Eine Geschichte: Tiefpunkt (XXXIV)

Lieber Papa

Irgendwann hatte ich es geschafft. Ich hatte das Gewicht erreicht, das ich erreichen wollte. War ich zufrieden? Ich weiss es nicht mehr. An einem Abend ging ich zu einer Klassenfete. Ich tanzte den ganzen Abend. Als ich am nächsten Morgen auf die Waage stieg, hatte ich ein Kilo weniger. Das war zwar keine Absicht gewesen, doch es fühlte sich gut an. Ich wollte das Gewicht so halten. Die Angst, wieder zuzunehmen, war gross. Deshalb ass ich noch weniger. Und nahm noch mehr ab. Und wieder fühlte es sich gut an. Ein neues Gewicht, das ich halten wollte und deswegen noch weniger ass. Die Komplimente, die ich für meine schlanke Figur bekam, stachelten mich an. Das Gefühl, etwas geschafft zu haben, war grossartig. Ich fühlte mich so gut. Endlich war ich einmal gut genug. Die Spirale begann, zu drehen. Die Angst vor dem Zunehmen liess mich immer dünner werden. Zu den Komplimenten gesellten sich besorgte Stimmen. Ich brachte sie zum Schweigen.

Tief drin wusste ich, dass ich auf keinem guten Weg war. Nur: Ich konnte ihn nicht verlassen. Ein Teil von mir steuerte ins Unglück, der andere schaute hilflos zu. Da war etwas in mir, das sich wie ein Geschwür ausbreitete. Es nahm alles in Beschlag: Gefühle, Gedanken, Handlungen. Ich sass in einem Gefängnis. Niemand hatte einen Schlüssel. Keiner bewachte die Tür. Und doch gab es kein Entkommen.

Am Schluss bestand mein Ernährungsplan aus Gurke und Hagebuttentee. Dann strich ich die Gurke. Schliesslich reduzierte ich den Tee, weil sich der Bauch danach wölbte. Erinnerst du dich noch an den Sommer, als wir zu einem Alpfest gingen? Es waren 28 Grad und ich fror. Und ich war müde. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Mehr war da wohl auch nicht mehr.

Kurz darauf ging ich zu unserem Hausarzt und sagte zu ihm:

„Ich kann nicht mehr. Ich komm da nicht mehr raus. Helfen Sie mir. Ich will ins Krankenhaus.“

Er hat mich eingewiesen. Du hast mich hingefahren. Bliebst bei mir, bis sie dich wegschickten. Der Abschied hat uns beiden wehgetan. Weisst du noch? Ich sah es in deinem Blick. Und doch: Wir waren voller Hoffnung. Jetzt würde alles gut.

(„Alles aus Liebe“, XXXIV)

Eine Geschichte: Zerstörung (XXXIV)

Lieber Papa

Erinnerst du dich an Käsli? So nanntest du ihn immer. Das war leider das einzige, was mich im Zusammenhang mit ihm zum Lachen brachte. Er war ein Sadist. Und mein Lehrer. Er schikanierte mich, wo er nur konnte. Er demütigte mich. Im Sport kam er auf seine Kosten, denn da bot ich eine perfekte Zielscheibe. Aber er fand auch andere Wege.

Wie oft kam ich weinend nach Hause. Verzweifelt. Wollte nicht mehr in die Schule. Wie oft bist du in die Schule, hast mit ihm gesprochen, weil du mir helfen wolltest. Es half nichts. Im Gegenteil. Es wurde immer schlimmer. Das Schlimmste war, dass er mich vor der Klasse blossstellte. Und alle lachten. Vor allem im Turnunterricht. Er stachelte sie an und sie machten in der Umkleide weiter. Hänselten mich. Ich sei ein Mehlsack.

„“Kein Wunder ist dein Bauch so dick, du bist ja auch ständig am Essen.“

Das sagte das dünnste Mädchen der Klasse. Sie war auch die sportlichste von allen. Wenn ich heue Fotos von damals anschaue, war ich alles andere als dick. Ich war nicht knochig, aber normal. Gross halt. Und mit den ersten Kurven. Gefühlt habe ich mich wie ein Schwabbelkloss nach solchen Aussagen. Und dieses Gefühl breitete sich in mir aus. Ich wollte dünn sein. Die Rundungen mussten weg. Ich schämte mich. Für meinen Körper. Für meine Unsportlichkeit. Für mich. Ich wollte das ändern. Leider wusste ich damals nicht, was ich heute weiss.

Ich fand eine Verbündete und gemeinsam begannen wir, Diäten auszuprobieren. Die erste war, dass man ab 16 Uhr nichts mehr essen darf. Bis dahin kauten wir uns durch alles, was uns schmeckte: Salzstangen, Chips, Brot, Nüsse, Käse, Kekse und wohl so einiges mehr. Punkt 16 Uhr räumten wir zusammen. Euch erzählte ich wohl, ich hätte schon bei Celine gegessen. Ich weiss nicht mehr, wie ihr darauf reagiert habt. So oder so: Der Erfolg dieser Diät blieb aus. Es kamen weitere mit demselben Erfolg.

Blieb nur eines: Ich musste mein Essen reduzieren. Auswärts ass ich nichts mehr, euch erzählte ich, ich hätte schon gegessen. Hatten wir Auseinandersetzungen deswegen? Wie kam ich damit durch? Ich habe es vergessen. Dann wurde ich Vegetarierin. Ausgerechnet ich, die Fleisch immer so geliebt hat. Dadurch konnte ich einen grossen Teil des Essens weglassen. Ein geschickter Kniff, wie ich fand. Was habt ihr gedacht? Ich weiss, dass du es nicht verstanden hast. Du machtest immer wieder entsprechende Bemerkungen. In Humor verpackt. Der Kern war wohl ernst. Dachtet ihr, es sei eine frühpubertäre Flause, die sich wieder gibt?

Erste Erfolge stellten sich ein. Ich kam meinem kurvenlosen Ideal näher, erreichte es aber nicht. Der Blick in den Spiegel zeigte deutlich: Ich musste mehr tun. Fast schien mir, ich sei dicker geworden, obwohl die Waage weniger anzeigte. Merkwürdig, aber: Spiegel lügen nicht.

Ich ass noch weniger. Ich machte Listen mit verbotenem (sehr lange Listen) und erlaubtem (immer kürzer werdende Listen) Essen. Ich war gut. Ich war diszipliniert. Nur manchmal schielte ich sehnsüchtig auf all die verschmähten Dinge. Dann sah ich die Lösung: Im Fernsehen kam ein Film über ein Mädchen, das ass, was es wollte, ohne zuzunehmen. Was für ein Wunder. Immer nach dem Essen kotzte sie sich die Seele aus dem Leib und joggte dann fast bis zum Umfallen. Rennen war Sport, also nicht meins. Ich versuchte es mit dem Kotzen. Bis dahin war Erbrechen mein grösster Horror gewesen, da ich es aus der Kindheit kannte von all den Magen-Darm-Geschichten, für die ich anfällig gewesen war. Das nun freiwillig auszulösen? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Aber: Was tut man nicht alles. Ich gab mir Mühe. Und kriegte es nicht hin.

Das viele Essen war logischerweise kein Problem, die Probleme fingen danach an: Nun müsste ich den Finger in den Hals stecken. Ich stellte mir vor, wie dann diese saure Sauce über meine Hände plätscherte. Das war zu eklig. Das war unmöglich. Aber dieses ganze Essen musste raus. Was machte ich denn nun? Ich fühlte mich wie ein Klumpen. Fett. Ich war wütend. Ich hätte alles um mich kurz und klein schlagen, alles kaputt machen können. Mich am liebsten mit. In mir wurde eine Stimme immer lauter:

„Nicht mal das kriegst du hin. Nicht mal zu den einfachsten Dingen bist du fähig.“

Diese innere Vernichtung dauerte lange an. Irgendwann hast du mich weinend gefunden. Du hast mich getröstet, auch wenn du nicht verstanden hast, worum es geht. Wie hättest du das auch können? Ich verstand es doch selbst nicht. Ich hatte den Zugang zu mir verloren. Da war nur Leere. Und Trauer. Und Wut. Ich habe dir in dieser Zeit wohl oft weh getan. Das tut mir heute leid. Du hast dir Sorgen gemacht. Das weiss ich. Du fühltest dich hilflos. Auch das weiss ich. Wusste es schon damals. Und kam doch nicht aus meiner Haut. Ich war in etwas geraten, das grösser war als ich.

