Sie haben das wohl Schlimmste gesehen, was ein Mensch sehen kann. Sie sahen es nicht nur, sie erlebten es: Auschwitz. Ein Name, der bekannt ist, der für Leid steht, für Gräueltaten, für ein Verbrechen an der Menschheit, an der Menschlichkeit und an vielen Millionen Menschen.

 Damit so etwas nie mehr passieren kann. Darum mache ich das hier ja. Darum erzähle ich meine Geschichte. (Esther Bejarano)

Esther Bejarano, Yehuda Bacon, Éva Pusztai und Greta Klingsberg haben überlebt, was ganz vielen Menschen der sichere Tod war: Die Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs, die systematische Mordmaschinerie der Nazis. Überleben allein reichte aber nicht:

Überleben allein ist keine Leistung. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Alle oben genannten machen etwas: Sie leben ihr Leben, sie leben es bewusst und sie wollen zeigen, was war und was nie mehr sein darf. Dabei strahlt aus allen eine unglaubliche Wärme, eine unglaubliche Lebenslust, viel Witz, Kraft und Mut. Der Film bewegt, er zieht einen hinein und er lässt einen nachdenklich zurück, denn: Man ist konfrontiert mit einer Zeit, die so schwarz war, dass man sie sich kaum vorstellen kann, geschweige denn will. Und doch muss man immer wieder hinschauen, darf nicht vergessen, weil: Die Geschichte lehrt nur, wenn man aus ihr lernt. Und dazu muss sie erinnert sein.

Gerade in einer Zeit, in welcher der Rutsch nach rechts eine traurige Realität ist, sollte dieser Film zur Pflicht werden. Menschen, die den Holocaust leugnen, sollten diese Menschen erleben und dann noch auf ihrer „Meinung“ (in Anführungszeichen, denn eine Völkermordleugnung ist NIE eine Meinung, es ist IMMER eine Lüge!) bestehen können… das kann nicht gehen.

Der Film thematisiert alles, was wichtig ist: Solidarität, Menschlichkeit, Würde, Empathie. Er zeigt an Menschen, wozu Menschen fähig sind. Und er zeigt: Das Leben ist kostbar, aber man muss etwas daraus machen. Und: Man muss für seine Überzeugung einstehen. Man darf menschenfeindlichen Tendenzen keine Macht geben.

Fazit
Ein wunderbarer Film, der an Kraft, Mut, Inhalt, Gefühl kaum zu überbieten ist. Er ist nicht empfehlenswert, er ist ein Muss!

Produktinformation
MutZumLebenDarsteller: Esther Bejarano, Yehuda Bacon, Éva Pusztai-Fahidi, Great Klingsberg
Regisseure: Thomas Gonschior, Christa Spannbauer
Studio: absolut Medien GmbH
Erscheinungstermin: 14. Juni 2013
ASIN: 3848840081

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Das ganze Leben in einem Kunstwerk

Charlotte lernt früh, dass der Tod ein teil des Lebens ist.
Sie greift nach den Tränen ihrer Mutter.
Die um ihre Schwester trauert wie am ersten Tag.
Manche Wunden heilen nie.

Charlotte Salomon ist die Tochter eines Arztes und dessen Frau Franziska. Diese steht in einer langen Reihe von Selbstmorden in ihrer Familie, leidet darunter, wird selber lebensmüde. Trotz aller Bemühungen stürzt sie sich irgendwann in den Tod, lässt Charlotte als Kind zurück. Allerdings wird diese die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter erst spät erfahren, so glaubt sie, ihre Mutter wohne als Engel im Himmel und schreibe ihr bald einen Brief. Mit Paula kriegt Charlotte eine Stiefmutter, die sie verehrt. Sie braucht sie auch, da sie sonst ausgeschlossen ist – und es immer mehr wird durch die Machtübernahme der Nazis. Charlotte ist Jüdin.

