, in welchem – auch und besonders gesellschaftlichen – Bezugssystem man steht, was man ausdrücken will. Ich schreibe ja nicht aus dem luftleeren Raum oder für ein ideelles Vakuum. Kämpfen muss ich jeden Tag an allen Fronten: gegen die eigene Nachlässigkeit oder Faulheit, gegen alles, was mich runterzieht und dazu bringen könnte zu sagen: ich schmeiß den Kram einfach hin, gegen Gemecker von Leuten, die es lieber hätten, dass ich mehr/weniger Blut/Sex/Gewalt/Leichen reinschreibe, gegen Vorwürfe, ich sei zu politisch/zu feministisch/zu lakonisch oder von allem einfach zu wenig. Der größte Kampf ist es, auf meinem Weg zu bleiben. (Oder ihn zu finden?) Die Freude, damit das nicht vergessen geht: die Freiheit, das zu tun, was mir Spaß macht.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

„Plötzlich“ entsteht eine Geschichte wohl nicht, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Aber dann hat es vorher schon lange in einem gearbeitet … Drei Dinge finde ich wichtig: Welche Figur will ich erzählen, welches Thema hat sie, und wo geschieht es? Von dort ausgehend entwickle ich die Geschichte. Was sich manchmal in der Tat „plötzlich“ ergibt ist, dass man weiß: Dies ist der richtige Ort, an dem die Geschichte stattfindet. Oder: Jetzt weiß ich endlich mehr über meine Figur. Nur so als Beispiele.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Da kann jede nur für sich selbst sprechen. Ich persönlich schätze die Zusammenarbeit mit einem Verlag/einem Team sehr. Aber warum soll nicht jemand sagen: Ich hab meine eigene Lektorin, jemanden fürs Cover, etc. etc., also probiere ich es jetzt selbst. Der Publikationsweg sagt nicht zwingend aus, ob eine Geschichte gut oder nicht gut ist. Es gibt in beiden Bereichen entsetzlich schlechte Geschichten. Und richtig gute. Da müsste man eher mal definieren, was nun eine gute Geschichte ausmacht. Ich muss allerdings sagen, dass für mich ein ordentliches Lektorat und Korrektorat dazugehört. Korrekte Rechtschreibung und Grammatik finde ich den LeserInnen gegenüber zumindest höflich. Eine funktionierende Dramaturgie tut jeder Geschichte gut. Am Stil zu arbeiten ist auch nicht verkehrt. Für vieles davon kann ein Verlag sorgen. Oder man sucht sich Menschen, die einem dabei helfen, die nicht verlagsgebunden sind.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ja, viele Figuren haben irgendeinen Teil von mir oder von Menschen, die ich kenne.

Sie haben 2012 den von der Autorenvereinigung DeLiA zum besten Liebesroman gekürten Roman Für immer und ledig geschrieben, hauptsächlich liest man von Ihnen aber Krimis. Wieso Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Nein, das ist wahrscheinlich auch so ein Klischee wie der Gedanke, dass alles irgendwie autobiographisch und damit sozusagen selbst erlebt sein muss. Ich schreibe schon über Themen, die mich beschäftigen, und bringe sie in Geschichtenform. Was das „Böse“ angeht, gibt es doch im wahren Leben um einen herum genug „Böses“, das eben nicht unterdrückt wird, so dass man es im Roman oder in einer Kurzgeschichte verarbeiten kann. Man müsste auch erst einmal das „Böse“ definieren. Da denke ich immer an Stephen King und so, und der schreibt ja keine Krimis. Oder ist damit das „Böse“ gemeint, das den Serienkiller dazu bringt, ein Serienkiller zu sein? Das wäre dann ein psychologischer Ansatz … Hm. Für meine Geschichten eignen sich da eher gesellschaftliche Schieflagen, Ungerechtigkeiten, Ungeheuerlichkeiten, Missstände. Die sind mir böse genug.

Sie spielen Klavier (sogar mit Auszeichnungen), haben studiert (als Stipendiatin), schreiben Drehbücher, sind als Filmproduzentin tätig, übersetzen, schreiben selber Kurzgeschichten, Krimis, Thriller – gibt es etwas, das sie nicht können oder gelingt einfach alles, was sie anpacken? Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Mir gelingt eine ganze Menge nicht. Deshalb konzentriere ich mich lieber ausführlich auf das, was halbwegs klappt J Ich langweile mich nicht gerne, und ich habe keine zeitaufwändigen Hobbys. Ich mache einfach den ganzen Tag das, was ich gerne mache.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss gut geschrieben sein.

Sie haben Ihre Magisterarbeit über Elisabeth George geschrieben. War es schwierig, die Professoren von einer Krimiautorin zu überzeugen? Wieso gerade Elisabeth George?

Der Professor hatte Kriminalliteratur als Forschungsgebiet, von daher war es eher umgekehrt – er hat mich an das Thema herangeführt. Elizabeth George bot sich damals an, sie stand durch ihre Verbindung von Krimi einerseits und Adeligensoap andererseits in einer bestimmten Tradition, die sie weiterentwickelt hat. Sich diesen Weg anzusehen, fand ich interessant: Was hat sich getan auf dem Weg vom einsamen Detektiv hin zum Ermittlerteam mit den ganzen privaten Problemen? Das war das Thema meiner Arbeit. Klingt heute schon wieder schrecklich überholt.

Gibt es sonst Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Elizabeth George lese ich gar nicht mehr. J Irgendwo gibt es Listen von mir, für die ich meine fünf, sieben, zehn Lieblingsirgendwas nennen sollte. Aber das ändert sich ja über die Jahre. Was gut ist. Sonst würde man ja irgendwo stehenbleiben.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Lesen, lesen, lesen.

Lesen. Aber auf keinen Fall Bücher, bei denen man denkt: Das kann ich aber auch. Sondern nur Bücher, bei denen man denkt: Verdammt, das schaff ich nie, so gut zu schreiben.

Immer misstrauisch sich selbst gegenüber bleiben. Nicht alles, was man formuliert und erdacht hat, ist es wert, veröffentlicht zu werden. Es gibt Mülleimer. Die sollte man nutzen.

Am Stil arbeiten. Und zwar am eigenen. Es dauert eine Weile, ihn zu finden. Er versteckt sich gern hinter dem, was viele Menschen irrigerweise für guten Stil halten. (Elmore Leonard hatte ein paar gute Tipps, übrigens.)

Jeden Tag üben.

Ich bedanke mich für dieses Interview!

Valeska Réon – Nachgefragt

ReonValeskaValeska Réon kommt 1962im Rheinland zur Welt und wächst in einer Hippie-Kommune in Renesse (NL) auf. Nach dem Abitur beginnt sie eine Friseurlehre und arbeitet als Model. Sie schreibt drei erfolgreiche Ratgeber und wendet sich dann der Belletristik zu. Neben ihrer Schriftstellerei arbeitet Michaela Marwich, wie sie im realen Leben heisst, als Privatdetektivin und ist als Vortragsrednerin im deutschsprachigen Raum unterwegs. Von ihr erschienen sind unter anderem unter dem Pseudonym Ela M. Das kleine Grüne (1997), Nie mehr wieder – oder doch? Der Mann, das unbekannte Wesen (1998) und als Valeska Réeon Blumen für ein Chamäleon (2012), Das falsche Spiegelbild (2013).

Valeska Réon hat mir einige Fragen beantwortet und damit persönliche und nachdenkliche Einblicke in die verschiedenen Facetten ihres bunten Lebens gewährt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Eine echt gute Frage, die ich an manchen Tagen selbst kaum beantworten kann, weil so viele Persönlichkeiten in mir schlummern. Das Chamäleon im Buchtitel beschreibt mich besser als jedes Adjektiv es könnte. Beste Freundin, Kumpel, Diva, Fashion-Süchtige und beste Ratgeberin für gute Freunde – alles Dinge, die ich mit leichter Hand bewerkstellige.

Sie schreiben unter Pseudonym, wieso haben Sie sich dazu entschlossen? Wie kam es zu diesem Pseudonym?

Wenn man hier in Deutschland Sachbücher geschrieben hat, nehmen die Verlage einen nicht mehr allzu gerne als Roman-Autorin. Und so habe ich mir den Namen gegeben, den ich als Kind schon so gerne gehabt hätte. Viele sind enttäuscht wenn sie hören, dass es nicht mein eigentlicher Name ist – und bestehen darauf, mich weiterhin Valeska zu nennen. Witzig!

Sie haben mit Blumen für ein Chamäleon Ihre Lebensgeschichte in einen Roman verpackt. Wieso war es Ihnen wichtig, diese Geschichte zu erzählen?

Es war mir gar nicht bewusst, wie wichtig es tatsächlich war. Aber nachdem ich dann die Resonanz der Leser gesehen habe, wusste ich, dass es das Beste war, was ich machen konnte. Und wenn es dann auch noch ins Kino kommen sollte, erreicht es noch mehr Leute und kann die von mir immer propagierte „Freude am Mut“ in die Welt hinaus tragen. Als Film wird es übrigens Transmorphose heißen.

Wie präsent ist Ihre Vergangenheit heute noch? Ist es für Sie wichtig, dass man Ihre Geschichte kennt? Wäre es nicht ab und an einfacher, im Hier und Jetzt als die wahrgenommen zu werden, die Sie heute sind?

Vielen Leuten wurde erst nach dem Chamäleon-Roman bewusst, mit wem sie es zu tun haben. Und da wurde mir erst klar, wie sehr ich im Jetzt und Hier lebe. Außerdem habe ich noch nie in der Vergangenheit gelebt. Wenn ich andere in meinem Alter treffe, die den Spruch loslassen „Ach ja, das waren noch Zeiten“ (zumeist begleitet von einem tiefen Seufzer), wundere ich mich immer wieder. Ich werde im September 51 und habe mich nie wohler und authentischer gefühlt!

Sie haben Ratgeber verfasst, eine Autobiographie, einen Krimi, arbeiteten als Model, Friseurin, Visagistin, sind Privatdetektivin und wohl noch vieles mehr. Woher stammt diese Vielseitigkeit? Ist es die Suche nach dem wirklich Richtigen oder sind es die vielen bunten Facetten Ihres Wesens?

Wenn man schon als Kind auf der Suche nach sich selber ist, hat man natürlich eine ganz andere Ausgangssituation und probiert auch Dinge aus, auf die kein „normaler“ Mensch kommen würde – *lach*! Aber tatsächlich sind es all die Facetten meiner Persönlichkeit, die sich zum Gesamt-Puzzle Valeska Réon zusammensetzen. Gerade erst habe ich das Angebot erhalten, in einer Werbekampagne für eine Buchmesse eine Baronin zu spielen, die in ihrem Schloss oder auch in ihrem Bentley am liebsten eines macht: Bücher lesen. Wieder eine neue Aufgabe, auf die ich mich riesig freue!

Wie kamen Sie dazu, als Privatdetektivin zu arbeiten? Wie wird man eigentlich Privatdetektivin und was für Menschen treten an Sie heran?

Da kamen mehrere Dinge zusammen. Schon als Kind konnte ich eine Lüge erkennen, sobald sie den Mund des Lügners verlassen hatte. Und der Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen ist eine extrem befriedigende Aufgabe. Hauptsächlich treten große Konzerne an mich heran, bei denen irgendetwas im Argen liegt: Weitergabe von Betriebsgeheimnissen, Unterschlagung, Mobbing etc. Und dann laufe ich dort als „Sekretärin“ auf, immer mit so schönen Namen versehen wie „Karin Sommer“ oder „Elke Schneider“, hübsch im dunkelblauen Kostüm mit blondem Bob, und mische mich unter die Belegschaft. Das ist für mich Inspiration pur. Und das Perückenzimmer in meiner Detektei würde selbst Lady Gaga die Sprache verschlagen!

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schon in der Schule war ich strohdoof in Mathe, konnte aber super Aufsätze schreiben. Meine Zeit als Model war interessant und ich möchte sie nicht missen, aber ich habe eine tiefe Abneigung gegen hohlen Hedonismus. Was lag daher näher, als für den nächsten Abschnitt meines Lebens auf die Schreiberei zu setzen?

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Einmal habe ich ein solches Seminar besucht, habe aber schon nach einer halben Stunde gemerkt, dass mich das eher blockiert als inspiriert. Die Geschichten müssen aus einem herausfließen, und ich sehe, dass ich mich von Buch zu Buch gesteigert habe. Mein neuer Krimi Das falsche Spiegelbild bewegt sich sprachlich auf einem ganz anderen Niveau als die vier vorangegangenen Bücher.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Von allem etwas. Zuerst einmal lasse ich mir einen knackigen Buchtitel einfallen. Bislang hatte ich immer das Glück, dass die Verlage diesen dann letztendlich auch für das fertige Buch benutzt haben. Dann mache ich ein Inhaltsverzeichnis, richte die einzelnen Kapitel im Word-Dokument ein und fange an zu schreiben. Seit einigen Wochen habe ich immer ein kleines schwarzes Büchlein dabei, und sobald ich einen guten Spruch höre oder einen interessanten Satz lese, schreibe ich ihn auf, um es später in der Geschichte zu verwenden.

Die Recherchearbeit kommt dann mitten in der Geschichte, wenn ich merke, dass ich Hilfe brauche. Beim letzten Buch habe ich mir Unterstützung bei DEM deutschen Gehirnwäsche-Papst geholt, Dr. Hans Ulrich Gresch. Ich wusste zwar, wie eine Gehirnwäsche funktioniert, aber es war für den Plot wichtig zu erfahren, ob und wie man sie wieder rückgängig machen kann.

Für die Fortsetzung des Buches habe ich mich bereits mit dem TV-Metereologen Sven Plöger getroffen, denn diesmal geht es u.a. um künstlich gemachtes Wetter.

Wann und wo schreiben Sie?