(„Alles aus Liebe“, XXXIV)

Eine Geschichte: Es recht machen (XXXII)

Lieber Papa

Ich liebte Bücher. Erinnerst du dich? Ganze Nachmittage konnte ich auf dem Bett liegend mit einem Buch in der Hand verbringen. Ich liebte es, einzutauchen. In Geschichten. In andere Welten. Und vermutlich liebte ich auch, aus meiner flüchten zu können. Du fandest, ich müsse mehr raus. Ich könne mich nicht nur zu Hause einschliessen und lesen. Das sei nicht gut für mich. Also ging ich raus.

Ich fand etwas, das mir Spass machte: Das Eisfeld. Anfangs noch sehr zögerlich auf den Kufen, lernte ich sehr schnell immer schnellere Kurven zu drehen. Die Mädchenschlittschuhe mussten bald Hockeystiefeln weichen. Wir spielten fangen. Ich war schnell. Und gut. Eigentlich merkwürdig. Ich die Sportspfeife.

Aus den Boxen dröhnte Musik. Immer die gleichen Lieder. Ich liebe sie noch heute. Sie bringen mir ein Stück Glück zurück. Ich schwebte übers Eis, fühlte mich frei. Unbeschwert. In meinem Element. Alles andere war weit weg. Ich fand schnell Anschluss. So ungewohnt. So schön. Da war dieser eine Junge. Er war schon älter. Er war der Schnellste und Beste auf dem Eisfeld. Und: Er mochte mich. Mich…

Tagsüber fuhr ich mit dem Rad zum Eisfeld. Ich sehe den Weg noch vor mir. Nach einer kurzen Strecke auf der Strasse führte er über Felder, an Schreibergärten vorbei, durch kleine Quartiersträsschen. Ich bin ihn so oft gefahren. Immer voller Vorfreude. Ich fühlte mich lebendig. Ich gehörte dazu. Das war so neu. Angekommen sprang ich vom Rad, packte meine Sachen, rannte hinein. Ich konnte es kaum erwarten.

Ab und zu durfte ich auch abends aufs Feld, allerdings nicht mehr mit dem Rad. Du fandst das zu gefährlich. Du hast mich mit dem Auto gebracht und später wieder geholt. Ich erinnere mich nicht mehr an diese Fahrten. Nur daran, dass es manchmal eine Predigt gab. Darüber, dass ich zu viel rausgehe. Zu wenig an die Zukunft denke. Zu wenig für die Schule täte. Vielleicht mehr lesen sollte.

Erinnerst du dich an den einen Abend? Ich fragte dich, ob du mich fährst. Du sagtest ja. Doch dann fingst du an. Fandst, ich verschwende mein Leben. An die falschen Leute. Dieser Junge zum Beispiel. Der tauge nichts. Er erinnere dich an die besten Tänzer früher. Mehr Schein als Sein. Die hätten später im Leben nichts erreicht. Du sprachst von falschen Vorbildern und unnützen Freunden, davon, wie man sein Leben vergibt, wenn man die falschen Prioritäten setzt. Und noch viel mehr. Während du so sprachst, zogen wir uns an. Und dann war mir die Lust vergangen

„Du kannst die Jacke wieder ausziehen. Ich möchte nicht mehr gehen.“

Sagte ich.

„Wir haben gesagt, wir gehen, nun gehen wir.“

Sagtest du.

„Aber ich habe keine Lust mehr nach all dem.“

Wir sind gefahren. Und schwiegen. Als wäre alles gesagt.

Während ich das schreibe, kommt mir das Abba-Lied „When all is said and done“ in den Sinn.

(„Alles aus Liebe“, XXXII)

Eine Geschichte: Geheimnisse (XXXI)

Lieber Papa

Ach Papa, wer warst du wirklich? Manchmal denke ich, ich habe dich gar nicht richtig gekannt. Habe ich nicht gut genug hingeschaut? Oder wolltest du dich nicht zeigen? Wieso? Was hast du versteckt? Was war nur Schauspiel? Was echt?

Ich wusste als Kind nichts von deiner Vergangenheit. In späteren Jahren hast du ab und zu etwas erzählt, meist Oberflächliches. Lustiges. Nie Tiefes. Oder Persönliches.

Gotti hat mir ein paar Bruchstücke erzählt. Als deine ältere Schwester kannte sie dich länger. Aber auch sie wusste nur, was man von aussen sah. Ich weiss nicht mehr, wie wir dazukamen. So erfuhr ich von einem düsteren Kapitel aus deinem Leben. Dinge, die du nicht lachend weggesteckt hast. Du hast nie davon gesprochen. Wieso? Hast du dich geschämt? Ging es mich in deinen Augen nichts an? Hast du es verdrängt?

Was sie erzählte und was ich erlebte, passte nicht zusammen. Es liess sich nicht in Einklang bringen. Als ob hinter deiner heutigen Maske ein vergangenes (echtes?) Gesicht verborgen wäre. Verbogen für alle anderen. Auch für mich. So hast du alle auf Distanz gehalten. Auch mich. Das fühlt sich nicht schön an. Ein Teil deiner Maske war das Schweigen. Etwas, das du in deiner Familie gelernt hast.

„Darüber spricht man nicht.“

Was nicht gesagt wurde, existierte nicht. Präsentiert wurde nur die glatte Oberfläche. Die, welche man auf Hochglanz poliert hatte. Was störte, wurde unter den Teppich gekehrt. Stillschweigend. Einvernehmlich. So sollte es sein. Die Teppiche waren geräumig. Ganze Menschen hatten unter ihnen Platz. Zum Beispiel Grossvati. Vom verehrten Familienoberhaupt zur Persona non grata. Von heute auf morgen.

„Wir sprechen nicht mehr über Grossvati.“

Hiess es.

„Was ist passiert?“

„Das tut nichts zur Sache.“

Die Botschaft war klar. Das Thema war durch. Was folgte, war Schweigen. Zu dem Zeitpunkt war er schon viele Jahre tot. Es war ein Sockelsturz post mortem. Er starb quasi zum zweiten Mal. Ich verstand nicht, wie man einen Menschen erst lieben und loben und dann fallen lassen konnte. Ich habe auf all meine Fragen nie eine Antwort bekommen. Es gab ein paar Andeutungen. Ich weiss nicht mehr von wem. Frauengeschichten, Schulden. Alles unzusammenhängend und vage. Ich hatte ihn gerngehabt. Es war, als ob ich das nicht mehr dürfte. Was mir bleibt, ist die Erinnerung. Ich erinnere mich an die Besuche bei ihm. Er sass in seinem Sessel. Schon schlecht auf den Füssen. Ich war noch klein. Ich krabbelte vor ihn, zog ihm seine Finken aus. Ganz schnell. Er schaute runter, als ob er mich vorher nicht gesehen hätte. Und dann lachte er. Er lachte so sehr, dass sein ganzer Körper wackelte. Und da war viel, das wackeln konnte. Ich habe es geliebt. Mehr Erinnerungen an ihn habe ich nicht.

Wer war Grossvati, bevor er Grossvati wurde? Ich weiss es nicht. Es hiess mal, er hätte gerne Geschichte studiert. Das Geld fehlte, also machte er eine Lehre. Als Metzger. Weil man da immer zu essen hätte. Das glaubte er. Der Beruf machte ihm keine Freude. Später wurde er Schlachtermeister am Schlachthof Zürich. Und er litt mit den Tieren mit. Ging jedes Wochenende hin und fütterte und tränkte sie, war bei ihnen. Dann war er Wirt. Hätte die Braunen aus dem Lokal geworfen. Trotz Drohungen. Das habt ihr stolz erzählt, als er noch ein Held für euch war. Auch das zählte nicht mehr.

