Ingeborg Bachmann: Eine Art Verlust*

Gemeinsam benutzt: Jahreszeiten, Bücher und eine Musik.
Die Schlüssel, die Teeschalen, den Brotkorb, Leintücher und ein Bett.
Eine Aussteuer von Worten, von Gesten, mitgebracht, verwendet, verbraucht.
Eine Hausordnung beachtet. Gesagt. Getan. Und immer die Hand gereicht.

In Winter, in ein Wiener Septett und in Sommer habe ich mich verliebt.
In Landkarten, in ein Bergnest, in einen Strand und in ein  Bett.
Einen Kult getrieben mit Daten, Versprechen für unkündbar erklärt,
angehimmelt ein Etwas und fromm gewesen vor einem Nichts,

(-der gefalteten Zeitung, der kalten Asche, dem Zettel mit einer Notiz)
Furchtlos in der Religion, denn die Kirche war dieses Bett.

Aus dem Seeblick hervor ging meine unerschöpfliche Malerei.
Von dem Balkon herab waren die Völker, meine Nachbarn, zu grüssen.
Am Kaminfeuer, in der Sicherheit, hatte mein Haar seine äusserste Farbe.
Das Klingeln an der Tür war der Alarm für meine Freude.

Nicht dich habe ich verloren,
sondern die Welt.

Ingeborg Bachmann (1929 – 1973)

Szenen eines Miteinanders, die kleinen Alltäglichkeiten eines geteilten Haushalts, eines geteilten Lebens. Es ist das Leben von Ingeborg Bachmann und Max Frisch, welche von 1958 bis 1962 ein Paar waren. Einerseits verkörperten die beiden eine Liaison, welche voller Mythen war, zwei helle Köpfe, zwei grosse Literaten vereint – und doch hätten sie unterschiedlicher nicht sein können. Er der pragmatische und disziplinierte Schriftsteller, welcher nach geordneten Bürozeiten in die Tasten haute und praktisch druckreife Werke aus der Maschine holte, sie der immer nach Worten suchende, der an Worten feilende Freigeist mit dem viel zu hohen Anspruch an sich und ihre Texte.

Es ist das erste Mal, dass sich Ingeborg Bachmann wirklich auf eine Beziehung einliess, mit einem Mann zusammenzog. Und immer wieder merkte sie, dass alles zu eng war, sie Distanz brauchte, dass sie ihn doch nicht ganz an sich ranlassen konnte. Es war kompliziert. Und es wurde von Max Frisch beendet, als sich dieser in eine junge Studentin verliebt hatte. Für Ingeborg Bachmann ein Schock, der sie in eine tiefe Krise stürzt, aus welcher sie sich nicht mehr so schnell erholen sollte – vielleicht nie mehr wirklich.

Im Trennungsjahr entstand dieses Gedicht, welches Ingeborg Bachmann 1967 zum ersten Mal im Hörfunk gelesen hat. Gedruckt wurde es erst posthum, 1978. Wie eine Liste, sachlich, in neutraler Sprache, listet Ingeborg Bachmann die Gegenstände, Erlebnisse und Gedanken des gemeinsamen Lebens auf – quasi eine Inventur. Und doch drängt aus jeder Zeile das Trennungsdrama, welches sie als «grösste Niederlage» ihres Lebens bezeichnete.

Man sieht sich im Gedicht an den Zürichsee zurückversetzt, alles, was normaler Alltag war, steht in der Vergangenheitsform. Es ist vorbei. Und am Schluss steht eine Art Verlust. Dieser ist aber grösser, als es rein sachlich scheinen mag. Es ist nicht nur der Verlust eines Menschen, Max Frischs, es ist der Verlust einer ganzen Welt, der Welt, die sie gemeinsam aufgebaut haben aus all den vorhergehenden Listenpunkten.

Max Frisch und Ingeborg Bachmann haben ihre Beziehung und auch ihre Trennung in ihrem Werk wieder und wieder thematisiert. Frisch unter anderem in «Mein Name sei Gantenbein», was Ingeborg Bachmann wegen der intimsten Details ihres Zusammenseins tief traf, und in «Montauk», Ingeborg Bachmann selber chiffrierter durch eine uneindeutigere Sprache und nicht alles offenbarende Komposition. Auf diese Weise lebt die Beziehung auch nach der Trennung von Tisch und Bett und Leben auf eine Weise weiter, lässt nicht los, bleibt lebens- und werkprägender Bestandteil zweier Menschen.

*zit. Nach Ingeborg Bachmann: Liebe: Dunkler Erdteil. Gedichte aus den Jahren 1942 – 1967, Piper Verlag, 6. Auflage, München 1997.

Liebe-los

Ich liebte dich,
wenn du nur wärst,
ein wenig mehr –
das bitte sehr.

Ich liebte dich,
doch fehlt mir noch,
ein ganzes Stück
zu meinem Glück.

Ich liebte dich,
doch schau mal hin,
das geht so nicht,
macht keinen Sinn.

Ich liebte dich,
ich mein’ ja nur,
doch du bleibst du,
bist einfach stur.

So sprach er einst,
ich glaubt’ es fast,
tat hier ein Stück,
und da noch was.

Ich merkte bald,
s’ist nie genug,
zumindest war ich
dann mal klug:

Mit Sack und Pack
ging ich dahin,
wo reicht’ was ich
und wer ich bin.

Da sitz ich nun
Und denk zurück,
ich denk an ihn,
denk an das Glück,

und beides war
mir nicht bestimmt.
bin nur noch ich,
und bin genug.

