Michael Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich

Woher kommt der Mensch und wohin geht er?

„Ehemals suchte man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf seine göttliche Abkunft hinzeigte: dies ist jetzt ein verbotener Weg geworden, denn an seiner Tür steht der Affe.“(Nietzsche)

Woher kommt der Mensch, was ist er? Im ersten Kapitel seines Buches Hoffnung Mensch stellt Schmidt-Salomon den Menschen als biologisches Wesen dar, als welches er vom Affen abstammt und diesem noch sehr ähnlich geblieben ist. Er rollt die menschliche Geschichte auf, zeigt sie im Lichte der Religionen und deren Blick auf das menschliche Leben, bleibt in seiner Darstellung gelassener Kritiker, der mit fundierter Sicht und nicht mit polemischen Argumenten agiert.

Keine Mauer ist hoch genug, um das Eindringen von Rationalität und Skepsis gänzlich zu verhindern. Momentan zeigt sich dies insbesondere in den „islamischen Ländern“, in denen  sich säkular denkende Menschen mehr und mehr zusammenschliessen, um dem religiösen Tugendterror entgegenzuwirken. Wie weit die Entzauberung der Religion vorangeschritten ist, äussert sich allerdings nicht nur in ihrem mutigen Einsatz gegen die Tyrannei, sondern auch in den Handlungen ihrer Kontrahenten.

Schmidt-Salomon zeichnet ein Bild des Menschen, das durchaus nicht nur durch Egoismus, Gewalt und Machtstreben besticht, sondern diesen auch als empathisches, mitfühlendes, um Gerechtigkeit kämpfendes Wesen darstellt.

[Die Geschichte demonstriert etwas Eigentümliches], nämlich, dass wir offenkundig nicht nuf fähig sind, das Leid anderer zu spüren, sondern dass wir uns mitunter nicht einmal dagegen wehren können, sosehr wir uns auch darum bemühen mögen.

Dafür beruft er sich auch auf die mittlerweile in den meisten Philosophiebüchern prominente Hirnforschung, die er konzis zusammengefasst themenrelevant präsentiert.

Schmidt-Salomon beschliesst mit diesem Buch einen Zyklus aus vier Büchern, bestehend aus dem Manifest des evolutionären Humanismus, Jenseits von Gut und Böse, Keine Macht den Doofen und eben Hoffnung Mensch. Ziel des Zyklus ist es, ein grundlegendes philosophisches und naturwissenschaftliches Wissen der Welt zu vermitteln, was Schmidt-Salomon durchaus gelungen ist. Vor allem mit dem vorliegenden Buch liefert er eine  Geschichte des Menschen auf überschaubarem Raum. Er zeigt dabei dessen Ausgangslage, seine gegebenen Möglichkeiten sowie die Grundprobleme, mit denen er heute (und in der Vergangenheit) kämpft. Das Bild des Menschen ist ein wohlwollendes, das durchaus Hoffnung lässt, dass die Welt eine bessere sein kann. Vielleicht sogar wegen des Menschen und nicht trotzdem.

 

Fazit:
Philosophie und Wissenschaft anschaulich und unterhaltsam, trotzdem fundiert und informativ geschrieben. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Michael Schmidt-Salomon, Dr. phil., geboren 1967, ist freischaffender Philosoph und Schriftsteller sowie Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. Er ist häufiger Interviewpartner in Presse, Funk und Fernsehen. Bei Piper erschienen von ihm Jenseits von Gut und Böse, Leibniz war kein Butterkeks (mit Lea Salomon) sowie zuletzt Keine Macht den Doofen.

 

 

SchmidtSalomonHoffnungAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: Piper Verlag (10. März 2014)
ISBN-Nr.: 978-3492056083
Preis: EUR 19.90 ; CHF 32.90

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Norbert Hoerster: Was ist eine gerechte Gesellschaft? Eine philosophische Grundlegung

Eine gerechte Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der das Zusammenleben der Menschen in den wesentlichen Hinsichten durch gerechte Normen geregelt ist. Und gerechte Normen für das Zusammenleben der Menschen […sind] solche Normen, auf die sich rational eingestellte Menschen insofern einigen können, als sie bereit sind, sich sowohl mit den Vorteilen dieser Normen für sich selbst zufrieden zu geben als auch mit den Vorteil dieser Normen für ihre Mitmenschen (und damit den möglichen Nachteilen für sich selbst) abzufinden.

Wenn man bedenkt, dass schon die Frage, was Gerechtigkeit überhaupt sei, ganze Bibliotheken füllt, ist die Frage, was eine gerechte Gesellschaft sei, weit gegriffen für den doch schmalen Umfang des vorliegenden Buchs. Norbert Hoerster bezieht das Wort „gerecht“ auf menschliches Verhalten in Bezug auf andere Menschen. Menschliche Handlungen wiederum beruhen oft auf staatlich erlassenen Gesetzen oder normenübergreifenden Prinzipien, welche wiederum auf ihre Gerechtigkeit zu prüfen sind.

Damit Menschen die Voraussetzung für ein zufriedenes Leben haben, bedarf es einer Grundgerechtigkeit, welche aus den Grundrechten resultiert. Hoerster benennt hier Abwehrrechte (in Berufung auf Nozick), welche den Schutz des Lebens, der Unversehrtheit, der Freiheit und des Eigentums betreffen, und Anspruchsrechte, welche darauf zielen, allen Menschen im Zuge ihrer Fähigkeiten ein sinnvolles Leben zu ermöglichen durch Ausbildung, Erziehung und Unterstützung bei unfreiwilliger Armut.

Einen grossen Teil des Buches widmet Hoerster Rawls Gerechtigkeitstheorie, die er im Hinblick den Begriff der Gleichstellung zusammenfasst. Es folgt ein Kapitel über das Eigentum und dessen Grenzen, an welches sich die Frage nach dem Staat – was er ist und wann er gerecht sei – anschliesst. Die Steuergerechtigkeit nimmt dabei eine zentrale Stellung ein. Alle Themen werden mit anschaulichen Beispielen verständlich dargelegt und im Hinblick auf die Gerechtigkeit durchdacht.

Den Abschluss macht ein Resümee, das weniger das Buch zusammenfasst als Hoersters persönliche Position darlegt, untermalt mit aktuellen Beispielen. Was ist eine gerechte Gesellschaft? ist weder eine umfassende noch eine wirklich in die Tiefe gehende Studie der Titelfrage. Das wäre vom Umfang nicht möglich und die behandelten Themen sind zu punktuell ausgewählt. Nichtsdestotrotz regt es zum Nachdenken an, legt Grundsteine zum weiteren Vertiefen und verweist in der Bibliographie auf eine breit gefächerte Auswahl an Literatur, die das weitere Studium ermöglicht.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

Zum Autor
Norbert Hoerster, geb. 1937, lehrte von 1974 bis 1998 als Professor Rechts- und Sozialphilosophie an der Universität Mainz. Von ihm erschienen sind u.a.: Haben Tiere eine Würde? (2004); Die Frage nach Gott (32010); Was ist Recht? (2006); Was können wir wissen? (2010); Muss Strafe sein? (2012).

HoersterGesellschaftAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 144 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 26. August 2013
ISBN: 978-3406652936
Preis: EUR: 12.95 ; CHF 21.90

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Oliver Sacks: Drachen, Doppelgänger und Dämonen. Über Menschen mit Halluzinationen

Ich sehe etwas, das du nicht siehst

Wahrnehmungen sind in gewisser Hinsicht teilbar – Sie und ich können uns darauf einigen, dass dort ein Baum steht, aber wenn ich sage: „Ich sehe dort einen Baum“, und Sie erblicken nichts dergleichen, werden Sie meinen „Baum“ für eine Halluzination halten, etwas, was sich mein Gehirn oder Geist ausgedacht hat und was für Sie oder jemand anders nicht wahrnehmbar ist.

Oliver Sacks widmet sein neustes Buch den Halluzinationen. Er  grenzt diese gegen Träumerei und Realität ab und fragt nach der Herkunft dieser Wahrnehmungen, die nicht allen zugänglich sind.

Doch Halluzinationen sind wir passiv und hilflos ausgeliefert: Sie stossen uns zu – selbstherrlich kommen und gehen sie, wann es Ihnen gefällt und nicht, wann es uns gefällt.

Während in einigen Kulturen Halluzinationen ähnlich wie Träume als besondere Bewusstseinszustände gesehen werden und man versucht, sie durch Meditation, andere Techniken oder Drogen herbeizuführen, werden sie in der westlichen Kultur mit Wahnsinn und Verstandesverlust in Verbindung gebracht. Betroffene schämen sich deswegen häufig und verheimlichen, dass sie Halluzinationen haben, weil sie fürchten, verurteilt zu werden.

Nicht zu verachten ist auch der Einfluss von Halluzinationen auf Kunst, Kultur und Religion. An bekannten Beispielen wie Charles Baudelaire, Fréderic Chopin und Aldous Huxley wird der Zusammenhang zwischen Halluzination und künstlerischer Porduktivität aufgezeigt.

Oliver Sacks erzählt in verschiedenen Fallbeispielen unterhaltsam und anschaulich, wie Halluzinationen auftauchen können, was sie für die Betroffenen bedeuten und wie diese damit umgehen. Neben der Darstellung der Symptome kommt auch der wissenschaftliche Hintergrund nicht zu kurz, bleibt aber in einem für den Laien verständlichen Rahmen, ohne zu vereinfacht und dadurch verfälscht zu werden.

Fazit:
Wissenschaft anschaulich und unterhaltsam, trotzdem fundiert und informativ geschrieben. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Oliver Sacks, geboren 1933 in London, ist Neurologe und wurde in der Öffentlichkeit vor allem als Sachbuchautor bekannt. Seine Bücher Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte oder Der Tag, an dem mein Bein fortging erreichten ein Millionenpublikum. Über seine Forschung zur Schlafkrankheit, die er in dem Buch Zeit des Erwachens schildert, wurde der gleichnamige Hollywoodfilm mit Robin Williams und Robert de Niro gedreht. Sacks lebt in New York und schreibt regelmäßig für Zeitschriften wie Time Magazine und New Yorker.

sacksdrachenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (8. März 2013)
Übersetzung: Hainer Kober
Preis: EUR 22.95 ; CHF 35.90

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Salman Ansari: Rettet die Neugier!

Kindern die Möglichkeit der eigenen Erfahrung lassen

Kinder werden immer noch früher in Schubladen gepresst, welche einzig dazu dienen, die von Erwachsenen als relevant erachteten Wissensinhalte zu lernen, möglichst nach vorgegebenen Zeitplänen. Dabei wird die Kreativität, die Neugier von Kindern, die Fähigkeit, selber zu denken und Dinge zu entdecken nach und nach unterdrückt und kaputt gemacht. Die heutigen Bildungsinhalte und Vermittlungsstrategien sind alles andere als kindgerecht, im Gegenteil, sie ignorieren das kindliche Wesen.

Die Möglichkeiten für Kinder, eigene Erfahrungen zu machen, werden immer weiter eingeschränkt. […] Auf der anderen Seite wächst der Druck auf sie, Kompetenzen zu erwerben, die aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht altersgemäss sind.

Schaut man auf Hirn- und Lernforschung, zeigt sich deutlich, dass die Inhalte, die man selber erfahren kann, die mit der eigenen Neugier erforscht werden und zu denen man eine Beziehung aufbaut, Früchte tragen. Bietet man dem Kind eine kindgerechte Lernumgebung, unterstützt es in seinem kindeigenen Weg, Erfahrungen zu machen und die Welt zu entdecken, wird ihm das nicht nur in Hinsicht auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung helfen, sondern es auch zu einem selbstbewussten, lebensfähigen Menschen ausbilden, der sich durch Kreativität und Neugier im Leben zurechtfindet.

Das Entlang-Gejagtwerden längs den Gleisen des Systems bildet nicht. Wir wollen Gleisleger erwecken, nicht Gleisfahrer machen.
(Martin Wagenschein)

Salman Ansari weist in diesem Buch auf die Schwächen der heutigen Bildungs- und Erziehungsstrategien hin und zeigt neue Wege auf, die dem Kind und dessen Entwicklung angepasst sind und mithelfen, dem Kind den Freiraum und die Möglichkeiten zu bieten, seine Fähigkeiten zu erkennen und auszubauen. Bildung soll, so Ansari, nicht blosses Faktenpauken sein, das von Erwachsenen auf die Kinderseele gedrückt wird und diese so unterdrückt, sondern eine Erfahrung auf einer Ebene, die das Kind seine eigenen Wege finden lässt. Kinder lernen besser und freudiger, wenn man sie bei ihrer Neugier packt und ihnen nicht alles vorgefertigt und abstrakt überstülpt.

Anhand von anschaulichen Beispielen zeigt Ansari Mittel und Wege, wie man Kinder nicht zu abgestumpften Lernmaschinen, sondern zu lernfreudigen und selber denkenden Wesen erziehen kann. Das trägt dem Artikel 29 der UN-Kinderrechtskonvention Rechnung, welcher fordert, dass Bildung darauf ausgerichtet sein soll,

die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen […und] das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geiste der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen gruppen sowie zu Ureinwohnern vorzubereiten [sowie] dem Kind die Achtung vor der natürlichen Umwelt zu vermitteln.

Es gilt, so Ansari, Kindern nicht vorgefertigte Antworten zu liefern, sondern sie sollen selber Antworten auf das Leben und die Umwelt finden, die sie umgeben. Auf diese Weise benutzen sie ihre Kreativität und entwickeln eigenständige Ideen. Dazu bedarf es keines herausragenden IQs, sondern stimulierender Herausforderungen.

Fazit:
Ein Buch, das Pflichtlektüre für Eltern und Erzieher an Institutionen sein sollte. Ein Buch, welches Kinder in ihrer Persönlichkeit respektiert, schützen will und Möglichkeiten aufzeigt, aus ihnen selbstbewusste, kreative und lebenstüchtige Erwachsene zu machen, sie aber auf diesem Weg Kinder sein lässt .

