Eva von Redecker: Bleibefreiheit

Inhalt

«Unser gängiger Freiheitsbegriff ist untauglich für das Anthropozän.»

Was, wenn Freiheit nicht mehr als Bewegungsfreiheit räumlich, sondern als örtliches Bleiben zeitlich gedacht würde? Wie muss diese Zeit gefasst und gefüllt, wie erfüllt sein, damit sie die Freiheit erlebbar macht, sie überhaupt gewährt? Was, wenn wir das Leben nicht mehr vom Tod her denken, sondern von der Geburt? Wenn in jeder Geburt ein neuer Anfang und damit eine Freiheit des sich neu Erschaffens läge? Wenn wir immer wieder neu geboren und damit frei in der eigenen Gestaltung wären? Das sind die Fragen, denen Eva von Redecker in diesem Buch nachgeht.

Gedanken zum Buch

«So wie Bleibefreiheit das Abzugsrecht voraussetzt, ist Bewegungsfreiheit auch nur Freiheit, wo das Bleiben möglich wäre.»

In einer Zeit, in der die Menschen dazu aufgerufen sind, das von ihnen verursachte Übel auf der Welt wieder in den Griff zu kriegen, in einer Zeit, in welcher die Natur an ihre Grenzen stösst und der Mensch die massgebliche Ursache dafür ist, muss Freiheit umgedacht werden. Freiheit kann nicht mehr bedeuten, alles tun und wohin man will gehen zu können, sondern dafür zu sorgen, dass ein Bleiben möglich bleibt.

«Bleiben-Können ist weitaus voraussetzungsreicher. Es erfordert die Wahrung der bewohnbaren Welt.»

Was, wenn langsam die Arten sterben, das Klima sich in einer Weise entwickelt, die dem menschlichen Leben nicht mehr entspricht? Was passiert, wenn die Schwalben nicht mehr kommen und die Gezeiten sich langsam verabschieden, die doch das Leben ausmachen? Diese und andere Fragen nimmt Eva von Redecker zum Ausgangspunkt ihrers Essays über die Bleibefreiheit, die eine Freiheit ist, die sich in der Zeit zeigt, nicht im Ort. Sie beleuchtet, wieso wir nicht den Mars bewohnen wollen sondern die Erde bewahren sollen. Sie zeigt auf, was das ökologisch bedeutet, indem sie auf die Lebenskreisläufe des Ökosystems verweist.

«Wir können unsere Zeit mit anderem Lebendigem teilen, ohne sie zu verlieren… Bleibefreiheit wächst mit der Fülle der Gezeiten. In einer Zeit der Fülle haben wir grössere Freiheit.»

Aus der Fülle können wir schöpfen, quasi aus dem Vollen. Virginia Woolf sagte, sie wolle das Leben immer voller machen. Voll ist das Leben, wenn es erfüllt ist, voll mit dem, in was wir aufgehen, uns vergessen, uns leicht fühlen. Indem wir in diesem Erfüllt-Sein sind, haben wir nicht das Gefühl, etwas zu verpassen, wir vermissen nichts und damit keine Freiheit, etwas anderes tun oder woanders sein zu wollen. In dem Moment an dem Ort sind wir frei. Doch können wir nur dableiben, wenn wir die Erde so behandeln, dass sie uns diese Bleibefreiheit gewährt. Das ist die Aufgabe des Menschen im Anthropozän, er ist der Schöpfer seiner Freiheit in der Zeit, seiner Bleibefreiheit.

Das Buch weist keine stringente Argumentationskette auf. Es ist mehr eine Aneinanderreihung von Gedanken, die sich oft aus persönlichen Begegnungen und Erfahrungen speisen. Es ist ein Sammelsurium an Gedankengängen und Ausflügen, denen keine klare Handlungsanleitung oder konkrete praktische Relevanz folgt, auch eine klare Antwort sucht man vergebens. Es ist mehr ein Mitnehmen auf eine Gedankenreise, ein Eintauchen in eine neue Form des Denkens von Freiheit, und damit ist es sehr inspirierend.

Fazit
Ein Buch, das dazu anregt, die ausgetretenen Pfade unseres Freiheitsdenkens zu verlassen und mit Blick auf die aktuelle Wirklichkeit unserer Zeit eine neue Art der Freiheit zu denken – eine in der Zeit.

Zur Autorin
Eva von Redecker, geboren 1982, ist Philosophin und freie Autorin. Von 2009 bis 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität und als Gastwissenschaftlerin an der Cambridge University sowie der New School for Social Research in New York tätig. 2020/2021 hatte sie ein Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiatium an der Universität von Verona inne, wo sie zur Geschichte des Eigentums forschte. Eva von Redecker beschäftigt sich mit Kritischer Theorie, Feminismus und Kapitalismuskritik, schreibt Beiträge für u.a. »Die ZEIT« und ist regelmäßig in Rundfunk- und TV-Interviews zu hören. Seit Herbst 2022 richtet sie am Schauspiel Köln die philosophische Gesprächsreihe »Eva and the Apple« aus. Bei S. FISCHER erschien zuletzt ihr Buch »Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen« (2020) sowie ein Vorwort zur Jubiläumsausgabe der »Dialektik der Aufklärung«. Aufgewachsen auf einem Biohof, lebt sie heute im ländlichen Brandenburg.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ S. FISCHER; 1. Edition (24. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 160 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3103974997

Bücherwelten: Mutter

Man soll sie lieben, achten, Respekt haben. Eine zu sein, bedeutet Liebe, Fürsorge, (Selbst-?)Aufgabe. Kaum ein Begriff, eine Rolle ist so befrachtet mit Ansprüchen, Zuschreibungen und Erwartungen wie die Mutter. Sie wird verklärt und verflucht, sie ist an allem schuld und für vieles verantwortlich. Man könnte meinen, wenn man so viel drüber weiss oder zumindest «geregelt» hat, sei alles klar und einfach, doch wie so oft in diesen Fällen fangen genau da die Probleme an: Was, wenn man diese Punkte nicht erfüllt? Was, wenn man einfach nicht fühlt, was man fühlen soll? Was, wenn diese engste aller Beziehungen einfach nicht entsteht? Oder aber irgendwann verloren geht?

Fragen über Fragen und ein Thema, über das es sicher viel nachzudenken gäbe. Die folgenden vier Bücher haben alle in einer Form mit dem Thema „Mutter“ zu tun:

Bonnie Garmus schreibt über eine Frau, der nichts ferner lag, als Mutter zu werden, die diese Rolle dann aber alleinerziehend mit Tatkraft und selbstbestimmt auf ihre persönliche Weise ausfüllt. 

Anneleen Van Offel schreibt von einem Band der Liebe, das durch Distanz zerrissen wurde, und dessen sich die Mutter nach dem Tod des Sohnes wieder versichern will.

Thommie Bayer erzählt von einem Sohn, der sich seiner Rolle im Leben der Mutter gewahr wird und in diesem Bewusstwerden auch die Mutter für sich besser kennenlernt. 

David Rieff wollte über das Sterben seiner Mutter schreiben und zeichnete stattdessen ein starkes Bild einer grossartigen Frau mit all ihren Herausforderungen, ihrer Tatkraft, ihrer Widerspenstigkeit und ihrem Mut.

Habt einen schönen Tag!

Sophie Schönberger: Zumutung Demokratie

Ein Essay

Inhalt

«Die ‘Herrschaft des Volkes’ setzt voraus, dass sich so etwas wie ein ‘Volk’ im Sinne einer demokratischen Gemeinschaft erst einmal konstituiert und als Kollektiv begreift.»

Eine Demokratie braucht, um wirklich gelebt zu sein, Gemeinschaft. Diese bedarf der Bereitschaft des Einzelnen, sich mit anderen zu verbinden und diese zu bilden. Es geht darum, den anderen als Verschiedenen und doch Gleichen zu akzeptieren und durch eine offene Kommunikation einen Gemeinsinn herauszubilden, der für alle verbindlich ist, auch wenn nicht alle derselben Meinung sind.

Diese Bereitschaft fehlt in der letzten Zeit, die Konfliktfähigkeit hat abgenommen und die Akzeptanz für andere Meinungen schwindet. Wie kam es dazu, dass das Vertrauen in den Staat mehr und mehr schwindet, und was können wir dagegen tun? Wie stark darf der Staat eingreifen in die Kommunikationsmöglichkeiten und -inhalte der Bürger, wo ist die Grenze der Freiheit des Einzelnen im Hinblick auf ein funktionierendes Miteinander?

Diesen und anderen Fragen geht der vorliegende Essay nach.  

Gedanken zum Buch

«Die Hölle sind die Anderen.»

