Leseerlebnisse – Benedict Wells: Die Geschichten in uns

Vom Schreiben und vom Leben

«Denn Erzählen, ob mündlich oder schriftlich, holt uns vielmehr erst in die Welt. Es macht uns greifbar und gibt uns die Möglichkeit, das Erlebte zu teilen.»

Nicht nur der Untertitel erinnert an Stephen Kings Buch «Das Leben und das Schreiben», das ganze Buch tut es. Trotzdem ist es nicht einfach eine Kopie. Benedict Wells schreibt offen wie nie über sein Aufwachsen, über seinen Weg hin zum Schriftsteller, der er heute ist. Er schreibt von seinen Plänen, von der Umsetzung, schreibt davon, wie ein Roman entsteht bei ihm und woran er anfangs scheiterte. Ein ehrliches, ein tiefgründiges, ein persönliches Buch.

«Ich habe Geschichten erfunden, weil ich meine eigene lange nicht erzählen konnte.»

Wenn die eigene Geschichte keine leichte ist, fällt es oft schwer, genauer hinzuschauen. Es braucht eine Distanz, die den Schmerz mildert, der zu befürchten ist, wenn man noch in das Vergangene hineinsticht. Und das muss man, will man davon erzählen. Benedict Wells hat Zeit gebraucht, seine eigene Geschichte zu erzählen. Er hat sie hinter sich gelassen und doch immer wieder an ihr entlang geschrieben, indem die Themen seiner Bücher immer um die Themen kreisten, die auch ihn über all die Jahre seines Aufwachsens geprägt haben.

«Wenn ich keine Worte für meine tieferen Gefühle habe, empfinde ich sie überhaupt? Weiss ich dann wirklich, wer ich bin, oder bleibe ich mir am Ende ein Schatten?»

Dass das so ist, hat er nicht selbst gemerkt. Erst als ihn Leser und Freunde darauf hinwiesen, dass in allen seinen Büchern die Einsamkeit ein zentrales Thema war, fiel es auch ihm auf. Irgendwann beschloss er, nun eine Weile keinen Roman mehr zu schreiben. Das war der Moment, an dem er sich für seine eigene Geschichte öffnete. Die Zeit war wohl reif dafür. Entstanden ist dieses wunderbare Buch, in welchem er einen wirklich offenen Blick gewährt auf seine Kindheit, auf sein Aufwachsen, auf seine Hintergründe, die ihn zu dem Schriftsteller werden liessen, der er ist.

«Ich habe Schreiben gelernt, um Gefühlen nicht mehr ausgeliefert zu sein, sondern sie ins Bewusstsein zu holen und mit Menschen zu teilen, die mir wichtig sind.»

Neben dem Blick auf sein Leben gewährt er auch einen auf sein Schaffen. Er schreibt über seinen Prozess von der Idee hin zum fertigen Buch, schreibt von seinen Schwierigkeiten, Niederlagen, von seinem Scheitern und auch vom Erfolg. Entstanden ist ein wunderbar tiefes, ehrliches und authentisches Buch.

«Und so haben wir alle unsere charakterlichen Defizite und Stärken, die sich auf unseren Arbeitsprozess auswirken. Es bringt nichts, sich zu vergleichen und von Hand zu schreiben, nur weil die Lieblingsautorin das macht.»

Wer hofft, mit diesem Buch nun den ultimativen Ratgeber für das Schreiben eines eigenen Buches zu haben, den wird das Buch enttäuschen. Zwar legt es den Schreibprozess von Wells offen, zeigt seinen Werkzeugkasten, zeigt, wie er arbeitet und was auf dem Weg vom ersten Gedanken hin zum fertigen Buch alles zum Einsatz kommt, doch ist es eben genau das: Der Schreibprozess von Benedict Wells. Es gibt wohl so viele Möglichkeiten, ein Buch zu schreiben, wie es Schriftsteller gibt. Jeder muss für sich herausfinden, was am besten passt.

«Es gibt keine todsicheren Tipps für das Schreiben, nur Übung und das Sammeln von Erfahrung.»

(Benedict Wells: Die Geschichten in uns. Vom Leben und vom Schreiben, Diogenes Verlag 2024.)

Rezension: Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

„Ich stosse ins Innere vor und sehe ein Bild klar vor mir: wie unser Leben beim Tod unserer Eltern an einer Weiche ankommt, falsch abbiegt und wir seitdem ein anderes, falsches Leben führen. Ein nicht korrigierbarer Fehler im System.“

Als die Eltern von Jules und seinen Geschwistern sterben, kommen die drei getrennt in ein Heim. Die vorher so enge Beziehung wird lockerer, sie werden sich fremder. Und doch ist da ein Band, das sie immer zusammenhält – vor allem auch in schwierigen Zeiten. Das Leben nimmt für jeden von Ihnen seinen Lauf, führt sie auf Wege, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die wohl doch alle dem frühen Verlust der Eltern geschuldet sind.

Benedict Wells schafft es, von der ersten Seite an eine Spannung aufzubauen, die er durch die Geschichte hindurch aufrecht erhalten kann. Immer wieder steht etwas im Raum, das erst noch geschehen wird, von dem man als Leser aber noch nicht weiss, was es ist. «Vom Ende der Einsamkeit» lebt von wirklich authentischen, fassbaren Charakteren, von den Beziehungen dazwischen und von einer eingängigen Sprache, die durch die Geschichte führt.

Mein persönlicher Leseeindruck:
Jules hat mich in seinen Bann gezogen, ich ging mit ihm durch sein Leben, dachte mit ihm seine Gedanken, habe das Gefühl, ihn so verinnerlicht zu haben, dass ich mittlebte. Es war ein wirkliches Eintauchen in eine Geschichte über die Vergangenheit und ihre Spuren in der Gegenwart, die Geschichte von drei Geschwistern, welche schon jung ihre Eltern verloren haben, und die von dem Moment an mit den Folgen dieses Verlusts umgehen musste. Es war die Geschichte von drei Menschen, die versuchten, diese Vergangenheit loszuwerden, ihr zu trotzen, um dann nur noch tiefer davon geprägt zu sein. Das alles passierte wohl anfangs im Unterbewussten, schwelte da, brach langsam und immer schneller was ihr Leben in Bahnen lenkte, aus denen auszubrechen schwer scheint. Was anfangs noch im Unterbewussten schwelte, brach dann mit grosser Wucht aus. Und es forderte den bewussten Umgang damit. Als Leser war ich immer mittendrin.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein Buch über die Liebe, über Vertrauen, über die Erinnerung und den Umgang damit. Es ist ein Buch über den Zusammenhalt, den Wert der Familie und Prägungen, die die Vergangenheit in uns hinterlässt. Es ist ein zutiefst menschliches Buch, ein tiefgründiges Buch, ohne schwermütig zu sein oder machen, kein Buch der lauten Töne, sondern der feinen Nuancen.

Fazit
Eine erzählerische Meisterleistung, welche einen von der ersten Seite in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Benedict Wells wurde 1984 in München geboren, zog nach dem Abitur nach Berlin und entschied sich gegen ein Studium, um zu schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman, ›Vom Ende der Einsamkeit‹, stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste, er wurde u.a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet und bislang in 37 Sprachen veröffentlicht. Nach Jahren in Barcelona lebt Benedict Wells in Zürich.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes; 13. Edition (26. September 2018)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257244441

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