Zum Autor
Salman Ansari
Salman Ansari wurde 1941 in Indien geboren. Er ist promovierter Chemiker und Lernpädagoge. Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Odenwald-Schule arbeitet er am Kieler Leibnitz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Entwicklung von Unterrichtsmodellen und professionalisiertem Lehrerhandeln mit. Seit mehreren Jahren arbeitet er auch im Elementarbereich. Er ist Dozent und Buchautor. Von ihm erschienen sind unter anderem Schule des Staunens (2009) und Rettet die Neugier (2013).

AnsariNeugierAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Fischer Verlag (25. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-3810501929
Preis: EUR  18.99 / CHF 31.90

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Wolfgang Röd: Heureka! Philosophische Streifzüge im Licht von Anekdoten

Was uns Galilei sagen wollte

Als Galilei im Jahre 1633, im Alter von neunundsechzig Jahren, widerstrebend, aber durch die Androhung der Folter eingeschüchtert, der Annahme abgeschworen hatte, dass die Erde ein Planet sei, der sich um die Sonne bewege, soll er in seinen Bart gemurmelt haben: „Und sie bewegt sich doch!“

Ob diese Anekdote historisch wahr ist, lässt sich nicht mehr belegen, da das Murmeln so leise gewesen wäre, dass niemand es hörte, weil ein lautes Ausrufen dieser Meinung damals nicht geduldet und höchstwahrscheinlich mit erneuten Sanktionen bedacht worden wäre. Trotzdem ist diese Anekdote nicht einfach nur eine nette Geschichte, sondern sie lehrt uns mehrere Dinge. Einerseits zeigt sie uns deutlich die damalige Spaltung zwischen Wissenschaft und Kirche, welche nicht vor Gewalt zurückschreckte, ihr Bild der Welt als das einzig anerkannte hinzustellen. Andererseits zeigt die Anekdote, dass sogar bislang anerkannte wissenschaftlich gestützte Ansichten gestürzt werden können, dass nichts einfach in Stein gemeisselt sein muss, sondern alles der erneuten Prüfung ausgesetzt werden darf, sogar soll. Die Anekdote um Galilei zeigt die Wichtigkeit der Denkfreiheit und auch, dass es nicht immer ein angenehmer Weg ist, sich gegen die landläufige Meinung zu stellen.

[Einer von Aristoteles überlieferten Anekdote zufolge] sah Sokrates, als er einmal nach Delphi kam, am Giebel eines Tempels die Inschrift „Erkenne dich selbst“. Dieser Aufforderung nachzukommen erwies sich aber als schwierig; er war in grosser Verlegenheit (aporia). Offenbar erfüllte ihn die Tatsache, dass die scheinbar einfache Frage: Wer bin ich= so schwer zu beantworten ist mit Staunen, und dieses Staunen wurde zum Anstoss für sein Philosophieren.

Wolfgang Röd sammelt in diesem Buch Anekdoten und beleuchtet sie philosophisch. Dabei ist es nicht relevant, ob die erzählten Anekdoten historische Tatsachen wiedergeben oder erfunden sind, der Schwerpunkt liegt immer auf der Erkenntnis, die durch die Anekdoten zum Ausdruck gebracht wird.

In Heureka! ist Sokrates’ Staunen ebenso Thema wie Archimedes Gang durch die Strassen, welchem wir den Titel dieses Buches verdanken. Wolfgang Röd versteht es, auf unterhaltsame und lesbare Weise in die grossen Fragen der Philosophie einzutauchen, er besticht sowohl durch ein breites Wissen wie auch logische Schlussfolgerungen und vermittelt beides auf verständliche Weise.

Fazit:
Philosophisches Staunen in anekdotischen Bildern. Eine wahre Lesefreude. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Wolfgang Röd
Wolfgang Röd war bis zu seiner Emeritierung Ordinarius für Philosophie am Philosophischen Institut der Universität Innsbruck und ist Herausgeber der Reihe Geschichte der Philosophie. Von ihm erschienen sind unter anderem Dialektische Philosophie der Neuzeit (1986), Erfahrung und Reflexion (1991), Der Gott der reinen Vernunft (2009).

RödHeurekaAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 260 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13.März 2013)
ISBN-Nr.: 978-3406645297
Preis: EUR: 16.95 ; CHF 27.90

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Hans-Ulrich Wehler: Die neue Umverteilung

Nicht nur in Deutschland geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, das Phänomen lässt sich weltweit beobachten. Während die Reichen mit immer mehr Gier und Eifer ihre Millionen horten, verhungern ganze Völker. Dass genug für alle da wäre, wenn es gerecht verteilt wäre, ist längst bekannt. Die Frage, wieso dies nicht endlich geschieht, steht im Raum. Um zu verstehen, wie es zu dieser Situation kommen konnte, reicht es nicht, die gegebenen Zustände anzuklagen, sondern es bedarf des Blicks zurück auf die Geschichte dieser Zustände.

Für beides: für die aufklärende Diskussion wie für das praktische Handeln sind möglichst genaue historische Kenntnisse von Nutzen, ja unentbehrlich. Bleibt doch die Geschichte – dies erneut gegen die geläufige Skepsis – das einzige Erinnerungs- und Denkmaterial, aus dem wir lernen können, denn allein Gegenwartskonstellationen und Zukunftsprojektionen reichen dafür nie aus. Historische Kenntnisse belehren über den gewöhnlich langsamen Gang der sozialen Evolution

Dabei wird klar, dass man nicht einfach erkennen kann, dass die Gesellschaft in eine falsche Richtung läuft, um dann eine Kehrtwende zu machen. Systeme bewegen sich langsam, je grösser, desto langsamer.

Blickt man zurück, sieht man, wie die vom Staat auferlegten Regeln über das menschliche Zusammenleben nach und nach durch marktwirtschaftliche Prinzipien unterlaufen wurden, der Markt verdrängte quasi den Staat Schritt für Schritt. Was zuerst als erstrebenswert galt, nämlich die Aufhebung von durch Abstammung definierten Hierarchien, wich bald einer neuen Hierarchie nach Wirtschaftlichkeit.

Sie [die Geschichte, S.M.] belehrt darüber, wie sich mit der modernen Marktwirtschaft auch die Marktgesellschaft Schritt für Schritt durchgesetzt hat, in der die „marktbedingten Klassen“ (Max Weber) die überkommenen ständischen Formationen effektiv verdrängt haben. Denn in dieser Marktgesellschaft entscheiden zusehends Marktprinzipen über die Zuteilung von Lebenschancen und Lebensrisiken.

Neue Ungleichheiten entstehen, sie messen sich an Einkommen, Alter, Bildung und Geschlecht, Chancen variieren nach kultureller Herkunft und Gesundheitsstand, die durch Geburt gegebenen Fähigkeiten multiplizieren die durch andere Kriterien bestimmten Lebenschancen.

Alle Ungleichheiten wird man nie aus der Welt schaffen, eine durch und durch gerechte Gesellschaft herstellen zu wollen, wird eine Utopie bleiben. Wichtig ist es, machbare und fruchtbare Lösungswege hin zu einer Verbesserung aufzuzeigen und anzugehen.