Das wusste schon Sartre und es hat sich bis heute nicht geändert, im Gegenteil. Die anderen, die man nicht versteht, führen dazu, dass es eine Zumutung darstellt, mit ihnen zusammen zu leben. Dieses Nicht-Verständnis führt zu Abgrenzungen, zu Ausgrenzungen, zu Blasenbildungen und Meinungspolaritäten. Dies wird umso mehr verstärkt durch die aktuelle Zeit, in welcher persönliche Begegnungen immer mehr den digitalen weichen.

„Demokratie braucht Gemeinschaft.“

Um da Abhilfe zu schaffen, bedarf es der persönlichen Begegnung. In sozialen (Kommunikations-)Räumen, die den Anderen erfahrbar und dadurch vertrauter machen, entsteht ein besseres Gefühl für die Pluralität und doch Gleichheit der verschiedenen Mitglieder der Demokratie. Aus diesem Verständnis heraus kann sich die Gemeinschaft bilden und entwickelt einen Sinn für gemeinsame Interessen und Ziele für das Zusammenleben.

„Denn die elementaren Mindeststandards des Miteinanderredens, die das Strafrecht vorgibt, müssen auch in Zeiten des Medienwandels effektiv durchgesetzt werden, damit die Kommunikation in der demokratischen Gemeinschaft funktionieren kann. Diese Aufgabe muss der Staat auch als Mittel der Demokratiesicherung selbst wahrnehmen.“

Der Staat hat sich zu lange zurückgehalten bei der Einmischung in die kommunikativen Möglichkeiten und Auswüchse der digitalen Medien. Dadurch ist eine Kommunikationskultur entstanden, in welcher Blasenbildung, Meinungsmanipulation und Aggression sich ausbreiten konnte. Die notwendige Verantwortung für Eingriffe in diese den demokratischen Prozess gefährdenden Auswüchse überliess der Staat bislang zu stark privaten Akteuren. Die Sicherung der Demokratie verlangt aber eine staatliche Regulierung durch klare und rechtlich verbindliche Vorschriften, denn sie sind auch das demokratische Mittel und damit die Sicherung der Demokratiesicherung.

Fazit
Ein wichtiges Buch darüber, was Demokratie bedeutet, woran es heute mangelt und was man dagegen unternehmen kann. Ein Aufruf für mehr Akzeptanz, demokratieförderliche Kommunikation und wirkliche Begegnung.

Angaben zur Autorin
Sophie Schönberger ist Professorin für Öffentliches Recht, Kunst- und Kulturrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Ko-Direktorin des Instituts für Deutsches und Internationales Parteienrecht und Parteienforschung.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 1. Edition (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 189 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406800085

Biografien von A bis Z: B

Die Reise durch die Leben von Menschen, die mich beeindrucken, geht mit dem Buchstaben B weiter: Ein Gruppenbild mit Herrn quasi. Das Gemeinsame meiner Verbindung zu den einzelnen ist, dass ich mich mit jedem von ihnen eine Zeit lang intensiv auseinandergesetzt habe, da förmlich in ihr Werk eingetaucht bin. Ihnen gemeinsam ist, dass sie sich alle mit dem Thema der Identität auseinandergesetzt haben, jeder auf seine ganz eigene Weise.

Martin Buber setzte zeitlebens auf den Dialog. In ihm entwickelt sich das Leben, in ihm erkennt sich jeder selbst. Das Ich existiert nur, weil es ein Du gibt. Im Dialog kann sich etwas entwickeln, der Dialog ist die Schöpfungskraft von Neuem und der Weg zur Erkenntnis dessen, was ist.

«Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas…Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.»

Simone de Beauvoir wusste von klein auf, was sie will: Schreiben und frei sein. Sie hat sich diesem Ziel verschrieben und es gelebt, immer aus der Überzeugung heraus, dass wir in diese Welt geworfen werden, ohne uns das ausgesucht zu haben, und es nun an uns selbst ist, uns darin zu positionieren, uns quasi nach unseren Massgaben zu erschaffen. Sie stiess mit ihrem Forschungsdrang und Lebenswillen nicht immer auf Zustimmung:

«Niemand nahm mich so, wie ich war, niemand liebte mich; ich selbst werde mich genügend lieben, beschloss ich, um diese Verlassenheit wieder auszugleichen.»

Das Glück wollte es, dass sie auf einen Menschen stiess, der ihren eigenen Lebensentwurf und damit den Menschen, der sie dadurch wurde, anerkannte und unterstützte. So befand Sarte, wie Simone de Beauvoir in ihren «Memoiren einer Tochter aus gutem Hause» schrieb:

«Auf alle Fälle sollte ich mir das bewahren, was das Schätzenswerteste an mir sei: Meinen Hang zur Freiheit, meine Liebe zum Leben, meine Neugier, meinen Willen zu schreiben.»

Auch Ingeborg Bachmann war eine, die schreiben wollte. Diesem Drang ordnete sie alles unter, für ihr Schreiben war sie zu Opfern bereit, sie zahlte einen hohen Preis dafür, denn Ingeborg Bachmann sollte das Glück einer lebenslangen Liebe verwehrt sein – sie verwehrte es sich wohl teilweise selbst. Sie suchte diese Liebe unentwegt, sie sehnte sich danach, fand zwar viele Männer, die sie verehrten, ihren Weg eine Zeit lang begleiteten, aber nie die überdauernde Liebe, welche ihr hätte Halt und Lebenssinn geben.

«…ich habe in der Liebe und durch die Liebe immer den Boden verloren und daher nie einen gehabt… ich werde, solange ich liebe, keinen Platz in der Welt finden, nie das bekommen, was ich am meisten ersehne, und darum wird alles, was ich sonst bekomme und wofür ich mich bemühe , dankbar zu sein, für immer ohne Glanz sein.»

Welche Biografien zum Buchstaben B könnt ihr empfehlen?

Biografien von A bis Z: A

KI ist in aller Munde, dass diese nun auch schreiben kann, ängstigt. Was wird dann aus den Schreibenden? Sind die überflüssig? Ich denke, die Frage ist falsch gestellt. Abgesehen davon, dass Schreibende natürlich, um leben zu können, gelesen werden müssen, schreiben sie auch, weil sie nicht anders können. Schreiben ist Leidenschaft, Drang, Notwendigkeit. Ebenso bei den Philosophen das Denken, das dann in einer Form auch aufs Papier fliesst. Seit ich denken kann, interessieren mich hinter den Texten immer auch die Menschen, die sich diese ausgedacht haben: Wie haben sie gelebt, wie haben sie geschrieben und wieso? Was hat ihr Denken geprägt? 

Aus diesem Grund liebe ich Biografien. Ein paar davon möchte ich hier vorstellen, ich taste mich dazu dem ABC entlang und starte heute mit A:

Wie könnte es anders sein: Hannah Arendt – Lieblingsdenkerin, spannende Persönlichkeit, interessante und vielschichtige Frau. Müsste ich eine empfehlen, wäre es die von Elisabeth Young-Bruehl, sie ist und bleibt für mich der Klassiker.

«Man könnte wohl sagen, dass die lebendige Menschlichkeit des Menschen in dem Masse abnimmt, in dem er auf das Denken verzichtet..» (Hannah Arendt)


Aristoteles – Einer der ersten, der wohl systematisch über alles, was auf dieser Welt vorkommt, nachdachte. Gewisse Gedanken sind noch heute bedenkenswert, zum Beispiel seine Theorie eines gerechten Staates. Flashar als ausgewiesener Experte zu Aristoteles hat hier eine grossartige Biographie geschrieben.

„Denn das ist den Menschen vor den anderen Lebewesen eigen, dass sie Sinn haben für Gut und Böse, für Gerecht und Ungerecht und was dem ähnlich ist. Die Gemeinschaftlichkeit dieser Ideen aber begründet die Familie und den Staat.“ (Aristoteles)


Ilse Aichinger – Repräsentantin der deutschen Nachkriegsliteratur, deren Werk immer wieder die sozialen und politischen Zustände kritisierte und die Verantwortung des Menschen thematisierte.

«Schreiben kann eine Form zu schweigen sein.» (Ilse Aichinger)

Lou Andreas-Salomé – faszinierende, intelligente, vielschichtige Frau, die die Herzen der berühmtesten Männer brach.

«Glaubt mir, die Welt wird euch nichts schenken. Wenn ihr ein Leben wollt, so stehlt es.» (Lou Andreas-Salomé)

Rose Ausländer – Verfasserin wunderbarer Lyrik mit einem sehr bewegten Leben.

«Ich schreibe mich ins Nichts – es wird mich ewig aufbewahren.»

Was für Biografien zu A könnt ihr empfehlen?

Birgit Birnbacher: Wovon wir leben

Inhalt

«Ich verließ die Gegend, deren Gewicht auf meiner Brust ich erst bemerkte, als ich woanders war.”

