8. April – Holocaust-Gedenktag

Fast 70 Jahre sind vergangen seit der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Traurige Opferbilanz dieses Krieges waren geschätzte sechs Millionen Juden, Sinti, Roma und alle, die dem nationalsozialistischen System nicht genehm oder wohlgesinnt waren. Neben dieser immensen Zahl gibt es eine grosse Zahl von Mitbetroffenen, von Überlebenden, die Zeit ihres Lebens gezeichnet und geprägt sind durch diese Ereignisse.

Immer wieder werden Rufe nach einem Schlussstrich laut. Es müsse auch mal gut sein, man solle wieder nach vorne schauen. Man wolle nichts mehr von Schuld und Wiedergutmachung hören, die Last der Vergangenheit ablegen. Begreiflich, denn sie drückt – auf allen Seiten. Und doch kann man sie nicht einfach abstreifen wie eine abgestorbene Haut. Sie ist da und sie hat ihre Äste bis in die heutige Zeit ausgestreckt, wirkt noch immer nach. Noch immer gibt es Überlebende, die Zeugen dieses historischen Unrechts waren. Noch immer gibt es Menschen, in denen die Erinnerung daran nachwirkt. Und wenn sie alle gestorben sind, lebt die Geschichte in ihren Nachkommen weiter. Eine Vergangenheit, die nie vergeht, nie vergehen soll und darf.

Ein Unrecht, das so gross war wie die systematische Vernichtung von als unwerte Menschen Betrachteten darf nicht einfach vergessen werden. Nicht nur hat der Zweite Weltkrieg mit seinen Todesmaschinerien eine Grössenordnung und Systematik angenommen, die selten ist, er hat durch seine Grössenordnung auch innerhalb Europas, sogar darüber hinaus, neue Weichen gesetzt. Völkermord wurde definiert (vor kam er schon früher, man denke an Armenien), Menschenrechte formuliert und verabschiedet, Konventionen ins Leben gerufen. Die nationalen Gesetze wurden um Grundrechte erweitert, die dabei helfen sollten, Menschengruppen nicht mehr solchen vereinheitlichenden Verurteilungen und Unterdrückungen auszusetzen.

Perfekt ist die Welt nicht geworden, vieles wurde auch wieder vergessen. Manche möchten heute lieber schweigen, manche nicht mehr dran denken, was mal war. Man hat genug gebüsst, man hat genug gedacht. Einige streiten sogar ab, dass überhaupt mal was war, sie leugnen schlicht die Vergangenheit. In meinen Augen ein Schritt zurück und die Weiterführung der Taten damals. Wenn wir nicht mehr erinnern, was war, töten wir die Menschen ein zweites Mal, denn wenn sie auch in der Erinnerung ausgelöscht sind, haben diese quasi nie existiert. Ein Verschweigen dessen, was damals war kommt einem erneuten Unrecht gleich. Man nimmt einem Volk seine Identität, die zu einem grossen Teil auch aus diesem historischen Unrecht besteht. Geschichte ist immer Basis der personalen sowie der kollektiven Identität. Die Geschichte zu verschweigen oder gar zu verleugnen greift genau diese Identität und damit den Kern des Menschen und dessen Zugehörigkeit an.

Ein Tag, sich all dessen wieder bewusst zu werden. Und es im Bewusstsein zu behalten.

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Vgl. dazu auch Moralische und rechtliche Folgen von Genozidleugnung

 

Carola Saavedra: Landschaft mit Dromedar

Alex und Erika, ein Künstlerpaar, eine junge Frau, Karen, die sich zu ihnen gesellt. Eine Dreiecksbeziehung, in der jeder seine Rolle hat, die er selber nicht klar erkennt, die er aber ausfüllen muss, damit die Beziehung funktioniert.

Ich denke, mittlerweile hast du begriffen, dass es genau diese Momente sind, in denen alles vollkommen scheint, die den schrecklichsten Ereignissen, den schlimmsten Tragödien vorausgehen. Vielleicht hat jedes Glücksgefühl einen falschen Boden, eine künstliche Tonalität, und ist nur dazu da, einen Kontrast zu bilden zu dem, was kommt.