©Sandra von Siebenthal

vogelfrei

auf weiten schwingen
vom himmel getragen
dem elend entflogen
kein zwang und kein ziel

bin aus den zwingen
muss nichts mehr ertragen
werd nie mehr enttäuschen
bin nie mehr zuviel

kein blick mehr bestraft mich
und auch keine klagen
kein mich auslachen –
von dir nun nie mehr

nichts davon dacht ich
als du vor mir lagest
den mund fest verschlossen
die augen glanzleer.

@Sandra von Siebenthal

Else Lasker-Schüler: Ein Liebeslied

(Else Lasker-Schüler, 1869-1945)

Komm zu mir in der Nacht – wir schlafen engverschlungen.
Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen.

Es öffnen Blumen sich vor allen Quellen
Und färben sich mit deiner Augen Immortellen…

Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen
Und Liebe eingehüllt spät in mein Zelt.
Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen.

Wir wollen wie zwei seltene Tiere liebensruhen
Im hohen Rohre hinter dieser Welt.

Das vorliegende Gedicht entstammt Else Lasker-Schülers letztem Gedichtzyklus «Mein blaues Klavier», welcher 1943, 1,5 Jahre vor ihrem Tod, im Exil in Jerusalem veröffentlich wurde.

Eine Frau liegt nach einsam durchwachter Nacht noch im Bett, die plagenden Träume hallen noch nach. Draussen singt ein fremder Vogel, was sie sich wünscht, ist noch unvertraut, mehr Wunsch als Realität. Und doch: Die nächste Nacht soll schöner sein. Mit dem Geliebten.

Sie sieht die Schönheit der Natur, sieht die Blumen an den Quellen, und sieht in ihnen den Geliebten auch – nur soll der, Immortellen gleich – unsterblich sein. Sie kleidet die Vorstellung der nächsten Nacht in märchenhafte Zauberbilder. Eilen soll er, doch nicht mit polterndem Schritt in schnellen Stiefeln, sondern auf Siebensternenschuhen. Es soll eine Liebe nicht von dieser Welt sein, eine, wie sie für die normalen Menschen nicht erreichbar ist – nur sie beide, diese beiden seltenen Tiere, die sich in der nächsten Nacht finden, umarmen und festhalten, sollen sie erleben.

Die Einsamkeit der Nacht dringt nicht nur aus den Worten, sie zeigt sich auch im Reim, ist einsam doch auf weiter Flur allein ohne einen solchen. Das verstärkt die Einsamkeit noch, lässt sie als zentrales Thema dieses Gedichts aufleuchten. Diese ganze Sehnsucht, dieser ganze Wunsch nach dem Geliebten entspringt dieser Einsamkeit, die als einziges Glied in einer Kette kein Gegenüber hat.

So muss sich auch Else Lasker-Schüler gefühlt haben in Jerusalem. Wie lange hatte sie Jerusalem als einzig wahre Heimat gepriesen, ein Sehnsuchtsort war es, den sie hochlobte. Als sie dann – verscheucht durch ein unmenschliches Regime im Krieg – nach Jerusalem kam, war sie nur eine Fremde. Und sie fühlte sich nicht zu Hause. Was hätte sie wohl darum gegeben, von einem Prinzen in Sternenschuhen gerettet zu werden, durch die Liebe vor der Welt und der Zeit verborgen zu sein und nicht mehr allein? Und sie denkt zurück, erinnert sich an Zeiten, wo sie zumindest freundschaftlich verbunden und nicht allein war, mit Franz Marc, welcher in seinen Bildern seltene Tiere erschuf. Daraus spricht die Sehnsucht danach, in der Einsamkeit, als Fremder unter anderen einen Gleichgesinnten zu haben. Einen, mit dem zusammen man in dieser eigenen Welt nicht mehr einsam sein müsste.  

Quo vadis?

Wenn Freiheit nur
Alleinsein heisst,
wenn ein «ich muss»
das «Kann» bescheisst,

wenn Menschen nur
sich selber seh’n
gefühllos durch
die Welt noch geh’n,

dann ist es Zeit,
mal hinzuschau’n,
dann sollt’ man auf
Gefühle bau’n.

Die sagen, dass es
so nicht geht.
Die brauchen,
dass man nun hinsteht

Wenn Not allein,
das Leben prägt,
dann suche was,
das endlich trägt.

Drum schau gut hin,
was dir nun fehlt,
und bau ins Sein,
was dich beseelt.

Erst wenn du in
Dir selber ruhst,
kommt gut, was du
auch immer tust.

©Sandra von Siebenthal

Kleine Deutungen – Robert Frost: The Road Not Taken

Robert Frost (26. März 1874 – 29. Januar 1963)

The Road Not Taken

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that, the passing there
Had worn them really about the same.

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I-
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Eines der wohl bekanntesten Gedichte von Robert Frost, fast möchte ich sagen, der englischsprachigen Dichtung. Im Spiel mit dem Bild eines Weges, der für den Lebensweg stehen kann, trifft der Gehende auf eine Weggabelung. Welchen Weg soll er beschreiten? Was verspricht der eine, was der andere? Was werden sie beide halten? Vor dem Gehen wird man es nicht wissen, man kann nur Abwägungen machen, die Wege von aussen betrachten, Vorstellungen zu Hilfe ziehen – und dann wird man eine Entscheidung treffen müssen.

