Eine Geschichte: Mädchenkram (XIX)

Fotografiert im Autobau in Romanshorn

Lieber Papa

Kürzlich las ich, dass immer mehr Kinder und Jugendliche ihr Geschlecht ändern wollen, weil sie sich im falschen geboren fühlen. Ich weiss nicht, ob es das gleiche Gefühl ist, das ich auch hatte. Ich wäre lieber ein Junge gewesen. Erinnerst du dich? Du warst alles andere als erfreut darüber. Ich kann meinen Wunsch noch heute verstehen. Damals erschien mir das Leben der Jings spannender. Lebendiger. Die durften mehr. Wild sein. Laut sein. Mit Rennautos spielen. Auf Bäume klettern. Alles, wovon es hiess:

«Du bist doch kein Junge, benimm dich mal, wie es sich für ein Mädchen gehört.»

Aber ich wollte auch laut sein, toben, raufen, klettern. Und ich tat es. Keine Hose war mehr ganz, weil sie alle bei einer Partie über Stacheldraht oder auf die Bäume ihre Blessuren abbekommen haben. Mama musste überall diese Flickflecken draufbügeln.

Am liebsten spielte ich auf dem Spielplatz vor unserem Haus mit einem Jungen. Er hiess Beat. Leider war er nur mein Freund, wenn wir allein waren. Sobald andere Jungs auftauchten, verlor ich diesen Stellenwert. Dann war ich nur noch geduldet. Das tat weh. Ich wäre gerne einer von ihnen gewesen. So ganz. Immerhin durfte ich mitspielen.  Ich strengte mich an, verausgabte mich wohl mehr als die anderen, um nicht «das Mädchen» zu sein. Ich zeigte nie, wenn mir etwas zu wild war oder ich mich verletzt hatte und es schmerzte. Bloss nicht zimperlich tun, sonst würden sie mich verachten.

Du liessest mich gewähren. Es gab keine Strafen, nur Ermahnungen, die aber eher halbherzig. Darüber war ich froh, denn ich weiss nicht, was ich sonst gemacht hätte. Grenzen gab es aber: Einmal wünschte ich mir zu Weihnachten eine Autorennbahn. Das sei was für Jungs. Sagtest du. Ich kriegte sie nicht. Was ich stattdessen bekam, weiss ich nicht mehr. Wäre es die Rennbahn gewesen, wüsste ich es. Noch heute schaue ich diese Rennbahnen sehnsüchtig an. Zu gerne hätte ich mal die Autos um die Kurven rasen lassen.

Es gab noch einen anderen Bereich, in denen es doof war, ein Mädchen zu sein: In der Schule musste ich mich mit Nadeln und Fäden rumschlagen, während die Jungs mit Hammer und Säge werkelten. Was habe ich mich gelangweilt. Die Folge war, dass ich die ganzen Stunden nonstop schwatzte im Unterricht. Die Lehrerin war wenig erfreut. Sie ermahnte mich immer wieder, ich solle still sein. Das habe ich nie verstanden. Beim Stricken spricht es sich prima. Zudem: Wenn ich am Werkraum vorbeikam, hörte ich da immer ein wildes Durcheinander von Reden, Lachen und Schaffen, während bei uns nur klappernde Nadeln erwünscht waren. Nun, ich redete trotz Ermahnungen weiter. Ich flog deswegen so manches Mal vor die Tür (wie auch in anderen Schulstunden). Die Handarbeitslehrerin mochte mich eigentlich. Da hatte ich Glück. Gegen Ende des Semesters forderte sie mich immer auf, doch wenigstens nur zu flüstern. Dann könnte sie mir zumindest ein «Gut» im Betragen ins Zeugnis schreiben. Einmal wurde es dann doch «Ungenügend». Ich erinnere mich, wie du dich aufgeregt hast. Für dich war das schlimmer als eine schlechte Note es hätte sein können. Da habe ich mich geschämt. Ich hatte dich enttäuscht.

Fast noch schlimmer als das Häkeln und Stricken selbst waren die Ergebnisse – vor allem im Vergleich mit denen des Werkunterrichts. Während wir Topflappen, Tierchen und ähnliches hatten, fuhren die Jungs mit Drachen und Schiffen auf.  Du warst toll. Ich durfte beim Lehrer die Pläne holen und dann sassen wir zusammen hin und bauten alles nach. Ich habe es geliebt. Klar hätte ich gerne selbst gebaut, aber du sägtest und hämmertest mehrheitlich, ich lieferte das Material. Es sollte schliesslich exakt werden. Das war dir wichtig. Dass die Dinge richtig waren. Kein Pfusch. Nicht windschief. Immerhin lernte ich da, wie man mit Werkzeug umgeht. Und was wofür ist. Ich schaute dir zu und sog es auf.

Als ich viel später auszog, hast du mir einen Werkzeugkoffer mit auf den Weg ins Erwachsenenleben gegeben. Da war alles drin, was ich deiner Meinung nach für ein Leben allein in der grossen weiten Welt brauchte. Ich habe sie all die Jahre in Ehren gehalten, es gibt sie noch heute. Und immer, wenn ich sie anschaue, denke ich an dich und bin dankbar, dass ich immer selbst Hand anlegen konnte, wenn Not am Mann war.

Das ist mir wichtig. Dinge selbst machen zu können. Selbstständig zu sein, nicht angewiesen oder abhängig von der Hilfe anderer. Du hast immer gesagt:

«Mach die Dinge selbst, dann weisst du, dass sie richtig gemacht sind.»

Oder auch:

«Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner.»

Diese beiden Sätze haben mich mein Leben lang begleitet. Und sie haben sich oft bewahrheitet. Vielleicht habe ich mir auch ab und zu das Leben schwer gemacht, weil ich immer dachte, alles allein schaffen zu müssen. Aber immerhin habe ich es geschafft. Meistens. Und manchmal kam plötzlich von irgendwo Hilfe, wenn gar nichts mehr ging. Vielleicht hätte ich doch mehr darauf vertrauen können oder sollen.

(«Alles aus Liebe», XIX)

Eine Geschichte: Mittagessen (XVIII)

Lieber Papa

Wenn du zu Hause warst, hiess das: Familienzeit. Ich hatte zu Hause zu sein, wir machen Dinge gemeinsam. Einerseits waren da die Ausflüge am Wochenende. Die, für die ich dankbar sein musste, da ihr sie ja nur für mich machtet. Damit ich am Montag etwas zu erzählen hätte in der Schule. Dass sich niemand für diese ständigen Wanderungen interessierte, wolltest du nicht hören. Dass ich sie nicht machen wollte, auch nicht. Die anderen wären neidisch. Sagtest du. Und von mir warst du enttäuscht.

Auch eine wichtige gemeinsame Sache war das Essen. Bei anderen Familien ist das ungesittet. Sagtest du manchmal. Die kochen nicht mal richtig. Sagtest du. Keine Ordnung haben die. Wir hatten eine. Ich höre heute oft, das gemeinsame Essen sei wichtig. Da könne man sich austauschen. Ich kann mich nicht erinnern, dass bei uns geredet oder gar gelacht wurde. Wenn wir assen, liefen im Radio die Nachrichten. Die wolltest du hören.

«Pscht!»

Sagtest du, wenn ich etwas erzählen wollte. Du wolltest wissen, was in der Welt vor sich ging. Dazu last du auch täglich die Zeitung. Von vorne bis hinten. Schautest die Tagesschau, auf allen möglichen Sendern. Meine Rolle dabei? Nicht auffallen. Nicht hör- oder sichtbar werden. Das war am besten. Dann passte ich am besten ins Bild.   

Ich weiss gar nicht mehr, was ich dabei fühlte. Allein? Nicht wahrgenommen? Nicht interessant genug? Vermutlich schon. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Sicher lernte ich so, dass das, was ich erzähle, keiner hören will. Dass das, was ich zu sagen habe, nicht interessant ist. Schweigen wurde meine Welt. Ich liebte es, allein in meinem Zimmer zu sein. Da war keiner, der mich nicht hören wollte. Da waren meine Welten, in die ich eintauchen konnte: Bücher. Und Musik. Viel Musik.

Während ich das alles schreibe, merke ich die tiefe Trauer in mir. War sie damals schon da? Wohl schon. Und doch weinte ich nicht. Und vergass alles. Nach und nach. Bis heute. Und nun schreibe ich es auf. Und frage mich immer wieder: Wozu eigentlich? Ist doch nicht mehr wichtig. Wieso interessiert es mich plötzlich? Wieso will ich dir all das schreiben? Ich weiss es nicht. Was erwarte ich? Deine Antwort war immer

«Wir hatten es doch immer schön.»

Das wird nun nicht mehr ändern.

Ich erinnere mich noch an etwas bei diesen gemeinsamen Essen.

«Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.»

Ich weiss, das kennen viele. Und doch. Es war schrecklich. Ihr habt mir aufgetragen und eingeschenkt. Egal, ob ich das Essen oder Trinken mochte, egal ob ich Hunger hatte oder nicht. Alles musste weg. Reste waren keine Option. Wenn ich nicht zu Zeiten fertig wurde, standet ihr auf und gingt. Ich sass da. Allein. Mit dem vollen Teller. Das Essen wurde kalt. Und noch schlimmer. Am schlimmsten waren Lebern und Polenta. Da war immer dieser Brechreiz, wenn ich es essen musste. Und wenn die Lebern kalt wurden, bildete sich diese Haut auf der Sauce. Und die Polenta wurde oben krustig. Ich hasste diesen Schuhkarton mit dem fiesen, bitteren Geschmack. Und dieses Kitzeln am Gaumen von diesem körnig-breiigen Maispudding. Aber es half nichts. Der Teller musste leer sein.

Es wurde 13 Uhr, 14 Uhr, 15 Uhr. Ich sass da, den noch praktisch vollen Teller vor mir. Du warst wortlos im Wohnzimmer verschwunden. Mama zeigte sich auch nicht mehr. Und da kam mir die Idee: die Blumentöpfe. Sie standen rund um den Esstisch. Sie hingen von den Wänden. Standen auf Simsen und auf dem Boden. Ich begann, Lebern und Mais in den Töpfen zu vergraben. Irgendwann war der Teller leer. Ich trug ihn in die Küche. Mama nahm ihn wortlos entgegen und ich ging in mein Zimmer. Ich schämte mich so. Ich habe es nie erzählt.