Bevorzugt abends in meinem Arbeitszimmer. Meine Wauzis liegen links und rechts neben mir, vor mir dampft eine Tässchen Tee, und schon kann es losgehen. Ich tippe alles direkt in den Computer, keine Handnotizen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Während des Entstehungsprozesses eines Buches kann ich gar nicht abschalten. Meine Figuren sind immer mit so viel Liebe ausgedacht und mit einer solch umfangreichen Lebensgeschichte versehen, dass ich aufpassen muss, sie nicht wirklich vor mir zu sehen. Sobald ein Buch fertig ist, kann ich jedoch ganz wunderbar abschalten. Dann fahre ich mit Freunden in mein Haus nach Renesse, wir kochen zusammen, lachen viel, machen lange Strandspaziergänge – und dann erwische ich mich auch schon wieder dabei, wie sich all diese Inspirationen bereits in einem neuen Buch manifestieren.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Das Leben als Autor ist das Ziel all meiner Träume – und was ich mir für die nächsten fünfzig Jahre durchaus vorstellen könnte. Die Freuden sind natürlich die vielen Mails von den Lesern die mir berichten, was meine Geschichten in ihrem Leben bewirkt haben. Oder wie sie sie zum nachdenken angeregt haben. Das war anfänglich ein etwas komischer Gedanke: Meine Ideen ziehen auf Papier gedruckt in den Alltag von anderen ein und entwickeln dort ein Eigenleben. Heute weiß ich: So muss das sein. Was mich etwas beunruhigt ist, dass immer weniger, gerade junge, Leute Bücher lesen. Daran müssen wir arbeiten.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Alles, was ich sehe, ist Inspiration pur für mich. Was andere glatt übersehen haben in ihrem Alltag, beschäftigt mich tagelang und wird zu einer Geschichte gesponnen. Witzigerweise liegt meinem neuen Buch Das falsche Spiegelbild keine einzige reale Begegnung zugrunde, es ist vielmehr die Summe aller Eindrücke der letzten Jahre, allerdings „remixed and re-recorded“.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

In Amerika funktioniert das schon ganz gut, ich für meinen Teil bin jedoch froh, bei einem der größeren Verlag untergekommen zu sein, der die ganze Werbemaschinerie für mich rührt und die entsprechenden Pressekontakte hat.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Na klar, meistens entdeckt man mich in den Hauptfiguren. Im neuen Krimi geht es, ohne zu viel zu verraten, um eine Frau, die nach einem Sturz von der Tower Bridge ihr Gedächtnis verloren hat und ein komplett neues Leben bekommt. Meine Freundinnen, die es vorab schon gelesen haben, sagen alle unisono: „Das bist ganz klar du!“ Aber auch die Frau, die sie früher einmal war und deren Leben in einem Rückblick erzählt wird, trägt viele Züge von mir, das ist dann der traurige und nachdenkliche Teil von mir. Beim Schreiben wurde mir wieder einmal klar, wie spannend die Frage ist: Wie viele Leben kann das Schicksal für uns eigentlich bereithalten?

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Oh je, erwischt, ich bin gänzlich unpolitisch – Asche auf mein Haupt! Wenn andere Autorenkollegen sich für ihre politischen Ziele einsetze, bewundere ich das umso mehr!

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Entweder superspannender Krimi oder einer dieser wundervollen Selbsthlfe-Ratgeber, die einen aus jedem Lebens-Tief herausholen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mein Lieblings-Buch: „You can heal your life“ von Louise L. Hay. Und ganz verliebt bin ich in die französische Trilogie „Die gelben Augen der Krokodile“ von Katherine Pancol.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  1. Lass dich nicht verbiegen.

  2. Schreib nur Geschichten, die aus dem Herzen kommen.

  3. Such Dir einen Verlag, der Deine Wünsche umsetzt.

  4. Mach Deinen Lektor / -in zu Deinem besten Freund.

  5. Und niemals vergessen: keine Publicity kann so gut sein wie die, die man selber für sein Buch macht. Sei Vorbild, zeig Deinen Lesern wie toll Literatur ist – und zieh Dir was Ordentliches an.

Waren, glaube ich, mehr als fünf Ratschläge!

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

Ronsdorfer Bücherstube, Wuppertal

logoDie Ronsdorfer Bücherstube ist eine kleine, gemütliche Buchhandlung im Südosten Wuppertals. Im Sortiment findet man Bücher für Groß und Klein, Sachliteratur zu vielen Themen, Kochbücher und Reiseführer, aber auch Hörbücher, DVDs sowie Lizenzen für den Download von E-Books. Auf der Homepage der Buchhandlung findet der interessierte Leser monatliche Buchtipps, aber auch vor Ort ist man mit allen Fragen und Wünschen gut aufgehoben. Mehrmals im Jahr öffnet die Bücherstube ihre Türen für verschiedene Veranstaltungen, seien es Lesungen oder Rezitate .
 Das Team der Ronsdorfer Bücherstube besteht aus Susanna Erb, Christian Oelemann, Sabine Täger, Manuela Romund und Michael Gebauer. Christian Oelemann hat mir ein paar Fragen zu seiner Buchhandlung sowie zur Stellung von Buchhandlungen in der heutigen Zeit beantwortet. Kurz und prägnant nimmt er Stellung zur aktuellen Situation.

COChristian Oelemann, wuchs als Sohn eines Buchhändlers und einer Violistin in Wuppertal auf und bewegte sich selber schon früh zwischen Literatur und Musik. Er ist Autor von Büchern für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, engagiert sich in Schreibprojekten mit Schulklassen und arbeitet als Buchhändler.

 

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Eine typische kleine Vorstadtbuchhandlung mit allgemeinem Sortiment und einem Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendliteratur.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Mir wurde der Beruf in die Wiege gelegt, denn sowohl Vater als auch Mutter waren Buchhändler.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Unter veränderten Umständen ja.

 Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Es wird zunehmend auf Billigkeit Wert gelegt. Die Idee des festen Ladenpreises wird seit Jahren durch Schnellverramschungen hintertrieben.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Sehr spürbar. Ich versuche, den Kunden alles das zu bieten, was die Onlinegiganten auch bieten.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Er muss sich seines eigenen Wertes wieder bewusst werden.

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Er kann sich beraten lassen (ich rate oft auch von Büchern ab!) und er darf das Buch bei Nichtgefallen problemlos zurückgeben.

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Nichts, weil es im Grunde keine ist. Die Frage lautet eher, ob man sich mit beiden Handlungsgütern auskennt und sie beide anbietet.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Nicht die Spur. Die Verlage vergessen zunehmend ihren gesellschaftspolitischen Auftrag!

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Mehr Nachhaltigkeit! Weniger Zeitgeistsurfen! Trifft auf alle Gruppen zu!

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

„Lass es bleiben!“

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Ja! Die geradezu unwürdige Behandlung von angestellten Buchhändlern seitens dubioser Geschäftsführungen.

Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Buchhandlung Jürgensen in Wuppertal-Vohwinkel

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Schule

Eckdaten:
Ronsdorfer Bücherstube
Staasstrasse 11
42369 Wuppertal
Tel: +49 (0)202 246 16 03
E-Mail: info@buchkultur.de
Web: http://www.buchkultur.de

Öffnungszeiten:
MONTAGS BIS FREITAGS
09:00 – 18:30 Uhr
SAMSTAGS
09:00 – 13:00 Uhr

Marie Matisek – Nachgefragt

MatisekMarieMarie Matisek führt einen chaotischen Haushalt mit Mann, Kindern und Tieren im idyllischen Umland von  München. Neben dem Muttersein und dem Schreiben pflegt sie ihre Hobbys: kochen, ihren Acker umgraben und Kröten über die Straße helfen. Ihre große Leidenschaft allerdings gehört der schönsten aller Inseln: Heisterhoog (die in Wirklichkeit ganz anders heißt, aber das ist geheim). Von ihr erschienen sind Mutter bei die Fische (2013) und Nackt unter Krabben (2013).

Marie Matisek hat mir einige Fragen zu ihrem Werdegang und ihrem heutigen Leben und Schreiben beantwortet. Sie hat das auf eine sehr authentische, frische und natürliche Weise getan, so dass sich beim Lesen ab und an ein Lächeln einschleicht.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin eine Frau, Mitte vierzig, verheiratet, zwei Kinder. Obwohl ich schon einige andere Sachen beruflich gemacht habe, würde ich rückblickend sagen, dass ich mich all die Jahre auf das Schreiben vorbereitet habe. Ich war am Theater und habe viele Jahre fürs Fernsehen geschrieben – so gesehen eine solide Ausbildung für die Schriftstellerei.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe immer schon gerne Geschichten erfunden, aber auch gelesen. Die Zeit am Theater war in dieser Hinsicht ein Traum: mit der  Beschäftigung mit Figuren und Stücken habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Als ich dann zum Fernsehen wechselte, habe ich gelernt, meine Phantasien und Geschichten nicht nur zu Papier zu bringen, sondern sie auch so aufzuschreiben, dass sie ein größeres Publikum interessieren. Aber ich hätte mich NIEMALS an ein Buch getraut! Erst als die Agentin meines Mannes mich ansprach, habe ich mich an ein Exposé gewagt.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Wie oben schon erwähnt: Meine Grundlage war die Beschäftigung mit Dramen. Ich bin Dramaturgin und erkenne (bei anderen :-)) schnell, ob ein Spannungsbogen stimmt, wo ein Wendepunkt sein müsste, wie man am höchsten Punkt aus einer Szene geht etc. Das ist Handwerk und wie jedes Handwerk in vielen Jahren gereift, erprobt und professionalisiert. Dennoch glaube ich, dass man mehr braucht, um schreiben zu können. Empathie, Leidenschaft, Phantasie, Intuition… Und Durchhaltevermögen! Vor allem dann, wenn einen gerade alles verlassen hat: Handwerk, Empathie, Leidenschaft, Phantasie, Intuition…

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich habe eine Geschichte und die Figuren im Kopf. Dazu gibt es meistens eine drei bis fünf Seiten lange Skizze. Dann schreibe ich drauflos, völlig planlos und bekomme spätestens in der Mitte totale Panik, ob und wie ich das Buch fertig bringe. Und nehme mir fest vor, das nächste Mal wirklich einen genauen Plan zu machen. Aber dann… s.o.

Wann und wo schreiben Sie?

Wenn die Kinder zur Schule gehen, gehe ich mit dem Hund eine Stunde Gassi. Das ist eigentlich der Arbeitsbeginn. Ohne diese mentale Vorbereitung kann ich nur sehr schlecht schreiben. Sobald ich nach Hause komme, gibt es eine Kanne Kaffee, Obst und Schokolade. Das brauche ich zum Schreiben. Ebenso einen Strauß Blumen und eine Kerze. Das steht dann alles auf dem Esstisch, um mein Laptop drapiert. Ich gucke beim Schreiben in den Garten, höre das Schnarchen von Hund und Katze, dann geht es los. Es ist immer das gleiche Ritual, jeden Tag zur gleichen Zeit, außer am Wochenende. Ich brauche diese Gleichförmigkeit. Am Nachmittag, Abend oder Wochenende arbeite ich auch, aber nicht kreative Schreibarbeit. Dann werden E-Mails geschrieben, die Facebook-Seite gepflegt, recherchiert, redigiert, Fragebögen ausgefüllt…

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich trage immer Figuren und Geschichten mit mir herum. Ich höre aufmerksam zu, bekomme die Inspiration für meine Geschichten eigentlich von überall. Also arbeite ich genaugenommen zu jeder Zeit. Das Bedürfnis, abzuschalten habe ich eigentlich nicht. Entspannen kann ich aber durchaus! Geben Sie mir ein Sofa und ich schlafe ein.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es ist für mich die Erfüllung schlechthin. Ich schreibe seit knapp vier Jahren. Seit einem Jahr ausschließlich, d.h. ohne mit etwas anderem Geld zu verdienen. Das ist nicht einfach, der Buchmarkt ist sehr schnelllebig geworden, die Halbwertzeit eines Buches ist leider kurz. Es gibt so viele Titel, man geht schnell unter. Das finde ich schwierig. Die äußeren Umstände – Vertrieb, Marketing, Anforderungen des Verlags – sind alle nicht einfach. Dafür habe ich beim Schreiben die größte Freiheit – und das lässt mich auch die Unannehmlichkeiten aushalten.

Autor sein bedeutet für mich: ganz bei sich sein. Es ist mein Traumberuf, ich möchte nichts anderes mehr machen bis ich eines Tages in Grab falle – an meine Tastatur gekrallt.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Alles! Alles! Alles! Es ist Selbsterlebtes, Gelesenes, Gehörtes, Gesehenes. Ich habe keine Notizbücher, schreibe nichts auf. Weil ich glaube, dass die Geschichten oder Figuren, Namen und Orte, die bei mir hängen bleiben, irgendwann den Weg in ein Buch finden. Manchmal gibt es nur einen Namen, manchmal eine Figur, die man im Kopf hat. Jahre später kommt eine andere Figur hinzu, eine Geschichte setzt sich zusammen. Es muss in mir lebendig werden, nur dann kann ich ein Buch daraus machen. Ich verbringe schließlich viel Zeit damit, da muss es stimmig sein.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ich kann gut verstehen, dass jemand, der entweder keinen Verlag gefunden hat oder mit seinem Ärger hatte, den Weg des Selfpublishing geht. Das ist richtig und es ist auch wichtig, dass es heute mit finanziell geringerem Aufwand möglich ist, als früher mit Books on Demand o.ä. Trotzdem wäre das für mich kein Weg. Der Verlag hält mir den Rücken frei und macht all die Sachen für mich, die ich nicht tun möchte. Ich muss mich (fast) nur mit dem Schreiben beschäftigen. Alles andere belastet mich und lähmt den kreativen Prozess. Die Vorstellung, dass ich ein Buch selbst vertreiben und bewerben müsste, wäre ein Horror für mich und würde Energien verbrauchen, die ich lieber ins Schreiben investiere. Außerdem bin ich existenziell auf die Vorschüsse der Verlage angewiesen – mein Mann ist ebenfalls Autor und wir müssen davon eine vierköpfige Familie durchbringen. Ein Buch komplett zu schreiben ohne dafür bezahlt zu werden, könnte ich mir gar nicht leisten. Insofern finde ich den Selfpublishing Markt auch etwas bedrohlich.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Marie Matisek steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Keine meiner Figuren ist autobiografisch, aber in jeder steckt Marie Matisek. Ich muss in die Rollen schlüpfen, um die Figuren schreiben zu können. Ich liebe sie alle! Auch die vermeintlich „Bösen“ wie Hubsi von Boistern.

Ihre letzten beiden Romane, Nackt unter Krabben und Mutter bei die Fische, handeln vom Leben auf einer Nordseeinsel, von Familienschwierigkeiten und Liebesdramen, alles aber immer mit viel Humor beschrieben. Ist Humor, wenn man trotzdem lacht oder was bewegt sie zu dieser kunterbunten Mischung?

Ich versuche auch im Leben, jeder Situation etwas Komisches abzugewinnen – ohne etwas lächerlich machen zu wollen. Brachialkomik kann und will ich nicht schreiben, Drama schon eher. Aber kaum habe ich eine zu Herzen gehende Szene geschrieben, schleicht sich schon wieder etwas Komisches ein, da kann ich gar nichts gegen machen.

Wieso schreiben Sie über die Nordsee, wieso erbte Falk einen Strandkorbverleih und keinen Münchner Biergarten?

Weil mein Mann und ich die Idee zu dem Buch bei einem Nordseeurlaub hatten. Im Strandkorb.

