Trotzdem

Bis hier und nun weiter,
geh’n wir nach aussen
fröhlich und heiter,
tief drinnen verstummt.

Bis hier und nun weiter,
heisst es von allen.
die nichts weiter wissen,
als nutzlosen Rat.

Bis hier und nicht weiter,
denke ich oft und
plane den Ausstieg,
den’s für mich nicht gibt.

Bis hier und nun weiter,
denn weiter geht’s immer,
sagen sie alle
und wissen von nichts.

Bis hier und NICHT weiter,
das sage ich ihnen,
und bin ganz entschlossen!
– und gehe dann doch.

@Sandra Matteotti

 

Karl-Isidor Beck: Sie sagen: Es wäre Liebe!

Ich kann die Sprache der Sterne,
Die Sprache der Rosen verstehn,
Ich habe mein Täubchen so gerne,
Ich weiss nicht, wie mir geschehn?
Was mir aus jedem Wölkchen lacht,
Zu schön, als dass ichs beschriebe –
Was mich so froh, so selig macht,
Sie sagen: es wäre die Liebe!

Ein einfaches kleines Gedicht, das die Dinge aus dem inneren Gefühl, das es beschreibt, heraus verklärt. Die Sterne sprechen, die Rose ebenfalls und man versteht sie.

Die Taube ist bekannt als Symbol für den heiligen Geist, steht aber auch für Liebe, Treue, Unschuld – hier ist damit wohl die Geliebte gemeint. Er liebt sie so sehr, dass er nicht mehr weiss, wo ihm der Kopf steht, wie ihm geschieht – er ist quasi von Sinnen.

Wolken, die sonst eher Unheil und Dunkles bedeuten, werden zu Wölkchen und es lacht aus ihnen – so schön gar, dass er keine Worte findet dafür. Er ist es denn auch nicht selber, der weiss, was das alles zu bedeuten hat, die anderen müssen es ihm sagen.

Sie sagen: es wäre die Liebe!

Allerdings kann er das wohl nicht ganz glauben, denn er benutzt den Konjunktiv II. Wäre er überzeugt, stünde „es ist“; „es sei“ wäre aufgrund indirekter Rede noch möglich, aber Konjunktiv II bringt ein Element des Unglaubens, des nicht Fassbaren mit sich. Es scheint also, der hier Sprechende versteht die Sprache von allem um sich, alles ist schön und wunderbar, nur ihm selber hat es die Sprache verschlagen. So konnte das Gedicht natürlich nicht länger werden.

Auch wenn es vielleicht nicht das tiefgründigste Gedicht ist, so erinnert es doch an schöne Gefühle. Wer kennt es nicht: Frisch verliebt erscheint die Welt heller, man ist den Dingen und Menschen zugetan, liebt alles und jeden und fühlt sich ebenso geliebt. Man lacht in die Welt und sie lacht zurück, was noch zuträgt zum Glück.

Wieso nicht einfach so mal in die Welt lachen, die Dinge annehmen, wie sie sind, sich an ihnen freuen? Man stelle sich bloss den Bus zur Arbeit am Morgen vor, wenn alle fröhlich lächelnd ins Gespräch vertieft wären? Käme da nicht ein gutes Gefühl auf? Und ja, vielleicht würde man sich neu verlieben: ins Leben.

Die Zeit

Es ist wieder mal Zeit für die abc.etüden, wir sind schon bei Woche 21, ich freue mich, wieder dabei zu sein – von mir wieder ein Gedicht:

Die Zeit
Wir lassen sie fliegen,
in alle Winde,
Schirme der Pusteblume.

Wir teilen sie auf
scheibenweise
mit dem Käsehobel.

Wir versteigern, verschenken,
verschwenden sie,
als ob sie unendlich wäre.

Dann klagen wir,
dass sie zerränne
fliessend durchs Sandglas.

©Sandra Matteotti

______________________

2017_21-17_3_dreiFür die abc.etüden, Woche 21.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von von Andrea aus Bremen und lauten: Pusteblume, Käsehobel, versteigern.

Der Ursprungspost: HIER

 

Lebenskreis

meeres
rauschen im ohr
blut im kreis
lauf des menschen
der vorwärts geht
über sich hinaus
wächst
und tief drin
kind bleibt

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Für die abc.etüden, Woche 19.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Jaecki Lindenau aus Berlin und lauten: Meer, Mensch, Kind.