Charlotte strahlt so eine Kraft aus, sie hat etwas Berührendes.
Ist das der Zauber der Schweigsamen?
Oder die traurige Macht der Ausgeschlossenen?
[…] Wenn einen ein ganzes Land zurückweist.
Was soll man da von einem einzelnen Menschen erwarten?

Nachdem sie trotz ihrer Religion zur Kunstschule zugelassen wird, erhält sie einen gewonnen Preis genau deswegen nicht und wird kurz darauf ganz ausgeschlossen. Trotzdem malt und zeichnet sie weiter.

Darf sie sich eingestehen, dass sie sich fühlt wie eine Künstlerin?
Künstlerin.
Immer wieder sagt sie dieses Wort vor sich hin.
Ohne zu wissen, was es genau bedeutet.
Egal.
Wörter müssen nicht immer einem Ziel zustreben.

Die Lebensumstände spitzen sich zu, Charlotte muss fliehen und geht nach Frankreich zu ihren Grosseltern. Ihre Grossmutter bringt sich bald darauf um, der Grossvater verbittert und verfällt dem Wahnsinn. Dieser Krankheit ist es wohl auch zu verdanken, dass sie nach ihrer Internierung im Lager Gurs, in welchem auch Hannah Arendt ist, freikommt. Ein beschwerlicher Weg zurück nach Südfrankreich folgt. Charlotte ist selber dem Wahnsinn nah – und alleine. Sie hat nur zwei Menschen, die an sie glauben, einer davon ist der Arzt des Ortes. Er rät ihr auch, zu malen. Er glaubt an ihr Talent, gar an ihr Genie.

Sie muss leben und malen.
Malen, um nicht verrückt zu werden.
[…] Muss man die Grenzen des Erträglichen überschreiten?
Um die Kunst als einzig mögliche Lebensform anzusehen?

Charlotte hat mit ihrem Leben abgeschlossen.
[…] Ein seltener Ausgangspunkt für ein künstlerisches Werk.

Es entsteht ein Werk aus Bildern und Text, ihr Leben. Sie übergibt es ihrem Arzt mit den Worten

C’est tout ma vie

David Foenkinos erzählt die Biographie der Malerin Charlotte Salome auf seine ganz persönliche Weise. Er erzählt, wie er ihr auf die Spur kam, wie sie auf ihn wirkte, wie er ihren Lebensstationen folgte. Er wollte diese Geschichte schreiben, aber es fiel ihm nicht leicht. David Foenkinos beschreibt seine Schwierigkeiten dieser ihm so wichtigen Geschichte selber.

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang.
[…] Ich sass immer da und wollte ein Buch schreiben.
Aber wie?
[…] Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich spürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

Entstanden ist ein Buch in einer kurzen, prägnanten Sprache. Sie ist frei von Sentimentalität und greift doch die Stimmung auf. Der Inhalt passt sich perfekt in die Form, entstanden ist ein Zeugnis eines Lebens, das tragischer kaum sein könnte.

Das Leben Charlottes zeugt vom Alleinsein, vom Ausgestossensein, von der Einsamkeit und von der Angst. Es ist das Leben einer jungen Frau, die Zuflucht in die Kunst nimmt, da diese das einzige ist, das ihr Überleben irgendwie sichert. Alles andere ist von Angst besetzt, von Unsicherheit: sich selber und dem Leben gegenüber.

Charlotte ist das Lesehighlight seit langem. Es ist eine Geschichte, die packt, die einen einnimmt und nicht mehr loslässt. David Foenkinos hat eine unkonventionelle Weise des Erzählens gewählt, eine, die genau zu ihm und der Geschichte passt, eine, die Charlotte gerecht wird.

Fazit:
Eine tiefgründige, erschütternde, packende Lebensgeschichte, bei der alles stimmt: Die Sprache greift den Inhalt auf, wodurch dessen Tragik noch deutlicher zum Tragen kommt. Absolut empfehlenswert. Unbedingt lesen!

