Eine Geschichte: Erinnerungen (IV)

Lieber Papa

Immer wieder höre ich Menschen von ihren Erinnerungen sprechen. Sie erzählen Episoden aus der Kindheit, können in epischer Länge und Breite ihr vergangenes Leben Revue passieren lassen, bis weit zurück zum Kindergarten und davor. In der Vergangenheit dachte ich oft, das sei Schnee von gestern. Das interessiere nicht. Wieso soll man zurückblicken, wenn die Gegenwart so viel Neues bietet. Hast du das nicht auch gesagt?

Irgendwann merkte ich, dass mir etwas fehlte. Dass ich mich, selbst wenn ich wollte, nicht erinnern konnte. Wieso war das so? Wo steckten all die Erfahrungen, Erlebnisse meiner frühen Jahre? Irgendwie war da nur eine grosse, stille, schweigende Leere. Wenn ich dann Fotos anschaute, in der Hoffnung, dass sich doch eine Erinnerung regt, blieb alles still. Zwar sah ich mit Bildbeweis, dass etwas da gewesen sein muss, doch das schien nun verloren.

Wenn ich dich manchmal nach früher gefragt habe, half mir das meist wenig. Du schienst die Fragen nicht hören zu wollen, vor allem dann nicht, wenn sie kritisch waren. Du tatest die Fragen ab, erachtetest sie als unnötig, abwegig, unsinnig. «Wieso willst du das wissen? Was willst du damit bezwecken? Willst du etwas kaputt machen, das gut war?», hörte ich dann höchstens. Und die Frage klang nicht nach einer wirklichen Frage, mehr nach einem Vorwurf. Für dich schien festzustehen, dass die Fragen dazu dienten, etwas zu zerstören. Wie kamst du darauf? Ich traute mich nicht, nachzufragen. Du hattest schon alles mit einer Handbewegung weggewischt. In der Handbewegung lag etwas Drohendes. Dein Blick sprach Bände, sie versprachen nichts Gutes. Unfrieden lag in der Luft, ich wollte ihn nicht realisieren. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich selbst wieder auf die Suche zu machen. Leichter gesagt als getan.

Erinnern ist nichts, was mir in die Wiege gelegt wurde. Bei uns erinnerte man sich kaum. Wir waren eine Familie, die quasi aus dem Nichts entstanden schien, denn da gab es kaum Vorgeschichten, die zirkulierten. Kein „weisst du noch“, keine Erzählungen von Onkeln, Tanten, Grosseltern, Urgrosseltern. Keine Ahnenkette und keine Erinnerungsgegenstände. Es gab nichts Ererbtes und es wurde nichts vererbt. Vermutlich war auch nichts wert genug, es weiterzugeben. Nicht mal die Erinnerungen.

Manchmal wirkte das auf mich, als seien Erinnerungen verpönt als etwas, das man nicht hat. „Wir leben im Jetzt. Was war, ist vorbei“, sagtest du manchmal. Das klang anders als die spirituellen Lehren heutiger Gurus vom Leben im Hier und Jetzt. Es klang weniger nach einem Leben in der Fülle der Präsenz, sondern mehr nach düsteren Abgründen, die man für immer zuschütten wollte, nach abgeschnittenen Bändern, die keiner mehr zusammenfügen sollte.

Manchmal denke ich, dass all diese verdrängten Erlebnisse und verschwiegenen Ereignissen nicht nur das Band zur Vergangenheit kappten. Sie bewirkten auch eine fehlende Bindung zwischen uns. Wo keine Geschichten erzählt werden, wo es nichts gibt, das auf eine gemeinsame Herkunft deutet, spinnen sich keine Fäden, weben sich keine Netze. Hannah Arendt brauchte dieses Bild einmal, als sie sagte, dass jedes Kind, das auf die Welt kommt, ein Faden im Gewebe der Welt sei. Jeder Mensch hilft, das Weltengewebe zu weben. Ich liebe dieses Bild. Nur: Wenn man das Gewebe entfernt, bleibt ein loser Fade, der haltlos im Wind flattert. Er hat keinen Platz, keine Funktion. Das Leben bleibt auf diese Weise zusammenhanglos und schlecht fassbar. Ich konnte es nicht fassen. Und ich konnte mich in ihm nicht fassen.