(«Alles aus Liebe», XVIII)

Eine Geschichte: Vom Träumen (XVII)

Lieber Papa

Lieber Papa

Kürzlich war ich an einem Fest. So viele Menschen. So viel Lachen, Reden, Feiern. So waren unsere Feste nie. Es gab kaum welche ausser dem alljährlichen Geburtstag von Grossmutter. Da kamen alle zusammen. Sonst waren da nur wir drei. Sonst keiner. Niemand gehörte zur Familie. Zu unserer. Manchmal dachte ich sogar, nicht mal ich gehöre dazu. Weil ich anders war. Nicht wie ihr. Nicht wie ihr mich wolltet. Das sagtest du mir oft.

«Du bist anders.»

Und

«So will dich keiner. Wir sind deine Eltern, wir müssen bleiben. Die anderen können gehen.»

Anfangs dachte ich, ich sei nur das falsche Kind für euch.. Vielleicht war ich vertauscht worden. Das war unwahrscheinlich. Vielleicht habt ihr mich adoptiert. Einige Male durchwühlte ich in heimlichen Momenten alle Ordner. Suchte nach Beweisen. Las mich durch Unterlagen und Dokumente. Aber ich nichts. Vielleicht war ich nicht das falsche Kind für euch, vielleicht war ich grundsätzlich falsch. Nicht in Ordnung.

Als ich an diesem Fest mit zwei wunderbaren Menschen ins Gespräch kam, stellte ich mir plötzlich vor, sie könnten mich adoptieren. Der Gedanke löste ein kleines Glücksgefühl aus. Ich dachte kurz, ich könnte mir meine eigene Familie suchen. Ganz naiv. Und voller Freude. Schon kurz danach hörte ich eine innere Stimme. Sie sprach von Flausen. Davon, dass ich nicht solche Hirngespinste haben solle. Ich sei nun gross. Müsse alleine klarkommen. Und doch war da diese leise Sehnsucht. Nach einer Familie. Meiner Familie. Eine, die lacht. Die mich aufnimmt. In der ich mich wohl fühle. Dazugehörend.

Uns drei gibt es schon so lange nicht mehr. Schon als ich 16 war, drohtest du, ich könne gehen, wenn ich mich nicht an deine Regeln halte. Du und Mama, das sei der wichtige Kern. Wenn ich den störe, sei ich nicht mehr erwünscht. Das sagtest du und ich spürte eine Klinge, die tief stach. Mit 22 endete das Kapitel Familie endgültig. Ich zog aus. Noch heute höre ich deine Worte, sachlich, rational, klar:

„Nun trennen sich unsere Wege. Wir gehen unseren. du deinen.“

Das Messer von früher drehte sich. Das tat verdammt weh. Diese explizite Trennung.
Wenn ich heute zurückblicke, hätte es eine Befreiung sein können. Dazu kam es nicht. Ich habe dich innerlich mitgenommen. Als Stimme. Doch da war auch dieses Loch. Der tiefe Wunsch nach einer Familie für mich, nach Menschen, die mich verstehen, Menschen, bei denen ich zuhause und gewollt bin. Menschen, bei denen ich nicht falsch, nicht ungenügend, nicht abnormal und eine Enttäuschung wäre. Das war ein Traum. Meiner. Und wird es wohl bleiben.

Und ich schimpfe mit mir. Ich bin zu gross für solche Träume. Für solche Sehnsüchte. „Werd’ endlich erwachsen!“, höre ich deine Stimme in mir. „Werd’ endlich normal.“ Und dann sagst du noch:

«Du bist eigentlich intelligent, aber menschlich, in Lebensdingen, so dumm.»

Und immer ist es deine Stimme. Und sie spricht in mir. Und ich glaube ihr. Und fühle mich klein. Und falsch. Und doch: Die Träume bleiben. Und ich bin froh, sie zu haben. Sie sind wie leuchtende Sterne am dunklen Himmel. Und manchmal denke ich, irgendwann kann ich vielleicht den einen oder anderen ergreifen.

Vielleicht ist es besser, wenn du diesen Brief nie liest. Aber schreiben musste ich ihn, bevor ich mit unserer Geschichte weitermachen kann.

(«Alles aus Liebe», XVII)

Eine Geschichte: Regeln XVI

Lieber Papa

Erinnerungen sind geschmeidig. Sie lassen sich formen. Manchmal ist auch nicht klar, ob ich etwas wirklich selbst erlebt oder nur gehört habe. Wenn etwas immer wieder erzählt wird, fühlt es sich plötzlich so an, als wäre es erlebt. Dann glaube ich, ins eigene Erinnern zu greifen, wenn ich daran denke, während ich in Tat und Wahrheit nur die Erinnerung von jemand anderem nacherzähle. Auch das ist ein Erinnern, quasi eines der zweiten Ordnung. Ein Erinnern an eine Erinnerung, die selbst auch wieder ein un-fassbares Produkt ist.

An eines erinnere ich mich aber gut: Bei uns gab es immer klare Regeln. Du stelltest sie auf, ich hatte sie zu befolgen. So hattest du alles unter Kontrolle. Vor allem mich.

Wir hatten diesen Spielplatz vor dem Haus. Das Haus lag inmitten anderer Häuser mit eigenen Spielplätzen. Sie alle waren verbunden durch ein Netz von Gehwegen. Keine Autos, keine Gefahren. Wir Kinder zirkulierten zwischen den Spielplätzen, weil auf allen wieder andere Geräte waren und andere Kinder spielten.

So wäre es schön gewesen, aber: Das Wir stimmt nicht. Nur die anderen Kinder zirkulierten, ich durfte nicht weg von dem Spielplatz vor unserem Haus, weil du die anderen nicht sehen konntest von unserem Balkon aus. Wenn also alle anderen weiterzogen, musste ich allein zurückbleiben. Anfangs fragten sie noch, ob ich mitkomme. Sie hörten bald auf damit. Ich gehörte nicht mehr dazu, stand am Rand. «Die kommt eh nie mit.» Sagten sie. Während die anderen immer mehr zusammenwuchsen durch ihre Touren von Platz zu Platz, fiel ich hinaus durch mein Dableiben.

Ich war auch immer die Erste, die heimmusste. «Kinder gehören zu gewissen Zeiten nach Hause.» Sagtest du. «Die anderen haben keine Ordnung.» Dein Ton dabei war eindeutig. Abschätzig. So geht das nicht. Das klang laut mit. Begehrte ich auf, hörte ich, wie undankbar ich sei.

«Ich meine es nur gut.»

Sagtest du.

«Es ist zu deinem Besten.»

Sagtest du. Regeln und Ordnung seien wichtig. Ich glaubte immer, wir seien die einzigen, die diese Regeln und die Ordnung kannten. Ich hätte sie lieber nicht gekannt. Aber das durfte ich nicht sagen. Wie ich nur so sein könne. Fragtest du dann und blicktest mich mit diesen traurigen und enttäuschten Augen an. Und schwiegst. Drehtest dich um und liefst weg. Von mir. Ich war allein.

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.»

Der Spruch wird Lenin zugeschrieben. Ich frage mich manchmal, woher dein Kontrollbedürfnis kam. War es ausschliesslich die Sorge um mich? Oder vielleicht mehr eine Angst von dir? Kürzlich las ich sinngemäss:

«So lange ich die Kontrolle über mein Leben habe, habe ich keine Angst, den Halt zu verlieren.»

Ich weiss nicht mehr, wer es sagte, aber ich kann den Gedanken verstehen. Die Angst, dass alles aus den Fugen gerät, kein Stein auf dem anderen bleibt. Die Angst, etwas zu verlieren, das wichtig ist. Die Angst vor dem Unvorhergesehenen, dem Drohenden, das passieren könnte. War dir die Kontrolle darum so wichtig? War sie dein Versuch, mit den Gefahren des Lebens umzugehen? Konntest du so deine Angst vor einem Unglück im Zaum halten? Weil du schon einmal alles verloren hattest – deinen Lebensmut inklusive? Das erfuhr ich allerdings erst viel später, als Kind wusste ich nichts davon. Ich konnte das alles nicht einordnen. Ich machte mir auch keine solchen Gedanken. Ich kannte nur die Regeln und wusste, dass es nicht gut kommt, wenn ich sie nicht befolge. Ich stellte sie ab und zu noch in Frage, aber es gab kein Entkommen. Du warst unnachgiebig.

Ich fand all das oft unfair. Sah all die Freiheiten der anderen und meine engen Grenzen. Spürte all die Gebote und Verbote und dass sie mich von den anderen trennten. Ich habe dir nie eine böse Absicht unterstellt. Glaube ich. Ich tue es vor allem heute nicht. Aber es machte mich traurig. Macht es noch heute, merke ich, während ich das schreibe. Denn ich war ausgeschlossen dadurch. Und allein. Nur dich, dich hatte ich noch, wenn ich die Regeln befolgte. So warst du alles.  

(«Alles aus Liebe», XVI)

Eine Geschichte: Vom Erinnern (XV)

Lieber Papa

Es gab immer wieder Phasen, in denen ich versuchte, Erinnerungen aufzuspüren. Und immer stiess ich auf diese Leere. Vielleicht ab und zu ein Häppchen, aber da war nie eine ganze Geschichte. Habe ich nichts erlebt? Oder ist mein Gedächtnis so schlecht? Habe ich alles verdrängt? Wieso hätte ich das tun sollen?

Das scheint nun anders zu sein. Es ist, als ob ein Ventil aufgegangen ist und die Erinnerungen plötzlich fliessen. Ich fange jede ein und schreibe sie nieder. Für dich. Weil ich merke, dass da in mir etwas ist, das raus muss. Ich merke, dass unsere Geschichte nicht abgeschlossen ist und zu viel Schweigen die Vergangenheit prägte.

