Biologie überbewertet?

Jede 2. Ehe wird geschieden. Dabei verlieren viele Kinder ihre Ursprungsfamilie. Neue Menschen dringen ein, wenn die Mutter sich neu bindet, der Vater zu neuen Ufern aufbricht. Was ist heute noch normal? Was ist eine Familie? Wie definiert man sie? Und wo bleibt das Kind in dem ganzen Schlamassel?

2 Minuten Spass, die Folgen sind frappant: eine Lebensaufgabe. Solch weitreichenden Konsequenzen sind kaum je zu erwarten, nur bei einem – der schönsten Nebensache der Welt. Kurz die Zweisamkeit genossen, kann daraus etwas entstehen, das alles Gedachte übersteigt. Neues Leben entsteht. Und damit fangen die Probleme an.

Im besten Fall träumt man von Familie, Kindern, dem ganzen schönen Leben, wie es im Bilderbuch erscheint. Die Realität heute sieht anders aus. Dass es ungewollte Kinder gibt, lassen wir mal aussen vor, traurig genug. Aber auch die gewollten kommen nicht mehr immer in den Genuss einer heilen Familie, wie sie in Heimatfilmen vorkommt. Man hätte den Märchen glauben sollen, denn schon diese sind nicht eitel Sonnenschein, sondern strotzen von bösen Stiefmüttern, mörderischen Vätern und dergleichen mehr.

Wenn ich zurück denke, an meine Kindheit: Woran erinnere ich mich? An gemeinsame Zeit, an Dasein, an das Taschentuch, das Tränen trocknete, die Hand, die Hustensirup reichte. Ich erinnere mich an gebaute Legostädte, an starke Schultern und kitzelnde Hände. Ich erinnere mich an Schokoladenkuchen zum Geburtstag und an gemeinsame Ausflüge. Ich erinnere mich an gemeinsame Zeit. Samen und Zellen? Blut? Davon wusste ich nichts. Ich hatte das Glück, Blutsverwandte als Eltern zu haben. War das relevant?

Es gibt Beispiele von Kindern, die bei Grosseltern aufwachsen. Es gibt Beispiele von Kindern, deren Eltern starben, die ihre Pflegeeltern lieben, wie eigene – ob es genau so ist, weiss man nie, jeder fühlt nur, was er fühlt. In den Anderen hineinschauen und –fühlen, um zu vergleichen, geht schlecht.

Meine These in dem Ganzen ist: Die gemeinsame Zeit, gemeinsame Erinnerungen, der sichere Hafen, der Halt in der Not – das sind die Dinge, die binden, die Familie ausmachen. Was kümmern da zwei Minuten Spass am Anfang, was kümmert Blut? Es ist die Herkunft, bringt vielleicht ein paar Veranlagungen mit sich (wie viele ist noch umstritten, die Wissenschaftler arbeiten dran). Doch lebendige Verbindungen sind anderswo zu suchen.  Sie entstehen da, wo ein Miteinander stattfindet. Wo Vertrauen aufgebaut wird. Wo ein Austausch ist. Das alltägliche Umfeld ist das, was prägt. Was das Zuhause ausmacht.

Familie wächst, sie ist nicht durch einen quasi Urknall geschaffen. Familie entsteht mit der Zeit und mit der Bereitschaft, sich einzulassen, sich einzusetzen. Man kann sich nicht durchschmuggeln. Man kann sich nicht einkaufen. Das funktioniert kurzfristig, aber nie auf Dauer. Am Schluss siegen Gefühle. Und die entstehen, wenn das Kind sich aufgehoben fühlt und sich ernstgenommen wähnt. Das hat jeder in der Hand, dazu braucht es keine Gesetze, die an alten Mustern festhalten wollen.