Gibt es neue Projekte? Bleiben Sie Ihrem Genre treu oder finden wir uns bald in einem Krimi von Marie Matisek wieder?

Marie Matisek ist nicht nur ein Name und eine Autorin, sondern auch eine Marke. Und die steht für Nordseegeschichten. Ich habe natürlich auch ganz andere Geschichten auf Lager, aber ein Genrewechsel ist für Autoren sehr, sehr schwer und wird von den Verlagen nicht gerne gesehen. Das wird dann unter anderem Namen sein müssen.

Im Moment habe ich den dritten Nordseeroman abgeschlossen, im nächsten Jahr schreibe ich Nummer vier. Was danach kommt – mal sehen.

Nackt unter Krabben spricht nebenbei die Lokalpolitik der Insel Heisterhoog an, wenn auch immer mit einem Augenzwinkern. Wollten Sie eine politische Botschaft vermitteln? Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich (nicht nur in ihrer Literatur) politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

 Nackt unter Krabben ist natürlich zuallererst Unterhaltung. Ich wollte damit keine politische Botschaft vermitteln, aber meine Haltung vermittelt sich indirekt. Ich habe sehr großen Respekt vor Autoren, die radikal gesellschaftspolitisch schreiben, man macht sich dadurch ja auch immer angreifbar. Und man darf die Kraft des Wortes nicht unterschätzen – wie viele Schriftsteller wurden und werden wegen ihrer Werke verfolgt! Tatsächlich sind aber oft gerade radikal persönliche Werke, in denen gesellschaftliche Realitäten einfach nur geschildert und nicht bewertet werden, sehr politisch. Ich glaube kaum, dass es einem Schriftsteller gelingt, seine Meinung vollkommen zu verbergen. Warum auch?

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Wumms.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ich hatte immer Phasen, in denen ich alles verschlungen habe, was ein Autor geschrieben hat. Das fing mit Agatha Christie an, ging über Dostojewski zu Siegfried Lenz und Paul Auster bis zu Arne Dahl. Sie sehen schon: alles dabei!

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Nein, das kann ich nicht. Schriftstellerei ist etwas zutiefst Persönliches, es gibt so viele Werdegänge die dorthin führen, die unterschiedlichsten Biografien… Ich glaube, wer schreiben will, wird seinen Weg finden, so oder so.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Andreas P. Pittler – Nachgefragt

PittlerAndreasAndreas P. Pittler wurde 1964 in Wien geboren, hat ebenda  Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft studiert. Schon früh bewegte er sich im Journalismus, veröffentlichte ab 1985 Sachbücher zu diversen Themen und über die verschiedensten Menschen, fungierte als Kritiker, verfasste eine satirische Geschichte Österreichs und gab einen Reiseführer über Europas Kurbäder heraus. 1990 kam der Sprung in die Belletristik, er publizierte in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien und liess 2000 seinen ersten Roman folgen. Neben seinem literarischen Schaffen betreut Pittler eine literarische Radiosendung, lehrt an der Donau-Universität Krems und gehört der Jury des Leo-Perutz-Preises der Stadt Wien an. Andreas P. Pittler ist verheiratet und wohnt – man ist geneigt zu sagen „wo sonst?“ – in Wien. Von ihm erschienen sind unter anderem Bruno Kreisky (1996), Rowan Atkinson, „Mr. Bean“ (1998), Tod im Schnee (2002), Samuel Beckett (2006), Tacheles (2008), Ezzes (2009), Tinnef (2011), Zores (2012), Der Fluch der Sirte (2013).

Andreas P. Pittler hat mir ein paar Fragen zu sich und seinem Schreiben beantwortet. Er tat das auf eine tiefgründige, sich und das Schreiben hinterfragende Weise, er legte dabei vieles offen und bot Einblicke – persönliche, sachliche, überlegte, anregende.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Die Frage „wer sind Sie?“ verleitet dazu, sich in Ausflüchten zu stürzen (also wenn man sie philosophisch auffasst und nicht damit beginnt, einfach einen Lebenslauf darzulegen). Mir fielen sofort zwei, drei Zitate ein, hinter denen ich mich verstecken könnte. „Wer bin ich?“ ist aber wohl die zentrale Frage menschlicher Existenz und das „Erkenne dich selbst“ vielleicht die spannendste Aufgabe im eigenen Sein. In der Tat glaube ich, mich durch mein Schreiben beständig ein bisschen mehr zu erkennen. Aber das ist wohl zeitlebens ein „Work in progress“.

Auch die Frage nach der Biographie ist keinesfalls einfach zu beantworten, denn diese setzt sich naturgemäß aus vielen kleinen Einzelteilen zusammen, von denen immer nur einige für eine gewisse Gruppe interessant sind. Würde ich mich etwa um eine Stelle bewerben, so würde es wohl kein Fehler sein, auf meine universitäre Laufbahn zu verweisen. Für meine LeserInnen ist diese jedoch vollkommen irrelevant.Wäre es mir hingegen darum zu tun, einem Mitmenschen aus meinem Leben zu berichten, so verwiese ich wahrscheinlich auf die Jugenderfahrungen, die dazu führten, dass ich jenen Weg einschlug, der mich eben ins Heute führte. Und vielleicht wäre „Er ging oft fehl, aber er kam ans Ziel“ ein schöner Spruch für meinen Grabstein.

Wofür steht das „P“ nach Andreas? Wieso steht es immer und wieso nie ausgeschrieben?

„P“ steht für Paul. Dies war der Vorname meines Großvaters. In der Schule, wo dieses zweite „P“ noch keine Rolle spielte, wurde ich gemeinhin „A.P.“ gerufen, woraus sich recht bald „APE“ und, daraus folgend, „Affe“ entwickelte (also „ape“ auf Englisch ausgesprochen). Nun finde ich heute die meisten Affen wirklich nett, aber als Pubertierender hat man doch seine Probleme mit einem solchen Attribut. Daher fügte ich das „P“ in meinen Namen ein und wurde zu „Apepe“, was sich (zumindest aus damaliger Sicht) schon besser anhörte. Und wie so vieles im Leben ist es mir bis heute geblieben, obwohl ich selbst es eigentlich gar nicht mehr verwende.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Als ich einmal im Rahmen eines Fragebogens diese Frage gestellt bekam, schrieb ich in jugendlicher Pose „Ich schreibe, weil ich nichts zu sagen habe“, was sich damals auf die Ohnmacht des Einzelnen in unserer Gesellschaft bezog, die einem keine Möglichkeit der (effizienten) politischen Partizipation lässt. Allerdings wäre es ein klein wenig unehrlich, meine Schreiblust allein auf diesen politischen Missstand zurückzuführen. Vielmehr war es wohl so, dass ich schon als kleiner Junge, als ich die Welt der Bücher entdeckte, so beeindruckt war, dass ich mir dachte, solche Werke will ich auch einmal schaffen. Und eines Tages war ich dann mutig genug, meine verbale Fabulierlust in Lettern zu gießen. Ein Prozess, der mit einem eigenen Tagebuch 1976 begann, sich mit Kurzgeschichten für die Schülerzeitung und pubertären Gedichten fortsetzte und seitdem ungebrochen anhält.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich denke, das Wichtigste ist, dass man seinen eigenen Stil findet. Man kann sich sehr viel von anderen AutorInnen, zumal von den Großen, abschauen, aber man wird nie selbst ein großer Autor, wenn man im Epigonenhaften stehenbleibt. Der Schlüssel zum guten Text scheint mir die Authentizität zu sein. Und vor allem muss man wissen, WAS man schreiben will. Für meine Krimis ist es mir z.B. von großer Wichtigkeit, in der Darstellung so realistisch und wirklichkeitsnah wie möglich zu sein. In anderen Genres wird es wiederum auf andere Besonderheiten ankommen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Prinzipiell schreibe ich einfach darauf los. Ein Buch von ca. 300-400 Seiten schreibe ich in ca. zwei Monaten. Allerdings ist es bei mir so, dass ich quasi mein Leben lang recherchiere, da ich praktisch pausenlos lese. Dabei stosse ich immer wieder auf anregende Passagen, interessante Geschichten und faszinierende Details, ja selbst auf gelungene Formulierungen. Diese Dinge speichere ich, um bei Bedarf auf sie zurückgreifen zu können. Und es kommt natürlich auch vor, dass mir, wenn ich gerade nicht in der Nähe eines Schreibgeräts bin, ein schöner Gedanke kommt, dann halte ich den wie im vorigen Jahrhundert mit Kugelschreiber auf einem Notizzettel fest, um ihn später einbauen zu können. Bemerkenswert erscheint mir auch der Umstand zu sein, dass ich zu Beginn meiner Krimis selbst nicht weiß, wer der Täter/die Täterin ist. Ich schreibe mit offenem Endergebnis los, und wer sich im Laufe der Geschichte als wahrscheinlichster Täter herauskristallisiert, der wird es dann (meistens) auch. Außerdem macht es mir großen Spaß, in meine Geschichten kleine „Palimpseste“ zu verweben, Anspielungen auf große Werke der Weltliteratur, vielleicht sogar direkte Zitate, die ich unerkannt einer Figur unterschiebe. Hiezu hat mich quasi Umberto Eco angestiftet, der diese Vorgehensweise bei „Der Name der Rose“ erstmals in großem Stil anwendete. Ich habe bspw. in einem meiner Romane eine Seite, die ausnahmslos aus Anfangssätzen deutscher Romane aus der Zeit zwischen 1950 und 1980 besteht. Ich bin dann immer gespannt, ob das jemand merkt, ob jemand reagiert. Natürlich dürfen solche literarische „Manierismen“ den Lesefluss nicht stören. Es ist quasi ein Extra für den Insider, ohne den Rest damit zu irritieren.

Wann und wo schreiben Sie?

Da ich auch (noch) einen Brotberuf ausübe, nachts und an den Wochenenden. Als beste Zeit hat sich dabei für mich jene zwischen 22 Uhr und Mitternacht entwickelt, weil da schon allgemeine Ruhe herrscht, niemand mehr anruft oder sonstwie Kontakt aufnimmt und man daher ungestört arbeiten kann.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wenn ich einen Roman abgeschlossen habe (wie jetzt gerade den sechsten „Bronstein“), dann lehne ich mich zurück und befinde mich für mich selbst im Urlaub. Allerdings bedeutet das nicht, dass ich nicht sofort an den Schreibtisch zurückkehre, wenn ich eine Idee habe, die nach Umsetzung schreit.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein empfinde ich als meine ureigene Berufung. Gerne wäre ich ausschließlich Autor, doch das ist in unserem System ökonomisch schwierig. Immerhin aber gibt mir die Schriftstellerei das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen, das mir zudem auch noch Freude bereitet (was ich von meinem Brotberuf in doppelter Hinsicht verneinen muss). Frustrierend sind für mich jene Momente, in denen ich erkennen muss, dass ich mich in einer Szene verrannt habe, so dass ich einen längeren Abschnitt einfach kübeln muss. Aber diese Emotion wiegt niemals die Freude auf, die ich empfinde, wenn ich einen neuen Roman fertiggeschrieben und dabei das Gefühl habe, eine Geschichte so gut wie mir möglich erzählt zu haben.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich habe das Gefühl, ich bin von Ideen nahezu umzingelt. Jedesmal, wenn ich die Zeitung öffne, springen mich drei, vier Themen an, aus denen man einen Roman machen könnte. Im Vorjahr las ich plötzlich eine kleine Notiz über einen libyschen Politiker, der tot aus der Donau gezogen worden war. Sofort und wie von selbst entstand in meinem Kopf eine Story rund um Verschwörung, Korruption, Unterschlagung und Mord. Die brauchte ich dann nur noch nach dem Diktat meiner Ganglien aufzuschreiben (mein aktueller Roman „Der Fluch der Sirte“). Ich kann das nicht wirklich begründen, aber in solchen Momenten sehe ich die handelnden Personen regelrecht vor mir und kann dabei auch hören, was sie sagen und wie sie es sagen.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Persönlich habe ich überhaupts nicht gegen Selfpublishing einzuwenden. Ich würde nur (derzeit) jeder/jedem davon abraten, weil die Branche an dieser Stelle immer noch die Nase rümpft, sich der erhoffte Erfolg also nur allzu selten einstellt. Mit den E-Books tu ich mich persönlich auch nicht so leicht, weil ich in der Ära der Stand-PCs großgeworden bin, die für mich immer noch primär eine bessere Schreibmaschine sind. Ich will blättern, riechen und im Wortsinne be-greifen. Aber ich bin natürlich nicht unglücklich, dass es meine Romane auch als E-Book gibt, denn eine neue Generation hat ihre eigenen Medien und so mögen die Jungen eben scrollen, wo ich blättere.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Andreas P. Pittler steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Als ich vor über fünf Jahren meinen Ermittler David Bronstein erfand, ging ich davon aus, dass ich hier jemanden porträtiere, der rein gar nichts mit mir zu tun hat. Eine bewusste Antithese sozusagen. Und dann stellte ich im Laufe der einzelnen Bände mehr und mehr fest, wie dieser Bronstein Zug um Zug von mir annahm. Mittlerweile könnte ich mich schon fast mit ihm identifizieren. Allerdings bietet das Schreiben auch die perfekte Gelegenheit, sich gefahr- und folgenlos ein Alterego auszudenken, dass tun und lassen darf, was immer es will, womit man auch ein klein wenig die eigene Phantasie ausleben kann, indem diese Figur Dinge tut, die man selbst vielleicht gerne einmal ausprobiert hätte, die man sich selbst aus welchen Gründen auch immer versagt.

Ihr Weg führte vom Journalismus über Sachbücher hin zur Belletristik. Was hat sie immer weiter bewegt? Sind sie nun angekommen? Was zeichnet die Belletristik im Gegensatz zum Sachbuch aus? Gibt es etwas, das ihnen fehlt aus den Bereichen Journalismus und Sachbuch?

Also eigentlich gäbe es ohne meine Ausbildung zum Historiker die „Bronstein“-Reihe gar nicht. Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass meine Geschichtsbücher stets nur jene Leser fanden, die ohnehin schon Bescheid wussten. Wollte man also gewisse gesellschaftspolitische Fragen einem größeren Publikum bewusst machen, so schien es angezeigt, dies in einem Format zu tun, das dem Publikum geläufiger ist und zu dem es einen Zugang hat. Ich glaube, ich habe mit meinen Romanen als Historiker mehr bewegt als zuvor mit meinen Sachbüchern, die außerhalb der Fachkreise weitgehend unbeachtet blieben.

Sie sind Österreicher, genauer Wiener. Beeinflusst ihre Herkunft ihren Stand auf dem deutschsprachigen Markt?

