Brigitte Reimann: Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955 – 1963

Eine junge Frau schreibt Tagebücher. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, viele jungen Mädchen und Frauen tun es, auch einige Jungs und Männer. Es gibt Veröffentlichungen vieler Tagebücher von Schriftstellern, die Bandbreite des Inhalts reicht von Tagesbeobachtungen und Notizen zu Befindlichkeiten (man denke an Thomas Mann) über Schaffensprotokolle (derselbe),  bis hin zu hochphilosophischen Gedankengängen (Georg Lichtenberg, Hannah Arendt, Ayn Rand und viele mehr). Die Frage, ob solche Tagebücher, die eigentlich privat verfasst wurden, veröffentlicht werden sollten, kann sich moralisch stellen, wenn der Schreiber der Veröffentlichung nicht explizit zugestimmt hat, sie stellt sich aber auch im Hinblick auf den zu erwartenden Wert und Sinn für den Leser.

Beides ist für mich bei den vorliegenden Tagebüchern sehr in Frage gestellt. Als Leser wird man über Seiten mit spätpubertär anmutenden Liebesphantasien und -eskapaden einer jungen Frau überflutet. Jeder Mann ist ein potenzieller Liebhaber, entpuppt sich mehrheitlich als sehr angetaner Verehrer, und das schwache Weib kann nicht widerstehen, gibt sich hin, prahlt im Tagebuch einerseits mit ihrer Wirkung und kokettiert mit gespielter (für wen eigentlich) Selbstkritik. Dass dann und wann ein paar tiefgründige Gedanken einfliessen, wiegt die Sache leider bei Weitem nicht auf.

Diese endlosen Liebeleien und Schwankereien zwischen Männern waren schlicht ermüdend. Es geht mir nicht um Sitte und Moral, jeder kann, wie er mag. Aber: Ich möchte das nicht lesen. Nun kann man sagen: «Kein Problem, kauf das Buch nicht.» Aber ich frage mich dann, was für eine Motivation gibt es, das zu drucken? Worauf zielt man ab? Literarischen Mehrwert wohl kaum. Auf den Voyeurismus der Menschen? Sex sells? Der neugierige Blick hinter die Schlafzimmergardinen anderer als Verkaufsmagnet, im Wissen, dass das zieht? Tut es das wirklich?

«Ich habe längst keine rechte Lust mehr, mich mit meinem Tagebuch zu beschäftigen – ist ja doch alles Schwindel. Die ganze Welt ist ein Gewebe von Lügen, man sollte sich aufhängen. Aber dazu hat man ja doch keinen Mut, so treibt es einen weiter, und manchmal bildet man sich ein, glücklich zu sein.»

Bei mir zog es nicht. Im Gegenteil. Es war das erste Buch, was ich von Brigitte Reimann las, und irgendwie habe ich gar keine grosse Lust mehr, nun eines ihrer Werke zu lesen. Brigitte Reimanns eigene fehlende Lust auf diese Tagebücher kann ich nachvollziehen, so ging es mir auch. An den Satz angehängt findet sich zwar eine der sehr seltenen tieferen Betrachtung, die den Menschen hinter all der oberflächlichen Liebelei durchscheinen lässt – leider sind diese Einsichten zu dünn gesät.

Persönliche Betrachtung
Beim Lesen der vorliegenden Tagebücher merkte ich eines: Grundsätzlich trenne ich Werk und Autor. Ich lese meist ein Buch und will dann mehr über den Autoren erfahren, wenn mich dieses begeistert hat. Wenn im Nachhinein Details über einen Autor bekannt werden, die diesen diskreditieren, tangiert das sein Bild als Mensch, nicht aber meine Begeisterung für ein Buch. Wenn sich aber eine Antipathie für einen Künstler entwickelt hat, fehlt mir die Motivation, seinen Werken Zeit zu widmen.

Wie geht euch das?

Zur Autorin und weiteren Mitwirkenden
Brigitte Reimann, geboren 1933 in Burg bei Magdeburg, war seit ihrer ersten Buchveröffentlichung freie Autorin. 1960 zog sie nach Hoyerswerda, 1968 nach Neubrandenburg. Nach langer Krankheit starb sie 1973 in Berlin. Veröffentlichungen: Ankunft im Alltag (1961), Die Geschwister (1963), Das grüne Licht der Steppen. Tagebuch einer Sibirienreise (1965), Franziska Linkerhand (1974). Außerdem die Briefwechsel mit Christa Wolf, Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen 1964-1973 (1993), mit Hermann Henselmann, Mit Respekt und Vergnügen (1994), Aber wir schaffen es, verlaß Dich drauf. Briefe an eine Freundin im Westen (1995) und mit Irmgard Weinhofen, Grüß Amsterdam. Briefwechsel 1956-1973 (2003), sowie die Tagebücher Ich bedaure nichts (1997) und Alles schmeckt nach Abschied (1998). Aus dem Nachlaß: Das Mädchen auf der Lotosblume. Zwei unvollendete Romane (2003). Zuletzt erschienen Jede Sorte von Glück. Briefe an die Eltern (2008) und Post vom schwarzen Schaf. Geschwisterbriefe (2018).

Angela Drescher, geboren 1952, ist Lektorin und gab Werner Bräunigs Roman „Rummelplatz“ heraus, außerdem die Tagebücher Brigitte Reimanns und die ungekürzte Neuausgabe des Romans „Franziska Linkerhand“.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Aufbau; 1. Edition (14. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 592 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3351041861

Heinrich Mann (27. März 1871 – 11. März 1950)

Heinrich Mann wird am 27. März 1871 als erstes Kind einer Lübecker Kaufmannsfamilie geboren. Vier Jahre später kommt sein Bruder Thomas zur Welt, später die Schwestern Julia und Carla und schlussendlich der kleinste Bruder Viktor.

Mit 13 beschliesst Heinrich Mann, Schriftsteller zu werden und setzt dies auch gegen die Wünsche seines Vaters durch, welcher ihn lieber in einem Jura-Studium sähe. Heinrich Mann bricht das Gymnasium ab und wird ein Suchender. Nach einer abgebrochenen Buchhandelslehre (begonnen nur als Kompromiss mit dem Vater) arbeitet er kurz in einem Verlag, belegt einige Vorlesungen an der Uni und begibt sich danach auf Reisen. Wie tief die Ablehnung der Schriftstellerwünsche Heinrich Manns durch den Vater gehen, zeigt dessen Testament 1891:

„Soweit sie (die Vormünder) es können, ist den Neigungen meines ältesten Sohnes zu einer literarischen Thätigkeit entgegenzutreten. Zu gründlicher, erfolgreicher Thätigkeit in dieser Richtung fehlen im m. E. die Vorbedingnisse: genügendes Studium und umfassende Kentnisse. Der Hintergrund seiner Neigungen ist träumerisches Sichgehenlassen und Rücksichtslosigkeit gegen andere, vielleicht aus Mangel am Nachdenken.“

Heinrich Mann hält an seinem Wunsch fest, er schreibt Erzählungen, poetische Texte, Rezensionen und später auch politische Essays. Nach Heinrich Manns eigenen Aussagen soll sein Vater kurz vor seinem Tod doch noch den Segen für diesen Weg gegeben haben.

1904 schreibt er seinen ersten Roman, „Professor Unrat“ erscheint ein Jahr später, stösst aber in Lübeck auf Schweigen oder Kritik. Erst die Übersetzungen und die spätere Verfilmungen bringen den Erfolg.

1902 beginnt Heinrich Mann mit der Arbeit an seinem Roman „Der Untertan“, welcher aber erst 1915 erscheinen wird, allerdings nur auf russisch (es gab eine deutsche Privatausgabe, weil die Zensur die Veröffentlichung in Deutschland verunmöglichte). Erst nach dem Krieg war 1918 auch eine Veröffentlichung in Deutschland möglich.

Die Beziehung zwischen den beiden Brüdern Thomas und Heinrich ist immer von Auf und Abs begleitet. Schon in Lübeck kommt es zu einem Zwist, als der Langsamschreiber Thomas (er schreibt pro Tag etwa eine Seite bis anderthalb) den Vielschreiber anfährt:

„Ich halte es für unmoralisch, aus Furcht vor den Leiden des Müssigganges ein schlechtes Buch nach dem anderen zu schreiben.“

Die Aussage mag sehr überheblich klingen, doch Heinrich Mann steht in der Folge wirklich im Schatten seines erfolgreichen Bruders. Trotzdem ist die Bruderverbindung auch eine enge, so reisen die beiden Brüder vor Ausbruch des ersten Weltkrieges auch zusammen nach Palestrina, in der Nähe von Rom, wo Thomas Mann an seinen Buddenbrooks schreibt.

1914 bricht der Kontakt völlig ab wegen unvereinbarer politischer Haltungen. Heinrich Mann lehnt den Krieg ab. Er warnt sogar in seinem Roman „Der Untertan“ vor dem wilhelminischen Obrigkeitsstaat mit seinem Militarismus und prangert die Haltung des „Deutschland über alles in der Welt“ aufs schärfste an:

„Auf dem Pferd dort, unter dem Tor der siegreichen Einmärsche und mit Zügen, steinern und blitzend, ritt die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! (…) Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in gegliederten Massen, als Neuteutonen, als Militär, Beamtentum, Kirche und Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisationen und Machtverbände kegelförmig hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend!“

Thomas Mann hingegen ist von der allgemeinen Kriegsbegeisterung erfasst und ruft freudig aus:

„…wie die Herzen der Dichter in Flammen standen, als jetzt Krieg wurde“

Eine wirkliche Versöhnung kommt erst 1922 zustande.

