Kleine Poesie: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen


Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
(Rainer Maria Rilke: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen)

Rainer Maria Rilke: Was mich bewegt

Nach meinem kürzlichen Text zum Thema Geduld möchte ich hier die wunderbaren Worte von Rilke nachreichen Geduld. Wer könnte sich schöner und tiefer ausdrücken, als der grosse Meister:

Man muss den Dingen
Die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann; alles ist austragen –
und dann
Gebären…
Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit …
Man muss Geduld haben,
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages in die Antwort hinein.

Weltenwunsch

Ich bin nicht sehr gross,
gefühlt sogar klein,
ich bin nicht perfekt,
ich kann es nicht sein.
Ich tu, was ich kann,
das reicht manchmal nicht,
ich täte gern mehr,
fühl mich in der Pflicht.
Ich wär gern perfekt.
und wär’s nur für dich,
ich wär gern die Welt,
die du bist für mich.
©Sandra Matteotti

Lyrische Helfer: Theodor Fontane – Lass ab von diesem Zweifeln

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Lass ab von diesem Zweifeln
Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,
Vor dem das Beste selbst zerfällt,
Und wahre dir den vollen Glauben
An diese Welt trotz dieser Welt.

Schau hin auf eines Weibes Züge,
Das lächelnd auf den Säugling blickt,
Und fühl’s: es ist nicht alles Lüge,
Was uns das Leben bringt und schickt.

Und, Herze, willst du ganz genesen,
Sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
Ist nur der eigne Wiederschein.
(1895)
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Projekt „Lyrische Helfer“  – Weil es für jede Lebenslage ein Gedicht gibt. Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man zweifelt

Lächeln

Lächeln
Mein Grundbedürfnis geht nach Liebe.
Ich wünschte sehr, daß man mich liebt
Und daß mein Lächeln leben bliebe,
Wenn es mich einmal nicht mehr gibt.

Das Höchste, was man hat, ist Bindung
Durch Liebe. Ich ertrage nicht
Die mir verweigerte Empfindung.
Ich öffne allen mein Gesicht

Mit einem Lächeln. Magisch scheinen
In mich die anderen hinein.
Und ich kann sie in mir vereinen,
Und sie vervielfachen mein Sein.
Eva Strittmatter

Wenn ich Bus oder Zug fahre, fallen mir immer wieder die vielen unzufriedenen Gesichter auf. Mit starrem Blick und runtergezogenen Mundwinkeln starren sie entweder in die Luft oder aber auf den Bildschirm eines Handys. Es werden selten Blicke getauscht, geschweige denn kommen Menschen ins Gespräch. Und: Kaum ein Lächeln zeigt sich. Eigentlich traurig, denn ein Lächeln kann so viel bewirken. Bei sich und bei anderen.

Lächle einen Menschen an und er fühlt sich wahrgenommen, auf eine positive Weise. Stell dir nur mal vor, wie dich jemand anlächelt. Kommt nicht gleich ein warmes Gefühl ums Herz auf? Und spüre mal in dein Gesicht, hat sich dein Mund nicht auch gleich zu einem Lächeln bewegt nur schon beim Gedanken an ein Lächeln?

Ein Lächeln kann die Welt eines Menschen für einen Moment erhellen – und oft bleibt es dann weiter hell. Lächeln bringt Liebe ins Leben. Liebe, die wir alle so sehr brauchen. Wieso nicht einfach den Menschen um uns ein Lächeln schenken? Und wieso nicht mal in den Spiegel schauen und uns selber anlächeln? Gerade dann, wenn uns vielleicht nicht so sehr zum lachen zumute ist?

dunkles im licht

des nachts in den strassen
im dunkel ein licht
aus fenstern geschienen
das dunkel durchbricht

ein jedes ein leben
geschichte für sich
doch keines der fenster
steht für sich allein

sie bilden hoch reihen
und bilden sie quer
und jedes der fenster
gebiert eine Welt

ein jedes allein
verwoben im netz
in reih und in glied
scheint jedes am platz

vermeintlich selbst ganz
und doch nur ein teil
vermeintlich selbst ganz
und doch schlicht allein

©Sandra Matteotti

Lebenselixir

Du bist mir Farbe,
bist mir Licht,
du bist mir Ton
und ein Gedicht.

Du bist die Kunst,
die Lieben heisst,
du bist mir Sinn,
der Leben bringt.

Ich lach mit dir,
ich wein mit dir,
ich bin mit dir,
so wer ich bin.

Wenn Liebe
einen Namen hätt’,
so hiesse sie
wie du.

Wenn Fühlen
sich in Formen göss’,
ergäbe sie
dein Bild.

Wenn Spüren
dann in Noten flöss’,
es wäre ein
Gesang.

Es bleibt bei mir
die Dankbarkeit
für das was ist
und das was bleibt.

Ich liebe dich,
ich brauche dich,
sonst fehlte schlicht:
der Sinn.

©Sandra Matteotti

Seelenherbst

Blätter fallen,
fallen leise,
rieseln sanft
dem Boden zu.

Lassen leere,
starre Äste,
nackt und kahl
zum Himmel stehn.

Dunkle Töne,
Nebelschwaden,
alles hüllt sich
langsam ein.

Was mal war,
rückt in die Ferne,
was mal licht,
löscht langsam aus.

Töne werden
leiser und
die Farben
blassen aus.

Was ich sehe,
prägt mein Fühlen,
was ich fühle,
prägt mein Sein.

Sitze hier und
seh das Dunkel,
leg mich hin und
deck mich zu.

Wie oft suchte ich
im Aussen,
wie oft hoffte ich
auf Glück?

Bin mir selbst nun
Hort der Wärme,
bin mir selbst
mein eignes Licht.

©Sandra Matteotti

Lebensritt

Bin kein Engel,
und kein Teufel,
bin schlicht ich,
ein Sammelstück.

Häufe an,
was sich so findet
an Gedanken,
an Gefühl.

Lasse raus,
auch ungehindert,
denke nach,
oft viel zu viel.

Bin ein Buch
mit sieben Sigeln,
liege auch mal
offen da.

Bin ganz ernst und
auch oft lustig
bin mal hart und
doch zu weich.

Manchmal Kuh und
manchmal Ziege,
manchmal Huhn
und auch verrückt.

Bin mal Bettler
und mal König,
singe laut und
schweige still.

Und bei all dem
hoff ich innig,
dass ein jemand
teilt den Ritt.

©Sandra Matteotti

Luftleer

Steh am Rand und blick hinunter
in den Abgrund der Gefühle,
über Klippen ohne Brücken,
über Hänge, schroff und steil.

Suche Weite und verliere
mich alsbald in ihrer Ferne,
durch die Lüfte ohne Boden,
in dem öd und leeren Einerlei.

Steh am Abgrund und ich fühle
wie die Leere aus dem Aussen
in mich eindringt, dann ausfüllend
mich so ganz und gar verschlingt.

Stürze runter und im Fallen
seh ich alles nochmals ziehen,
sehe Schönes, sehe Leiden,
und versöhne mich mit ihm.

©Sandra Matteotti