Eine junge Frau aus einem kleinen Dorf geht in die Stadt, um Krankenschwester zu werden. Sie geht in dem Beruf auf, bis ihr ein Fehler unterläuft und sie entlassen wird.

„Ich bin gekommen, damit die Eltern sich um mich kümmern. Stattdessen haut Mama ab, und Papa ist gelb.“

Ihr Weg führt sie zurück in ihr Elternhaus, sie hofft, von ihren Eltern aufgefangen zu werden, doch dort ist alles noch schlimmer als damals, als sie wegging: Die Fabrik im Dorf existiert nicht mehr, so dass Arbeitslosigkeit herrscht, der Vater ist in einem desolaten Zustand, und die Mutter nach Sizilien ausgewandert. Statt vom Vater aufgefangen zu werden, sieht sie sich in der Rolle der Sorgenden. Sie ringt körperlich und seelisch nach Luft, der Raum scheint enger zu werden. Als sie Oskar, den Städter, kennenlernt, der sich von einem Herzinfarkt erholt, erlebt sie, wie ein Leben voller Zuversicht aussehen könnte. Sich selbst sieht sie am anderen Ende des Welterlebens: Konfrontiert mit allem, was sie hinter sich gelassen zu haben glaubte, ist sie nun gefordert, ihren Platz im Leben zu finden.

Gedanken zum Buch

“Viele Jahre habe ich mir eingeredet, dass ich gern Krankenschwester bin”

Was wir für unser Leben halten, ist oft nur die Geschichte, die wir uns selbst erzählen. Wir gehen einen Weg und wollen, dass es der richtige ist. Schlussendlich glauben wir es selbst, bis etwas geschieht, dass dieses Bild ins Wanken bringt. Dies ist der jungen Ich-Erzählerin passiert. Zwar merkte sie, wie überall gespart wurde, wie der Druck im Beruf grösser, die Zeit für die Patienten immer knapper wurden, doch sie fand für alles eine Lösung, um den Beruf doch noch den eigenen Ansprüchen entsprechend ausüben zu können. Dass ihr langsam sprichwörtlich die Luft ausging, merkte sie erst, als sie nach einem Berufsfehler einen Asthmaanfall hatte und wirklich um Luft rang.

„Ich habe es für selbstverständlich gehalten, dass eine Mutter nicht klatschend und tanzend durchs Leben hüpft“

Familien sind geprägt durch Rollenbilder, die sich in den Köpfen festsetzen. Ein Kind wächst in eine Familie hinein und erachtet das, was sich da abspielt, als Normalität, an die es sich zu halten gilt. Selten wird hinterfragt, wagt es dies doch, merkt es schnell, dass es eine Grenze überschritten hat, die sorgsam aufgebaut worden war. Erst nach und nach, je älter es wird, mit den eigenen Erfahrungen, wächst zuerst eine Ahnung, die dann zur Erkenntnis der Missstände wird, die geherrscht haben, die man fraglos akzeptiert hatte.

„Wir wissen das nicht, weil wir lieber zahlen, als uns zu involvieren. Etwas haben wir, die Familie, verwechselt: Von der Konfrontation mit dem Schmerz haben wir uns freigekauft, aber das heißt nicht, dass er nicht mehr existiert.“

«Wovon wir leben» ist ein Buch über das Leben einer Familie mit all ihren Strukturen. Es ist eine Geschichte davon, wie wir oft die Augen verschliessen vor dem, was ist, weil es bequemer ist, sich damit zu arrangieren als der Wahrheit, die oft unbequem ist, in die Augen zu blicken. Es ist aber auch eine Geschichte darüber, was es heisst, eigene Wege zu gehen, zu scheitern, neue Wege suchen zu müssen.

Birgit Birnbacher erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich dem stellen muss, wovor sie fliehen wollte, auf eine ruhige, fast sachliche und doch nicht kalte Weise, die frei ist von Pathos oder Kitsch. Vergeblich sucht man Wehleidigkeit oder Selbstmitleid, es wird nicht psychologisiert oder analysiert, nur erzählt. Dieses Erzählen geschieht auf eine authentische Weise aus der Ich-Perspektive der erzählenden Protagonistin, wodurch der Leser in die Gedanken- und Gefühlswelt derselben involviert wird. Entstanden ist ein Buch, das zum Denken anregt, das einen mit auf eine Reise nach dem richtigen Weg nimmt, das einen eintauchen und mitleben lässt beim Lesen.

Fazit
Eine sehr gelungene, zum Nachdenken anregende Erzählung über das Leben einer Frau, die sich ihrer Vergangenheit, ihren verinnerlichten Rollenmustern und Fluchtpunkten stellen und einen neuen Weg für ihr Leben finden muss.

Zur Autorin
Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Schriftstellerin in Salzburg. Ihr Debütroman Wir ohne Wal (2016) wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt sie zahlreiche Förderpreise und 2019 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Romane Ich an meiner Seite (2020) und Wovon wir leben (2023).

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Paul Zsolnay Verlag; 3. Edition (20. Februar 2023)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3552073357

George Tabori (24. Mai 1914 – 23. Juli 2007)

George Tabori wird am 24. Mai 1914 in Budapest geboren. Seine Eltern ziehen ihn erst katholisch auf, bis sie ihm mit sieben Jahren erklären, dass die jüdisch sei. Weil sein Vater findet, Schreibende gäbe es bereits genug und er müsse was Anständiges lernen, beginnt Tabori in Berlin eine Hotelfachlehre, bis sich die antisemitischen Vorfälle häufen und er schliesslich 1933 Deutschland verlässt.

„Als der Reichstag brannte, war es Zeit zu verschwinden.»

Die folgenden Jahre verschlagen ihn nach Budapest, London, in die Türkei, nach Palästina und Ägypten. 1941 erhält er die britische Staatsbürgerschaft. Er arbeitet Kriegsberichterstatter, später als Journalist und Übersetzer.

„Was ich immer erzählen muss, immer sagen muss: dass ich keine Heimat habe, dass ich ein Fremder bin, und das meine ich nicht pathetisch, sondern als gute Sache. Weil ein Schriftsteller, nach meinem Geschmack, muss ein Fremder sein.“

1943 erscheint Taboris erster Roman («Beneath the stone»), weitere folgen. 1947 fliegt er auf Drängen einer Literaturagentin in die USA, wo er als Drehbuchautor engagiert wird. Aus den geplanten drei Monaten werden zwanzig Jahre. In den USA lernt er auch die ganze schreibende Zunft der Auswanderer kennen und arbeitet teilweise mit ihnen.

„Stell dir vor, du lebst in einem Haus, und jeden Sonntag kommen Büchner, Kafka, Flaubert, Mahler und so weiter zu Besuch …“

1968 reist er zum ersten Mal zurück nach Deutschland, um da ein Auschwitzstück am Theater zu inszenieren. Er tut dies nicht ohne Befürchtungen, doch es wird ein Erfolg. 1971 zieht er ganz nach Deutschland, wo er sich in diversen Städten mit verschiedenen Tätigkeiten rund ums Theater einen Namen macht.

George Tabori stirbt am 23. Juli 2007 in Berlin.

Zu seinem Werk

„Der kürzeste deutsche Witz ist Auschwitz.“

Das Thema «Auschwitz» hat George Tabori nie losgelassen. Nicht nur liessen ihn die Verfolgungen durch das Naziregime von einem Ort zum anderen reisen, so dass er sich immer als Fremder fühlen musste, er hat auch seinen Vater da verloren, welcher 1944 in Auschwitz starb.

„Sechzig Jahre später besuchte ich Auschwitz, suchte nach einem Zeichen, das er mir zurückgelassen hatte. Ohne viel Hoffnung. Die Toten waren in Rauch aufgegangen… Ich hob einen Stein auf, wo ist er, ich hielt den Stein in der Hand, versuchte, seine Gegenwart zu spüren, umsonst, ich steckte ihn in die Tasche, ein Souvenir… Mahnmale sind für die Lebenden. Die Toten kümmern sie nicht.“

George Tabori war ein Mann, dem Humor wichtig war, was sich auch in seinen Theaterstücken zeigte: Er brachte den Holocaust auf eine komische und politisch nicht korrekte Weise auf die deutschen Bühnen, er provozierte und forderte sein Publikum immer wieder heraus, weil sich dieses oft schwertat, in seine Art Humor hineinzufinden. Die Anstrengung lohnt sich!

Buchempfehlung:

Neben den Klassikern wie «Autodafé» und «Meine Kämpfe» möchte ich dieses Buch ans Herz legen: «Gefährten zur linken Hand»

Der Krieg wütet im Sommer 1943 überall, nur einen kleinen Badeort in Italien scheint er vergessen zu haben: San Fernando. Dahin zieht es den Autor Stefan Farkas, welcher aber immer am Rand bleibt, das Geschehen aus Distanz beobachtet und sich mit einer zynischen Gelassenheit über alles stellt – bis der Krieg auch hier einbricht. Fakras kommt zum Schluss:

«Es gibt Zeiten, in denen das einzig Nützliche der Tod ist.»