Die nächsten Jahre sind nicht einfach. 1923 stirbt die Mutter, 1927 nimmt sich seine Schwester Julia das Leben (schon der Suizid von Clara 1910 hat ihn tief erschüttert), 1930 kommt es zur Scheidung von seiner Frau, zu der Zeit kennt er Nelly Kröger, seine spätere Frau, bereits.

Nach seinem politischen Einsatz (gemeinsam mit Käthe Kollwitz und Albert Einstein) für einen Zusammenschluss der Kommunisten und der Sozialdemokraten gegen die Nationalsozialisten (das kostet ihn die deutsche Staatsbürgerschaft) verlässt Heinrich Mann 1933 Deutschland und geht nach Nizza.

1935 bis 1938 schreibt er an seinem Zweiteiler „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“. Er wird zum Gegenbild aller entarteten Führerfiguren auf dieser Welt stilisiert. Sogar Thomas Mann lobt das Buch in höchsten Tönen:

„…das Gefühl, es mit dem Besten, Stolzesten, Geistigsten zu thun zu haben, das die Epoche zu bieten hat. Das Buch ist gross durch Liebe, durch Kunst, Kühnheit, Freiheit, Weisheit, Güte, überreich an Klugheit, Witz, Einbildungskraft und Gefühl…“

Nach seiner Hochzeit mit Nelly Kröger 1939 fliehen die beiden mit Golo Mann und den Werfels 1940 in teilweise beschwerlichen Fussmärschen durch die Pyrenäen in die USA, wo er sich aber nie heimisch fühlt und der Erfolg ausbleibt, obwohl er ein Werk nach dem anderen schreibt. Es sind düstere Jahre und die Alkoholprobleme seiner Frau tragen sicher viel dazu bei. Unterstützung erhält er von seinem Bruder Thomas, dessen Werke übersetzt werden und der auch sonst grosse Erfolge feiern kann. Nelly Mann nimmt sich 1944 das Leben und Heinrich Mann stürzt in ein grosses Loch.

Erst im Jahr 1949 scheint es aufwärts zu gehen. Heinrich Mann wird zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt, er stirbt aber noch vor seiner Übersiedlung am 11. März 1950 in Santa Monica, Kalifornien.

Werke

  • 1891 Haltlos
  • 1894 In einer Familie
  • 1897 Das Wunderbare und andere Novellen
  • 1900 Im Schlaraffenland
  • 1905 Flöten und Dolche (Novellen)
  • 1905 Professor Unrat (Roman)
  • 1907 Zwischen den Rassen
  • 1912 Die grosse Liebe
  • 1917 Die Armen
  • 1918 Der Untertan
  • 1912 Diktatur der Vernunft
  • 1932 Ein ernstes Leben
  • 1949 Der Atmen

Peter Bichsel (24. März 1935)

Peter Bichsel wird am 24. März 1935 in Luzern geboren, später zieht die Familie nach Olten, wo Peter Bichsel ans Lehrerseminar geht und schliesslich bis 1968 als Lehrer tätig ist. Schon während dieser Zeit veröffentlicht er kleine literarische Werke, hauptsächlich Lyrik, aber auch Prosa. Die kleine Form bleibt seine erste Wahl, neben Kurz- und Kürzestgeschichten schreibt er viele Kolumnen. Peter Bichsel ist ein Mann der Widersprüche. Einerseits intellektueller Linker, andererseits sehr volksnah und patriotischen Anlässen wie Schwingfesten nicht abgeneigt. Er schreibt einerseits politische Reden und Aufsätze, andererseits Artikel für die Unterhaltungspresse.

In seinen Werken erzählt er kleine Alltagsgeschichten, teilweise nur Episoden in einer einfachen Sprache. Wenn man genau hinschaut, verstecken sich dahinter tiefe und hintergründige Gedanken.  

«Ich mag Bahnfahrten und ich mag sie vor allem, wenn sie zwecklos, also ziellos, sind und ins Nichts oder ins Irgendwo führen – die dauernde Flucht, aber abgesichert durch Geleise, die zurückführen nach dem Zuhause.»

Peter Bichsel geht es nicht so sehr ums Schreiben, sondern ums Erzählen. Bei diesem Erzählen ist er sich oft selber nicht sicher, ob das, was er erzählt, schon eine Geschichte ist, ob der Stoff es wert ist, erzählt zu werden. Authentisch, wie er ist, thematisiert er diesen Zweifel auch gleich selber, so zum Beispiel in seinem Band «Zur Stadt Paris»:

«In Langnau im Emmental gab es ein Warenhaus. Das hiess Zur Stadt Paris. Ob das eine Geschichte ist?»

Und später in dem Büchlein:

«Jemand hat diese Geschichte kürzlich erzählt, und wenn jemand diese Geschichte erzählt, dann meint er etwas damit, aber ich weiss nicht, was. Die Geschichte wird erzählt, wenn es um Kunst geht, eine Geschichte also, die abends erzählt wird, und eine Geschichte also, die so tut, als wäre sie selbstverständlich, eine Geschichte, die vom Zuhörer nichts anderes verlangt als ein Nicken…»

Wenn man an Peter Bichsel denkt, sieht man oft einen Mann vor sich, der in der Dorfbeiz am Stammtisch sitzt mit einem Glas Wein vor sich. Er wirkt dabei fast wie eine seiner Figuren aus seinen Geschichten, und vielleicht ist an diesem Bild genau so viel Wahres wie an den Geschichten. Viele von diesen Geschichten nehmen ihren Ursprung auch genau da – am Stammtisch. Wo wird mehr erzählt, wo sitzen Menschen zusammen und erinnern sich, freuen und ärgern sich? Und mittendrin sitzt Peter Bichsel und hört zu. Und schreibt später darüber.

Dass Peter Bichsel es liebt, zuzuhören und zu beobachten, zeigt sich deutlich in dieser Aussage, die Peter Bichsel im Filmporträt «Zimmer 202 – Peter Bichsel in Paris» machte:

«Ich bin jetzt erst mal hier. Ich muss eigentlich gar nichts unternehmen. Ich kann mich auch auf eine Bank setzen und eine Zigarette rauchen und zuschauen.»

Das tut er denn auch. Er bleibt seinem Alltags – Ich auch in Paris treu, sitzt bei einem Glas Wein im Café (nah bei seinem Hotel) oder schaut aus dem Fenster und lässt die Welt vor seinen Augen ihren Gang gehen, lässt die Geschichten zu sich kommen, die er dann irgendwann erzählen wird.

«Ich merke, wie ich immer erst eine Geschichte erzähle, bevor ich Ihre Frage beantworte…»

Das sagte Peter Bichsel in einem Gespräch mit Sieglinde Geisel. Und wir sitzen da, hören und lesen seine Geschichten, suchen und finden den Menschen darin und dahinter, und schreiben über ihn. Fast wird er so zu seiner eigenen Geschichte.

Werke

  • 1964 Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen (21 Kurzgeschichten)
  • 1969 Kindergeschichten (7 Kurzgeschichten)
  • 1969 Des Schweizers Schweiz (Aufsätze)
  • 1982 Der Leser. Das Erzählen. Frankfurter Poetik-Vorlesungen
  • 1985 Der Busant. Von Trinkern, Polizisten und der schönen Magelone
  • 1986 Irgendwo anderswo. Kolumnen 1980 – 1985
  • 1995 Ein Tisch ist ein Tisch
  • 1999 Cherubin Hammer und Cherubin Hammer (Erzählung)
  • 2004 Wo wir wohnen. Geschichten

Ingeborg Bachmann, Max Frisch: «Wir haben es nicht gut gemacht.»

Der Briefwechsel

Inhalt

«Wir wären ein Unheil füreinander. Aber auch so kein Heil.» (MF)

Diese Worte schreibt Max Frisch an Ingeborg Bachmann, nicht lange nach ihrem ersten Treffen, in dem schon die Ahnung lag, was kommen wird. Es muss eine grosse Liebe gewesen sein, die einschlug und beide ergriff. Und doch war wohl beiden bewusst, wie schwer es für jeden von ihnen selbst ist, mit einem anderen Menschen zu eng zusammen zu sein, wie schwer es durch denselben Beruf und auch die Öffentlichkeit, in welcher beide standen, sein würde.

«…Lass das nicht zu! Ich möchte mit Dir ans Ende gehen, und wenn Du mich verlassen musst, nie wieder lieben…» (MF)

Der Leser wird Zeuge eines verzweifelten Ringens von zwei Personen um die Lebbarkeit einer Liebe, er liest sich Zeile für Zeile durch Alltäglichkeiten, Hoffnungen, Abgründe, Schmerz und Liebe. Es waren zwei Königskinder, die zwar sich, aber nicht wirklich zueinander im Sinne eines Miteinanders fanden.