Ich merke, wie ich in eine Euphorie gerate bei diesem Schreiben. Ein rasender Fluss von Episoden, die ans Licht drängen. Und plötzlich. Fertig. Er hört er auf. Ich warte. Ich suche. Ich strenge mich an. Nichts. Und mit dem versandeten Fluss ist auch die Lebendigkeit, die durch die Erinnerungen in mein Heute getragen wurde, weg. Als wäre das Erinnern eine Energiequelle gewesen, die nun versiegt ist.

Manchmal weiss ich gar nicht mehr, wieso ich zu schreiben begann. Es war ein Impuls. Aus dem Nichts. Ich habe keine Ahnung, woher die Lebendigkeit kam. Die Themen waren nicht sehr aufbauend. Vielleicht lag das weniger an den Erinnerungen, sondern daran, dass ich endlich schrieb. Endlich tat ich das, was ich immer hatte tun wollen. Ich tat es auf eine Weise, die ich selbst ernst nehmen konnte.

Und nun ist wieder alles still. Wo ist dieser Fluss hin? Ist er abgezweigt und ich habe das verpasst? Bin ich in die falsche Richtung geschwommen? In eine Sackgasse? Wo kann ich wieder anknüpfen? Wie weiterschwimmen?

Vielleicht habe ich meinen Schreibfluss selbst zum Stehen gebracht. Mit all meinen wiederkehrenden Zweifeln. Du willst das alles doch gar nicht hören, sagte ich mir. Wolltest du nie. Wen interessiert, was ich sage, denke, schreibe? Wer soll es lesen? Soll es überhaupt jemand lesen? Was bringt das? Wer bin ich, meine Geschichte so wichtig zu finden, dass sie erzählt werden muss?

„Nimm dich nicht so wichtig!“

Sagtest du mir oft.

„Du bist nichts. Niemand. Keiner interessiert sich für dich.“

Sagtest du.  

„Am Ende taugt doch alles nichts.“

Das sage ich mir. Immer wieder.

„Es ist nicht gut genug. Weil ich nicht gut genug bin.“

Sage ich mir.

Und genau das ist die Ursache. Für so viel. Das treibt mich immer wieder um. Vermutlich ist das der Grund. Dieser eine Glaubenssatz. Ich bin nicht genug. Darum fing ich an zu schreiben.

Und nun kommt die Angst: Sie werden mich auslachen. Sie werden mich in der Luft zerreissen. Sie werden hinter vorgehaltener Hand über mich herziehen. Mich lächerlich finden. Sie werden denken, ich sei nicht normal. Ich solle mich anpassen. Sein wie die anderen. So wie du es tatst. Sie werden nicht verstehen, was ich tue. Sie werden fragen, wieso ich schreibe. Das sei kein Beruf. Sie werden denken, wieso ich nicht einfach Schreiner, Coiffeuse, Ärztin, Juristin, Verkäuferin bin – normal halt.

Solche Jobs hatte ich. Ich erinnere mich gut. Ich war zum Beispiel in einer Bank. Ich entwarf Datenbanken und betreute sie. Das hatte ich mir selbst beigebracht. Ich war gut. Ich verdiente gut. Es war nicht meine Welt. Du hast mich nicht verstanden. Bleib da, hast du gesagt. Sei nicht so zimperlich, hast du gesagt. Ich konnte nicht dableiben. Und enttäuschte dich schon wieder. Ein Teil von mir hätte sich gewünscht, es wäre anders. Nur um dir zu gefallen. Ich musste dir doch gefallen, denn: Wen hatte ich ausser dir? Niemanden. Das sagtest du mir oft:

„Ausser mir hast du keinen.“

Ich habe dir geglaubt. Ich glaube es teilweise heute noch.

Ich muss weiterschreiben. Vorerst. Auch wenn ich nicht weiss, ob das alles stimmt, woran ich mich zu erinnern glaube. Ich las kürzlich bei Irvin D. Yalom, dass er überzeugt sei, dass die Qualität der Realität sich immer wieder ändere, dass sie fragil sei. Er schrieb in seinen Memoiren:

«Erinnerungen, zweifellos auch die hier vorgelegten, sind viel fiktiver, als wir meinen möchten.»

Vermutlich ist da viel Wahres dran.

Eine Geschichte: Prägung (XIV)

Lieber Papa

Vor kurzem war ich mit Freunden an einer Degustation. Es gab ein kleines Apéro-Plättchen mit einem Glas Rotwein und einem Glas Weisswein für jeden. Plötzlich kam die Idee auf, wir könnten die Gläser kreisen lassen, damit alle von allen Weinen probieren können.

«Das geht nicht.»

Sagte in mir eine Stimme. Laut. Ermahnend. Zur Tat drängend. Sag es. Sag «nein». Schnell. Bevor es zu spät ist.

«Ich kann das nicht.»

 Eigentlich wäre es eine leichte Sache: Trinken, weitergeben, trinken, weitergeben. Ein Mehrgenuss quasi. Aber in mir stand alles auf Abwehr.

«Macht ihr nur, mir reicht meine Wahl», hörte ich mich sagen. Ich blickte in erstaunte Augen. «Nein, mach auch mit, das ist lustig», kam es zurück. «Das ist eklig. Ich kann nicht aus dem gleichen Glas wie du – wie ihr – trinken!» Ich dachte es nur. Ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Ich fühlte mich dumm. Anders. Und mein Hirn fuhr Karussell.

Wie oft hast du mir das eingebläut. Jeder hat sein Glas. Jeder hat sein Besteck. Teilen geht nicht. Das ist eklig. Und du erzähltest dazu immer die Geschichte aus deinen Kindertagen. Gottesdienst. Abendmahl. Der Zinnbecher mit dem Wein ging durch die Reihen. Und der Wein sei immer dünner, die Menge Flüssigkeit immer mehr geworden. Es klang gruselig. Du erzähltest von dem Speichel, der als Rücklauf ins Glas floss, wie er es immer tue. Den trinke man mit, wenn man das Glas teile. Das waren deine Worte. Sie schüttelten mich noch heute. In mir wurden Fluchtgedanken laut, bloss: Es gab wohl kein Entkommen.

Du hattest sehr strenge Hygiene-Ansprüche. Alles musste denen folgen, denn sonst kriegtest du diese Bläschen auf der Lippe. Man konnte ihnen beim Wachsen zusehen. Du musstest nicht mal betroffen sein, es reichte schon, wenn du etwas sahst, das du eklig fandest. Es wucherte. Ich erinnere mich noch gut, als in einem Restaurant ein Messer zu Boden fiel, das Servierpersonal dieses aufhob und wieder in die Besteckschublade räumte. Zack. Eine Blase.

Ich habe mich als Kind oft gefragt, ob du die Blase auch kriegen würdest, wenn du vom Verstoss nichts mitgekriegt hättest. Wenn ich zum Beispiel aus deinem Glas trinken würde, bevor ich es dir gäbe, oder deine Gabel auf den Boden und dann wieder auf den Tisch legte. Ich habe nie gewagt, es auszuprobieren. Respekt? Angst? Vor dem Entdecken oder davor, dass du meinetwegen leiden müsstest, wenn du trotzdem reagieren würdest? Ich weiss es nicht. Ich nahm deine Regeln an und folgte ihnen.

Wieso hast du dich nicht gewehrt. Das fragte mich jemand, als ich ihm etwas aus der Kindheit erzählte. «Du hast alles nur erduldet, hast still gelitten. Dich aber so auch der Verantwortung entzogen, indem du das alles mit dir machen liessest», sagte er noch dazu. Es fühlte sich wie ein Angriff an. Ich hörte raus, dass ich mich hätte wehren müssen, dass ich etwas hätte tun sollen. Und können. Ja, ich habe mir die Frage oft gestellt: Wieso habe ich mich nicht gewehrt? Wieso nahm ich deine Regeln, deine Aussagen für bare Münze und habe sie nicht hinterfragt oder gar dagegen aufbegehrt? Oder habe ich?

Ich meine mich zu erinnern, dass ich anfangs noch versuchte, zu argumentieren, dich umzustimmen. Du sagtest, nur ich sei so, alle andern seien normal. Ich versuchte, dir zu sagen, dass ich nur sein wolle, wie das heute normal sei, dein Normal sei aus einer anderen Zeit. Ich kam damit nie durch. Du hast alles, was ich sagte, mit einer wütenden Handbewegung weggewischt und warst danach noch überzeugter, dass ich ein störrisches Kind, eine Enttäuschung sei. Und dann schwiegst du. Mich an. Ich existierte nicht mehr. Das tat weh. Wusstest du das? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das nicht merktest. So kalt warst du nicht. Auch wenn du in dem Moment so wirktest. Ich möchte es nicht glauben.

Mich erstaunt immer wieder, wie lange solche Dinge nachwirken. Ich war 45 Jahre alt, war bei einer Degustation, und studierte, wie ich deine Regeln einhalten kann. Nein, es war eher der Ekel über den Rücklauf, den ich vermeiden wollte. Um Regeln ging es nicht mehr. Ich sah den Wein, den Spuckeschaum, spürte das Kribbeln auf der Haut und hörte das laute Nein in meinem Kopf. Und dann trank ich.

Und: ich überlebte. Es war gar nicht so schlimm. Irgendwie war es eine Befreiung. Seit da geht es. Nicht mit allen, nicht mit grosser Freude, aber immerhin. Es geht. Eine kleine Rückeroberung eines freieren Lebens. Das fängt oft mit kleinen Dingen an. Das merke ich immer wieder.

(«Alles aus Liebe», XIV)

Eine Geschichte: Musik machen (XIII)

Lieber Papa

Erinnerst du dich an meine ersten Schritte in der Musik? Blockflöte war’s. Im Kindergarten, ich war wohl etwa 5. Ich erinnere mich nicht mehr an das Spielen selbst, ich erinnere mich nur noch an die goldenen und silbernen Sternchen, die wir ins Heft kriegten, wenn wir gut übten. Die Schlechtesten kriegten nichts, dann kam ein kleiner silberner Stern, ein grosser silberner, ein kleiner goldener und für die besten Spieler ein grosser goldener. Ich wollte diese Sterne, nur darum ging es mir. Das denke ich zumindest heute. Mit der Blockflöte hatte ich Glück. Ich musste nicht üben und konnte trotzdem alles spielen. Irgendwie lag mir das Instrument. Talent hätte ich, sagte die Lehrerin. Daran erinnere ich mich. Hast du mich je spielen gehört? Ich erinnere mich nicht daran.