Das Ich im Gedicht schaut sich die Wege an, schaut dem einen nach, bis er sich der Sicht entzieht, begutachtet den anderen. Vieles deutet darauf hin, dass beide etwa gleich viel begangen worden sind, und doch gibt es Spuren für das Gegenteil. Beide Wege liegen gleich vor ihm an diesem Morgen. Und so entscheidet sich das Ich für einen, behält sich den anderen für später vor, im Wissen, dass ein Weg oft in einen anderen führt, die Chance also gross ist, dass es nie mehr an den Punkt von heute zurück kehren wird.

Oft im Leben stehen wir vor Entscheidungen und überlegen nach allen Seiten, welche die für uns beste sei. Wir wägen ab, stellen uns Konsequenzen vor und wissen, dass jede Entscheidung für etwas, auch eine gegen etwas anderes sein wird. Nur: Wir können nicht alles haben, wir müssen eine Wahl treffen. Und: Vieles im Leben kommt nicht wieder.

Bemerkenswert ist der letzte Vers. In der ersten Zeile heisst es da, dass das ich dies mit einem Seufzen sagen werde. Das Ich sagt es nicht mal jetzt, sondern erst irgendwann und irgendwo, dann, wenn der Weg gegangen ist und es sehen wird, wohin er geführt hat. Was aber bedeutet das? Ein Seufzen ist keine eindeutige Angelegenheit. Je nachdem, wie man seufz, kann es Erleichterung oder Bedauern ausdrücken. Wir wissen nicht, welche Art des Seufzen es hier sein wird.

Und dann wird alles nochmals zusammengefasst: Wir haben die klare Ausgangslage der zwei Strassen, die sich trennen in einem Wald. Und dann folgt die Entscheidung: Das Ich nimmt den Weg, der weniger begangen ist. Und das macht den ganzen Unterschied. Was nun so klar daliegt, ist allerdings alles andere als klar. Wir wissen nicht, welchen Unterschied das macht, ob dieser positiv oder negativ ist für das Ich, das den Weg gegangen ist. Und vermutlich ist das gar nicht wichtig. Nur schon das Treffen einer Entscheidung hat einen Unterschied gemacht, indem ich nämlich weiter gehe im Leben und nicht stehen bleibe. Einmal getroffen, gilt es, den Weg zu gehen. Bis sich wieder neue Weggabelungen zeigen.

Ich konzentriere mich in meinem Blog und auch in meinem Lesen allgemein mehrheitlich auf deutschsprachige Literatur, doch gibt es so ein paar Lieblinge aus anderen Ländern, die ich nicht missen möchte. Robert Frost ist einer davon. Die Schwierigkeit, die sich dabei zeigt, ist die des Übersetzens – gerade in der Lyrik (sie ist aber auch in der Prosa ein grösseres Thema, als landläufig angenommen wird, da ein falscher Sprachduktus in der übersetzten Sprache das ganze Buch komplett verändern kann und viel vom Charme wegfällt, welchen das Original hatte). Zwar verstehe ich Englisch durchaus ziemlich gut, was bei anderen Sprachen leider nicht mehr der Fall ist, ich habe mich bei diesem Gedicht aber doch um Übersetzungen bemüht, vor allem auch, weil ich das Gedicht so liebe und es auch Menschen zugänglich machen möchte, welche im Englischen nicht so bewandert sind.

Gestossen bin ich auf verschiedene Übersetzungen, die mir liebste ist die folgende von Lars Vollert, welcher einen zweisprachigen, wunderbaren Gedichtband von Robert Frost herausgebracht hat.

Ein Weg ward zwei im gelben Wald.
Betrübt, dass ich nicht beide gehen
Und Einer sein kann, macht’ ich Halt
und sah dem einen nach, der bald
im Dickicht war nicht mehr zu sehn.

Ich nahm darauf den andern dann.
Sein gutes Recht gewährt’ ich ihm:
Das Gras stand dort schon wieder lang,
obgleich er durch der Leute gang
genauso ausgetreten schien.

Auf beiden an dem Morgen lag
das Laub von Tritten nicht zerdrückt.
Dem ersten blieb ein nächster Tag!
Weil eins zum andern führen mag,
ahnt’ ich, ich käm wohl nicht zurück.

Ich sag mit einem Seufzen sicherlich,
wenn viele Jahre ich verbracht:
Ein Weg ward zwei in einem Wald, und ich –
ich nahm den einsamen für mich,
das hat den Unterschied gemacht.

Hier haben wir die Konzentration auf den Reim und den Rhythmus, die Worte sind freier gewählt, wenn auch der Sinn da ist. Eine, wie ich finde, sehr schöne Lösung. Lars Vollert bietet noch eine zweite Übersetzung an:

Zwei Wege trennten sich im gelben Wald,
und weil ich leider nicht auf beiden gehen
und Einer bleiben konnte, szand ich lang
und sah, so weit es ging, dem einen nach
bis dort, wo in der Dickung er verschwand.

Ich nahm den andern dann, auch der war schön
und hatte wohl noch eher Anspruch drauf:
Er war voll Gras und wollt begangen sein.
Was das betraf, so schien’s, dass beide schon
vom Wandern ähnlich ausgetreten waren,

und beide lagen an dem Morgen gleich
in Laub, das noch nicht schwarz von Tritten war.
Ich liess den ersten für ein andermal!
Wiewohl: Ein Weg führt in den nächsten Weg;
ich hatte Zweifel, je zurückzukehren.

Mit Seufzen sprech ich sicher einst davon
nach langer, langer Zeit und irgendwo:
Zwei Wege trennten sich im Wals, und ich –
ich nahm den Weg, der kaum begangen war,
das hat den ganzen Unterschied gemacht.