Wie war er für dich als Vater? Wie war deine Beziehung zu ihm? Ich weiss nur, dass er dich mal mit dem Gürtel verprügelte und du dir dann geschworen hast, dein Kind nie zu schlagen. Das hast du gehalten. Und noch eine Geschichte hast du lachend erzählt. Vom Krieg. Als das Essen knapp war. Eines Tages hättet ihr Kaninchenbraten auf dem Tisch gehabt. Euch gefreut. Bis deine Schwester nach der Katze fragte. Und Schweigen zurückkam. Grossvati hatte die Katze geschlachtet, um euch etwas auf den Tisch zu bringen. Keiner hätte einen Bissen gegessen. Er sei wütend geworden. Ich vermute, auch traurig. War es nicht gut gemeint gewesen? Während ich das schreibe, frage ich mich, wann die Geschichte für dich lustig wurde. Das waren die Geschichten, die du erzählt hast. Es waren wenige. Wie ging es dir mit all dem? Das hast du nie erzählt. Auch später nicht. Wenn ich dich fragte, wie es dir geht, kam zurück:

„Es geht mir gut.“

Du zogst diese Worte morgens an wie eine Uniform und trugst sie durch den Tag. Du warst ein Meister der Tarnung. Du lehrtest auch mich, nie zu zeigen, dass es mir schlecht geht. „Von Menschen, denen es nicht gut geht, wendet man sich ab“, sagtest du. Ich war leider nie so gut in meiner Tarnung wie du. Gute Miene zum bösen Spiel? Lag mir nie. Selbst wenn ich mich bemühte und versuchte, so zu tun, als sei alles gut: Man sah mir das Gegenteil an. Wie oft hast du mich dafür gerügt.

„Trag dein Herz nicht immer auf der Zunge!“

Hast du gesagt.

„So will niemand mit dir zusammen sein!“

Hast du gesagt. Ich habe es geglaubt. Ich glaube dir bis heute. Will es einer doch, hat er nur noch nicht gemerkt, wie ich bin. Spätestens dann ist er weg. Deine Sätze, deine Überzeugungen, deine Lehren, sie begleiten mich durchs Leben.

Wie bist du eigentlich zu dem Schluss gekommen? Dass man Menschen nicht mag, die nicht immer fröhlich sind? Mochtest du sie nicht? Weil sie dich an deine düsteren Stunden erinnerten? Oder interessierte dich schlicht nicht, wie es anderen ging? Weil du an der Oberfläche bleiben wolltest? Fürchtetest du das Aufdecken deiner eigenen Tiefen? Was hat dich in deinem Leben so sehr verletzt, dass du die Entdeckung befürchtetest?

Und so trugst du eine Maske. Schafftest Distanz. Ich hatte Ahnungen, was dahinter versteckt sein könnte. Sicher war ich nie. Ich kam sprichwörtlich nicht an dich heran. So hieltst du alle auf Abstand. Wovor hattest du Angst? Dass Nähe dich verletzbar gemacht hätte? Vor neuen Wunden? Sogar bei mir? Ich habe dich geliebt. Und wäre dir gerne nah gewesen. Ich hätte deine Nähe gebraucht. Und kam nicht zu dir durch. Auch jetzt hast du dich mir wieder entzogen. Darum bleiben mir nur diese Briefe.

(„Alles aus Liebe“, XXXI)

Eine Geschichte: Gemeinsame Momente (XXX)

Lieber Papa

Als ich dir vom Sporttag erzählte, bei dem all das, was ich nicht kann, so zentral war, kam mir auch das Singen wieder in den Sinn. Der Vorfall mit der Mitschülerin, die meinte, mit meiner Stimme könne man nicht singen. Und wie mir das das Singen nachher verleidet hat.

Da dachte ich an dich. Als ich noch kleiner war, hast du manchmal für mich gesungen. Nicht ernst. Es war ein kleiner Spass zwischen uns. Kein In-den-Schlaf-Singen, eher eine Parodie. Wie habe ich es geliebt. Oft war es „Uncle Satchmo’s Lullaby“ von Louis Armstrong. Du hast beide Stimmen gesungen. Zuerst hoch und piepsig:

«Ich sag gute Nacht…»

und dann tief und brummig:

«And I say good night…»

“Die Sonne geht schlafen, der Tag ist vorbei…”

«When Uncle Satchmo sings his lullaby…”

Danach konnte ich mich vor Lachen kaum mehr halten. Du hast nämlich auch den Part der Trompete gesungen. Es war wunderbar. Und ich merke, wie sich ein breites Grinsen auf meinem Gesicht eingenistet hat, während ich das schreibe. Ich würde es gerne nochmals erleben.

Wenn ich Louis Armstrong höre oder ein Bild von ihm sehe, denke ich an dich. Und an Uncle Satchmo. Und an diese wunderben Momente, die nur uns beiden gehörten. Es ist schön, diese Erinnerung zu haben.

Ich möchte hier nicht mehr weiterschreiben. Das soll so stehen bleiben. Weil es so schön ist. Für mich. Erinnerst du dich auch?

(«Alles aus Liebe», XXX)

Eine Geschichte: Danke sagen (XXIX)

Lieber Papa

Sport war generell ein Horror für mich, ich mochte nichts daran. Am schlimmsten waren aber die Sporttage. Vor so vielen Leuten musste ich zeigen, was ich alles nicht kann. Du bist immer gekommen, wenn du es einrichten konntest.

„Dein Vater ist ja alt.“

Und

„Mir wäre es peinlich, wenn mein Vater an den Sporttag käme. Vor allem, wenn er sich so aufführte wie deiner.“

Als ich das von einer Klassenkameradin hörte, war es mir auch plötzlich peinlich.  Es stimmte schon, die anderen Väter waren viel jünger als du. Zudem: Was sollte man bei mir anfeuern? Von Bejubeln wollen wir gar nicht reden. Es war bekannt, dass ich eine Sportniete war. Der Lehrer wurde nicht müde, mir das immer wieder zu sagen. Am liebsten für einen Lacher bei meinen Mitschülern. Die Disziplin war dabei egal. Ich konnte nichts. Es fehlte mir an allem: Kraft, Schnelligkeit und Motivation. Ich hing wie ein Mehlsack an der Kletterstange, machte an Reck und Barren in etwa dieselbe Figur. Der geworfene Speer kam unweit meiner Füsse wieder runter und ich, wenn ich hochsprang, kriegte dieselben kaum vom Boden. Ein gefundenes Fressen für Herrn Käser, meinen Mittelstufenlehrer.

„Ach schaut, das Lama kommt auch noch ans Ziel.“

Das waren seine Worte am Ziel des 100-Meter-Laufs. Er mochte mich nicht. Ich hatte ihn mal im Deutsch korrigiert. Das zahlte er mir nun doppelt und dreifach heim.

Du wusstest, wie schlimm die Sporttage für mich waren. Du wusstest, dass ich mich schämte. Dass ich litt, weil ich all das, was ich nicht konnte, präsentieren musste und gemessen wurde – an anderen und mit Noten. Du wolltest mir beistehen. Nach der Aussage meiner Mitschülerin bat ich dich immer, nicht mehr zu kommen. Den Spott darüber noch obendrauf, das war zu viel.

„Die anderen sind nur neidisch, weil ihre Eltern nicht kommen.“

Das sagtest du und ich konnte es nicht glauben.

Und dann standest du da. Und feuertest mich beim Schnelllauf an, machtest mir Mut beim Hochsprung, jubeltest, wenn ich den Ball weiter warf als letztes Mal. Es war mir so peinlich. Das zog noch mehr Aufmerksamkeit auf mich, wo ich doch am liebsten im Boden versunken wäre. Und doch war da auch noch etwas anderes. Ich fühlte mich nicht ganz allein. Du warst da. Für mich.

Wenn ich nun zurückdenke, denke ich: Ich habe mich viel zu wichtig genommen. Als ob sich die ganze Welt für meine fehlenden Sportfähigkeiten interessieren würde. Die anderen waren sicher mehr mit sich als mit mir beschäftigt gewesen. Ein paar kritische Aussagen konnten mich verunsichern und alles drum herum negativ erscheinen lassen. Ich entdecke den Zug noch heute manchmal an mir.