Layla AlAmmar: Das Schweigen in mir

Inhalt

«Niemand ist wirklich sprachlos, flüsterte er, entweder wird man zum Schweigen gebracht, oder man bringt sich selbst zum Schweigen.»

Tag für Tag beobachtet die junge Frau die Nachbarn hinter ihren Fenstern in ihren Wohnungen. Es ist die einzige Form, wie Beziehungen zu Menschen für sie möglich sind. Sie kriegt Einblicke in die ganzen Gewohnheiten der einzelnen Menschen, in Leben, die so fern von ihrem eigenen sind. Selbst ist sie aus dem Krieg geflüchtet, aus Syrien mit Schleppern und zu Fuss, unter traumatischen Bedingungen in England gelandet. Es hat ihr förmlich die Sprache verschlagen.

«Wenn man aufhört zu sprechen, wird man sehr gut im Zuhören.»

Dadurch, dass sie nicht mehr sprechen kann (will?) denken viele, sie höre auch nichts. Sie hört auf diese Weise all das, was eigentlich nicht für Ohren bestimmt war. Für eine Zeitung soll sie ihre Erinnerungen an den Krieg und die Flucht festhalten, damit mehr Verständnis für die Situation von Flüchtlingen geschaffen werden kann. Nur: Wie könnte man das je verstehen? Und was, wenn sie plötzlich gefordert ist, aus ihrer gewählten Isolation raus und real in Beziehung zu treten?

Gedanken zum Buch

«Es ist gar nicht so schwer herauszufinden, was Menschen wollen. Im Prinzip wollen wir alle dasselbe: Freiheit, Glück, Sicherheit.»

Ein tiefes Buch, ein aufwühlendes Buch darüber, was es heisst, alles zu verlieren und nirgends mehr zu Hause zu sein, nirgends mehr sicher zu sein, nirgends dazuzugehören. Es ist aber auch ein Buch darüber, was es mit sich bringt, in einer Gesellschaft zu leben: Wie sehr kann ich mich aus ihr herausnehmen? Wo ist es meine Pflicht, mich einzubringen? Wofür trägt der Einzelne Verantwortung, wo lädt er Schuld auf sich?

«Kann man sich denn überhaupt erholen? Wenn das Leben nichts anderes ist als sich anhäufendes, wiederholtes Trauma – durstig, hungrig, kalt, arm, schwach, heiß, krank, geschlagen, verletzt, gebrochene Knochen, Blut, Blut, Blut –, kann man sich davon jemals erholen?»

Layla AlAmmar beschreibt aus der Ich-Perspektive das Leben, Denken und Fühlen einer vom Krieg und der Flucht traumatisierten Frau, die keinen anderen Weg sieht, als sich ins Schweigen zurückzuziehen, in die Isolation zu gehen, weil sie das Vertrauen in das Leben und die Menschen verloren hat. Wo gibt es noch Sicherheit, wenn Menschen einander so grausame Dinge antun können, wie sie sie erleben musste? Was ist Heimat noch, wenn man aus der eigenen fliehen musste, weil es da kein mögliches Weiterleben mehr gab?

«Ich will von diesem Land keine Almosen. Geflüchtete kommen nicht, um sich zu nehmen, was euch gehört. Wir wollen arbeiten, wir wollen zur Schule gehen, wir wollen vollständige und aktive Mitglieder der Gesellschaft werden. Wir sind keine Blutsauger oder Parasiten oder Ungeziefer. Wir brauchen nur ein wenig Hilfe. Das ist alles.»

«Das Schweigen in mir» ist ein Buch, das zeigt, was es heisst, Flüchtling zu sein, was es heisst, mit den Vorurteilen und Verurteilungen von den Menschen am Zufluchtsort umgehen zu müssen. Es ruft auf für mehr Verständnis, für mehr Mitgefühl, plädiert aber vor allem auch für eine andere Haltung von Menschen anderen Menschen gegenüber.

«Wichtig wäre, die Hintergründe kennen zu wollen, verstehen zu wollen, was im anderen vorgeht.»

Im Wissen, dass wir alle Menschen unter Menschen sind, in eine Welt geworfen, die wir uns nicht ausgesucht haben, mit der wir aber umgehen müssen als gleichwertige Mitglieder derselben, hilft es, die eigene Perspektive auch mal zu verlassen und sich mit Interesse anderen Standpunkten und Lebenshintergründen zu öffnen. Nur so ist in ein friedliches Miteinander möglich, ist es möglich, die Welt zu einem Zuhause für alle zu machen.

Fazit
Ein tiefes, bewegendes und zum Nachdenken anregendes Buch über das Leben als Flüchtling, das zu mehr Verständnis füreinander und Miteinander aufruft. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin und zur Übersetzerin
Layla AlAmmar wuchs in Kuwait auf und studierte Kreatives Schreiben an der Universität Edinburgh. Sie hat in The Evening Standard, Quail Bell Magazine, The Red Letters St. Andrews Prose Journal und im Aesthetica Magazine veröffentlicht, wo sie Finalistin für den Creative Writing Award 2014 war. Im Jahr 2018 war sie als British Council International Writer in Residence beim Small Wonder Short Story Festival tätig. Derzeit lebt sie in Großbritannien, wo sie über arabische Frauenliteratur promoviert. Das Schweigen in mir ist ihr zweiter Roman.

Yasemin Dinçer studierte Literaturübersetzung in Düsseldorf. Sie hat unter anderem Werke von Oyinkan Braithwaite, Leila Mottley, Paula McLain und Shirley Hazzard aus dem Englischen übertragen und war mehrfach Stipendiatin des Deutschen Übersetzerfonds. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ GOYA (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • Übersetzung‏ : ‎ Yasemin Dinçer
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3833744242

Ingeborg Gleichauf: Jetzt nicht die Wut verlieren.

Max Frisch – eine Biografie

Inhalt

«Es scheint eine Leidenschaft zu sein, die sich da entwickelt, unabhängig von äusserem Erfolg. Da will und muss sich einer Luft verschaffen, sich ausdrücken, sich aufteilen auf mehrere Stimmen, Rollen entwerfen, die man für das Leben halten könnte.»

Max Frisch war ein Zweifelnder. Ein Suchender. Er war ein Mensch voller Gegensätze und ein Mensch der Sprache, mit denen er all das zu erfassen suchte. Diesem Menschen hat sich Ingeborg Gleichauf in der vorliegenden Biografie auf eine persönliche, kenttnisreiche und poetische Weise angenommen. Sie beleuchtet das Leben und Schaffen eines Menschen, bei dem beides nicht zu trennen ist, weil ohne das Leben und seine Erfahrungen das Schreiben nicht möglich wäre, ohne das Schreiben ein Leben ebenso wenig. Zumindest könnte es ohne die Sprache und das Schreiben nicht verstanden werden.

In chronologischer Reihenfolge begleiten wir Max Frisch durch sein Leben, seine Reisen, seine Beziehungen und seine Werke, die jeweils kurz dargestellt werden. Entstanden ist ein romanhaft anmutendes Buch, welches für ein junges Publikum genauso zugänglich und aufschlussreich ist wie für ein erwachsenes.

Gedanken zum Buch

«Diese Frage nach sich selbst, nach dem, was man ist und sein könnte: Bereits der junge Frisch sieht hierin ein existenzielles Problem.»

Max Frisch wurde oft vorgeworfen, er drehe nur um sich, er sei quasi sein einziges Thema, um das er nachher alles geschrieben hat. Dass dies sicher zu kurz gegriffen ist, liegt auf der Hand, allerdings ist nicht zu bestreiten, dass das Thema der (eigenen) Identität eines seiner zentralen war. Was ist der Mensch und wer kann er sein? Wie steht er in der Gesellschaft und was bedarf es, darin und nicht am Rand zu stehen? Gerade die letzte Frage beschäftigte ihn stark, schwankte er doch in jungen Jahren zwischen seiner Sehnsucht nach Bürgerlichkeit, nach Zugehörigkeit, und seinem Drang, Schriftsteller, und damit am Rande stehender Beobachter, zu sein.

«Wie man sich doch immer in die Quere kommt, wenn man eigentlich ‘sachlich’ sein soll. IN allem, was man schreibt, ist man selbst enthalten. Und so ist das Schreiben, auch das journalistische Schreiben, immer eine Möglichkeit, mir und meinen Erfahrungen auf die Spur zu kommen.»