Als realistische Politik kann daher nur die Abmilderung einer allzu krass ausgeprägten Hierarchie gelten.

Hans-Ulrich Wehler liefert mit seinem Buch Die neue Umverteilung eine verständliche und trotz knapp bemessenem Umfang fundierte Darstellung wichtiger soziologischer und ökonomischer Theorien. Er zeigt auf, wie im Lauf der Geschichte soziale Ungleichheiten die Schere zwischen Reich und Arm auseinander klaffen liess. Er zeigt zudem auf, wie politische Macht mit der wirtschaftlichen Kraft einhergeht und deutet auf die Gefahr dieses Zusammenspiels hin.

Wehler zeigt auf, wie auch in Zukunft die sowieso schon Privilegierten immer noch mehr Privilegien geniessen, wie sich Working Poors mehr schlecht als recht durchs Leben kämpfen und wie die Mittelschicht einen aussichtslosen Kampf austrägt. Die Sachlichkeit von Wehlers Darstellung lässt seine Schlüsse glaubhaft klingen und die Lage bedrohlich erscheinen. Seine aufgezeigten Anstösse hin zu einer Umkehr lassen die Hoffnung weiterleben.

Fazit:
Eine fundierte, sachliche Diagnose der heutigen Zeit und der Lage der (deutschen) Nation sowie der allgemeinen Wirtschaftslage. Ich kann dieses Buch jedem ans Herz legen, der etwas über die heutige Lage erfahren und neue Wege erkennen möchte.

 

Zum Autor:

Hans-Ulrich Wehler
Hans-Ulrich Wehler wurde 1931 geboren, besuchte nach dem Gymnasium Geschichte, Soziologie und Ökonomie. Bis zu seiner Emeritierung war er Professor für Allgemeine Geschichte in Bielefeld. Für sein Schaffen erhielt er mehrere Preise und Auszeichnungen. Von ihm erschienen sind auch Eine lebhafte Kampfsituation (2006), Notizen zur deutschen Geschichte (2007), Land ohne Unterschichten (2010), Nationalismus (2011)

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Verlag C.H.Beck (2013)
Preis: EUR 14.95 / CHF 21.90

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Hellmut Flashar: Aristoteles. Lehrer des Abendlandes

Ohne Freunde möchte niemand leben, auch wenn er die übrigen Güter alle zusammen besässe: gerade auch den reichen Leuten und denen, die Amt und Herrschaft haben, tun Freunde bekanntlich ganz besonders not. Denn wozu ist solcher Wohlstand nütze, wenn die Möglichkeit des Wohltuns genommen ist, das doch vor allem und in seiner preiswürdigsten Form dem Freunde gegenüber sich entfaltet?

Diese Worte, die aktuell klingen und in die heutige Zeit passen, stammen von einem Philosophen, der vor über 2000 Jahren lebte. Aristoteles prägte mit seinem Denken die geistige Entwicklung des Abendlandes nachhaltig. Sein Name ist bis heute bekannt, seine Philosophie wird noch immer zitiert und hat in vielen Bereichen noch immer Geltung, ist noch aktuell in ihren Inhalten.

Über Aristoteles ist viel geschrieben worden, Bücher über diesen griechischen Philosophen füllen ganze Regale. Das vorliegende von Hellmut Flashar ist nicht einfach eines mehr, sondern es sticht heraus durch seine umfassende und verständliche Darstellung des Lebens wie des Werkes von Aristoteles. Aus verschiedenen Quellen rekonstruiert Flashar Aristoteles’ Biographie, legt dabei auch die Tücken der Quellen offen. Er beleuchtet nicht nur die Familie des Philosophen, sondern zeichnet auch ein Bild der Stadt, der politischen Umstände zu seiner Zeit sowie der Einflüsse, die sein Denken prägten.

Leider ging ein Teil von Aristoteles Werk verloren. Die noch erhaltenen Werke setzen sich aus Lehrschriften zusammen, welche aus dem Unterricht Aristoteles’ hervorgegangen sind. Flashar widmet den einzelnen Gebieten des umfassenden Werks von Aristoteles je ein Kapitel und behandelt so in verständlicher Art und doch fundiert sämtliche Themen mit einer Einleitung, der Zusammenfassung und Darlegung der wichtigsten Punkte sowie Hintergründe und Ausblicke.

Den Abschluss dieses umfassenden Werkes bildet ein Kapitel über die Rezeption Aristoteles’ in der griechischen, arabischen, lateinischen Tradition sowie in der Neuzeit. Flashar beweist in diesem Buch sein grosses Wissen über diesen herausragenden Philosophen sowie seine Fähigkeit, den nicht immer einfachen Stoff verständlich und lesbar zu vermitteln.

Fazit
Informativ, fundiert, umfassend – ein grosser Philosoph und sein Werk werden hier mit viel Liebe und Wissen porträtiert. Sehr empfehlenswert.

Hellmut Flashar
Hellmut Flashar wuchs in Berlin auf, studierte Klassische Philologie und Philosophie in Berlin und Tübingen und promovierte mit einer Dissertation über Platons Dialog Ion. Nach seiner Habilitierung hatte er zuerst eine Professur in Bochum inne, wechselte 1982 an die LMU München, wo er bis zu seiner Emeritierung blieb, daneben an anderen Unis lehrte
Flashar gilt als Spezialist vor allem für griechische Philosophie. Er ist Herausgeber der deutschen Aristoteles-Gesamtausgabe und arbeitete bei verschiedenen Fachjournalen. Weitere Werke sind u.a. Inszenierung der Antike. Das griechische Drama auf der Bühne. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart (2009), Sophokles. Dichter im demokratischen Athen (2010).

FlasharAristotAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 2013
Preis: EUR: 26.95 ; CHF 36.90

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Hannah Arendt, Joachim Fest: Eichmann war von empörender Dummheit

Aber diese Dummheit hat etwas Empörendes. […] Da war keine Tiefe – das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist […]

Diese Dummheit, die weder grausam noch dämonisch war, sondern einfach die Gedankenlosigkeit eines Funktionärs innerhalb eines bürokratischen Systems  ausdrückt bezeichnete Hannah Arendt in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem als „Banalität des Bösen“. Mit diesem Begriff (unter anderem) löste sie eine der grössten Kontroversen des letzten Jahrhunderts aus.

Das vorliegende Buch enthält ein Gespräch mit Joachim Fest, welcher zur selben Zeit wie Hannah Arendt Eichmann in Jerusalem sein Werk Das Gesicht des Dritten Reiches veröffentlicht hatte, welches zu einem ähnlichen Schluss kam wie Arendt, nämlich dass man mit dem Problem konfrontiert sei,

wie „so viel Unvermögen, so viel Durchschnittlichkeit und charakterliche Nichtigkeit“ mit den ungeheuren Verbrechen , die hiervon ausgingen, in einen begrifflichen Zusammenhang zu bringen sind.