Ich habe nicht lange Blockflöte gespielt. Weisst du noch? In der Stadt war Gewerbeausstellung, als ich sechs war. Wir gingen hin. Ich liebte es, überall die Prospekte einzusammeln. Was ich damit machen wolle, fragtest du. Ich wusste es nicht. Aber sie waren so schön bunt. Und dann hörte ich die Musik. Da war dieser Mann, der aus einem einzigen Instrument unendlich viele Melodien, Rhythmen und Stimmen herausholen konnte. Er klang allein wie eine ganze Band. Ich war begeistert. Das war wie ein Wunder, das wollte ich auch. Schon da zeigte sie sich: Meine Faszination für Musik. Woher kam sie? Wir hörten kaum welche. Sie sollte noch viel grösser werden und tiefer gehen. Dazu später. So oder so: Ich durfte Orgel lernen. Ich erinnere mich noch an das Gefühl, als die Orgel bei uns einzog. Es war gross.

Ich liebte es, an all den Knöpfen und Hebeln rumzudrücken, liebte es, die Orgel selbst spielen zu lassen. Nur eines liebte ich nicht: Das Üben. Einmal pro Woche musste ich zum Unterricht. Der Lehrer war nett. Und sehr nachsichtig. Mama nicht. Sie stellte den Timer, dass ich auch täglich genügend übe. Keine Minute weniger. Es gab keine Unterbrüche oder Pausen, es gab nichts als mich und die Orgel. Ich hätte Talent. Sagte der Lehrer. Später erfuhr ich, dass Mama auch mal ein Instrument lernen sollte. Akkordeon. Sie sei unmusikalisch gewesen. Sagte sie. Sie hörte bald wieder auf. Sollte ich das nun für sie nachholen? Oder für dich die Musik wieder ins Haus holen, nachdem deine Jazzplatten nicht mehr gespielt wurden? Was liess sie verstummen? Ich weiss es nicht. Was ich weiss: Dieses Üben mit der Stechuhr vermieste mir alle Freude. Da nützte mir auch das Talent nicht. Immerhin gingen mir die Lieder gut von der Hand, ich schaffte sie mehrheitlich ab Blatt. Wenn es dann gut klang, war ich immer ein bisschen stolz.

Fürs Gymnasium musste man ein Instrument wählen, Orgel war nicht zugelassen. Ich wechselte zum Klavier. Ihr wolltet das so. Das sei nah dran. Ich hätte lieber Saxofon gespielt. Da hattet ihr kein Musikgehör. Nun gut. So schwer kann das nicht sein. Dachte ich mir. Immerhin Tasten. Wie die Orgel. Sogar nur ein Manual. Also einfacher. Und weniger Pedale. Noch einfacher. Dachte ich mir. Nur: Das Klavier lag mir nicht. Mir lag die Musik nicht, die ich da spielen sollte. Es klang alles so fremd. Es sprach mich nicht an, mir fehlten die packenden Rhythmen, die eingängigen Melodien. Klassik. Das hatte ich vorher noch nie gehört. Ich hatte keinen Zugang. Und mir fehlten die weiteren Pedale, mir fehlte das zweite Manual. Mir fehlte meine Musik. Die, welche ich verstand.

Zu Hause musste ich üben. Täglich eine halbe Stunde. Es war eine Qual. Ich kürzte ab. Erinnerst du dich an Bettina, die über uns wohnte? Sie spielte auch Klavier.

„Hör nur, Bettina übt jeden Tag 30 Minuten. So macht es richtig. Nicht wie du. Nimm dir ein Beispiel!“

Ich habe es versucht, das mit dem Beispiel. Es gelang nicht lange. Es machte keine Freude. Dir hätte ich besser gefallen, wäre ich wie Bettina gewesen. Ich spürte immer einen leisen Stich, wenn ich sie üben hörte. Ich fragte mich, wieso ich nicht sein kann wie sie. Dann wäre ich gut genug. So war ich es nicht.

Bettinas Klavier wurde nach einem halben Jahr abgeholt. Ich spielte bis zur Matur weiter. Zwar bedauerte meine Klavierlehrerin – ich sehe sie noch vage vor mir, weiss aber ihren Namen nicht mehr – immer, dass ich mein Talent verschwende, aber sie nahm es mir nicht übel. Sie setzte sich mit mir hin und wir spielten vierhändig ab Blatt. Ich liebte es. Zwar lernte ich nie virtuos Klavierspielen, aber ich hatte in den Momenten Freude an dem, was ich tat – was wir taten.

Die Sehnsucht nach einem Saxofon oder einer Gitarre kam immer wieder auf. Leider konnte ich da nie Stunden nehmen. Ob ich mehr geübt hätte? Manchmal finde ich es schade, dass ich kein Instrument spielen kann. Was ich nicht bereue, sind all die anders genutzten Stunden, wenn ich nicht geübt habe. Und: Meine Liebe zur Musik kann ich zum Glück anders ausleben, mit all denen, die geübt haben und nun für mich spielen. Vielleicht muss man gar nicht alles selbst können. Und es ist trotzdem gut genug.

(„Alles aus Liebe“, XIII)

Eine Geschichte: Wirklichkeit (XII)

Lieber Papa

„Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben.“ Max Frisch

Ich schreibe dir Briefe, einen nach dem anderen. Ich stelle Fragen, die schon so lange drehen. Ich kriegte nie Antwort. Ich habe versucht, sie selbst zu finden. Ich fand welche, nur um sie wieder zu verwerfen. Habe ich irgendwann zu hoffen aufgehört, dass sie irgendwo sind? Du wolltest sie mir nie geben. Manchmal frage ich mich: Konntest du nicht? Wo fängt Wollen an, wo hört Können auf? Oder ist es umgekehrt? Ich habe mir keine Antwort von dir erhofft auf all diese Briefe. Wie hätte ich es können? Leider sind diese Antworten nie zu meinen inneren Stimmen geworden wie all die tadelnden und zweifelnden. Und doch hoffe ich weiter. Irgendwie. Und wühle in der Kiste der Vergangenheit. Erinnere mich. Und es kommen neue Fragen auf.

Was ist wirklich passiert? Sind diese Erinnerungen richtig? Ist es so passiert? Und was war drum rum? Wie kam es dazu? Was war noch da? Ich sehe immer nur Bruchteile. Nie das Ganze. Und ich frage mich, ob ich nicht vielmehr mein Leben erfinde, wenn ich es erzähle. Ich will wahrhaftig sein. Ich bemühe mich. Ich will nichts beschönigen, nichts verbergen. Meist sind es die heiklen Punkte, die man lieber verschweigt. Da, wo es weh tut, weicht man aus. Flieht. Vor den eigenen Gefühlen. Aus Angst. Die Schmerzen nicht tragen zu können. Nicht noch einmal.

Wenn ich von mir erzählen will, muss ich mich diesen Punkten stellen. Das tut weh. Das verunsichert. Das macht Angst. Tue ich es nicht, bleibt die Geschichte blutleer. Sie wird mir nichts erzählen. Ich werde nichts verstehen. Ich bleibe, wo ich bin. Da, wo ich nicht sein will. Nur darum suche ich. Die zu bequemen Versionen meines Lebens sind die Zeit nicht wert, sie zu schreiben. Und jeder Baum, der für das benötigte Papier fiele, wäre umsonst gestorben. Zusammen mit meinen Antworten.

Manchmal frage ich mich, ob ich meine Geschichte zu düster zeige. War nicht eigentlich alles gut?

„Wir hatten es immer schön.“

Das sagtest du manchmal im Rückblick. Du wolltest, dass es schön gewesen ist. Das war der Antrieb für dein Tun. Immer. Das glaube ich. Davon gehe ich aus. Du hast mich geliebt. Du wolltest mein Bestes. Dafür hast du alles getan. Dafür hast du alles gegeben. Auch viel auf. Du hast einen Preis gezahlt. Ich weiss es. War er zu hoch? Musste sich das auszahlen?

„Mein Kind soll es mal besser haben als ich.“

Das hast du dir gesagt – als Kind schon.  So erzähltest du mal. Denkt man so als Kind? Oder hast auch du dir das zusammengereimt? Um das Heute zu stützen? Ihm eine Geschichte zu geben? Es musste gelingen. Sonst wäre der ganze Einsatz zu hoch gewesen. Das durfte nicht sein.

All deine Rollen, waren sie gespielt? Ehemann, witziger Unterhalter, zuverlässiger Familienmensch, Hüter der Ordnung. Bist du glücklich gewesen?

Ich weiss so wenig von dir. Wie warst du als Kind? Was hast du gedacht, gefühlt? Was liebtest du, wovor hattest du Angst? Was ich wiess, erfuhr ich meistens von anderen, hintenrum. Und es passte irgendwie nicht zu dem, was ich von dir erlebte.

Du warst schon einmal verheiratet. Vor Mami war da eine andere Frau. Sie hat dich enttäuscht. Verletzt. Verwundet. Du wolltest dich umbringen. Im letzten Moment wurdest du gerettet. Du, der immer sagt, man solle nicht zurückschauen. Nichts hat Gewicht, alles ist vorbei. Als du den Kopf in den Backofen stecktest, galt das nicht mehr. Für dich. Mir wolltest du es dann wieder weismachen. Und du lebtest es vor, indem du alles aus der Vergangenheit verschwiegst. Ich habe ein paar Dinge doch erfahren.   

„Das ist vorbei.“

Sagtest du.

„Das interessiert keinen mehr.“

Sagtest du und ignoriertest, dass es mich interessierte.