Karen stirbt und mit ihrem Tod ändert sich alles. Die Beziehung, die schon vor Karen bestand, scheint ohne sie nun nicht mehr zu funktionieren.

Ich habe grosse Angst, wie das sein wird, wir ohne Karen. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie es vorher gewesen war, aber ich kann es nicht.

Erika flieht auf eine Insel, kapselt sich ab von ihrer Vergangenheit, von Alex. Auf einem Tonbandgerät nimmt sie ihre Gedanken, ihr ganzes Leben auf der Insel auf – sie spricht auf diese Weise zu Alex, den sie in Wirklichkeit meidet.

Das Leben, das einmal war, erscheint plötzlich als sinnlos,  Kunst als wertlos. Erika sehnt sich nach den wirklichen Leben und sie sucht es sich, gibt sich hinein. Sie fühlt sich wohl, findet den ersehnten Schutz, auch wenn sie nicht weiss, wovor.

Wovor hatten wir Angst? Wovon haben wir uns bedroht gefühlt? Vielleicht von uns selber?

Landschaft mit Dromedar ist die Geschichte einer Suche. Erika sucht den Sinn des Lebens, sie sucht ihr Leben und sich selber. Sie hinterfragt, was war, fragt sich, was in ihrem Leben wirklich ihr Anteil war und was von aussen kam. Sie verliert sich selber in diesen Fragen, erfindet sich neu, um das Heute bestehen zu können. Und langsam findet sie so die Zuversicht, dass es ein Morgen gibt und nimmt den Weg dahin in die Hand.

Mit viel Feingefühl lässt Carola Saavedra Erika ihre Geschichte in 22 Tonbandaufnahmen erzählen. Man nimmt als Leser eine Geräuschkulisse wahr, wird selber zum Zuhörer und findet sich in der Position, sich selber die Fragen zu stellen, die sich Erika stellt. Es sind Fragen des Lebens, Fragen, die jeden betreffen. „Wer bin ich? Wie will ich sein? Was ist mein Weg? Was ist die Liebe?“ Aus diesen Fragen, Gedanken und Erinnerungen entsteht ein Roman, der Lebenslügen aufdeckt und neue erschafft, um sie wieder zu durchschauen.

Fazit:
Ein nachdenkliches, ein tiefes Buch, eines, das Fragen stellt, einen zum sich selber hinterfragen anregt. Sehr empfehlenswert.

 

Zur Autorin
Carola Saavedra
Carola Saavedra wurde 1973 in Santiago (Chile) geboren und lebte ab ihrem dritten Lebensjahr in Brasilien, wo sie Journalismus studierte. Nach je einem Jahr in Spanien und Frankreich, studierte sie in der Folge Publizistik in Deutschland. Heute lebt Carola Saavedra als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Auf Deutsch erschienen ist von ihr Landschaft mit Dromedar (2013), auf Portugiesisch Toda Terça (2008) und Flores Azuis (2008).

ABB_SaavedraLandschaftmitDrome_978-3-406-64709-3_1A_CoverAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13. März 2013)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406647093
Preis: EUR  17.95/ CHF 28.90

 

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David Wagner: Leben

Kurz nach Mitternacht, gerade erst heimgekehrt und noch Apfelmus löffelnd, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Blut, wohin das Auge reicht, Notfall, Krankenhaus. Zuerst durch die vielen Medikamente noch verschwommen und ab und an skurril, dann immer klarer, nimmt der junge Mann den Krankenhausalltag um sich wahr. Träume wechseln sich ab mit direkt Erlebtem, was ist wahr, was nicht?

Bin ich vielleicht doch schon tot? Geht mich das alles gar nichts an? Schaue ich nur noch zu? Vielleicht träume ich diese Gegenwart bloss, und Jenseits heisst, in einem Bett zu liegen und sich an Episoden seines Lebens erinnern zu müssen, ob man will oder nicht. Gestern oder vorgestern war meine Beerdigung, vielleicht ist sie aber erst heute. Oder morgen.