Zum Autor
David Foenkinos
David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der von Foenkinos selbst (zusammen mit seinem Bruder Stéphane) mit Audrey Tautou und François Damiens in den Hauptrollen verfilmt wurde. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman, „Charlotte“, wurde 2014 mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet und hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft.

Christian Kolb (Übersetzung)
Christian Kolb wurde 1970 geboren und studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Neben den Romanen von David Foenkinos übersetzte er u. a. auch Nicolas Fargues „Die Rolle meines Lebens“. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch:
FoenkinosCharlotteGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (31. August 2015)
Übersetzung: Christian Kolb
ISBN-Nr.: 978-3421047083
Preis: EUR 17.99 / CHF 26.90

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Der Künstler Yehuda Bacon ist ein Überlebender des Holocaust. Als er später Auschwitz das erste Mal besuchte, wurde ihm bewusst, was er dort verloren hatte: Seine Kindheit, seine Jugend. Trotz des Schrecklichen, was ihm wiederfahren ist, findet er positive Gedanken zum Problem des Bösen, wie er es nennt. Er findet sogar einen Sinn im Leiden, denn er sagt:

Ja, auch das Leiden kann Sinn haben, wenn wir erkennen, dass auch der andere Mensch ist wie ich selber. Ich kann ein Verhältnis mit jedem anderen Menschen haben, auch wenn er eine andere Religion, eine andere Richtung hat. Er ist ein Mensch, er ist eine Kreatur. Wir haben etwas Gemeinsames: Wir sind Menschen.

Das Leiden, das Yehuda Bacon erlebt hat, ist mit Worten nicht zu erfassen, sie greifen alle zu kurz, und für die meisten von uns unvorstellbar. Er hat für sich versucht, etwas Positives in dem Ganzen zu finden: In der ganzen Unmenschlichkeit, die damals herrschte, unter der er und viele andere litt, viele davon in den Tod getrieben wurden, lernte er, was Menschlichkeit bedeutet: In sich und anderen das Gemeinsame anerkennen und lieben, denn:

In jedem Menschen steckt der gleiche Kern. Jeder hat eine Mutter.

Für Yehuda ist das eine Erkenntnis der Liebe. Sie ist für Bacon die positive Antwort auf all die Fragen, die das Leiden aufwarf.

Eine solche Aussage kann nur einer machen, der das Leiden – dieses Leiden – selber durchmachte, denn von jedem anderen Menschen wäre sie inakzeptabel. Sie würde die Tat in einer Weise mit Sinn behaften, die diese in keiner Weise hatte. Gerade die Sinnlosigkeit der Gräueltaten, der Verbrechen gegen die Menschheit und die Menschlichkeit, war es ja, die diesen eine noch grössere Tragik gaben.

Ein Betroffener, der noch dazu überlebt hat, muss verstehen, wenn er irgendwie weiterleben will. Der Mensch neigt dazu, Sinn zu suchen und zu finden, denn ohne Sinn wäre alles sinnlos – auch das Weiterleben. Für Bacon ist der Sinn die Erkenntnis, dass wir alle Menschen sind – im Kern – und dass wir uns als Menschen lieben sollen, unabhängig von unserer Zugehörigkeit – sei diese religiös, sexuell, regional oder anderweitig bestimmt.

Diese Fragen – und vor allem diese positive Antwort – sind heute aktueller denn je. Wir sind heute wieder in der Pflicht, Menschen als Menschen anzusehen und anzunehmen. In Scharen fliehen sie tausende Kilometer, um zu überleben und werden hier nicht mit Liebe empfangen, nicht mit einer Haltung von Menschen für Menschen. Es schlägt ihnen Misstrauen, Missmut, gar Hass entgegen. Man sieht in ihnen die Gefahr für die eigenen Vorteile, sieht in ihnen Eindringlinge ins eigene Land (das man sich meist nicht freiwillig aussuchte, sondern nur Glück hatte, da geboren worden zu sein oder aber die Möglichkeit gehabt zu haben, als Willkommener – oder zumindest Geduldeter – einzuwandern). Was man nicht mehr sieht, ist, dass es Menschen sind. Genau wie wir. Menschen in Not noch dazu. Es sind Menschen, die Hilfe benötigen und dies oft, weil unsere Länder es waren, die ihre Länder vorher ausgebeutet haben oder aber mit Waffen versorgt, weil der Krieg dort vor Ort hier Profit gab. Und nun, da alles aus dem Ufer läuft, will man hier Grenzen ziehen und sich schützen.

