Wer bin ich?

Wenn du mich siehst,
siehst du mich,
wie ich bin, was ich bin,
was mich ausmacht,
oder nur, was du sehen willst,
weil es dir gefällt?

Wenn du mich hörst,
hörst du mich,
was ich sage,
wie ich es meine,
oder nur,
was du hören willst,
weil du erlebt hast,
was dich prägte?

Wenn du mich fühlst,
fühlst du mich,
wie ich mich anfühle,
wenn ich mich hingebe,
oder fühlst du nur,
was du fühlen möchtest,
weil du dich danach sehnst?

Wenn du mich willst,
willst du mich,
weil ich bin
wie ich bin,
oder willst du nur das,
was du dir ersehnst,
schon lange wünscht?

Wer bin ich für dich,
bin ich ich,
wie ich bin,
weil ich bin, was ich bin,
oder bin ich nur,
was du brauchst,
weil du bist, der du bist?

Wenn Dinge weh tun…

Wenn in Nachbars Garten die Rosen immer schöner blühen als im eigenen, wenn der mehr Freunde hat als man selber, etwas besser kann als man es selber kann und gerne könnte, dann beginnt ganz tief drin leise Neid zu nagen, wird immer lauter und lauter, bis er schliesslich schreit und tobt. Man fühlt sich schlecht, sieht den Nachbarn mit immer zugeknifferen Augen an, fragt sich, wie der nur das alles verdient hat und wieso nicht man selber. Man hadert mit der Ungerechtigkeit der Welt, und denkt sich: dem zeige ich’s. Man sucht Punkte, wo man ihn treffen kann, findet sicher das eine oder andere, das man ihm andichten kann, schaut, wo man ihm eine Grube gräbt und fühlt sich gleich etwas besser, wenn die Grube steht und der Nachbar fällt. Kurzfristig. Und dann? Die Rosen des Nachbars werden immer noch höher sein. Und wenn nicht die, dann die eines andern Nachbarn. Und so viele Gruben kann man gar nicht graben, dass alle Rosengartenbesitzer reinpassen. Am Schluss bleibt das schlechte Gefühl des Neids, das nagt und nagt und in einem selber Gruben gräbt. Und es bleibt eine Verbitterung. Und ich denke mal, so wirklich glücklich und offen und liebenswürdig wird man in so einem Zustand nicht mehr wirken. Vielleicht finden sich noch ein paar gleichgesinnte Rosengartenbesitzerindiegrubewerfer, so dass man gemeinsam über den Undank der Welt lästern kann. Tief drin wird die Grube tiefer und eine Leere kommt.

Was bringt Neid? Und wieso fühlt man ihn? Wieso gönnt man dem anderen seinen Erfolg nicht und sieht mit Stolz auf sein eigenes Leben, im Wissen, dass man nicht alles haben und können kann, aber selber auch gut ist? Und: wieso treibt einen der Neid so weit, andere verletzen zu wollen? Wieso fühlt man ein Hochgefühl, wenn der andere leidet? Und ja, es tut weh, wenn man aus heiterem Himmel getroffen wird vom Neid eines anderen, von der Intrige eines anderen. Die Frage ist natürlich auch: wieso trifft es? Man weiss ja, dass der andere eigentlich selber leidet. Und drum schiesst. Man weiss, dass der andere eigentlich Mitgefühl bräuchte, statt dass ich mich über ihn ärgere. Denn der Ärger nagt an mir und hilft niemandem. Und doch: ja, es tut weh. Es ist unfair. Und es ist vom Herzen her gesehen unverständlich.

Ich habe dieses Wochenende gelernt, dass die Welt voller Güte ist, alles gut ist (as tantrisch-yogisch philosophischer Sicht). Nun kann man sagen, nein, das stimmt nicht, es gibt viel Leid auf der Welt, ich habe davon auch einiges erlebt. Aber oft erwächst aus Schlechtem Gutes. Seien es Einsichten, Erfahrungen, Denkanstösse, Wegänderungen, die zu etwas anderem, Guten führen. Oder man sieht klarer, auf wen man zählen kann, auf wen besser nicht. Man kriegt Zuspruch und vielleicht auch Hilfe, wenn man in Not ist. Und all das rückt die Welt wieder in die richtige Position, Freude kommt auf und die Sonne steigt wieder im Herzen. Und so wird aus etwas, das zuerst Leiden brachte, plötzlich etwas Glück bringendes. Das ist der Kreislauf des Lebens: halten kann man nichts, alles hat Kehrseiten, alles geht zu Ende, aber es entsteht Neues. Nach einer Trennung kann eine neue Liebe folgen, die so ist, wie man sie sich wünschte. Nach einer Enttäuschung ist der Schleier weg, man ist wirklich ent – täuscht und sieht klar und kann das Leben mit dieser Klarheit angehen. Und in der Not kommt plötzlich Hilfe, oft aus unerwarteter Ecke. Und man steht irgendwann da und denkt sich: es ist gut, wie es ist. Und dann steigt Dankbarkeit auf. Auch für die nicht so schönen Dinge im Leben.

Robert Betz nannte die Hürden schaffenden Menschen im Leben Arschengel. Das sind die Engel im Leben, die einem das Leben schwer machen, aber in dieser Rolle etwas bewegen – hin zum Guten. Ich danke an dieser Stelle allen Arschengeln in nahen und fernen Zeiten – von Herzen. 🙂 Und ich danke all den guten und lieben Engeln in meinem Leben!

Niemand tut es, alle machen mit

Kürzlich in einem Elternforum kam es zur Frage, wie oft und wie lange kleine Kinder anderer Mütter fernsähen. Die Antworten kamen wie aus einem Munde: Kaum bis nie. Wenn, dann höchstens kurz und das auch nur alle Schaltjahre mal. Ich frage mich, wieso es ein so ausgedehntes Kleinkinderprogramm im Fernsehen gibt, wenn niemand das schaut. Oder schauen die Eltern heimlich Teletubbies, während die Kinderchen sich mit Holzklötzchen und Holzpuppen die Zeit vertreiben? Ich fragte mich dann, wo in der Realität all diese Vorzeigemütter versteckt sind, denn in der freien Wildbahn sind mir diese ach so pädagogisch wertvollen Mütter nie untergekommen.