Schon Goethe sagte, dass alles Schreiben autobiographisch sei. Das bedeutet nicht, dass einer immer nur die eigene Lebensgeschichte schreibt, sondern es bleibt nicht aus, dass sich im Schreiben die eigenen Gedanken, Erfahrungen und Gefühle widerspiegeln. Frisch sah sich denn auch als Beobachter, als Augenmensch war ihm das klare (Hin-) Sehen wichtig. Wirklich gesehen und erfahren, vor allem aber verstanden, hat er die Dinge aber nur, wenn er für sie eine Sprache gefunden hat.

«Mit dem Seltsamen des Lebens umgehen wird für ihn bedeuten, sich vor allem sprachlich damit auseinanderzusetzen.»

Das Schreiben war immer auch sein Weg zu sich selbst, sein Weg zum klareren Verständnis. Daneben war es aber auch die Möglichkeit des Ausdrucks. Ohne einen solchen, so Frischs Überzeugung, sei das Leben kaum ertragbar. Frisch selbst sagte einst, dass Schreiben sei wie Reisen, indem er durch die Sprache aus sich herausgehe, um schliesslich wieder bei sich zu landen.

«Nichts ist dem Menschen so fern als das eigene Ich, er ist sich selbst das Fremde, daher kommt er sich gerade dann näher, wenn er in einen grossen Abstand zu sich tritt.»

Dass es notwendig ist, sich selbst auf die Spur zu kommen, führt Max Frisch auf den Umstand zurück, dass man sich eigentlich fremd ist. Wir leben in unserem Alltag und bewegen uns oft unbewusst in ihm. Viele unserer Reaktionen und Handlungen sind Automatismen, sind Gewohnheiten geschuldet. Max Frisch gibt sich damit nicht zufrieden, er will tiefer gehen, sich kennenlernen, herausfinden, wer er wirklich ist. Dazu dient ihm das Schreiben. Das ist auch eines der Hauptthemen seines Schreibens: Identität sowie die Verortung des Ichs in der Welt. Am besten gelingt das in Frischs Augen durch das Theater, weil dies immer eine Auseinandersetzung mit sich und der Gesellschaft darstellt. Das Stückeschreiben ist eine Form von Zeitzeugenschaft, die sich aktuellen Themen wie sozialer Ungerechtigkeit, den Fesseln des bürgerlichen Lebens und der Freiheit zuwendet.

Max Frisch erfindet keine neuen Welten, er beobachtet die vorhandene genau. Er ist ein Augenmensch, der sich im Sehen schult und das so Erfahrene in Sprache, in Sprachbilder umformt. SO geht er als Sehender durch die Welt, beobachtet sie, die Menschen in ihr und das Zeitgeschehen. Doch erst, wenn er es schafft, das alles in Sprache zu fassen, kann er es verstehen, existiert es im tatsächlichen Sinn.

Fazit
Ingeborg Gleichauf ist eine leicht zu lesende, dadurch auch einem jungen Publikum zugängliche, fast schon romanhafte, und doch fundierte Biografie gelungen, die einen sehr persönlichen Blick auf Max Frisch offenbart.

Zur Autorin
Ingeborg Gleichauf wurde 1953 in Freiburg geboren, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über Ingeborg Bachmann. Sie veröffentlichte erfolgreiche Biographien, darunter Hannah Arendt (2000), Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir (2007) und Denken aus Leidenschaft (2008). Zuletzt erschien bei Nagel und Kimche Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch – eine Biografie (2010).
Ingeborg Gleichauf wurde 1953 in Freiburg geboren, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über Ingeborg Bachmann. Sie veröffentlichte erfolgreiche Biographien, darunter Hannah Arendt (2000), Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir (2007) und Denken aus Leidenschaft (2008). Zuletzt erschien bei Nagel und Kimche Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch – eine Biografie (2010).

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Nagel & Kimche AG; 2. Edition (16. August 2010)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3312009893

Gepsräche mit Max Frisch: Der unerkannte Geliebte

«Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält…» (Tagebuch 1, 27)

Jemanden zu sehr zu kennen, bedeutet danach, dass das Lebendige einer Art Starre weicht. Wenn ich denke, jemanden durch und durch zu kennen, dann weiss ich, wie er ist, was er tut, ich muss nicht mehr hinschauen, mich nicht mehr interessieren, es steht alles fest.

«Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden: weil wir sie lieben, solang wir sie lieben.» (Tagebuch 1, 27)

Die Liebe führt dazu, immer weiterzugehen, tiefer zu tauchen, den anderen in seinem Sein zu durchschauen. Nur wird das nie gelingen, weil alles, was die Natur hervorbringt, unerschöpflich ist, schrankenlos, wie es Max Frisch ausdrückt «alles Möglichen voll».

Vielleicht ist es aber auch so, dass wir den kennen, den wir nicht lieben, weil wir nur soviel erkennen wollen, wie sich uns darbietet. Wir haben gar nicht den Wunsch, tiefer zu tauchen, immer mehr zu kennen. Wir sind weniger forsch forschend, eher zurückhaltend erkennend und annehmend. Die kleinen Eigenheiten, die tiefen Geheimnisse, sie offenbaren sich erst in der Nähe, deren grösste die Liebe darstellt.

Anneleen Van Offel: Hier ist alles sicher

Inhalt

«Dieser Tote ist nicht mein Sohn, das ist ein Mann, den ich nicht kenne… Es gelingt mir nicht, meinen Sohn zu sehen, in dem Toten auf dem Krankenhausbett meinen Sohn zu sehen.»

Als Immanuel seine Mutter Lydia nach 10 Jahren Funkstille bittet, nach Israel zu kommen, zögert sie erst. Als sie dann da ist, ist er tot, er hat sich das Leben genommen. Lydia reist durch Israel und gleichzeitig auch durch ihre Vergangenheit, auf der Suche nach ihrem toten Sohn, nach sich, nach allem, was sie verloren hat.

Gedanken zum Buch

«Der Tod kommt von innen, er ist immer schon da, er wächst, bis er grösser ist als das, was der Körper ertragen kann.»

«Hier ist alles sicher» ist eine Geschichte über die verschiedenen Leben, die man leben kann, es ist eine Geschichte über die Liebe, über Verlust, Schuld, Reue und den Tod. Es geht darum, was Familie ist und was Heimat bedeutet. Es ist die Geschichte einer Suche nach der eigenen Geschichte, danach, wer man ist und was davon bleibt, wenn vieles nicht mehr ist.

«Mit jedem Mal, dass ich das ausspreche, wird es endgültiger.»

Es ist die Geschichte einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Zuerst durch Distanz, dann durch den Tod. Diesen endgültigen Abschied zu verstehen, zu realisieren, ist schwer. Ihn in Worte zu fassen, ist noch schwerer, da die Sprache den Dingen eine endgültige Realität zu verleihen scheint. Wenn es ausgesprochen ist, kann es nicht mehr ignoriert werden, dann ist es wirklich.

«Solange es Reue gibt, bin ich schuldig, und solange ich mich schuldig fühle, bin ich unschuldig, weil ich dann nicht zulasse, dass es in Vergessenheit gerät.»

Wer trägt die Verantwortung für das eigene Leben und wer die für das Leben anderer, allen voran das Leben von Kindern? Hat das eigene Tun dazu beigetragen, dass ein Unglück geschah? Hätte man es verhindern können? Wäre Lydia imstand gewesen, den Selbstmord von Immanuel aufzuhalten, wenn sie früher nach Israel gegangen wäre? Wo ist dessen Vater, der vor 10 Jahren das Kind mit sich nach Israel nahm, raus aus Belgien und dem damals gemeinsamen Zuhause? Wer hat Schuld an dem, was passiert ist?

All diese Fragen treiben Lydia um, als sie durch Israel fährt, auf den Spuren von Immanuels Leben ohne sie. Sie will ihm nah sein, will die Landkarte seines Lebensweges nachfahren, in der Hoffnung, mehr über ihn zu erfahren. Es wird ihr nicht wirklich gelingen, die Fragen bleiben präsent, sie nimmt sie mit auf ihrem Weg.

Anneleen van Offel beginnt ihre Erzählung damit, dass Lydia am Totenbett des Sohnes sitzt. Sie blickt auf ihr Kind und reist in Gedanken zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her. Erinnerungen vermischen sich mit aktuellen Gefühlen, ein Riss bricht auf, der durch die Welt geht und sich über das ganze Buch erstrecken wird als Leitmotiv. Es entsteht beim Lesen eine Atmosphäre, die fast körperlich wirkt, einen Kloss im Hals und eine Schwere auslöst. Das Buch betrübt, bewegt, bestürzt, es überfordert mit dieser Unmittelbarkeit des Schmerzes.