Der Ursprungspost: HIER

Erich Fried: Heimweg von Delphi

Das Gedicht musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Warngedichte“

Im vorliegenden Gedicht haben wir ein lyrisches Ich, das seine Grösse daran erkennt, dass es die eigene Kleinheit sieht, seine Stärke daran, dass es sich die eigene Schwäche einsieht. Seine Klugheit aber zeigt sich daran, zu vergessen, dass es eben klein, schwach, dumm und vergesslich ist. Aufgrund seiner Ratio, seiner Vernunft neigt das lyrische Ich zu einer Selbstüberschätzung, die das Ich blind werden lässt gegenüber den eigenen Schwächen und Fehlern.

Der Titel weist auf das Orakel von Delphi hin. Die Inschrift am Apollotempel von Delphi lautet „Erkenne dich selbst“ (griech.: gnothi seauton, Γνῶθι σεαυτόν). Ursprünglich gemeint war damit, dass der Mensch seine eigene Begrenztheit erkennen solle (im Gegensatz zu den Göttern). Ziel dieser Erkenntnis sollte sein, nicht zu Selbstüberschätzung zu neigen, sondern bescheiden zu bleiben. Die Forderung zur Selbsterkenntnis wurde von verschiedenen Philosophen aufgenommen. Während die Philosophen vor Platon eher zur Bescheidenheit und zum Akzeptieren des eigenen Platzes in der Welt rieten, sah Platon nur noch den Körper als beschränkt, in ihm aber eine unsterbliche, gottähnliche Seele wohnend.

Das Orakel von Delphi hatte einst Sokrates als weisesten Mann Athens bezeichnet, was dieser nicht verstehen konnte und sich auf die Suche nach jemandem machte, der weiser als er selber wäre – er fand keinen. Im Zusammenhang damit entstand das wohl bekannteste Diktum von Sokrates, dass er wisse, was er nicht wisse. Da er immerhin dieses wisse, könne er vielleicht doch als weiser Mann gelten, so seine Schlussfolgerung – wir kennen sie nur aus Platons Überlieferungen.[1]

Erich Fried hat sich in verschiedenen Gedichten und Texten mit Sokrates beschäftigt. Dabei fällt immer wieder seine Skepsis gegenüber der Vernunft auf. Fried spricht ihr die Fähigkeit ab, die wirkliche, „letzte Wahrheit“ über das Sein zu erkennen. Das zeigt sich auch in diesem Gedicht deutlich: Während die erste Strophe die eigentliche Selbsterkenntnis zeigt, wie sie das Orakel von Delphi mit seinem „Erkenne dich selbst“ fordert, kehrt das lyrische Ich zurück zu seinem Verstand und verschliesst sich gegenüber jeglicher Selbsterkenntnis.

Frieds Aussage: Wir, die wir uns für so klug halten, sehen eigentlich das Wesentliche nicht. Wir verschliessen unsere Augen vor der wirklichen Wahrheit, indem wir uns aufgrund unserer Ration eine zurechtbasteln. Analytisch, kompromisslos, deutlich – ein echter Fried halt!

___

[1] Platon: Apologie des Sokrates (21d): Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas Tüchtiges oder Sonderliches wissen; allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.

Leonard Cohen: I’m Your Man

Wenn zwei sich finden, wünschen sie sich, dass es klappt. Und sie wären zu vielem bereit, je das Ihre zu tun, dass es klappt. Welche Frau wünscht sich nicht ab und an den Mann, der einfach da wäre? Und ja, Frauen sind nicht ganz einfach, manchmal wechseln die Wünsche schneller, als Mann auf drei zählt. Wie schön wäre es, würde der Mann einfach immer dastehen und sagen:

Ich bin dein Mann!

Heute ist ihr nach Zärtlichkeit, morgen will sie Pferde stehlen, übermorgen einfach mal in den Arm genommen werden. Und immer steht er da und sagt:

Ich bin dein Mann!

