Lesezeiten: Erich Fromm – Die Furcht vor der Freiheit

(Original: Escape from Freedom, 1941)

Am Anfang von Erich Fromms längst zum Klassiker avancierten Buch Die Furcht vor der Freiheit steht eine einfache Frage, formuliert im Schatten des aufkommenden Faschismus: Warum fliehen Menschen vor der Freiheit, statt sie zu nutzen?

«Unser Ziel ist, zu zeigen, dass die Struktur der modernen Gesellschaft den Menschen gleichzeitig auf zweierlei Weise beeinflusst: Er wird unabhängiger, er verlässt sich mehr aus sich selbst und wird kritischer; er wird aber andererseits auch isolierter, einsamer und stärker von Angst erfüllt.»

In seiner Argumentation geht Fromm historisch vor. Er blickt auf den Menschen der Vormoderne, welcher stark in traditionelle Ordnungen (Familie, Kirche, Stand, Gemeinschaft) eingebunden ist. Diese Bindungen gaben Sicherheit und Orientierung, ließen aber wenig individuelle Freiheit. Mit der Moderne, insbesondere seit der Reformation und der Entwicklung des Kapitalismus, wird der Mensch zunehmend von diesen Bindungen gelöst. Er gewinnt Freiheit, erfährt aber zugleich auch Vereinzelung, Unsicherheit und Angst.

Hier setzt Fromms zentrale These an: Freiheit ist nicht nur Befreiung von äußeren Zwängen, sondern stellt den Menschen auch vor die Aufgabe, sein Leben selbst zu gestalten und Verantwortung zu tragen. Viele Menschen empfinden diese Offenheit als Überforderung uns reagieren mit psychologischen Mechanismen, die Fromm als „Fluchtwege aus der Freiheit“ beschreibt. Er nennt deren drei:

  • Autoritarismus – das Bedürfnis, sich einer starken Autorität zu unterwerfen oder selbst Macht über andere auszuüben.
  • Destruktivität – der Versuch, eine bedrohliche Welt zu zerstören, um sich ihrer Unsicherheit zu entziehen.
  • Konformismus – die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen, bis das eigene Selbst verschwindet.

Hier zeigt sich auch die ungebrochene Aktualität des Buches, wird hier doch sichtbar, wieso sich Menschen autoritären Systemen und politischen Bewegungen zuwenden, weil sie darin die verlorene Sicherheit und Orientierung wieder zu finden hoffen. Nach Fromm erfolgt diese Zuwendung also mehr aus anthropologischen Gründen, denn aus politischer Überzeugung.

Nach Fromm ist echte Freiheit nur dort möglich, wo der Mensch durch Liebe, Kreativität, Arbeit und verantwortliches Handeln ein produktives Verhältnis zur Welt entwickelt. Freiheit bedeutet dann nicht Vereinzelung, sondern eine aktive Beziehung zu anderen Menschen und zur Welt. Zeitweise trägt das Buch deutliche Spuren der Zeit seiner Entstehung, auch wirken gewisse soziologische Verallgemeinerungen stellenweise schematisch. Trotzdem überzeugt sein Kerngedanke: Freiheit ist kein Zustand, der einfach erreicht wird, sondern eine Aufgabe des Menschseins.

«Das einzige Kriterium für die Verwirklichung der Freiheit ist, ob der einzelne Mensch aktiv sein Leben und das der Gesellschaft mitbestimmt oder nicht, und das nicht nur durch den formalen Akt der Wahl, sondern bei seiner täglichen Arbeit und in seinen Beziehungen zu den anderen,»

Fromm erinnert daran, dass Freiheit Mut verlangt, den Mut, ein eigenes Selbst zu entwickeln, statt sich in Anpassung oder Autorität zu flüchten. Gerade in der heutigen Zeit mit ihren vielfältigen Bedrohungen und komplexen Zusammenhängen ist das dringend nötig. Es ist nötig, dass Menschen sich ihrer gemeinsamen Aufgabe der Welt gegenüber erinnern und ihre Freiheit nutzen, in dieser gemeinsam zu handeln.

«Das unveräusserliche Recht des Menschen auf Freiheit und Glück ist in Eigenschaften begründet, die dem Menschen angeboren sind: in seinem Streben zu leben, sich zu entfalten und die in ihm angelegten Möglichkeiten zum Ausdruck zu finden, welche sich im Prozess der historischen Evolution in ihm entwickelt haben.»