Der hier veröffentlichte Briefwechsel gewährt erstmals einen offenen Blick auf eine Beziehung, die von Mythen umgeben war. Vor allem auf der Seite der Bachmannanhänger existierte das Bild der zum Opfer eines Beziehungstyrannen gewordenen Frau. Die 3jährige Arbeit von vier Herausgebern, Bachmann- und Frisch-Experten, legen einen neuen Grundstein für einen neuen Blick sowohl auf die Lebens- und Beziehungswege sowie die Werkbezüge der beiden Autoren.

Gedanken zum Buch

«Jetzt weiss ich es aus Erfahrung, dass ich in deiner Liebe, uns wenn sie mir über Jahre erhalten bliebe, allein sein werde… Man kann nicht zuhause sein zu zweit und allein sein. Du wirst mich aber immer allein lassen.» (MF)

Max Frisch suchte die Zweisamkeit, er wollte die Liebe im Alltag präsent haben und sah sich mit einer Frau konfrontiert, die sich diesem Wunsch immer wieder entzog, die sich nicht einengen lassen wollte und wohl auch nicht konnte. Dies lag wohl in ihrem Naturell, welchem sie sich nicht entziehen konnte. Ihre Worte klingen anders:

«Es ist schwer für mich, weil ich so gerne etwas Ganzes möchte, etwas Kompromissloses mit Mann und Haus und Kind.» (IB)

Ingeborg wollte eigentlich alles, sie suchte die Liebe, sie brauchte sie, sie lechzte förmlich danach. Und doch konnte sie sie nicht so leben, sie konnte die Nähe nicht aushalten, floh immer wieder nach kurzer Zeit oder, wenn schon weg, verzögerte die Rückkehr. So lebten die beiden zwar in einem Haushalt, und waren doch sehr selten beide am gleichen Ort.

«…ich habe in der Liebe und durch die Liebe immer den Boden verloren und daher nie einen gehabt… ich werde, solange ich liebe, keinen Platz in der Welt finden, nie das bekommen, was ich am meisten ersehne, und darum wird alles, was ich sonst bekomme und wofür ich mich bemühe , dankbar zu sein, für immer ohne Glanz sein.» (IB)

Es klingt, als ob Ingeborg Bachmann resigniert hat, als ob sie Angst hat, die Liebe zu leben, wie sie sie gerne leben würde, aus Angst vor neuem Schmerz, wie sie ihn in der Vergangenheit erlebt hat. Indem sie sich also nicht auf Max Frisch einlassen kann, entzieht sie ihm das, was er wiederum bräuchte, um ihr das zu bieten, wonach sie sich tief drin sehnen würde. Und so drehen sich die beiden im Kreis eines sich gegenseitig befeuernden Entziehens, mit dem schlussendlich beide nicht zurechtkommen.

«Ich fand keine Brücke, keine Möglichkeit einer Brücke. Ich bin auf Brücken angewiesen, Du wahrscheinlich nicht. Ich zweifle nicht an deiner Liebe, Ingeborg, nicht an der Grösse deiner Liebe, wenn du liebst. Ich weiss nur, dass ich nicht beziehungslos lieben kann… Vielleicht weil bei mir die Leidenschaft nicht ausreicht, um sich selbst zu genügen. Ich kann nicht allein sein.» (MF)

Wir lesen diese Briefe mit steigernder Bestürzung, wir werden Zeuge eines Paares, das mit sich und mit dem anderen ringt, das leidet, kämpft und doch immer wieder resigniert. Wir lesen Liebesschwüre, Anschuldigungen, wir lesen Entschuldigungen und Selbstverteidigungen, wir lesen von Lösungsansätzen und Missverständnissen und sind tief in einer Zweierkiste der Dritte, irgendwie nicht ganz zu Recht da. Es stellt sich die Frage, ob es legitim ist, eine so intime Geschichte so nah mitzuverfolgen. Es stellt sich die Frage, ob wir als Voyeure dieses privaten Austauschs nicht zu weit gehen, eine Grenze überschreiten. Und doch gibt es diesen Briefwechsel, er ist gedruckt worden und das hatte Gründe, die vielschichtig sind.

Für die Literaturwissenschaft ist der Briefwechsel wohl ein Geschenk. Es sind Briefe von hohem literarischem Niveau, die nicht einfach nebenbei geschrieben, sondern regelrecht sprachlich komponiert sind. Man merkt den Briefen die Mühe und Sorge an, welche die Schreibenden einfliessen liessen. Die Briefe sind zudem ein weiterer Schritt zur Erschliessung zweier Werke, die durch diese Offenlegung einen neuen Schlüssel zu ihrer Interpretation erhalten.

«Ich möchte wieder lieben können – Dich und vieles und auch mich.» (IB)

Die vorliegende Korrespondenz ist nichtsdestotrotz privat und sie legt intime Gedanken und Gefühle zweier Menschen offen. Ingeborg Bachmann wollte aus diesem Grund nicht, dass die Briefe veröffentlicht werden, und Max Frisch hatte ihr testamentarisch zugesichert, dass dies nie passieren wird. Er hat später seine Meinung geändert und sie lediglich für eine bestimmte Zeit nach seinem Ableben gesperrt. Da diese Frist bald ausläuft, wären die Briefe bald öffentlich zugänglich. Diesen Umstand nennt Heinz Bachmann, Ingeborg Bachmanns Bruder, als eine Begründung, wieso er einer Veröffentlichung in diesem vorliegenden Rahmen zustimmte: so sei immerhin die sorgfältige und gewissenhafte Aufarbeitung gewährleistet. Dies ist auch gelungen. Ergänzt wird der Briefwechsel durch verschiedene sachkundige Kommentare der Herausgeber sowie einen ausführlichen Stellenkommentar.

«Wir haben es nicht gut gemacht.»

Was Frisch hier zum Ausdruck bringt, kann als sachliches Fazit gesehen werden. Wer die Briefe gelesen hat, weiss, dass keiner der beiden so sachlich gewesen ist, was diese Beziehung anbetraf. Beiden ging sie tief, beide litten sie, beide nagten am Ende und zogen ihre Wunden ins weitere Leben hinein. Als Leser bleibt man tief betroffen und auch nachdenklich zurück. Das ist kein Buch, das man einfach mal durchliest und beiseitelegt. Es hallt nach.

Fazit
Ein bewegendes, berührendes, ab und zu auch bedrückendes Buch, das einen neuen Schlüssel zur Erschliessung von Leben und Werk zweier grossartiger Schriftsteller liefert.

AutorInnen und Herausgebende
Ingeborg Bachmann, geboren am 25. Juni 1926 in Klagenfurt, wurde durch einen Auftritt vor der Gruppe 47 als Lyrikerin bekannt. Nach den Gedichtbänden Die gestundete Zeit (1953) und Anrufung des Großen Bären (1956) publizierte sie Hörspiele, Essays und zwei Erzählungsbände. Malina (1971) ist ihr einziger vollendeter Roman. Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Max Frisch, geboren am 15. Mai 1911 in Zürich, arbeitete zunächst als Journalist, später als Architekt, bis ihm mit seinem Roman Stiller (1954) der Durchbruch als Schriftsteller gelang. Es folgten die Romane Homo faber (1957) und Mein Name sei Gantenbein (1964) sowie Erzählungen, Tagebücher, Theaterstücke, Hörspiele und Essays. Frisch starb am 4. April 1991 in Zürich.

Hans Höller war bis 2012 Professor für Neuere Deutsche Literatur am Fachbereich Germanistik der Universität Salzburg und bis 2020 einer der Gesamtherausgeber der Salzburger Bachmann Edition. Er ist Verfasser zahlreicher Bücher zur zeitgenössischen Literatur, Mitherausgeber mehrerer Bände der Thomas-Bernhard-Werkausgabe und der Jean-Améry-Ausgabe.

Renate Langer ist Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Salzburg, Herausgeberin der Bände 3 und 6 der Thomas-Bernhard-Werkausgabe und Herausgeberin mehrerer Bände der Salzburger Bachmann Edition.

Thomas Strässle ist Professor für Neuere deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Zürich und Leiter des transdisziplinären Y Instituts an der Hochschule der Künste Bern. Er ist Präsident der Max Frisch-Stiftung.

Barbara Wiedemann, Literaturwissenschaftlerin mit editionsphilologischem Schwerpunkt, Lehrbeauftragte an der Universität Tübingen, Herausgeberin von Werken und Briefen Paul Celans, quellenkritische Studien zu Paul Celan im Kontext der zeitgenössischen Literatur (u. a. von Ingeborg Bachmann und Nelly Sachs).

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Suhrkamp Verlag; 3. Edition (21. November 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 1039 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3518430699

Caroline Schmitt: Liebewesen

Inhalt

«Wer sein Herz an Lebewesen hängt, kann nur verlieren, dachte ich.»

Lio lernt Max kennen, zwei Menschen kommen zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Was sie verbindet: Sie sind beide auf ihre Weise verletzte Seelen. Während Max aber offen durch die Welt geht, so auch versucht, in Lios Welt einzudringen, ist Lio verschlossen und versucht krampfhaft, ihn draussen zu halten. Zu gross sind ihre Ängste, zu tief die Verletzungen ihres vergangenen Lebens. Die Bestrebungen, näher zusammenzuwachsen, zeigen langsam Früchte, doch dann wird Lio schwanger und alles verändert sich erneut.