Es beginnt das Warten auf eine neue Leber. Das Warten eröffnet Fragen nach dem eigenen Ich, nach dem Sinn des Lebens und ob er nicht besser tot wäre. Er denkt es fast, wäre da nicht seine kleine Tochter.

Ich könnte – ja, das Wasser ist kalt genug, in kaltem Wasser geht es schnell, dann aber fällt mir das Kind wieder ein, das morgens, wenn es aufwacht, immer lacht und so sehr da ist, für die Tochter sollte ich, ja möchte ich noch ein paar Jahre bleiben.

Der lange eintönige Krankenhausalltag bringt Zeit. Zeit, sich zu erinnern, sich an die Menschen zu erinnern, die waren und noch sind. Sie gibt Zeit, in sich hinein zu hören, oft zu viel Zeit. Durchbrochen wird die Zeit durch die Geschichten der anderen Patienten, wobei nicht klar ist, ob die Langeweile der stillen Zeit nicht besser war.

Einer, der diese Woche neben mir liegt, sagt kein Wort. Er sagt morgens nicht guten Morgen und abends nicht gute Nacht, ich sage auch nicht s mehr. Ich kann nicht behaupten, dass mich das wirklich stört, es ärgert mich kurz, ist mir dann aber egal. Jeder ist in seiner eigenen Welt.

Die neue Leber erscheint wie ein Geschenk, sie schenkt Leben, das einem anderen Menschen genommen wurde. Verpflichtet sie zu Dankbarkeit? Verändert sich nun das eigene Sein um die Eigenschaften des Spenders? Ist der junge Mann nun auch die junge Frau, die er sich als Spenderin vorstellt, obwohl er nicht weiss, woher die Leber stammte?

 Leben ist der autobiographische Rückblick von David Wagner auf seine Krankengeschichte. Er erzählt diese in einer authentischen, pragmatischen, offenen Weise. Seine Sprache ist klar und sachlich, sein Stil entbehrt nicht eines unterschwelligen Humors. Die Schwere der Thematik wird durch die kurzen und knappen Absätze aufgelockert. Man wird als Leser von einem Punkt zum anderen geschleudert, sieht sich gerade noch Todesgedanken gegenüber und entschwindet dann in vergangene Zeiten und Erinnerungen.

Das Buch ist voller Brüche, einer grosser ist die Transplantation, welche auf durch zwei schwarze Seiten im Buch gekennzeichnet ist. Es ist ein Buch, das sich nicht flüssig lesen lässt, ein Buch, das keine dahin plätschernde Geschichte erzählt. Die Form des Erzählens – es ist ein Erzählung verteilt auf 277 Paragraphen, 8 Teile, unzählbare Themen und Gedanken – wiederspiegelt das Erleben und verhilft dem Text so zu Unmittelbarkeit.

Fazit:
Eine authentische und sachliche Erzählung um Leben und Tod, die dabei sehr persönlich bleibt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
David Wagner
David Wagner wurde 1971 geboren und wuchs im Rheinland auf. Er studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte in Bonn, Paris und Berlin. Nach Aufenthalten in Rom, Barcelona und Mexico-Stadt lebt er heute als freier Schriftsteller in Berlin. David Wagner wurde für sein Schreiben bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis, der Dedalus-Preis für Neue Literatur und der Georg-K.-Glaser-Preis. Von ihm erschienen sind unter anderem Meine nachtblaue Hose (2000), Was alles fehlt – zwölf Geschichten (2002), Vier Äpfel (2009), Welche Farbe hat Berlin (2011).

WagnerLebenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (22. Februar 2013)
Preis: EUR  19.95 / CHF 29.90

 

 

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Das Andenken an die Geschwister Scholl

Vor 70 Jahren wurden die Geschwister Scholl verhaftet und hingerichtet. Die Studenten hatten zum Widerstand gegen das Nazi-Regime aufgerufen. Sie gelten bis heute als Vorbilder der Zivilcourage.*

Die Geschwister Scholl stehen bis heute für Widerstand und Zivilcourage. Sie lehnten sich gegen die Machenschaften unter Hitler auf und bezahlten ihren Einsatz schlussendlich mit ihrem Leben. Ihre Geschichte ist umso erstaunlicher, als sie zuerst mit den Nationalsozialisten sympathisierten, eine Karriere machten in dem System entgegen den Überzeugungen ihrer Eltern, welche dem System eher kritisch gegenüber standen. Die anfängliche Faszination für die Bewegung Hitlers wich nach und nach der Überzeugung, dass diese mit der eigenen Moral nicht konform ging. Doch: woher stammt diese innere Moral? Und wieso fehlte sie bei so vielen der anderen, die entweder mitmachten oder einfach schwiegen?

Glaubt man Kant, steckt die Moral in jedem drin und jeder Mensch hätte (theoretisch) die Fähigkeit,  zu erkennen, was recht und was unrecht ist und auch nach danach zu handeln. Wenn dem so ist, wie kommt es dann, dass so viele Menschen sich in ein System einspannen liessen und sogar noch freudig mitmachten, das so offensichtlich nicht recht, nicht gut war? War es wirklich blosse Gedankenlosigkeit, wie Hannah Arendt sie bei Eichmann (wenn auch aufgrund falscher Voraussetzungen) feststellte oder steckt eine menschliche Boshaftigkeit dahinter, die jedem innewohnt? C.G.Jung hat darauf hingewiesen, dass jeder Mensch sowohl Licht wie auch Schatten in sich trägt. Als Schatten bezeichnete er die dunklen Seiten, die man selber verabscheut und auch unterdrückt. Und doch scheinen sie auch eine Anziehungskraft zu haben. Das Gute also blosse Unterdrückung des eigentlich reizvollen?

Der Mensch strebt nach dem Guten. Dessen waren sich die Philosophen zu allen Zeiten einig. Die Meinungen gingen aber auseinander, was dieses Gute sei. Nun lässt sich das Gute, das einer will, durch verschiedene Kriterien bestimmen. Es kann moralisch gut sein, es kann aber auch nur gut sein, weil es erstrebenswert scheint. Dazu bedarf es keiner moralischen Komponente, sondern einer individuell der aktuellen Begehrenssituation angepassten. Ob es wirklich gut und vor allem richtig sei, das zu wollen, was man in dem Moment will, ob dieses erstrebte Gut (moralisch) angebracht ist, steht auf einem anderen Blatt. Es steht einem immer frei, sich gegen das angestrebte zu entscheiden, wenn man es aufgrund der eigenen Abwägung über richtig oder falsch als falsch erkannt hätte. Dazu bedarf es aber des Insichgehens. Es bedarf der inneren Zwiesprache mit sich selber darüber, was Recht und Unrecht ist und was für ein Mensch man sein will. In vielen Fällen wird diese Entscheidung zugunsten des (moralisch) richtigen ausfallen. Der andere Fall findet aber auch statt. Und so findet sich kein Mensch, der nur gut oder nur böse ist. Es ist eine Entscheidung von Mal zu Mal. Gefährlich wird es da, wo das sich Fragen ausbleibt, man unbedacht handelt, ohne sich bewusst zu sein, was man tut und wieso – und vor allem, ob man das tun sollte, dürfte, kann.