Unbedingt. In meinem Fall sogar noch mehr als sonst, da ich recht umfangreich vom Wortschatz des Wiener Dialekts Gebrauch mache, den man nördlich von Nürnberg wohl kaum mehr versteht. Das ist vergleichbar mit Krimis, in denen sich die Menschen des „Züri-Dütsch“ bedienen, womit man in Hamburg oder Flensburg auch eher auf Unverständnis stoßen wird. Gleichzeitig habe ich aber die angenehme Erfahrung gemacht, dass die „eigenen“ Leute es sehr zu schätzen wissen, wenn man in ihrer Sprache schreibt, denn hier in Wien sind meine Romane konstant geschätzt, wie sich an den jeweiligen Verkaufszahlen ablesen lässt.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

An dieser Stelle sind wir jetzt wieder bei den Sachbüchern und bei meinem erlernten Beruf als Historiker. Ich habe einfach festgestellt, dass ich mit meinem historischen Abhandlungen stets nur jene Menschen erreichte, die ohnehin schon um geschichtliche Zusammenhänge wussten. Daher nahm ich mir einen Satz von Dashiell Hammett zu Herzen, der einmal sagte, dass ein guter Krimi mehr bewirkt als dutzende politische Pamphlete. Tatsächlich ist es so, dass mich die politische Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte persönlich sehr beunruhigt und ich als Historiker erschreckende Parallelen zu den späten 20er und frühen 30er Jahren sehe. Daher will ich mit meinen Geschichten nicht nur unterhalten, sondern auch vor den Folgen warnen, die einer Gesellschaft drohen, wenn sie zu lange der Willkür einzelner tatenlos zusieht.

Ihre Krimis spielen in der Zwischenkriegszeit. Wieso haben Sie sich auf diese Zeit konzentriert? Was gefällt ihnen oder packt sie an der Zeit?

Viele gehen davon aus, dass diese Zeit abgeschlossene Vergangenheit ist. Doch nimmt man sie genauer unter die Lupe, so stellt man mit Schrecken fest, wie viele Ähnlichkeiten die Jahre 1927 bis 1933 mit unseren Tagen aufweisen: Bankenkrach, Massenarbeitslosigkeit, untätige Politiker, Demagogen, Perspektivlosigkeit der Jugend, all das gab es schon einmal und wir wissen, wohin das nach 1933 geführt hat. Persönlich denke ich, dass der Schock der Jahre 1933 bis 1945 eineinhalb Generationen lang wirklich tief saß und alle, wo immer sie auch politisch standen, sich dahingehend einig waren, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. Seit etwa 1990 ist aber eine neue Generation herangewachsen, der die Ereignisse des Nationalsozialismus so fremd sind wie die Christenverfolgung der Antike und die Hexenprozesse des Mittelalters. Daher erscheint es mir geboten, der heutigen Sorglosigkeit gegenüber historischen Zusammenhängen etwas Bewusstsein entgegenzustellen – und die charmanteste Weise, in der man das tun kann, scheint mir im Rahmen einer spannenden Geschichte zu sein.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Es ist jedenfalls keinen Nachteil, wenn er einen hat. Es ist allerdings kein Muss. Viele hervorragende Schriftsteller haben sich ausnahmslos mit Themen wie Liebe oder Spiritualität befasst, und ihre Werke sind dennoch großartig. Auch kann politischer Auftrag nicht heißen, Moralkeulen zu schwingen oder mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten. Der „Auftrag“ erfüllt sich, wenn die Leserschaft von sich aus zu dem Schluss kommt, dass eine Änderung beschriebener Missstände wünschenswert ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss spannend und intelligent geschrieben sein. Es muss Dinge beinhalten, die mich selbst zu eigenen Gedanken anregen. Es muss meinen Horizont erweitern. Manchmal genügt es aber auch voll und ganz, dass es mich gut unterhält oder mich einfach nur köstlich amüsiert. Letztlich ist es auch stimmungsabhängig, welches Buch mich wann wie anspricht. Nach einem harten Tag kann auch „Hägar der Schreckliche“ die richtige Lektüre sein. Andererseits ist es eine sportliche Herausforderung, wieviele historisch-philosophisch-theologische Anspielungen man in Joyces „Ulysses“ findet.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Die gibt es nicht nur, sie werden laufend mehr. Die Palette reicht hier von Samuel Beckett und James Joyce über den frühen Christoph Hein und Thomas Bernhard bis zu den großen Russen wie Puschkin, Gorki oder Majakowski. Es ist auch schön, immer wieder Neues zu entdecken, wo man dann quasi den Werdegang eines Autors/einer Autorin von Werk zu Werk mitverfolgen kann. Das ging mir bspw. bei Thomas Brussig so, aber auch bei Tanja Dückers oder Juli Zeh. Als Krimiautor beeindrucken mich natürlich die Großen des Genres von Hammett, Chandler und Glauser bis hin zu Vazquez-Montalban, Camilleri, Marklund und Markaris. Und natürlich eine ganze Menge deutschsprachiger Krimi-AutorInnen, die ich hier aber nicht nenne, um mir nicht den Unmut jener zuzuziehen, die ich vielleicht zu nennen vergessen habe.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

* Finde heraus, was Du schreiben/erzählen willst. * Schiele nicht auf Marktauglichkeit oder auf Vorgaben, die vermeintlich schnelleren Erfolg versprechen. * Übernimm von anderen Schriftstellern, was dir gut erscheint, kopiere sie aber nicht. * Lasse dich von Rückschlägen nicht entmutigen. * Bleibe dir unbedingt treu – besser, der Text bleibt (vorläufig) unveröffentlicht, als es erscheint ein Buch unter deinem Namen, das nicht (mehr) dein Buch ist.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Andreas P. Pittler für diese Antworten.

Nina George – Nachgefragt

 GeorgeNinaNina George
Nina George wird am 30. August in Bielefeld geboren. Sie beginnt mit 14 Jahren im Service zu arbeiten, verlässt die Schule vor dem Abitur, um beim Männermagazin Penthouse eine journalistische Ausbildung zu absolvieren. Die Arbeit im Service behält sie bei, bis ein unverschämter Gast sie so in Rage bringt, dass ihr erstes Buch Gute Mädchen tun’s im Bett –  böse überall entsteht und unter dem Pseudonym Anne West veröffentlicht wird. Seit 1999 arbeitet Nina George als freie Journalistin und Schriftstellerin, schreibt sowohl unter ihrem Mädchennamen Romane um Themen wie die Liebe und das Leben, als Anne West Bücher zu Themen der Sexualität und Erotik, unter ihrem verheirateten Namen Nina Kramer Thriller sowie mit ihrem Mann unter dem Pseudonym Jean Bagnol einen Provencekrimi. Sie hat seit 1992 etwa 24 Romane, Krimis, Science-Thriller sowie ca. 90 Kurzgeschichten und über 500 Kolumnen veröffentlicht. Nina George ist mit dem Schriftsteller Jens „Jo“ Kramer verheiratet und lebt im Hamburger Grindelviertel. Von ihr erschienen sind unter anderem als Nina George Der Weg der Kriegerin (2003), Die Mondspielerin (2010), Das Lavendelzimmer (2013); als Anne West Gute Mädchen tun’s im Bett – böse überall (1998), Schmutzige Geschichten (2004), Sex für Könner (2009), als Nina Kramer Ein Leben ohne mich (2008). Im Oktober erscheint ihr neuer Roman  Commissaire Mazan und die Erben des Marquis, den sie mit ihrem Mann Jo Kramer unter dem Pseudeonym Jean Bagnol geschrieben hat.

Nina George hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie tat das auf eine erzählende, persönliche und authentische Weise, die einen  wunderbaren Einblick in ihr Schreiben und Denken gewährt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin die Tochter eines ehemaligen Polizisten, der zu früh starb. Ich bin die Künstlerin, die sich selten so nennt. Ich bin die Moderne Fünfkämpferin, die aus dem Skilift fiel und Olympia im Schnee begraben hat. Ich bin die Nichtstudierte, die sich manchmal nach dem Hörsaal sehnt. Ich bin die, die sich selbst selten mit drei Worten beschreiben kann, außer mit solchen wie: „widersprüchlich, liebend, dual“. Ich habe das Gefühl, mehr als eine Biografie zu haben – eine politische, eine feministische, eine schreibende, eine mit vielen persönlichen Niederlagen, eine mit erstaunlichen Erfolgen; in jedem Fall aber eine ungerade.

Ich denke, ich würde, sofern ich mit 93 noch alle Latten am Zaun hätte, mich von Buch zu Buch, von Mann zu Mann, von Schub zu Schub vortasten, um mein Leben zu erzählen; vor allem aber möchte ich die Dinge erzählen, die eine Wendezeit einleiteten. Tod, Schmerz, Liebe – und die Augenblicke, in denen ich einfach ins Ungewisse sprang.

Ich glaube, zum Schluss wäre es eine Geschichte darüber, was ich alles ausprobiert habe, um am Ende des Lebens nicht zu hadern: Warum habe ich es nicht einfach getan?

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe, glaube ich, schon hundert Mal auf diese Frage geantwortet – und suche immer noch nach DER Antwort. Sie verändert sich von Jahr zu Jahr, so, als ob ich erst mit dem Schreiben erfahre, warum zum Teufel ich diesen Beruf gewählt habe. Und nicht einen, der mit weniger Kränkung, Risiko, Geschmacksauseinandersetzungen und Gefühlsuntiefen behaftet ist.

Ich schreibe – unter anderem – weil ich zu viel fühle. Ich nehme Menschen überdeutlich wahr und muss irgendwohin damit. Ihre Trauer, ihren Witz, ihre Hoffnungen, ihr Ins-Leben-geworfen-Sein. Wenn ich von ihnen erzähle, geht es mir besser.

Ich schreibe, weil ich so gern Geschichten erzähle, die trösten, amüsieren, Mut machen. Ich wollte einst die Welt retten, so rette ich vielleicht die eine oder andere Stunde.

Ich schreibe, weil ich gern in den Abendstunden und noch lieber allein arbeite, mir aber ein Job als Concierge im Hotel nur als drittbeste Idee vorkam.

Ich schreibe, weil ich es bereits die längste Zeit meines Lebens tue (21 Jahre von bald 40) und da nicht mehr rauskomme. Ich bin es gewohnt.

Ich schreibe, weil ich dann ständig etwas Neues sehen, erleben, erfahren und davon berichten kann.

Ich schreibe auch, weil Journalistin, Reporterin zu sein, sich so anfühlte, als packte ich die Welt fest mit beiden Händen und als erstickte ich nicht in der Beschränktheit meines Horizonts.

Ich schreibe, weil ich dann mehr Leben als nur meines lebe.

Und weil Stephen King und John Irving so unendlich saucool sind.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich unterscheide gern zwischen kreativem Schreiben und professionellem, sprich: erzählendem, fiktionalem, durchdachtem, überarbeitetem Schreiben.

Bei dem ersteren geht es um den Entwicklungsanschub, um die Fähigkeit, aus dem Gebrauchsschreiben heraus zu kommen, seine emotionale, empathische, kreativ-chaotische Seite zu entdecken und in Schwung zu bringen. Das ist wudnerbar, um sich „zu befreien“ und zu entdecken, ob man in sich eine Wortliebe, eine Fabulierlust, ein unentdecktes Feld von Eindrücken, Beobachtungen und Themen besitzt, die man schreibend ausdrücken will. Anstatt sie beispielsweise zu tanzen, zu malen oder in Frickeleien an Sandkunstwerken auszuleben.

Aber um Schreiben als Beruf auszuüben, muss das Handwerk gelernt werden. Niemanden befällt die Muse und er oder sie „weiß“ auf einmal ganz geschmeidig, wie das geht mit der Dramaturgie, der Figurenentwicklung, dem Aufbau von Spannung, der Wirkung von langen Sätzen im Gegenteil zu den kurzen.

Mit 19 gelang mir aufgrund meiner Einsendung einer sehr kraftvollen, sehr wütenden Kurzgeschichte an ein gewisses Magazin meine erste Veröffentlichung. Die Redaktion bildete mich später knapp drei Jahre (bis 1995) aus, danach arbeitete ich – seit 1999 frei – als Redakteurin, Reporterin, Interviewerin für Tageszeitungen und Zeitschriften.

Ich bin es durch den journalistischen Weg gewohnt, das Schreibhandwerk als solches zu betrachten. Ich beschäftigte mich im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr mit Techniken, Instrumenten, Kniffen und Ansichten über das fiktionale Erzählen; außerdem entwickelte ich parallel dazu „meine“ Themen, meine Stimme und meinen Stil.

Noch heute kann ich an keinem Buch vorbei gehen, das mir etwas über das Schreiben erzählt, ohne nicht zumindest rein zu schauen.

Und ich lese jeden Roman, jedes Essay, jede Glosse, zweimal: einmal mit Genuss, und einmal mit dem analytischen Blick: Wie hat sie das gemacht? Wie hat er das hingekriegt?

Heute weiß ich, dass das professionelle Schreiben aus fünf Elementen besteht.

Talent, um sich überhaupt dafür zu interessieren. Disziplin und Zähigkeit, um das Langwierige daran auszuhalten. Resilienz, um nach Rückschlägen, Niederlagen, Ablehnungen oder Kritik wieder aufzustehen. Eine „Erzählreife“. Ja, ein gewisses Lebensalter. Um nicht nur etwas erlebt zu haben, sondern auch, um es durchdacht, durchfühlt zu haben; die wirklich interessanten Dinge habe ich persönlich zum Beispiel erst zu erzählen, seitdem ich rascher auf die Vierzig zuschreite.

Und letztlich: Eine sichere Handhabe der eigenen Schreibe, die, wenn man es zusammen zählt, um siebzig bis hundert größere Fertigkeiten und kleinere Taschenspielertricks umfasst. Von Metaebene bis Wortwitz.

Fragen Sie mich noch mal nächstes Jahr, dann weiß ich schon wieder etwas anderes – oft ist es so, dass der Schriftsteller das, was er Montags konnte, am Mittwoch schon nicht mehr beherrscht. Und was er am Donnerstag nicht probiert, Freitag schon nicht mehr weiß.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich habe zwei getrennte Schreibleben; das journalistische und das belletristische. Das erstere ist termingebunden, konzepttreu und so dienstleistungstauglich, dass ich es in jeder Gemütslage überall tun kann. Ich habe „ständige Konstrukte“ im Kopf, wie ich was erzählen kann – als Glosse, als Märchen, als These, als Report, als Reißer oder als Story, die vor allem durch ihre schmackhaften Wörter wirkt.

Bei dem belletristischen Weg heißt es im ersten Wurf: zwei Drittel nachdenken und durchfühlen und ein Drittel der Zeit schreiben.