Gedanken zum Buch

«Zuerst war ich meiner Mutter der Dorn im Auge, der ihre Zweisamkeit zerstörte, dann der Dorn, der ihre Nippel wund biss, anstatt daran zu saugen, und dann der Dorn, der ihr das Geld aus der Tasche zog.»

Lio wächst mit dem Gefühl auf, ungewollt zu sein. Die Botschaft, fehl am Platz zu sein, eine Last und überflüssig, hat sich tief in ihre Seele eingegraben. Die Schläge und Übergriffe in der Kindheit und Jugend haben tiefe Narben hinterlassen, sie haben dazu geführt, dass Lio eine dicke Mauer aus Ironie, Zynismus und Distanz um sich aufgebaut hat, hinter der sie sich versteckt und mit der sie sich schützen will. Nun verletzt nur noch sie selbst sich immer wieder – auf allen Ebenen.

«Ich war der unentspannteste und hässlichste Mensch, der je unter ihm gelegen hatte. Ich wollte raus aus dieser Situation und raus aus diesem Körper, nicht nur für den Moment, sondern für immer, ich wollte sterben, aber den Gefallen tat mein Körper mir nicht.»

Lio leidet an sich selbst und an den Erfahrungen, die sich so tief in ihren Körper und ihre Seele eingebrannt haben, dass sie sie von innen heraus zu verbrennen scheinen. Das Gefühl, nichts wert zu sein, lässt sie daran zweifeln, dass jemand sie lieben könnte. Ihr Körper ist ihr so fremd, dass sie ihn lieber zerstören würde, als dass sie ihn geniessen kann. Max will ihr helfen, er will ihr einen Weg zu sich selbst zurück zeigen. Er will mit ihr über das sprechen, was sie an den Punkt gebracht hat, wo sie heute ist. Doch auch Max hat seine Verletzungen und Abgründe, die regelmässig die Beziehung erneut auf eine grosse Probe stellen.

«Vielleicht krachen nicht wir gegeneinander, sondern die Welten, aus denen wir kommen.»

Wir sind, wer wir wurden, weil wir erlebten, was uns begegnete im Leben. Was wir in der Kindheit erfahren, zieht seine Fäden ins Erwachsenenleben und wirkt durch uns hindurch. Es ist schwer, das abzulegen. Und so prallen mitunter Welten aufeinander, die aus einer anderen Zeit stammen und in der heutigen nicht zusammenpassen. Das müssen auch Lio und Max mit der Zeit anerkennen.

«…mir ist im Laufe der Zeit immer klarer geworden, was mit mir alles nicht stimmt. Wenn ich dich anschaue, sehe ich mein Versagen.»

Es sind Beziehungen, die uns zeigen, wer wir sind. Erst durch ein Du erfahren wir das Ich in all seinem Sein und Tun wirklich. Der Partner wirkt gleichsam als Spiegel, der einem vorgehalten wird. Das macht das Zusammensein mitunter schwer. Das müssen auch Lio und Max erkennen und einen Weg suchen, wie sie damit umgehen wollen und können.

«Liebewesen» ist ein tiefgründiges Buch, das grundlegende Themen des Lebens aufgreift. Es geht um das eigene Werden und Sein, um Vertrauen, Verrat, Verletzungen und (Selbst-)Zerstörung. Es geht um Liebe und Tod, um Neuanfänge und Enden. Es ist ein Buch über das Schweigen und die Sprachlosigkeit in Bezug auf das, was schmerzt. Es ist die Geschichte zweier Menschen, die tief verletzt und doch tapfer einen gemeinsamen Weg suchen und gehen wollen. Es ist dadurch auch ein Buch voller Hoffnung. Caroline Schmitt nähert sich all diesen Themen auf eine leichte und oft auch humorvolle Weise, ohne dabei den Ernst zu verdecken. Es gelingt ihr, die eigentlich schweren Themen in eine flüssig lesbare Form zu bringen, so dass sie nicht erschlagen beim Lesen, sondern einen in den Bann ziehen, weil immer wieder die Hoffnung da ist, dass es einen Weg gibt, all das Schwere hinter sich zu lassen, so dass doch noch alles gut kommt. Was auch immer gut bedeuten mag.

Fazit
Ein tiefgründiges, nachdenkliches, aber auch humorvolles Buch über die Beziehung zweier verletzter Seelen, die mit den eigenen Abgründen kämpfen und auf eine bessere Zukunft hoffen.

Zur Autorin
Caroline Schmitt, Jahrgang 1992, studierte Journalismus an der University of the Arts London. Sie lebt in Berlin und arbeitet als freie Journalistin für Deutsche Welle, ZDF und funk. LIEBEWESEN ist ihr erster Roman.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Eichborn; 2. Aufl. 2023 Edition (27. Januar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3847901303

Julia Schoch: Das Vorkommnis

Zum Inhalt

«Wir haben übrigens denselben Vater.
In meiner Erinnerung bricht mir bei diesem Satz der Füller aus. Die Feder entgleist, und es entsteht eine lange, tiefe Linie auf dem Papier. Eine Linie des Schocks. Als wäre ich mitten in der Unterschrift von einer Kugel getroffen worden.»

Bei einer Lesung steht eine fremde Frau vor dem Lesepult der Autorin und sagt, sie hätten beide denselben Vater. Danach verschwindet sie wieder, lässt die Autorin mit all ihren Gedanken, die sie mit nach Amerika und wieder zurück nach Deutschland nimmt, allein.

Gedanken zum Buch

«Nie weiss an genau, in welcher Gegenwart man lebt. Manchmal sind wir lange Zeit in Gedanken woanders, bei Menschen und Geschehnissen aus einer anderen Zeit, anderen Räumen.»

Wir folgen der Ich-Erzählerin, einer Autorin, von Deutschland nach Amerika und zurück. Noch viel mehr aber folgen wir ihren Gedankengängen, dem Reisen durch viele Orte und noch mehr Zeiten. Es ist ein Pendeln innerhalb einer Geschichte, in welcher die Vergangenheit sich in die Gegenwart eingräbt und diese prägt. Es ist das verfolgen von Erinnerungen, die sich doch nie als wirklich verlässlich zeigen, die immer auch wieder in Zweifel gezogen werden.

«Trotzdem oder gerade deshalb habe ich dem Vergessen immer grosse Sympathien entgegengebracht. Ich glaube, ich hatte viel übrig für das Schweigen.»

Und manchmal sind da keine Erinnerungen. Oder sie tauchen auf, während sie lange verschollen waren. Es ist ein Hinterfragen dessen, was präsent ist, ein Infragestellen der eigenen Sicht auf sich und das Leben mit all seinen gelebten und ungelebten Beziehungen und Bezugnahmen.

«Es ist leicht, über etwas nicht zu reden. Zu glauben, dass die Dinge ihre bedrohliche Kraft verlieren, wenn man nicht darüber spricht. Zu hoffen, dass alles schwächer und blasser wird, je mehr Zeit vergeht.»

Manchmal ist es vielleicht nicht mal ein Vergessen, sondern ein (aktives?) Verdrängen. Die Dinge, die nicht fassbar scheinen, die überfordern wollen, die nicht in das eigene gemachte Leben passen, werden ausgeblendet. In diesem Ausblenden erhofft man sich Ruhe, erhofft man sich, dass das, was nicht passt, verschwindet durch das Nicht-Erinnern, dadurch, dass nicht zur Sprache kommt, keine Sprache hat.

«Damals dachte ich unentwegt daran, was noch im Verborgenen liegen könnte oder jemals im Verborgenen gelegen hatte. Auch die Beziehung zu meinem Mann, die mir bis dahin als die grösste Liebesgeschichte des späten 20. Jahrhunderts erschienen war, bekam Risse – allein dadurch, dass ich über sie nachdachte.»

Wir richten uns in unserem Leben ein, welches wir zu kennen glauben. Wenn wir merken, dass wir nicht alles erfasst haben, dass sich unter der Decke des Bekannten Unbekanntes verbirgt, welches plötzlich hervorbrechen kann, bringt das eine Unsicherheit in die vormalige (Schein-)Sicherheit. Das bislang Bekannte erscheint als Illusion, als Ausschnitt von etwas Grösserem oder Anderem, das wir vielleicht nur noch nicht kennen, das aber ebenso über uns hereinbrechen und alles durcheinander bringen könnte.

«Aber selbst wenn man es schafft, wenn man die passenden Worte findet, ist das Schreiben eine Art Verdrängung, immer. Da es die Dinge in einem neuen Licht erscheinen lässt. Man lebt fortan mit einer neuen Version seiner selbst.»

«Das Vorkommnis» ist ein nachdenkliches, ein tiefgründiges Buch, ein Buch, welches das Leben hinterfragt. Es ist ein Buch über Herkunft, über Beziehungen, über Familie und den Wert von Erinnerungen. Es ist aber auch immer wieder ein Buch über die Verarbeitung all dessen, was man im Leben antrifft, was in dieser Geschichte vielfach über das Schreiben und die Reflexion dieses Schreibens passiert.  Julia Schoch lässt uns durch die Protagonistin, die namenlose Ich-Erzählerin eintauchen in die Welt und vor allem die Gedanken einer Frau, die durch ein Vorkommnis, das unerwartete Auftauchen einer bislang unbekannten Schwester, aus der Bahn geworfen wird und plötzlich nicht mehr weiss, ob sie bisher überhaupt in einer drin war. Als Leser findet man sich unweigerlich in einem Dialog zwischen den Gedanken der Protagonistin und den eigenen.