Man sieht, dass hier das Seufzen weggefallen ist. Sehr schade, da in diesem ein Teil des Zwiespalts liegt. Auch Reim und Rhythmus mussten weichen, dafür ist die Übersetzung eine wörtlichere. Für mich ist dabei zu viel vom eigentlichen Gedicht weggefallen. Gerade bei Frost mit seinem Gefühl für Sprache, mit seiner bewussten Setzung von Wörtern und deren lautmalerischen Verbindungen in einem fast schon wie Musik anmutenden Rhythmus, fehlt da zu viel.

Paul Celan hat sich dem Gedicht auch angenommen und er hat sich auf den Rhythmus und die Stimmung im Gedicht konzentriert, dafür den Reim geopfert. Mir fehlt nicht so sehr der Reim als die Tonverbindungen, mit denen Frost immer wieder arbeitet und deretwegen ich ihn auch sehr liebe. Aber im Grossen und Ganzen eine sehr gelungene Version:

In einem gelben Wald, da lief die Straße auseinander,
und ich, betrübt, daß ich, ein Wandrer bleibend, nicht
die beiden Wege gehen konnte, stand
und sah dem einen nach so weit es ging:
bis dorthin, wo er sich im Unterholz verlor.

Und schlug den andern ein, nicht minder schön als jener,
und schritt damit auf dem vielleicht, der höher galt,
denn er war grasig und er wollt begangen sein,
obgleich, was dies betraf, die dort zu gehen pflegten,
sie beide, den und jenen, gleich begangen hatten.

Und beide lagen sie an jenem Morgen gleicherweise
voll Laubes, das kein Schritt noch schwarzgetreten hatte.
Oh, für ein andermal hob ich mir jenen ersten auf!
Doch wissend, wie’s mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt,
erschien mir zweifelhaft, daß ich je wiederkommen würde.

Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst
und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:
Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,
und ich – ich schlug den einen ein, den weniger begangnen,
und dieses war der ganze Unterschied.

Und zu guter Letzt noch eine Übertragung von Eric Boerner. Auch bei ihm fällt der Reim weg und den Titel finde ich falsch gewählt: Die verpasste Strasse. Damit nimmt Boerne dem Gedicht die Gleichwertigkeit der beiden Wege, die durchaus immer wieder präsent ist.

Zwei Straßen gingen ab im gelben Wald,
Und leider konnte ich nicht beide reisen,
Da ich nur einer war; ich stand noch lang
Und sah noch nach, so weit es ging, der einen
Bis sie im Unterholz verschwand;

Und nahm die andre, grad so schön gelegen,
Die vielleicht einen bessern Weg versprach,
Denn grasbewachsen kam sie mir entgegen;
Jedoch, so weit es den Verkehr betraf,
So schienen beide gleichsam ausgetreten,

An jenem Morgen lagen beide da
Mit frischen Blättern, noch nicht schwarz getreten.
Hob mir die eine auf für’n andern Tag!
Doch wusste ich, wie’s meist so geht mit Wegen,
Ob ich je wiederkäm, war zweifelhaft.

Es könnte sein, dass ich dies seufzend sag,
Wenn Jahre und Jahrzehnte fortgeschritten:
Zwei Straßen gingen ab im Wald, und da –
Wählt‘ ich jene, die nicht oft beschritten,
Und das hat allen Unterschied gemacht.

Literaturhinweis:
Robert Frost: Promises to keep. Poems Gedichte, Übersetzung und Nachwort von Lars Vollert, C. H. Beck textura, 9. Auflage, München 2016.

When the night comes

Die Sonne neigt
ihr müd’ Gesicht,
sie geht in eine
and’re Welt.

Ich sitze hier,
verneige mich,
bedanke mich,
hat sie erhellt

mein Leben heut,
die Welt um mich.
Mit mir auch dich,
was mir gefällt,

da dies schlicht heisst,
du warst bei mir,
nichts and’res nämlich
wünsch ich mir.

Nun bist du fort,
es wurde Nacht.
Ich sitze hier,
hab mir gedacht,

wie schön es wär,
wär wieder Tag,
die Sonne hier.
Und du bei mir.

Die Stille dringt
durch alle Poren,
Dunkel deckt
die Welt ganz zu.

Ich denk an dich,
ich sehne mich.
Ich stell mir vor –
find keine Ruh.

Und irgendwann,
wird wieder Tag.
Das Dunkel weicht.
Und dann? Und du?

©Sandra von Siebenthal

Aus den Tiefen sein

Der Wind in den Bäumen
er sei himmlisch Kind,
verfolgt mich in Träumen,
die nicht himmlisch sind.

Er treibt mich durch Gassen,
er dringt in mich ein,
ich kann ihn nicht fassen,
sitzt da Markens Bein?

Ich denke in Normen,
die ich lang gelernt,
sie sollten mich formen,
was mich nie erwärmt.

Mich trieben oft Trotz und
auch Neugier schlicht an,
das sei nicht gesund,
so sei schlicht nicht man,

kriegt ich oft zu hören,
ich litt auch dabei,
ich liess mich nicht stören,
brach doch dann entzwei.

Ich suchte zusammen,
was ich von mir fand,
durchlebte manch’ Dramen,
macht’ mir manche Schand’

bei all diesen Jenen,
die nur für den Schein,
das Sein gar verneinen,
ich wählt’ für mich Sein.

Der Weg war kein leichter,
noch heut nag ich dran,
denk: „Wär ich nur seichter,
wär ich halt so „man“,

flöss alles von hier nach
dann da wie es muss,
wär alles gemach, – so
wie es sein muss.