Ich habe ja den starken Verdacht, dass diese Mütter die Frauen der Männer sind, die nie Blick lesen und auch noch nie einen Playboy in der Hand hatten. Die beiden Medien werden ja auch nie gekauft, haben aber reissenden Umsatz. Die Welt ist verrückt. Ich frage mich, wie die Konzerne das machen, dass die nicht reihenweise Konkurs anmelden müssen mit all ihren nicht berücksichtigten Produkten.

Oder – ich trau es mich fast nicht zu sagen: sollte das vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit sein und die Kinder sitzen doch vor dem TV? Und sollten vielleicht all die NZZ-Leser unter dem Deckmantel der NZZ-Frontseite etwa den Blick versteckt haben? Und wo hält sich wohl der Playboy versteckt? Im Schutzumschlag von „Schöner Wohnen“? Oder „Leichte Küche frisch gekocht“? Sollte es wirklich sein, dass Menschen sich so darstellen, wie sie sich gerne sähen? Arte schauend, über Quantenphysik und Epikuräer diskutierend statt über das Wetter und die nächste WM? Und: was bringt das den Menschen, die das (hypothetischer Weise, das ist ja alles blosse Theorie und nie nie nie nie nie nie Realität) so täten? Sind sie mehr Wert? Für wen? Die andern? Sich selber? Sich selber ja kaum, denn sie wissen ja (sorry, wüssten) um die Lüge. Sie wüssten, dass alles nur eine Vertuschung von Tatsachen ist.

Nehmen wir an, sie lügen sich ein in ihren Augen ehrwürdigeres Ich zusammen: Wieso schämen sie sich für ihr eigenes? Was lässt sie denken, nicht geliebt, nicht geachtet zu werden, wenn sie zu sich stünden? Eigentlich traurig, wenn man sich selber als nicht Wert genug achtet, sich nicht so geben kann und zu geben traut, wie man wirklich ist, mit all seinen Seiten, Facetten, Schwächen und Stärken. Sie sind es doch, die den Menschen ausmachen, ihn zu dem machen, was er ist, wie er ist. Und die erst offen legen, mit wem man es zu tun hat. Wen soll man lieben, wenn nicht den wirklichen Menschen? Ein Bild? Und was, wenn die Farbe abblättert?

Drum stehe ich dazu, ich höre nie nie nie Schlager, nie nie nie Schnulzen, ich höre Rammstein, Wagner und Stan Getz. Immer. Lese nur Goethe und habe noch nie den Blick Online gelesen. Nein, Pfui. Ich schaue nur hochstehende B-Movies und lache eigentlich selten, es gibt keine philosophisch hochstehenden Witze und alles drunter geht gar nicht. Und nun liebt mich. Nun müsst ihr mich lieben, denn ich bin doch nun gut.

Vielleicht ist ja alles auch ganz anders und ich liebe alles, was das Herz zum Schmelzen bringt, seien es rührende Komödien, dazu passende Musiktitel, die – ich lernte es vor Kurzen – alle gleich anfangen, lese täglich meinen Blick und fühle mich pudelwohl. Also ich liebe mich so.

Wo sind meine Grenzen?

Als ich noch relativ frisch auf meinem Yogaweg war, musste ich feststellen, dass ich trotz einer sehr grossen Beweglichkeit Dinge nicht so hinkriegte, wie ich sie gerne gehabt hätte. Mein Rücken war das grösste Sorgenkind, durch eine leicht verschobene Wirbelsäule und heraustretende Lendenwirbel entsprach er nicht dem Rücken, den ich in den Stellungen gerne gehabt hätte. Während ich schon damals in der Theorie lernte, die Grenzen des Körpers zu achten, sich nicht gewaltsam in Stellungen zu quälen, den Körper zu schonen und gesund zu halten, habe ich in der Praxis alles ignoriert und gedrückt und gepresst, um ja diesen Rücken grad zu kriegen. Das ging auf Kosten des Muskelansatzes des Hinteren Oberschenkelmuskels (Hamstring), der sich entzündete – und nie mehr ganz heilte. Mein Bein ist seit da meine Erinnerung an eine schmerzhafte und nachhaltige Lehre – im Körperbereich. Ich erlebe diesen Ehrgeiz leider oft im Yogaraum, versuche dagegen anzureden. Der Leistungsdruck ist allerdings tief in den Köpfen verankert, es braucht Zeit, durch diese dichten Wolken durchzudringen und ich hoffe stets inständig, dass niemand die schmerzhafte Lehre mitnimmt nach Hause, die ich selber auf mich nehmen musste, um es zu erkennen. (Und erkannt zu haben hilft nicht immer, immun zu sein)

Grenzen gibt es aber nicht nur im Körper, sie sind auch im übrigen Leben allgegenwärtig: man stösst an die Grnezen der Kraft, wenn man sich zu viel auflädt, nicht auch mal nein sagen kann, man stösst an die Grenzen der Nerven, wenn kleine Kinder nie gehorchen wollen, nur herausfordern (tut meiner natürlich nie) und auch sonst igrnoriert man die eigenen Grenzen gerne mal, geht darüber hinweg und kriegt meist auf irgend einer Ebene die Rechnung dafür.

Grenzen sind wichtig. Sie sind Zeichen unseres Körpers und unseres Geistes: Bis hier hin und nicht weiter. Diese Grenzen sind variabel. Was heute geht, kann morgen nicht gehen. Und so wie ich mich heute über die erweiterten Grenzen freuen kann, sollte ich morgen die engeren Grenzen respektieren und mich danach verhalten. Der Mensch ist keine Maschine, die immer höher, schneller, besser sein muss, ungeachtet der Tagesform. Er ist kein Roboter, der auf eine spezielle Leistung gepolt ist, die er dann immer erreichen muss und kann. Komischerweise gelingt es uns leichter, zu akzeptieren, wenn wir mal weitere Grenzen haben als wenn sie enger sind. Wir fühlen uns in unserem Selbstwert besser, wenn wir mehr leisten, als wir schon einmal leisteten. Leistungserhalt ist immerhin noch gut, Abnahme wird bekämpft und nagt am Selbstwert.