Fazit
Ein grossartiges Buch darüber, wie ein einzelner Augenblick das ganze Leben verändern kann – zum Nachdenken anregend, tiefgründig, ein Buch, das einen von der ersten bis zur letzten Seite in den Bann zieht.

Zur Autorin
Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren, aufgewachsen in der DDR-Garnisonsstadt Eggesin in Mecklenburg, gilt als »Virtuosin des Erinnerungserzählens« (FAZ) und bekam für ihre von der Kritik hochgelobten Romane und Erzählungen schon viele Preise, zuletzt den Schubart-Literaturpreis für ihren Roman ›Das Vorkommnis. Biographie einer Frau‹. Für ihr schriftstellerisches Gesamtwerk wurde ihr 2022 die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung verliehen. Sie lebt in Potsdam.

Ebenfalls von ihr erschienen: «Das Liebespaar des Jahrhunderts»

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 1. Edition (16. Februar 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423290210

Prägende Bücher

Ich hörte eine Zeit lang den Podcast «Das Lesen der anderen», in welchem Menschen ihre fünf prägendsten Bücher vorstellten. Es blieb natürlich nicht aus, dass ich mir über meine Gedanken machte. Ich hatte vier auf Anhieb, es war kein Nachdenken nötig, kein Zögern fand sich ein. Das fünfte machte es mir schwer. Ich überlegte, ich kam nicht drauf, bis ich bei mir dachte, dass dies wohl das ist, was mich ausmacht: Das fünfte gibt es wohl, nur wechselt es immer mal wieder, je nach Alter, Zeit, Lust und Laune. Es gibt so vieles in der Welt, das interessant ist, so dass es mir oft schwerfällt, mich ein für alle Mal festzulegen, unwiderruflich (einige wenige Ausnahmen bestätigen die Regel). Und: Es wäre unfair all den Büchern gegenüber, die ich noch lesen wollte: Meine fünf Plätze wären belegt, da käme nichts mehr dafür in Frage. 

Wieso aber die gewählten vier Bücher?
– Mit «Grimms Märchen» fing alles an. Ich kriegte sie vorgelesen, ich liebte die Geschichten, allen voran «Der eiserne Heinrich», den ich mir immer wieder neu wünschte als Gute-Nacht-Geschichte. 
– Thomas Mann, Doktor Faustus: Ich habe das Buch gelesen, zerlesen, analysiert, damit gelebt in der Zeit meiner Masterarbeit. Die Zeit war durchtränkt von Thomas Mann und der Master ein erstes Etappenziel eines Traums, den ich schon als kleines Mädchen hatte: Studieren. 
– Goethes Faust: Ich las es wieder und wieder, dieses Streben nach Erkenntnis, nach Verstehen, dieses Verzweifeln oft auch am Leben und seinen Beschränkungen, die ich so gut kannte, haben mich immer wieder neu eingenommen – und die Sprache, die Kunst dahinter. 
– Rilke: Das Buch ist zerlesen, durchgearbeitet, es ist mein Begleiter seit vielen Jahren und immer wieder auch Zuflucht, wenn ich auf der Suche nach etwas Schönem, Tröstenden, Tiefen bin. 

Was sind für euch prägende Bücher?

Annie Ernaux: Der junge Mann

Inhalt

«Er entriss mich meiner Generation, aber ich gehörte nicht zu seiner.»

In den Fünfzigern beginnt sie eine Affäre mit einem 30 Jahre jüngeren Mann. Mittlerweile gut situiert führt er sie zurück in die sozialen Schichten ihrer Vergangenheit, sie lebt ihr erinnertes Leben neu. Dabei wird ihr mehr und mehr klar, dass sich das so nicht ewig leben lässt.

Gedanken zum Buch

«Wenn ich die Dinge nicht aufschreibe, sind sie nicht zu ihrem Ende gekommen, sondern wurden nur erlebt.»

Es war wohl Susan Sontag, die schrieb, sie müsse ihr Leben aufschreiben, um es zu verstehen. Oder war es Joan Didion? Auf jeden Fall finden sich so ähnliche Schreibmotive bei vielen Autoren und Autorinnen. Erst das geschriebene Wort verleiht dem Erlebten eine fassbare Realität, eine, die feststeht, im wahrsten Sinne des Wortes festgeschrieben und damit festgehalten ist. Liest man dieses Buch allein ohne Kenntnis der weiteren Schriften von Annie Ernaux, könnte man diesen Satz dahingehend interpretieren, dass das Leben bislang ein verflossenes, ein nur erlebtes war, dass es erst durch die Wiederholung und das Erinnern und nun Aufschreiben zu einem realen wird, das mit dem Akt des Aufschreibens auch zu einem Ende kommt.

«Ich war alterslos und trieb in einem halbbewussten Zustand zwischen verschiedenen Zeiten hin und her.»

Die Protagonistin befindet sich in ihrer Lebensmitte, viele Jahre liegen hinter ihr, einige vor ihr. Durch die Konfrontation mit einem jungen Mann, der in seinem Leben an einem anderen Punkt steht, lebt sie einerseits das Leben hier und heute mit ihm, aber sie er-lebt auch ihr vergangenes Leben neu durch ihre Erinnerung. In nur wenigen Sätzen, Gedankenfetzen, die aus dem Moment entstehen und zurück weisen in die Jugend, die Kindheit, entwickelt sich das Bild eines ganzen Lebens. Das unangepasste Mädchen von damals schimmert ins Heute hinein, die verflossene Ehe flackert in Bruchstücken auf.

«Er war Träger der Erinnerungen an meine erste Welt.»

Es ist ein Mäandern zwischen den Zeiten und auch zwischen den verschiedenen Welten, zwischen ihrer Welt hier und heute, seiner Welt heute und ihrer von früher. Wenn Erinnerungen zu präsent werden, kommt es mitunter vor, dass sich die Zeiten vermischen und nicht mehr klar ist, in welcher man sich gerade befindet.

«Mit ihm durchlief ich alle Alter des Lebens, alle Alter meines Lebens.»

In der gefühlten Zweisamkeit hören die Unterschiede auf, welche zu sein. Sie zeigen sich umso mehr im Alltag, am deutlichsten aber durch den Blick von aussen, wie er den beiden auf der Strasse, in der Öffentlichkeit begegnet. Einerseits wird durch diesen klischeebehafteten Blick bewusst, dass man sich ausser der Norm befindet, andererseits zeigt er nur deutlich, was tief drin immer wieder aufkommt: Das Gefühl, dass diese Verbindung nicht ewig dauern wird, zu verschieden sind die Welten. Herrschte am Anfang noch der Zauber des Neuen, des Wilden, auch des Verbotenen vor, hört dieser Zauber der Verklärung langsam auf und der Blick wird nüchterner.

Fazit
Ein kleines Buch mit grossem Inhalt, enthält es doch ein ganzes Leben in ungewöhnlicher Dichte.

Zur Autorin und zur Übersetzerin
Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Romane sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Nobelpreis für Literatur.

Sonja Finck übersetzt aus dem Französischen und Englischen, darunter Bücher von Jocelyne Saucier, Kamel Daoud, Chinelo Okparanta und Wajdi Mouawad. Für ihre Ernaux-Übersetzungen wurde sie mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Suhrkamp Verlag; 1. Edition (16. Januar 2023)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 48 Seiten
Übersetzung‏ : ‎ Sonja Finck
Originaltitel ‏ : ‎ Le jeune homme
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3518431108

Ingeborg Bachmann/Max Frisch: „Wir haben es nicht gut gemacht“

Lesegedanken zum Briefwechsel

Langsam lese ich mich durch die Briefe hindurch, tauche ein in diese verzweifelte Sehnsucht nach Liebe von Ingeborg Bachmann. Ich habe viel gelesen über sie, von ihr, und doch öffnet dieses Buch einen neuen Blick auf alles. Zu sehen, wie sie hängt zwischen den Stühlen, wie sie vergeblich versucht, sich zu erklären, dann sich zu lösen, dann wieder aufgibt und der Trauer freien Lauf lässt, dem Unverständnis, wie es hat kommen können, wie es ist. All das berührt mich sehr, bewegt mich, zieht mich mit und in das Buch hinein. Sie wächst mir ans Herz, mehr und mehr.

Ein tiefes Buch, keines, das sich einfach weglesen lässt, keines, das ich einfach so nebenbei lesen kann und will. Ich möchte es leben, mitleben, erleben, erfühlen.

Und doch kommt ab und zu der Gedanke auf: Das war nicht für mich bestimmt. Und doch kann ich mich dem nicht entziehen. Ich versuche, dem Buch, dem Inhalt, den beiden Menschen dahinter, mit dem nötigen Respekt und einer wertungsfreien Offenheit zu begegnen. Ich versuche, dem Vertrauen, das sie mir schenken müssten, sich mir so zu offenbaren, gerecht zu werden.