Nur: Wovor? Es sind Menschen und sie brauchen Hilfe. Und selbst wenn wir durchaus auch im eigenen Land Armut haben und Menschen, die leiden und Hilfe benötigen, ist dies kein Grund, sie anderen zu verwehren und sie damit in den sicheren Tod zu schicken.

(Die Zitate stammen – fast wörtlich – aus „Auschwitz und Ich. Für das Leben lernen:  Eine Erkenntnis der Liebe“

Das geschriebene Ich

Eine Annäherung an Auschwitz ist unmöglich, es sei denn, von Gott aus; Auschwitz ist eines jener grossen Menetekel, die in Gestalt eines schrecklichen Schlags auftreten, um den Menschen hellhörig zu machen – falls er hinhört. Statt dessen werden wissenschaftliche Motive vorgebracht, wird von der Banalität des Mordens geredet, was wie ein Gruss aus der Hölle klingt.

Imre Kertész beschreibt sein Nomadenleben zwischen den Metropolen, fühlt sich als Flüchtiger, nirgends zu Hause ausser im Schreiben und auch das scheint ihm abhanden zu kommen. Viele seiner Gedanken führen nach Auschwitz zurück, zeigen die Präsenz, die dieser Ort und seine Vergangenheit, noch immer haben. Die Vergangenheit entzieht sich seinem Verständnis, er kann sie nicht fassen, nicht einordnen, weiss nur, dass er sie nie los wird und sie sein Leben begleitet, bedrückt, oft unterdrückt.

Die Welt nicht verstehen, bloss weil sie unverständlich sei, ist Dilettantismus. Wir verstehen die Welt nicht, weil es hienieden nicht unsere Aufgabe ist.

Ich – ein anderer ist eine Suche nach der Identität. Imre Kertész reist gedanklich und real durch Zeit und Ort, reiht Erinnerungen, Erlebnisse, Situationen aneinander, versucht sich darin zu finden und bleibt sich doch immer fremd. Die einzig sicheren Merkmale sind sein Judentum, Auschwitz als Vergangenheit und das, was ihn dazu anhält, beides immer wieder zu thematisieren und damit sich selber neu zu finden: Das Schreiben.

Meine einzige Identität ist die des Schreibens. (Eine sich selbst schreibende Identität.)

 

Fazit:

Leicht zu lesen, schwer zu verarbeiten – psychologisch tief, menschlich offen bietet das Buch Einblicke in das Leben eines Menschen, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor

Imre Kertész
Imre Kertész, geboren 1929 in Budapest, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Journalist, seit 1953 dann als freier Schriftsteller und Übersetzer in Budapest. Anfang der 70er Jahre schrieb er seinen autobiographischen Roman eines Schicksalslosen, welcher  zunächst von den Verlagen abgelehnt und nach seiner Veröffentlichung 1975 jahrelang ignoriert wurde. Erst die Änderung der politischen Situation in Ungarn brachte die lange versagte Anerkennung.  2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Von Imre Kertesz erschienen sind unter anderem Roman eines Schicksalslosen (1975), Fiasko (1988), Kaddisch für ein nicht geborenes Kind (1989) und Ich ein anderer (1997).

KerteszIchAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1. Oktober 1999)
Übersetzung: Ilma Rakusa
ISBN-Nr.: 978-3499225734
Preis: EUR  7.50 / CHF 11.60

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Liebe Kitty!