Die Geschwister Scholl haben nachgedacht, haben nach ihrem eigenen Gewissen gehandelt und bezahlten das mit ihrem Leben. Sie liessen nicht ihr Leben für die Sache, denn sie wollten leben um für ihre Haltung gegen das Regime. Sie mussten sich aber bewusst gewesen sein, dass sie dieser Kampf eben dieses Leben kosten kann. Das Andenken an die Courage dieser jungen Menschen ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Es ist ein Aufruf an das eigene Denken und Hinterfragen von von aussen Gegebenen. Selbst wenn man zuerst etwas gut hiess, ihm folgte, kann man seine Route jederzeit ändern, wenn man den eigenen Weg als falsch erkannt hat. Und man kann die eigene Kraft für das Gute einsetzen, statt sie dem Bösen zu widmen. Dazu bedarf es des eigenen Urteils, der eigenen Stellungnahme, denn nichts ist –  wie schon Hannah Arendt sagte – gefährlicher als blinder Aktionismus:

Diese Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar.**

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*http://www.dw.de/vorbilder-bis-heute-sophie-und-hans-scholl/a-16601656

**Hannah Arendt: Über das Böse

Diane Broeckhoven: Kreuzweg

Nach fünfunddreissig Jahren kennt Theo Jesper jede noch so kleine Unebenheit, jede Mulde auf dem Bahnsteig, und doch geht er heute Morgen wie auf Eiern.

Auf einem Bahnhof in einem kleinen Ort beginnt die Geschichte und endet ebenda. Es ist die Lebensgeschichte einer Frau, welche auf die Geheimnisse ihres Lebens zurück blickt. Es ist ein Leben voller Schmerz, voller Tragik. Ein Leben, in welchem ihre Worte nicht gehört wurden und in dem sie bald keine Worte mehr findet für das, was ihr geschah.

 Alles wirkte so schrecklich alltäglich. Also beschloss ich, dass das alles überhaupt nicht passiert war. Dass ich das bloss geträumt hatte. Ich zog einen schweren Vorhang vor den Albtraum, der mich mit Scham erfüllte, und kehrte ihm den Rücken.

Sie zieht sich zurück, igelt sich ein, versteckt sich vor ihrer Umwelt und trägt ihre Geheimnisse selber aus. Später flieht sie vor ihrem Leben, bricht auf in ein neues, welches mit Erfolg und vor allem mit Vergessen gekrönt ist. Erst als der Vater alt und krank ist, kehrt sie zurück, stellt sich ihren Erinnerungen und merkt, wie diese langsam ihre Macht verlieren, dass sie die Vergangenheit ruhen lassen kann, sich nicht mehr davor fürchten muss.

Diane Broeckhoven erzählt mit sparsamen Worten einfühlsam den Weg einer jungen Frau, die versucht, ihr Leben von den Geistern zu befreien, die andere diesem aufgeladen haben. Dabei gelingt es, die Sprachlosigkeit der Protagonistin literarisch umzusetzen, sie den Leser fühlen zu lassen. Immer schwebt ein Geheimnis über dem Buch, welches zwar durchschaut werden kann, nie aber erzählt wird. So weiss der Leser zwar bald, was passiert ist, er sieht aber nur die Folgen davon und trägt sie lesend mit.

Fazit:

Ein berührendes, beklemmendes Buch über eine Frau, die versucht, ihren eigenen Erinnerungen zu entkommen. Ein herausragendes Werk, das ich jedem nur ans Herz legen kann.

(Diane Broeckhoven: Kreuzweg, übersetzt von Isabel Hessel, C.H.Beck Verlag, München 2012.)

Bild Angaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 124 Seiten

Verlag: Beck Verlag (23. August 2012)

Übersetzung: Isabel Hessel

Preis: EUR: 14.95 ; CHF 21.90

 

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Soll Genozidleugnung strafbar sein?