Bin ICH wirklich weniger wert, nur weil ich heute eine Stellung schaffe, morgen nicht? Bin ich wirklich mehr wert, wenn ich die Agenda voll habe, verplant bin, mehr schaffe, als eigentlich rein geht? Und wieso habe ich das Gefühl? Wieso identifiziere ich mich so sehr mit dem, was ich erreiche, statt zu sehen, wer ich bin? „Wer“ will das erreichen? Wirklich ich? Und wo mangelt es einem, wenn man diese Bestätigung sucht im aussen, sie braucht, um an den eigenen Wert zu glauben? Ich sage damit nicht, dass man keine Ziele haben soll, nicht an seine Grenzen gehen wollen soll. Im Gegenteil: man soll seine Grenzen suchen, ausloten, hinhören, wo sie sind. Man kann mit diesen Grenzen spielen, schauen, was geht, was möglich ist, aber auch eingestehen, wo es nicht möglich ist, wo die Grenze gesetzt ist und so stehen bleiben muss. Weil man heute an der Stelle steht, wo man ist. Und morgen ist ein anderer Tag, wer weiss, vielleicht geht es besser. Dabei ist nie wichtig, wo der Nachbar seine Grenze hat, wie tief er in eine Stellung kommt, wie viel er unternimmt, macht, kann. Wichtig sind wir selber und unsere eigenen Grenzen. Es ist nicht der Nachbar, der nachher leidet, wenn die eigenen Grenzen überschritten sind, das sind wir selber.

Indem wir selber auf uns und unsere Grenzen achten, zeigen wir uns selber, dass wir es wert sind, achtsam behandelt zu werden. Wenn wir ständig unachtsam mit uns umgehen, sprechen wir uns unseren Wert ab. Wie wollen wir von anderen dann erwarten, dass sie uns als wertvoll sehen und behandeln? Unser Wert kommt von uns selber. Nur wir können ihn uns selber zugestehen. Und indem wir uns als liebenswert erachten und liebevoll mit uns umgehen, werden auch die anderen Menschen uns so sehen und behandeln. Sei es dir wert!

Alles ist möglich – Teil 2

In der letzten Zeit bin ich oft dem Satz „Man kann alles erreichen, wenn man es will“ begegnet. Ich habe – noch immer – meine Zweifel, selbst wenn ich auch der Meinung bin, dass man mehr erreichen kann, als man sich oft zutraut. Zwischen alles und mehr liegt aber in meinen Augen ein grosser Unterschied und der Faktor Zeit spielt auch noch eine Rolle: Vieles ist möglich, aber nicht zu jeder Zeit. Und oft möchte man etwas jetzt, was jetzt eben gerade nicht möglich ist.

Gehen wir aber davon aus, dass alles – wirklich alles – möglich ist, dann müsste jeder den Spagat können. Zack – runter… Jetzt ist das wohl wenigen möglich. Aber lassen wir die Zeit im Spiel, man darf sich dahin üben. Klar kann man nun sagen, nicht jeder will den Spagat können, legitim, wozu auch. Nur: Grundsätzlich müsste es ja – wenn alle alles erreichen können – möglich sein, ihn zu schaffen.

Ich kann ihn – offensichtlich. Was ich nicht kann und gerne könnte, ist der Handstand… ich werde mit üben beginnen, wenn ich jeden, der mir weismachen will, dass ALLES möglich ist, im Spagat sehe 🙂 Wobei ich beim Handstand glaube, dass ich ihn hinkriegen kann… irgendwie. Beim Spagat sehe ich da grössere Schwierigkeiten, aber ich bin ja eh der Zweifler bei „alles ist möglich“.

Alles ist möglich

In letzter Zeit stolpere ich oft über selbsternannte Alleskönner, die eine Welt propagieren, in der alles möglich ist, wenn man sich nur traut. Alle, die nicht alles als möglich erachten, sind nur noch nicht aufgewacht, verstecken sich noch in Scheinargumenten, sind nicht cool, sondern verklemmt, verstockt und überhaupt: im Irrtum.

Ich will die Welt, was kostet sie – das war es früher, heute kostet sie nicht mal mehr, man muss sie nur noch nehmen. Argumente dagegen werden mit hochgezogenen Augen quittiert: Wie kann man nur so begriffsstutzig sein? Trau dich. Nimm alles, was du willst. Jetzt.

Ich bin skeptisch. Und irgendwie ist mir diese Haltung zuwider. Sind das nun meine Widerstände? Will ich nicht glücklich sein? Trau ich mich nicht und suche drum Argumente? Hätte ich die ganz grosse Chance auf Glück und verspiele sie, weil ich eben nicht an das „alles ist möglich, man muss es sich nur nehmen“ glaube? Wieso lösen diese ewig strahlenden, ewig positiv schreibenden Menschen so viel Argwohn in mir aus? Weil sie meiner Weltsicht entgegensprechen?

Ich denke auch, dass viel möglich ist. Auch ich denke, dass Energie Energie folgt und wenn ich etwas will und daran glaube, es sicher auch mit guten Energien gesegnet ist. Trotzdem bin ich nicht sicher, ob wirklich alles möglich ist. Bei vielem spielen zu viele Faktoren eine Rolle, als dass es immer auf die Weise enden kann, die man sich gerne wünschen würde. Gäbe es sonst so viele Scheidungen? Niemand glaubt am Anfang, da zu landen, niemand wünscht es sich. Und doch steuern so viele in diese Schiene. Und die meisten dieser Allesmöglichwelt sind sinnigerweise Single. Natürlich aus vollster Überzeugung und unendlich glücklich damit. Das möchte ich nie nie nie in Frage stellen. Nur kommt so ein weig das Gefühl auf, als ob das Allesistmöglich ein Mantel ist dafür, zuzudecken, dass eben nicht alles ganz so toll ist. Aber weil man schon alleine ist, kann man auch gleich die alleinseligmachende Welt für sich propagieren. Das ist doch der Vorteil des Alleineseins: Man kann, wie man will. Man kann, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Einfach ich – und wie ich will – und was ich will – und wann ich will. Wäre da noch wer, wäre vielleicht nicht mehr alles genau so möglich. Man müsste vielleicht auch Rücksicht nehmen. Aber das wäre ja öde. Wo bliebe da die Glücksspirale?