Buchtipp: Liebe als Kunst

«Ich möchte den Leser davon überzeugen, dass alle seine Versuche zu lieben fehlschlagen müssen, sofern er nicht aktiv versucht, seine ganze Persönlichkeit zu entwickeln, und es ihm so gelingt, produktiv zu werden; ich möchte zeigen, dass es in der Liebe zu einem anderen Menschen überhaupt keine Erfüllung ohne die Liebe zum Nächsten, ohne wahre Demut, ohne Mut, Glaube und Disziplin geben kann.»[1]

Die Grundvoraussetzungen für die Liebe sind nach Fromm zwei Dinge: Sich selbst als Persönlichkeit zu entwickeln und eine innere Haltung gegenüber Menschen einzunehmen, die auf Liebe, Demut, Mut, Glaube und Disziplin beruht.

«Sie [Die Liebe] ist eine Haltung, eine Charakter-Orientierung, welche die Bezogenheit des Menschen zur Welt als Ganzem und nicht nur zu einem einzigen ‘Objekt’ der Liebe bestimmt.»[2]

Wenn wir von Liebe sprechen, denken wir oft an die romantische Liebe zwischen zwei Menschen, an die, teilweise fast symbiotische, Verbindung zwischen den beiden. Dies mag eine Form der Liebe sein, doch ist es keine reife. Liebe, so Erich Fromm, zielt nicht auf ein Objekt, sondern sie ist eine innere Haltung. Liebt man nur einen, liebt man nach Fromm keinen. Zudem fängt Liebe auch immer bei einem selbst an. Kann man sich nicht lieben, kann man auch keine Liebe zur Welt entwickeln. Ohne Selbstliebe fehlt einem das eigene Identitätsgefühl und man ist davon abhängig, dass die Welt einem die Identität quasi zuschreibt.

«Paradoxerweise ist die Fähigkeit, allein sein zu können, die Vorbedingung für die Fähigkeit zu lieben.»[3]

Liebe ist weiter eine Kunst, die man lernen kann. Um diese zu erlernen, braucht es einige Vorbedingungen: Disziplin, Ausdauer, Konzentration und Wichtigkeit. Disziplin lernt man am besten, indem man Routinen entwickelt, die zu Gewohnheiten werden: Täglich früh aufstehen, nicht zu viel essen und trinken. Sie soll nicht etwas von aussen Aufgezwungenes sein, sondern zum Ausdruck des eigenen Wollens werden. Konzentration bezeichnet die Fähigkeit, mit sich allein zu sein, möglichst ohne Ablenkungen. Geduld ist wichtig, da keine Kunst über Nacht erlernt werden kann. Wir neigen heute dazu, alles immer noch schneller machen zu wollen und denken, wir verpassen sonst etwas im Leben. Dadurch rennen wir aber nur durchs Leben und leben es nicht wirklich aus der Tiefe. Zuletzt muss einem Liebe als Kunst wichtig sein. Man muss sich ihr mit allem widmen, was man hat, sie muss oberste Priorität haben. Diese Voraussetzungen sollten nicht nur im Hinblick auf die Liebe gelebt werden, sondern im ganzen Leben.

«Genau wie der Glaube an ein Kind gründet auch die Idee, dass die dem Menschen gegebenen Möglichkeiten derart sind, dass er unter entsprechenden Bedingungen die Fähigkeit besitzt, eine von den Grundsätzen der Gleichheit, Gerechtigkeit und Liebe getragene Gesellschaftsordnung zu errichten.»[4]

Liebe als Haltung kann auch in der Gesellschaft relevant sein. Baut man diese auf den Grundsätzen der Liebe auf, handelt man im Miteinander aus einer Haltung der Liebe heraus, dann kann diese ein Ort der Gerechtigkeit werden, in dem Menschen als Gleiche miteinander leben und dieses Miteinander liebevoll gestalten.

«Der Glaube an die Möglichkeit der Liebe als einem gesellschaftlichen Phänomen und nicht nur als einer individuellen Ausnahmeerscheinung ist ein rationaler Glaube, der sich auf die Einsicht in das wahre Wesen des Menschen gründet.»[5]

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Zitate aus folgender Ausgabe: Erich Fromm: Kunst des Liebens, Ullstein Materialien, Frankfurt/M, Berlin 1989.


