Mit der Kamera gemeinsam sehen lernen

«Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, wir sehen die Welt, wie wir sind.» Anaïs Nin

Ein Ort ist nie einfach nur ein Ort, er ist nicht bloss Strasse, Wald, Platz, Bahnhof, Seeufer, Innenhof oder Stadtviertel. Ein Ort ist immer auch das, was wir in ihm sehen. Und was wir nicht sehen. Er besteht aus Licht, Formen, Geräuschen, Spuren, Erinnerungen, Bewegungen. Aber er besteht auch aus unserem Blick.

Genau darin liegt eine wunderbare Möglichkeit für die Philosophische Praxis in kleinen Gruppen: Wir gehen gemeinsam an einen Ort, verbringen dort eine bestimmte Zeit, fotografieren unabhängig voneinander und kommen danach wieder zusammen. Jede und jeder bringt Bilder mit und plötzlich zeigt sich: Wir waren am selben Ort und doch nicht in derselben Welt.

Jemand fotografierte Menschen, der andere Linien, Mauern, Strukturen. Jemand blieb an einem verwitterten Schild hängen, eine andere am Licht auf dem Boden. Einer fotografierte das Offene, Weite, eine andere die Risse, das Kaputte, das Übersehene. In den Bildern sah man Ordnung, Brüche, Schönheit, Verfallenes, offene Türen und geschlossene Fenster. Und genau hier beginnt das Gespräch. Nicht theoretisch oder abstrakt, sondern beim unmittelbar Sichtbaren.

Der gemeinsame Ort, die vielen Blicke

Wir meinen oft, wir sähen die Welt, wie sie ist. Tatsächlich sehen wir sie immer schon durch unsere Geschichte, unsere Stimmungen, unsere Fragen, unsere Sehnsüchte, unsere Befürchtungen. Wahrnehmung ist nie neutral, sie ist geprägt, gerichtet, gefiltert. Wir wählen, noch bevor wir bewusst entscheiden. Unser Blick bleibt da hängen, wo etwas in uns antwortet. Die Kamera macht das sichtbar.

Wenn eine Gruppe gemeinsam fotografiert, entsteht ein stilles Experiment über Wahrnehmung. Alle haben denselben Ausgangspunkt, dieselbe Zeit, denselben Ort, vielleicht sogar dieselbe Aufgabe, aber jeder trägt etwas Unterschiedliches in diese Situation: Sich selbst. Daraus entstehen völlig verschiedene Bildwelten.

Das ist philosophisch interessant, weil es uns aus der Selbstverständlichkeit des eigenen Blicks herausführt. Ich sehe plötzlich: Was für mich im Zentrum stand, hat jemand anderes gar nicht bemerkt. Was ich übersehen habe, war für eine andere Person das Entscheidende. Wo ich Enge empfand, sah jemand Struktur. Wo ich Leere sah, entdeckte jemand Ruhe. Wo ich Hässlichkeit wahrnahm, fand jemand eine eigentümliche Schönheit. So wird der eigene Blick relativiert, aber nicht entwertet. Er bleibt mein Blick, nur erkenne ich, dass er nicht der einzige ist.

Das ist für die Lebenskunst wesentlich, denn viele Konflikte, innere wie äussere, entstehen daraus, dass wir unsere Wahrnehmung für die einzige Wirklichkeit halten. Wir sehen etwas, deuten es, reagieren darauf und vergessen, dass andere vielleicht etwas ganz anderes sehen. Oder dass auch wir selbst anders sehen könnten, wenn wir den Standort wechseln.

