Oliver Sacks: Drachen, Doppelgänger und Dämonen. Über Menschen mit Halluzinationen

Ich sehe etwas, das du nicht siehst

Wahrnehmungen sind in gewisser Hinsicht teilbar – Sie und ich können uns darauf einigen, dass dort ein Baum steht, aber wenn ich sage: „Ich sehe dort einen Baum“, und Sie erblicken nichts dergleichen, werden Sie meinen „Baum“ für eine Halluzination halten, etwas, was sich mein Gehirn oder Geist ausgedacht hat und was für Sie oder jemand anders nicht wahrnehmbar ist.

Oliver Sacks widmet sein neustes Buch den Halluzinationen. Er  grenzt diese gegen Träumerei und Realität ab und fragt nach der Herkunft dieser Wahrnehmungen, die nicht allen zugänglich sind.

Doch Halluzinationen sind wir passiv und hilflos ausgeliefert: Sie stossen uns zu – selbstherrlich kommen und gehen sie, wann es Ihnen gefällt und nicht, wann es uns gefällt.

Während in einigen Kulturen Halluzinationen ähnlich wie Träume als besondere Bewusstseinszustände gesehen werden und man versucht, sie durch Meditation, andere Techniken oder Drogen herbeizuführen, werden sie in der westlichen Kultur mit Wahnsinn und Verstandesverlust in Verbindung gebracht. Betroffene schämen sich deswegen häufig und verheimlichen, dass sie Halluzinationen haben, weil sie fürchten, verurteilt zu werden.

Nicht zu verachten ist auch der Einfluss von Halluzinationen auf Kunst, Kultur und Religion. An bekannten Beispielen wie Charles Baudelaire, Fréderic Chopin und Aldous Huxley wird der Zusammenhang zwischen Halluzination und künstlerischer Porduktivität aufgezeigt.

Oliver Sacks erzählt in verschiedenen Fallbeispielen unterhaltsam und anschaulich, wie Halluzinationen auftauchen können, was sie für die Betroffenen bedeuten und wie diese damit umgehen. Neben der Darstellung der Symptome kommt auch der wissenschaftliche Hintergrund nicht zu kurz, bleibt aber in einem für den Laien verständlichen Rahmen, ohne zu vereinfacht und dadurch verfälscht zu werden.

Fazit:
Wissenschaft anschaulich und unterhaltsam, trotzdem fundiert und informativ geschrieben. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Oliver Sacks, geboren 1933 in London, ist Neurologe und wurde in der Öffentlichkeit vor allem als Sachbuchautor bekannt. Seine Bücher Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte oder Der Tag, an dem mein Bein fortging erreichten ein Millionenpublikum. Über seine Forschung zur Schlafkrankheit, die er in dem Buch Zeit des Erwachens schildert, wurde der gleichnamige Hollywoodfilm mit Robin Williams und Robert de Niro gedreht. Sacks lebt in New York und schreibt regelmäßig für Zeitschriften wie Time Magazine und New Yorker.

sacksdrachenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (8. März 2013)
Übersetzung: Hainer Kober
Preis: EUR 22.95 ; CHF 35.90

Erhältlich in Ihrer Buchhandlung oder online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

1 Comment

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  1. Ja, Oliver Sacks ist in der Tat immer eine LeseReise wert … Insofern danke ich dir für den Lesetipp. Zumal mir gerade das ‚halluzigene Kapitel a la W.S. Burroughs hochaktuell und sehr informativ erscheint. Ich durfte in meiner journalistischen Zeit des öfteren über Sacks recherchieren und publizieren (hochinteressant z.B. das von ihm als einer der ersten beschriebene Phänomen der so genannten ‚idiots savants‘ …)

    Zum Thema ‚Wahrnehmung‘ und ‚Blindheit‘ der unterkühlt-rationalen Arroganz unserer okzidentalen ‚Aufklärung‘ sei noch mal an eine schöne & bezeichnende Anekdote erinnert …

    Als eben deren ‚Vertreter‘ sich im 15. & 16.Jh. erstmalig dem südamerikanischen Kontinent näherten (mit unendlichem Leid, Tod & Epidemien im Gepäck – gleich neben Pandoras Büchse, natürlich die ‚Glasperlen‘ (leider ein hesslicher Vergleich …), soll – so wurde es später von einigen Spaniern und Missionaren kolportiert – der berühmte (mit Sicherheit auch ‚rauchende oder Pilz verspeisende‘ 😉 ) Schamane eines indigenen Stammes inne gehalten und auf die am Horizont auftauchende Armada gewiesen haben …
    Schreckensbleich und alarmiert wandte er sich an seine Stammesmitglieder …
    Diese schauten angestrengt aufs Meer hinaus und sahen …
    … Nichts …
    Dergleichen existierte schlichtweg nicht in ihrer Welt …
    Jede Fledermaus ’sieht‘ dank der Ultraschall-Echolotung eine wesentlich komplexere Welt als wir … jede Taube orientiert sich im & am Magnetfeld der Erde und damit anhand einer inneren Landkarte, deren ‚graduelle Vernetzung engmaschiger‘ ist, als wir es uns vorstellen können …
    Wir ‚konstruieren‘ unser Bild von der Welt mittels unserer Sinne und Erfahrungen, unser Hirn ist von Anfang an darauf ‚programmiert‘, unser Überleben – so gut wie möglich – zu garantieren, inklusive des nicht ins Bewusstsein dringenden …
    So wissen wir bspw., dass die Welt nicht ‚farbig‘ ist, ‚wir‘ – d.h. unser Hirn – ordnet den unterschiedlichen Wellenlängen, die auf unsere Netzhaut treffen, erst ‚ihre‘ Farben zu …
    … Doch, wer wollte ‚ernsthaft‘ schon auf diese WunderSchönen ‚Illusionen‘ bspw. eines Regenbogens verzichten wollen …?!
    LG
    Mathias

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