Das Gespräch behandelt Themen wie die Definition eines neuen Verbrechertypus, welcher eben keine kriminelle Energie  hat, sondern aus (oft blindem ) Gehorsam handelt, es handelt von der Frage nach Verantwortung und Schuld in einem totalitären System, von Gerechtigkeit nach einem historischen Unrecht solchen Ausmasses, sowie von gut und böse als moralischen Urteilen.

Neben dem Gespräch findet man den das Gespräch vorbereitenden Briefaustausch zwischen Arendt und Fest sowie sporadische spätere Briefe, welche eher auf eine intellektuelle Verbindung denn auf eine Freundschaft hinweisen, allerdings von gegenseitigem Respekt zeugen.

Anschliessend folgen vier Dokumente aus der Kontroverse um Hannah Arendt und Eichmann in Jerusalem, welche während des Austauschs zwischen Arendt und Fest erwähnt worden sind. Die Stellungnahme des Council of Jews from Germany tut sein Unverständnis kund über die „unverantwortbaren Schlussfolgerungen“, die Hannah Arendt aus „unfundiertenn Feststellungen“ zog, Golo Manns sarkastischer Text voller plakativer Herabwürdigungen gibt ihr immerhin in Bezug auf das Portrait Eichmanns recht und Mary McCarthy verteidigt das Buch so sachlich, wenn auch offensichtlich wohlgesonnen. Den Abschluss macht Reinhard Baumgard mit einem Nachwort zu Hannah Arendts Eichmann-Buch: Mit Mördern leben?

Die Zusammenführung der Texte ist aufschlussreich und sinnvoll, die Einleitung zeigt durch Vorwegnahme und Zusammenfassung einiger zentraler Argumente die Grundaussagen des Austauschs und hilft damit beim Verständnis des Kommenden. Die abschliessenden Dokumente aus der Kontroverse verdeutlichen die Unsachlichkeit der Angriffe gegen Hannah Arendt und ihr Buch.

Fazit:

Die spannende Analyse eines Jahrhundertverbrechers und des Systems, das ihn zustande brachte. Sehr empfehlenswert.

Zu den Autoren:

Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Joachim Fest
Geboren am 8. Dezember 1926 in Berlin Karlshorst als Sohn einer bildungsbürgerlichen Familie. Jura-Studium ohne Absicht, Jurist zu werden, daneben Geschichte, Soziologie, Germanistik und Kunstgeschichte. Fest brach seine Promotionsarbeit zugunsten einer Festanstellung bei RIAS Berlin ab und blieb danach im journalistischen Bereich tätig. Veröffentlichte einige Bücher, die sich hauptsächlich mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit befassten(Das Gesicht des Dritten Reiches, Speer. Eine Biographie, Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches, Hitler). Joachim Fest starb am 11. September 2006 in Kronberg im Taunus.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 207 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Auflage 2011)
Preis: EUR 16.95; CHF 27.90

Hannah Arendt. Ihr Denken veränderte die Welt (Das Buch zum Film)

Die Frau, die das Denken ohne Geländer liebte, konnte mitunter ganz unromantisch sein, sachlich, buchstäblich ohne Rücksicht auf andere und ihre Gefühle.

Diese nüchterne Sachlichkeit und fehlende Weitsicht, was sie mit ihrem Protokoll des Eichmann-Prozesses auslösen könnte, machten Hannah Arendt zum Mittelpunkt einer der grössten Kontroversen des vergangenen Jahrhunderts und kosteten sie einige Freundschaften, an denen ihr Herz gehangen hatte. Diese Sachlichkeit war aber auch nur eine Seite, die andere war voller Charme, Herz und auch einer gewissen Schüchternheit. Hannah Arendts erster Mann, Günther Stern, brachte die Widersprüchlichkeiten ihres Charakters auf den Punkt:

Sie war damals zugleich profund, frech, fröhlich, herrschsüchtig, schwermütig, tanzlustig – für die scheinbaren Widersprüche übernehme ich keine Verantwortung – sie war eben so.

Das vorliegende Buch mit einem Vorwort von Franziska Augstein ist mehr als ein Buch zum Film. Es bietet eine Annäherung an eine der grössten Denkerinnen von verschiedenen Seiten, es beleuchtet ihr Leben und Werk (vornehmlich das Buch Eichmann in Jerusalem, dessen Entstehung die Ausgangslage zum Film bot).

Margarete von Trottas schildert, wie sie sich langsam der Person Hannah Arendt annäherte und von ihr immer mehr begeistert war. Auch werden die Schwierigkeiten offensichtlich, die bei der Suche nach den geeigneten Mitstreitern und vor allem nach den finanziellen Mitteln für einen solchen Film auftauchen. Vom ersten Gedanken bis hin zum fertigen Film sollte mehr als eine Dekade ins Land streichen. Pam Katz (Mitautorin), Barbara Sukowa und Klaus Pohl (Schauspieler) beschreiben ihre Auseinandersetzung mit diesem Film und der Rolle, die sie dabei spielten und Bettina Brokemper den Weg vom Projekt hin zum Film.

Viel Platz wird der Arendt-Kontroverse rund um das Buch Eichmann in Jerusalem gewidmet. Mary McCarthy, Schriftstellerin und Hannah Arendts Freundin bezeichnet das Werk als „Dokument ethischer Verantwortung, Ernst Vollrath zeichnet ihren Gedankengang vom „radikal Bösen“ (Kant) hin zur „Banalität des Bösen“ nach und auch Jerome Kohn und Rainer Schimpf beleuchten Aspekte des Buches und der daraus entstehenden Debatte, die für Hannah Arendt sehr schmerzlich war.

Durch Volker Schaefer gelingt noch ein Blick in Hannah Arendts Wohnung in New York, die Zentrum ihres Schaffens, Liebens und der Freundschaftspflege war, also quasi ihr ganzes Leben beherbergte.

Fazit:
Ein sehr gelungenes Buch, das einem Hannah Arendt in ihrem Schaffen und Sein näher bringt und zudem einen Einblick in die Entstehung des Filmes über sie bietet. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 252 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Auflage Februar 2013)
Preis: EUR 9.99; CHF 15.90

Annemarie Pieper: Gut und Böse

Die Frage nach dem Guten und Bösen hat viele Philosophen, Theologen, Psychologen, Biologenbeschäftigt. Jede Richtung ging aus der ihr eigenen Warte an die Thematik heran, versuchte sie mit Hilfe der eigenen Methoden zu entschlüsseln. Annemarie Pieper geht diesen Erklärungsversuchen quer durch die einzelnen Richtungen nach.

Können Mittel, die zu einem bösen Zweck verwendet gut sein? Rechtfertigt der gute Zweck die bösen Mittel? Was ist „das Gute“ im Gegensatz zu „gut“ als Adjektiv? Alltagssprachlich streben wir nach dem Guten, wollen das Böse meiden. Wir teilen Menschen in gut und böse ein und haben damit unsere Welt strukturiert. Dass dies zu kurz greift, liegt auf der Hand. Die Problematik liegt tiefer. Und so kommt Annemarie Pieper zu der Hypothese,

dass der Mensch von Natur aus weder gut noch böse ist, wohl aber an sich indifferente Anlagen mitbringt, die sich je nach Einfluss und Milieu zur Moral oder zur Unmoral hin entwickeln können.