Fotografieren als Übung in Aufmerksamkeit

Ein fotografischer Ausflug ist keine Leistungsschau. Es geht nicht darum, wer das „beste“ Bild macht. Gerade das wäre zu wenig. Es geht darum, Aufmerksamkeit zu üben. Die Kamera wird zum Instrument der Verlangsamung. Sie zwingt dazu, nicht einfach durch einen Ort hindurchzugehen, sondern bei ihm zu bleiben. Dabei geschieht etwas, das im Alltag eher selten ist: Man schaut länger hin. In einer Welt, in der fast alles auf Geschwindigkeit, Nutzen und sofortige Reaktion ausgerichtet ist, ist dieses längere Hinsehen schon eine Gegenbewegung. Es unterbricht das Flüchtige. Es fragt: Was ist hier eigentlich? Was zeigt sich erst auf den zweiten Blick? Was verändert sich, wenn ich nicht sofort weitergehe?

Diese Aufmerksamkeit gilt dem Ort, aber sie führt zugleich zu mir selbst zurück. Warum fotografiere ich genau das? Was zieht mich an? Was stört mich? Was vermeide ich? Suche ich Schönheit, Ordnung, Einsamkeit, Lebendigkeit, Zerfall, Nähe, Distanz? Bin ich mutig im Blick oder bleibe ich auf Abstand? Fotografiere ich Menschen, Dinge, Strukturen, Übergänge, Spuren? Bleibe ich beim Offensichtlichen oder wage ich, das Unscheinbare ernst zu nehmen?

In solchen Fragen wird Fotografieren zu einer Selbsterkundung, ohne dass es sofort um Selbstanalyse gehen muss. Man schaut nach draussen und merkt, dass der Blick nach draussen auch etwas über das Innere erzählt.

Das gemeinsame Betrachten

In der Gruppe zeigen wir unsere Bilder, zeigen, was bei uns etwas ausgelöst haben, sehen, was wir auf anderen Bildern entdecken, das uns entgangen ist. Wir erfahren etwas über die Sichtweisen und die Beweggründe anderer. Das ist ein Erleben, was alles möglich ist, wenn man verschiedene Perspektiven zulässt. Es kann dazu bewegen, auch selbst zu versuchen, neue Perspektiven einzunehmen, zu lernen, dass vieles auch anders sein könnte, als wir im ersten Moment denken. Nicht alles, was wichtig ist, liegt schon klar vor uns. Manches wird erst im genauen Hinsehen sichtbar.

Wahrnehmung vergleichen, ohne sie zu bewerten

Aus dieser Übung können Fragen entstehen, die weit über die Fotografie hinausgehen:

  • Worauf achten wir im Leben?
  • Was übersehen wir zuverlässig?
  • Wo suchen wir Schönheit?
  • Wo erwarten wir Gefahr?
  • Was halten wir aus?
  • Wo wenden wir uns ab?
  • Was bedeutet es, einen Ort wirklich wahrzunehmen?
  • Und was bedeutet es, einen Menschen wirklich wahrzunehmen?

So wird aus dem gemeinsamen Fotografieren ein philosophisches Gespräch über Weltbeziehung. Über Nähe und Distanz. Über Aufmerksamkeit und Urteil. Über Gewohnheit und Offenheit. Über das Eigene und das Fremde.

Der Blick der anderen als Erweiterung

Bein gemeinsamen Fotografieren schenken mir andere ihren Blick und meiner wird mir bewusster. Hier zeigt sich, dass ich kann die Welt nicht allein vollständig sehen kann, ich brauche andere Menschen, nicht nur, weil sie mir widersprechen oder mich bestätigen, sondern weil sie mir Ausschnitte der Welt zeigen, die mir selbst entgehen.Eine lebendige gemeinsame Welt entsteht gerade dadurch, dass verschiedene Perspektiven nebeneinander treten dürfen. Nicht beliebig, nicht gleichgültig, sondern offen genug, um einander zu befragen.

  • Was hast du gesehen, was ich nicht gesehen habe?
  • Was hat dich berührt?
  • Warum war mir das unwichtig?
  • Warum war es dir wesentlich?

In einer Zeit, in der viele Gespräche sofort zu Meinungen werden, kann die Fotografie helfen, vor der Meinung noch einmal zur Wahrnehmung zurückzugehen. Bevor wir streiten, was etwas bedeutet, schauen wir gemeinsam: Was ist da? Was zeigt sich? Was sehen wir jeweils? Was fehlt?