Habe ich dir damals je gesagt, dass ich insgeheim froh war, dass du bei mir warst? Dass du sogar die kleinsten Erfolge als solche sahst und feiertest? Interessant. Da, wo ich nichts konnte, hattest du auch keine Erwartung. Da war kein Druck, ich habe dich nie enttäuscht. Im Gegenteil: Du hast mich getröstet, wenn es nicht gut gelaufen war. Hast mich aufgebaut, wenn ich niedergeschlagen nach Hause trottete. Nahmst mich bei der Hand und versuchtest, meine Welt wieder in Ordnung zu bringen.

Wenn ich das so schreibe, kommen mir die Tränen. Ich schäme mich für die späte Einsicht. Ich würde dir gerne sagen, dass ich es heute besser weiss. Dass ich dankbar bin für dein Dasein damals. Ich möchte dir sagen, dass es mir tief drin etwas bedeutet hat, ich es nur nicht zeigen konnte. Vielleicht habe ich es damals selbst nicht gespürt, weil alles andere so laut war und die leise Dankbarkeit zudeckte. Ich hoffe, du wusstest es trotzdem. Irgendwie.

(„Alles aus Liebe“, XXIX)

Eine Geschichte: Vom Erinnern (XXVIII)

Lieber Papa

Ich bin müde vom Schreiben, vom Erinnern. Vom Schreiben über das, was war. Ich frage mich, wieso ich es tue. Und dann erinnere ich mich an die Energie, die dieses Erinnern und das darüber Schreiben ausgelöst hat. Immer wieder. Als ich damit anfing, war es, als wäre ein Ventil aufgegangen und alles sprudelte aus mir heraus. Und nun steht da dieses grosse «Wozu»? Die Frage nach dem Sinn und dem Zweck eines solchen Unterfangens breitet sich in meinem Kopf aus und nimmt mir die Energie, lässt das Sprudeln versiegen.

Angefangen hat alles damit, dass ich verstehen wollte. Ich wollte verstehen, wer ich bin, wer ich geworden bin und wieso. Woher kommen all die Stimmen und Gefühle in mir? Worauf gründen all die Abwertungen und Selbstbezichtigungen, die ich mir immer wieder an den Kopf werfe?

Anfangs fühlte es sich wie eine Befreiung an, alles aufzuschreiben. Doch dann kam eine Schwere, eine Trauer. Wo habe ich hineingestochen? Welches Wespennest habe getroffen? Zerstöre ich gerade etwas, weil ich durch die Sprache zu viel ans Licht hole? Wäre es ungesagt nicht an einem sicheren Ort verstaut, unsichtbar, quasi ungeschehen und nicht vorhanden? Nur: Das stimmte offensichtlich nicht. Es war ja da. Und trieb mich um. Da war etwas in mir, das mein Tun, mein Sein prägte. Es tat dies teilweise auf eine Weise, die mir immer wieder selbst das Leben schwer machte. Und ich konnte es nicht benennen. Es wütete aus dem Verborgenen heraus und hatte eine Kraft, der ich mich oft nicht widersetzen konnte. Ohne zu wissen, woher diese kam.

Unsere vermeintlich heile Familie hatte ihre Schattenseiten. In unserem Haus gab es einen dunkeln Keller und viele Teppiche, unter die zu viel geschoben worden war. Dinge, über die man nicht sprach. Alles, was nicht genehm war, kam dahin. Ganze Familienmitglieder fanden ihren Platz dort. Das war nicht nur bei uns dreien so. Das war in der ganzen erweiterten Familie so. Und irgendwann wurde auch ich darunter gekehrt. Weil ich nicht mehr ins Bild passte.

So weit bin ich noch gar nicht in meinem Erinnern. Und doch drängt es immer wieder herein. Ich weiss, dass ich dahin kommen werde, wenn ich weiterschreibe. Ich überlege, ob ich es auslasse. Drum herum schreibe. Weil es nicht schön ist. Weil es schmerzt. Weil ich mich schäme. Auch vor mir. Weil ich es verbergen möchte. Weil ich mich nicht vor allen schämen möchte. Doch dann ist es nicht mehr meine Geschichte.  

Schreiben braucht Mut. Es holt ans Licht, macht sichtbar. Ich werde diesen Mut aufbringen. Später.

(«Alles aus Liebe», XXVIII)

Eine Geschichte: Auf dem Schulhof (XXVII)

Lieber Papa

Ach Papa, du warst und bist so vieles für mich. Und wenn ich hier so schreibe, merke ich, wie sich die Dinge hin und her bewegen. Mal ist es düster und ich denke, das tut dir unrecht. Dann möchte ich es fröhlicher machen, möchte das Dunkel aufklären. Und merke bald darauf, dass es nun nicht mehr stimmt. Es war nicht hell. Zumindest nicht tief drin. Und doch war da immer auch wieder Licht. Und Hoffnung. Und so viel Sehnsucht. Nach Liebe.

Als Kind warst du mein Held. Du warst der Mensch, dem ich gefallen wollte, dessen Liebe und Bestätigung ich so sehr suchte. Und brauchte. Du warst der Mensch, zu dem ich ging, wenn meine Welt ins Wanken geriet. Warst der Mensch, von dem ich glaubte, er könne mir immer helfen. Egal wobei. Auf dich konnte ich bauen. Daran glaubte ich. Das war auch so. Manchmal musste ich zuerst durch eine Standpauke hindurch. Die schmerzte. Sie brachte mich ins Wanken. Mein Bild von mir. Doch dann halfst du. Und ich war froh. War ich doch so klein. Du so gross. Und stark. Und da für mich. Du wolltest mich immer beschützen. Vor allem. Daran glaube ich ganz fest.

Es gab aber Situationen, in denen du nichts machen konntest. Weil du keine Ahnung hattest. Weil ich dir nichts erzählt habe. Wieso eigentlich? Vielleicht, weil ich fürchtete, du würdest mich dann verachten. Du würdest mich für einen Schwächling halten und als solcher wollte ich nicht vor dir stehen. Du solltest stolz sein auf mich. Du solltest keine Tochter haben, die gehänselt und geplagt wird. Keine, die man nicht mag, wo man doch dich überall mochte. Ich wollte sein wie du.

Da war dieses Mädchen in der Schule. Sie war nicht in meiner Klasse. Ich weiss nicht mal, woher ich sie kannte – oder sie mich. Ich weiss auch nicht, wieso sie mich nicht mochte. Gab es vor diesem einen schlimmen Vorfall andere? War die Angst schon lange mein Begleiter? Geschah das alles gar nicht aus dem Nichts? Während ich diese Fragen schreibe, sagt eine leise Stimme in mir:

„Das muss so gewesen sein. Aus dem Nichts wäre das nie passiert. Nicht in dieser Heftigkeit.“

Doch so sehr ich mich auch anstrenge: ich kann mich an nichts Konkretes erinnern. Ich sehe sie nicht mal mehr vor mir. Ich habe keine Ahnung, wie sie ausgesehen hat. Ich weiss nur noch, dass sie Linda hiess. Interessant, wie mir immer wieder Namen von damals in den Sinn kommen. Eigentlich habe ich ein sehr schlechtes Namensgedächtnis.

Wenn ich an diesen einen Tag denke, ist da nichts. Nichts vorher. Nichts nachher. Nur das, welches die Grenze bedeutete zwischen beiden. Ich erinnere mich auch nicht, ob andere Kinder da waren. Hatte sie Hilfe? Kinder, die sie anfeuerten? War ich allein? Wurde ich alleingelassen?