Auf alle Fälle oute ich mich in solchen Kreisen immer als Spassbremse und frage mich langsam: Wieso tue ich mir das überhaupt an? Wieso habe ich das Gefühl, solchen Menschen meine Meinung sagen zu wollen? Weil ich schlecht einfach auf den Mund sitzen kann, wenn sich in mir Widerspruch regt? Aber bringt es was? Das sind wohl die Tücken des Internet – man trifft auf Menschen, mit denen man im realen Leben nie könnte und liest dann Argumente, die man nicht teilt. Aus der realen Welt ist man gewohnt, Stellung zu beziehen, weil der Mensch im Diskurs wächst. Bei so divergierenden Welten ist das allerdings kein Wachsen mehr, sondern nur noch Treten an Ort – für alle Beteiligten. Schön wäre bei allem Allesistmöglich etwas mehr Toleranz für andere Weltsichten. Aber das scheint dann nicht möglich – da die eigene als die richtige Sicht gesehen wird.

Egoismus oder wenn Seelen brechen

Cosima fragt sich, wieso Menschen sich selten überlegen, was sie anderen zufügen mit ihrem Verhalten. Sie fragt sich weiter, wieso sich meist jeder selber der nächste ist und ungeachtet der Konsequenzen mit andern Menschen umspringt, grad wie es ihm passt. Menscheseelen sind verletzlich, aber wenn dann eine leidet, ist sie selber schuld, weil zu sensibel für diese Welt. Und die, welche zerbrechen an der Welt, sind die Kranken, auf denen man dann wegen ihres Krankseins rumtrampelt, während die Egoisten munter ihres Weges gehen und weiter Menschenseelen mit Füssen treten.

Ist das die Welt, die wir haben wollen? Oder spricht der Winterblues aus mir? Oder ist der Mensch – wie Hobbes schon sagte – von Natur böse und gemein? Das hätte ja schon Gott in Genesis 6.5 gesehen, als er feststellte, dass die Bosheit des Menschen gross sei. Vielleicht geht im Dezember die Welt nicht ganz unter, sondern eine Flut schwemmt alle weg – um dann mit einer neuen Arche etwas Neues entstehen zu lassen? Ob das dann besser ist? Wie man sieht, kam es nicht besser…

Oder gäbe es einen Ausweg? Wie könnte er aussehen, so dass er realisistisch ist?

Wie einer wird was einer ist

Wie werden wir zu dem, was wir sind? Durch das Leben selber? Man sagt, das Leben sei der beste Lehrer. Wenn man genau hinschaut, sind es meist die negativen Erlebnisse, die, welche weh tun, welche einen hart herausfordern, die einen auch mal auf den Boden werfen, welche einen weiter bringen. Wenn wir nämlich erst mal liegen, sehen wir zurück und schauen, wo wir gefallen sind. Wir schauen, was wir getan haben, um zu fallen, was uns passiert ist, wie wir hätten den Fall vermeiden können und was wir in Zukunft anders machen können. Das heisst nicht, dass wir dann nie mehr fallen, aber wir haben das nächste Mal ein Aha-Erlebnis beim Fallen und vielleicht sogar ein Déja-Vu-Erlebnis. Been there, done that. Let’s do it again.

Aus Fehlern soll man lernen, heisst es. Was aber, wenn man ohne einen Fehler zu machen, fiel? Was, wenn man über ein falsches Spiel des andern stolperte, über zu grosses Vertrauen von einem selber oder zu viel Glauben an das Gute im Menschen? Ist das so falsch? In der heutigen Zeit vielleicht schon. Vielleicht zu allen Zeiten. Aber ist es als Menschenart falsch, das Gute im Menschen zu sehen und daran zu glauben, dass Menschen gut und ehrlich sind? Wohl kaum. Und doch fällt man damit bisweilen auf die Nase. Und wenn man dann zurück schaut, merkt man, dass man es insgeheim schon vorher wusste. Man sieht, dass man schon lange durchschaut hatte, was eigentlich ist, doch über dieses innere Gefühl hinweg ging.

Was also hat man aus dem Leben gelernt, wenn man immer in dieselben Fallen tappt? Trotzdem viel über sich selber. Und manche Fallen lernt man mit der Zeit zu umgehen, andere schnappen öfter zu. So oder so ist das Leben ein stetiges Vorwärts, das mit jedem Schritt ein paar Erkenntnisse mehr in den Rucksack packt, so dass sich dieser immer mehr füllt. Und aufgrund dieser Erkenntnisse stellt man Weichen, schlägt man Wege ein, setzt man sich Ziele und geht den Weg, der einem gangbar erscheint. Und immer wieder gibt es Momente, in denen man denkt: so wie ich bin, bin ich gut, das Leben, das ich führe, ist ein gutes Leben. Der Weg dahin war immer genau der Weg, den man ging. Also seien wir dankbar für alle Lehren, die wir zogen, für alles, was wir mitnahmen auf unserem Weg, denn all das führte uns dahin, wo wir heute stehen.

Es wird auf dem weiteren Weg noch manche neue Lehre geben, auf manche würden wir wohl gerne verzichten, hätten den Weg gerne eben und freudig, voller Sonne und Blumen am Wegesrand. Und doch gehören auch Steine auf einen Weg, wird es auch mal Wolken geben, Gewitter gar. Sie alle machen den Weg lebendig, machen ihn zur Herausforderung und lassen uns an einen neuen Punkt gelangen, wo wir wieder sehen: es ist gut, wie es ist und ich bin genau hier, wo ich sein soll. Weil ich den Weg ging, mit allen Facetten, mit allem, was auf einen Weg gehört.