Ich konstruiere und schaffe die Figuren, ich denke solange über ihre Biografien, Verhältnisse und Aufgaben untereinander nach, bis es stimmt. Das kann Monate dauern, manchmal Jahre.

Ich zurre das „Metathema“ jedes Romans vorher ganz, ganz fest – erst, wenn ich mit einem einzigen Satz (bestehend aus nicht mehr als 10, 15 Wörtern ) ausdrücken kann, worum zum Teufel es in der Geschichte wirklich geht – erst dann beginne ich.

Geht es darum, den Platz im eigenen Leben zu finden?

Geht es darum, nach dem Tod der Liebe wieder Mut für ein zweites Mal lieben zu sammeln?

Geht es um die Kleinheit in der großen Welt?

Geht es darum, dass auch Rache nicht tröstet?

Wenn ich dieses unsichtbare Rückgrat nicht habe – und wenn ich nicht das Ende weiß – fange ich erst gar nicht an.

Denn an diesem unsichtbaren Rückgrat mit dem Ende als Anker orientieren sich der Hauptplot und die Nebenstränge, die Wortwahl und die Stilebenen, der Humor und das Tempo.

Im zweiten Wurf folgt das Überarbeiten (und das Buch zur Hälfte neu schreiben).

Im dritten kürzen, umstellen und schleifen. Und zweifeln. Und heulen. Und den Laptop aus dem Fenster werfen und mich am liebsten gleich hinterher.

Ich denke, Nachdenken, Zweifeln und Überarbeitung sind die größten Blöcke, das Schreiben dazwischen ein ewiger Versuch.

Wann und wo schreiben Sie?

Täglich in zwei Schichten, die erste (journalistische) nach der Korrespondenz am Morgen, die zweite Schicht von 17 bis 23 Uhr. Mal am Küchentisch, wie jetzt, mal im Wohnzimmer am Esstisch, mal im Arbeitszimmer. Oft auf Reisen und in Schreib-Exilen, auch dort vorwiegend an Esstischen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein. Ja. Weiß nicht.

Das sind Antworten, in die ich Jahr für Jahr anders hinein lebe.

Ich bin immer auf Empfang, auch wenn ich träume, es gibt keine Grenzen zwischen Sein und darüber Schreiben. Ständig geschieht die Welt, vom Tahirplatz bis zum Streit meiner Nachbarn.

Andererseits sind Pausen extrem wichtig und nötig, weil das Schreiben, das Fühlen, das sich für Themen so intensiv interessieren bis man taub und blind für anderes ist, auch wund macht. Zudem braucht es für das Denken dringend die Zeiten, in denen man einfach nix tut, sondern auf das Meer starrt und im Kopf auf Sommerpause stellt. Man muss manchmal leer sein, um sich wieder zu füllen.

Ich erhole mich vom Schreiben vermutlich beim Lesen, es sei denn, das, was ich lese, ist so wunderbar, dass ich sofort wieder Lust zu schreiben habe! Das passiert mir bei Anna Gavalda zum Beispiel ständig. Oder bei Irene Nemirowsky.

Ich schwimme, ich starre aufs Meer, ich koche, ich atme, ich zähle die Wiederholungen beim Rückentraining.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich kämpfe mit Bandscheibenvorfällen, E-Bookpiraten, unverschämten Vertragsbedingungen, Selbstzweifeln, eingeschlafenen Händen, unterkühlten Füßen, Wutanfällen, Selbstmordgedanken, Eitelkeiten, Todesangst („lebe ich lang genug, um alles zu erzählen was wichtig ist?“), Faulheitsattacken, Krea-Tiefs ohne auch nur einen einzigen zündenden Einfall. Ich kämpfe mit mir und gegen mich, gegen Vorurteile über das schreibende Leben, ich kämpfe um jeden Cent. Ich freue mich, wenn ich LeserInnen berühre, tröste und zum Lachen bringe, wenn ich Mut mache und wenn ich verstanden werden. Ich freue mich, wenn ich genug Geld gespart habe, um eine Reise zu machen. Ich freue mich, wenn ich mein Buch im Schaufenster sehe oder mir jemand sagt, er habe Sätze darin unterstrichen. Ich bin dann so verlegen und diese Verlegenheit ist unfassbar grandios.

Was es für mich bedeutet? Es ist nicht so, dass „Autorin sein“, gar „Bestsellerautorin“, ständig durch den Tag mitschwebt. Meist merke ich nicht mal, dass ich Autorin, Schriftstellerin bin; ich tue es und gut. Es ist ein bisschen wie mit der Liebe: Ich kann es nicht erklären, warum mir mein Beruf so nah, so wichtig, so überlebensnotwendig ist. Ich vermute, ich bin am meisten ich, wenn ich schreibe. Sonst gehe ich verloren, wenn ich keine Wörter und Buchstaben habe, die mich halten.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

„Plötzlich“ geht da nur selten etwas. Ich habe inzwischen sieben Romane geschrieben, und bei jedem gab es einen eigenen Weg, einen eigenen Auslöser und ein eigenes Tempo, wie sich daraus eine ganze, tragende Story über 300 oder mehr Seiten entwickelte.

Mal eine Beobachtung in einem Café: fünf angesäuselte Rentner am Montagmittag in der Bretagne (Die Mondspielerin). Mal eine bekloppte Frühlingsdiät-Anzeige: „Fünf Kilo weniger in drei Tagen: so geht’s!“ (Wie der Teufel es will). Mal eine Zeitungsmeldung auf der letzten Seite unter „Vermischtes“: 52-Jährige Italienerin bringt gesunden Sohn zur Welt – künstlich befruchtetes Ei war zwölf Jahre tiefgefroren (Ein Leben ohne mich, ein Thriller über den Handel mit Sperma und Eiern, unter Nina Kramer). Mal ein Büchlein von Kästner: Die lyrische Hausapotheke (So enstand das Bücherschiff von Perdu in Das Lavendelzimmer). Mal eine Katze, die in einem provencalischen Fünf-Sterne-Hotel höchst elegant eine Thunfischpastete stahl (der Auslöser für den Provencethriller Commissaire Mazan und die Erben des Marquis, den ich mit meinem Mann Jo Kramer gemeinsam unter dem Pseudonym Jean Bagnol schrieb).

Wenn eine Idee trägt, dann ist sie haltbar, über Tage, Wochen, Monate. Wenn sie einfach nur „schön“ ist, aber leider kein Potential hat, sich weiter zu entfalten, vergeht sie von selbst.

Manchmal sind Ideen wie Türen zu Zimmern und Fluren: Bei manchen, oft den funkelhübschen Toren, lande ich nach wenigen Seiten in der Abstellkammer, wenn ich sie weiter verfolge. Bei anderen Ideen, den oft auf den ersten Blick unscheinbaren wie eine Pressspantür, lande ich auf einmal in einem großartigen, weitläufigen Garten mit Schloss, Pool und angeschlossenem Minotaurus-Labyrinth. Wunderbar.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Vorsichtig optimistisch. Als Wortaktivistin empfinde ich die digitale Literaturwelt als enormes, grandioses Spiel- und Entwicklungsfeld.

Die Möglichkeit, sich selbst mit wenigen technischen Hürden und relativ wenig monetärem Einsatz selbst zu publizieren, rettet all die AutorInnen, die vorher viel zu viel Geld den Pseudoverlagen und Druckkostenzuschuss-Verlagen in den gierigen Schlund gestopft haben. Wer nicht weiß, was genau ich damit meine, schaut bitte einmal hier vorbei: http://www.aktionsbuendnis-faire-verlage.com/web/

Ansonsten gibt es, wie immer im Leben, zwei bis tausend Seiten dieser literaturtechnischen Entwicklung. Es ist erlaubt, mehrere Perspektiven zu haben.

Die kritische: Natürlich wird es viel Banales, Schrottiges, Langweiliges, Eitles, Sperriges, Unlesbares oder sogar frech zusammen Kopiertes (Gercke-Gate) und Nachgeahmtes (Shades of Schlag mich die siebenundzwanzigste) unter den rund 200.000 selbstpublizierten deutschsprachigen E-Books geben.

Sich als LeserIn da durchzusuchen, womöglich Zeit und Geld zu verschwenden, ist ärgerlich und trägt nicht gerade zum Ruf der SP-AutorInnen bei.

Die handwerkliche: Als digitale SP-AutorIn ist man der Frage ausgesetzt: Was selber machen? Was sein lassen? Es ist ja nicht nur Schreiben und Hochladen; die Leistungen eines Verlages sollte man nicht unterschätzen.

Lektorat, Korrektorat, Cover, Schriftbild, Reklame, Vertrieb, Vertrieb, Vertrieb; Abrechnung, Lizenzmodelle – was von dem muss sein, was kann sein, was ist zu vernachlässigen? Welcher Leserschaft reicht das, was ich ohne größeren Aufwand zu bieten habe, wie kalkuliere ich mein 1,99-Euro-Werk, könnte ich davon textliche Verbesserungen bezahlen, z.B. einen LektorIn für rund 2000 Euro oder wenigstens ein anständiges Korrekturprogramm für 300? Kann ich es mir leisten, in Vorleistung zu gehen, ohne Vorschuss, und mir ein „Zubrot“ verdienen, lohnen sich Aufwand und Ergebnis?

Und wie erreiche ich all die Leute (und vor allem die 20 Prozent VielleserInnen!!), die lieber noch auf Papier lesen? Wie gehe ich damit um, dass am Ende des Monats die Rückgaben der E-Books reinkommen? Wie wehre ich mich gegen Plagiate, gegen E-Book-Piraterie? Denn leider machen die Portale nicht vor SP-KollegInnen halt, was ich persönlich noch gemeiner finde: Da stellt sich jemand auf eigene Füße, ohne Verlag, und wird dann frech von Leutchen beklaut, die ihr Tun damit rechtfertigen, der pösen pösen „Content-Mafia“ die Geschäftsgrundlagen entziehen zu wollen. Aber dann bei Indies klauen?!

Die befürwortende: Nicht jede/r SP-AutorIn ist ein von renommierten Verlagen aufgrund von mangelnder Qualität oder Lektoratsresistenz abgelehnter Autor. Die Qindie-Bewegung etwa setzt sich vehement für Qualitätsbewusstsein ein. Und so mancher etablierte Autor versucht, seine Backlist zu pflegen oder mal eine neue Idee, ein neues Genre, per SP auszuprobieren.

Die literatur-künstlerische: SP und digitale Echtzeitveröffentlichung ermöglichen das Erkunden von neuen Genres, eröffnen neue, dynamische äußere Formen des Erzählens. E-Books mit Bildern, Musik oder Links, Twitterstories, Handyromane, digitale Miniaturen, interaktives Erzählen, Fanfiction, Crossover-Projekte, Figuren „besuchen“ andere Romane, kollektives Erzählen in Echtzeit, Probelesen, Protagonisten mit eigenem Facebookprofil, flexible Kommunikationsmöglichkeiten mit den AutorInnen, Brainpools, Fishbowls, Titelgeneratoren … es ist immer gut, wenn Literatur in Bewegung bleibt. Das heißt nicht, dass das Neue besser ist – es ist erst mal nur „anders“.

Gerade wir SchriftstellerInnen haben eine (künstlerische, politische) Verpflichtung, unsere Wahrnehmung dicht am Leben zu haben, auch an den Veränderungen, die unsere eigene Lebenswelt betrifft.

Das Wort ist unsterblich, egal mit welchem Trägermedium es daher kommt – gesungen, in Marmor gemeißelt oder über Satellit aufs Streicheltablet übertragen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Nina George steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich bin zu 100 Prozent in allen Geschichten – und nirgends ist etwas aus meiner Biografie.

Geht das? Das geht! Natürlich filtert sich das, was ich erzähle, durch meine Gefühls- und Wissenswelt hindurch, sonst wäre es ja einfach nur abgeschrieben, stimmlos, beliebig.

Aber andererseits habe ich als Nina nichts in den Stories zu suchen. Die Figuren haben eine eigene Persönlichkeit, ihre Lebensstationen haben mit meinen nichts gemein und ich habe nicht vor, meine Erzählungen als Friedhof enttäuschter Eitelkeit oder gar als Flaschenpost meiner „Weisheiten“ zu benutzen. Dieses „Was will die Autorin uns damit sagen?“ hat mich als Schülerin schon abgestoßen. Muss der Autor denn immer „was zu sagen“ haben? Kann er nicht einfach mal erzählen, was andere zu sagen haben, oder vom Alltag befreien? Muss er denn immer eine Botschaft haben?

Manchmal ist ein Hauch Echo zu verspüren; doch ob ich in Jean bin oder er in mir? Ich hatte eine Zeit, in der ich wie diese Figur keine Musik hörte, nicht sang, nicht Klavier spielte, und weinend zusammen brach, wenn mich jemand umarmte. Ich hütete mich vor jedem sinnlichen Eindruck, der meine Schutzhülle durchbrechen konnte, die ich aber brauchte, um zu überleben. Das war in den zwei Jahren nach dem zu plötzlichen Tod meines Vaters.

Und es gab auch eine Regung von Marianne, der Mondspielerin, die ich teilte mit Mitte, Ende Zwanzig: Das Gefühl, an der Seite eines ich-bezogenen Mannes gefangen zu sein, der mich niemals mit Koseworten umwerben würde, und an seiner Seite lebendig zu verenden.

Ihre letzten beiden Romane, Das Lavendelzimmer und Die Mondspielerin, handeln beide von unglücklicher Liebe, von Flucht vor dem eigenen Leben und den eigenen Gefühlen, aber auch davon, sich dem Leben (wieder) zu stellen. Wieso haben Sie sich den Geschichten nach dem sogenannten Happy End gewidmet?

Weil das Happy End im Leben nicht vorkommt.

Sie schreiben unter verschiedenen Pseudonymen zu verschiedenen Themen und in verschiedenen Genres. Wie kam es zu dieser Vielfalt? Dürfen wir auf eine multiple Persönlichkeit schliessen? Gibt es ein Lieblingsfach oder ist es immer das aktuelle?

Viefalt empfinde ich als zutiefst menschlich. Wir alle haben ja einen Hang zu mehr als nur einem Lebensthema; und es interessiert mich einfach wahnsinnig vieles. Alles! Und jedes Thema will auf „seine“ Art erzählt werden. Wenn ich über das Klassensystem Frankreichs erzählen will, kann ich das im Krimi spannender als innerhalb eines Beziehungsdramas. Wenn ich über die Macht der Bücher schreiben will, wähle ich den „Entwicklungsroman“, die Queste, in der mein moderner Odysseus, in dem Fall Jean Perdu, sich selbst auf den realen Flüssen und an den virtuellen Meeren von Wörtern sucht. Und wenn ich über die Psychologie der Anziehung oder von der verqueren Erotik von Beziehungsdesastern schreiben will, wähle ich mein Alter Ego Anne West. Es ist alles aus einem Kopf, nur schiebe ich mal die eine, mal die andere Facette mehr nach vorne.

