I säge: ‹Tschou zäme, es isch schön gsy!›

Mit diesen Worten begann Polo Hofer seine eigene Todesanzeige. Nun könnte man sagen, es sei makaber, seine eigene Todesanzeige zu schreiben, doch das ist es nicht, denn: Wer wüsste besser als man selber, was man noch sagen möchte, wenn man geht? Und Polo Hofer war immer einer, der für sich selber sprach, der sein eigenes Leben lebte, egal, was man über ihn sagte. Er kiffte, er trank, er feierte das Leben. Er schrieb seine Texte und er äusserte sich zur Welt. Und mit allem eckte er an. Keinem war er so genehm. Und darum liebten ihn so viele.

Polo Hofer ist tot. Seine selber verfassten Worte finden nun also Gebrauch. Wir verlieren mit ihm einen unbequemen Geist, einen Musiker, einen Denker, einen, der Stellung bezog und einen, der sein Leben lebte – es auch in den Abgrund lebte. Man könnte sagen: Er lebte nicht gesund, das konnte nicht gut enden. Aber er hat gelebt. Genauso, wie er leben wollte. Wohl bis zum Schluss.

Langsam gehen uns die Künstler aus, die hinstehen und sagen, was sie denken. Es gehen uns die Künstler aus, die Stellung beziehen, die eine Meinung haben, die diese kundtun. Es gehen uns die Künstler aus, die sich zur Welt in Beziehung setzen. Dagegen anschreiben, ansingen, anreden. Das ist doch Kunst: Sich in Beziehung setzen. Ab und an denke ich, heute geht es Künstlern mehr um sich selber als um die Welt. Sie wollen sich selber produzieren und nutzen dazu alle Mittel, nennen es Kunst. Polo war nicht hochtrabend. Man musste ihn nicht mit bedeutungsschangerem Blick betrachten, seine Texte entziffern und analysieren, um den tieferen Sinn zu verstehen. Er stand hin und sagte und sang es klar und deutlich. Und damit machte er wohl mehr Kunst als so manch einer sonst.

Ich bin traurig. Ich erinnere mich an einen Tag vor nunmehr 26 Jahren. Ich hatte das Glück, in der ortsansässigen Zeitung, bei der auch mein Papa arbeitete, dem Winterthurer Landboten, ein Praktikum zu machen. Mein erster Auftrag war: ein Artikel über das Konzert von Polo Hofer. Es war ein wunderbarer Abend, es wurde ein toller Artikel und beides war für mich wie der erste Kuss: Unvergesslich! Von da an hatte Polo Hofer für mich eine ganz besondere Bedeutung. Nun ist er tot. Zurück bleiben seine Lieder, zurück bleibt die Erinnerung. Möge er da, wo er nun ist, immer ein Glas Wein und Gleichgesinnte finden, mit denen er es geniessen kann. Und vielleicht schmettert er den einen oder anderen Song vom Himmel. Ich hoffe, wir hören ihn.

I säge: ‹Tschou zäme, es isch schön gsy!›

5 Comments

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  1. Ich kenne Polo Hofer nicht. Aber nun bin ich neugierig geworden, danke.
    „Es gehen uns die Künstler aus, die sich zur Welt in Beziehung setzen. Dagegen anschreiben, ansingen, anreden. Das ist doch Kunst: Sich in Beziehung setzen. Ab und an denke ich, heute geht es Künstlern mehr um sich selber als um die Welt. “ da kann ich dir zustimmen – danke für beides!

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  2. Es stimmt, was du schreibst. Jene Künstler, die kantig, grob, voller Ecken und Kanten waren, die sich nicht scheuten, Klartext zu sagen, zu schreiben, zu singen, werden immer weniger. Vieles von dem, was da nach kommt und sich Künstler/in nennt, ist ja-sagend weichgespült – Hauptsache trendy, chick, ein Idol für die Massen sein…

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  3. Hallo Sandra, schön geschrieben! Danke dafür. Christiane aus Hamburg (mit ihrem Blog „irgendwas ist immer“ = 365tageasatzaday) hat mich auf deinen Beitrag aufmerksam gemacht. Ich bin ihr sehr dankbar, weil mir Polo dadurch etwas näher gekommen ist.

    Ich kenne Polo Hofer nicht, habe aber sein Lied entdeckt „Blueme“. Das ist jetzt bei uns im Totenhemd-Blog verewigt und dort habe ich an ihn und seinen Song erinnert. https://totenhemd.wordpress.com/2017/07/26/100-songs-blueme-von-polo-hofer-2/

    Herzlich vom Zürichsee. Petra

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Petra, ganz lieben Dank für deine Worte. Danke auch für den Link zum Totenhemdblog – den werde ich gleich mal genauer unter die Lupe nehmen.

      Liebe Grüsse
      Sandra

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