Auf der Suche

Zenshos Gedanken für heute: „Du suchst und suchst und weisst nicht, wonach du suchst. Du erkennst nicht, dass das, was du suchst, der eigentliche, allerinnerste Antrieb deines Suchens selbst ist. Es ist dein wahres Selbst, das überlagert ist von der Wahnvorstellung eines Ego mit seiner erlebten Welt. So ist jedes Suchen im Äusseren eine durch dein Nichtwissen bedingte Fehlinterpretation dessen, was du wirklich suchst.“

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Wie oft denken wir, dass wir zufrieden sind, wenn wir nur etwas bestimmtes erreichen oder haben. Die Objekte der Zufriedenheit sind vielfältig:
„Wenn ich nur endlich abgenommen habe, werde ich glücklich sein.“
„Wenn ich meinen Traummann gefunden habe, bin ich zufrieden.“
„Wenn ich endlich einen Job habe, bin ich zufrieden.“

Die Liste könnte unendlich erweitert werden. Schaut man aber zu den Menschen, die schlank sind, die einen Job jaben, die einen Traummann haben (oder etwas, das danach aussieht 🙂 ), so sind sie selten einfach nur zufrieden oder glücklich, sie suchen wieder etwas anderes. Angekommen in der Zufriedenheit ist niemand durch diese äusseren Dinge. Sie verschaffen zwar eine kurze Befriedigung, auch ab und an ein Glücksgefühl, wenn man ganz bewusst hinschaut auch ein Gefühl der Dankbarkeit. Anhaltend zufrieden ist man aber nicht durch sie.

Wieso suchen wir also im Aussen nach der Zufriedenheit, wenn wir eigentlich wissen, dass sie da nicht zu finden ist? Die Antwort liegt auf der Hand: da schaffen wir es einfacher, ein wenigstens vorübergehendes Geüfhl davon zu erhaschen, wie es wäre, wenn wir zufrieden sind. Es ist eine Befriedigung, die zwar nicht anhält, aber im Moment des Seins gut tut, schön ist, erstrebenswert ist. Und weil es so schön ist, streben wir immer wieder danach, es zu verwirklichen, indem wir im Aussen weiter suchen, neue Punkte anstreben, die uns dieses Gefühl verschaffen. Und indem wir in diesem Aussen verhaftet sind, vernachlässigen wir das, was der eigentliche Ort der Zufriedenheit wäre, unser Inneres. Da ist alles bereits vorhanden, das wir im Aussen suchen. Nur in uns drin werden wir den Grund für Glück und Zufriedenheit finden, alles ist schon da. Wir müssen es nicht suchen.

Um das zu sehen, müssten wir uns aber ganz auf uns besinnen und in uns selber hineinhören. Das macht manchmal Angst, weil man nicht weiss, was man findet und weil man im Laufe der Zeit so weit von sich selber weggerannt ist. Zudem klingt es auch unvorstellbar und irgendwie komisch: In dir liegt das Glück, es ist schon da. Wieso spüre ich es denn nicht? Wie soll das gehen? Erklären kann man es schlecht, es gibt Ansätze, die eine Ahnung geben, aber gehen muss den Weg jeder selber. Nur ein selber erfahrener Weg ist einer, der etwas zwigt, Buchwissen hilft da nicht. Ein erster Anfang ist geschaffen, wenn man sich bewusst ist, dass man selber alles in sich trägt, man selber in seinem Sein schon alles hat und nichts mehr suchen oder erreichen muss, sondern ganz bei sich bleiben. Das hat nichts mit Egoismus oder Egozentrismus zu tun, sondern mit dem Bewusstsein für das eigene Sein als Teil das allumfassenden grossen Seins. Indem wir uns als Teil wahrnehmen eines Ganzen, werden wir lernen, dass es gar nichts geben KANN, das wir noch haben müssen, um glücklich zu sein, wir sind schon ganz.

Frühstück at Cosima’s

Mutter Cosima liest beim Frühstückstisch dem Filius aus Zenshos Worten eines Erwachten vor über die geistige Verblendung: „In Wahrheit nimmst du aber nur scheinbar mit den Sinnesorganen etwas Äusseres wahr, denn Raum ist nichts weiter als Projektion des Bewusstseins.“ – Kindchen hält inne, schaut sein Honigbrot an, sagt: „Das stimmt nicht, das Brot gibt es.“, beisst genussvoll rein und schaut mich triumphierend an beim Kauen. 🙂

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So sehr ich Zenshos Worte teile im Sinn, so wenig konnte ich dem Kind widersprechen. Wenn wir etwas sehen, lässt sich sagen, es kann die Färbung unserer Augen sein. Schon Kant sagte: Wenn du etwas Grünes siehst, weisst du nicht, ob es wirklich grün ist oder dein Auge eine grüne Glasscheibe. Wenn wir etwas hören, könnten wir es auch nur in der Vorstellung hören. Die Schallwellen sind leichter als nur vorgestellt zu denken als etwas, was wir fühlen. Dasselbe gilt bei Reflexen, Sinnesreizen wie Speichel (Pavlov) und ähnlichem. Aber wie steht es beim Berühren? Das erscheint uns irgendwie wirklicher als das Gefühlte, Gehörte, Gesehene. Was die Hände spüren, das ist unumstösslicher wahr als alles andere. Wieso geben wir dem Tastsinn die Oberhand über die anderen Sinne? Wieso ist er wahrer als jeder andere?

Wenn alles Energie ist, alles nur der eine Geist, wir alle eines sind und alles nur Energie ist, die in verschiedener Materialisierung auftritt, sei es als Schallwellen, sei es als Rauch, Flüssigkeit oder noch dichter als Körper – dann ist alles Energie in Bewegung und damit gleich wahr. Die Frage ist aber: wo findet die Materialisierung statt? Nur in unserem Geist/Bewusstsein oder eben doch ausserhalb? Und wenn nur im Bewusst sein, läge dann, dass wir alle dasselbe sehen (oder zu sehen glauben, denn wissen, was der andere sieht, tun wir nich), daran, dass wir alle eins sind und darum dem gleichen Bewusstsein verbunden?

Und so könnte ich nun weiter zerpflücken und tiefer gehen und jedes einzelne Wort erneut auf die Goldwaage legen, um am Schluss am selben Punkt anzulangen: Die Welt ist der Spiegel unseres Bewusstseins. Erklären kann man es nicht, man muss es fühlen.