Im zweiten Kapitel kommt es zu mehr Distanz, die Suche nach dem verpassten Leben des Sohnes beginnt und das Buch nimmt Fahrt auf. Sprachlich poetisch und philosophisch tiefgründig zieht einen diese Geschichte in den Bann, kann diesen Sog aber leider nicht durchhalten. Das Geschehen, die inneren Monologe, die Erinnerungen – sie alle werden zeitweise träge und langwierig. Trotzdem kann man von einem sehr lesenswerten und gelungenen Debüt sprechen.

Fazit
Eine Geschichte über Liebe, Schuld, Familie, Verlust und Tod – emotional bewegend, philosophisch tiefgründig und sprachlich poetisch.

Autorin und Übersetzerin
Anneleen Van Offel, 1991 in Antwerpen geboren, studierte Wortkunst am dortigen Königlichen Konservatorium. Sie hat Kolumnen für die flämische Zeitung „De Standaard“ und Kurzgeschichten und Gedichte für verschiedene Literaturzeitschriften geschrieben. Sie arbeitet als Redakteurin für die Zeitschrift „Deus Ex Machina“. Außerdem ist Anneleen Van Offel Programmgestalterin verschiedener literarischer Veranstaltungen. Von 2019 bis 2021 war sie Stadtschreiberin von Kortrijk. Für ihr Debüt „Hier ist alles sicher“ reiste sie immer wieder nach Israel, sprach mit zahlreichen Israelis, israelischen (Ex-)Soldaten und deren Familien. Der Roman wurde in Belgien und den Niederlanden von der Presse gefeiert und für seinen einfühlsamen Stil gelobt. anneleenvanoffel.be | @anneleenvanoffel

Christiane Burkhardt studierte Italienische Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Kunstgeschichte und war anschließend zunächst im Lektorat tätig. Heute lebt und arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Niederländischen und Englischen in München und unterrichtet neben ihrer eigenen Tätigkeit literarisches Übersetzen

Angaben zum Buch

  • ·  Herausgeber ‏ : ‎ Freies Geistesleben; 1. Edition (15. März 2023)
  • ·  Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • ·  Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 266 Seiten
  • ·  ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3772530319
  • ·  Originaltitel ‏ : ‎ Hier is alles veilig
  • ·  Übersetzung‏ : ‎ Christiane Burkhardt

Martin Suter: Melody

Inhalt

«Das erste Geheimnis über mich, das ich ihnen verraten muss: Ich bin kein sehr ordentlicher Mensch… Das zweite Geheimnis über mich: Ich bin kein uneitler Mensch. Ich habe mein ganzes Leben versucht, der Welt ein bestimmtes Bild von mir zu vermitteln. Ihre Aufgabe besteht darin, dieses auch für die Nachwelt zu bewahren.»

Tom, ein junger Jurist, wird vom Altnationalrat Dr. Stotz, seine Lebenserwartung beträgt noch ein Jahr, beauftragt, seine noch vorhandenen Dokumente zu ordnen und durch gezielte Selektion nur das zu bewahren, das dem Bild entspricht, das Dr. Stotz hinterlassen möchte.

„Das dritte Geheimnis ist für sie bereits keines mehr: ich bin ein geschwätziger alter Mann.“

In der gemeinsamen Zeit erzählt Dr. Stotz Tom von seiner grossen Liebe Melody, die eines Tages, kurz vor der Hochzeit, einfach verschwunden ist, ihn aber ein Leben lang nicht mehr losgelassen hat. Nach Stotz’ Tod macht sich Tom mit Laura, der Grossnichte von Dr. Stotz auf der Suche nach der Wahrheit um die Geschichte mit Melody. Was ist wirklich passiert damals?

Gedanken zum Buch

„Sind Geschichten nicht immer erfunden? Spielt es eine Rolle, ob sie Wahrheit oder Fiktion sind?“

Ein sterbenskranker Mann schaut auf sein Leben zurück und auf das, was dieses Leben massgeblich geprägt hat neben seinem Erfolg: Seine Liebe zu Melody, der Frau, die er heiraten wollte und die eines Morgens einfach weg war. Er erzählt die Geschichte des Kennenlernens, die Schwierigkeiten, die sich durch ihren islamischen Hintergrund ergaben, und die seiner lebenslangen Suche nach Melody. Es ist eine traurige Geschichte, die dem alten Mann sichtlich nah geht. Ein gelebtes Leben. Ein erzähltes Leben. Was ist Wahrheit, was Fiktion? Wo hört das eine an und fängt das andere an?

„Wo die Unwahrheit es sich bequem gemacht hat, bringt Wahrheit nur Unruhe.“

Und auch eines, das die Frage hinterlässt, ob eine Unwahrheit nicht auch besser sein kann in gewissen Fällen, als die Wahrheit zu kennen.

Das Buch lebt von seinen authentischen Figuren, von der klaren, fliessenden Sprache, von der leichten Stimmung, die durch die Zeilen weht und beim Lesen ein gutes Gefühl hinterlässt. Und dies, obwohl Krankheit, Alter und Tod ein sehr zentrales Thema sind. Martin Suter gelingt es, trotz der Präsenz des angekündigten und eintretenden Todes, die Erzählung nie schwer oder bedrückend werden zu lassen.

Es gelingt Martin Suter ebenfalls, von Anfang an eine Spannung aufzubauen, die bis am Schluss nicht aufhört. Es stehen Fragen im Raum, deren Antworten man kennen will. Der Leser wird von seiner Neugier von Seite zu Seite geleitet und lässt das Buch nicht eher ruhen, bis er die Wahrheit kennt – wenn es sie denn gibt.

Fazit
Ein wunderbar leichtes, flüssig geschriebenes Buch mit stimmigen Charakteren und einem guten Mass an Spannung, die einen nicht loslässt bis zum Schluss.

Zum Autor
Martin Suter wurde 1948 in Zürich geboren. Seine Romane und ›Business-Class‹-Geschichten sind auch international große Erfolge. Seit 2011 löst außerdem der Gentleman-Gauner Allmen in einer eigenen Krimiserie seine Fälle, derzeit liegen sechs Bände vor. 2022 feierte der Kinofilm von André Schäfer ›Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit‹ am Locarno Film Festival Premiere. Seit einigen Jahren betreibt der Autor die Website martin-suter.com. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes; 2. Edition (22. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 336 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257072341

Joy Williams: Stories

Inhalt

«Das bringt uns zu der Frage: Was ist der Mensch?, mit ihren drei Untergliederungen: Was kann er wissen? Was soll er tun? Was darf er hoffen?»

Diese Worte Kants legt Joy Williams einem Automechaniker in den Mund, dessen Aufgabe es ist, einem Paar mitzuteilen, dass ihr ganzer Stolz so verrostet ist, dass eine Reparatur nicht mehr lohnt. Er ist eine Nebenfigur in den insgesamt 13 Kurzgeschichten, die alle mitten aus dem Leben gegriffen sind. Sie handeln unter anderem von einem Priester, dessen Frau im Krankenhaus liegt, von einer sterbenskranken Frau, die eine Freundin besucht, Frauen, die nur ein Umstand verbindet: Ihre Kinder haben Menschen umgebracht. Wir leben lesend ein Stück mit ihnen, tauchen in ihre Gedankenwelten ein, und gehen wieder weiter.

Obwohl die Geschichten in sich geschlossen und immer von anderen Menschen handeln, zeichnen sie in ihrer Gesamtheit ein Bild, das Bild der (amerikanischen) Gesellschaft der mehrheitlich kleinen Leute, die vom Leben herausgefordert ihren Platz suchen und sich darin einrichten.

Gedanken zum Buch

«Er hat stets richtig gehandelt, aber es hat nie zu etwas geführt.»

Es sind die alltäglichen Fragen, welche in diesen Geschichten behandelt werden: Was ist richtig, was falsch? Wie verhalte ich mich in dieser Gesellschaft, damit ich dazugehöre, wie, wenn ich weiss, dass ich eigentlich nur geduldet, nicht erwünscht bin? Es werden Ausschnitte von Lebensentwürfen dargestellt, welche doch über sich hinausweisen, da sie Teil eines Ganzen sind. Was vorher war, klingt in ihnen an, doch wohin es führen wird, bleibt offen.

«Sie war gross und ungepflegt und sah aus wie der Inbegriff eines Menschen, der seit Kurzem nicht mehr geliebt wird.»

Joy Williams gelingt es, ihre Figuren mit wenigen Worten plastisch werden zu lassen. Durch ihre Gedanken, ihre Sprache, ihr Auftreten werden sie zu Menschen, die wir uns vorstellen können. Es entstehen Bilder im Kopf, die über die Menschen hinauswachsen, zu Typen werden, die Erfahrungen in sich tragen und lebendig werden lassen – auch eigene, die beim Lesen mitgedacht werden.

«Wenn man stirbt, kann man alles tun, was man will?…Das wusste ich nicht. Ist ja mal was Neues. Es hat also auch seine guten Seiten.»