Ich vermute, ich sah sie von weitem. Sie kam auf mich zu. Ich vermute, sie hat mir etwas zugerufen. Etwas Abschätziges. Gemeines. Bin ich weggelaufen? Es muss so sein. Unser Schulplatz war ein grosser grauer Betonplatz mit einem überdachten Gang rundherum. In regelmässigen Abständen wurde dieser Gang durch Wände zu einem kurzen Tunnel gemacht. Keine zwei Meter breit war einer. In einem solchen Durchgang passierte es. Ich war etwa 10. Linda zwei Klassen über mir. Ich weiss nicht, wieso ich das weiss, aber so war es. Sonst weiss ich nichts. Nicht, wo sie wohnte, nicht, wer ihre Eltern waren, ob sie Geschwister hatte, wer ihre Freunde waren. Während ich das tippe, fällt mir ein, dass sie Anführerin einer Gruppe war. Wofür die stand, wer dazu gehörte – keine Ahnung. Das ist aber auch nicht wichtig für das, was ich erzählen möchte.

Alles, was ich noch genau weiss, ist, dass sie mich so grob an die Wand stiess, dass mein Kopf mit Wucht dagegen knallte. Dem Aufprall folgte ein lauter Knall in meinem Kopf. Er drohte zu platzen. Es fühlte sich an, als ob in meinem Hirn etwas geplatzt sei, woraufhin ein heisser Schmerz wie warmes Blut im Kopf herabfloss und ihn bald ganz ausfüllte. Ich ging zu Boden. Ich weiss nicht, wie lange ich da liegen blieb. Ich weiss, dass ich noch einen Tritt in den Rücken kriegte. Danach ist alle Erinnerung weg. Kam da jemand? Stand ich allein wieder auf? Ging ich ins Klassenzimmer zurück, als ob nichts gewesen sei? Und dann später nach Hause, wo ich weiter schwieg?

Ich habe nie jemandem von dieser Geschichte erzählt. Die Scham war zu gross. Ich schämte mich, das Kind zu sein, das man einfach angreifen konnte. Angreifen wollte. Der Trottel vom Pausenplatz. Die Versagerin. Die Unterlegene. Als solcher Schwächling konnte ich niemandem unter die Augen treten.  Ich konnte nur hoffen, dass es niemand mitkriegte. Wobei da tief in mir die Stimme war, die sagte:

„Das wissen es eh alle. Alle sehen dich als Versager. Alle finden dich komisch.“

Wieso dachte ich das? Ich weiss es nicht. Vielleicht habe ich es zu oft gehört. In all den Situationen, in denen ich nicht war, wie man hätte sein sollen. Immer dann, wenn es hiess, ich müsse mich ändern, sonst wolle keiner etwas mit mir zu tun haben. Aber das konnte ich nicht. Und zahlte wohl so den Preis dafür. Dachte ich.

Was sonst an diesem Tag noch passiert ist, weiss ich nicht mehr. Das Einzige, was mir geblieben ist, ist dieser Knall und dieses Platzen im Kopf. Ich glaube, in dem Moment ist in mir auch sonst so einiges geplatzt. Vielleicht auch die Hoffnung, irgendwann irgendwo wirklich dazugehören zu können.

(„Alles aus Liebe“, XXVII)

Eine Geschichte: Gib mir deine Angst (XXVI)

Lieber Papa

Erinnerst du dich? Als du 66 wurdest, schenkte ich dir zum Geburtstag eine CD von Udo Jürgens, die «Mit 66 Jahren» hiess. Seine grössten Hits waren drauf, Lieder, die ich natürlich von viel früher kannte und doch nicht mehr präsent hatte. Bevor ich sie dir gab, hörte ich selbst rein. Und war gefesselt. Von da an ging ich an jedes seiner Konzerte in Zürich. Und ich hörte seine Lieder. Immer wieder hatte ich andere Lieblingslieder, aber eines war speziell für mich:

«Gib mir deine Angst»

So viele Zeilen sprachen mir aus dem Herzen. Täglich hörte ich es am Morgen, immer wieder fühlte ich mich gehalten. Irgendwie verstanden. Da sang mir einer aus dem Herzen. Der musste kennen, was in mir vorging.

Ich habe mich gefragt, wovor ich mich als Kind gefürchtet habe. Was machte mir Angst? Zum Beispiel mussten meine Füsse im Bett immer in die Decke eingeschlagen sein. Nie durften sie irgendwo hervorschauen. Was dachte ich, könnte passieren? Glaubte ich an Monster? Unterm Bett? Die hervorkämen und meine Füsse abbissen? Ich kann es kaum glauben, ich erinnere mich auch nicht daran. Manchmal rief ich nach dir in diesen Momenten. Du kamst, gingst auf die Knie und schautest unters Bett. Dann hatte ich Angst um dich. Das weiss ich noch. Wenn du wieder hochkamst, war ich doppelt erleichtert.

„Da ist nichts. Schlaf jetzt!“

Ich erinnere mich, dass ich mich ab und zu selbst über den Bettrand nach unten beugte und kopfüber unters Bett schaute, um zu sehen, ob da wirklich nichts und niemand ist. Mutig oder dumm? Ich meine, was wäre gewesen, wenn sich da wirklich jemand versteckt hätte. Wenn das Monster mit Gebrüll auf mich gestürzt wäre. Was hätte ich getan? Wohl das, was ich immer tue, wenn ich erschrecke: Ich wäre mit schrillem Schrei aufgesprungen – oder aber vom Bett geplumpst. Beides nicht sehr heldenhaft und mutig.

Ich war schon immer schreckhaft. Und dann schreie ich. Laut. Schrill. Durchdringend. Manchmal musstest du nur zur Tür reinkommen, wenn ich mit dem Rücken zu dieser am Pult sass. Ich hatte deine Schritte im Flur nicht gehört, da klang es hinter mir:

„Sandra?“

Meine Sirene ging los.

„Das bin doch nur ich! Stell dich nicht so an!“

Es half nichts. Ich habe das noch heute. Heute ärgere ich mich selbst darüber. Und schäme mich. Finde mich peinlich. So gesehen war ich doch mutig, als ich mich meinen Monstern unter dem Bett stellen wollte. Vielleicht hätte ich sie in die Flucht geschrien.

Eine weitere Angst, die ich hatte, war die, abgelehnt zu werden. Wie oft hatte ich von dir gehört, dass man mit mir nichts zu tun haben wolle, weil ich sei, wie ich war. Wie oft hörte ich, ich sei anders. Eben nicht genehm. Nicht normal. Mit solchen wolle keiner zusammen sein. Und die Verachtung in deiner Stimme, wenn du von denen sprachst, die anders sind, die fürchtete ich, im Blick anderer zu erkennen. Oder in ihren Worten zu hören.

Ich hatte Angst, ausgelacht zu werden. Ich erinnere mich an eine Singstunde in der Schule. Das Mädchen neben mir, Barbara hiess sie, sagte, mit meiner Stimme könne man nicht singen. Die sei schrecklich. Von da an sang ich nie mehr freiwillig. Zumindest nicht, wenn mich wer hörte. In der Umkleidekabine wurde ich ausgelacht, weil mein Bauch rausstand. Ich sei dick, sagten sie, und lachten. Ich sei wohl ein Fresssack. Sagten sie. Der Bauch blieb mein wunder Punkt. Obwohl ich heute schlank bin, beäuge ich ihn immer argwöhnisch. Und ich vertrage keine Kommentare zu meinem Essen. Weil ich mich gleich getroffen fühle. Das Thema ist ein Minenfeld geworden. Du weisst es. Wir hatten schwere Zeiten. Aber das ist nun nicht das Thema.

Ich wurde auch ausgelacht, weil ich die falschen Kleider trug. Auf meinen standen keine Marken. Sie waren brav. Langweilig. DU sagtest, sie seien toll. Die anderen seien nur neidisch. Niemand war neidisch. Ich schämte mich. Vor den anderen. Und dann vor dir, weil du enttäuscht warst über meine fehlende Dankbarkeit dir gegenüber.

Ich wurde ausgelacht, weil ich vieles nicht durfte. Zum Beispiel abends lange draussen bleiben. Oder über Mittag rausgehen. Oder auf der Strasse spielen. Oder bei der Garageneinfahrt spielen. Oder auf andere Spielplätze gehen. Oder… Die anderen waren so frei und sie lebten mir diese Freiheit vor. Sie gingen überall hin und ich blieb zurück. Allein. Und wenn sie zurückkamen, gehörte ich nicht mehr dazu. Ich war nicht dabei gewesen. Ich fühlte mich allein.