Natürlich kannte ich meine Grosseltern, wobei: „kennen“ ist eigentlich das falsche Wort. Ich besuchte sie zusammen mit meinen Eltern, wusste ihre Namen, ein paar Eckdaten aus der Vergangenheit (eine Hand reichte, sie aufzuzählen). Bei den Besuchen redeten immer ihr Erwachsenen. Ich verstand wenig. Mich platziertet ihr auf einem Sofa, gabt mir Farbstifte und Papier. Dadurch hattet ihr für eine Weile Ruhe, denn ich war beschäftigt. Danach gingen wir wieder.

Ich war immer das einzige Kind bei Familienbesuchen. Manchmal kam es mir so vor, als wärt auch ihr nie Kinder gewesen, zumindest habt ihr nie von einer Kindheit erzählt. Von mir habt ihr erwartet, dass ich mich benehme. Das hiess immer, so wie es ein Erwachsener tun würde. Ich fühlte mich nicht wahrgenommen, durfte auf eine Weise auch nicht als ich da sein. Ich war vor Ort, aber auf eine merkwürdige Weise nicht dabei. Vielleicht sollte ich da schon die Erwachsene sein, als die du mich in der Zukunft sehen wolltest? Vielleicht kanntest du es selbst nicht anders? Krieg und Armut waren präsent, auch wenn die Schweiz nicht direkt betroffen war, so hatte all das doch Auswirkungen. Ich weiss es nicht genau. Einzelne Erinnerungsfetzen von wenigen Augenblicken, in denen du davon erzähltest, sind da. Ansonsten war all das kein Thema.

Ich frage ich gerade, wie man in einem Umfeld, in dem es keine Kinder gibt, lernt, was Kindheit ist. Wie lernt man es in einer Welt, die darauf ausgerichtet ist, Kinder möglichst schnell den Vorstellungen der Erwachsenen anzugleichen? Wie ist man Kind, wenn man nur als kleiner Erwachsener in Ordnung ist, wenn das eigene Kindsein die Erwachsenen stört? Immer, wenn ich auf eine Weise Kind war, fandst du, ich falle auf. Das war das Schlimmste: Auffallen. Das galt es, um jeden Preis zu vermeiden.

(„Alles aus Liebe“, IV)

Eine Geschichte: Beim Fotografen (III)

Lieber Papa

Kürzlich habe ich mir Fotos von früher angeschaut. Ich habe nicht viele Bilder von mir als Kind, die sind mehrheitlich in den Alben bei Mama. Was ich merkte: Ich lache kaum auf Fotos. Nur auf einem lache ich aus vollem Herzen. Das war immer mein Lieblingsfoto von mir. Mein Mund steht weit offen, die alle Zähnchen sind zu sehen. Du hast mir oft erzählt, wie es dazu gekommen ist. Du wolltest ein Foto von mir bei einem Fotografen machen lassen. Es sollte eine Erinnerung sein. Dieses Bild hing immer in unserem Wohnzimmer, neben dem Fernseher.

Wir seien zu diesem Fotografen gegangen, erzähltest du. Ich hätte schon da ein mürrisches Gesicht gemacht. Der Fotograf sei nett gewesen, hätte mir eine Kiste mit Plüschtieren gebracht, doch ich wollte nichts davon wissen. Dann musste ich mich auf einen Stuhl setzen, der Fotograf verschwand mir gegenüber hinter der Kamera. Ich schaute ihn an. Mit grossen Augen. Ernst. Sehr ernst.

„Lach mal!“, sagte der Fotograf.

Ich lachte nicht. Im Gegenteil. Ich schaute noch grimmiger. Ich weiss nicht, was der Fotograf sonst noch gesagt hat, ich erinnere mich nicht, ich kenne die Geschichte nur aus deinen Erzählungen. Der Fotograf hätte sich noch lange bemüht, hätte alle Tricks versucht. Keine Chance. Irgendwann hätte er so langsam die Geduld verloren. Du wolltest ihm helfen, hast hinter seinem Rücken Grimassen gemacht und seist wild rumgetanzt. Ich schaute ernst. Immer wilder seien deine Grimmassen geworden, immer ungelenker deine Tanzeinlagen. Ich hätte ernst geschaut. Und irgendwann hätte ich plötzlich laut gelacht. Wie eine Explosion sei dieses Lachen aus mir gekommen und ich hätte mich kaum mehr beruhigen können vor Lachen. Das Foto war im Kasten. Ich mag es. Auch wegen der Geschichte. Immer, wenn ich daran denke, merke ich, dass ein Lächeln auf meinem Gesicht liegt. Auch jetzt bei Aufschreiben.