Mein Buch „Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem“ befasst sich mit dem Thema der Genozidleugnung und mit der Frage, welche ethischen, moralischen und rechtlichen Folgen diese in einer liberalen Gesellschaft haben müsse. Das Fazit sieht vor, dass moralisch eine Genozidleugnung ganz klar zu verurteilen sei, dass es auch rechtlich angegangen werden müsse. Die Frage, ob es dazu eines expliziten Strafrechtsartikels bedürfe, wurde dahingehend beurteilt, dass sowohl eine Bejahung wie auch eine Verneinung dieser Frage begründbar sei. Dies ist in er Tat so. Im Buch musste ich aufgrund diverser Umstände die These vertreten, dass ein solcher Artikel obsolet sei, da die rechtliche Verurteilung auf anderen wegen vollzogen werden könnte. Persönlich vertrete ich eher eine veränderte Sicht. Diese ist in diesem hier abgeänderten Fazit nachzulesen:

Ein Mensch, dem in seinem Leben ein traumatisierendes Unrecht wiederfährt, trägt dieses Unrecht in sich mit in die Gegenwart und in die Zukunft. Es wird immer Teil seiner selbst sein, bedarf einerseits einer Aufarbeitung, damit der Mensch überhaupt weiter existieren kann und dieses Trauma ihn nicht überwältigt, und andererseits stellt das traumatische Unglück einen Teil seiner Persönlichkeit dar, prägt es sein Wesen unweigerlich. Spricht man nun von historischem Unrecht in der Grössenordnung von Völkermord, welcher wie im Falle des Holocaust sogar Millionen von Menschen das Leben kostete, welcher die Menschen über viele Jahre hinweg in grossem Leid leben liess und der ganze Völker ins Unglück stürzte, so hat dieses Unglück nicht nur eine prägende Wirkung auf die einzelnen Individuen, sondern auch auf die ganzen Völker. Die von dem Unrecht betroffenen Menschen fühlen sich durch ihr Schicksal verbunden, die Völker fühlen sich durch dasselbe geprägt.

Nach der Herrschaft eines Unrechtsregimes geht es darum, einen adäquaten Umgang mit historischem Unrecht zu finden. Es geht darum, sich als neue Regierung zu positionieren und zu signalisieren, dass man sich von dem Unrecht des Vorgängerregimes distanziert. Es geht weiter darum, das Unrecht, das geschehen ist, zu verarbeiten und ihm mit den nötigen Massnahmen entgegen zu treten.

Sowohl für die Opfer wie für die Nachfahren der Opfer historischen Unrechts ist dieses Unrecht auch nach Beendigung der Unrechtshandlungen noch präsent. Die Erinnerung an dieses Unrecht ist etwas, das sie umtreibt. Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf historisches Unrecht bei den Überlebenden, die einen schweigen, weil sie die Emotionen, die mit dem Unrecht verbunden sind, nicht mehr weiter ertragen, sie haben innerlich abgeschaltet, um sich nicht ständig neu überwältigen zu lassen. Andere jedoch sehen es als ihre Pflicht an, an das Unrecht zu erinnern, da nur die Überlebenden noch Zeugnis ablegen können von dem Schrecklichen, was passiert ist. Sie sehen es als ihre Pflicht gegenüber ihren Mitopfern an, welche nicht mehr sprechen können, weil diese das Unrecht nicht überlebt haben. Und diese Pflicht zur Erinnerung, die trägt auch die Gesellschaft nach einem historischen Unrecht wie Völkermord. In dem man die Erinnerung an das Unrecht aufrechterhält, zeigt man den Opfern des Völkermords, dass man ihren Opferstatus anerkennt und sie in ihrem Unrecht, das ihnen widerfahren ist, annimmt. Die Erinnerung und die Stellungnahme, dass das, was passiert war, Unrecht war, ist ein Dienst an den Opfern, eine Pflicht an den Opfern, welcher von den Überlebenden und der Gesellschaft als Ganzes gefordert ist.

Eine Leugnung dieser schrecklichen Vergangenheit kommt dabei einem erneuten Unrecht gleich. Wurden während des Völkermords Menschen und ganze Volkstämme umgebracht (in der Absicht, diese schlussendlich sogar vollständig auszulöschen), so versucht Völkermordleugnung nun auch noch den letzten Rest zu eliminieren, nämlich die Erinnerung an das Unrecht und damit auch die Erinnerung an die diesem zum Opfer gefallenen Menschen. Die Leugnung vernichtet dabei quasi in letzter Konsequenz und stellt so eine eigentliche Fortsetzung des Völkermordes dar.