Wenn du meine Briefe einmal hintereinander durchlesen würdest, würdest du merken, in welchen verschiedenen Stimmungen sie geschrieben sind. Es ist dumm, dass ich hier im Hinterhaus so abhängig bin von Stimmungen. Aber ich bin es nicht allein, wir sind es alle.

Diese Zeilen stammen von einem Mädchen, das sich vor einem unbarmherzigen Regime verstecken muss, weil es sonst umgebracht würde. Seine Schuld ist es, als Kind der falschen Religion geboren zu sein, einem Volk zuzugehören, das als unwert geachtet wird und ausgerottet werden soll.

Am 12. Juni 1929 erblickt Annelies Marie (Anne) Frank als Tochter jüdischer Eltern in Frankfurt am Main das Licht der Welt. Die Franks sind eine assimilierte jüdische Familie, die den Glauben zwar in wenigen Bräuchen pflegt, allerdings ist er nie zentral. Vor allem Vater Frank legt grossen Wert auf die Bildung seiner Töchter (Anne hat eine drei Jahre ältere Schwester), hält die Mädchen immer wieder zum Lesen an.

1933, kurz nach Hitlers Machtergreifung, kommt es in Frankfurt zu antisemitischen Ausschreitungen, was die Familie Frank bewegt, nach Aachen zu ziehen. Ein berufliches Angebot führt sie später nach Amsterdam. Der Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft kümmert die Familie nicht gross, da sie sich in den Niederlanden wohl fühlt. Die Kinder besuchen die Schule, die Geschäfte laufen gut. Hitlers Arme greifen langsam auch über die niederländischen Grenzen, nach und nach verlieren die ansässigen Juden ihre Rechte, die Lage wird ernst.

1942 erhält Anne Frank zu ihrem Geburtstag ein Tagebuch, welches sie noch am selben Tag zu führen beginnt. Fortan wird sie ihm mitteilen, wie es ihr in der immer bedrückenderen Lage geht, wird ihre Sorgen und Nöte mit dem Tagebuch teilen.

Du merkst sicher, dass ich mich wieder in einer ganz niedergeschlagenen und mutlosen Periode befinde. Warum, kann ich Dir wirklich nicht sagen, denn es liegt kein Grund vor, aber ich glaube, es ist eine gewisse Feigheit, die ich eben zeitweise nicht überwinden kann.

Schon bald ist an eigenständiges Wohnen nicht mehr zu denken, die Familie Frank muss sich verstecken. Mies Giep, ehemalige Sekretärin von Otto Frank, hilft ihnen dabei, obwohl sie damit ihr eigenes Leben riskiert.[1] Hoffen die Versteckten zuerst noch, nach wenigen Monaten wieder frei leben zu können, zieht sich die Zeit im Untergrund in die Länge. Anne leidet sehr darunter, psychische wie körperliche Probleme zeigen sich. Die immer neuen Nachrichten von noch schlimmeren Zuständen lasten allen auf der Seele. Anne lenkt sich mit lesen ab, verschlingt förmlich Bücher. Daneben klammert sie sich an jeden Strohhalm, welcher ein wenig Hoffnung verspricht.

Liebe Kitty!

Nun habe ich Hoffnung, nun endlich geht es gut! Ja, wirklich, es geht gut! Tolle Berichte! Es wurde ein Attentat auf Hitler verübt, aber nicht einmal von jüdischen Kommunisten oder englischen Kapitalisten, sondern von einem edelgermanischen deutschen General, der Graf ist und überdies noch jung!