Annemarie Pieper stürzt sich zur weiteren Erforschung in die Ethologie, verweist auf Lorenz’ Aggressionstrieb, geht weiter zum Sozialdarwinismus, wo sie Dawkins egoistisches Gen seziert, geht danach der Frage nach, ob der Mensch durch seine Anlagen determiniert oder frei in seinem Handeln und damit dafür verantwortlich ist. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.

Als nächstes sind die Psychoanalytiker und Soziologen gefragt, welche auf eine Wechselbeziehung zwischen Ich und Gesellschaft verweisen. Dabei gehen die Meinungen auseinander, ob nun das Individuum in seiner Triebunterdrückung oder aber die Gesellschaft mit ihren repressiven Strukturen für das Böse mehr verantwortlich sei. Wohl auch da liegt die Antwort irgendwo in der Mitte oder ganz woanders.

Bei so viel irdischem Unwissen kann nur noch die Theologie helfen, welche daraufhin befragt wird, wo das Übel herkomme. Von Gott kann es nicht kommen, es muss von den Menschen sein. Der hätte es zwar kommen sehen, musste es aber stehen lassen, um dem Menschen nicht seine Willensfreiheit zu nehmen, welche den Menschen als solchen ausmacht. Das ist die Antwort auf die Frage, wie Gott Auschwitz hätte geschehen lassen können. Nachdem auch noch Pandora als Schuldige ins Feld geführt wurde, kommen wir zur Philosophie, durchlaufen Metaphysik und Ethik, verweilen lange bei Kant, streifen Kierkegaard, vermissen danach Hannah Arendt, freuen uns dafür über Nietzsche.

Und am Schluss stehen wir da und sind so klug als wie zuvor. Der Mensch will stets das Gute, fühlt sich vom Bösen angezogen, widersteht ihm nicht und tut es doch. Im Wissen, dass es falsch ist, zu sehr davon gezogen. Schlussendlich bleiben die Begriffe ein Rätsel, das auch dieses Buch nicht lösen konnte.

Die Lösung zu erwarten wäre zu hoch gegriffen. Die Thematik ist zu komplex und es gibt keine definitiven klaren Antworten. Die Ausführungen sind teilweise für die knappe Schrift zu lang, um in der Folge in wenigen Sätzen verworfen zu werden. Es fehlt der rote Faden und eine wirklich stringente Argumentationskette. Das Ganze wirkt eher wie eine Aneinanderreihung von verschiedenen Theorien, die man aufgelesen hat, nun da wiedergibt, wo sie gerade in die vorher gesetzten Kapitel passen und am Schluss zum schon vorher klaren Ergebnis kommt, nämlich keinem. Trotzdem ein guter Einstieg in die Thematik, der gute Hinweise zur Vertiefung liefert.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 127 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 2008
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 13.40

Erich Fromm: Authentisch leben

Wer denkt, wenn ich denke, wer fühlt, handelt, wenn ich handle oder fühle? Erich Fromm beleuchtet die wirkliche Motivation hinter dem Handeln, Fühlen, Denken, hinter dem Sein des Menschen. Lebt er wirklich selbstbestimmt und frei oder sprechen durch ihn die vielen Stimmen der Umwelt, die er als Erwartungen an sich zu Handlungsmaximen erhoben hat?

[…] dass wir Gedanken, Gefühle, Wünsche, ja sogar Sinnesempfindungen haben können, die wir subjektiv als unsere empfinden, obwohl sie uns von aussen suggeriert wurden und uns daher im Grunde fremd sind und nicht das, was wir wirklich denken, fühlen und so weiter.

Der Mensch entfernt sich damit immer mehr von sich selber, wird zum Ding, zur Ware auf dem Markt, die daran gemessen wird, ob sie Erfolg hat, ankommt, die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt. Dies wirkt sich sowohl auf das menschliche Selbstgefühl als auch auf die Beziehungen zwischen Menschen aus.

Es handelt sich nicht um eine Beziehung zwischen zwei menschlichen Wesen, die ein Interesse aneinander haben, abgesehen davon, dass sie sich gegenseitig von Nutzen sind.

Erich Fromm analysiert in diesem Buch den Menschen in seinem Sein, er schaut auf die Gesellschaft und ihre Instrumentalisierung von Menschen hin zu Waren, die ihr dienen. Er analysiert die Ohnmachtsgefühle, die das im Menschen auslöst und wie er darauf reagiert. Und er versucht, durch diese Analyse ein Bewusstsein für diese Mechanismen zu wecken, die dabei helfen können, zu sich selber und dem wirklich eigenen Denken, Fühlen, Handeln zu finden.

Mut, sich um nichts zu kümmern als um die Wahrheit und zwar um die Wahrheit nicht nur in Bezug auf das eigene Denken, sondern auch in Bezug auf das eigene Fühlen.

Fazit:
Ein Buch, das dem Leser auf gut lesbare Weise das Wesen und die Masken des eigenen Seins aufzeigt. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 155 Seiten
Verlag: Herder Verlag 2000
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 14.90

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Hannah Arendt: Über das Böse

ArendtBöseHannah Arendt versucht in diesen hier versammelten vier Vorlesungen über Ethik, sich dem Begriff des Bösen zu näheren. Sie geht dabei von dem sie nie loslassenden (wie könnte es) Thema des Holocaust und den damit verbundenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus, im Besondern beruft sie sich immer wieder auch auf Eichmann, über dessen Prozess sie berichtet hatte.

Im Buch Eichmann in Jerusalem prägte sie den Begriff der Banalität des Bösen, welcher auch in diesem Buch eine zentrale Rolle spielte. Die Banalität sah Hannah Arendt darin, dass das Böse von ganz normalen Menschen verübt wird, dass keine Monster oder Teufel am Werk sind. Das macht das Böse so erschreckend, da es wohl in allen angelegt zu sein scheint. Die Frage stellt sich also, wie man es vermeiden kann.

Unter Berufung auf Sokrates, Platon, Aristoteles, Kant und andere sowie durch eigene Schlussfolgerungen näherst sich Hannah Arendt immer mehr dem, was sie als zentral im Kampf gegen das Böse sieht: Dem Denken. Das gedankenlose Handeln (wie bei Eichmann wahrgenommene) erachtet Hannah Arendt als grosse Gefahr.

[…]Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar, […]

Hannah Arendt geht von der Hypothese aus, dass jeder Mensch in sich weiss, was gut und böse, was recht und unrecht ist. Sich für das eine oder andere zu entscheiden, heisst, zwischen Vernunft und Begierde zu entscheiden, Schiedsrichter dabei ist der eigene freie Wille. Sich für das Unrecht zu entscheiden würde einen in Konflikt mit sich selber bringen, lautet Hannah Arendts Überzeugung, die sie mit Sokrates’ Ausspruch, dass es besser ist, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun, abstützt. Hielte man sich an das, was in einem als Rechtes erkannt ist, statt äusseren Einflüssen blind zu folgen, hätte das Böse keine Chance.