Er schafft es wohl nicht immer, es ist auch nicht einfach. Gewisse Wünsche sind nicht nachvollziehbar, einige nie ausgesprochen. Ab und an wird es schwer und vielleicht bricht alles auseinander. Doch: Er möchte es sein. Möchte es bleiben. Und er setzt sich ein. Geht gar auf die Knie und sagt:

Ich bin dein Mann!

Klar, es ist ein gar idyllisches Bild und man könnte sagen: He, Mann, steh mal denselben und steh hin! Sag auch, was du willst! Und zur Frau: Sei nicht nur Prinzessin, was bietest du? Aber doch… so ganz tief drin im Herzen, wünscht man sich diese unbedingte und bedingungslose Liebe, diesen Partner, der einfach da ist, egal, was einen grad reitet.

Liebe ist, wenn einem das Glück des anderen mehr am Herzen liegt als das eigene. Wenn das eigene Glück wächst, wenn der andere glücklich ist. Das sollte natürlich auf beiden Seiten so sein. Aber… bei aller Emanzipation und allem Streben nach Gleichheit, ein paar romantische Ideen haben sich gehalten. Sie sitzen tief und sie wärmen das Herz. Die holde Prinzessin, die auf den tapferen Ritter in der goldenen Rüstung auf dem Schimmel wartet ist ein Bild, das irgendwo in romantischen Seelen festsitzt. Und dem wird das Lied gerecht. Er kommt, der Ritter, und sagt:

Ich bin dein Mann!

Leonard Cohen: I’m your man
If you want a lover, i’ll do anything you ask me to.

And if you want another kind of love, i’ll wear a mask for you.

If you want a partner, take my hand, or
If you want to strike me down in anger
Here I stand
I’m your man

If you want a boxer
I will step into the ring for you
And if you want a doctor
I’ll examine every inch of you
If you want a driver, climb inside
Or if you want to take me for a ride
You know you can
I’m your man

Ah, the moon’s too bright
The chain’s too tight
The beast won’t go to sleep
I’ve been running through
These promises to you
That I made and I could not keep

Ah, but a man never got a woman back
Not by begging on his knees
Or I’d crawl to you baby
And I’d fall at your feet
And I’d howl at your beauty
Like a dog in heat
And I’d claw at your heart
And I’d tear at your sheet
I’d say please, please
I’m your man

And if you’ve got to sleep a moment on the road
I will steer for you
And if you want to work the street alone
I’ll disappear for you
If you want a father for your child
Or only want to walk with me a while
Across the sand
I’m your man
If you want a lover
I’ll do anything that you ask me to
And if you want another kind of love, I’ll wear a mask for you.

Meine Übersetzung

Wenn du einen Liebhaber willst, werde ich alles tun, worum du mich bittest.

Und wenn du eine andere Art der Liebe willst, werde ich eine Maske für dich tragen.

Wenn du einen Partner willst, nimm meine Hand, oder
wenn du mich niederschlagen willst im Zorn
stehe ich da
Ich bin dein Mann

Wenn du einen Boxer willst
werde ich für dich in den Ring steigen
und wenn du einen Arzt willst
untersuche ich jeden Centimeter von dir
Wenn du einen Fahrer willst, steiug ein
oder wenn du mich mitnehmen willst
weißt du, du kannst
Ich bin dein Mann

Oh, der Mond ist zu hell
die Ketten sind zu eng
der Dämon wird nicht schlafen gehen
Ich bin immer wieder hindurch gegangen
durch diese Versprechen an dich
die ich gemacht habe und nicht halten konnte

Oh, aber ein Mann kriegte nie eine Frau zurück
wenn er nicht auf Knien bat
Oder ich würde zu dir kriechen Baby
und mich dir zu Füssen legen
Ich würde deine Schönheit anheulen
wie ein räudiger Hund
Und ich würde nach deinem Herz greifen
und würde in dein Laken winen
Ich würde dich bitten, bitten
Ich bin dein Mann

Und wenn du auf deinem Weg einen Moment schläfst
würde ich für dich steuern
und wenn du den Weg alleine gehen willst
würde ich für dich verschwinden
und wenn du für deine Kinder einen Vater möchtest
oder auch nur eine Weile mit mir gehen möchtest
durch den Sand
Ich bin dein Mann
Wenn du einen Liebhaber willst
Ich würde alles für dich tun, worum du mich bittest
Und wenn du eine andere Art der Liebe möchtest, würde ich für dich eine Maske tragen.