Das ist eine Übung in Pluralität, nicht im Sinne eines politischen Begriffs, sondern als menschliche Grundbedingung. Wir leben gemeinsam in einer Welt, die niemand allein besitzt.

Kreativität als gemeinsame Praxis

Ein solches Angebot lebt auch von Kreativität. Nicht als dekoratives Beiwerk, sondern als Form der Weltaneignung. Wer fotografiert, gestaltet. Man wählt einen Ausschnitt, eine Perspektive, einen Moment. Man entscheidet, ob etwas ins Zentrum rückt oder am Rand bleibt. Man findet eine Form für eine Wahrnehmung.

In der Gruppe wird diese Kreativität erweitert. Die einzelnen Bilder treten miteinander in Beziehung. Vielleicht entsteht daraus eine kleine Serie. Ein gemeinsames Bild eines Ortes. Nicht einheitlich, sondern vielstimmig. Daraus können kleine Ausstellungen entstehen, Fototexte, Blogbeiträge, Gesprächsabende, Karten, Hefte oder digitale Galerien. Auch das gehört zur Lebenskunst: Erfahrungen nicht nur zu machen, sondern ihnen eine Form zu geben. Etwas aus ihnen entstehen zu lassen. Das Flüchtige zu sammeln, ohne es festzunageln.

Nicht die Fotografie steht im Mittelpunkt, sondern der Blick

Wichtig bleibt: Es geht nicht darum, fotografieren zu können. Die technische Qualität ist zweitrangig. Natürlich kann man nebenbei etwas über Bildaufbau, Licht, Perspektive und Komposition lernen. Aber der Kern liegt woanders. Nicht die Fotografie steht im Mittelpunkt, sondern der Blick. Die Kamera ist ein Werkzeug, um Wahrnehmung bewusst zu machen. Sie hilft, das eigene Sehen zu verlangsamen, zu prüfen und zu teilen. Sie macht sichtbar, wie verschieden Menschen derselben Welt begegnen. Und sie öffnet einen Raum, in dem aus Bildern Fragen werden.

Philosophische Praxis heisst hier nicht, sich vom Leben zurückzuziehen und über Begriffe nachzudenken, sie heisst, in die Welt hineinzugehen, an Orte, in Strassen, in Landschaften, auf Plätze. Genau hinzusehen, sich berühren zu lassen, zu fragen, was dieses Sehen mit unserem Leben zu tun hat. Wie wir sehen, ist nie belanglos, unser Blick entscheidet mit darüber, wie wir leben: Ob wir nur Mangel sehen oder auch Möglichkeiten, ob wir andere Menschen auf Funktionen reduzieren oder sie wirklich wahrnehmen, ob wir im Gewohnten abstumpfen oder das Staunen bewahren, ob wir die Welt nur benutzen oder ihr begegnen.

Ein fotografischer Denkgang kann deshalb mehr sein als ein Ausflug mit Kamera. Er kann eine Schule der Aufmerksamkeit sein. Eine Übung in Pluralität. Ein Gespräch über Weltbeziehung. Ein kreativer Zugang zur eigenen Lebenskunst.

Eine Philosophie des Hinschauens

Manchmal findet ein Wort zu einem und man fragt sich: Passt das? Woher kommt es? Will ich es behalten, drückt es aus, was ich will, bin, suche, und: braucht das überhaupt ein Wort? Bei mir war das so mit dem Begriff Photosophin. Ich mochte ihn, auch wenn ich ihn nicht wie ein Schild vor mir hertragen wollte. Er ist kein Titel, kein Beruf, keine Marke, eher ein Versuch, etwas zu benennen, das sich zwischen Fotografie und Philosophie bewegt und doch in keinem von beidem ganz aufgeht.