Man sollte nicht über Vergangenes nachdenken, darüber brüten. Du hast es offensichtlich getan. Du musst gelitten haben. Denkst du wirklich nie zurück? An den Tag, an dem du kein Morgen mehr wolltest? Von all dem hast du nie erzählt. Und von vielem anderen auch nicht. Was ich von dir weiss ist, dass du gerne an die Kunstschule gegangen wärst. Das Geld reichte nicht. Darum machtest du eine Lehre, gingst in die Werbung, was dir gefiel. Doch dann kam die Familie. Ich. Du wechseltest zur Zeitung. Mehr Geld. Mehr Freiheit. Du warst gut. Hast Tag für Tag das Blatt gesetzt. Wenn sie nicht weiterkamen, riefen sie dich. Darauf warst du stolz. Das hast du noch lange erzählt. Die Erfolge sollten dein Bild prägen.

Als ich noch klein war, hast du noch gezeichnet. Gedichtet. Bilder gestaltet. Ich erinnere mich. Sie waren gut. Sie hingen bei uns. Irgendwann hast du sie abgehängt. Ich erinnere mich, dass wir nach Bern fuhren. Ich war noch klein. Wir gingen in eine Picasso-Ausstellung. Du zeigtest mir alles. Du führtest mich in den Saal mit den Skizzen. Du erklärtest mir, wie Picasso vorging beim Zeichnen. Beim Malen. Es war so gross. Wir und Picasso. Das wiederholte sich nie mehr. Du liebtest alten Jazz. Manchmal sangst du mit. Für mich. Ich habe es geliebt. Irgendwann hast du ihn nicht mehr gehört.

Wo ging das alles hin? Wieso starb es? Starbst du ein Stück mit? Irgendwann fingst du an, mir zu erzählen, dass Künstler nicht lebensfähig seien. So wie ich, wenn ich nicht endlich normal würde. Ich sei ein weltfremder Idealist, sagtest du. Wie die Künstler. Ob ich mal so enden wolle, fragtest du mich. Und du erzähltest mir Geschichten. Von Existenzen am Rand, vom Leben in der Armut, vom Wohnen in der Gosse. Da, wo keiner etwas mit mir zu tun haben will.

Ich wollte nicht Künstlerin werden, Innenarchitektin war mein Traum. Ich erinnere mich gut, wie du reagiert hast. An die Vehemenz deines Widerstandes. Die Abwertung. Die negativen Beispiele, die schlagenden Argument. Mir gingen meine aus.

Und da ist immer wieder diese eine Frage: Warst du glücklich? Und die nächste: Hast du mir das Unglücklichsein vererbt?

(„Alles aus Liebe“, XII)

Eine Geschichte: Ordnung (XI)

Lieber Papa

Gerade hatte ich Lust auf einen Kaffee. Nun steht er neben mir, dampft vor sich hin und riecht gut. Ich liebe den Geruch von Kaffee. Es gibt Tage, da trinke ich viel Kaffee, an anderen nur wenige. Ohne Muster, ohne Regeln. Anders als früher. Bei euch. Ihr trankt genau drei Kaffees am Tag. Ich durfte keinen. Den ersten Kaffee gab es zum Frühstück. Ich musste Milch trinken. Zuerst mit Schokolade drin, es war grässlich. Ich kotzte fast. Danach durfte ich wenigstens die Schokolade weglassen. Der Brechreiz blieb. Begleitet von einem Schütteln, das durch den ganzen Körper fuhr.  Den zweiten Kaffee trankt ihr nach dem Mittagschlaf. Dazu gab es drei Guetzli. Nicht zwei oder vier. Drei. Schummeln ging nicht. Du hast es bemerkt.

In der Büchse war immer eine Mischung von zwei bis drei Sorten. Jeder durfte sich drei aussuchen. Irgendwann waren nur noch die da, die am wenigsten bliebt waren. Die mussten gegessen sein, bevor es neue gab. Und trotzdem wurde die Sorte immer mal wieder gekauft. Den dritten Kaffee gab es am Abend. Da war ich schon im Bett und ihr kurz davor, dahin zu gehen. Die drei Guetzli habe ich jeweils verpasst. Das war nicht schlimm. Ich mochte die meisten Guetzli nicht so sehr. Es war viel weniger Schlimm als die Milch zum Frühstück. Die ich bekam, um stark und gesund zu sein. Und mich beim Trinken weder noch fühlte.  

Das Abzählen gab es auch an anderen Orten. Mami zählte die Cherrytomaten für den Salat ab. Fünf pro Person. Nicht wie ich. Ich schütte sie einfach rein und höre auf, wenn ich finde, es reicht. Ich habe keine Ahnung, wie viele es dann sind, es ist eher so ein optisches Mass. Die Rotkleckse im grün gefallen mir.

Salat gab es nur, wenn du zu Hause warst. Wenn Mama und ich allein assen, gab es nur für mich eine Mahlzeit. Mama ass einen Apfel. Damit sie nicht dick würde. Sagte sie. Sie ass ihn immer ganz. Am Schluss war nur noch der Stil da. Das konnte ich nicht verstehen. Der Apfel ist so süss und gut, das Gehäuse so zäh und bitter. Damit zerstört man doch alles? Ich finde, beim Essen muss man mit dem Besten aufhören. So bleibt der Geschmack am längsten präsent. Erinnerst du dich? So ass ich immer. Du mochtest es nie. Ich ass zuerst das, was ich am wenigsten mochte, dann das nächste, am Schluss das Beste. Du hast immer gesagt, gehöre sich nicht. So esse man nicht. Iss anständig, sagtest du. Abwechselnd von allem. Sagtest du. Ich mochte es anders lieber. Wenigstens die letzte Gabel trug immer das Beste. Den Rest musste ich anpassen.

Was ich lernte: Alles hat seine Ordnung. Es gibt bei allem eine Art, wie man es macht. Kein Zufall, keine Masslosigkeit, alles abgemessen. Einfach mal Lust und Laune walten lassen? Wie ich mit meinem Kaffee? Undenkbar.

Ich weiss nicht, wieso das so war. So war es einfach. Und: Regeln waren bei uns nie dazu da, hinterfragt zu werden. Denen musste ich folgen. Ich glaube, Mama auch. Wenn ich das so schreibe, kommen mir Zwangsstörungen in den Sinn. Da gab es doch diesen Krimi, «Monk», in dem die Hauptfigur alles ordnen musste. So schlimm war es nicht bei dir. Und: Es war nicht nur auf dich bezogen, du hast es auf uns erweitert, mich dahingehend erziehen wollen.

Vielleicht war es ein Halt. Befürchtetest du, ihn sonst zu verlieren? Wohin wärst du in deinen Ängsten gefallen, hättest du ihn verloren?

Während ich all diese Erinnerungen aufschreibe, wie sie mir in den Sinn kommen, frage ich mich, was das Ganze bringen soll. Es ist vorbei. Heute ist heute. Sollte ich nicht in diesem so vielbeschworenen Hier und Jetzt leben, statt in Gedanken durch die Vergangenheit zu pflügen wie die Menschen beim Sommerschlussverkauf im Wühltisch? Ich las mal bei einem dieser Life-Coaches, die wie Pilze aus der Erde spriessen, man könne nur an einem Tag leben: Heute. Er versprach mir mit seinem Zahnpastalächeln, mir zu meinem Glück zu verhelfen. Ich liess ihn nicht. Und doch hat der Spruch etwas. Dieses Hier und Jetzt klingt gut. Da ist nichts mehr von früher, das schmerzt. Da kriecht nichts von dem, was man mal unter den Teppich kehrte, wieder hervor. Tabula rasa, das weisse Blatt Papier, das ich neu beschreiben kann. Tag für Tag. Leider funktioniert das Leben nicht so. Da ist immer etwas da. Etwas, das geprägt hat. Sich eingebrannt hat. Etwas, das unter dem Teppich liegt und beim Drüber Gehen schmerzt. Es gibt zwei Möglichkeiten: Schuhe mit harten Sohlen tragen oder aber mich dem stellen. Ich möchte den Boden spüren. Es bleibt also nur, die Dinge wieder unterm Teppich hervorzuholen.

Das Graben in den Schichten der eigenen Vergangenheit birgt Gefahren. Da sind vergessene Abgründe, die mich erneut in ihren Schlund ziehen wollen. Verdrängte Gefühle, die mich überwältigen. Was lauert da noch im Dunkel des Vergessenen? Will ich mich dem wirklich stellen? Kann ich es? Halte ich es aus? War es nicht gut verstaut da, wo es ist? Aus den Augen, aus dem Sinn?

Aber: Seit ich damit begonnen habe, zu graben, kann ich nicht mehr aufhören. Ich hoffe auf Antworten. Für die offenen Fragen in Situationen, in denen plötzlich etwas aus mir herausbrach, das ich nicht greifen konnte. Das ich nicht verstand. Etwas, das sich den Weg an die Oberfläche bahnte oder mich von innen anstachelte, das von irgendwoher kommen musste. All die Glaubenssätze, Überzeugungen, Einordnungen, an denen ich mich ausrichte, haben eine Herkunft. Ich hoffe, dass ich mehr verstehe, wenn ich sie finde. Ich hoffe, durch das Verstehen auch ein Stück Freiheit zu gewinnen, für meinen weiteren Weg.

(«Alles aus Liebe», XI)

Eine Geschichte: Verstehen (X)

Lieber Papa

Schreiben hilft, zu verstehen. Das las ich mal. Im Moment scheint mir, ich verstehe immer noch weniger. Und immer wieder ist da diese Stimme in mir. Du willst das alles gar nicht hören. Noch immer nicht. «War doch alles gut. Wir hatten es doch schön.» Das waren immer deine Worte. Sie hatten für mich etwas Bedrohliches. Etwas Gebietendes. Sie sagten: Bis hier hin und nicht weiter. Still jetzt. Daran gibt es nichts zu rütteln. «Zerstör doch nicht alles.»

Vielleicht muss ich das. Damit es für mich endlich ganz wird. Heil. Nein. Nicht vielleicht.

Was ich mich frage: Was ist richtig? Was falsch? Versuche ich, zu rational an alles heranzukommen? Zu emotional? Ich möchte es verstehen. Endlich. Nach so vielen Jahren. Und ich merke, wie sich alles immer wieder entzieht. Ich finde Erklärungen, kann Dinge zuordnen, einordnen, ableiten, fühle den Schmerz. Aber stimmen sie? Und: Was mache ich nun damit? Wie komme ich ins Verstehen?