[…] die häufig anzutreffende Tendenz, das Urteilen überhaupt zu verweigern. Aus dem Unwillen oder der Unfähigkeit, seine Beispiele und seinen Umgang zu wählen, um dem Unwillen oder der Unfähigkeit, durch Urteil zu Anderen in Beziehung zu treten, entstehen die wirklichen „skandala“, die wirklichen Stolpersteine, welche menschliche Macht nicht beseitigen kann, weil sie nicht von menschlichen oder menschlich verständlichen Motiven verursacht wurden. Darin liegt der Horror des Bösen und zugleich seine Banalität.

Sehr informativ und auf den Punkt gebracht ist das Nachwort von Franziska Augstein, welches nochmals auf die wichtigen Punkte von Hannah Arendts Text hinweist und diesen auch in den zum Entstehen wichtigen Kontext rückt. Augstein weist dabei auf Hannah Arendts Täuschung in Bezug auf Eichmanns Aussagen hin, worauf sie ihre Diagnose eines gedankenlosen Täters begründete. Diese Fehleinschätzung wurde später durch die „Sassen-Protokolle“ offengelegt. Vermutlich hätte Hannah Arendts Einschätzung des Falles Eichmann anders ausgesehen, hätte sie davon Kenntnis gehabt. Nichts desto trotz schmälert das nicht den Wert ihrer Arbeit.

Fazit
Unbedingt lesenswert. Tiefgehende Gedanken von zeitloser Aktualität von einer herausragenden Philosophin.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 200 Seiten
Verlag: Piper Verlag, 5. Auflage (März 2012)
Übersetzung: Ursula Ludz
Preis: EUR: 9.99 ; CHF 16.90

 

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Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation

RifkinZivilisation

Jeremy Rifkin schöpft aus der ganzen Menschengeschichte, um seine These des von Natur auf Empathie angelegten Menschen zu stützen. Dabei bedarf es zur Entwicklung dieser Anlage immer das Bewusstsein des Selbst sowie die Wahrnehmung der anderen als ebensolche Individuen. Im Miteinander können die Anlagen zur Empathie entwickelt werden.

 

 

Unsere empathische Prädisposition ist kein fehlersicherer Mechanismus, der es uns erlaubt, unsere Menschlichkeit zu vervollkommnen. Sie stellt vielmehr eine Chance dar, die Menschheit zu einer Grossfamilie zu machen. Allerdings muss die Empathie ständig trainiert werden.

Rifkin besticht durch sehr fundierte und genaue Abläufe der Menschheitsgeschichte, verortet verstärktes Aufkommen von Empathie nach Krisen und Revolutionen, welche er sehr detailliert und dadurch auch oft zu ausschweifend und langatmig präsentiert. Ob all der Geschichtsflut geht die Argumentationskette oft unter. Überzeugen seine Geschichtskenntnisse mit Fakten, erscheinen seine Fazits in Bezug auf die Empathie mehr als Spekulation und wenn auch sinnvoll klingende, doch nicht wirklich belegte Gedankenexperimente. Dass Rifkin ob all der Geschichtsflut die Jahre der beiden Weltkriege völlig ignoriert, bei 1920 aufhört und 1947 wieder einsetzt, mutet merkwürdig an. Auch verwundert es, dass er über die gelebte Empathie der Jungsteinzeit besser informiert scheint als über heute, wo er alles in der Schwebe empfindet. Wie genau die gelebte Empathie der Jungsteinzeit fundiert gewusst werden kann, ist mir auch nach dem Lesen des Buches ein Rätsel.

Trotz dieser Kritikpunkte finden sich in dem Buch einige sehr zutreffende Analysen der menschlichen Psyche und ausführliche Beschreibungen der Entwicklungen der Menschlichen Identität und deren Erforschung durch die Wissenschaft. Rifkin erkennt die Problematik der heutigen auf Materialismus eingestellten Welt deutlich und benennt die damit einhergehende Tendenz zur Selbstsucht, welche der Empathie im Wege steht.

Je materialistischer der Mensch eingestellt ist, desto weniger grosszügig ist er im Umgang mit anderen, desto weniger versetzt er sich in sie hinein, desto geringer ist seine Achtung von deren Standpunkten. Die Selbstlosigkeit weicht der Selbstsucht.

Die Untersuchungen zum Glückssyndrom lassen vermuten, dass eine Gesellschaft mit einem gewissen behaglichen Lebensstandard und relativ geringen Unterschieden im Vermögen und Einkommen wahrscheinlich die glücklichsten Bürger hervorbringt.

Wie realisierbar er die Lösung eines auf gleichem Einkommen und gleichem Vermögen basierenden Staates wäre, lässt er offen, ebenso zeigt sich an der Verwendung des Wortes „wahrscheinlich“, dass es auch reine Spekulation ist, dass dann alles besser und der Mensch glücklich wäre.

Fazit
Ein sehr informatives, detailliertes Geschichtsbuch, das in Bezug aufs Hauptthema der Empathie oft falsche Schlüsse zieht und zu Spekulationen neigt. Lesenswert als Ganzes, streng thematisch eher enttäuschend.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag; Auflage (15. Dezember 2011)
Übersetzung: Ulrike Bischoff, Waltraut Götting, Xenia Osthelder
Preis: EUR: 11.99 ; CHF 19.90

Frans de Waal: Primaten und Philosophen

DeWaalPrimatenDas vorliegende Buch bietet einen interdisziplinären Diskurs, welcher auf einer Vorlesung Frans de Waals innerhalb der „Tanner-Lectures on Human Values“ basiert. Drei Philosophen und ein

Evolutionspsychologe nehmen de Waals Sicht in der Folge kritisch unter die Lupe, halten ihre Argumente dagegen, worauf Frans de Waal in einer abschliessenden Antwort reagiert.

Frans de Waal führt seine jahrzehntelange Erfahrung in der Primatenforschung sowie evolutionstheoretische Betrachtungen ins Feld, um darauf aufbauend über die Moral des Menschen nachzudenken. Beim Blick auf die Natur des Menschen unterscheidet er zwei grundlegende Strömungen, mit der Moralität des Menschen umzugehen. Die eine, die Fassadentheorie, sieht den Menschen als von Natur böse und Moral als kulturelles Konstrukt, das zu wählen dem Menschen möglich ist. Auf der anderen Seite steht die evolutive Ethik, welche Moralität als Ergebnis einer Entwicklung vom Sozialverhalten der Tiere hin zu einer menschlich immanenten Wesenseigenschaft sieht.

Mit Beispielen aus seiner Primatenforschung zeigt Frans de Waal Grundzüge sozialer Interaktion und auch Emotionen wie Empathie bereits bei diesen Tieren vorhanden. Aufgrund dieser Entdeckung schliesst er, dass die menschlichen Anlagen zur Empathiefähigkeit sowie die Bedürfnisse nach Kooperation und Moral nicht kulturelle Fassade, sondern sich in einer evolutionären Kontinuität entwickelte Natur sei.