Ihr Mann schreibt auch. Überwiegt der Komfort des sich verstanden Fühlens dadurch, dass der andere die eigene Welt kennt oder kommen sie sich eher in die Quere, weil beide immer wieder in anderen (fiktiven) Welten unterwegs sind?  Wie steht es mit dem Wettbewerb? Vergleichen sie?

Es überwiegt die tiefe Dankbarkeit, verstanden zu sein. Man ist ja sehr asozial in der Hochproduktionsphase eines Romans. Fixiert auf die Figuren, gefangen in der Stimmung und Gemütswelt, versunken in Recherche und zu Tageszeiten am Computer gefesselt, wo andere Menschen gern Freunde treffen, Essen gehen oder ins Kino.

Ich mag es zum Beispiel überhaupt nicht, mich während der Schreibphasen – mehrere Wochen bis Monate – mit echten Menschen treffen zu müssen. Oder nur mit ihnen zu telefonieren, aus meinem „Denkarium“ heraus kommen zu müssen, aus dieser ganz bestimmten Denkfühlschöpfungskonzentration.

Natürlich vergleichen mein Mann und ich uns, es wäre verrückt, nicht hinzuschauen, was der andere tut. Wir erzählen einander immer von unseren Figuren, was die gerade so vorhaben, oder besprechen uns, wenn es bei einem von beiden hakt, er sich in einer Abstellkammer befindet (siehe oben) oder ihm die Ideen davon galoppieren und er nicht weiß, welche er einfangen, welche er ziehen lassen soll. Mit Jo zusammen zu plotten ist ein fast schon erotischer Genuss, und als Scriptdoctor und Motivator ist er mir näher als jeder andere Mensch. Und ich ihm.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Wenn er sich dem gewachsen fühlt, ja. Aber eine Zwangsbeglückung der LeserInnen durch politische Mahnungen muss nicht unbedingt sein. In der Literaturwelt sollte Platz für alles sein: für die Politik und für die Unterhaltung. Ein Autor, eine Autorin, MUSS nicht politisch sein, um etwas zu sagen zu haben – und, auf der anderen Seite, darf der Autor sich auch nicht als „besser“ empfinden, wenn er den erhobenen Zeigefinger durch seine Elaborate durchschimmern lässt.

Diese Arroganz der Berufsmahner ist mitunter etwas peinlich, wenn sie auf ihre unterhaltenden KollegInnen herunter schauen und nicht begreifen, dass Belehrung auch amüsant, emotional und spannungsreich sein darf.

Man darf aber eines nie vergessen: Oft haben erst die Ausdrucksmöglichkeiten durch die Schrift, durch Bücher Regierungen gestürzt, Missstände aufgezeigt und Freiheit errungen. AutorInnen sind bis heute für ihren Mut, die Wahrheit zu sagen, in Gefängnissen weggesperrt, in Exilen, sie werden verfolgt, ermordet und in Misskredit gebracht.

Weit jenseits von Eitelkeit, Fanfiction und Forbes-Einkommenslisten ist Literatur ein Instrument der Rebellion und der Aufklärung.

Wenn man sich in dieser Tradition sieht, verändert sich automatisch auch die Schreibe, die Haltung und das Selbstverständnis.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss gut riechen. Es muss eine U4 (Rückseite, Umschlaggseite Vier) besitzen, die nicht mit dem üblichen U4-Text-Generator geschrieben wurde, ein Thema haben, das mich interessiert, wobei ich oft überrascht bin, was mich alles interessiert. Zuletzt habe ich ein Buch über eine Sandbank vor Ostfriesland gekauft, davor ein Buch über Synästhesie, und davor einen Krimi, der in den 80er Jahren im schwulen Polizeimilieu spielt. Ich mag es außerdem, die Romane meiner Krimi- und Liebesroman-KollegInnen zu lesen, damit ich weiß, was sie beschäftigt und wie sie die Welt sehen.

Ich mache oft den Aufschlagtest: Das Buch nehmen, auf einer beliebigen Seite aufschlagen und die Seite lesen. Wenn es dort nichts gibt, was mich spontan irritiert oder nervt (wie zu viele Adverbien, Adjektive, verbrauchte Metaphern oder die Unart, keine Satzzeichen zu benutzen und auf Dialoge zu verzichten), dann hat es gute Chancen, mit mir sein weiteres Leben zu verbringen.

Zudem muss die Sprache stimmen, der Erzählrhythmus muss „schwingen“. Es darf gern verrückt sein, ich mag keine Geschichten, die brav in ihren Formaten bleiben. Je non-genriger ein Buch, desto besser. Es wird eh Zeit, dass wir uns mal aus den Formatschubladen befreien.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Stephen King – Mark Helprin – Dominqiue Manotti – John Irving – Frederick Forsyth – Harold Robbins – Anais Nin – Simone de Beauvoir – Enid Blyton – Elizabeth George – Andrea Camilieri – Elizabeth Dunkel – Anka Radakovich – George R. R. Martin – Asterix & Obelix – Erika Fuchs – Johannes Mario Simmel – Rilke, Lessing und Else Lakser-Schüler – und die Franzosen, die Engländer, die Russen, die griechischen Sagen und Legenden, die Bibel, Gilgamesch und Talmud, John Lassiter und Charles Bukowski, Virginia Woolf und die Herzblattgeschichten in der FAS – ach, verdammt, jedes der bisher rund achttausend Bücher die ich las, die abertausende Zeitungsartikel, haben mich geprägt, verändert, verbessert, ermutigt, sind meine Lebensbegleiter gewesen. Mal nur eine Affäre, mal eine tiefe Liebe, und manchmal auch eine Freundschaft / Feindschaft auf Zeit.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

1)   Es geht nie um dich. Es geht immer um die Geschichte.

2)   Besorg dir jede Menge Schreibratgeber, besuche Seminare, tausche dich in Foren über Tricks, Kniffe und gute Literatur-Agenturen aus, und übe. Schreiben wird besser, je öfter man es tut.

3)   Lies. Lies so viele Stunden wie du schreibst. Und umgekehrt. Wer kein guter Leser ist, wird kein guter Schreiber. Besorg dir einen Bibliothekspass.

4)   Such dir deine Kritiker während des Schaffensprozesses sorgfältig aus. Wenn möglich liebevolle Menschen, die sich mit dem Schreibgewerbe auskennen, oder selbst schon mal professionell geschrieben haben, oder solche, denen du zutraust, dass sie nicht nur geschmäcklerisch urteilen, sondern handfest: „da sind Längen, die Figur ist noch nicht ganz „da“, und hier ist der Dialog etwas hölzern.“

5)   Schreib was du willst. Nicht, was angeblich Trend ist, Trend wird oder Trend sein sollte, noch was andere meinen, was du schreiben kannst, musst oder solltest, um ihnen, dem Feuilleton oder deiner Mama zu gefallen. Schreib, was du willst, und such dein ganzes Leben lang so genau wie möglich danach, immer wieder, und frag dich das auch zwischendurch: Will ich das wirklich schreiben, was ich da gerade schreibe? Wenn nicht: Lösch es und fang noch mal an.

Ich möchte mich ganz herzlich bei Nina George bedanken!

Sunil Mann – Nachgefragt

©Eke Miedaner
©Eke Miedaner

 Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).

Sunil Mann hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten. Herausgekommen ist ein Interview, das – obwohl er nicht zuviel Privates an die Öffentlichkeit geben möchte mit seiner Selbstbeschreibung –  tiefe Einblicke in sein Schreiben gewährt und den Menschen und Autoren Sunil Mann authentisch und sympathisch erscheinen lässt, so dass man gerne der wäre, der das eine oder andere Bier mit ihm trinkt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Mit der ersten Frage beschäftigte ich mich schon seit ein paar Jahrzehnten, ohne dass ich dabei eine endgültige und allumfassende Antwort gefunden hätte. Ein Mensch, der sich nach längerer Suche eine mehrheitlich glücklichmachende Beschäftigung und eine ebensolche Lebenssituation geschaffen hat, würde es wohl am ehesten treffen.

Meine Biografie würde ich dennoch nie erzählen wollen, soviel Privates mit der Öffentlichkeit zu teilen ist nicht mein Ding  – ausser natürlich das Angebot wäre wirklich sehr, sehr lukrativ und es bestünde die reelle Chance, dass das Buch von David Fincher verfilmt würde.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich schreibe, weil sonst mein Leben arm an Inhalt und Freude wäre. Weil ich meinen Lebensunterhalt damit verdiene und weil ich es gut kann (glaube zumindest ich).

Entgegen der hin und wieder geäusserten Meinung Aussenstehender, ich hätte doch „ein hübsches Hobby“, ist Schreiben viel essenzieller für mich als beispielsweise Kanarienvögel zu züchten oder eine Tomatenplantage auf dem Balkon anzulegen. Halten mich äussere Umstände ein paar Tage davon ab, werde ich ziemlich unleidlich, auf der anderen Seite erfüllt mich ein gelungener Text mit unbeschreiblichen Glücksgefühlen. Und ja, ich wollte das schon immer, genau das und nichts anderes. Bereits mit sechs habe ich meinen Eltern zu Weihnachten selbstgebastelte Bücher mit Text und Zeichnungen geschenkt.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Prinzipiell glaube ich, dass alles lernbar ist. Allerdings braucht es dazu je nach Veranlagung viel Durchhaltewillen und Ehrgeiz. Und ein Funke Talent schadet sicher auch nicht.

Ich persönlich habe einfach einen Text nach dem anderen geschrieben, bis ich das Gefühl hatte, das Schreiben eingermassen im Griff zu haben. Wahrscheinlich eignet man sich jede andere Fertigkeit genauso an.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich entwickle erst einen Plot, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Der kann durchaus vage sein, der Verlauf einer Geschichte verändert sich nach meiner Erfahrung während des Schreibprozesses ohnehin, manchmal sogar mehrmals.
Mit der Recherche beginne ich erst kurz vor Beginn der Schreibarbeit, wenn ich weiss, was ich genau brauche. Auch später tauchen immer wieder Fragen auf, sodass ich oft parallel zum Schreiben recherchiere. Dank Internet ist das aber meist keine grosse Sache mehr.

Wann und wo schreiben Sie?

Zuhause, an meinem wunderschönen Sumpfeichentisch im Esszimmer. Normalerweise zu gängigen Bürostunden, nur manchmal erlaube ich mir gleitende Arbeitszeit oder sogar unbezahlten Urlaub.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein. Feierabend ist der Zeitpunkt, wo die Denkarbeit einsetzt. Irgendein Teil des Gehirns ist immer am Text, an dem man gerade arbeitet, festgezurrt und manchmal kommen mir die besten Ideen erst, wenn ich den Arbeitsplatz verlassen habe. Ferien im herkömmlichen Sinn gibt es nicht, denn die Aufnahmetaste ist immer gedrückt. Alles um mich herum ist bereichernd und spannend, möglicherweise sogar potenzielles Material für einen Roman oder eine Kurzgeschichte.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein, bedeutet für mich zu tun, was ich am liebsten tue und am besten kann. Man kämpft dabei vor allem mit finanziellen Engpässen, zeitweise mit Akzeptanz (>Ach so, „nur“ Krimiautor< oder die oben erwähnte Hobbyfrage), andererseits ist das gute Gelingen einer Textpassage oder eines Dialogs pures Endorphin. Und wenn man später vor Publikum liest und die Leute genau an den richtigen Stellen lachen oder einem wissen lassen, dass das Buch sie berührt, amüsiert oder gut unterhalten hat, dann hat man das Gefühl, doch etwas richtig gemacht zu haben.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich kann mich in der Hinsicht nicht beklagen. Man lässt mich grundsätzlich schreiben, was ich möchte und mir wichtig ist, bezahlt mich anständig und pünktlich und sorgt dafür, dass sich meine Bücher verkaufen. Und kurz vor Weihnachten gibt es ein Essen mit den Verlagsmitarbeitern und allen anderen Autoren, was eigentlich immer feuchtfröhlich endet.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Ich glaube, Deutschland und Österreich warten nicht unbedingt auf Schweizer Krimiautoren, dazu haben beide Länder eine zu lebendige und vielfältige Szene. Allerdings kann man sich über Jahre hinweg durchaus eine Fangemeinde im deutschsprachigen Ausland aufbauen, unter anderem auch mit Themen, die nicht nur lokal verankert sind, sondern in Berlin, Köln oder Wien genauso gut funktionieren wie in Zürich.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich lese täglich mindestens eine Zeitung. Gerade die kleinen Meldungen sind es oft, die mich inspirieren. Dazu kommen Gespräche, auch belauschte (z.B. Handybenutzer im Tram), (Dokumentar-)Filme, Bücher … die Liste liesse sich beliebig verlängern. Am Ende steckt in allem eine mögliche Story. Meine Arbeit ist es, diese herauszufiltern, mit anderen Elementen zu verbinden und mit meinen eigenen Worten zu erzählen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Sunil Mann steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich steckt eine gute Portion Sunil Mann in Vijay Kumar, der nicht rein zufällig ebenfalls indischstämmiger Schweizer ist. Auch wenn er mir sehr nah steht, ist die Figur aber keineswegs autobiografisch angelegt, seine Erlebnisse sind nur ganz selten auch meine.

Allerdings muss ich mich in alle meine Figuren hineinfühlen, was sie denken und fühlen, wie sie agieren – das stammt alles von mir. Von dem her findet man in jedem Buch eine ganze Menge von mir, meist ist es aber gut versteckt.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Krimis sind eine beinahe alles umspannende Literaturgattung. Da finden sich Liebesgeschichten, Sozialdramen, Frauen- und/oder Männerthemen, manchmal werden sogar Katzen oder Schafe eingesetzt, es gibt Krimis für Kinder- und Jugendliche und so weiter. Das reizt mich an dem Genre. Dass es nicht allein um die Aufklärung eines Verbrechens geht, sondern man noch viel mehr reinpacken kann. In meinen Romane sind das unter anderem eine Einwanderergeschichte und eine Love Story, die neben der jeweiligen Krimihandlung über mehrere Bücher hinweg erzählt werden.

Natürlich macht es Spass, auch mal in die Rolle eines Bösewichts zu schlüpfen und sich vorzustellen, wie das sein könnte, wie so jemand denkt. Aber etwas ausleben, was ich mir im realen Leben versage, tue ich damit nicht.

Was meine Lektüre betrifft: Ich lese alles, querfeldein, Hauptsache, es fesselt mich.