Niemand sagte, es sei leicht. Ab Morgen lesen Filius und ich die Hatha Yoga Pradipika – und ich bin gespannt auf unsere Gespräche.

Gespräch der Zwillinge

Kürzlich las ich eine Geschichte, die mich berührte. Hier die freie Nacherzählung der Geschichte von Henry Nouwen:

Ein ungeborenes Zwillingspärchen unterhält sich im Bauch der Mutter.
„Sag’ mal, glaubst Du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?“ fragt der eine Zwilling.
„Ja, auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden für das, was draußen kommen wird, vorbereitet“, antwortet der andere Zwilling.
„Ich glaube, das ist Blödsinn!“ sagt der erste. „Es kann kein Leben nach der Geburt geben – wie sollte das denn bitteschön aussehen?“
„So ganz weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?“
„So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz.“
„Doch, es geht bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders.“
„Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen nach der Geburt. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende, Punktum.“
„Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden, und sie wird für uns sorgen.“
„Mutter???? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?“
„Na hier – überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!“
„Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht.“
„Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt.“

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Wenn wir die hergebrachten Vorstellungen loslassen und darauf vertrauen, dass mehr existiert als das, woran wir haften, wird das Leben freier und damit entspannter, glücklicher. Erst wenn wir das Haften am Leben loslassen können, wird es erst lebenswert und kein von Angst geprägtes Dasein, welches in allem, was wir tun, die Angst vor dem Ende in sich trägt. Denn wer weiss: vielleicht ist das Nachher viel wunderbarer? Grösser? Vielleicht sind wir erst in der Vorbereitung auf diese nächste Stufe? Wissen tun wir es nicht, aber der Gedanke, dass wir nur ein Teil eines grosssen Ganzen sind, dass wir selber ewig sind in diesem Ganzen, gibt dem Leben ein Stück Gelassenheit. Und Frieden.

Die Welle fragte den Ozean: „Wer bin ich?“ – Der Ozean antwortete: „Du bist ich?“ Und genau so sind wir zwar einzelne Wellen, aber als solche Wellen immer Teil des Ganzen. Und fühlen ab und an das sanfte Streicheln und die wärmende Hand.

Kommunikation und moderne Technologie

Wir sind vernetzt. Ständig und überall. Selbst auf dem Klo sind wir erreichbar, Handy sei dank. Sogar Mails können wir da runterladen und beantworten, können an Konferenzschaltungen teilnehmen, doppelte Sitzung quasi. Wo wir gehen und stehen – die ganze Welt ist mit uns, Facebook sei dank. Alle wissen nun, wo wir sind, was wir da machen, wir wissen, wem das alles gefällt. Die Welt wird zum Dorf, wir zu Big Brother und Big Sister. Big Family quasi. Nun wäre es müssig, sich darüber zu unterhalten, ob das nun sinnvoll ist oder überflüssig, jeder hat ein Stück weit selber in der Hand, wie weit er sich darauf einlässt. Gewisse Dinge sind aber fast unausweichlich, da sie von der Gesellschaft immer mehr gefordert werden. Kein Handy – geht nicht. Keine Mailadresse? Ein mitleidiger Blick.

Diese ständige Erreichbarkeit hat durchaus Vorteile: in Notfällen kann man schnell reagieren, man kann verabredungen unkompliziert treffen, man muss keine weiten Distanzen mehr zurücklegen, um andere zu treffen, Kommunikation wird einfacher. Denkt man. Die erleichterte Kommunikation scheint die früher bekannten Anstandsregeln ausser Kraft gesetzt zu haben – oder zumindest in Zweifel gestellt. Während die einen noch immer denken, dass Fragen nach einer Antwort verlangen, die man auch fristgerecht gibt, verlaufen andere Fragen im Nirvana, der Fragende sitzt und wartet und hat keine Ahnung, was denn nun ist, weil die Antwort ausbleibt. Der Umstand, dass man weiss, dass die Frage angekommen ist, gelesen wurde, macht dieses Warten nicht angenehmer, sondern noch fragwürdiger. Wieso kommt keine Antwort? Kein Interesse? Keine Zeit kann es nicht sein, denn ein SMS dauert max. 1 Minute – und wer keine einzige Minute frei hat – der müsste sich dringend mit seinem Zeitmanagement auseinandersetzen.

So oder so lösen diese Verzögerungen schlechte Gefühle auf – Unsicherheiten über den eigenen Stand und den des anderen. Dazu kommt die Unsicherheit, was denn nun eigentlich gefordert wäre in der neuen Kommunikation? Ob die eigenen Ansprüche zu hoch geschraubt sind? Und was man dann den eigenen Kindern noch beibringen soll? „Wenn ich dich was frage? Nein, du brauchst nicht antworten, das kannst du auch morgen noch tun…“ ??? Das wäre nicht meine Welt – und sie wird es – Technologie hin oder her – nie sein. Ich mag eine Kommunikation, die gegenseitig ist und die funktioniert. Wenn jedes Mal eine Unsicherheit auftaucht, man ständig auf den anderen wartet, dann passt die Kommunikation nicht. Nicht weil einer richtig, einer falsch ist, sondern weil die beiden Modelle nicht übereinstimmen und so Unstimmigkeiten vorprogrammiert sind. Am Anfang ist es ein inneres Grollen, von dem man ablässt, wenn die Antwort da ist, es wächst weiter, zum Vorwurf: wieso antwortest du mir nie? Geht weiter hin zu: du sprichst nicht mit mir und geht hin zu einem Gefühl von Vernachlässigung, Trauer, Wut. Beim andern kommt erst Druck, das Gefühl, ich mache es nicht richtig, noch mehr Druck und am Ende Ärger, Frustration und auch Trotz. Alle Gefühle sind nicht gesund – weder für den einzelnen Menschen noch für die Beziehung der beiden.

Kommunikation ist wichtig – und dabei auch, dass zwei Menschen die selben Ansichten von derselben haben. Lässt sich kein Weg finden, der für beide passt, wird es schwer – wenn nicht unmöglich.