Theodor Fontane: Rückblick

Es geht zu End’, und ich blicke zurück.
Wie war mein Leben? wie war mein Glück?

Ich saß und machte meine Schuh’;
Unter Lob und Tadel sah man mir zu.

„Du dichtest, das ist das Wichtigste…“
„‚Du dichtest, das ist das Nichtigste.‘“

„Wenn Dichtung uns nicht zum Himmel trüge…“
„‚Phantastereien, Unsinn, Lüge.‘“

„Göttlicher Funke, Prometheusfeuer…“
„‚Zirpende Grille, leere Scheuer.‘“

Von hundert geliebt, von tausend mißacht’t,
So hab’ ich meine Tage verbracht.

1895 schreibt Theodor Fontane dieses Gedicht. Er blickt auf 76 Jahre zurück, davon 46 Jahre als Schriftsteller. 1849 hatte er beschlossen, den Apothekerberuf aufzugeben, um ganz als freier Schriftsteller zu leben. Es waren nicht nur einfache Jahre, vor allem am Anfang waren er und seine Familie von finanziellen Sorgen geplagt. Manch einer wird ihm wohl gesagt haben, er hätte den falschen Schritt gewagt, manch einer sein Schreiben belächelt haben – und auch er selber zweifelte ab und an, meinte gar, nicht wirklich schreiben zu können. Zum Glück hat er nicht auf die anderen und eigenen Stimmen gehört.

1892 erkrankte Fontane an einer Gehirnischämie, worauf ihm der Arzt riet, seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben. Auch entstanden in der Zeit einige seiner wundervollsten Werke, wie zum Beispiel Effi Briest, sowie auch die autobiografische Schrift Von Zwanzig bis Dreissig. Die Beschäftigung mit seiner Vergangenheit war also in diesen Jahren Programm.

So schaut das lyrische Ich also zurück, zieht quasi Bilanz. Es fragt nach seinem Leben, nach seinem Glück. Es sieht, wie es – ganz Schuster, der bei seinen Leisten blieb – tat, was ihm gegeben war. Es sieht auf die anderen, welche über es urteilten, mal positiv, mal negativ. Auch den Stellenwert der Dichtung bezieht es mit ein in seinen Rückblick: für die einen wichtig, für die anderen Unsinn. Und so kommt es zum Schluss, dass es wohl von weniger Menschen geliebt wurde als missachtet. Und doch: Wenn wir an den Anfang zurück gehen, sehen wir es: Da fragt das Ich nach dem Leben und nach dem Glück – es muss also ein solches gewesen sein.

Es gibt im Leben immer andere, die sich herausnehmen, sich ein Urteil zu bilden und dieses als alleinige Wahrheit zu verkaufen. Da steht man dann und sieht sich auf sich selber zurückgeworfen, hinterfragt das eigene Tun, Zweifel kommen auf. Man es den anderen recht machen, nur: Wenn man das tut, kommen wieder andere, die wieder andere Wahrheiten verkünden. Allen wird man nie gerecht.

Es ist wohl richtig und wichtig, sich zu hinterfragen. Schlussendlich kann man nur seinen Weg gehen. Es gibt Menschen, die begleiten einen, andere ziehen weiter. Das ist das Leben. Und: Man stelle sich vor, Theodor Fontane hätte auf die kritischen und abwertenden Stimmen gehört und das Schreiben eingestellt. Nie hätten wir mit Effi Briest mitgelitten, nie seine Gedichte zu Gesicht bekommen. Auch dieses hier nicht.

Johannes Bobrowski: Gesammelte Gedichte (Rezension)

Poesie als sinnliche Rede

Zum Inhalt

Letzter Winter
Des Tages ist die Sonne und
nachts der Mond
über den Bergen.
Doch das Herz ist ertrunken
lang in den blauen Schatten
des Tals.