Leider ist die Hoffnung umsonst. Das Versteck der Franks, davon geht man aus, wird verraten, die Familie wird am 4. August 1944 gefunden und nach einem Verhör am 5. August ins Gefängnis gesteckt. Es folgt das Durchgangslager Westerbork, wo sie als Verbrecher in Strafbaracken unterkommen und Strafarbeiten verrichten müssen. Noch immer hoffen sie, einem noch schlimmeren Schicksal entgehen zu können. Auch diese Hoffnung wird zerschlagen, als am 2. September ihr Transport nach Auschwitz beschlossen wird. Am 3. September 1944 fährt der Zug los, er kommt zwei Tage später in Auschwitz an. Zwar entkommt Anne dem direkten Tod, weil sie bereits älter als 15 ist (die jüngeren Kinder werden direkt in Gaskammern gebracht und getötet), fällt aber im März 1945 einer Typhus-Epidemie zum Opfer und stirbt wenige Tage nach ihrer Schwester. Otto Frank ist der einzige Überlebende der Familie.


[1] Sehr zu empfehlen dazu: Miep Gies: Meine Zeit mit Anne Frank

Am 31. Oktober 1912 in Wien geboren, emigrierte Jean Améry 1938 nach Belgien. Es war keine Flucht in die Freiheit, er wurde als feindlicher Ausländer verhaftet und in ein Lager gesteckt. Nach einer Flucht aus demselben ging er in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Folge war seine Verhaftung und das nächste Lager, in dem er gefoltert wurde.

Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen folgten. Wie soll man nach all dem weiterleben? Diese Frage stellte sich Jean Améry immer wieder. Sie prägte sein Werk, welches sich massgeblich mit der schwarzen Zeit hinter ihm und den Folgen für die kommende Zeit beschäftigte. Jean Améry litt zeitlebens unter seiner Vergangenheit. Zusätzlich schien er darunter zu leiden, dass keiner derer, die ihm solches Unecht angetan hatten, sich zu einer Entschuldigung bewegen konnte.

In vielen Essays brachte er das historische Unrecht zu Papier, moralisierte und theoretisierte und hatte damit grossen Erfolg. Daneben verfasste er das, was er seine Romanessays nannte – literarische Versuche, mit denen er auf harsche Ablehnung stiess, was ihn sehr schmerzte.

Imre Kertesz schrieb mit Blick auf Jean Améry:

Er überlebte Auschwitz; und wenn er sein Überleben überleben wollte, wenn er es mit Sinn, oder sagen wir besser: mit Inhalt versehen wollte, dann konnte und musste er als Schriftsteller die einzige Chance notgedrungen in der Selbstdokumentierung […] sehen.

Jean Améry wurde nicht müde, zu schreiben. Er schrieb gegen die eigene Verzweiflung an, schrieb gegen die gefühlte Ohnmacht an. Er kämpfte mit den Worten, welche nie dem entsprachen, was wirklich passierte. Elie Wiesel formulierte diese Problematik folgendermassen:

 Wie beschreibt man das Unsagbare? Wie stellt man es an, mit Anstand den Sturz der Menschen und den Untergang der Götter wieder aufleben zu lassen? Und dann, wie kann man sicher sein, dass die Worte, sobald sie zu Papier gebracht sind, nicht die Botschaft, deren Träger sie sind, verraten, entstellen?

Adorno verdeutlichte diesen Punkt noch weiter:

Die sogenannte künstlerische Gestaltung des nackten körperlichen Schmerzes der mit Gewehrkolben Niedergeknüppelten enthält, sei’s noch so entfernt, das Potential, Genuss herauszupressen. […] Durchs ästhetische Stilisationsprinzip […] erscheint das unausdenkliche Schicksal doch, als hätte es irgend Sinn gehabt; es wird verklärt, etwas von dem Grauen weggenommen; damit allein schon widerfährt den Opfern Unrecht.

Jean Améry lebte ein Leben als Opfer und wurde diesen Opferstatus nicht mehr los. Die einzige Möglichkeit des Überlebens war das Schreiben und beim Schreiben wurde er sich der eigenen Opferrolle immer wieder von Neuem bewusst.