Fotografie begleitet mich schon lange. Ich habe sie eine Zeit lang aus den Augen verloren, nun kehre ich zu ihr zurück. Nicht dort, wo ich einmal war, es kam durch die Zeit und das, was in ihr war, vieles hinzu. Das ist einerseits bereichernd, denn ich merke in vielem, dass eine Entwicklung stattgefunden hat, andererseits ist dadurch eine neue Offenheit entstanden, die es erst zu überblicken gilt. Was ich klar merke: Die Kamera holt etwas in mir hervor, das durch kein anderes Medium genau so angesprochen wird. Sie zwingt mich nicht zuerst zum Denken, sie fordert mich auf, hinzuschauen.

Das ist mir wichtig, denn Philosophie wird oft mit Denken verbunden, mit Begriffen, Argumenten, Theorien. Das alles gehört zu ihr, natürlich, aber für mich beginnt Philosophie früher. Sie beginnt dort, wo ich innehalte, wo ich nicht sofort einordne, nicht sofort erkläre, nicht sofort weiss. Wo ich einer Sache, einem Ort, einem Menschen, einem Schatten, einer Geste einen Moment länger Aufmerksamkeit schenke.

Hinschauen ist mehr als blosses Schauen. Schauen geschieht oft nebenbei. Wir bewegen uns durch die Welt, erkennen, was wir kennen, übersehen, was nicht laut genug ist, ordnen ein und gehen weiter. Hinschauen aber unterbricht diese Bewegung. Es bleibt stehen. Es fragt nicht zuerst: Was bedeutet das? Sondern: Was ist hier? Was zeigt sich? Was entgeht mir? Was liegt offen da und bleibt doch verborgen? Hier beginnt wirkliches Sehen.

Hier liegt die Verbindung von Fotografie und Philosophie, die mich interessiert. Nicht in einer Fotografie, die etwas beweisen will, nicht in Bildern, die einem Gedanken dienen müssen, sondern in einer Haltung der Aufmerksamkeit. In einem Blick, der nicht vorschnell Besitz ergreift, in der Bereitschaft, die Welt nicht nur zu betrachten, sondern sich von ihr ansprechen zu lassen.

Eine Philosophie des Hinschauens ist für mich darum keine Theorie über Bilder, sie ist eine Lebenshaltung. Sie fragt danach, wie wir der Welt begegnen. Ob wir sie nur benutzen, beurteilen, konsumieren oder ob wir ihr noch zutrauen, uns etwas zu zeigen. Sie fragt, ob wir nur nach dem Offensichtlichen suchen oder auch nach dem Leisen, dem Randständigen, dem Verletzlichen, dem Unscheinbaren.

Gerade das zieht mich fotografisch an: nicht das Spektakuläre, sondern das, was fast übersehen wird. Eine Spur auf einer Mauer. Ein Lichtfleck auf einem Tisch. Ein Mensch in einem Moment der Versunkenheit. Eine Tür, die offensteht und doch nicht wirklich hineinlässt. Ein Blick, der etwas sagt und zugleich etwas verbirgt. Mich interessiert dieses Dazwischen: das Sichtbare, das nicht alles preisgibt.

Vielleicht ist auch das Philosophische daran: dass ein gutes Bild keine Antwort abschliesst, sondern eine Frage öffnet. Es sagt nicht: So ist die Welt. Es sagt: Schau, bleib einen Augenblick, da ist mehr, als du im Vorbeigehen gesehen hast.

In diesem Sinn verstehe ich mich nicht einfach als Fotografin und auch nicht einfach als Philosophin, die nun zusätzlich fotografiert. Die Fotografie ist kein Schmuck für Gedanken und die Philosophie ist keine Erklärung der Bilder. Beides begegnet sich in einem gemeinsamen Grund: im Wunsch, genauer wahrzunehmen, was ist.

Der Begriff Photosophin gefällt mir deshalb als leise Annäherung. Photo – Licht, Bild, Sichtbarkeit. Sophia – Weisheit, Suche, Liebe zum Verstehen. Dazwischen liegt ein Raum, in dem das Sehen tiefer wird, ohne sofort begrifflich zu werden. Ein Raum, in dem ein Bild nicht nur zeigt, sondern berührt. In dem ein Text nicht erklärt, sondern weiterführt. In dem Fotografie zu einer Form von Weltbeziehung wird.