So such ich mir täglich,
den eigenen Fluss,
So geh ich halt täglich,
auf eigenem Fuss.

Und schimpfe und klage,
verliere ich auch…
und danke und sage:
„Ich folg’ meinem Bauch.“

©Sandra von Siebenthal

Zwischen Welten

Mit ganz leisem Klopfen
nur melden sich Tropfen,
verkünden die Botschaft,
die ich nicht versteh.

Der Himmel verhangen
mit tiefgrauen Wolken,
die Bäume im Nebel,
dahinter der See.

Ein Blick in die Ferne,
die mir bleibt verborgen,
ich schaue ins Leere,
verliere mich da.

Es scheinen zwei Welten,
die eine hier drinnen,
die andere draussen,
doch welche ist wahr?

Ich lebe mein Leben,
so zwischen den Stühlen,
Ich kenne mich aus hier,
hier bin ich bei mir.

©Sandra von Siebenthal

Alte Weisheit neu entdeckt

Ach wie so trügerisch
zeigt grad das Wetter sich,
mit Sonnenschein und Himmelsblau,
endlich mal warm, so denkt die Frau.

Vermisst, kaum weg, nichts gar so sehr,
wie von Kleidung ganz viel mehr,
Es fehlen Strümpfe, Socken und – au Backe -,
eine dick gestrickte Woll-Strickjacke.

So steht sie da und zittert hart,
wie eine Frau, sehr fein und zart,
kaum Zittern kann,
so denkt ihr Mann.

Doch er ganz Held und Kavalier,
leiht Hemd und Mantel sogleich ihr,
dass er dann friert, nimmt er in Kauf,
was daraus folgt? Man käm nie drauf!

Erst nur ein Husten, dann ein Nuss,
(bedenk, dass es sich reimen muss),
er liegt da leidend, seucht dahin,
nach nichts mehr steht ihm – ACH – der Sinn.

Er ist gar schwach, wird schwächer noch,
zum jammern reicht die Kraft dann doch,
er nennt sich sterbend, ach so arm,
da wird es ihr ums Herz ganz warm,

dass dieser edle, edle Mann,
auch schwach sich zeigen kann.
und innerlich betet sie leise,
lieber Gott, ach sei bloss weise,

lass ihn bloss leben, lass ihn heil,
ich kann dir sagen, es ist weil,
wer gäb’ mir sonst den letzten Rock,
wenn ich erneut im Kälteschock?

So leben sie auch fortan heiter,
mal hier mal da gar leidend weiter,
im Wissen, dass es einer hört,
den dieses Leiden gar nicht stört.

Im Gegenteil, es ist ein Bund,
dadurch wird beider Sein erst rund,
mal hilft er ihr, dann sie auch ihm,
geteiltes Leid ist halb so schlimm.

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Für die abc.etüden, Woche 08/09/21: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 08/09/21 kommt von Sabine mit ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram

Verwendete Worte für die Etüden Strickjacke, trügerisch, entdecken

Der Originalpost: Schreibeinladung für die Textwoche 08/09/21

Schöne weite Welt

Wenn ich mich in den sozialen Medien tummle, sehe ich überall Urlaubsbilder – sie fliegen mir direkt auf den Bildschirm, während ich gemütlich davor sitze. Sommer, Sonne, Strand, Meer. In alle Herrenländer sind die Menschen da draussen gereist – und ich war noch in fast keinem davon. Schon als ich noch ein Kind war, sind wir immer in die heimischen Berge in den Urlaub gefahren, nie ins Ausland. Klar, es war auch wirklich schön und mein Vater wurde nicht müde zu betonen, wie viel teurer Urlaub in der Schweiz sei als im Ausland und wie froh wir sein könnten, uns das leisten zu können. Und doch klangen die Urlaubsziele der anderen viel spannender, sie kamen mir wahnsinnig privilegiert vor im Vergleich mit mir.

Wenn ich sowas meinem Vater sagte, in der Hoffnung, er hätte ein Einsehen und wir führen wirklich auch mal weiter weg – flögen sogar – biss ich auf Granit. Bis in dem einen Jahr. Papa kam auf mich zu mit einem ganzen Stapel Kataloge auf dem Arm. Er sagte zu mir: „Such dir etwas aus, dann gehen wir dieses Jahr dahin in die Ferien.“

Stundenlang sass ich mit den ganzen Papierfluten da, blätterte mich durch Hotelanlagen, Strandbilder, Frühstücksbuffets und Himmelbetten, verglich Poolanlagen, Sonnenschirme, Hotelzimmer. Und ich wurde darüber ganz müde. Und sehr orientierungslos. Der Kopf drehte immer mehr, die Bilder verschwammen vor meinen Augen. Ich dachte an meine Freunde in den Bergen, mit denen ich jeden Sommer die wildesten Abenteuer erlebte, und da beschloss ich: „Wir sollten doch besser wieder in die Berge gehen. Ich konnte mir mich in so einer grossen Hotelanlage nicht vorstellen und hatte zudem keine Ahnung, was man da den ganzen Tag tun sollte.

Seit da hat sich nicht viel geändert. Zwar locken mich all die paradiesischen Bilder und ich denke mir beim Ansehen, wie toll es sein müsste, auch mal an so einen schönen Ort gehen zu können, Neues zu sehen, zu geniessen. Wenn es aber dann dazu kommt, dass ich wirklich hin könnte, müsste, dürfte, ändert alles schlagartig. Die Gedanken fangen an zu drehen: Was würde das bedeuten? Was, wenn es mir da dann doch nicht gefällt? Was, wenn ich wieder heim wollte und nicht könnte? Und was, wenn ich die vielen Menschen um mich nicht ertrüge? Was, wenn der ständige Zwang, etwas unternehmen zu müssen, da man ja schliesslich deswegen dort war, mich erschlüge? Ich, die ich doch meine Tage gerne in meiner Alltagsroutine mit Lesen und Schreiben verbringe, was natürlich auch an einem schönen neuen Ort möglich wäre mit der nötigen Ruhe und Zeit – nur: Gäbe es die dann dort?