Es sind selten erbauliche Themen, sie reichen von Krankheit über Tod gar hin zu Mord, es sind Themen von Menschen, die Leid erlebt haben, die vom Leben herausgefordert sind. Trotzdem fehlt jegliche Form von Befindlichkeit, von Melancholie, von psychologischer Beurteilung. Die Geschichten werden sachlich, bildhaft und sprachlich klar erzählt, aufgelockert durch einige Prisen Humor.

«Im Grossen und Ganzen glaubten sie, dass die Toten in der Nähe blieben und alle Erfordernisse des Daseins auf Erden erfüllten, nur befreit von der Banalität täglichen Leidens.»

Aus diesen Geschichten tropft das ganz normale Leben von normalen Menschen, die mit ihrem Alltag ein Auskommen suchen und ihn doch immer ein bisschen zu verpassen scheinen. Es sind Sozialstudien ohne wissenschaftlichen Anspruch, es sind kleine Spiegel der Gesellschaft ohne moralinsauren Zeigefinger, es sind Finger in Wunden und Blicke in Abgründe ohne belastende Schwere. Es sind kleine Auszeiten aus dem eigenen Alltag mit den eigenen Ansprüchen, die zeigen, was es noch gäbe an Lebensmodellen und wie man damit umgehen könnte – oder vielleicht auch besser nicht.

Fazit
Unterhaltsame, dennoch tiefgründige – manchmal auch abgrundtiefe – Einblicke in die Gesellschaft des amerikanischen Kleinbürgertums.

Zur Autorin und Übersetzerin
Joy Williams, geboren 1944, wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet. Sie hat zwölf Bücher geschrieben, darunter Romane, Kurzgeschichten, Essays, einen Reiseführer. Sie zählt seit langem zu den nachdrücklichen ökologischen Stimmen in den USA und lebt in Tucson, Arizona und Laramie, Wyoming.

Brigitte Jakobeit lebt in Hamburg. Sie übersetzt u. a. William Trevor und Patti Smith und wurde mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet.

Melanie Walz gilt als eine der herausragenden Literaturübersetzerinnen. Sie wurde mit dem Zuger Übersetzer-Stipendium und mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet.

(Joy Williams: Stories, dtv Verlagsgesellschaft, 2. Auflage, 2023)

Lesemonat April

Wieder ist ein Monat vorbei, es war lesetechnisch ein grossartiger, bereichernder, beglückender. Dass ich ihn in Spanien verbrachte, liess die Sonne nicht nur aus Büchern, sondern auch vom Himmel scheinen, was ich sehr genoss.

Ich bin diesen Monat intensiv mit Max Frisch beschäftigt gewesen, habe einige Dokumentationen und Interviews geschaut und auch zwei Biografien gelesen. Dazu fand ich auf Youtube noch eine grossartige Inszenierung von Max Frischs «Andorra», die ich euch nur ans Herz legen kann.

Müsste ich meine Lesehighlights nennen, wären natürlich alle Bücher von und zu Max Frisch dabei, ich beschränke mich auf eines und so wären es dann die vier:

Ich tauchte mit Judith Hermann in ihr Schreiben und Leben ein, wir pendelten zwischen Traum und Wirklichkeit und waren uns nie ganz im Klaren, was nun wozu gehörte. 

Ich las bei Claire Keegan vom Leben eines Mädchens in einem Umfeld, in dem es an Liebe und eigentlich auch allem anderen fehlt, und das in einem neuen Umfeld erst lernen muss, dass es Liebe, Vertrauen und Zuwendung gibt und es diese auch geniessen darf. 

Ich lebte bei Martin Suter mit Tom und Dr. Stotz in dessen Villa und saugte die Geschichten über Melody, die verschollene Liebe von Dr. Stotz auf. Immer schwebte die Frage über uns allen: Was geschah mit Melody?

Ich pendelte mit Max Frisch zwischen Technik und Liebe hin und her, reiste mit Homo Faber nach Südamerika und Italien, um schliesslich in Griechenland zu landen, wo ein Kreis sich schloss. 

Ich beschäftigte mit Themen Schreiben, Wahrheit und Illusion, Identität und Zuschreibung, Schuld, Liebe und vielen mehr. Und ich freue mich auf einen neuen Lesemonat. 

Was waren eure Lesehighlights im April?

Hier die vollständige Liste:

Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagtEine Geschichte vom Schreiben und vom Leben und von der Verwebung von beidem. Eine Geschichte, die zwischen Traum und Wirklichkeit pendelt, nie ganz klar offenbarend, was wozu gehört. Eine Geschichte, die eigentlich keine ist, sondern ein Schreibfluss der Erinnerungen und der versuchten Einordnung derselben. Wir hätten uns alles gesagt – und irgendwie doch alles verschwiegen. 4
Claire Keegan: Das dritte LichtEin kleines Mädchen wird bei Verwandten abgeladen, weil die Mutter wieder schwanger und so ein Maul weniger zu stopfen ist. Plötzlich findet sich das Kind in einer Umgebung voller Liebe und Leichtigkeit, kann sich kaum drauf einlassen, weil klar ist: Irgendwann muss sie zurück. Ein Buch voller Wärme und Poesie. 5
Ingeborg Gleichauf: Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch – eine BiografieEin sehr literarisches, informatives, persönliches Porträt eines Schriftstellers und Menschen mit kurzen Analysen der wichtigsten Werken.5
Daniel Glattauer: Die spürst du nichtEine Sozialstudie in Romanform, bei der ein Flüchtlingsmädchen im Ferienpool reicher Leute ertrinkt, was von den Medien und in den Kommentarspalten derselben ausgeschlachtet wird. Angereichert wird alles mit ein paar Klischees und einem Erzähler, der sich immer wieder quasi an den Leser wendet und sich mit diesem verbündet. Nicht uninteressant, aber teilweise zu gewollt. 4
Anneleen van Offel: Hier ist alles sicherAls Immanuel seine Mutter Lydia bittet, nach 10 Jahren Funkstille nach Israel zu kommen, zögert sie erst. Als sie dann da ist, ist er tot, er hat sich das Leben genommen. Lydia reist durch Israel und gleichzeitig auch durch ihre Vergangenheit, auf der Suche nach ihrem toten Sohn, nach sich, nach allem, was sie verloren hat. Nach einem fast körperlich schmerzhaften, niederdrückenden Anfang sprachlich und inhaltlich gut und einnehmend, doch dann liess es langsam los und hat mich verloren.  3
Joy Williams: Stories13 Kurzgeschichten aus dem amerikanischen Alltag des Kleinbürgertums. Sozialstudien, welche die Herausforderungen desselben offenlegen, ohne dabei zu psychologisieren oder zu plakativ darstellend zu werden. Mit viel Charme, Sprachkunst und einer guten Prise Humor gewürzt. Mich hat es doch nicht durchgehend gepackt, es wirkte oft zu beliebig und planlos. 3
Martin Suter: MelodyTom, ein junger Jurist, wird vom Altnationalrat Dr. Stotz, seine Lebenserwartung beträgt noch ein Jahr, beauftragt, seine noch vorhandenen Dokumente zu ordnen und durch gezielte Selektion nur das zu bewahren, das dem Bild entspricht, das Dr. Stotz hinterlassen möchte. In der gemeinsamen Zeit erzählt Dr. Stotz Tom von seiner grossen Liebe Melody, die eines Tages, kurz vor der Hochzeit, einfach verschwunden ist, ihn aber ein Leben lang nicht mehr losgelassen hat. Nach Stotz’ Tod macht sich Tom mit Laura, der Grossnichte von Dr. Stotz auf der Suche nach der Wahrheit um die Geschichte mit Melody. Was ist wirklich passiert damals?5
Urs Bircher: Zorn und Freundschaft. Max Frisch 1911 – 1981Eine sehr umfassende, objektive Biografie, die das Leben und Schreiben Max Frischs in die politische Zeit der Schweiz und die kulturellen Gegebenheiten einbettet. Ohne Verklärung aber mit der nötigen Zugewandtheit zeichnet Urs Bircher das Bild dieses streitbaren, tiefgründigen, selbstreflexiven, neugierigen, dem Schreiben mit Akribie und Sprachgenauigkeit verfallenen Menschen. Er stützt sich dabei auf das Werk und auf Gespräche mit noch lebenden Weggenossen Frischs. Vermutlich für Schweizer Leser interessanter als für andere. 4
Max Frisch: AndorraEin Lehrer rettet Andri, vorgeblich einen jüdischen Jungen, von den Schwarzen jenseits der Grenze und zieht ihn als seinen Sohn auf. Andri wird von den Andorranern diskriminiert und mit Klischeevorstellungen überhäuft, die er schliesslich selbst glaubt – obwohl er eigentlich kein Jude ist, sondern der leibliche Sohn des Lehrers und einer Frau aus dem Land der Schwarzen. Als diese zu Besuch kommt, will der Lehrer Andri die Wahrheit sagen, doch dieser glaubt ihm nicht, dass er sein Sohn ist, zu sehr haben die Zuschreibungen sein Selbstbild geprägt. Schliesslich dringen die Schwarzen in Andorra ein, nehmen Andri mit und töten ihn. Ein Stück über Macht, Rassismus, Vorurteile und Identität. 5
Max Frisch: Homo FaberEin Techniker lernt auf einer Schiffsreise eine junge Frau, Sabeth, kennen. Die beiden reisen zusammen nach Rom, später nach Athen zu ihrer Mutter, Hanna, die Fabers frühere Freundin war. Dass Sabeth seine Tochter sein könnte, will er nicht sehen. Doch dann geschieht ein Unglück. Ein grossartiger Roman über das Leben, über Lebensentwürfe, über Schuld und Liebe.5
Layla AlAmmar: Das Schweigen in mirTag für Tag beobachtet die junge Frau die Nachbarn hinter ihren Fenstern in ihren Wohnungen. Es ist die einzige Form, wie Beziehungen zu Menschen für sie möglich sind. Sie kriegt Einblicke in die ganzen Gewohnheiten der einzelnen Menschen, in Leben, die so fern von ihrem eigenen sind. Selbst ist sie aus dem Krieg geflüchtet, aus Syrien mit Schleppern und zu Fuss, unter traumatischen Bedingungen in England gelandet. Es hat ihr förmlich die Sprache verschlagen. Für eine Zeitung soll sie ihre Erinnerungen an den Krieg und die Flucht festhalten, damit mehr Verständnis für die Situation von Flüchtlingen geschaffen werden kann. Nur: Wie könnte man das je verstehen?   4