Und immer wieder staune ich, was Bücher bewirken können, was sie bewegen, auslösen können. Und ich bin dankbar, habe ich die Möglichkeit, immer wieder in diese Welten einzutauchen.

Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in Rosa

Zum Inhalt

«Man kann dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben.» (Chinesische Weisheit)

Oskar wird sterben. Er ist zehn Jahre alt und hat Leukämie. Im Spital besucht ihn die ehemalige Catcherin Madame Rosa, sie erzählt ihm von Gott, an den Oskar nicht glauben mag – wieso wäre sein Leben sonst so, wie es ist? Trotzdem folgt er ihrem Rat und beginnt, Gott Briefe zu schreiben, in denen er alles aufschreibt, was ihn bewegt, was ihm wichtig ist, was er sich wünscht. Er schreibt über sein Leben, das er nun schneller leben muss, über seine Liebe, über seine Eltern. Und er lebt sein Leben aus vollem Herzen – ein ganzes Leben in wenigen Tagen.

Gedanken zum Buch

«Man tut immer so, als käme man nur in ein Krankenhaus, um gesund zu werden. Dabei kommt man auch rein, um zu sterben… Und ich glaube, dass wir beim Leben den gleichen Fehler machen. Wir vergessen, dass das Leben zerbrechlich ist, verletzlich und vergänglich, und tun so, als wären wir unsterblich.»

Eric-Emmanuel Schmitt gelingt es, ein eigentlich trauriges Thema in eine kleine, feine, warmherzige Geschichte zu verweben. Es ist eine Geschichte vom Leben und vom Sterben, aber auch eine Geschichte von Freundschaft, Liebe, Zuversicht und Mut. Es ist die Geschichte eines kleinen Jungen, dessen Zeit absehbar ist, und der diese Zeit nutzen will, um ein ganzes Leben darin zu leben. Es ist eine Geschichte, die dazu aufruft, es Oskar gleich zu tun.

«Vertrau ihm deine Gedanken an. Gedanken, die man nicht ausspricht, machen schwer.»

Oskar schreibt dem lieben Gott Briefe, obwohl er nicht an Gott glaubt und auch nicht gerne schreibt. Es werden am Schluss 13 Briefe sein, in denen sich Oskars Leben ausbreitet, in denen seine geheimen Gedanken und die gemachten Erfahrungen Platz finden. Damit werden diese Dinge nicht nur dem Leser zugänglich, das Schreiben kann auch weitere Funktionen haben. So sagte Susan Sontag einst: «Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.» Nicht umsonst schrieben viele grosse Geister Tagebuch, riefen schon Marc Aurel und Epiktet dazu auf, das Leben schriftlich zu bedenken.

Ein wunderbares Buch, das zu Herzen geht, das berührt durch seine Geschichte, das zudem viele kleine Sätze voller Tiefe und Schönheit in sich birgt.

Fazit
Ein kleines Buch mit grosser Wirkung, das direkt ins Herz trifft.

Zum Autor
Eric-Emmanuel Schmitt, geboren 1960 in Sainte-Foy-lès-Lyon, studierte Klavier in Lyon und Philosophie in Paris. Mit seinen Erzählungen wie »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran« wurde er international berühmt und gehört heute zu den erfolgreichsten Gegenwartsautoren in Frankreich. Seine Werke wurden in 40 Sprachen übersetzt und haben sich mehr als zehn Millionen Mal verkauft. Schmitt lebt in Brüssel.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Fischer; 15. Edition (1. September 2005)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Übersetzung: Annette Bäcker, Paul Bäcker
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 112 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3596161317

Julia Schoch: Das Liebespaar des Jahrhunderts

Inhalt

«Im Grunde ist es ganz einfach: ich verlasse dich.
Drei Wörter, die jeder Mensch begreift. Es genügen drei Wörter, und alles ist getan. Man muss sie bloss aussprechen. Ich bin erstaunt, dass es so einfach ist. Und noch etwas erstaunt mich: Der Satz ist genauso kurz wie der, den ich am Anfang unserer Geschichte gesagt habe.»

Die Geschichte einer Liebe, von den Anfängen bis zum Ende. Die Höhen und Tiefen eines Paares mit all seinen Lebens-Alltäglichkeiten, Zweifeln, Abgründen und Höhen. Die Geschichte über den Wert zu bleiben und den Wunsch zu gehen. All das aus der Sicht einer Frau, die gehen will und sich fragt, wie sie überhaupt an diesen Punkt kam – und wie sie mit diesem umgehen kann, soll und will.

Gedanken zum Buch

Julia Schoch ist es gelungen, den Leser mit dem Innersten der Protagonistin vertraut zu machen, ihn tief in die gefühlte Beziehung aus ihrer Sicht hineinzuziehen. Wir kennen die Eigenheiten, Gedankengänge, Lebenshaltungen, aber: Wir würden sie beide nie auf der Strasse erkennen. Wir haben kein Bild, nur ein Gefühl, ein gefühltes Sein, ein gedachtes, durchdachtes und vor allem hinterfragtes Sein.

«Von hier ab könnte ich genauso gut schreiben, der Mann tat dies, die Frau tat jenes. Unsere Konturen verwischten, wir wurden allgemeiner… Unsere Geschichte hatte eine Richtung eingeschlagen, in der wir zu einem Paar wurden, in dem sämtliche Paare dieser Welt enthalten waren… Nur im Anfang schien unsere Einzigartigkeit zu liegen.»

Was ist wichtig in einer Beziehung? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Wann müsste sie aufhören?

«Jemanden zu verlassen heisst: Ich verlasse meine Vergangenheit. Zögert man deshalb? Wer will schon gern ohne Geschichte leben?»

Wieso tut sie es oft dann doch nicht? Und wieso war das vielleicht nicht mal das schlechteste? Sartre schrieb, die Hölle seien immer die anderen. Das trifft wohl nirgends so gut wie in Beziehungen. Dies weniger, weil sie so grausam wären, das sind sie meist nicht, aber sie werfen einen auf das eigene Ich zurück, weil man es im Umgang mit dem anderen deutlich erkennt – und nicht immer toll findet.

«Ich frage mich, was mit unserer Geschichte passiert, wenn ich gehe. Wer wird sich darum kümmern, wenn es uns als Paar nicht mehr gibt? In meiner Vorstellung ist unsere Geschichte wie ein Kind. Wir tragen die Verantwortung für sie.»

«Das Liebespaar des Jahrhunderts» ist keine Liebesgeschichte und doch vielleicht eine der schönst-möglichen. Es ist die Geschichte einer Beziehung, wie sie entsteht, hält, sich entwickelt, sich zerstört, weiter besteht, lebt. Es ist eine Geschichte, die jedem von uns passieren könnte – und vielleicht genauso passiert. Oder anders. Sie ist nicht exemplarisch und doch tief fühlbar als etwas Bekanntes.

«Womöglich war ja auch alles viel einfacher und wir waren nur deshalb noch immer zusammen, weil wir uns noch immer liebten. Was weiss man schon, über sich, die eigenen Absichten, den anderen.»

Fazit
Ein grossartiges, tiefgründiges, zum Nachdenken, Mitfühlen, Selbst-Erinnern animierendes Buch. Eine grossartige Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Seite ergreift und berührt.

Zur Autorin
Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren, aufgewachsen in der DDR-Garnisonsstadt Eggesin in Mecklenburg, gilt als »Virtuosin des Erinnerungserzählens« (FAZ) und bekam für ihre von der Kritik hochgelobten Romane und Erzählungen schon viele Preise, zuletzt den Schubart-Literaturpreis für ihren Roman ›Das Vorkommnis. Biographie einer Frau‹. Für ihr schriftstellerisches Gesamtwerk wurde ihr 2022 die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung verliehen. Sie lebt in Potsdam.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 2. Edition (16. Februar 2023)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423283335

Bettina Storks: Die Poesie der Liebe. Ingeborg Bachmann und Max Frisch

Zum Inhalt

«Sie würden einander neu erfinden, als Mann und Frau, als Schriftsteller und Schriftstellerin. Sie würden das erste Paar sein.»

Sie treffen sich 1958 in einer Bar in Paris. Max Frisch verliebt sich auf den ersten Blick, Ingeborg Bachmann ist anfangs zögerlicher. Sie laufen durch die Nacht in Paris und wollen gemeinsam durchs Leben laufen. Dass es ein Sturzflug werden würde, der in den Abgrund zu führen drohte, war ihnen da noch nicht bewusst – höchstens als kleine Ahnung, dass es nicht einfach werden könnte, vorhanden.

Die Liebe von Max Frisch und Ingeborg Bachmann dauerte 5 Jahre, sie war durchdrungen von Leidenschaft, von einer grossen und tiefgehenden Liebe und von vielen Streitereien. Hier trafen zwei unterschiedliche Charaktere aufeinander, zwei Menschen von Format und dem Auftrag zu schreiben. Hier trafen zwei Künstler aufeinander, die schon in sich viele Widersprüche hatten, und mit denen, die sie im anderen fanden, überfordert waren. Sie floh immer wieder vor ihm, weil sie ihre Freiheit suchte, als er sie dann verliess, weil er es nicht mehr aushielt, brach sie zusammen und wollte ihn halten. Es war zu spät – und doch hat sie es wohl auf eine Art sein Leben lang getan.