Ich schreibe dir diese Briefe, weil ich unsere Geschichte aus meiner Sicht erzählen will. Damit du weisst, wie das alles für mich war. Das war bislang nicht möglich. Ein Gespräch war undenkbar. Ist undenkbar. Und ich schreibe dir, um mir selbst auf die Schliche zu kommen. Ich hoffe, beim Ordnen von Buchstaben auch die Dinge ordnen zu können. So viel Nebel. So wenig Licht. So viele offene Fragen. So wenig Antworten.

Da ist zum Beispiel die Frage, wieso ich so früh zum Ziel von Gewalt wurde. Von Mobbing. Was an mir stimmte nicht? Was mit mir? War ich zu brav angezogen? Du sagtest, die anderen seien nur neidisch. War ich zu brav? Zu gehorsam? Dir noch nicht genug. Sahen sie mir die Angst an? Strahlte sie aus meinem Gesicht wie aus Scheinwerfern? Spürten sie meine Unsicherheit, meinen eingebläuten Gehorsam? Meine erzwungene Angepasstheit? War ich zu klein unter all dem Anerzogenen und Auferlegten? Bot ich dadurch eine Angriffsfläche?

Hätte ich mehr mitmachen, mehr auffallen müssen? Mal wild sein, laut sein, mich wehren, hinstehen, aufbegehren? Das hätte Ärger mit dir bedeutet. So hatte ich ihn mit den Kindern. Das war für mich wohl das kleinere Übel. Oder konnte ich nicht mehr anders? Hatte ich keine Wahl mehr, weil ich alles schon so verinnerlicht hatte, dass es wie ein Programm ablief?

Dem will ich auf den Grund gehen. Hannah Arendt sagte in einem Interview:

«Ich schreibe, um zu verstehen.»

Und Max Frisch schrieb:

Wir erzählen uns Geschichten, die wir dann für unser Leben halten.»

Erzähle ich oder erinnere ich mich? Erfinde ich mich? Kann ich mich in all dem finden? Ich muss es versuchen. Ich will die Geschichte finden, die mein Leben war. Und wenn es mehrere Geschichten gibt, die alle mein Leben sind und waren? Dann finde ich auch die. Leben ist wohl nie eindeutig. Vielleicht lässt sich aus den vielen Geschichten und Deutungen etwas ableiten, das mir nahekommt.

Eine Geschichte: Klein bleiben (IX)

Lieber Papa

Kürzlich fuhr ich zum Einkaufen. Es war der erste Schultag nach den Sommerferien, meine Strecke führte am Kindergarten vorbei. Da sah ich sie. All die kleinen Kinder mit ihren Müttern, die ihren ersten Tag im Kindertag vor sich hatten. Einige liefen stramm und zielstrebig, zogen ihre Mütter förmlich hinterher. Sie fühlten sich sichtlich gebremst in ihrem Entdeckerdrang. Andere wiederum trotteten mit gesenktem Kopf so weit hinter ihrer Mutter her, wie die Armlängen es zuliessen. Es wirkte, als sollten sie zu ihrer Hinrichtung geführt werden. Sie mussten um die fünf Jahre alt sein. Sie waren so klein. Es lag so viel vor ihnen. Ganz nah ein grosser Schritt. Ich war gerührt. Und dachte zurück.

Manchmal taucht eine Erinnerung auf. Als ob ein Blitz sie in der Dunkelheit des Vergessens erleuchten würde. Ich sehe mich kurz an einem Ort oder wie ich etwas tue. Dann ist alles wieder dunkel. Und mit der Dunkelheit kommt die Unsicherheit: War das wirklich eine Erinnerung oder nur ein Bild, das ich mir aus Erzählungen anderer gemalt habe. Je mehr ich mich erinnere, desto mehr stellt sich mir die Frage: Wie viel von diesem Erinnern ist blosser Glaube an eine Vergangenheit, die aus heutiger Sicht stimmig erscheint, so aber gar nicht existiert hat? Die wenigen Erinnerungen sind wie helle Sterne an einem sonst dunklen Firmament.  

In dem Jahr, in dem ich in den Kindergarten kam, habe ich gesagt, ich wolle immer fünf bleiben. Das erzählte Mama. Ich kann mich nicht daran erinnern. Woher kam dieser Wunsch? Aus dem Moment heraus oder war das ein dauerhaftes Gefühl? Ich weiss es nicht. Oder vielleicht doch?

Steckte die Angst vor dem Neuen dahinter? Hat sie diesen Wunsch ausgelöst? Ihr habt mir erzählt, wie das im Kindergarten sei. Ich müsse dortbleiben, sagtet ihr. Da seien viele Kinder, sagtet ihr. So viel Neues. Bis dahin war ich immer zu Hause, meist allein mit Mama und dir. Wenn wir unter Leuten waren, dann nur mit Erwachsenen. Ihr habt euch unterhalten, habt gelacht. Ich war das Kind, das dabeisass. Benimm dich. Sei still. Iss schön. Spiel nicht mit dem Besteck. Aus heutiger Sicht hätte ich mich auf den Kindergarten freuen müssen. Raus aus der Stille. Raus aus den Regeln. Wobei nein: Du sagtest mir, wie ich mich da benehmen müsse. Dass ich still sein solle. Nicht auffallen. Gehorchen. Hast du das alles gesagt? Oder denke ich es mir nun aus? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du es nicht gesagt hast.

Ich kann mich an keine Freude erinnern.

Mein erster Tag im Kindergarten kam. Mami hat mich begleitet, es gibt ein Foto davon, wie wir in praktisch identischen roten Regenmänteln vor unserer Haustür stehen, ich mit umgehängter Znünitasche. Ich blicke ernst in die Kamera. Da ist nichts von Aufregung oder Vorfreude. Ich hatte Angst. Sie sollte sich erfüllen.

Bald musste ich allein zum Kindergarten laufen. Es war kein langer Weg. Eines Morgens lauerten sie mir auf. Eine Gruppe, angeführt von einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Ich erinnere mich nicht, vorher mit ihr oder einem der Gruppe Kontakt gehabt zu haben oder gar zusammengestossen zu sein. Wie auch. Ich war still. Ich war brav. Ich gehorchte. Wie du gesagt hast. Vielleicht war das der Grund.

Sie stürmten auf mich zu. Sie stiessen mich zu Boden. Ich versuchte mich zu wehren. Sie waren zu viele. Sie waren stärker. Und dann? Ich habe es vergessen. Irgendwann war ich wohl wieder frei. Von da an war ich vorsichtig. Sobald ich einen der Gruppe sah hinter einem Busch oder Pfosten, drehte ich um und rannte heim. Und dann? Hat Mami mich begleitet? Ich glaube nicht. Schaute sie vom Balkon, soweit sie den Weg sehen konnte? Das wäre möglich. Hast du davon erfahren? Wohl schon. Warst du enttäuscht von mir? Weil ich schon wieder Probleme machte? Wohl schon.

Irgendwann ging Mami mit mir zu den Eltern der Anführerin. Danach hattet ihr mit diesen Eltern ab und zu Kontakt. Einmal paar Mal gingen wir alle zusammen kegeln. Dann brach der Kontakt ab. An mehr erinnere ich mich nicht mehr. Nur, dass das Mädchen und ich danach Freundinnen wurden. Das zerbrach dann auch. Immerhin blieben die Scherben einfach liegen und entwickelten sich nicht zurück in Gewalt.

Eine enge oder beste Freundin hatte ich danach kaum mehr. Ich hatte wohl gelernt, dass das Alleinsein der sicherste Ort ist. Es war auch der Ort, den ich am besten kannte. Alle anderen können dich jederzeit verlassen – und sie tun es auch. Das hast du mir mal gesagt. Nur ihr wärt immer für mich da, hast du gesagt. Doch auch das hast du irgendwann zurückgenommen. Ich sei nun gross, meintest du. Mami und du seid nun wieder für euch, ich müsse für mich meinen eigenen Weg gehen. War das Freiheit? Es fühlte sich nicht so an. Es gibt dieses eine Lied von Udo Jürgens, das ich liebte. Vor allem ein Satz ging mir immer tief: «Du sagst, du bist frei, und meinst dabei, du bist allein…»

Vielleicht spürte ich, dass Grosswerden Gefahren mit sich bringt. Vielleicht sagte ich drum, ich möchte klein bleiben, möchte immer fünf bleiben. Vielleicht spürte ich, dass der erste Schritt aus dem Zuhause auch der erste Schritt in die Distanz war, die sich von nun an vergrössern sollte. Anzeichen gab es, kleine Andeutungen, Gesten, Blicke. Fürchtete ich den Verstoss? Die Bedrohung des Verlustes? Wollte ich drum klein bleiben? Und tat alles dafür? Hörte sogar auf zu essen irgendwann? Oder wollte ich mich damit zum Verschwinden bringen?  Weil ich mich als nicht wichtig, nicht gesehen fühlte? Ein Versuch, dem Schmerz, der Trauer, der Verzweiflung zu entkommen?

Vielleicht höre ich hier besser auf. Für heute.

(«Alles aus Liebe», IX)

Eine Geschichte: Schweigen (VIII)

Lieber Papa

Wenn ich in Spanien bin, sehe ich sie oft: Die Familien, die am Wochenende oder an Feiertagen an den Strand fahren und dort ein zweites Wohnzimmer aufbauen. Alle helfen mit. Sie haben an alles gedacht: ein Zelt, Sonnenschirme, Tische, Stühle, Liegen, Kühltruhen und Essen. Berge von Essen. Ganze Buffets werden aufgestellt. Alle reden und lachen laut durcheinander, sie feiern das Leben.

Erinnerst du dich? Wir gingen früher auch manchmal zum Picknick. Meist in den Wald. Nur wir drei. Ohne Lachen und ohne Zelt, aber mit Klappstühlen, einer Kühlbox, Getränken, gekochten Eiern, Würsten, Brot, einer Decke, Gläsern, Teller, Besteck. Alles hatte seine Ordnung.