Am 9. April 2017 wäre Johannes Bobrowski 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass hat die DVA seine Gedichte neu in einem Band verlegt. Der Band besteht aus drei Teilen:

  • Die Gedichte: Sämtliche Gedichte, die Bobrowski selber herausgegeben oder für den Druck bestimmt hat
  • Gedichte aus dem Nachlass
  • Anhang

BobrowskiGesammelteGedichteDie Gedichte umfassen den Gedichtband Sarmatische Zeit (1961), Schattenlandströme (1962), und Wetterzeichen (leider nicht mehr zu Lebzeiten publiziert, aber für die Publikation vorbereitet). Diese drei Gedichtbände stellen Bobrowskis Hauptwerk dar. Daneben existieren vereinzelte Gedichte, die an unterschiedlichen Orten publiziert, aber zu keiner Sammlung vereinigt worden waren.

Teil 2 des vorliegenden Bandes umfasst die Gedichte aus dem Nachlass. Darin enthalten sind Gedichte aus den Jahren 1935 – 1965. An ihnen lässt sich auch gut die Entwicklung Bobrowskis als Lyriker ablesen.

Den Abschluss macht ein umfangreicher Anhang, der einerseits ein Nachwort von Helmut Böttinger (Literaturkritiker) enthält, des Weiteren editorische Nachbemerkungen, Bobrowskis Lebensdaten sowie ein alphabetisches Gesamtverzeichnis.

Bobrowskis Lyrik
Bobrowski bezeichnete Poesie einst als „vollkommen sinnliche Rede“. Dichtung solle dabei nicht anheimeln, sie solle die Zeit zeigen, wie sie ist, nicht verschönernd, sondern mit all ihren Dissonanzen, Unruhen und Spannungen. Er selber verwirklichte das oft mit Stilmitteln wie der Inversion und des Enjambements. Beide durchbrechen den normalen Fluss der Sprache, setzen Akzente und bauen Spannungen auf. Beide können sie Dissonanzen verstärken und Disharmonie herstellen – das, was Bobrowski auch in der Welt sah und ausdrücken wollte.

Die Enjambements tragen also den Inhalt in die Form und verstärken ihn so. Indem das Enjambement die Versgrenze überschreitet, widerspricht es dem eigentlichen Sprachgefühl und hat so eine akzentuierende Funktion im Gedicht. Dasselbe gilt für die Inversion, bei welcher das Subjekt an den Schluss gestellt wird, Prädikat und Adjektiv ihre angestammten Plätze in der Syntax verlassen, so dass sich eine Spannung hin zum Subjekt aufbaut.

Trotz dieser Stilmittel sind Bobrowskis Gedichte oft in alten Gedichtformen verhaftet. Er legte grossen Wert auf Versmass und Metrum, es findet sich auch die klassische Ode in seinen Werken und Gedichte, die sich ganz offensichtlich an den alten Meistern orientieren. Trotzdem bewegt er sich inhaltlich in der Gegenwart.

Thema seiner Lyrik sind oft die Landschaften und Siedlungen Osteuropas, sind die Zeit und ihre Wunden durch den Krieg. Bobrowski war wies auf die Geschichichte und war dabei immer auch politisch. Er spielte eine einzigartige Rolle als Vermittler zwischen Ost und West, indem er auf eine Weise schrieb, die für den Osten eigentlich fast nicht denkbar schien.

In den Gedichten aus dem Nachlass finden sich aber auch leisere Töne. Gedichte über Blumen, die seine Sinnesschärfe und Beobachtungsgabe zeigen, die trotz leiser Töne auch ab und an kritische Zwischentöne mitklingen lassen, ohne dabei das schöne Bild zu stören.

Fazit:
Ein wunderbares Buch eines grossartigen Lyrikers. Laute und leise Töne, alte Formen und neue Inhalte, Poesie, die durchdringt, in der Form und Inhalt Hand in Hand gehen. Sehr empfehlenswert.

Autor
Johannes Bobrowski wurde am 9. April 1917 in Tilsit geboren. Ab 1949, nach der Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, lebte er in Ostberlin, wo er als Lektor arbeitete. 1961 publizierte er seinen ersten Lyrikband „Sarmatische Zeit“, der wie auch seine folgenden Bücher parallel in Ost- und Westdeutschland erschien. 1962 wurde ihm der Preis der Gruppe 47 verliehen, 1965 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis für den Roman „Levins Mühle“. 1965 starb der Dichter in Ostberlin. Seine Texte sind in über 35 Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 752 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (13. März 2017)
ISBN-Nr: 978-3421047625
Preis: EUR 34.99/ CHF 48.90
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