(„Alles aus Liebe“, III)

Eine Geschichte: Alles aus Liebe (II)

Lieber Papa

Erinnerst du dich? Ich kam zu spät. Der Geburtstermin war auf den Silvester 1972 berechnet worden, ich liess mir bis zum 7. Januar Zeit. Niemand wusste, was ich werden sollte, also hattet ihr zwei mögliche Namen, Daniel oder Sandra. Wenn wir auf dieses Thema kamen, erzähltest du oft, wie es zu diesen Namen kam. Man sollte den Namen nicht verniedlichen können durch ein -li. Dies hatte Gründe: Du hattest eine Tante, die dich bis ins erwachsene Alter hinein immer Maxli nannte. Egal, wo ihr euch getroffen habt, sie rief schon von weitem in schrillem Ton «Maxli», über ganze Strassen hinweg, gut hörbar für alle Anwesenden. Ich kann mir vorstellen, wie peinlich dir das gewesen sein muss. Da entstand dein Entschluss: Deinem Kind soll das nie passieren. Die Rechnung ist aufgegangen, dafür kamen andere kreative Variationen zustande: Sandwich und Sandhaufen sind nur zwei davon.

Tief drin warst du überzeugt, dass ich ein Mädchen werde. So hast du es erzählt. Deswegen hast du meine Geburtskarten schon im Voraus gesetzt, damit sie druckbereit sind bei meiner Geburt. Du solltest recht behalten.

Wie alles vonstatten ging, weiss ich nur aus deiner Erzählung. Ich habe sie oft gehört, weil du sie so lustig fandst und die Lacher auf deiner Seite wusstest:

Mama hatte Wehen, also seid ihr ins Spital gerast. Dort wurdet ihr in ein Zimmer verfrachtet. «Ist das ihr erstes Kind?», habe man euch gefragt. Ihr sagtet «ja». Danach habe euch keiner mehr ernst genommen. «Das geht noch lange», sagten sie. Mama protestierte, da die Wehen sehr kurz hintereinander und sehr stark waren. «Das sagen alle Erstgebärenden, das ist normal», lautete die Antwort. Sie brachten Mama Frühstück aufs Zimmer, doch sie mochte wegen der starken Wehen nichts essen. Also hast du es gegessen. Aufregung macht hungrig. Sie haben das leere Tablett gesehen und noch bevor ihr etwas sagen konntet, waren sie damit draussen, liessen nur den Kommentar zurück: «Wer einen solchen Appetit hat, bei dem dauert es noch lang.» Sie täuschte sich, denn nun ging es plötzlich schnell. Ich wurde in die Welt gepresst. Sartre sagte, wir werden in die Welt geworfen, eine Welt, die wir uns nicht ausgesucht haben. So sehe ich das heute auch. Damals hatte ich noch keine solchen Gedanken. Der Segen der frühen Jahre.  

Auf alle Fälle hast du sofort mit dem Kennerblick geprüft, ob alles ist, wie es soll und es war klar: Du hattest recht gehabt mit deiner Prophezeiung. «Schatz, du bist eine Bombe, es ist ein Mädchen», riefst du Mama zu und stürmtest aus Zimmer. Winterthur musste davon erfahren. So kenne ich die Geschichte aus deinem Mund. Mit allen, die du kanntest, hast du dein Vatersein gefeiert. Zwischendrin bist du immer wieder ins Krankenhaus gerast, hast geschaut, ob alles gut ist, es allen gut geht, um dann wieder um die Häuser zu ziehen. Alle waren eingeladen, es war ein Fest. Dein Fest. Für mich. Wenn du das erzählt hast, schwankte ich immer ein wenig zwischen Peinlichkeit und Romantik. Da schien diese unbändige Freude über meine Ankunft zu sein. Du hast aber auch immer betont, dass du allen alles bezahlt hast. Das habe ich nicht ganz verstanden. Heute bin ich mir nicht sicher, ob die Geschichte wirklich ganz so war oder ob du da einiges an Seemannsgarn eingewoben hast. Vielleicht ist das Fest auch in deiner Erinnerung immer rauschender geworden. So oder so scheint es das zu sein, wie du dir die Vergangenheit bewahrtest und was dir in den Sinn kommt, wenn du an mich und Geburt denkst.