Bei allen Parallelen zwischen Tieren und Menschen gibt es durchaus Unterschiede, welche sowohl Frans de Waal wie auch die anderen Autoren des Buches thematisieren. Zentral sind dabei sicher die Sprachfähigkeit und kognitive Fähigkeiten, welche beim Menschen weiter ausgebildet sind.

Peter Wright behandelt im Anschluss an de Waals Artikel die Problematik von Anthropomorphismen, Philip Kitcher und Christine M. Korsgaard sehen die menschliche Moralität stärker im kognitiven Bereich (im Gegensatz zum eher emotional gesteuerten Verhalten der Tiere), wozu auch Peter Singer tendiert, welcher aufgrund von Versuchen mit Hirnscans für eine kognitiv rationale Moralität beim Menschen plädiert

Die Wahrheit findet man durch dieses Buch nicht, aber sicher viele Ansätze aus diversen Forschungsrichtungen, die sich gegenseitig in Frage stellen aber auch befruchten. Das Buch zeugt von der gegenseitigen Achtung der Autoren und vermittelt dem Leser damit eine unbeschwerte Sicht auf die grundlegenden emotionalen Verhaltensweisen des menschlichen Tieres. Denn:

Es ist klar, dass Tiere keine Menschen sind, genauso klar ist aber, dass Menschen Tiere sind.

Fazit
Themen wie Mitleid, Empathie und Selbstlosigkeit bei Mensch und Tier werden kontrovers diskutiert. Informative, kurzweilige Lektüre. Absolut lesenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 220 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag 2011
Übersetzung: Hartmut Schickert, Birgit Brandau, Klaus Fritz
Preis: EUR: 12.90 ; CHF 17.90

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Ursula Wolf: Die Philosophie und die Frage nach dem guten Leben

WolfPhilosophie

Ursula Wolf macht sich in diesem Buch auf die Suche nach dem guten Leben und sie startet bei den Anfängen der Griechischen Philosophie, bei Platon und Aristoteles.

Jedes Handeln und Bewirken, jede Art praktischer Betätigung strebt, wie Aristoteles zu Beginn der Nikomachischen Ethik sagt, nach einem Gut. Fragt man, warum jemand etwas strebt, so lautet der Grund häufig, es sei das Mittel zu einem weiter gehenden Ziel. Soll das Streben auf diese Weise nicht ins Unendliche laufen, dann muss es, argumentiert Aristoteles, einen Endpunkt des Wünschens geben, ein höchstes Gut oder Ziel […] es ist die Eudaimonia, das Glück oder gute Leben; nicht einig aber sind sie sich, worin dieses besteht.

Alle wollen es also haben, das gute Leben, keiner weiss, was es wirklich ist. Die Frage nach dem guten Leben ist im alltäglichen Leben selten zu finden und auch die Philosophie hat sie eher stiefmütterlich behandelt. Zentral wird sie, so scheint es, immer dann, wenn die Zeiten schwierig sind.

Nach einer Begriffserklärung und dem Aufzeigen der Unterschiede zwischen Moral (Handeln nach gesellschaftlichen Normen) und Ethik  (Lehre vom richtigen oder guten menschlichen Verfasstsein und Handeln) geht es darum, mit welcher Methode der Frage beizukommen wäre. Danach führt die Reise quer durch die Philosophiegeschichte, fängt bei Platon an, welcher das menschliche Leben als eines im sozialen Kontext sieht, so dass das individuelle Leben immer mit der Verfasstheit der guten Ordnung in der Gesellschaft zusammenhängt. Platon wirft die Frage, was ein gutes Leben ist, zurück auf die Frage, was ein guter Mensch ist. Eine wirkliche Antwort finden wir bei ihm nicht.

Als nächstes folgt Aristoteles mit seiner Spaltung von Ethik und Metaphysik. Bei ihm beleuchtet Wolf die Lehre der dreigeteilten Seele, beleuchtet ethische Tugenden und die Frage nach vollkommener Eudaimonia. Aristoteles unterscheidet zwischen Dingen, die wir in der Hand haben und solchen, die ohne unser Zutun auf uns zukommen.

Der Kunstgriff, mit dem man eine Konzeption eines im ganzen guten menschlichen Lebens finden kann, liegt also darin, auch auf derjenigen Seite des Lebens, wo wir uns nicht aktiv Ziele setzen, sondern auf gegebene Situationen reagieren, zu unterscheiden zwischen dem, was für unser Wollen Nützliches oder Schädliches geschieht, und der Frage, wie wir uns dazu verhalten. Diese Verhaltensweise (hexis) ist immer unser Beitrag […]

Weiter geht es im Text mit Kant und einer Herangehensweise an die Frage nach dem guten Leben.  Es kommen in der Folge Erich Fromm, Karl Jaspers, Martin Heidegger hinzu, um danach nochmals zurückzublenden und einen Streifzug durch die Geschichte der Philosophie in Bezug auf Metaphysik und Metaphysikkritik zu machen. Fazit ist die Erkenntnis,

dass die jeweils grossen philosophischen Theorien jeweils durch eine existentielle Spannung aus demjenigen Lebensbereich motiviert sind, der auch konkret-alltäglich in der jeweiligen Epoche besondere Probleme aufwirft.

Diese Erkenntnis ist nun nicht wirklich neu und auch nicht erstaunlich, sie liegt sogar auf der Hand. Wolf wendet sich daraufhin Nietzsche und seiner Dekonstruktion der Metaphysik zu. Diese führt zur Frage, ob wir uns nicht nur um das individuelle Gute sorgen können, das allgemeine aber ausserhalb unserer Möglichkeiten steht. Wolf plädiert aber für die Streichung der Ideale, um dann doch den intersubjektiven Aspekt der Frage weiter zu verfolgen.

Doch wie man die Frage nach dem Guten auch dreht und wendet, wohin man schaut, findet man nur Herangehensweisen und Annäherungen, nie aber eine Antwort. Wolf konstatiert denn auch:

Wie wir in dem kurzen Gang durch die Philosophiegeschichte gesehen haben, reagieren die metaphysischen Konzeptionen auf die Unerreichbarkeit eines vollkommenen Guten dadurch, dass sie die Frage nach dem guten Leben umbiegen.

Eine Antwort scheint es nicht zu geben, man ist am Ende des Buches versucht, wie Goethes Faust  zu denken:

Da steh ich nun, ich armer Thor,
und binn so klug als wie zuvor.

Ursula Wolf konnte keine Antwort finden, auf die es keine klare Antwort gibt. Trotzdem befriedigt weder die Herangehensweise, die durch die vielen Zeitsprünge und Wechsel sehr unruhig und wenig durchdacht erscheint, noch das Fazit des Buches. Wenn schon so viele Philosophen auf diese Frage hin untersucht werden, wäre eine konzisere Zusammenfassung von deren Meinungen wünschenswert gewesen. Dazu wäre ein chronologischer Aufbau sinnvoller gewesen als dieses Hin und Her in der Zeit.

Fazit
Informativ, wenn auch ohne wirkliche Antwort. Das Fazit des Buches erscheint wenig befriedigend. Trotzdem ist es durchaus lesenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 216 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag 1999
Preis: EUR: 8.50 ; CHF 36.90

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