Hier liegt auch mein eigentlicher Zugang zur Philosophischen Praxis. Nicht nur das Gespräch im Praxisraum, nicht das konkrete Angebot nach einer bestimmten Methode, nicht einfach ein Termin, um Dinge zu klären. Philosophische Praxis ist für mich das gemeinsame Hinschauen: auf die Welt, auf das eigene Leben, auf das, was sichtbar ist, und auf das, was darunterliegt, denn oft beginnt Veränderung nicht mit einer grossen Erkenntnis, sie beginnt mit einem Blick, der nicht mehr ausweicht.

Die Kamera hilft mir dabei. Sie verlangsamt. Sie sammelt. Sie zwingt mich, mich zu entscheiden: Worauf richte ich meinen Blick? Was lasse ich im Bild? Was bleibt draussen? Wie nah gehe ich heran? Was darf verborgen bleiben? Das sind fotografische Fragen, aber es sind zugleich Lebensfragen, denn auch im Leben geht es darum, wie wir schauen. Sehen wir nur, was uns bestätigt, lassen wir uns vom Lärm ablenken, blenden wir das Unbequeme aus? Nehmen wir das Schöne noch wahr, auch wenn es leise ist, und sehen wir einen Menschen wirklich so, wie er ist, oder sehen wir nur unsere eigene Vorstellung von ihm?

Eine Philosophie des Hinschauens ist darum auch eine Übung in Mitmenschlichkeit. Sie lehrt, dass wir nicht immer alles gleich verstehen müssen und dass wir mit den Dingen nicht zu schnell fertig sein sollten, weder mit unseren Bildern, noch mit Menschen und schon gar nicht mit uns selbst.

Vielleicht fotografiere ich, weil die Welt gesehen werden möchte. Nicht vereinnahmt, nicht erklärt, nicht verschönert. Gesehen. In ihrer Schönheit, in ihren Brüchen, in ihrer Würde, in ihrem Geheimnis. Und deswegen mag ich dieses Wort: Photosophin: eine, die mit der Kamera hinschaut, die im Sichtbaren nicht das Ende sucht, sondern den Anfang einer Frage. Eine, die glaubt, dass ein genauer Blick manchmal mehr verändern kann als viele Worte.

Das ist das Manifest auf meiner Fotografieseite: https://sandravonsiebenthal.com/

Ich würde mich freuen, wenn ihr mich da besucht, gerne auch verweilt und mich begleitet auf einer Reise mit Bild & Text.

Rüdiger Görner, Kaltërina Latifi: Thomas Mann

Ein Schriftsteller setzt sich in Szene. Bildband mit 200 bisher unveröffentlichten Fotografien des Autors und Literaturnobelpreisträgers, begleitet von literaturwissenschaftlichen Essays

«Ich mag mich nicht sehen. Müsste anders ausschauen.»

Das sagte der Mann über sich, welcher hunderte von Fotos in Auftrag gab, um sich in diesen selber zu präsentieren – und wohl auch stilisieren. Das Leben von wohl keinem anderen Schriftsteller ist so gut erschliessbar und erschlossen, wie das von Thomas Mann. Durch seine Tagebücher (von denen er leider ein paar Jahrgänge verbrannt hat) sind die intimsten Details bekannt geworden, unzählige Briefwechsel haben diese Einblicke noch erweitert. Den am Leben und Schaffen Thomas Manns Interessierten steht zudem eine Vielzahl von Biographien und Sekundärwerken zur Verfügung. Man würde denken, dass mittlerweile alles gesagt und bekannt ist. Dass dem nicht so ist, beweisen Gröner und Latifi im vorliegenden Buch. Sie haben neben dem wohlbekannten auch bislang unveröffentlichtes Fotomaterial in diesen Bildband aufgenommen. Dass das Buch geschmackvoll gestaltet ist, trägt zur Freude des Betrachtens bei. Das Buch ist sehr stilvoll gesetzt und auf hochwertigem Papier gedruckt.