Heute würde Jean Améry 100 Jahre alt. Er würde auf ein Leben voller Tragik, auf ein gefangenes Leben zurück schauen. Als er merkte, dass er nie mehr frei sein, die Vergangenheit sich immer in Ketten um ihn legen würde, befreite er sich selber mit einer Überdosis Schlaftabletten.

„Wer abspringt, ist nicht unbedingt dem Wahnsinn verfallen, ist nicht einmal unter allen Umständen ‚gestört‘ oder ‚verstört‘. Der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muss wie von den Masern… Der Freitod ist ein Privileg des Humanen.“

Ich habe nicht vor, über den Holocaust zu reflektieren oder für die Annalen die Geschichte einer weiteren Überlebenden zu erzählen. Stattdessen geht es um eine Grossmutter (die Auschwitz überlebt hat) und um mich (der ich manchmal über Dinge reflektiere, von denen ich wenig Ahnung habe).

Der Besuch der Grossmutter aus Brasilien steht an, der Enkel, in Deutschland wohnend, holt sie am Flughafen ab und ist eher ängstlich, was ihn erwartet als hoch erfreut. Die Schreckensvorstellungen scheinen sich zu bewahrheiten ob der unermüdlichen Energie der alten Dame, welche ihre Gastgeber in die Erschöpfung zu treiben droht durch unaufhörliche Gesprächigkeit, Urteile, die schnell gefällt und unerschütterlich feststehend sind, ohne dabei auf die Gefühle der Getroffenen  Rücksicht zu nehmen.

Die Neugier der alten Dame ist unersättlich, Deutschland liegt ihr am Herzen, obwohl sie hier die wohl schwärzeste Zeit ihres Lebens hatte, auf der Flucht und eingesperrt in Konzentrationslagern. Im Gespräch mit dem Enkel wird diese Vergangenheit in die Gegenwart geholt.

Meine Oma zu porträtieren heisst nicht nur, ihre Geschichte zu erzählen, sondern vor allem, die Art und Weise abzubilden, wie sie diese Geschichte erzählt.

Durch die Art der Grossmutter erscheint die Geschichte nicht so düster, wie man sie gerne malen würde. Nirgends fehlt es an Humor, das Unverständnis über gewisse Episoden tut sie mit wirschen Bewegungen ab und scheint sich nicht als bedauerliches Opfer zu sehen, sondern als Frau, die ihren Weg durch eine Geschichte ging, deren Anforderungen sie sich stellte.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Grossmutter wird schlussendlich zur Geschichte des Enkels und seiner Beziehung zu seiner Grossmutter. Dabei ist nicht nur Nähe entstanden.

Das Buch, mit dem ich meine Oma hatte kennenlernen wollen – was mir auch gelungen war -, hatte sie für mich zugleich fast wieder zu einer fiktionalen Figur gemacht und entfernte sie von mir.

Das Buch variiert in seinen Erzählformen, ist einerseits Momentaufnahme eines Besuchs, andererseits Gespräch und Tagebuchauszug aus dem Lager. Es spielt in Deutschland, Brasilien, in den Lagern des Weltkrieges. Trotz dieser Wechsel von Erzählstil und Ort zeigt es eine Einheit, die Einheit eines Lebens im Heute, wie es wurde aus dem Gestern.

Fazit:

Während das Thema des Buches düster und dunkel klingt, sieht man sich mit einem humorvollen, ironischen, kurzweiligen und vor allem menschlichen Buch über das Leben einer Grossmutter konfrontiert. Die Liebe zu dieser  resoluten, anstrengenden Frau spriesst aus jeder Zeile, ohne dabei kitschig zu wirken. Absolut lesenswert.

(Ariel Magnus: Zwei lange Unterhosen der Marke Hering. Die erstaunliche Geschichte meiner Grossmutter, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2012.)

BildAngaben zum Buch:

Hardcover: 175 Seiten

Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. September 2012)

Übersetzung: Silke Kleemann

Preis: EUR: 18.99 ; CHF 28.90

 

 

 

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