Wenn diese Gedanken mal zur Ruhe kamen, war aber noch lange nicht fertig mit dem Gedankenkarussell, dann kam die Reise an die Reihe: Ich müsste Koffer packen. Was nähme ich da mit? Meine Erfahrung zeigte, dass ich immer das Falsche dabei hatte – vor allem bei dem, was wirklich zählt, bei den Büchern. Wie sollte ich zu Hause wissen, worauf ich im Urlaub Lust hätte? Und was, wenn eines der Bücher plötzlich ein Flop wäre? Oder zwei, oder drei, oder alle? Und: Wie viele Kleider bräuchte ich da und was für welche? Müsste noch mehr dringend mit, irgendwas hatte ich sicher gerade nicht im Kopf und würde es dann vermissen. Wäre der Koffer dann doch gepackt (mit mindestens 10 Büchern drin), müsste ich den zum Flughafen schleppen. Der Gedanke an die endlose Zugfahrt dahin liess meine Reisevorfreude schon nicht wirklich gross werden, doch was dann kam, war der Todesstoss: Endlose Warterei bis zur Kontrolle, welche das nächste Übel darstellte: Was, wenn die was fänden, was nicht in Ordnung wäre bei mir? Bei mir hatte es noch immer gepiept. Einmal untersuchten sie sogar meine Tasche auf Drogen. Ich kam mir vor wie ein Schwerverbrecher und fühlte die Blicke der Umstehenden förmlich. Was die wohl dachten? Natürlich haben sie nichts gefunden, aber nur schon die Verdächtigung war mir unendlich peinlich. Dass dies Routine sei, konnte mich auch nicht wirklich von meiner Scham befreien.

Auch das wäre irgendwann überstanden, nur wäre dann das nächste Warten dran, bis ich einsteigen könnte. Natürlich könnte ich lesen oder schreiben in der Wartezeit, nur kann ich das leider nicht, da ich einerseits zu nervös und aufgeregt wäre, ein wenig Genervtheit käme dazu, und dann die vielen Menschen… die ich anschauen müsste, die mich in meiner Ruhe und Konzentration störten durch ihr blosses Vorhandensein. Es bliebe also ein Warten – und nur das. Endlos, aufreibend, anstrengend. Wäre das um, ginge es darum, das richtige Gate zu finden, da wieder anzustehen, innerlich betend, dass das Ticket auch wirklich in Ordnung wäre und das Foto im Pass mir genug gliche, dass sie mich auch wirklich in den Flieger liessen. Da hiesse es erneut: Warten. Wenn nicht noch ein Triebwerkschaden, ein Chaos auf den Pisten oder ein Übelkeitsanfall des Piloten dazwischen kam, wäre die Zeit überschaubar, ansonsten gefühlt endlos. Dann endlich der Start. Immerhin war ich nun unterwegs und das doch eine ganze Weile. Leider konnte ich nicht schlafen im Flugzeug, schreiben und lesen auch nicht – genau: Die Menschen und die Nervosität wegen all des Neuen, das da vor mir lag.

Schon im Flugzeug würden die Gedanken drehen: Ob mein Koffer wirklich mit dabei ist und am selben Ort wie ich ausstieg. Was, wenn er unterwegs verloren gegangen oder gar in ein falsches Flugzeug verfrachtet worden wäre? Was würde ich ohne Kleider und Bücher und andere persönliche Dinge machen in dieser langen Zeit in der Fremde? Sollte das klappen, wären da noch die Sicherheitsleute überall auf dem Flughafen. Was, wenn ich verdächtig aussähe? Was, wenn sie mich rauspickten, für nicht vertrauenswürdig hielten und wieder in den Flieger nach Hause setzten? Dann wäre alles bislang umsonst gewesen. Aber ja, ich könnte mir dann die Sorgen sparen, ob ich das Hotel finden würde und meine Reservation auch wirklich geklappt hätte. Was, wenn es kein Zimmer mehr für mich gäbe?

All die Gedanken mache ich mir ja aber nicht erst auf der Reise, sondern schon zu Hause, und spätestens an dem Punkt komme ich immer zum Schluss, dass ich vielleicht doch besser zu Hause bliebe und weiter Fotos am Computer anschaue.

Gegensätze ziehen sich an – oder: Zum Valentinstag

Ich hab’ so diesen einen Mann,
nicht weil ich mehr nicht haben kann,
weil einer reicht, es ist genug,
behaupte ich, mit Recht und Fug.

Ich habe also diesen Mann,
der sich nur Reime merken kann,
nicht Zahlen, Namen, Worte so,
es braucht was mehr, so irgendwo.

Da steht er dann, zitiert den Faust,
die Brust weit raus, ganz aufgebauscht,
den Jahrestag, ich wusst es zwar,
der war ihm nicht mehr ganz so klar.

So gehen wir durch diese Zeit,
und tun das gerne auch zu zweit,
im Wissen, wer der andre ist,
den man mit Vorsicht nur bemisst

nach eignem Mass, mit eignem Sinn,
er ist nicht so, wie ich halt bin,
das macht ihn aus, das ist schlicht er,
klagt‘ ich es an, wer wär ich, wer?