Gedanken zum Buch

«Wir zwei, du und ich, wir denken alles um. Ein Paar, das sich als das erste Paar versteht, als die Erfindung des Paares. Wir! Und die Welt kann sich stossen an unserem Übermut, aber sie kann uns nicht verletzen.»

Sie waren voller Leidenschaft, vom Wunsch beseelt, es gut zu machen, zu leben, zu lieben. Sie sahen die Gefahr in der Aussenwelt, da sie als Künstler für diese sichtbar existierten und alle ihre Schritte der Öffentlichkeit sichtbar waren. Dass die eigentliche Gefahr für ihre Beziehung von innen, von ihnen selbst auskommt, das hätten sie ganz am Anfang wohl nicht gedacht – oder zumindest gehofft, diese Gefahr bannen zu können, denn es war von Anfang an klar, wie verschieden sie waren. Sie, die Durchdachte, die Frau, die nach Worten sucht, sie auf die Goldwaage legt, prüft. Er der Unmittelbare, der spontan sagt, was er denkt, ohne Skrupel, ohne Abwägen.

«Gegen den Realisten Max war sie eine Traumwandlerin mit verbundenen Augen auf dem Trapez.»

Max Frisch war ein Mann der Strukturen, der Ordnung liebte und pragmatische Lösungen suchte. Sein Arbeitsalltag war genauso geregelt wie sein Pult und sein Kopf. Das Chaos einer Ingeborg Bachmann fegte da wie ein Tornado durch, wirbelte auf und um. Und noch schlimmer: Sie wirbelte immer auch wieder davon, weil sie sich, der Luft gleich, immer entzog, ihre Freiheit suchte, förmlich vor ihm floh. Und er? Er verfolgte sie mit seiner Eifersucht, seiner Wut, und vor allem seinem Unverständnis.

«Es existieren so viele verminte Bereiche in deinem Leben. Ein Schritt in die falsche Richtung, alles fliegt mir um die Ohren. Was ist das für eine hochentzündliche Luft, in der du dich aufhältst, Inge’ Wie ein Blinder taste ich mich zuweilen durch deine Tabus.»

Die unterschiedlichen Charaktere von Max Frisch zogen sich durchs ganze Leben. Vor allem Max Frisch störte sich an Ingeborg Bachmanns Art, ihr Leben zu leben und ihn davon auszuschliessen. Sie pflegte ausufernde Brieffreundschaften zu verschiedenen Männern, sie entzog sich ihm immer wieder durch Reisen, regelrechte Fluchten. Sie trennte ihre Welten feinsäuberlich: auf der einen Seite ihre Freunde, ihr Schreiben, ihre Termine, ihre Kontakte, auf der anderen Seite Max Frisch. Durchmischungen fanden nur widerwillig statt. Max Frisch, von Natur eifersüchtig, kam damit kaum klar und so eskalierten immer wieder Streits um die Sache, die für beide schwer zu tragen waren.

«Ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe.» Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann definierte sich über das Schreiben, es war für sie ihr Lebenssinn. Dass sie während der Beziehung mit Max Frisch eine ausgewachsene Schreibblockade erleben musste, hat sie tief verunsichert und verstört. Interessant wäre, ob diese Blockade durch die Konflikte im Aussen, in der Beziehung entstanden ist, oder aber die Verzweiflung über das eigene Nichtschreiben diese Konflikte mitbefördert hat.

«Je ehrlicher das Leben, je lebendiger, je echter, umso sicherer der Schmerz. Angst vor Schmerz bringt uns zur Rücksicht, nie zum Leben.» Max Frisch

Mangelnde Leidenschaft oder Liebe war es nicht, die ihnen zum Verhängnis wurden, im Gegenteil: Die gegenseitige Anziehung war immer da. Vielleicht wurde gerade diese Gefühlswoge zum Verhängnis, indem sie sie beide einrollte und unter sich zu erdrücken drohte. Beiden kam immer wieder der Gedanke an Trennung im Anblick an die Wunden, die sie sich immer wieder zufügten. Beide kamen zu oft an ihre Grenzen, krankten förmlich an der Beziehung, und doch war da diese Verbindung, dieser Sog zueinander. Sie wollten es wagen, sie wollten es schaffen.

Es war Max Frisch, der schlussendlich den Schlussstrich zog. Ingeborg Bachmann hat dieses Ende schlecht verkraftet. Es war für sie keine Erlösung in die vorher ersehnte Freiheit, sondern ein Sturz ins Bodenlose.

Bettina Storks ist es gelungen, mit viel Hintergrundwissen, grosser Nähe zu den beiden Protagonisten und doch der nötigen Distanz diese grossartige Liebesgeschichte zu erzählen, so dass man als Leser in zwei Leben eintaucht, die zu einem wachsen wollten und doch immer grössere Mauern und Abgründe zwischen sich errichteten. Entstanden ist eine Romanbiografie, die sowohl Aufschluss über das Leben und Lieben von Max Frisch und Ingeborg Bachmann gibt, als auch flüssig und packend lesbar ist.

Fazit
Eine grossartige Romanbiografie über die Liebe zweier grosser Schriftsteller, Ingeborg Bachmann und Max Frisch –  gut recherchiert, fundiert, tiefe Einblicke gewährend, und dabei doch packend und eine wahre Lesefreude. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Bettina Storks, geboren bei Stuttgart, lebt und schreibt am Bodensee. Sie ist die Autorin zahlreicher Bestseller über faszinierende Frauenfiguren.  Ingeborg Bachmann fasziniert sie seit Langem, schon an der Universität Freiburg promovierte sie über deren literarisches Werk. Nachdem zuletzt immer mehr Quellen über die Beziehung zwischen der Bachmann und Max Frisch zugänglich wurden, begann Bettina Storks einen Roman über die außergewöhnliche Liebe dieser zwei schillernden Literaten zu schreiben. Im Aufbau Taschenbuch liegt von ihr außerdem der Roman „Dora Maar und die zwei Gesichter der Liebe“ vor.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Aufbau Taschenbuch; 1. Edition (16. August 2022)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Taschenbuch ‏ : ‎ 430 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3746637983

Rezension – Thommie Bayer: Sieben Tage Sommer

Zum Inhalt
Vor dreissig Jahren haben fünf Menschen Max Torberg, einem reichen Abkömmling einer Bankdynastie das Leben gerettet. Danach trennen sich ihre Wege wieder. Max Torberg beobachtet alle fünf zwar von fern, sucht aber nie mehr den Kontakt, bis er sie eines Tages in sein Ferienhaus an der Cote d’Azur einlädt, er selbst sei verhindert, komme später. Da sitzen sie nun, bewirtet von Max dazu eingestellten Anja, die Max vom Leben im Haus berichtet, und fragen sich, wieso sie da sind. In der Tat steckt ein Plan dahinter, doch den kennt nur Max.

Gedanken zum Buch:
Wenn Menschen eine Zeit auf engem Raum zusammen sind, werden ihre je eigenen Naturelle immer sichtbarer. Die unterschiedlichen Charaktere reiben sich aneinander, beziehen sich aufeinander und entlarven sich so, weil keiner über längere Zeit eine Maske tragen kann. Die Dynamik des Miteinanders ist so offenbarend für den je Einzelnen. Max Torberg nutzt diesen Umstand, um die fünf Menschen, die er eingeladen hat, besser kennenzulernen. Dadurch lernt er auch Anja besser kennen, eine Freundin, die er extra dazu eingestellt hat, dass sie ihm berichten soll von den einzelnen Gästen und ihrem Zusammensein.

Verspricht Max zuerst, dass er noch komme, taucht er schlussendlich nie auf. Ihn erleben wir als Leser nie in Aktion, wir erfahren nur durch die Briefe, was ihn antreibt, insofern also nur ein schon von ihm geschöntes Bild, das nur preisgibt, wozu er Lust hat. Die einzige Interaktion, die er hat, ist die schriftliche mit Anja, in welcher er aber eher blass und ungreifbar bleibt.

Die Frage, die alle beschäftigt, ist auch die, welche den Leser am Lesen hält: Wozu das Ganze? Sie löst sich erst auf den letzten Seiten, und dies nicht wirklich befriedigend. War das Grund genug, so weit zu lesen? Offensichtlich ja.

Und vielleicht gibt es noch einen Grund: Indem man sich durch die Geschichte treiben lässt, quasi im seichten Fluss des Erzählens mitschwingt, stösst man immer wieder auf kleine Goldstücke in Form von wunderschönen Sätzen, die man nochmals lesen will, die man sich einprägen will, die etwas in sich tragen, das berührt.

Fazit
Leichte Lektüre, die seicht dahinplätschert, getrieben von einer Frage, an der die Geschichte hängt. Unterhaltsame Lektüre für zwischendurch.