Wenn Träume wahr werden

Träume sind Schäume sagt ein Sprichwort. Verträumte Menschen werden belächelt und fast schon mitleidig als „Träumer“ betitelt und überhaupt ist Träumen was für die, welche es nicht besser wissen. Oft wird Träumen als Gegenteil von Achtsamkeit betrachtet, was aber so nicht stimmt. Achtsamkeit ist eine Art, ans Leben heranzugehen mit wachem Geist, bewusst, im Moment verhaftet. Achtsam sein heisst, hinzuschauen, auf sich, auf andere, auf das Leben. Es heisst, nicht die Augen zu verschliessen vor dem, was ist, was mit einem passiert, wie man selber ist, handelt, fühlt. Achtsamkeit ruft auf zum Leben im Moment, ganz bei sich, in Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit sich selber gegenüber und den andern gegenüber. Aber auch in solchem Achtsamsein kann man Träume haben. Wünsche, wie das Leben weiter gehen soll, Ziele, die man gerne erreichen möchte. Man kann achtsam in sich hineinhören, wo die Träume herkommen, ob es wirklich eigene Träume sind oder solche, die man anderen erfüllen will. Man kann achtsam hinhören, ob die Träume einem überhaupt entsprechen, man selber sich sieht im Traum oder aber das, was man denkt, sein zu müssen/sollen in der Gesellschaft, für die Eltern, für den Partner, für die andern.

Und wenn man dann dahin kommt, zu sagen: Das ist mein Traum, da will ich hin, das ist mein Ziel, dann geht es darum, den Traum zu entschäumen, ihm Hand und Fuss zu geben, einen Boden, ein Fundament. Dazu hilft es, in Schritten vorwärts zu gehen, denn auch Rom wurde nicht in einem Tag erbaut:

1. Mach dir eine genaue Vorstellung: Wo will ich hin, was will ich erreichen, wie sieht mein Ziel genau aus. Stelle dir vor, wie es ist, wenn das Ziel erreicht ist, wie sieht es aus, wie fühlt es sich an, was machst du dann mit diesem Ziel. Stelle dir dich vor nach Erreichen des Ziels, male alles farbig aus, stelle es dir plastisch vor.

2. Step back: Nun lauf von dem Ziel zurück zum Heute, um zu sehen, welche Schritte dich zu diesem Ziel führen. Schaue hin, was dir auf dem Weg zurück begegnet und zeichne so einen Weg auf, der zu diesem Ziel hinführt. Dazu hilft es, Zwischenziele zu formulieren.

3. Zeitrahmen: Um nicht ins Uferlose zu fallen, setze Fristen für die Zwischenziele, definiere, wann du was für dich erreicht haben willst, kannst, was realistisch ist beim Erreichen der Zwischenziele und des Endzieles.

4. Fühle deine Ziele: Lies dir deine eigenen Ziele laut vor und höre in dich hinein: Fühlt sich das gut an? Ist das wirklich realistisch? Glaubst du dran? Willst du es?

5. Hole Hilfe: Erzähle Menschen, von denen du weisst, dass sie hinter dir stehen, von deinen Zielen. Hole Hilfe bei Leuten, die helfen können, sei es mit guten Gedanken (positive Energie zieht positive Energie an), sei es mit aktiver Hilfe und Hilfeleistungen.

6. Hinterfragen: Stelle deine Ziele immer wieder in Frage: Stimmen sie noch, sind es noch Ziele oder hast du dich verändert? Ziele müssen nicht in Stein gemeisselt werden. Die fortschreitende Erkenntnis kann auch Verschiebungen mit sich bringen. Das ist der Fluss des Lebens und starres Festhalten wäre hinderlich.

Und dann geh – geh den Weg und schreite vorwärts. Mit Vertrauen in dich und deine Kraft. Mit Zuversicht, das Ziel erreichen zu können und mit Freude, den Weg gehen zu dürfen. Und langsam siehst du die Träume wahr werden, Schritt für Schritt. Und jeder Schritt gibt ein gutes Gefühl und lässt dich wachsen. Lässt dein Vertrauen in dich selber wachsen. Träume sind keine Schäume, sie können dein Leben sein. Lebe deinen Traum.

Vom Leiden

Ich leide, also bin ich. So könnte man teilweise denken, funktioniert das Leben. Irgendwas lässt uns oft leiden, lässt uns unzufrieden sein mit dem Augenblick, der Situation, in der wir stecken. Wir denken dann, das Leben sei schwierig, wir leiden unter Ängsten, unter Sorgen, Nöten. Wir sind enttäuscht oder sehen unsere Erwartungen nicht erfüllt. Wo kommt dieses Leiden her?
Patanjali nennt in seinen Yoga-Sutras (II,3) fünf leidvolle Zustände: Nichtwissen, Ichgefühl, Begierde, Hass und Lebenstrieb. Diese fünf Zustände teilt er weiter ein in intellektuelle, emotionale und instinktive.

Nichtwissen oder der Mangel an Weisheit (Avidya) gehört zu den intellektuellen Leiden. Dabei handelt sich aber nicht um Buchwissen, welches mangelt, sondern es ist die Erkenntnisfähigkeit an sich, welche nicht da ist, das spirituelle Wissen, welches fehlt. Man wendet sich dabei falschen Göttern zu wie Materiellem, wie Dingen der äusseren Welt, statt sich auf sich und das Sein zu besinnen und der wahren Erkenntnis nachzuforschen.

Ichgefühl oder Egoismus (Asmita) gehört ebenfalls zu den intellektuellen Leiden. Paart sich das mangelnde spirituelle Wissen mit Hochmut, führt das oft zu Selbstüberschätzung und Egoismus. Das Ego bläht sich auf und ignoriert dabei die wahren Werte im Leben, verletzt das mütfühlende Miteinander, sondern sieht sich selbst als Zentrum des Seins, welches nicht das All-Eins ist, sondern ein Sein als agozentrisches Wesen, getrennt von den andern, welche dem eigenen Ego unterlegen scheinen. Das Gefühl für das natürliche Mass geht dabei verloren, das Masslose nimmt überhand.