Unter diesen Gesichtspunkten ist es moralisch gefordert, historische Wahrheit über historisches Unrecht zu erinnern, anzuerkennen und Leugnung desselben nicht zu tolerieren. Es darf nicht angehen, dass Menschen, die ein solches historisches Unrecht erlitten haben, ein zweites Mal zum Opfer gemacht werden und dass das historische Unrecht seine Fäden in die Gegenwart spannt.

Scheint die moralische Position klar, so steht die rechtliche Handhabe des Problems unter grösseren Fragezeichen. Die Frage, die sich hier hauptsächlich stellt ist, ob in einer liberalen Gesellschaft das Grundrecht der freien Meinungsäusserung eingeschränkt werden darf und jemand dafür bestraft werden darf, dass er behauptet, ein historisches Unrecht wie Völkermord hätte nie statt gefunden oder dieses wird nur schon verharmlost und unter andere Vorzeichen gesetzt. Ist es zulässig, eine Meinung unter Sanktion zu stellen? Und wenn ja, wo zieht man die Grenzen? Stellt der Holocaust eine Sonderform von Völkermord dar, da die Zeit des Nationalsozialismus und die darin verübten Verbrechen zu einer ganzen Reihe Folgen führten, welche die heutige Zeit prägen (Zu nennen wären Gesetzesreformen, Staatsgründungen, etc.).

Folgt man der Argumentation dieser Arbeit, so kann Völkermordleugnung durchaus über den Paragraphen der Beleidigung und unter Umständen auch über Rassismusgesetze und gar als Verstoss gegen Grundrechte wie die Verletzung der Menschenwürde rechtlich verfolgt werden und man könnte sagen, ein eigener Völkermordparagraph wäre insofern hinfällig. Allerdings erscheint das erstens im Hinblick auf die Schwere des historischen Verbrechens unangemessen, dass etwas, das als eigentliche Fortführung desselben qualifizieren kann, nur über Umwege rechtlich belangt wird, und andererseits wäre es auch im Hinblick auf die Positionierung eines Staates und seiner Regierung angemessen, hier direkt und ohne Umwege zu reagieren. Völkermordleugnung stellt ein Unrecht dar, indem es die menschliche Würde antastet und Menschen erneut viktimisiert, welche schon einmal Opfer wurden. Sie stellt zudem eine Infragestellung einer heute eingenommenen gesellschaftlichen und politischen Haltung ein, dass solches Unrecht wie Völkermord nicht toleriert wird, dass es nie mehr passieren darf und man sich heute dagegen stellt. Würde man Völkermordleugnung akzeptieren und ihr nicht begegnen, setzte man so ein Signal in die entgegengesetzte Richtung und das wäre nicht gewünscht und kann im Interesse der gegenwärtig wie auch der zukünftig Lebenden nicht gewünscht sein. Zu argumentieren, dass Völkermordleugnung der freien Meinungsäusserung unterstellt sein müsse und somit von einem Grundrecht gedeckt sei, welches man nicht rechtlich antasten dürfe, wäre dabei eine Affront, da die freie Meinungsäusserung vor allem deswegen zum Grundrecht wurde, um genau solche Zustände, wie sie zu den Zeiten herrschten, die man nun durch die Leugnung verherrlichen oder verharmlosen will, in Zukunft nicht mehr möglich machen zu können.

 

(Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem)

Muss endlich mal Schluss sein? – Erinnerung an die Shoah

Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist als Auschwitz selbst…
und das ist, wenn die Welt vergisst, dass es einen solchen Ort gab.

Henry Appel, Auschwitz –Überlebender

Zeit für einen Schlussstrich?