Wir luden alles ins Auto, fuhren zum nahegelegenen Wald, parkten auf dem Parkplatz und schleppten alles zur Feuerstelle im Innern des Waldes. Grössere Scheite lagen schon vor Ort bereit, die kleineren, feineren zum Anfeuern gingst du sammeln. Ein Picknick, wie es im Schulbuch steht.

Während ich das so schreibe, merke ich, wie in mir Unmut hochkommt. Es wirkt alles so leblos, so freudlos, so einstudiert und durchorganisiert. Wo ist das Freudige, das Bunte, Improvisierte? Und gleichzeitig schelte ich mich für diese Gefühle und Gedanken. Ist es nicht gut, wenn man Dinge so plant, dass sie klappen? Ich frage mich zudem, ob ich nicht zu viel hineinlege in diese Erinnerung. Will ich es düster sehen? Habe ich ein Bild, in das ich die Geschichte einpassen will? Und ich gehe weiter, frage mich, ob das überhaupt Erinnerungen sind. Ich erinnere mich an einen Ausspruch von Max Frisch, wonach wir uns Geschichten erzählen und sie dann für unser Leben halten. In Ivrin D. Yaloms Memoiren las ich etwas ähnliches. Er schrieb, dass er die Realität für eine wandelbare Sache halte, dass Erinnerungen dadurch oft fiktiver seien als man glaube. So fühlt sich das an. Woher also kommt diese Geschichte in mir? Ich weiss es nicht, aber ich möchte sie weitererzählen:

Das Anfeuern dauerte oft lang, eine Geduldprobe. Wenn das Feuer so richtig schön brannte, hatte das Warten noch kein Ende, dann mussten die Flammen sich erst wieder legen. Erst dann konnten wir die Würste braten. Ich sage heute oft, das G in meinem Namen stehe für Geduld – sie fehlte mir schon damals. Dieses stille Warten war nichts für mich.

Aus der Langeweile heraus entstehen die schönsten Ideen, so packte ich meinen Klappstuhl und lief damit zum Waldrand. Ich setzte mich hin und wartete auf Spaziergänger, die vorbeikamen. Sie schienen sich zu freuen, auf alle Fälle erwiderten sie alle meinen Gruss und plauderten mit mir. Ich genoss es – leider nicht lange. Plötzlich standst du hinter mir, offensichtlich wütend. Was mir eigentlich einfalle, die Leute zu belästigen, fragtest du. Ich sagte, die hätten sich gefreut. Irrtum, meintest du, die seien nur höflich gewesen. Wie hatte ich mich nur so täuschen können. So dachte ich. Es tat ein wenig weh.

Ich musste auf der Stelle zurück an die Feuerstelle, und eines war klar: Ich hatte die strenge Ordnung des Picknicks gestört. Ich war mal wieder nicht in Ordnung gewesen. Der Rest des Picknicks verlief schweigend.

Erinnerst du dich? Das war immer deine Taktik. Durch Schweigen zeigtest du mir, dass ich vom richtigen Weg abgekommen bin. Dein Schweigen nahm den ganzen Raum ein, liess mich deine Enttäuschung über mich spüren. Manchmal dauerte es lange. Zwei Wochen ohne ein Wort von dir. Dein Blick glitt an mir vorüber, du nahmst mich nicht mehr wahr.

Interessant, dass dieses Schweigen für mich die Höchststrafe bedeutete, waren wir doch auch sonst keine sehr beredte Familie. Aber so war das. Wenn die wenigen Worte zur Totenstille anwuchsen, dann fühlte es sich an, als sei damit alles gestorben: deine Liebe zu mir, ich für dich – und damit auch ich für mich.

Ich weiss nicht mehr, wie es nach dem Schweigen jeweils zum ersten Wort kam. Was löste es aus? Wie fühlte es sich an? Ich stelle mir vor, es war wie der erste Schluck Wasser für einen, der fast verdurstete. Aber das ist reine Fantasie, ich erinnere mich nicht.

(„Alles aus Liebe“, VIII)

Eine Geschichte: Verloren (VII)

Lieber Papa

Kürzlich hatte ich einen Traum. Ich fand nicht mehr nach Hause. Ich lief durch die Strassen, kam zu der Stelle, wo unser Haus immer gestanden hatte, aber es sah völlig anders aus. Ich ging hinein. Auch drinnen war alles verändert. Und doch schien ich überzeugt, hier zu wohnen. Ich klingelte. Keiner öffnete. Alles war stumm. Ich zweifelte, ob ich nicht doch am falschen Ort sei. Nur: Wo wäre der richtige? Ich hatte keine Ahnung. Ich fühlte mich verloren.

Ich habe diesen Traum schon oft geträumt. Es ist immer alles gleich. Während ich dir von diesem Traum schreibe, erinnere ich mich an etwas, das passiert ist, als ich etwa drei oder vier war. Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich verschwunden bin?

Ich ging mit Mama zum Einkaufen. Vor dem Eingang des Einkaufszentrums gab es einen kleinen Bildschirm mit einer Sitzbank davor. Wenn man Geld einwarf, konnte man ein Märchen anschauen. Jedes Mal, wenn wir da waren, fragte ich, ob ich den Film schauen darf. Einkaufen fand ich langweilig. Mama sagte immer nein. Doch dieses eine Mal stimmte sie zu. Freudig setzte ich mich hin und war schon bald völlig in den Film vertieft. Ich bin nicht sicher, aber manchmal bilde ich mir ein, ich sähe noch die Bilder vor mir und hörte die Zwerge singen, wenn sie von der Arbeit heimkehrten zu Schneewittchen.

Plötzlich sah ich aus den Augenwinkeln Mama, wie sie aus dem Gebäude ging. Hatte sie mich vergessen? Schnell sprang ich auf und lief zum Ausgang. Ich sah sie nirgends mehr. Vielleicht hatte ich mich getäuscht. Ich setzte mich wieder hin und schaute weiter, konnte mich aber nicht mehr auf den Film konzentrieren. Immer wieder schaute ich zum Ausgang, befürchtete, ich könnte Mama verpassen. Doch sie kam nicht. Vielleicht hatte ich mich vorher gar nicht getäuscht, vielleicht war sie tatsächlich nach Hause gegangen und hatte mich hier vergessen.

Ich konnte es kaum glauben, dass sie mich einfach vergessen konnte. Sie musste noch irgendwo sein. Ich wollte sie suchen. Ich lief durch das ganze Einkaufszentrum, lief in alle Läden, die ich kannte: Die Tierhandlung mit den Fischen, Vögeln und den Meerschweinchen, die ich immer streicheln wollte, die Drogerie, in welcher wir dieses grässliche Biomalt kauften, das ich jeden Morgen schlucken musste, die chemische Reinigung, den Kiosk, wo sie manchmal den Lottoschein ausfüllte, das Café ganz hinten im Einkaufszentrum, auch wenn wir da noch nie drin gewesen waren. Nichts. Ich lief zum hinteren Ausgang hinaus, lief um das Einkaufszentrum herum und landete wieder beim vorderen Eingang. Nirgends sah ich sie.

Zum Glück bin ich schon oft mit Mama zum Einkaufszentrum gelaufen, so dass ich den Weg gut kannte. Ich beschloss, allein nach Hause zu gehen, vielleicht konnte ich sie noch einholen.

Zuerst musste ich eine grosse Strasse überqueren, danach führte mein Weg eine Wiese entlang, in deren Mitte ein Bauernhof stand. Ab und zu grasten Ziegen und Schafe auf der Wiese, die ich zu streicheln versuchte. Dafür hatte ich nun keine Zeit. Auf der anderen Seite des Weges war ein kleines Mäuerchen, auf dem ich gerne balancierte, auch wenn Mama das nicht mochte. Heute fehlte mir der Sinn dafür. Ich fühlte mich allein und traurig, und ja, ich hatte Angst. Ich fürchtete, dass ich etwas falsch gemacht hatte, dass Mama mit mir schimpfen würde. Ich hatte Angst, dass sie es dir erzählt und du mich mit dem Blick anschauen würdest, der sagte: «Wieso kannst du nicht mal normal sein, wieso musst du dich immer danebenbenehmen?»

Als nächstes musste ich wieder eine grosse Strasse überqueren. Zum Glück kamen nicht viele Autos, aber so allein wirkte sie doch bedrohlicher, als wenn ich mit Mama unterwegs war. Zum Glück wurde es nun einfacher. Ich musste nur noch einer Strasse folgen, die zwar ein paar Kurven machte, dann aber zu unserem Haus führte. Wenn ich mich richtig erinnere, traf ich auf dem ganzen Weg keinen einzigen Menschen. Nicht nur ich war allein, die ganze Welt schien verlassen zu sein. Wenn mir jemand begegnet wäre, hätte er sich gewundert, dass ein so kleines Mädchen allein unterwegs war? Hätte er mir meine Angst angesehen? Habe ich geweint? Ich erinnere mich nicht. Ich glaube, ich weinte nicht. Während ich das schreibe, merke ich, dass ich auch schon kleine Kinder allein auf dem Trottoir sah und mich fragte, ob ich etwas tun müsste. Ich habe nie etwas gemacht. Ich hatte immer Angst, mich irgendwo einzumischen und dann Ärger zu kriegen. Eigentlich feige. Ich will das ändern.  

Endlich kam ich bei unserem Haus an. Ich wollte klingeln. Ich konnte zwar nicht lesen, aber ich wusste genau, welches unser Schild war. Ich frage mich, wieso ich es wusste. Habt ihr es mir gezeigt? Wieso hättet ihr das tun sollen? Zu dem Zeitpunkt war ich noch nie allein draussen gewesen. Auch war ich nie mit anderen unterwegs, die hätten klingeln müssen. Ich weiss es nicht, aber es ist unwichtig. Das Schild hing zu hoch. Ich kam nicht ran. Da stand ich nun und wusste nicht, was tun. Meine Angst wurde grösser. Ich war hier allein und ihr schient unerreichbar.