Begleitet werden die Fotografien von inhaltlich informativen und fundierten Essays. Der Leser erhält Einblicke, wie ein Porträt zum Medium der Selbstdarstellung wird, das Individuum sich selber erschafft durch das Bild oder auch, wie durch das Bild das eigene Selbstverständnis und die gewünschte Wirkung nach aussen erreicht wird bei Thomas Mann.

Persönlicher Eindruck
Als ich vor vielen Jahren meine Masterarbeit über Thomas Mann schrieb, habe ich nicht nur das gesamte Werk von ihm gelesen, sondern auch einen grossen Teil seiner Tagebücher und eine Vielzahl von Biographien und anderen Sekundärwerken über sein Leben und Werk. Zudem schaute ich Filme über ihn, tauchte sprichwörtlich in sein Leben ein. Vor diesem Hintergrund liegt es auf der Hand, dass ich viele der Bilder kannte, mir auch gewisse in den Essays erscheinenden Informationen nicht neu waren. Das tat meiner Freude über dieses und an diesem Buch aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Es war wie ein Heimkommen, ein erneutes Eintauchen, ein innerliches „Weisst du noch?“. Das Buch hat es mir einfach gemacht, einzutauchen und zu geniessen. Es ist wirklich eine Augenweide und es zollt diesem grossartigen Schriftsteller den gebührenden Tribut.

Fazit:
Ein grossartiges Buch, das auf eine sehr ansprechende Weise das Leben Thomas Manns ins Bild setzt, zudem sehr informativ und fundiert. Eine grosse Buchempfehlung!

Zu den Autoren
Rüdiger Görner ist Professor für Neuere Deutsche und vergleichende Literatur an der Queen Mary University of London und Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und erhielt den Deutschen Sprachpreis der Henning Kaufmann-Stiftung ebenso wie den Reimar Lüst-Preis der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Rüdiger Görner ist Träger des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. Publikation zu Nietzsche, Kafka, Trakl, Thomas Mann und Oskar Kokoschka.

Kaltërina Latifi promovierte mit einer Arbeit zur Poetik E.T.A. Hoffmanns. Fellowship am Centre for Anglo-German Cultural Relations der Queen Mary University of London. Sie arbeitet derzeit an einer Habilitation zur Ästhetik des Fragments. Publikationen zu E.T.A. Hoffmann, A.W. Schlegel und Jean Paul.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (18. März 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3806242478

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Kreativität

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„Kreativtität ist die Fähigkeit zu sehen (oder bewusst wahrzunehmen) und zu antworten.“ (Erich Fromm)

Wie oft schauen wir nur und sehen gar nicht wirklich? Wie wollen wir richtig auf etwas reagieren, das wir gar nicht wirklich wahrgenommen haben? Wie oft reagieren wir auf die Dinge, wie sie wirklich sind, wie oft darauf, wie wir denken, dass sie seien?

Tagesgedanken: 3. August

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„Ein jeder ist dir auf einem Gebiet überlegen und von jedem kannst du etwas lernen.“ (Ralph Waldo Emerson)

Hast du dich auch schon mal beim Gedanken ertappt, dass andere Dinge besser können als du? Und oft passiert dir das bei Dingen, die dir wichtig sind, bei denen du selber gut sein willst. Doch: Mit wem vergleichst du dich?

Hast du dich auch schon mal beim Gedanken ertappt, dass du etwas weisst, dein Gegenüber von dir lernen kann? Nie wäre es dir in den Sinn gekommen, dass auch der andere dir noch was zeigen könnte.

Im Zen Buddhismus gibt es den Begriff des Anfängergeistes. Er ist eines der höchsten Güter. Wir sind dann wirklich fortgeschritten, wenn wir uns jeden Tag als Schüler sehen. Als Menschen, die gerade anfangen. Mit offenem Blick. Mit Neugier. Mit dem Wunsch, zu lernen.