Manchmal fühlte es sich an, als sässe ich in einem Gefängnis mit zwei Wärtern. Beide bedacht, Regeln zu setzen und auf deren Einhaltung zu achten. Weil alles seine Ordnung haben musste. Egal, was andere durften oder taten. „Die haben keine Ordnung“, sagtest du mit Verachtung in der Stimme. Deine zu überdenken kam nicht in Frage. Sie stand ausser Diskussion.

Weisst du, ich bin sicher, du wolltest das Beste für mich. So wie du es sahst. Und doch habe ich darunter gelitten. Ich fühlte mich allein in einer Ordnung, die nur für mich zu gelten schien. Das Gefühl, allein zu sein, kenne ich auch heute noch. Es hat sich in mir eingenistet.

„Du sagst du bist frei und meinst dabei, du bist alleine.“

So singt Udo Jürgens weiter. Wenn ich ihn höre, fühle ich mich für einen Moment weniger allein. Und oft denke ich dann auch an dich.

(«Alles aus Liebe», XXVI)

Eine Geschichte: Vom Wandern (XXV)

Lieber Papa

Mir fällt auf, dass ich mehr Erinnerungen ans Berner Oberland habe als an Winterthur, wo wir zuhause waren. Fast scheint es, als ob wir in den Ferien mehr gelebt hätten, sicher mehr erlebt. Obwohl wir auch in Winterthur viel unternahmen. Und ich ja mein Leben mit Schule und mehr hatte da.

Auf alle Fälle erinnere ich mich an eine Wanderung. Aufs Stockhorn sollte es gehen. Es war Sommer und es war heiss. Darum starteten wir früh am Morgen beim Bergli, unserem Hotel, und liefen den Hügel hinunter ins Tal. Unten angekommen tagte es schon, die ersten Leute standen bei der Talstation der Luftseilbahn an. Ich wusste, dass wir uns nicht in die Kolonne einreihen würden. Wir würden laufen. Wir liessen die Talstation links liegen und folgten erst einer Strasse, die den Berg hinaufführte, bis wir auf einen Waldweg abzweigten.

Langsam stiegen wir höher, verliessen den Wald, kamen über Kuhweiden, vorbei an Ställen. Über uns der blaue Himmel und zwei Drähte, von denen einer immer stärker schwankte, weil von unten die rote Kabine hinauf schwebte. Als sie direkt über uns war, legte ich den Kopf in den Nacken und schaute hoch. Die Fenster der Kabine waren runtergelassen und Kinder winkten fröhlich zu uns nach unten. Ich winkte zurück. Etwas weniger fröhlich. Die Kinder lachten und riefen etwas, was ich nicht verstanden habe. Ich beneidete sie. Erinnerst du dich noch? Die Szene ist mir nie mehr aus dem Sinn gegangen. Ich drehte mich zu dir um und sagte:

«Wenn ich einmal Kinder habe, frage ich sie, ob sie laufen oder fahren wollen.»

Ein wenig später kamen wir zur Mittelstation. Du schautest mich an und fragtest:

«Und? Willst du den Rest mit der Seilbahn fahren oder wollen wir weiterlaufen wir geplant.» Ich wusste natürlich, was deine Präferenz war. Ich wusste aber auch, dass du mir zuliebe gefahren wärst. War es ein Gefallen an dich, dass ich mich fürs Laufen entschieden habe? Oder war es der eigene Ehrgeiz, der mich nun doch gepackt hatte? Auf alle Fälle sagte ich:

«Jetzt bin ich so weit gelaufen, nun laufe ich auch den Rest.»

Ein wenig Trotz war sicher mit dabei. Und Stolz. Ich wollte nicht schwach erscheinen vor dir. Ich wollte zeigen, dass ich das schaffe. Dass ich die Dinge zu Ende bringe und nicht mittendrin abbreche. Das war dir immer wichtig.

Und ich habe es geschafft. Bis zum Gipfel. Und wieder runter und den anderen Berg wieder hoch zum Hotel. Wir kamen erst am späten Nachmittag wieder oben an. Es war ein langer und anstrengender Tag gewesen, und doch fühlte es sich auch gut an. Ich hatte nicht aufgegeben. Als wir beim Hotel ankamen, sagtest du:

«Das war doch nun schön, nicht wahr?»

Ja. Nein. Irgendwie doch.

(«Alles aus Liebe», XXV)

Eine Geschichte: Ein Stück Glück (XXIV)

Lieber Papa

Ich blättere mich weiter durch die Seiten des Albums. Ich arbeite mich von Bild zu Bild, stöbere in meiner Vergangenheit. Was mir auffällt: Ich lache kaum je auf den Bildern. Das deckt sich mit meinen Erinnerungen. Doch dann stosse ich auf ein Bild, auf dem ich glücklich aussehe. Ich stehe inmitten einer Schar von Kindern. Alle strecken die Arme zum Himmel, auf den Händen tragen wir einen grossen Drachen. Wir haben ihn, so erinnere ich mich, aus vielen Papieren zusammengesetzt und wollten ihn später fliegen lassen.

Das Bild ist in einem Sommerlager entstanden. Das Spielerlebnis fand jedes Jahr ganz in unserer Nähe statt und ich durfte hin. Zwei Wochen. Es war grossartig.

In der ersten Woche bauten wir in kleinen Gruppen Holzhütten. Das Material dazu, Holzlatten und -stangen gab es vor Ort. Die geübteren Baumeister schafften sogar doppelstöckige Häuser mit Leitern, die in den zweiten Stock führten. In einem Haus, ich erinnere mich genau, bauten wir sogar einen Balkon. Wie stolz wir waren. Unser Haus. Selbst gebaut.

In der zweiten Woche durften wir in diesen Hütten übernachten. Ich auch. Das gab es sonst nie. Ich war glücklich. Das Glück spricht aus dem Bild. Aus meinen Augen. Wie kaum sonst auf anderen Bildern.

Ich weiss noch, wie frei ich mich in diesen zwei Wochen fühlte. Da gehörte ich dazu. Da konnte ich sein, wie ich war. Da konnte ich ausleben, was in mir steckte. Ich konnte wild sein, konnte rennen, lachen, schreien, bauen, spielen. Wenn ich zurückdenke, jetzt beim Schreiben, merke ich, wie sich ein Lächeln auf meinem Gesicht gebildet hat. Die Erinnerung bringt das Glück zurück. Wie schön.

Wir hatten grossartige Lagerleiter. Sie waren auch in der Pfadi aktiv. Da kam mir die Idee: Was, wenn ich dieses Sommerglück ins Jahr hineinziehen könnte? Ich wollte in die Pfadi. Jeden Samstag ein Stück Freiheit. Jeden Samstag wieder ein Stück vom Glück erleben. Das stellte ich mir schön vor.

Du hast es verboten. Du wolltest mich am Wochenende zu Hause haben. Das Wochenende gehört der Familie. Hast du gesagt. Mama schwieg. Wie immer. Was immer du geboten, verboten, kritisiert, bestraft hast. Sie schwieg. Und stimmte so zu. Das habe ich ihr übelgenommen. Wieso setzte sie sich nicht mal ein für mich. Wieso kämpfte sie nicht für mich? Gegen dich? Heute denke ich, sie fühlte sich wohl genauso hilflos wie ich. Weil auch sie deine Reaktion fürchtete.

Das zu schreiben fällt mir schwer. Weil du kein böser Mensch warst. Weil du mein Papa bist, den ich liebe.  

(„Alles aus Liebe“, XXIV)

Eine Geschichte: Elternbesuchstag (XXIII)

Lieber Papa

Ich mochte vieles an der Schule nicht, ganz schlimm fand ich die Elternbesuchstage. Erinnerst du dich auch? Es muss einer der ersten gewesen sein. Meine Tischnachbarin sagte etwas zu mir, ich musste lachen. Die Lehrerin schaute uns an, machte weiter. Sie schimpfte nicht. Das machtest du dann zu Hause. Ich hatte mir solche Mühe gegeben den ganzen Tag. So vieles habe ich gut gemacht. Ich wurde sogar gelobt von der Lehrerin. Das war alles kein Thema mehr. Nur das eine Lachen. Das warfst du mir vor die Füsse. Alle anderen hätten sich benommen. Nur ich nicht. Alle anderen seien brav gewesen. Nur ich sei negativ aufgefallen. Wieder einmal. Ich. Nicht gut genug. Alle anderen. Nur ich nicht.

