Gedankensplitter: Alles gut!

«Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.» Oscar Wilde

Manchmal treffe ich mich mit anderen Menschen, wir tauchen in den Abend hinein bei einem Essen und Gesprächen. Es kommt vor, dass ich ins Erzählen komme, dass ich ausbreite, was in mir vorgeht, meine Gefühle, Ängste, auch Unzulänglichkeiten ausbreite, weil es sich aus dem Gespräch heraus so ergibt. Es sind Abende, in denen ich eine Nähe und eine Verbundenheit spüre, weil eine grosse Offenheit im Raum ist und der Austausch ein wirklicher ist, ein sich Einlassen auf den anderen. Gegenseitig. Es sind Abende, die ein Gefühl des Getragenseins in einem Miteinander in sich tragen und die dieses über den Abend hinaustragen ins Leben hinein. Ich fühle mich genährt.

Und doch kann es vorkommen, dass ich mich am nächsten Morgen frage: Habe ich zu viel erzählt? Habe ich zu Tiefes preisgegeben? Mich zu sehr offenbart? Die Mauern zu sehr eingerissen. Mir kommt der Gedanke: Was könnte nun der andere über mich denken? Zu welchen Gedanken, Bewertungen wird ihn mein Erzähltes bringen? Muss ich mich in Zukunft bedeckter halten?

Ich merke, wie mich diese Gedanken im Gegensatz zu früher nur noch schnell streifen und ich zum Schluss komme: Nein, es ist gut, wie es ist. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste. Es war, wie es war, ist, wie es ist – und es darf so sein. Alles gehört zu mir. Und selbst wenn jemand meine Offenheit in einer Form gegen mich. Verwendet, so ist das seine Sache, nicht mein Problem. Und dann ist da nur noch dieses schöne Gefühl, einen wertvollen Abend erlebt zu haben.

Habt einen schönen Tag!

Im Restaurant – eine Geschichte

Die beiden Männer sassen im Restaurant des Supermarktes an einem Tisch. Sie sassen da jeden Tag und unterhielten sich. Ich verstand nicht, was sie sagten, sie sprachen in einer mir fremden Sprache. Ab und an erhob einer die Stimme, der andere stimmte gleich mit ein. Sie schienen aber nicht zu streiten, viel mehr engagiert zu diskutieren.

Sie waren schon älter. Weisse Haare und zerfurchte Gesichter zeugten von einem gelebten Leben. Braune Augen blickten beim einen sanft und etwas fragend, beim anderen gewitzt und interessiert. Sie tranken Kaffee.

Wo sie wohl herkamen? Vermutlich irgendwo aus dem Süden. Jetzt sprach einer von Italien. Vermutlich, weil am selben Abend Italien im Viertelfinal der Fussball-EM stand. Ich war auch für Italien. Das wussten die beiden aber nicht und ich traute mich nicht, es Ihnen zu sagen. Zwar konnte ich mir vorstellen, dass sie sich gefreut und mich ins Gespräch einbezogen hätten – sofern wir eine gemeinsame Sprache gefunden hätten. Meine eigene Zurückhaltung liess es nicht zu.

Gedanken wie „nicht stören“, „niemandem zur Last fallen“, „mich nicht aufdrängen“ schossen mir durch den Kopf. Zudem redete ich mir ein, dass es unhöflich sei, anderen zuzuhören – wobei sie unüberhörbar laut redeten. Aber: Mit einem Votum hätte ich mich geoutet als Zuhörerin.Zwar war mir bewusst, dass in südlichen Ländern genau das üblich war: Man sass beisammen, Leute kamen und gingen und alle redeten miteinander – und durcheinander.

Zumindest war das früher so, heute hatten sich die Zeiten wohl auch in den Ländern ein wenig geändert, zumindest bei den jüngeren Generationen. Wobei ich das nicht so genau wusste, ich war nie im Süden gewesen. So oder so waren die Männer hier vor mir aus einer Generation, die genau das gekannt hatte: Die Stühle auf der Piazza, die angeregten Gespräche, das Zusammensein. Noch während ich das alles dachte, kam ein dritter älterer Herr, brachte gleich seinen Stuhl mit und setzte sich dazu.

Während draussen trotz des Sommermonats nur Regen und Grau herrschte, kam bei mir ein wenig Ferienstimmung auf. Ich fühlte mich selber wie in einer italienischen Pizzeria, lauschte den fremden Tönen und liess meine Gedanken schweifen, während ich meinen Kaffee trank. Ich stellte mir vor, wie es wäre, einfach alle Bedenken über Bord zu werfen, mich dazuzusetzen und mitzureden, dazuzugehören.

Dann war ich fertig mit meinem Kaffee. Ich packte meine Sachen, stand auf und lief in Richtung ihres Tisches. Als ich kurz davor war, blickte mich der Mann mit den sanften Augen an. Ich lächelte ihn an und er lächelte zurück.