Manchmal frage ich mich heute, wie das für Mama gewesen sein muss. Da liegt man als neugeborene Mutter im Spital und der Mann geht feiern. Sicher feiert er das, was man selbst vollbracht hat, und doch geht es nicht um die Mutter, sondern nur um das Kind, das sie auf die Welt brachte. Vielleicht war das ein Grundstein für vieles, was noch kommen sollte? War ich von ihr auch gewünscht? Oder wünschte sie mich zwar, merkte dann aber, was sie sich eingebrockt hat? Ich habe mich nie getraut, diese Frage zu stellen, vielleicht auch, weil ich die Antwort fürchtete. Und selbst wenn ich es getan hätte: Was würde es ändern? Es war, wie es war und ich fühlte, was ich fühlte. Das würde keine Antwort je verändern können. Vielleicht hole ich das doch irgendwann nach.

Offensichtlich war ich für dich ein gewünschtes Kind. Dass ich dazu noch ein Mädchen war, machte es perfekt. Für diesen Moment.

Es blieb nicht lange so. Ich war nämlich nicht gerne ein Mädchen. Ich wäre lieber ein Junge gewesen. Die waren cooler. Alles, was sie machten und machen durften, reizte mich mehr als der Mädchenkram. Das gefiel dir gar nicht. Davon wolltest du nichts wissen. Das machte dich wütend. Das hast du nicht mehr gefeiert. Manchmal kommt es mir so vor, als ob alles gut war, als ich noch hilflos und abhängig war, doch sobald ich die Dinge mehr und mehr selbst in die Hand nehmen konnte und auch wollte, driftete unsere Geschichte ab. Ich fiel aus dem Rahmen, den du mir gesteckt hattest. Von all dem merkte ich damals nichts, das ist, was ich heute hineininterpretiere. Und ich bin nicht sicher, ob ich damit richtig liege.

(„Alles aus Liebe“, II)

Eine Geschichte: Prolog (I)

Meine Geschichte will ans Licht. Sie sitzt in mir und tobt. Ich will sie zähmen, will sie in philosophische Gedanken packen, in sachliche Formen. Aber was ich erzählen will, ist nicht sachlich. Es ist nicht formal. Es ist eine Geschichte. Meine Geschichte.

Ich will sie analysieren, will passende Gefässe finden, sie einordnen, sie absichern. Ich will mich an Gewissheiten festhalten, suche nach Fakten, aber finde keine. Und dann gebe ich auf. Suche nicht mehr weiter. Es passt alles nicht. Es ist meine Geschichte. Ich muss sie erzählen, und zwar auf meine Weise. Ob das reichen wird? Ich lese andere Geschichten. Suche Beispiele. Will mir eins nehmen. Es gibt keins. Ich will mich anpassen, will es so machen, wie man es richtig macht. Nur: Wie soll das sein?

Ich will aus meiner Geschichte heraustreten. Will sie jemand anders in die Schuhe schieben. Möchte in Distanz gehen, aus sicherer Warte schreiben, dass all das ein anderer erlebt hat. Oder gar man. So allgemein. So nicht persönlich. Es geht nicht. Ich merke, dass ich Ich sagen muss. Und ich merke, dass ich das erst lernen muss: Ich zu sagen. Es fällt mir schwer. Man hat es mir nicht beigebracht. Oder hat man es gar ausgetrieben? Man. Schon wieder ist es da. Da war kein „man“. Geschichten bestehen aus Menschen, die etwas tun. Ich werde es also lernen. Ich.

