Heute gibt es für alles Diplome. Früher einfache Berufe werden mit poetisch klingenden Namen versehen und erscheinen gleich in neuem Licht. Es wimmelt überall von Fachfrauen und Managern, jeder klitzekleinste Kram wird zertifiziert und damit standardisiert – vermeintlich.
Das Diplom soll Qualitätssicherung bieten, ohne Diplom zählt der Mensch nichts mehr, zumindest nicht in der Arbeitswelt; da aber die Gesellschaft die Geltung in der Arbeitswelt fast eins zu eins in das private Leben überträgt und der Herr Prof. Dr. im Freundeskreis doch besser klingt als der nette Nachbar von nebenan, zieht es sich imemr weiter durch. Menschen identifizieren sich mit ihren (beruflichen) Rollen und werden daran gemessen.
Der wahre Wert des Menschen fällt immer mehr unter den Tisch und damit fängt das Problem an: was, wenn der Beruf wegfällt? Früher kannte man die Probleme bei der Pensionierung. Menschen wurden jäh aus dem Berufsleben gerissen und verloren damit ihre ganze Identifikation, den Lebensinhalt. Heute hat die nicht ganz rosige Wirtschaftslage diesen Verlust vorgezogen, Menschen stehen auf der Strasse, verlieren ihre Stellen und sehen sich vor dem Nichts – beruflich und damit auch für sich selber und in den Augen der Gesellschaft. Das nagt. An der Psyche, am Selbstwert, an der Existenz.
Doch lassen wir die persönliche Schiene mal aussen vor, so schwierig sie auch sein mag. Auch beruflich ist dieser Titel- und Diplomwahn nicht ganz unproblematisch. Reichte früher eine Ausbildung, ein Studium, um eine Stelle zu kriegen und diese auch bis zur Pensionierung zu behalten, steht man heute damit ganz am Anfang, hat quasi die erste Hürde genommen, der viele weitere folgen. Diplom soll auf Diplom folgen, Weiterbildung 2 Weiterbildung 1 ablösen; das Leben ist schon lebenslange Schule, nun folgt die never ending story auch in der Berufswelt. Ressourcen werden knapp und knäpper, Freizeit desgleichen, der berufliche Druck zieht an wegen Stellenabbau und daneben sollen noch Abendschulen und Wochenendeinsätze geleistet werden, um auch wirklich up to date zu bleiben. Wozu? Um ein Diplom zu haben. Wieso? Weil nur darauf geachtet wird.
Talent reicht nicht mehr, wenn das Diplom fehlt. Steht das Diplom da, wird auf Können wenig Wert gelegt. Wie oft lese ich fehlerhafte Artikel, Anzeigen von Textfachfrauen (und -männern, keine Frage), die sich anpreisen, fremde Texte zu redigieren, selber aber orthographisch, typographisch und stilistisch öfter mal ins Leere greifen statt in den Duden. Aber unter dem Deckmantel der nötigen Diplome ist das absolut unproblematisch. Hoch lebe der Schein.
Wer nun in diesem Text Fehler findet, darf sie rot anstreichen auf dem Bildschirm und mir dann alles schicken. Wer die meisten fand, kriegt einen Preis.