  • [1] Fromm, Kunst des Liebens, S. 9
  • [2] Fromm, Kunst des Liebens, S. 57
  • [3] Fromm, KdL, S. 124
  • [4] Fromm, KdL, S. 137
  • [5] Fromm, KdL, S. 146

Philosophisches: Haben oder Sein

«Die Aufgabe ist, dass der Mensch so lebt, dass der Zweck, das Ziel seines Lebens die volle Entfaltung aller seiner Kräfte ist als ein Selbstzweck und nicht als Mittel zur Erreichung anderer Zwecke.» (Erich Fromm, Marx zitierend)

Das sagte Erich Fromm in einem Interview und meinte es als Kritik an einer Welt, die Menschen immer mehr als Ressourcen sieht, und immer weniger als Personen, als Individuen. Was zählt, ist das Haben, der Profit, dabei geht das Sein, das Leben als ganzer Mensch, unter. Sinnbildlich wird das in Firmen, in denen die Personalbüros «Human Ressources» heissen: Menschliches Kapital quasi, ein Gut, auf das man für den Profit strategisch zurückgreift. Kein schönes Bild, wie ich finde. Kein Wunder, fühlen sich Menschen immer unwohler in der Arbeitswelt, brennen sie aus, werden sie krank. Für die ressourcenorientierte Gesellschaft ist das kein Problem, jeder ist ersetzbar, fällt einer aus, kommt der nächste.

Das fängt aber schon früher an: Auch in der Schule zeigt sich diese Haltung. Es geht nicht um Bildung, sondern um Wissensanhäufung unter Zwang und Leistungsdruck. «Und bist du nicht willig, dann kriegst du ne eins (in der Schweiz die schlechteste Note).» Wer es nicht aufs Gymnasium schafft, hat je länger je mehr ein Problem, die Berufsauswahl schrumpft. Es zählt nur noch, was einer (an Papieren) hat, nicht was er an wirklichen Fähigkeiten mitbringt. Eine Kindergartenlehrerin muss in Mathe gut sein, die Sozialkompetenz, der liebevolle Umgang mit Kindern sind keine ausschlaggebenden Kriterien.

Was so mehr und mehr wegfällt, ist eine wirkliche Beziehung zwischen Menschen, eine wirkliche Beziehung zur Welt. Der Mensch sieht sich als Rad im Getriebe und fühlt sich nicht gesehen. Das Interesse liegt mehrheitlich darauf, was einer hat, nicht wer er ist. Dadurch entstehen keine wirklichen Beziehungen, doch die wären wichtig für den Menschen, denn ohne sie kann er nicht als Mensch wirklich existieren, sicher kann er kein Leben führen, das ihn befriedigt, das er als gutes Leben bezeichnen würde. Es kommt zu einer immer grösseren Entfremdung – von der Welt, von anderen Menschen, oft auch von sich selbst.

Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, umzudenken, Leben neu zu denken – weg von

«Sag mir, was du hast, und ich sage dir, wer du bist.»

Hin zu

«Sag mir, was du fühlst, denkst, tust und willst, und ich sehe, wer du bist.»

Das könnte ein Weg sein weg von profitorientierter Existenz hin zu einem sinnerfüllten Leben.

Verbundenheit

„Es gibt im anderen Menschen nichts, was es nicht auch in mir gibt. Dies ist die einzige Grundlage für das Verstehen der Menschen untereinander.“ (Erich Fromm)

Mögen sich die Lebensumstände im den letzten Jahren und Jahrzehnten auch verändert haben, mögen wir äusserlich unterschiedlich sein, tief drin sind wir alle gleich. Wir haben die gleichen Sehnsüchte, die gleichen Hoffnungen, suchen das Glück und hoffen, möglichst wenig zu leiden.

Während wir uns also so oft mit den Unterschieden des Aussen aufhalten, uns daran aufreiben, und uns dadurch voneinander abgrenzen, könnten wir auch zu jeder Zeit sehen, wie viel uns verbindet. Und aus dieser Sicht könnte eine Verbundenheit wachsen, könnte Mitgefühl wachsen und das tiefe Verstehen des Anderen als Mensch unter Menschen – so wie wir auch selber einer sind.