Vielleicht möchte ich die Geschichte auch von mir weisen, damit keiner kommen und mich angreifen kann dafür. Damit keiner mich verletzten kann. Weil das alles dann nichts mit mir zu tun hat. Aber es hat mit mir zu tun. Und ich merke, dass ich Angst habe. Dass meine Geschichte für nichtig erklärt wird. Dass sie nicht der Rede wert sei. Dass ich mich nicht so wichtig machen soll. Wer ich denn denke, wer ich sei, dass ich meine Geschichte für erzählenswert halte. Ich habe Angst, dass jemand kommt und findet, das sei keine Geschichte. Keine, die man hören wolle. Keine, die man erzählen solle. Eine, die man verschweigen sollte, wäre es denn eine. Aber es sei keine. Dabei ist es meine. Ich habe nur die eine. Und ich bin nicht mal sicher, ob ich die wirklich habe. Oder ob meine richtige doch eine ganz andere wäre. Das muss ich erst herausfinden. Und das geht nur, indem ich sie erzähle.

Meine Geschichte muss ans Licht. Ich muss sie erzählen. Für mich. Egal, was andere denken. Egal, was andere finden. Egal, was andere sagen. Sollen sie mich angreifen. Sollen sie mich verletzen. Wenn ich sie nicht erzähle, verletze ich mich selber. Ich bin mein grösster Feind, wenn ich nicht zu mir stehe und nicht mutig bin, zu tun, was ich tun muss. Und wer weiss. Vielleicht trifft meine Geschichte auf ein Du. Nicht auf ein man. Sicher nicht auf alle. Aber auf ein Du, einen Menschen, der sie als Mensch mit seiner Geschichte im Hintergrund liest. Auf dieses Du kann sie nur treffen, wenn ich sie als Ich erzähle, wenn ich mich als Ich zeige. Und wenn ich auf ein Du treffen würde, wüsste ich, dass es gut ist. Dass ich Ich sagen darf. Dass ich meine Geschichte erzählen darf. Dass ich als Ich gesehen werde. Und angenommen. Und vielleicht erzählt mir dieses Du auch seine Geschichte. Und vielleicht werden wir viele, die unsere Geschichten erzählen und die der anderen hören. Und wir werden mutig. Und stehen hin. Das wäre das Ende des Man, hinter dem sich so mancher versteckt. Und unsichtbar wird. Im Guten und im Schlechten.

(„Alles aus Liebe“, I)

Eine Geschichte: Alles aus Liebe (0)

Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse!
Friedrich Nietzsche

Einleitung

Hertha Müller schrieb mal, Schreiben sei ein innerer Halt. Ich gebe ihr recht und weiss nicht genau, wieso. Woran halte ich mich, während ich all das hier schreibe? Wo finde ich etwas, woran ich mich halten kann? Würde ich sonst fallen. Wohin? Ist es so schlimm, zu fallen? Was macht mir Angst? Oder bin ich schon unten und will hoch? Suche ich einen Halt, an dem ich mich hochziehen kann? Vielleicht ist der Halt auch von einer anderen Art: Durch das Schreiben werden Dinge fassbarer, die vorher lose und vage umherschwirrten. Vorher verwirrten sie mein Hirn, weil sie nicht zu greifen, nicht zu begreifen waren.  

Hannah Arendt schrieb, sie denke ohne Geländer. Sie verzichtet also auf den Halt. Sie meinte damit, dass sie ihre eigenen Gedanken dachte, ohne sich auf andere zu stützen oder an sich an diese zu halten. Kant beschwor den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Greife nicht auf schon Gedachtes zurück, sondern schau frei und frisch nach vorne. Es scheint, die eigenen Pfade sind nicht die einfachen. Sie sind nicht vorgespurt. Sie bergen Risiken.

Schreiben heisst für mich, verstehen. Durch das Aufschreiben stehen die Dinge vor Augen, ich kann sie betrachten und sie sagen mir etwas. Schreiben in dem Sinne soll mir etwas sagen. Und es ist ein Ausdruck dessen, was in mir ist. Bei dem hier Geschriebenen geht es nicht um Schuld, Klage oder Anklage, auch wenn das ab und zu so klingen mag. Es geht darum, zu verstehen, was gewesen sein könnte. Und vielleicht lässt sich daraus ableiten, was ist.

Schreiben muss wahrhaftig sein. Dem verpflichte ich mich. Das hier ist keine Autobiografie. Es ist nicht die Wahrheit, aber auch keine Lüge. Es ist ein Versuch, eine Geschichte zu erzählen. Stück für Stück, wie sie sich zeigen will.

(„Alles aus Liebe“, Einleitung)