In den letzten Jahren, bald schon Jahrzehnten, werden immer wieder Stimmen laut, es sei genug getan in Sachen Erinnerungsarbeit und Aufklärung bezüglich der Zeit des Nationalsozialismus. Die Forderung wurde immer wieder laut, die Dinge endlich ruhen zu lassen, nach vorne zu schauen. Dass man nach vorne schauen muss, ist klar, doch beim Blick nach vorne sollte nie vergessen werden, was in der Vergangenheit war. Vor allem die Fehler sollten präsent bleiben, um wenigstens die Hoffnung zu haben, gewisse – vor allem die grossen, schrecklichen – in der Zukunft zu vermeiden. Des Weiteren gibt es auch Ereignisse, die um ihrer selbst willen Erinnerungswert und Erinnerungspflicht in sich tragen. Und gewisse Ereignisse vereinen die beiden Gründe zur Erinnerung. Die Shoah gehört in meinen Augen in die letzte Kategorie. Ein historisches Ereignis, das eine so immense Tragweite hat, sowohl für die Opfer wie auch für die Nachwelt, darf nicht in Vergessenheit geraten. Die Erinnerung muss aufrecht erhalten werden. Zudem gibt es immer wieder neue Erkenntnisse und die Fragen, die diese dunkle Seite der Geschichte aufwerfen, sind nie erschöpfend beantwortet.

Pflicht der Erinnerung

Wenn man aktuelle Geschehnisse interpretieren und bewerten will, spielt das historische Gedächtnis immer eine Rolle. Dies beruht darauf, dass nichts für sich gesehen eine Bedeutung oder einen Sinn hat, sondern diese immer erst von aussen auferlegt werden. Diese Sichtweise vertritt u.a. auch der amerikanische Kulturanthropologe Marshall Sahlins, welcher Bedeutung als etwas sieht, das man Ereignissen und Gegenständen erst zuspricht. Nach Sahlins beruht Meinung auf zwei Umständen: dem, was sich aus der Vergangenheit gesetzt hat und den Absichten für die Zukunft. Diese beiden Elemente begründen das, was Sahlins ein Bedeutungsschema nennt, nach welchem Menschen die Dinge beurteilen, welche sie umgeben. Würden wir die Vergangenheit also einfach vergessen, ruhen lassen, fehlte uns ein Aspekt der Bedeutungsgebung für heutige Ereignisse und Umstände und damit auch ein Einschätzungskriterium dafür, was um uns vor sich geht.

Eine Gesellschaft ist zudem immer geprägt von dem, was war. Nur die Kenntnis dessen, was war, wird erklären, was heute ist. Wenn es sich bei der Vergangenheit um ein historisches Verbrechen handelt, ist es noch viel wichtiger, daran zu denken, es in Erinnerung zu behalten. Vor allem gehört es zu unserer Pflicht heute, das Ereignis als historisches Verbrechen zu sehen und jegliche Leugnung dieses Umstandes zu ahnden. Dies unterliegt der Verantwortung und sollte eine Pflicht des Menschen als Mensch sein, die er sich selber, der Gesellschaft wie auch – und vor allem – den Opfern eben dieses Verbrechens schuldet.

Umgang mit der Vergangenheit

Der Umgang mit der Shoah war nicht von Anfang an da. Zuerst herrschte Schweigen und Tabuisierung. Erst nach und nach, mit den Jahren, begannen einzelne Kreise, die Vergangenheit zu thematisieren und damit aufzuarbeiten. Und mit dieser Aufarbeitung kam auch ein Diskurs auf, der schlussendlich allen half, sowohl den Nachkommen der als Täter kategorisierten sowie auch den überlebenden Opfern und deren Nachkommen. Es half, im Heute das Miteinander zu entkrampfen, weil die sturen Bilder von gut und böse, hier die Opfer, da die Täter, langsam verwischt werden konnten und an ihre Stelle auch wieder individuelle Menschen treten konnten. Das Bild des Deutschen als nur bösen Menschen und des Juden als nur armes Opfer hätte die Kerbe weiter eingebrannt und schlussendlich das Leben beider Kollektive immer tiefer vergiftet.

(Der ausführliche Text findet sich in „Sandra Matteotti: Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem„. Dort sind auch die zitierten Stellen korrekt aufgeführt)