Ich merk mir Zahlen, merk mir Zeit,
des Esels Brück’ geht mir zu weit,
bin schlicht ganz klar, bin grad heraus,
liebe aber auch den Faust,

so sind wir beide, wie wir sind,
nicht immer nur das liebe Kind
des andren Wunsch, des andren Sein,
und sagen doch: „Auf immer dein!“

©Sandra von Siebenthal

Ich backe mir meine Welt

Ich stellte die Musik an und ganz unerwartet und aus dem Nichts erschallte aus den Lautsprechern ein lautes Gitarrensolo und erschütterte den Raum. Ich erschrak und die Folgen liessen nicht lange auf sich warten. Die immer übellaunige Alte von unten stand schon an der Wohnungstür, hämmerte wie mit Eisenfäusten dran und schrie durch die verschlossene Tür Zetermordio. Schnell sprang ich auf, stellte leiser, öffnete die Tür und entschuldigte mich mit reumütiger Miene und einem Glas Honig als Wiedergutmachung.
„Du bist viel zu weichmütig“, sagte Urs und schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Das Wort gibt es nicht, dass heisst – wenn schon – gutmütig, und nein, das bin ich nicht. Ich will einfach keinen Ärger“, erwiderte ich.
„Das Wort habe ich grad gebacken, weil ich finde, dass es besser passt. Wer immer gleich nachgibt, wenn jemand etwas beanstandet, ist weichmütig.“
„Irgendwie finde ich weichmütig schön. Da steckt weich und mutig drin. Mut zur Weichheit, ich muss nicht verhärten. Ich mag so sein.“
„So kann dir aber jeder auf der Nase rumtanzen und du gehst bei Auseinandersetzungen leer aus. Und ich nun auch, denn das war mein Lieblingshonig.“
„Ach, du wolltest doch sowieso abnehmen, da passt das grad, wenn der Honig nicht mehr da ist. …und führe mich nicht in Versuchung…“
„Ich habe beschlossen, nun auch weichmütig zu sein. Mut zur Weichheit, ich brauche keinen stahlharten Bauch.“
„Du bäckst dir die Welt heute, wie sie dir gefällt….“
„Backen ist eine gute Idee, ich finde, du könntest mir einen Kuchen backen. Ein Hoch auf die Weichmütigkeit.“

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Für die abc.etüden, Woche 05/21 – dieses Mal Extraetüden: 5 Begriffe in maximal 500 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 05.21 kommt von Ludwig Zeidler und Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7

Verwendete Worte für die Extraetüden: Zetermordio, weichmütig, backen, Lautsprechererschüttern.

Der Originalpost: Schreibeinladung für die Textwoche 05/21

Gutes Essen, schlechtes Essen

Ich erinnere mich, wie ich von der Schule heimkam und schon beim Öffnen der Tür den Geruch aus der Küche in der Nase hatte. Teilweise roch ich unser Essen schon, wenn ich die Treppen hochstieg. Wir wohnten im fünften Stock und so waren es viele Treppenstufen, auf denen ich den Geruch in der Nase hatte. Zwar gab es in dem Haus einen Lift, doch den durfte ich nicht benutzen, weil Mama fand, das sei zu gefährlich für mich alleine. Ich verstand das zwar nicht, doch ich hielt mich immer daran. Überhaupt hielt ich mich meist an solche Ge- und Verbote, die einfach ausgesprochen wurden, ohne dass ich sie verstanden hätte. Darüber zu diskutieren, das hatte ich schnell gelernt, brachte nichts, denn sie waren, wenn ausgesprochen, quasi in Stein gemeisselt.

Ich wusste immer, dass der Geruch nach Essen im Treppenhaus von uns kam, da es sonst selten aus Wohnungen heraus nach Gekochtem roch. Parfumwolken, Waschmittel, Raumdüfte, Müffeliges war alles da, aber kein Essen. Papa sagte oft, dass in anderen Familien nicht wie bei uns gekocht würde mittags. Da gäbe es dann nur Brot und Käse, die Küche bliebe kalt. Bei ihm klang das immer so, als ob das etwas Schlechtes wäre. Das habe ich nie verstanden, da ich Brot und Käse liebte und es gerne öfters gegessen hätte. Ob es wohl eine Hierarchie von Mahlzeiten gab, fragte ich mich dann. Gab es Mahlzeiten, die etwas taugten auf der einen Seite, solche, über die man die Nase rümpfte, auf der anderen? Und wer bestimmte, was auf welche Seite kam? Es kam mir ein bisschen vor wie bei Aschenputtel, welches die Erbsen sortieren musste. Ich traute mich nicht, das meinen Vater zu fragen. Es wäre sicher eine dumme Frage gewesen und ich konnte seinen abschätzigen Blick, den er für solche Fragen hatte, förmlich vor mir sehen. Die Vorstellung davon reichte mir durchaus.

Oft, wenn ich durch die Tür in unsere Wohnung kam, rief ich noch in der offenen Tür laut „Hallo!! Gibt es Suppe heute?“ Irgendwie fand ich oft, dass es nach Suppe roch, die ich eigentlich nicht wirklich mochte. Was ich aber an der Suppe mochte, war, dass es nach dem Teller Suppe den ich immer essen musste, Siedfleisch, Käse und Brot gab. Das liebte ich. Meistens hatte ich nach dem grossen Teller Suppe zwar keinen wirklichen Hunger mehr, aber ich ass es doch mit Genuss. Schliesslich, so dachte ich, hatte ich mich durch die Suppe gekämpft, da konnte ich nicht aufhören, wenn das Gute kam.