Nimmt man das und schaut auf die heutige Welt, ergeben sich neue Modelle: Kinder können viele Bezugspersonen haben.  Jeder kann sich seine Rolle selber zuschreiben. Und wenn man das im Kopf hat, niemand denkt, ein anderer nimmt einem was weg, sondern sieht, dass der dem Kind was gibt, dann wäre ein Miteinander möglich, das im Sinne des Kindes wäre. Und damit mittel- und langfristig im Sinne der Gesellschaft.

Anthony McCarten: Ganz normale Helden

Der Junge hat Jim den Rücken zugewandt, er starrt gebannt auf den Monitor.
Jeffrey. Er war nicht immer ein Computerkid. Erst seit Donalds Tod. Vielleicht war es der jähe Verlust oder das Leichentuch, das sich danach auf die Familie gelegt hat und nie wieder gelüftet wurde. Jedenfalls hat Jeff sich, genau wie Jim auch, vom Familienleben zurückgezogen.

Familie Delpe lebt in London, Vater, Mutter, zwei Söhne. Das Leben ist angenehm, bewegt sich in der besseren Gesellschaft, bis der Tod des jüngeren Sohnes alles verändert. Jeder der drei zurückbleibenden Familienmitglieder geht anders mit der Trauer um und jeder scheint den anderen vorzuwerfen, dass diese nicht richtig trauern. So driften sie alle langsam auseinander, es gibt immer weniger Verbindendes. Wo einst eine Familie war, sind heute drei verzweifelte Individuen, die jeder für sich den Forderungen des Lebens nicht mehr nachkommt, sich in eine eigene Welt zurückzieht.

Als Jeffrey merkt, dass er auch durch seine Präsenz die Eltern weder trösten noch wieder versöhnen kann, verschwindet er eines Tages ohne ein Wort und lässt seine Eltern verzweifelt zurück. Auch mit diesem Verlust gehen die beiden unterschiedlich um, so dass dieser einen noch grösseren Keil zwischen sie schiebt.

Die Rückzugswelten sind bei allen drei Delpes mehr oder minder virtueller Natur. Jeffrey spielt sich in einem Computerspiel durch die Phantasiewelten, wo ihn sein Vater findet und entgegen seiner Abneigung gegen das Internet einsteigt, um seinem Sohn nahe zu kommen. Die Mutter reflektiert ihre Probleme im Internet mit einer Figur, die sich Gott nennt und lebt sonst nur für ihre Trauer. Der Computer spielt nicht nur in der Familie eine zentrale Rolle, er hält auch als Metapher für das reale Leben immer wieder sein Vokabular bereit.

…der aufsässige Junge, der lebte, als hätte er permanent die FESTSTELLTASTE GEDRÜCKT, alles war ÜBERTRIEBEN UND SUPERDRINGEND UND ZU GROSS GESCHRIEBEN, GEFÜHLE WICHTIGER ALS DER VERSTAND, TRÄUME WICHTIGER ALS DAS GEWISSEN, ANGETRIEBEN VON SO VIEL ÜBERZEUGUNGSWILLEN UND HYPE, DASS DIE GRENZE ZWISCHEN KRAFT UND FITKION SCHLIESSLICH…VERPUFFTE.

Überhaupt geizt der Roman nicht an Metaphern, die teilweise etwas weit hergeholt erscheinen. Auch Klischees werden häufig bemüht, was etwas platt wirkt.

Der Leser pendelt zwischen der realen Welt der Delpes oder spielt im Computerspiel mit, in welchem er über viele Seiten der strategischen Kriegsführung und den Dialogen beiwohnen muss. Dies macht den Roman zeitweise sehr langatmig und nimmt die Spannung, welche in der „realen“ Geschichte der Delpes durchaus immer wieder wie aus dem Lehrbuch aufgebaut wird.

Fazit:
Ein lesenswerter Roman, bei dem man wissen möchte, wie er ausgeht. Weniger (virtuelle Welt sowie Metaphern und Klischees) wären mehr gewesen.

(Antony McCarten: Ganz normale Helden, Diogenes Verlag, Zürich 2012.)

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Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 454 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (September 2012)
Preis: EUR: 22.90 ; CHF 38.90

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