Als der nächste Elternbesuchstag anstand, war ich aufgeregt. Ich wollte mir noch mehr Mühe geben. Ich sass da. Machte mit. War brav. Alles lief super. Am Schluss mussten wir aufstehen und nach vorne gehen, wo wir noch ein Lied sangen. Zum Abschluss. Ich war froh. Es war gut gelaufen. Du wärst stolz auf mich. Endlich. Unser Klassenclown stellte sich neben mich. Er schnitt Grimassen. Ich liess mich davon nicht ablenken. Lachte nicht, auch wenn es mich innerlich fast zerriss. Er war zu komisch. Ich habe es geschafft. Und lief dir freudig entgegen. Wir sind schweigend nach Hause gelaufen. Ich wusste, etwas ist nicht gut. Nur was war es? Ich war doch das Mädchen gewesen, das du dir wünschst. Brav, aufmerksam, still. Wie falsch ich lag. Ausgerechnet ich hätte neben diesem Jungen stehen müssen, der auffiel. Das hast du mir vorgeworfen.

Ich glaube, du hattest dieses klare Bild im Sinn, wie ein Mädchen sein sollte. Wie «man» zu sein hatte, wenn man ein Mädchen war. Ich musste nur noch passend gemacht werden. Ich musste zu diesem «man» werden. Ich habe gnadenlos versagt. Gnadenlos war auch deine Reaktion immer wieder. Enttäuschung. Verachtung. Schweigen. Ich wurde inexistent, weil ich nicht war, wie ich hätte sein sollen. Weil ich nicht war, wie man war.

Wenn ich das schreibe, fühle ich noch tief in mir die Einsamkeit. Und die Hilflosigkeit. Und eine grosse Trauer. Allem voran aber auch eine Unsicherheit. Ich bin wohl noch heute nicht so, wie man sein sollte. Ich höre es immer wieder:

«Wieso tut sie das? Wieso ist sie so?»

Du hattest wohl recht mit allem. So ist man nicht. So anders. Und es tut auch oft weh. Und doch kann ich nicht anders sein. Ich bin so. Und will es auch sein. Weil ich mich so wohlfühle mit mir. Nur mit den anderen nicht. Mit denen, die mich auch gerne anders hätten, mehr als jemanden, weniger als mich. Vielleicht wolltest du mich nur davor schützen? Vielleicht hofftest du, mir diesen Schmerz ersparen zu können, wenn du mich frühzeitig «normal» machst. Ich versuchte lange, mich anzupassen, indem ich mich verbog. Passend machte. Was selten gelang. Vermutlich, weil es für mich auch nicht mehr stimmte. Heute weiss ich, dass vieles einfacher gewesen wäre, wenn ich schon früh gelernt hätte, dass jeder sein darf, wie er ist. Weil ich in mir hätte vertrauen können, dass ich liebenswert bin als ich. Dass ich geliebt werde. Das Vertrauen fehlte mir. Ich musste es lernen. Für mich.

«Was man tut» und «was sich gehört» sind wohl Kategorien, mit denen viele aufgewachsen sind. Das «man» war die Richtgrösse, an der wir gemessen wurden. Gefolgt wurden sie vom Spruch

«Was sollen bloss die Leute denken?»

Er geistert noch heute in meinen Hirnwindungen herum. Bei vielem, was ich tun will, kommt er mir in den Sinn: Was werden die Leute denken, wenn… Der Satz ist zu einer Prägung geworden, zu einem Prüfstein, an dem ich mich messe und meist für zu leicht befinde.

Das Schreiben hilft mir, diese Prägungen zu erkennen. Es hilft mir, die Enge, das Korsett, den Druck in der Brust zuzuordnen, wenn ich in meine Muster verfalle. Es hilft, den Atem wieder frei fliessen zu lassen. Sogar beim Schreiben fiel mir auf, dass ich ihn angehalten habe. Vermutlich schreibe ich auch darum: Um wieder frei atmen zu können.

(«Alles aus Liebe», XXIII)

Eine Geschichte: Skifahren (XXII)

Lieber Papa

Auf der Suche nach Erinnerungen blätterte durch ein Album und stiess auf ein Foto. Mama und ich auf Skiern. Ich bin etwa sieben Jahre alt. Das Foto irritiert mich, denn ich merke, dass ich mich beim Skifahren nur an dich und mich denke. Ich weiss, dass Mama immer dabei gewesen ist. Ich erinnere mich nur nicht an sie. Und nun war das Foto vor mir. Es führte mir vor Augen, was mir nicht mehr im Sinn war. Da warst immer nur du. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe früh mit dem Skifahren begonnen. Erinnerst du dich? Natürlich tust du das. Du hast so oft davon erzählt, dass aus all den Geschichten etwas entstand, das sich wie meine eigene Erinnerung anfühlt. Ich sehe die Bilder förmlich vor mir. Oder erinnere ich mich doch?

Ich war knapp vier Jahre alt und wir waren wie jedes Jahr im Berner Oberland, im Hotel Bergli. Während ich das schreibe, setzt sich in mir das Lied fest.

„Det äne am Bergli, det staat e wiissi Geiss.
Ich ha sie welle mälche, da haut sie mir eis.“

Das läuft mir nun wohl den ganzen Tag nach. Kennst du das auch? Dass sich Lieder in deinem Kopf einnisten und dich dann durch den Tag begleiten? In Endlosschlaufe? Ich liebe Musik in Endlosschleife sonst, darüber hast du dich immer gewundert. Diese Ohrwürmer beginnen mit der Zeit zu nerven. Aber ich schweife ab.

Das Hotel lag hoch oben auf dem Berg mit Blick über das Simmenthal. Hinter dem Haus fiel der Hang steil zum Tal hinab. Einmal schneite es den ganzen Tag. Dicke Flocken fielen vom Himmel und deckten die Erde zu. Am nächsten Morgen hörte ich schon früh den Schneepflug, der die Strassen räumte. Es war so weit. Wir gingen hinter das Haus, du schnalltest deine Ski an und fuhrst damit hinunter. Du sahst auch aus wie ein Schneepflug mit diesen zum Spitz zusammenlaufenden Skiern. Danach stapftest du seitwärts den Hang hoch. Ich schaute dir neugierig zu. Die nächste Fahrt machten wir gemeinsam. Du nahmst mich zwischen die Beine und fuhrst mit mir runter. Nun musste auch ich mit meinen kleinen Skiern den Schnee plattdrücken beim Hochgehen. Das gehörte zum Fahren dazu. Sagtest du. Es war anstrengend. Ich stelle mir vor, dass du noch sowas sagtest wie

„Ohne Fleiss kein Preis.“

Das weiss ich aber nicht mehr. Es würde nur zu dir passen. Auf alle Fälle entstand so unsere Piste. Und wieder frage ich mich, ob ich mich erinnere oder alles nur noch aus deinen Erzählungen weiss. Noch immer sehe ich Bilder aufblitzen. Nur kurz. Sind es Vorstellungen oder Erinnerungsfetzen?

Auf alle Fälle nahm unsere Piste Gestalt an, wurde breiter. Die ersten Fahrten machte ich zwischen deinen Beinen, danach fuhrst du vor mir, ich hinter dir. Du hieltst deine Stöcke nach hinten, dass ich mich daran halten konnte. Mit der Zeit wurde ich müde. Das Runterfahren war einfach und leider immer schnell vorbei. Das Raufstapfen war anstrengend. Manchmal erbarmtest du dich und zogst mich an einem Skistock wieder hoch. Du warst so stark. Du warst mein Held.