Irgendwann sagte mir Papa, ich dürfe nicht mehr schon in der offenen Tür rufen, ob es Suppe gäbe. „Sonst denken alle im Haus, dass es bei uns immer Suppe gibt.“ Ich verstand das Problem dabei nicht. Das musste wieder mit dieser Essenshierarchie zu tun haben. Auf alle Fälle rief ich ab da nicht mehr noch halb im Hausflur stehend in die Küche hinein. Ich kam nur noch still rein, hängte meine Jacke an die Garderobe, die gleich vis-a-vis von der Wohnungstür stand, stellte den Schulranzen sorgsam in die zweite Garderobe neben der Eingangstür. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, Kleider, Schuhe oder Schulranzen einfach so hinzuwerfen. Das hätte Papa mit kritischem Blick und ebensolchen Worten beanstandet. Ich wagte es nicht, diese strafenden Worte herauszufordern. Nicht, dass er mich je mit Prügeln oder ähnlichem gestraft hätte, der Blick und die Worte, dieses offensichtliche Missfallen, waren mir Strafe genug und ich versuchte tunlichst, beides zu vermeiden.

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns beim Hereinkommen je umarmt hätten. Wenn ich mich ausgezogen hatte und in die Küche lief, hiess es immer, dass ich mich gleich hinsetzen solle, weil das Essen bald fertig sei. Ich habe mich selten wirklich auf das Mittagessen gefreut, da ich oft keinen Hunger hatte oder aber es Dinge gab, die ich nicht mochte. Und immer gab es zu viel von allem, vor allem von dem, was ich nicht mochte. Meine Eltern schöpften für mich und ich musste den Teller leer essen. Bevor nicht alles weg war, durfte ich nicht aufstehen. Erstens sei alles gesund, hiess es, und zweitens bräuchte ich das, um genügend Kraft für den Nachmittag zu haben.

Meistens schaffte ich es in nützlicher Frist, dass ich mit meinen Eltern oder unwesentlich später fertig war und endlich vom Tisch konnte. Doch es gab auch Essen, bei denen alle weg waren und nur ich noch alleine am Esstisch sass. Zuerst hörte ich dann, wie meine Mutter das Geschirr spülte, dann kam sie mit genervtem und fast schon verächtlichem Blick aus der Küche, schimpfte nochmals mit mir wegen meines ungezogenen verhaltens und ging dann an mir vorbei, um Dinge zu erledigen, die dringend getan werden mussten. Alles schien in dem Moment wichtiger, als mir wenigstens Gesellschaft zu leisten bei meiner Sitztortur. Vielleicht dachte sie, das wäre sonst mehr Belohnung, wo es doch die Strafe des Alleinseins sein musste, die ich offensichtlich verdient hatte.

Es gab aber auch Mittagessen, die wollten und wollten nicht enden. Ich erinnere mich an ein Mal, als es Lebern gab. Das war neben Kutteln das Essen, das ich am wenigsten mochte. Wenn ich diesen grässlichen Geschmack im Mund hatte, würgte es mich regelrecht, so dass ich das Gefühl hatte, ich müsse alles wieder von mir geben. Ich versuchte so zu kauen, dass ich möglichst wenig vom Geschmack mitkriegte, und wenn dann doch plötzlich eine Geschmackswelle durch mich hindurch ging, schüttelte es mich. „Nun stell dich nicht so an!“, schimpfte Papa mit missbilligendem Blick. „Wir geben uns immer solche Mühe, für dich etwas Anständiges auf den Tisch zu bringen. Andere Eltern machen es sich einfach und tischen Brot und Käse auf.“

Wie gerne wäre ich in dem Moment bei den anderen am Tisch gesessen. Aber ich sass hier und das an dem Tag lange. Es wurde eins, halb zwei, zwei. Ich langweilte mich fürchterlich. Die Vorstellung, die Lebern doch noch zu essen, die nun zu allem Übel auch noch kalt und damit noch ekliger waren, liess mich erschauern und ich schüttelte mich. Doch, was blieb mir anderes übrig?

Irgendwann ging meine Mutter ins Bügelzimmer, mein Papa war schon zur Arbeit gefahren. Da kam mir die Idee. ich könnte die Lebern in einem der grossen Blumentöpfe vergraben. Schnell machte ich mich an die Arbeit, nicht dass meine Mutter plötzlich dastünde und mich bei meinem Tun ertappte. Mein Herz schlug bis zum Hals, meine Hände zitterten, so dass ich mein Vorhaben fast nicht in Tat umsetzen konnte. Schliesslich gelang es mir doch. Ich rief meiner Mutter durch die Wohnung zu, dass ich nun fertig sei. „Siehst du, ging doch, war doch gar nicht so schlimm.“ Ich nickte stumm. Und ich fühlte mich gar nicht stolz, sondern schlecht. Ich schämte mich.

Irgendwann sassen wir wieder gemeinsam am Mittagstisch, meine Mutter zeigte auf einen der Blumentöpfe und sagte zu meinem Vater: „Schau, die Pflanze, die immer kränkelte, die ich fast fortgeworfen hätte – nun hat sie neue Triebe.“ Mein Vater interessierte sich nicht für die vielen Pflanzen bei uns, er fand im Gegenteil, es wären sowieso zu viele.

ich lächelte nur und dachte an mein kleines Abenteuer zurück. Es fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz so schlimm an. Meine Mutter sollte allerdings viele Jahre nicht erfahren, was sich damals zugetragen hatte.