Ihre Krimis bewegen sich zwischen kleinen familiären Themen wie einer verschwundenen Katze oder Putzfrau und politschen Schauplätzen wie einem ermordeten Politiker oder dem Bankenwesen. Was reizt Sie an der Verbindung dieser verschiedenen Ebenen?

 Mich reizt es zu zeigen, dass Menschen sich grundsätzlich immer gleich verhalten, unabhängig von ihrem sozialen und beruflichen Status. Auch wenn das Umfeld variiert, die Beweggründe für ein Verbrechen bleiben immer dieselben. Zudem finden sich die Ursachen für grosse Skandale und Untaten oft im Kleinen, im Privaten.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Von einem Auftrag würde ich nicht sprechen. Aber es schadet sicher nicht, wenn ein Autor eine politische Meinung hat und diese öffentlich vertritt. Als Autor ist man in der Hinsicht wesentlich freier als ein Politiker und kann sich durchaus auch mal selbstironisch oder sarkastisch äussern. Dies ist auch ein Grund dafür, dass ich in meinen Krimis immer wieder meine persönlichen politischen Ansichten einfliessen lasse, oftmals aber mit einem Augenzwinkern.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Einen ansprechenden Schreibstil, interessante Figuren und eine Geschichte, die mich zwingt, weiterzulesen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Unzählige. Ich kann an dieser Stelle nur einige nennen: Stephen King, Alice Munro, Ralf Rothmann, Raymond Chandler, Richard Yates, Gabriel Garcia Marquéz, Friedrich Dürrenmatt, Jakob Arjouni, Jan Costin Wagner, Tana French …

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • Als Erstes eine hohe Frusttoleranz entwickeln. Der Weg eines Autoren ist ein steiniger und deine Meinung, dass du mit deinem ersten Roman einen garantierten Weltbestseller geschrieben hast, teilen in den meisten Fällen nicht einmal deine besten Freunde.
  • Weiterschreiben, egal, was geschieht. Denn nur Übung macht den Meister. Dabei sollte aber immer die Geschichte im Vordergrund stehen, keinesfalls du.
  • Lesen! Andere haben Weltbestseller geschrieben und genauso mit einer leeren Seite angefangen wie du.
  • Das Privatleben nicht vernachlässigen, denn wenn es mal nicht so gut läuft, brauchst du unbedingt Leute, die mit dir ein Bier trinken gehen. Oder auch zwei.
  • Sich nicht so wichtig nehmen. Die Erde dreht sich auch in ein paar Millionen Jahren noch, aber ganz sicher nicht um dich.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Martin Andreas Walser – Nachgefragt

WalserMartinAndreasMartin Andreas Walser
Martin Andreas Walser ist 1952 in Zürich geboren worden und wuchs in Winterthur auf. Er hat unter anderem als freischaffender und angestellter Journalist gearbeitet, hatte Stellen als Chefredaktor und Kommunikationschef inne und war als Leiter eines Zürcher Fachverlags tätig. Heute konzentriert er sich voll und ganz auf sein Schreiben als freier Autor. Martin Andreas Walser lebt seit über 30 Jahren mit seiner Familie bei Kreuzlingen am Bodensee und seit 2012 teilweise in Broglio TI. Von ihm erschienen sind unter anderem Sehnsucht, Silberherz, Jakob, ScherbenLeben. Mehr zu seinen Büchern findet sich hier.

Martin Andreas Walser hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Seine Antworten nehmen mit auf eine Reise durch Zeit und Raum, sie spannen einen Bogen vom Tessin über den Bodensee bis nach Lissabon und von der Jugend bis in die Gegenwart.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Geboren 1952 in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, die Hauptzeit des Lebens unterwegs als Journalist, seit über 30 Jahren mit der Familie wohnhaft oberhalb von Kreuzlingen/Thurgau und seit bald zwei Jahren zeitweise in Broglio/Tessin, Vater dreier Söhne und zweifacher Grossvater: die Kürzestfassung.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Mit 16 Jahren wusste ich: Ich will Schriftsteller werden. Der Kompromiss: ich wurde Journalist, machte das Schreiben zum Beruf, was im Rückblick keineswegs ein Fehler war, nur dauerte es deshalb wohl rund vierzig Jahre, bis ich mein erstes Buch veröffentlichte (abgesehen von einem Fortsetzungsroman 1992/93 für eine Zeitung, den es nicht in Buchform gibt). Beim ersten meiner zahlreichen Aufenthalte in Lissabon habe ich schliesslich mein erstes Buch («Vom Leben») geschrieben; ich kehrte so oft nach Portugal zurück, bis es vollendet war (und ich obendrein Teile von «UnGlück» und die Erzählung «Silberherz» geschrieben hatte). Ohne Lissabon gäbe es mich «in Buchform» also kaum.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich schreibe seit meiner Jugend: Ich begann mit etwa fünfzehn Jahren mit Gedichten und kleineren Texten, es entstanden Fragmente für Romane, die nie vollendet wurden, ich schrieb schon während der Schulzeit Beiträge für Zeitungen: «learning by doing»… Sicher kann man vieles lernen, aber nicht alles. Man mag das Talent nennen; ich spreche lieber vom inneren Feuer, von Passion, von Leidenschaft, mitunter von Besessenheit. Gelernt zu schreiben in einem akademischen Sinn habe ich also nicht – aber ein Leben lang geübt, geübt, geübt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich recherchiere kaum, bevor ich zu schreiben beginne; ich greife auf Bilder zurück, die sich in mir gespeichert haben, frühe(re) Eindrücke, Ereignisse, Erlebnisse, manchmal eine Resterinnerung an einen Traum. Plötzlich, «aus dem Nichts heraus», entsteht daraus eine Idee. Damit spiele ich in Gedanken. Einiges verwerfe ich bereits, bevor ich zu schreiben beginne, andere Schnipsel wachsen sich zu kleineren Sequenzen in meinem schwarzen Notizbuch aus. Manche Ideen ruhen während Wochen, Monaten oder gar Jahren und Jahrzehnten (wie bei «SehnSucht» oder «UnGlück») in mir und reifen dabei. Irgendwann spüre ich: nun ist die Zeit gekommen, die Geschichte zu schreiben. Selbst da kann es passieren, dass ich den Text beiseite lege, da etwas «fehlt», andere Texte (zum Beispiel «Jakob») schreibe ich praktisch in einem Zug nieder – wenigstens als zu Ende formulierten Entwurf. In jedem Fall schliesst sich eine intensive Überarbeitungsphase an, was vor allem auch neuerliche Kopfarbeit und falls notwendig die Recherche einschliesst. Mitunter bleibt so letztlich kaum ein Stein auf dem anderen, bis der Moment der Erlösung meist sehr überraschend eintritt: vollendet!

 Wann und wo schreiben Sie?

Die letzten Jahre habe ich in Lissabon und in der Heimat in der Regel am frühen Morgen während der Bahnfahrt nach Zürich und abends eine weitere Stunde auf der Rückfahrt geschrieben. Dann und wann wache ich mitten in der Nacht auf und schreibe eine oder zwei Stunden. Oder es haben sich in den Ferien Geschichten nachgerade aufgedrängt («SehnSucht» ist im Liegestuhl auf Rhodos, «Jakob» in Tunesien entstanden). Heute ziehe ich mich meistens in mein Haus nach Broglio zurück, damit die Geschichten in Ruhe und Abgeschiedenheit wachsen und erblühen können; die definitive Form erhalten die Texte zu Hause im Thurgau.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Es stellt sich ja nicht nur bei Autoren und Schriftstellern die Frage, wie man Feierabend oder Ferien definiert. Im Sinne von Erholung, Entspannung, Abschalten: ja, natürlich schreibe ich nicht ununterbrochen. Allerdings sind «Feierabend» oder «Ferien» bei mir weniger an bestimmte Tages- oder Jahreszeiten gebunden. Abschalten kann ich bei allen möglichen Dingen: ich lese, ich bin unterwegs, ich sehe mir im Fernsehen einen Film an (am liebsten Krimis) – oder ich tue ganz einfach «nichts».

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es bedeutet, dass ich meinen wohl wichtigsten Lebenstraum verwirklicht habe. Ich liebe das Schreiben. Somit erlebe ich fast nur Freude dabei. Womit ich immer wieder kämpfe? Nicht zwischendurch zu verzweifeln, wenn es gerade nicht läuft oder ich glaube, eine Geschichte nicht zu Ende bringen zu können.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Da ich ein Leben lang «Lohnschreiber» war, publiziere ich selber. Ich habe diesen Weg bewusst gewählt, da ich mir die Freiheit, die Kontrolle über mich und mein Werk bewahren und vor allem: mich keinem Zeitdruck oder irgendwelchen «Sachzwängen» unterwerfen wollte. Dies bringt einige Nachteile, da Vorurteile bestehen. Indessen: Bei weitem nicht alle, die sich selber produzieren, sind Unfähige, die es nicht geschafft haben, bei einem Verlag unterzukommen, Selbstdarsteller und was der Annahmen mehr sind. In Zeiten, in denen die gesamten «Spielregeln» der Kommunikation sich aufgrund der vielen neuen Möglichkeiten geändert haben, muss umgedacht werden; die Trennung zwischen Verlag gleich gut bzw. Selbstproduzent gleich schlecht ist absurd. Gewiss: es wird viel Ungenügendes angeboten, was aber gemäss meiner Beobachtung durchaus auch auf Verlage zutrifft.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Ich weiss es nicht! Geschichten entstehen bei mir auch selten «plötzlich»: da ist eine Idee, der ich nachgehe; manchmal entsteht eine völlig andere Geschichte daraus als jene, von der ich ursprünglich glaubte, dass sie das Resultat wäre. Beispielsweise hatte ich ein Motiv im Kopf, seit Jahren, am Ort der Handlung war ich vor knapp vierzig Jahren einmal und seither nie wieder. Dort spielt «SehnSucht», doch war dies nicht die Geschichte, die ich ursprünglich schreiben wollte. Als ich mich erneut mit diesem Grundmotiv beschäftigte, wurde «Am See» daraus. Und beim dritten Versuch entstand «Jakob, der Hausdiener». Vergleicht man diese Erzählungen miteinander, wird man kaum dahinter kommen, dass ein einziges Erlebnis vor so langer Zeit (das ich in diesen drei Geschichten noch nicht einmal verwendet habe!), angereichert mit späteren Erlebnissen, Begegnungen mit Menschen und – im Falle von «Jakob» – einem noch früheren Ereignis, nämlich aus meiner Primarschulzeit, der späte Auslöser aller drei Erzählungen war.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

In jedem Buch steckt etwas Autobiografisches. Es mag mitunter bloss eine Kleinigkeit sein, aber man wird keine ernsthafte Geschichte schreiben, ohne etwas von sich selbst preiszugeben. Trotzdem darf/kann aufgrund einer Figur in einem meiner Bücher nicht auf mich geschlossen werden; jede Figur trägt auch Züge anderer Menschen. Ich identifiziere mich mit keiner Figur mehr oder weniger – aber es gibt Texte, die insgesamt persönlicher sind als andere, sicher «Vallemaggia» und «ScherbenLeben» sowie Teile von «Die Zukunft der Zukunft».

Viele Autoren äussern sich politisch, verpacken auch politische Meinungen in Ihre Bücher. Hat ein Schriftsteller einen politischen Auftrag?

Wohl weniger einen Auftrag, als eine Meinung oder Überzeugung. Dies fliesst natürlich in die eigene Arbeit ein. Bei mir stehen weniger tagespolitische Bezüge zur Debatte, sondern grundsätzlichere Fragen des Menschseins, des Zusammenlebens, der Entwicklung unserer Gesellschaft.

Ihre Bücher behandeln oft die leidvollen Seiten des Lebens, die Scherben desselben, Einsamkeit, Sehnsucht. Ist Leid und Düsterheit einfacher zu beschreiben als Glück oder fühlen Sie sich der Seite näher? Ist das Leben generell eher düster als hell?

Das Leben ist in jedem Fall viel, viel heller als düster! Aber es gibt natürlich die dunkleren Phasen. Eigentlich ist das Hauptthema bei mir dann aber doch die Hoffnung – und die Botschaft, dass man sie nicht verlieren darf. Niemals!

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es gibt ungezählte «gute Geschichten», die mich ansprechen. Was mich indessen besonders anspricht: Wenn ich geistig gefordert werde, wenn sich beim Lesen Widerspruch oder Zustimmung in mir regt, wenn ich mitunter ein Buch für eine Weile beiseite legen muss, um erst einmal über den Inhalt bis zu dieser Stelle nachzudenken. Und ich freue mich über Autoren, die sich nicht nur auf eine Geschichte einlassen, sondern mit der Sprache «spielen», die experimentieren, die Grenzen sprengen – im Ausdruck, in der Form usw.

 Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ich habe immer sehr viel und mich dabei quer durch die Weltliteratur gelesen, weshalb die Liste entsprechend lang wäre. In frühen Jahren haben mich Max Frisch und Robert Walser wohl ein Stück weit geprägt, Jean-Paul Sartre, Bertolt Brecht, Ernest Hemingway und Friedrich Dürrenmatt besonders angesprochen. Später kam beispielsweise Alberto Moravia dazu. In den letzten Jahren habe ich mich vor allem mit portugiesischer, spanischer und südamerikanischer Literatur befasst.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreiben, schreiben, schreiben

Lesen, lesen, lesen

Neues entdecken, im Leben so gut wie in der Sprache

Das Neue wagen, im Leben so gut wie beim Schreiben

Die Geschichten schreiben, die geschrieben sein wollen – nicht jene, die am ehesten Erfolg versprechen

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

Horst Eckert – Nachgefragt

EckertHorstHorst Eckert
Horst Eckert wurde am 7. Mai 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren und wuchs in Pressrath auf. Er studierte in Erlangen und Berlin Soziologie und Politische Wissenschaften, jobte als Bierschlepper und Fahrstuhlführer, später als Hospitant im Berliner ZDF-Studio. Nach einem Umzug nach Düsseldorf 1987, die Liebe war Schuld, arbeitete er 15 Jahre lang als Fernsehreporter, seitdem ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller tätig. Von ihm erschienen sind unter anderem Annas Erbe (1995), Finstere Seelen (1999), Ausgezählt (2002),Der Abrsprung (2006), Sprengkraft (2009), Schwarzer Schwan (2011), Schwarzlicht (kommt im September 2013).

Ich freue mich, dass mir Horst Eckert Einblicke in sein Schreiben gewährt hat und sich Zeit nahm, mir einige Fragen zu beantworten. Herausgekommen ist ein sehr informatives und authentisches Interview.

 Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

 Aufgewachsen in der nordostbayerischen Provinz, Studium in Erlangen und Berlin, Fernsehjournalist, dann freier Schriftsteller. Wohne in Düsseldorf, bin verheiratet.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

 Mich interessieren die Tragödien, in die sich Menschen aus niederen Beweggründen oder hohen Idealen verstricken. Was Menschen einander antun. Wie sie ticken. So kam ich zur Kriminalliteratur, und als ich zu viele mittelmäßige Bücher gelesen hatte, nahm ich mir in meiner Hybris vor, es besser zu machen. Dabei habe ich Blut geleckt.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

 Am meisten habe ich von zweitklassigen Büchern gelernt, denn sie haben mir gezeigt, wie man nicht schreiben sollte. Meine Erfahrung als Journalist hat mir vielleicht geholfen. Schreibkurse helfen, denn es fallen keine Genies vom Himmel. Am wichtigsten ist: lesen, lesen, lesen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

 Ich plane meine Figuren und den Plot, dann schreibe ich. Um die Geschichte authentischer erzählen zu können, recherchiere ich parallel.

Wann und wo schreiben Sie?

 Tagsüber an meinem Schreibtisch.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

 Ich muss nicht abschalten. Für einen Schriftsteller ist eine gute Idee die Krönung des Tags, egal zu welcher Zeit.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

 Es ist die schönste Arbeit, die ich mir vorstellen kann, aber ich muss auch kämpfen: jedes Mal, wenn ich einen neuen Roman beginne, um eine Geschichte, die mich wirklich bewegt.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

 Der Verlag ist der erste und wichtigste Partner, um die Leser zu erreichen. Ohne Lektorat, Titelgestaltung, Marketing und Pressearbeit gibt es kein erfolgreiches Buch, auch in Zeiten des Kindle-Selfpublishing. Natürlich denkt jeder Autor, sein Verlag könnte noch mehr für ihn trommeln. Aber Bestseller werden ohnehin von den Lesern gemacht, nicht von den Verlagen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

 Die Wirklichkeit. Ein bisschen eigene Erfahrung und vor allem das, was Mitmenschen oder die Medien vermitteln. Und meine Fantasie macht eine Geschichte daraus.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Horst Eckert steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

 Es gibt kein Alter Ego in meinen Romanen und ich identifiziere mich mit keiner Figur. Aber beim Erzählen überlege ich ständig: Wie würde ich mich in dieser Situation verhalten? Insofern steckt Horst Eckert in jeder meiner Figuren, auch in den finstersten.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

 Krimis erzählen am treffendsten und unterhaltsamsten davon, was in uns oder zwischen uns nicht in Ordnung ist – kein anderes Thema bewegt uns so wie die menschlichen Abgründe. Der Krimi ist deshalb der Gesellschaftsroman von heute, wenn er gut ist. Warum sollte ich etwas anderes schreiben?

Ihre Krimis greifen oft Themen aus der Wirtschaft und der Politik auf. Wollen Sie damit eine Botschaft transportieren oder interessieren Sie die Bereiche einfach am meisten?

 Politik und Wirtschaft betreffen uns tagtäglich, ob wir wollen oder nicht. Ich will einladen, darüber nachzudenken, aber ich habe keine Botschaft und möchte niemanden belehren. Letztlich schreibe ich über die gleichen menschlichen Abgründe wie die Schriftsteller vergangener Jahrhunderte. Ich gebe der Geschichte nur ein aktuelles Gewand.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

 Natürlich habe ich ein ganzes Bündel an Meinungen, aber als Autor ist es nicht mein Job, die Leser damit zu behelligen. Mein einziger Auftrag lautet: Niemals zu langweilen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

 Glaubwürdige Figuren, komplexe Handlung, gute Sprache, ein aktuelles Setting und vor allem: Spannung.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

 James Ellroy hat mich zum Krimifan gemacht, aktuell schätze ich Don Winslow, Dominique Manotti und viele andere. Aber beim Schreiben muss ich letztlich meiner eigenen Fantasie und meinem Gefühl für Menschen und Sprache vertrauen.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Erzähl eine Geschichte, nicht ein Thema. Achte auf die Glaubwürdigkeit im Handeln jeder deiner Figuren und nimm die Einwände deiner Testleser ernst. Denk nicht über einen eigenen Sprachstil nach, sondern formuliere zweckmäßig. Schiele nicht auf den Markt, sondern vertraue der Geschichte, für die du brennst. Und überarbeite dein Manuskript, bis du an keinem Detail mehr zweifelst. Viel Spaß und Erfolg!

Ich bedanke mich herzlich bei Horst Eckert für dieses Interview!

Alex Capus – Nachgefragt

(c) Peter Hassiepen
(c) Peter Hassiepen

Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz.  Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer  bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009),  Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).

Alex Capus hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu seiner Person und seinem Schreiben zu beantworten. Ich freue mich sehr über seine Antworten, die teilweise kurz und knapp, oft mit einem fast sichtbaren Schmunzeln gegeben sind.

 Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

1961 in Frankreich geboren als Kind viel zu junger Eltern. Scheidung der Eltern, Umzug mit Mutter und Bruder nach Olten. Erste Kurzgeschichten im Alter von sieben Jahren als Selbstvergewisserung. Eine Jugend im Gefühl, der einzige Erwachsene im Haus zu sein. Als junger Erwachsener die Suche nach dem echten, wahren, intensiven Leben. Deshalb ein eigensinniger Student, akademisch nicht zu gebrauchen. Weitere Kurzgeschichten. Journalismus aus Liebe zu den Menschen und Freude an der Form. Erstes Kind, erster Roman. Heirat mit meiner Gefährtin Nadja. Zweiter Roman. Zweites Kind. Dritter Roman. Drittes Kind. Vierter Roman. Viertes Kind. Bis dato fünf Kinder und fünfzehn Bücher.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich kann das ziemlich gut und mache das ziemlich gern. Darüber hinaus bestärkt mich erzählendes Schreiben im Glauben, dass alles in der Welt miteinander zusammenhängt und das Leben also einen Sinn hat.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Alles Quatsch. Schreiben ist wie alle Kunst letztlich ein Ausdruck von Gefühl. Wer’s hat, hat’s. Wer nicht, nicht.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Ich recherchiere und mache mich kundig zum Thema meiner Betrachtung, bis ich satt und überzeugt bin, dass kein Mensch auf der Welt besser als ich Bescheid weiss darüber. Dann trage ich das ganze schwanger, bis sich die richtige Form herauskristallisiert. Das kann Monate oder Jahre dauern. Und dann setze ich mich hin und schreibe. From nine to five, sehr ordentlich.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Feierabend, Ferien? Niemals. Abschalten? Warum sollte ich das wollen?

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Als Autor singe ich mein Lied und tanze meinen Tanz. Jeder Mensch sollte das tun, die Zeit ist knapp. Und ich verdiene mein Geld damit, das ist ein grosses Glück.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Autoren sollten nicht so viel jammern. Als Profi sucht man sich die richtigen Leute aus, mit denen man arbeiten will, dann ist man loyal zu ihnen und vertraut ihnen auch. Das ist im Fussballgeschäft nicht anders als im Waffenhandel, im Ölbusiness oder in der schönen Literatur.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Tja, Ideen. Die flüstert mir mein kleiner Finger ins Ohr.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Alex Capus steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich hat der olle Goethe recht. Ich bin alle meine Figuren.

Ihre Geschichten handeln oft von tatsächlichen Figuren aus der Vergangenheit, so auch Ihr neuster Roman Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. Wie stossen Sie auf diese Figuren, was muss eine Figur haben, dass sie daraus eine Geschichte machen wollen?

Ich muss sie mögen.

Wo hört bei ihren Geschichten die tatsächliche Vergangenheit auf, wo beginnt die Fiktion?

Alles, was ich erzähle, ist immer wahr – wenn ich es doch sage!

 Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Heute Abend lese ich gerade wieder mal Rock Springs von Richard Ford. Grossartig. Schönheit und Wahrhaftigkeit, darauf kommt’s an.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Erstens: Viel lesen.

Zweitens: Viel schreiben.

Drittens: Niemals zu früh mit sich zufrieden sein.

Viertens: Die ersten fünf Entwürfe immer wegschmeissen,

Fünftens: Niemals auf olle Ratschläge hören. Stay true to the idea, wie David Linch sagt.

Herzlichen Dank, Alex Capus, für dieses Interview!

Angélique Mundt – Nachgefragt

Random House GoldmannAngélique Mundt
Angélique Mundt wurde 1966 in Hamburg geboren. Nach ihrem Studium der Psychologie arbeitete sie lange in der Psychiatrie, bevor sie sich 2005 als Psychotherapeutin mit einer eigenen Praxis selbstständig machte. Sie arbeitet ehrenamtlich im Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuz, das Menschen bei potentiell traumatisierenden Ereignissen “Erste Hilfe für die Seele” leistet. Angélique Mundt lebt in Hamburg. Nacht ohne Angst ist ihr erster Roman und Start einer Serie um die Psychotherapeutin Tessa Ravens und Hauptkommissar Torben Koster.

Ich freue mich sehr, dass sich Angélique Mundt spontan bereit erklärt hat, mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie tat dies auf eine tiefgründige Art und gewährt damit wunderbare Einblicke in ihr Schreiben:

1.  Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe als Psychotherapeutin einen emotional sehr anstrengenden Beruf und brauche ein Ventil. Ich brauche Ausgleich, ein Hobby und etwas das mich erfüllt. Schreiben hat mich schon immer interessiert und vor ein paar Jahren habe ich mich getraut, selber einmal etwas zu schreiben. Schreiben hilft mir, meine Gefühle zu sortieren oder mich auch wieder von ihnen zu distanzieren. Und es macht Spaß! Meistens jedenfalls.

2. Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich habe tatsächlich mit einem Volkshochschulkurs angefangen und danach war alles klar: Ich will Schreiben! Nichts anderes. Seitdem lerne ich. Und ich übe. Ich glaube, neben Handwerk und Talent, braucht es noch viel Engagement, um tatsächlich einen Roman oder eine Kurzgeschichte fertig zu schreiben.

 

3. Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Am Anfang steht eine Idee. Etwas was mir am Herzen liegt, worüber ich schreiben möchte. Und diese Idee formt sich langsam zu einer Geschichte. Den Verlauf dieser Geschichte formuliere ich aus. Von Anfang bis Ende. Dann versuche ich einen Einstieg zu finden und plane den Szenenablauf. Der verfeinert sich zusehends und das Schreiben folgt dann diesem Plan.

Leider komme ich viel zu selten zum Schreiben! Wenn, dann am liebsten zu Hause – in aller Ruhe, mit einem Milchkaffee.

 

4. Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich brauche nicht abschalten, ich verlasse einfach den Laptop. Sollten mir dann noch Ideen kommen oder Korrekturen einfallen: Ist doch toll! Eine Notiz auf einem Zettel und fertig. Bearbeitet wird es dann am nächsten Tag.

 

5. Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Es ist tatsächlich eine Mischung aus Erlebtem, Gelesenem, Gehörtem. Dann überlege ich: Was fesselt mich so sehr? Warum kann ich es nicht vergessen? Welche Gefühle löst das Ereignis in mir aus. Meistens ist dann schon eine Idee geboren. Aber ob die Idee gut und tragfähig ist, stellt sich erst viel später heraus. Ich schreibe viele kleine Anekdoten und Begebenheiten, Emotionales und Bewegendenes auf. Mich interessiert, was der Tod mit den Überlebenden macht: mit den Angehörigen der Opfer, den Tätern und mit den Ermittlern. Darüber möchte ich schreiben.

 

6. Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Sie sind selber Psychologin, ihr Buch spielt in einer Universitätsklinik. Ist dieser Krimi eine Verarbeitung ihres Alltags?

 

Nicht so direkt, wie man es sich vielleicht vorstellt. Oft sind es die kleinen Begebenheiten am Rande einer Katastrophe, die stellvertretend für das Unfassbare stehen und mich nachhaltig beeindrucken. Das muss ich dann loswerden. Da ist zum Beispiel die Einkaufstüte, die neben der alten, alleinstehenden Dame liegt, die gerade an einem Herzinfarkt auf der Straße verstorben ist. Wer nimmt sich ihrer Einkäufe an? Was soll damit geschehen? Die Polizei steht ratlos mit der Tasche in der Hand. Eine Packung Milch, ein Toastbrot … schon bin ich berührt und machmal entwickelt sich daraus das Fragment, das vielleicht einmal eine Geschichte wird.

 

7. Sind Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich mag alle meine Figuren. Sie habe alle irgendetwas Liebenswertes, auch wenn sie schlimme Dinge tun. Natürlich liegt mir Tessa besonders am Herzen, da sie viel von mir hat und dann habe ich sie noch ausgestattet mit allem, was ich nicht bin, aber gerne wäre.

 

8. Wieso haben Sie diese Spannung zwischen Torben Koster und Tessa Ravens aufgebaut? Woher rührt sie? Was lässt Koster so ablehnend und grob reagieren anfangs?

Tessa und Koster sind irgendwie seelenverwandt, wenn ich das Wort mal benutzen darf. Sie verstehen sich ohne viele Worte. Gerade das macht es für die beiden auch sehr schwer, denn ihre Gefühle und ihr Kopf gehen nicht miteinander im Gleichschritt, sie sind nicht im Einklang. Sie haben ein schlechtes Timing.

 

9. Wieso haben Sie einen Krimi geschrieben? Ist es das, was sie auch am liebsten lesen oder ist es die Freude, die bösen Seiten ausleben zu können, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Ich mag das Rätsel und die Spannung. Als Autor mag ich Krimis, weil ich zunächst so tun kann, als ob gut wirklich gut und böse wirklich böse wäre. Aber ich habe in meiner KIT-Arbeit festgestellt, dass das Böse gar nicht so böse ist und das Gute gar nicht so gut. Darüber versuche ich zu schreiben. Ich möchte wissen, was ein Verbrechen mit den Opfern, Angehörigen und Augenzeugen macht?

 

10. Wird es eine Fortsetzung mit den Protagonisten geben? Planen Sie andere Bücher?

Ja, unbedingt. Tessa und Koster zwingen mich dazu, weiterzumachen. Aber mal sehen, ob der Leser das auch so sieht J

Es gibt tatsächlich einen Plan für ein ganz anderes Buch, aber darüber darf ich leider noch nichts verraten!

11. Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ich mag Kriminalromane, die dicht an der Realität sind und nicht so sehr „ver-rückte“ Psychothriller. Ich mag sehr viele Schriftsteller aus sehr unterschiedlichen Gründen. Zum Beispiel: Bernhard Jaumann, Jan Costin Wagner, Harlan Coben, Elisabeth George …

 

12. Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Engagiert, sensibel, interessiert.

Herzlichen Dank für dieses Interview!