Ein schöner Gedanke. Einfach nochmals anfangen. Die Welt neu sehen. Ohne Schubladen, ohne Kategorien, ohne zu meinen, alles wissen zu müssen. Mit einem frischen Blick. Offen.

22. Juli

Baum

„Ausdauer ist edler als Stärke, und Geduld edler als Schönheit.“ (John Ruskin)

Da steht er. Jahraus, jahrein. Und wächst. In seinem Tempo. Er hat Zeit. Er muss nirgends hin, er strebt nach nichts. Er wächst aus sich heraus. In wachsenden Ringen erweitert er seinen Stamm, bildet ein stabiles Fundament, um in die Höhe zu wachsen. Breitet zugleich seine Wurzeln aus, um einen sicheren Stand zu haben.

Wie oft vergessen wir vor lauter Streben den sicheren Stand im Hier und Jetzt? Wie oft wollen wir zu schnell zu viel, schiessen übers Ziel hinaus? Wie oft wollen wir die Dinge beschleunigen, die schlicht ihre Zeit brauchen?

Wir könnten viel von diesem Baum lernen. Und es mit Rilke halten:

Ich lebe mein Leben in wachseneden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.

Jeder Ring braucht seine Zeit. Und erst, wenn ein Ring vollendet ist, kann ein neuer wachsen. Und wir damit.

2. Juli

„Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.“ (Buddha)

Version 2
Hast du dir auch schon mal etwas vorgenommen, bist dann voller Elan gestartet, doch irgendwann ging dir die Puste aus? Was hast du getan? Die Zähne zusammengebissen und weiter gemacht, oder hast du aufgegeben?
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Willst du etwas erreichen, gibt es nur eines: Ausdauer, Disziplin und Geduld.

27. Juni

„Wenn man glücklich ist, soll man nicht noch glücklicher sein wollen.“ Theodor Fontane

Blütenregen (1 von 1)

Schneller, besser, höher – mit dem Anspruch gehen wir durchs Leben. „Das kann noch nicht alles gewesen sein“ ist eine gängige Erwartungshaltung, dass noch mehr kommen muss. Wann ist es genug?

26. Juni

„Nichts wird langsamer vergessen als eine Beleidigung und nichts eher als eine Wohltat.“ Martin Luther

Close (1 von 1)

Wieso lenken wir oft so viel Energie auf das Negative, so wenig auf das Positive? Wie viel länger bleiben uns unschöne Erlebnisse im Kopf als schöne? Wie lange tragen wir jemandem etwas nach und wie lange sind wir ihm dankbar?

Das, worauf wir unsere Energie lenken, ist in unserem Leben dominant. Wir haben es in der Hand.

25. Juni

„Es ist schön, den Augen dessen zu begegnen, den man soeben beschenkt hat.“ Jean de La Bruyère

Pink (5 von 5)

Was gibt es schönere, als die Freude im Blick dessen, den man beschenkt hat? Welches schönere Geschenk könnte man sich selber machen, als sich daran zu freuen?

23. Juni

„Manchmal ein bisschen träumen

Und immer ein bisschen hoffen –

So blieb zu seligen Räumen

Mir allzeit ein Türlein offen.“ (Ernst Goll)

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Wenn das Leben dunkle Seiten zeigt, was könnte mehr Licht bringen als die Hoffnung, dass es wieder besser wird? Wenn eine Tür zuschlägt, wo fände man mehr Trost als im Gedanken, dass dafür ein Fenster aufgeht? Es ist die Hoffnung, die uns weiter an das Gute glauben lässt, es ist die Hoffnung, die hilft, den Mut nicht zu verlieren. Und manchmal ist es auch die Hoffnung, dass Träume wahr werden können, die dabei hilft, eigene Wege zu verfolgen.
Wie dankbar kann also der sein, der noch Hoffnung hat? Wie dankbar der, welcher Träume hat und daraus ein Leben bilden will – in der Hoffnung und im Glauben, dass es gelingen kann?