In dem Moment kam unsere Nachbarin, Frau Vogelmeier, aus dem Haus. Sie bückte sich zu mir runter. «Was machst du hier? Wo ist deine Mama?» Ich glaube, da begann ich zu weinen. Ich erzählte ihr von Schneewittchen und von Mama, die mich vergessen hatte. Ich erzählte ihr von meiner Suche und dem Heimweg, erzählte von der Klingel, die zu hoch hing. Frau Vogelmeier tröstete mich: «Deine Mama hat dich bestimmt nicht vergessen, sie sucht dich bestimmt schon.» Sie nahm mich an der Hand und gemeinsam liefen wir zum Einkaufszentrum zurück. Ich weiss nicht mehr genau, was dann passiert ist. Alles, was ich noch weiss, habt ihr mir später erzählt. Oder weiss ich auch das bis hierhin nur aus euren Erzählungen und erzähle es mir nun selbst als meine Erinnerung? Ich bin mir nicht sicher.

Mama erzählte, dass sie aus dem Laden kam und ich verschwunden war. Du erzähltest, dass Mama dich angerufen habe. Du hättest alles stehen und liegen lassen, ein Taxi gerufen und seist zum Einkaufszentrum gefahren. Bis du kamst, lief Mama immer wieder durch das Einkaufszentrum, fragte überall nach mir. Keiner hatte mich gesehen. Nirgends war eine Spur von mir. Das alles passierte in einer Zeit, in welcher mehrere Kinder in meinem Alter verschwunden sind. Entsprechend gross war eure Sorge.

Endlich kamen Frau Vogelmeier und ich beim Einkaufszentrum an. Ich glaube, du bist zu mir runtergekniet und hast mich in den Arm genommen. War das so? Sicher bin ich nicht. Ich stelle es mir so vor. Und Mama? Was machte sie? Was fühlte ich? Das ist alles ausgelöscht.

Ich weiss nicht, wieso ich bei meinem Traum an diese Geschichte denke. Haben sie etwas miteinander zu tun? Gemeinsam ist ihnen sicher die tiefe Verlorenheit, das Gefühl, kein Zuhause zu haben, nirgends hinzugehören. Noch heute frage ich mich manchmal, was das ist: Zuhause. Oder Heimat. Ich habe nur leise Ahnungen, ich kann beides nicht ganz fassen.

(«Alles aus Liebe», VII)

Eine Geschichte: Zeichnen (VI)

Lieber Papa

Als ich vor einigen Jahren wieder begann zu zeichnen, hast du dich gefreut. Ich zeigte dir ein paar Skizzen aus meinem Skizzenbuch und du hast gelächelt und gemeint, ich hätte schon immer gut zeichnen können. Das Zeichnen half mir in dieser Zeit, als mir so vieles im Leben weggebrochen war. Damit kriegte ich meinen Kopf frei. Ich konnte mich in etwas hineingeben, das mich vom Nachdenken wegbrachte.

Erinnerst du dich, Papa, wie das war, als ich ein Kind war? Du musstest mir nur Papier und Stifte geben, dann war ich glücklich. Dann sass ich da und zeichnete. Ich liebte es und für euch war das ein sicherer Wert in Restaurants oder anderen Situationen, in denen ich mich gelangweilt hätte. So fiel ich wenigstens nicht auf.

Ich war etwa drei Jahre alt, als ich ein Bild mit einer Sonne über einer Blumenwiese gezeichnet habe. Du warst begeistert. Manchmal glaube ich mich daran zu erinnern, wie ich das Bild gemalt habe. Vermutlich ist das eine Illusion. Ich erinnere mich wohl nur an mich, wie ich an einem Tisch sass und zeichnete, weil ich das oft tat, damals. Das Bild kenne ich nur vom Sehen und von deinen Erzählungen. Ich erinnere mich auch nicht daran, wie ich es dir gezeigt habe oder wie du darauf reagiert hast. Auch das weiss ich alles nur aus deinen Erzählungen. All diese Erzählungen wurden zu etwas, das sich anfühlt wie eine eigene Erinnerung. Interessant, wie man Menschen Erinnerungen einpflanzen kann, indem man ihnen etwas oft genug erzählt. Irgendwie auch gruselig.

Das Bild hing all die Jahre in unserem Wohnzimmer. Du hast allen, die kamen, sichtlich stolz erzählt, dass ich das mit drei gezeichnet habe. Das sei grossartig für eine Dreijährige, hast du hinzugefügt. Darum hättest du es aufgehängt. Daraufhin sei ich schludrig geworden, hätte immer mehr und schneller Bilder gezeichnet, nicht mehr so gut. Das hättest du natürlich nicht mehr belohnt. Ich müsse merken, dass ich mir Mühe geben muss. Das alles hast du erzählt, wenn Leute das Bild ansahen.

Es war mir damals nicht bewusst gewesen, dass ich pfuschte. Ich dachte, ich hätte gezeichnet, was ich konnte, und es mit Freude schenken wollen. „Das ist nicht gut genug, um es aufzuhängen“, sagtest du oft. Das hat das Lob über die gute Zeichnung aufgehoben. Ich konnte mich nicht mehr freuen. Der Rest wog ungleich schwerer. Zu deinen Worten kamen die Blicke der anderen. Sie richteten sich weg vom Bild und hin zu mir. Ich kam mir klein vor. Ich war die, die pfuschte und sie wüssten es nun alle. War es mir am Anfang nur um die Freude am Zeichnen, um das Ausprobieren und Spielen mit Farben gegangen, merkte ich nun, dass meine Bilder Kriterien erfüllen mussten, was sie mehrheitlich nicht taten. Sie waren nicht gut genug. So wollte ich nicht weitermachen. Ich hörte auf zu zeichnen. Bei den wenigen Versuchen, die ich später unternahm, sagte gleich eine innere Stimme: „Das taugt nicht. Das ist Pfusch. Das hängt keiner auf.“

Und doch: Irgendwann, nach vielen Jahren, Jahrzehnten gar, probierte ich es wieder aus. Du freutest dich. „Du hattest immer Talent“, sagtest du. Doch meine innere Stimme war noch da. Und sie befand, mein Talent reiche nicht. Ich habe wieder aufgehört.

An all das musste ich kürzlich denken, als ich in meinen alten Skizzenbüchern blätterte. Im Nachhinein fand ich vieles gar nicht so schlecht. Aber vielleicht hat auch alles seine Zeit und jeder seine Stimme. Meine zeigt sich in Worten, weswegen ich dir nun diesen Brief schreibe und kein Bild male.

(„Alles aus Liebe“, VI)

Eine Geschichte: Salzstangen (V)

Lieber Papa

Wenn ich ein Glas Wein trinke, esse ich gerne Salzbrezeln dazu. Andere bevorzugen Chips oder Nüsse, bei mir sind es die Salzbrezen. Nicht alle, nur die, welche knacken und wirklich salzig sind. Wenn ich sie esse, denke ich oft an früher. Damals gab es in Restaurants diese Körbe mit Chips, Nüssen, Salzstangen und abgepacktem Süssgebäck. Ich durfte mir was aussuchen und wählte sie Salzstangen.

Am liebsten ass ich sie wie ein Kaninchen, mümmelte mich von einem Ende zum anderen. Das gefiel dir gar nicht. „Iss anständig!“, sagtest du. „Kannst du nicht einmal etwas normal machen?“, sagtest du – es war keine Frage, eher ein entnervtes Aufstöhnen mit einem Fragezeichen zur Tarnung. Natürlich konnte ich und tat es sogleich. Die Salzstangen schmeckten dann nur noch halb so gut. Das sagte ich natürlich nicht, denn du hättest es nicht verstanden. Du hättest es für eine weitere meiner Absonderlichkeiten gehalten.

Der positive Nebeneffekt dieser Salzstangen war, dass ich dadurch ruhig war. Oft waren wir nicht allein, sondern es sassen noch andere Leute am Tisch. Ihr habt euch mit ihnen unterhalten. Über Erwachsenenthemen, Dinge, von denen ich nichts verstand, die mich nicht betrafen. Kein Problem, ich war ja beschäftigt. Mit Salzstangen, die ich nun normal ass.

Ich war ein braves Kind. Manchmal frage ich mich, wieso ich nicht aufbegehrte. Aber es war nicht möglich. Wenn ich das schreibe, klingt es merkwürdig. Wenn ich es nochmals lese, klingt es immer noch so. Ich möchte mir zurufen: „Wehr dich, es ist möglich!“ Aber nein. Das war keine Option. Merkwürdig.

Wenn wir unter Leuten waren, bist du immer aufgeblüht. Du warst witzig, redetest mit allen und über alles, amüsiertest dich und die anderen. Du hattest ein gewinnendes Wesen und hast auch mich immer wieder gewonnen damit. Mama sass eher schweigsam daneben. Ich blickte zu dir auf für deine Art, schätzte Mama wohl geringer wegen ihrer. Nahm ich sie überhaupt wahr? Wenn ich heute zurückdenke, kommt es mir manchmal so vor, als wären wir nur dein Publikum gewesen. Wir waren die Zuhörer, die du auf sicher hattest, die anderen gewannst du hinzu.

Ich erinnere mich, wie du gelacht hast in solchen Runden. Manchmal lachtest du so sehr, dass dein Mund weitaufging und du den Kopf in den Nacken warfst. Heraus kam ein gepresstes und doch laut schallendes Lachen. War das echt, frage ich mich heute. Damals stellte ich mir diese Frage nicht. Ich hinterfragte generell wenig, da ich sowieso keine Antworten fand. Ich kannte sie nicht, du gabst sie mir nicht. Zudem wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass man ein Lachen erzwingen kann. Wozu auch? Gut, manchmal dachte ich, es wäre schön, auch so zu lachen wie du. Aber ich war nicht wie du. Manchmal hast du mir gesagt, ich solle mehr lachen. Man möge nur fröhliche Menschen und ich sei zu ernst. Ich konnte nicht ohne Grund lachen.

Ich mag heute lieber Salzbrezeln als Salzstangen. Am liebsten nage ich sie Rundung für Rundung ab. So schmecken sie am besten. Manchmal denke ich, dass es ein Glück sei, dass du das nicht siehst. Was du sagen würdest, habe ich tief in mir und höre es immer, wenn ich meine Brezeln so esse.

(„Alles aus Liebe“, V)