Hier noch der Link zum Youtube-Video:

https://www.youtube.com/watch?v=gxjjz1U7sgU

Gespräche mit Max Frisch: Utopien

«Ob es die Utopie ist von einer brüderlichen Gesellschaft ohne Herrschaft von Menschen über Menschen oder die Utopie einer Ehe ohne Unterwerfungen, die Utopie einer Emanzipation beider Geschlechter; die Utopie einer Menschenliebe, die sich kein Bildnis macht vom ändern, oder die Utopie einer Seligkeit im Kierkegaard’schen Sinn, indem uns das allerschwerste gelänge, nämlich daß wir uns selbst wählen und dadurch in den Zustand der Freiheit kommen; die Utopie einer permanenten Spontaneität und Bereitschaft zu Gestaltung-Umgestaltung (nach Johann Wolfgang Goethe: Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung), alles in allem: die Utopie eines kreativen und also verwirklichten Daseins zwischen Geburt und Tod – eine Utopie ist dadurch nicht entwertet, daß wir vor ihr nicht bestehen. Sie ist es, was uns im Scheitern noch Wert gibt. Sie ist unerläßlich, der Magnet, der uns zwar nicht von diesem Boden hebt, aber unserem Wesen eine Richtung gibt in schätzungsweise 25000 Alltagen. Ohne Utopie wären wir Lebewesen ohne Transzendenz.»

(Max Frisch in seiner Dankensrede anlässlich des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1976)

Als ich ein Kind war, spielte ich gerne mit Lego. Ich hatte immer ausgefallene Ideen, was ich bauen wollte (es gab noch nicht so viele fertige Bausätze mit seitenlangen Bauanleitungen) und versuchte dann, dies umzusetzen. Mein Vater wollte mir immer helfen, mir zeigen, wie es geht, doch das machte mich wütend. Ich wollte es selbst herausfinden. Mein Vater hat mir bis ins Erwachsenenalter vorgeworfen, dass ich mir schon als Kind nicht helfen lassen wollte. Zwar stimmt das nicht ganz, da ich durchaus Hilfe annehme, wo ich etwas nicht selbst kann (oder können will), aber nicht da, wo ich der Überzeugung bin, es selbst zu schaffen.

In der Fachsprache gibt es den Begriff der Selbstermächtigung. Das bedeutet, Strategien zu entwickeln, die dem einzelnen Menschen helfen, autonom und selbstbestimmt ihr Leben zu leben und ihre Herausforderungen zu meistern. In meinen Augen ist das ein zentraler Aspekt des Menschseins. Darauf baut die Selbstachtung, das Selbstbewusstsein, und auch die Würde auf. Menschen, die nicht wissen, dass sie selbst etwas bewirken können, fühlen sich (und sind meist auch wirklich) Opfer der Umstände und damit hilflos und abhängig von anderen. Dieses Gefühl der eigenen Ohnmacht beeinträchtigt das Selbstbild und nagt an der Selbstachtung.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand sich als Opfer sehen will, es sei denn, er verspricht sich von dem Status etwas. Was ich mir aber gar nicht vorstellen kann und will, ist, dass jemand zum Opfer gemacht werden möchte. Wenn ich allerdings die aktuellen Diskussionen um Geschlechterakzeptanz, Diskriminierung und Rassismus verfolge, scheint genau das zu passieren: Es werden Täter und Opfer zementiert. Nehmen wir das Beispiel des Rassismus:

Eine aktuell populäre Sicht bei der heutigen Thematisierung von Rassismus (die ursprünglich aus den Staaten zu uns kam) ist, dass Weisse aufgrund ihrer Hautfarbe per se rassistisch seien, weil es Weisse waren, die in der Geschichte die Schwarzen unterdrückt haben. Rassismus ist so gesehen in die Gene eingebrannt, es gibt kein Entkommen.

Diese Sicht zementiert nicht nur die Fronten schwarz-weiss, sie macht Schwarze auch zu ewigen Opfern. Wenn dem Weissen der Täterstatus eingebrannt ist, ist es dem Schwarzen das Opfertum. Tun wir jemandem damit einen Gefallen oder macht diese Sicht irgendetwas besser? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Menschen, so gesehen, wird auf diese Weise die Würde abgesprochen (auf beiden Seiten). Diese Argumentation leugnet, dass Menschen frei sind, sich zu ändern – darauf gründet unter anderem ihre Würde. Avishai Margalit schreibt in seinem Buch „Politik der Würde“:

„der grundlegende Respekt vor jedem einzelnen orientiert sich an dem, was er in Zukunft tun könnte, nicht an dem, was er in der Vergangenheit getan hat. Achtung ist dem Menschen nicht dafür zu zollen, in welchem Grad er sein Leben tatsächlich zu ändern vermag, sondern allein für die Möglichkeit der Veränderung.“

Margalit fährt fort, dass ein Mensch nicht durch seine Vergangenheit determiniert (wenn auch durchaus geprägt), sondern zu jedem Zeitpunkt frei ist, sich und sein Verhalten zu ändern. Wenn dies schon für das eigene Verhalten gilt, wie viel grösser muss also die Möglichkeit einer Veränderung über Generationen sein, in denen durchaus ein Denkprozess stattfand und auch Massnahmen zur Abschaffung von Rassismus erfolgreich durchgesetzt wurden. Leider ist er noch lange nicht aus der Welt, nur denke ich, es bedürfte eines Miteinanders und keiner neuen Fronten, diesen Weg erfolgreich weiterzugehen.

Ich bin der Meinung, es ist wichtig, genau hinzuschauen, wo heute noch strukturelle Benachteiligungen existieren. Diese dürfen nicht hingenommen werden. Die davon Betroffenen sollten aber nicht nur Opfer sein, sondern selbst Akteure. Sie sollten nicht nur von den anderen Veränderungen erwarten, sondern sich auch selbst in der Möglichkeit sehen, aktiv zu werden. Als Teil eines Ganzen mit anderen Teilen. Dafür ist ein Miteinander wichtig, Fronten schaden mehr. Es muss ein Raum geschaffen werden, in welchem es möglich ist, für die eigenen Rechte und gegen Benachteiligungen einzustehen. Dann gibt es keine Täter und Opfer durch von aussen definierte Kriterien, sondern eine gemeinsame Welt mit gemeinsamen Werten und Zielen, welche von allen miteinander gestaltet wird. Eine Welt, in der jeder seinen Platz hat.

Eine Utopie? Ich mag Utopien… und ich glaube, sie könnten oft verwirklicht werden. Und ich glaube, dass die Utopie das ist, was uns immer wieder antreibt, weil wir an etwas glauben, es als machbar sehen, unseren Platz in dem Vorhaben wahrnehmen und als ausfüllbar erachten. Wir sind als Ganze Teil eines Ganzen. Diese Doppelrolle wollen wir ausfüllen, denn nur durch diese sind wir ganz Mensch. Und weniger sollte kein Mensch sein müssen.