Raga (Begierde) Und Dvesa (Hass) gehören zu den emotionalen Leiden. Sowohl die masslosen Begierden, welchen man sich ungehemmt hingibt, als auch zügelloser Hass gegen andere lösen Disharmonien zwischen Körper und Geist aus, bringen einen aus dem eigenen Gleichgewicht. Wenn ich jemanden hasse, füge ich also nicht ihm Leid zu, sondern nur mir selber. Ich verletze mich ständig selber durch dieses zerstörerische Gefühl. Auch die bodenlose Gier vermag nichts Gutes, sondern lässt uns nur ständig im Gefühl des Mangels leben. Wir sehen nie genug, streben immer nach mehr, wollen alles haben, was wir sehen und sehen nicht, was wir eigentlich haben. Leid ist die offensichtliche Folge, psychosomatische Störungen sind nicht weit.

Am Schluss der fünf Leidensformen steht die Lebensgier (Abhinivesa). Frei nach dem Motto „Freunde, wollt ihr ewig leben“ fürchten wir uns vor dem Tod, malen ihn in den schwärzesten Farben und wollen nichts mehr, als unser Leben verlängern. Wir klammern uns regelrecht ans Leben, weil wir Angst haben vor dem, was danach kommt. Dieses Klammern läst uns argwöhnisch werden, gegen andere, gegen das Leben selber, die Gefahren, die lauern können. Wir werden selbstsüchtig und ichbezogen, weil wir für uns das Leben gepachtet haben, wir es leben wollen und wir die am Leben haben wollen, die um uns sind und für uns wertvoll. Indem wir uns aber so verbissen an das Leben klammern, verstricken wir uns in Todesängsten, welche dem Leben die lebendigkeit nehmen. Wir sind verbissen, verbohrt und ängstlich. Und wir leiden.

Patanjali rät nun dem Sadhaka (dem Übenden), genau hinzusehen, wenn er leidet: woher kommt mein Leiden? Was ist der wirkliche Ursprung meines Leidens? Oft leiden wir vordergründig an etwas, das sich in Ketten auf ein erstes Glied zurückführen lässt – welches dann einer der fünf genannten Leidensformen entspricht. Und wenn wir diese erkannt haben, können wir sie bewusst angehen und daran arbeiten, sie zu überwinden. Wenn man nach den yogischen Prinzipien der Yamas und Niyamas lebt, die Asanas und Pranayama übt, lassen sich die Leiden im Ansatz unterbinden. Aber am Anfang steht das Bewusstsein und die Selbsterkenntnis. Die stehen jedem offen, der sie sehen will.

Gut ist nicht gut genug

Ich muss perfekt sein. Alles, was nicht perfekt ist, ist nicht gut genug und reicht nicht. Und ich will doch genügen, will doch gut genug sein. Also strenge ich mich an. Ich versuche, Fehler zu vermeiden. Weil: wenn ich Fehler mache, bin ich nicht gut genug, werde kritisiert, werde vielleicht abgelehnt.

Was ist ein Fehler? Ist ein Fehler, mich nich so zu verhalten, wie mein Gegenüber es von mir erwartet? Ist ein Fehler, mich nicht so zu verhalten, wie es für imch stimmt? Was, wenn die beiden auseinander driften? Was ist dann richtig? Was falsch? Und wer entscheidet es?

Setzen wir uns nicht tagtäglich unter Druck, Ansprüche zu erfüllen, die wir als erfüllenswert oder gar als Pflicht sehen, sie zu erfüllen? Wer hat die Ansprüche? Wir selber? Unsere Eltern? Die Gesellschaft? Freunde? Familie? Lehrer? Arbeitgeber? Und wie sehen die Ansprüche aus? Und wer sagt, dass wir sie wirklich erfüllen müssen? Was ist ein gerechtferitgter Anspruch? Und hinterfragen wir die Ansprüche überhaupt, bevor wir uns den Druck machen, sie zu erfüllen? Oder nehmen wir sie als quasi gegeben und strampeln uns ab wie ein Hamster im Rad, uns selber verurteilend, wenn wir aus dem Rad purzeln oder aber das Rad von der Stange fällt?

Was ist Druck? Wie fühlt er sich an? Gut? Eher nicht? Er drückt nieder, im wahrsten Sinne des Wortes. Er belastet, macht klein, macht unfrei, setzt Ängste frei. Die Ängste lassen den Druck nochmals wachsen und bringt neue Ansprüche: was wir alles erfüllen müssen, um die Ängste zu entkräften, sie nicht wahr werden zu lassen. Und so sind wir im ständig wachsenden Druck, bis wir erdrückt sind – uns selber erdrückt haben.

Wo liegt der Ausweg? In der Zeit und im Vertrauen. Im Vertrauen darauf, dass das, was für uns gut ist, kommen wird – wenn wir ihm die Zeit geben. Und dazu müssen wir bei uns bleiben und uns den Raum geben. Den Raum, herauszufinden, was wir erfüllen wollen, nicht was wir denken, dass wir es sollen. Wir müssen uns das Vertrauen schenken, dass wir mit dem, was uns entspricht, was wir als unser Sein erkennen, dahin finden werden, wo wir hin wollen. Das Vertauen und die Zeit werden Energien schaffen, die im Aussen Resonanz finden. Und plötzlich eröffnen sich Perspektiven, Türen gehen auf. Ohne Angst, ohne Druck.

Vertauen läst frei werden. Wenn wir uns die Zeit dazu nehmen und sie uns auch geben. Und dann wird auch niemand anders mehr Ansprüche stellen können, weil wir selber unseren Weg gehen und das angehen, was dahin führt, wo wir hin wollen. Dann können wir mit Goethe sagen: Frei ist, wer mag was er muss. Und müssen tun wir nur das, was wir auch wollen, um unsere Ziele zu erreichen. Und dessen müssen wir uns bewusst sein. Es heisst nicht, dass wir frei von jeglichem Tun sind, nur noch Warten auf Godot betreiben. Arbeiten müssen wir – aber für uns und unsere Ziele. Und das setzt uns frei.

Es wäre nun nicht gut, mit aller Macht Ziele zu verfolgen. Sie angespannt und verbissen erreichen zu wollen. Nur die nötige Gelassenheit wird uns dahin führen. Und dann ist gut gut genug, weil gut genau das ist, was es sein soll. Und das, was ist, wird gut sein.