Zum Autor
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm »Die gefährliche Frau«, »Singvogel«, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman »Eine kurze Geschichte vom Glück« und zuletzt »Das Glück meiner Mutter«.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Piper; 4. Edition (30. Juni 2022)
Sprache: ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe: ‎ 160 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3492070447

Rezension – Ann Patchett: Diese kostbaren Tage

Zum Inhalt
Immer beim Schreiben eines Romans überfielen Ann Patchett die Gedanken an den Tod. Die Angst, er könnte sie ereilen, bevor der Roman fertig ist, wurde gross und grösser. Als die Pandemie begann, war an einen neuen Roman nicht zu denken, der Gedanke stand schon zu sehr im Raum. Sie besann sich auf das, was sie neben den Romanen immer geschrieben hat: auf Essays. Und sie schrieb Geschichten, die des Leben schreibt, nämlich die Geschichten ihres Lebens. Sie erzählt von ihrem Aufwachsen mit drei Vätern, davon, wie sie als junge Studentin einen Truthahn für ihre Mitstudenten zubereitete und gewünscht hätte, als Kind besser aufgepasst zu haben, wenn ihre Mutter das für die Familie tat, sie erzählt von ihrem Mann und ihren Freundinnen, davon, wie es ist, nicht mehr zu shoppen für ein Jahr.

«Bücher waren für mich nicht nur Bildung und Unterhaltung, sie waren Partner für mich. Sie zeigten mir auf, welche Fähigkeiten in mir schlummerten. Sie eröffneten mir einen weiten Blick auf den Weg verschiedener Möglichkeiten und halfen mir so dabei, Entscheidungen zu treffen.»

Es ist ein Buch über Liebe und Familie, ein Buch über das Schreiben und das Leben. Es ist ein Buch über Unsicherheiten, Efolge, Freude und Trauer. Es ist ein Buch, das die schönen Seiten des Lebens zeigt und auch Verletzlichkeit offenbart. Es sind kleine Einsichten in ein gelebtes Leben, erzählt mit dem klaren Blick zurück, ohne Verklärung, mit Humor und viel Charme.

Gedanken zum Buch

«Von jedem meiner drei Väter nahm ich die Dinge, die ich benötigte, und dann verwandelte ich sie in Geschichten – mein Vater schenkte mir Kraft, von Mike erhielt ich grenzenlose Liebe und Bewunderung, von Darrell Akzeptanz. Diese Geschichten sind alle wahr, doch ebenso wahr sind Tausende weitere Geschichten.»

Wer aus seinem Leben schreibt, steht immer vor der Frage, wieviel er preisgeben will und kann. Diese Unsicherheit kam auch bei Ann Pratchett auf, als sie das Buch schrieb. Durch das Lesen dieser autobiographischen Essays kommt der Leser der Autorin näher, er blickt hinter die Kulissen, wenn auch nur so weit, wie die Autorin es zulässt. Es gilt also, die Gratwanderung zu bestehen, nicht zu viel preiszugeben, um danach nicht nackt und sich darüber schämend dazustehen, und doch so viel, dass das Bild ein ganzes und rundes wird.

«Durch diese Essays konnte ich mir zusehen, wie ich mich beim Schreiben mit denselben Themen auseinandersetzte wie in meinem Leben: was ich brauche, wen ich liebte, was ich loslassen konnte und wie viel Kraft dieses Loslassen kosten würde. Wieder und wieder stellte ich mir die Frage, worauf es in diese gefährdeten und kostbaren Leben am meisten ankommt.»

Ann Patchett hat sich sprichwörtlich dem Leben entlang geschrieben und dieses beim Schreiben auch selbst neu entdeckt. Dass dies passieren konnte, zeigt die Ehrlichkeit, mit der diese Zeilen geschrieben wurden. Es sind keine publikumswirksamen Zeilen und Geschichten, es sind persönliche Erlebnisse und Gefühle, die immer der Frage geschuldet sind: Was macht das Leben schön. Wenn man das Buch so liest, kommt man nach und nach zum Schluss: Das Leben in seiner ganzen Buntheit, mit allem, was es ausmacht, die schönen wie die schwierigen Momente, sind es, die das Leben schön machen, weil es dann genau das eigene Leben ist, man sich darin zuhause fühlt.

Fazit
Ein persönliches Buch mit Einblicken in ein gelebtes Leben, liebenswürdig, charmant, ehrlich und offen. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin und zur Übersetzerin
Ann Patchett, 1963 in Los Angeles geboren, lebt als Schriftstellerin und Kritikerin in Nashville, Tennessee. Ihr Roman »Bel Canto«, übersetzt in dreißig Sprachen, wurde mit dem PEN/Faulkner Award und dem Orange Prize ausgezeichnet und war auch in Deutschland ein großer Erfolg. »Familienangelegenheiten« stieg in den USA auf Platz 8 der New-York-Times-Bestsellerliste ein.

Ulrike Thiesmeyer wurde 1967 in Düsseldorf geboren 1967 und übersetzt seit 1998 aus dem Englischen und Französischen. Sie übertrug u. a. Werke von Ann Patchett, Kamila Shamsie, Nicholas Sparks, Joanna Trollope und Bernard Henri Lévy ins Deutsche.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Berlin Verlag; 1. Edition (27. Oktober 2022)
Sprache: ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe: ‎ 384 Seiten
Übersetzung: Ulrike Thiesmeyer
ISBN-13: ‎ 978-3827014696

Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur

Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und planetare Krise

Zum Inhalt

«Bewusstseinskultur muss es dem Individuum wie auch ganzen Gruppen von Menschen ermöglichen, die eigene Würde zu bewahren, auch wenn die Spezies als ganze scheitern sollte.»

Wir haben die Welt an die Wand gefahren und werden das nicht so leicht abwenden können. Optimismus ist der falsche Ansatz, wir müssen umdenken und ein neues Leitbild entwickeln. Liessen wir uns bislang von einer Kultur des Neids, des Profitstrebens und der Gier treiben, gilt es, eine neue Bewusstseinskultur zu entwickeln, die auf neue Werte setzt und uns unsere Selbstachtung und die Würde zurückgibt, die wir durch unser Handeln in der Vergangenheit mehr und mehr eingebüsst haben. Es gilt, gemeinsam und mit offenem Blick nach Wegen zu suchen, wie wir als Gesellschaft weiterleben können und wollen, worauf wir bauen sollen.

Gedanken zum Buch
Die Klimakrise besteht nicht erst seit gestern. Wir wissen schon über fünfzig Jahre, dass es nicht so weiter gehen kann wie bisher – und machten doch weiter. Thomas Metzinger zeigt, wieso das so ist, er verweist dazu auf die Trägheit des menschlichen Gehirns beim Umlernen, auf die Trägheit von Systemen und Gesellschaften beim Umkehren.

«Es zählt das gemeinsame Erforschen und Experimentieren, nicht irgendeine absolute Wahrheit oder eine beruhigende aber trügerische Form moralischer Gewissheit.»

Umdenken passiert immer auf verschiedenen Ebenen. Einerseits muss es jeder für sich tun, aber als Gesellschaft sind wir auch dazu aufgerufen, gemeinsam neue Wege zu suchen, die wir gemeinsam auch gehen können. Es gilt, nicht auf festgesetzten Wahrheiten zu beharren, sondern offen zu sein für alle Möglichkeiten.  

«Wir brauchen das Beste aus allen philosophischen Menschheitstraditionen.»

Thomas Metzinger verbindet Spiritualität, Wissenschaft und Philosophie, beleuchtet unser Leben, Denken und Fühlen sowie die Lage unserer Welt aus allen Perspektiven und zeigt deutlich auf, dass wir umdenken müssen, dass wir eine neue Bewusstseinskultur entwickeln müssen, wenn wir noch eine Chance auf ein gutes Weiterleben haben wollen.

«Wir müssen auch lernen, unsere eigene Verletzlichkeit zu achten. Leidensfähigkeit, Verletzlichkeit und sogar Sterblichkeit sind etwas, das man ganz bewusst in sich selbst und anderen respektieren kann.»

Wir müssen erkennen, dass wir nicht unsterblich sind, dass wir nicht über allem stehen, sondern hinsehen, was wir tun und was wir damit bewirken. Wir müssen unsere falschen Beweggründe und Handlungsmotive erkennen und neue suchen, solche, die uns und der Welt um uns besser bekommen. Und wir müssen in Betracht ziehen, dass es vielleicht zu spät für eine wirkliche Rettung sein könnte.

«Optimismus ist keine Option mehr, Unsere Lösung muss etwas Tieferes sein, das über Optimismus und Pessimismus hinausgeht: vielleicht eine neue Form von Realismus, ausgestattet mit spiritueller Tiefe.»

Fazit
Ein Aufruf an die Menschen, gemeinsam mit Offenheit eine neue Form der Lebensgestaltung zu suchen, um der drohenden Katastrophe mit Würde zu begegnen.

Zum Autor
Thomas Metzinger lehrt Philosophie an der Universität Mainz und ist ein weltweit anerkannter Bewusstseinsforscher. Er tritt ein für eine stärkere Vernetzung von Philosophie und Hirnforschung und ist einer der meistzitierten deutschen Gegenwartsphilosophen. 2018 wurde er für die hochrangige Expertengruppe für Künstliche Intelligenz der Europäischen Kommission nominiert. 2021 erhielt er die Pufendorf-Medaille.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Berlin Verlag; 2. Edition (6. Januar 2023)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 208 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3827014887