Nach diesen ersten Erfahrungen gingen wir ins nahegelegene Skigebiet. Da hatte es einen Kinderlift, aber wir stapften immer noch ein wenig abseits immer wieder hoch nach der Abfahrt. Ich sah andere Kinder auf Skiern. In Gruppen waren sie unterwegs und hatten offensichtlich Spass zusammen. Ich wäre auch gerne in die Skischule gegangen. Du meintest, auf deine Weise lerne ich besser Skifahren. Weil ich lerne, die Skier und die ganze Ausrüstung zu beherrschen. Es hatte wohl was für sich, denn ich lernte schnell und gut Skifahren. Und doch. Diese fröhlichen Gesichter, das Geplauder und Lachen – da wäre ich gerne dabei gewesen. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich das dachte, denn du gabst dir solche Mühe. Und ich hatte Angst, dich zu verletzen, weil du denken könntest, ich wolle nicht bei dir sein. Sei dir nicht dankbar genug. Ich sagte nichts mehr.

Viel später hast du gesagt, ich hätte nie in die Skischule wollen. Ich hätte jederzeit gehen dürfen. Das stimmt nicht, Papa. Das wusstest du. Du musstest es wissen. Nur: Wieso sagtest du das? Und spannend war: Irgendwann glaubte ich dir. Zumindest eine Zeit lang.

In all diesen Erinnerungen kommt Mama nicht vor. Als wäre sie nur die Zuschauerin des Lebens gewesen, das du für mich und dich vorgesehen hast. Das habe ich damals nicht so wahrgenommen. Mein Blick war auf dich gerichtet. Nun fällt mir das auf. Und ich fühle mich schuldig. Was habe ich ihr damit angetan?

(«Alles aus Liebe», XXII)

Eine Geschichte: Heile Familie (XIX)

Lieber Papa

„Du hattest es schön! Du hattest eine heile Familie.“

Das hörte ich mal. Es war nicht positiv gemeint, sondern als Vorwurf. Von jemandem, der fand, er selbst hätte das nicht gehabt. Diese heile Familie. Und schön wäre es drum bei ihm nicht gewesen. Ich sei privilegiert. Das wollte er mir sagen. Und ja, ich habe das lange auch so gesehen. Als ich die Augen verschloss vor all dem, was nicht in dieses Bild passte. Das Bild, das von aussen sichtbar war.

„Eigentlich hatte ich eine Scheisskindheit.“

Das sagte ich kürzlich zu Mama. Sie schaute mich an. Nickte.

„Du hast recht.“

Das sagte sie. Kannst du dir das vorstellen, Papa? Von dir hörte ich immer nur eines:

„Wir hatten es schön. Es war alles gut.“

Ich habe dir geglaubt. Selbst wenn es sich nicht so anfühlte. Ich stellte nicht dich und deine Aussage in Frage. Ich stellte mich und mein Gefühl in Frage. Schalt mich all das, was du immer sagtest, wenn ich nicht war, wie ich sein sollte.

Die Abgründe hielten wir gut verborgen. Es war wie beim Film: Vorne die schöne Kulisse, hinten der Kabelsalat und das Chaos. Manchmal sah einer hinter die Kulissen. Sagte etwas. Keiner wollte es hören. Auch ich nicht. Ich schützte dich und gefühlt auch mich. Ich wollte nicht die sein, welche aus einer schrägen Familie kommt. Ich wollte das Bild bewahren. Damit keiner die Nase rümpft. Über uns. Über mich.  Ich wollte glücklich wirken.

„Sonst mag dich keiner!“

Sagtest du mir immer wieder. Weil man nur die glücklichen möge.

Ich bin zerrissen. Was war und was nicht? Was war real und was nur Kulisse? Es heisst, die Zukunft sei ungewiss, die Vergangenheit könne einem keiner nehmen. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Ich merke, dass ich vieles nicht fassen kann. Auch dich nicht. Wer bist du? Was wolltest du von mir? Was für mich?

Jedes Nach- und Überdenken unserer Beziehung führt zu einem anderen Bild. Mal ist es düster. Voller Schmerz, Wut und Trauer. Dann wieder ist eine Stimme mir, die sagt, ich übertreibe. Es sei doch alles gut gewesen. Ich schreibe darüber. Und schreibe um. Und glaube dem Geschriebenen. Bis ich es wieder umschreibe. Weil es sich nicht richtig anfühlt. Und dann sind da diese Löcher. Die ich nicht füllen kann. Und die, in die ich zu fallen drohe.

Kürzlich sagte mir jemand, ich solle das lassen mit dem Schreiben. Das bringe nichts ausser Licht auf Dinge, die besser im Dunkeln bleiben, damit sie keiner sieht. Und manchmal denke ich, er hat recht.

(„Alles aus Liebe“, XXI)

Eine Geschichte: Das Trottinett (XX)

Lieber Papa

Bei Lichte betrachtet waren es ja nicht nur wir drei. Da waren noch mehr. Andere. Zum Beispiel meine Grosseltern. Ich kannte sie kaum. Deine Eltern etwas besser, die von Mama praktisch nicht. Und zum ganzen Rest der Familie bestand keine Verbindung. Zumindest nicht für mich.

Erinnerst du dich? Als ich noch klein war, besuchten wir Grosi und Grossvati jeden Sonntag. Deine Schwester, meine Gotte, wohnte auch bei ihnen. Immer um 16 Uhr zogen wir los. Es waren nur zwei Strassen. Wir gingen zu Fuss. Während ich das schreibe, fällt mir auf, dass wir nie spontan gingen. Wir trafen sie auch nie zufällig. So nah waren sie. Und doch so fern.

Mamas Mutter und deren Mann besuchten wir sehr unregelmässig. Selten. Ich fühlte mich da nie wohl. Alles war so fremd. Das Haus. Die Menschen. Ihr trankt Kaffee. Ich sass in einem Ohrensessel. Klein. Still. Unbeteiligt. Da und doch nicht dabei. Irgendwie fand ich alles merkwürdig. Da war nichts Lebendiges. Kein Lachen. Nichts Liebes. Die Grossmutter und ihr Mann waren wie hölzerne Masken. Erinnerst du dich an die Holzmasken mit den schwarzen Haaren und den zerfurchten Gesichtern, die ich euch aus einem Schullager im Lötschental mitbrachte? So wirkten die Grosseltern auf mich, als ich noch klein war. Das konnte ich damals noch nicht so deuten, da ich die Masken erst viel später kennenlernen sollte. Habe ich sie euch drum gebracht? Wohl nicht. Sie waren im Wallis einfach sehr präsent. Und eindrücklich. Die habt ihr nicht mehr, oder? Ich frage mich gerade, wieso mir diese Masken plötzlich so wichtig sind. Vielleicht, weil ich mich für den Vergleich schäme.

Der Mann meiner Grossmutter, mein Grossvater, war nicht Mutters richtiger Vater, sondern ihr Stiefvater. Ihr Vater war gestorben, als sie noch ein Kind war. Das erfuhr ich erst viel später. Vielleicht habe ich etwas gefühlt. Ich glaube es. Später erfuhr ich, dass Mama als Kind unter diesem Mann gelitten hat. Aber über solche Dinge spracht ihr nie. Die fielen unter den Tisch.

Einmal waren wir bei diesen Grosseltern zum Essen eingeladen. Ich glaube, es war Grossmutters Geburtstag. Ich erinnere mich an keine andere Einladung da, obwohl die Grossmutter lange lebte. Merkwürdig. Auf alle Fälle waren alle da, auch meine Onkel und Cousinen. Ich kannte keinen. Wir waren alle in Festkleidung, ich trug eines der „schönen Kleider“, die ich nur bei speziellen Anlässen tragen durfte. So war sicher, dass sie nicht zerrissen waren von meinen Ausflügen über Zäune und auf Bäume.

Das kleine Haus meiner Grossmutter lag ganz oben am Hügel. Unter dem Haus kamen viele weitere Einfamilienhäuser. In unserer Familie war sie die Einzige, die ein Haus hatte, alle anderen wohnten in Wohnungen. Sie war auch die Einzige, die immer jammerte, dass sie kein Geld hätte. Das betonte sie vor allem dann, wenn mein Geburtstag oder Weihnachten anstanden. Sie drückte mir dann verstohlen eine kleine Note in die Hand und sagte, dass es für Geburtstag und Weihnachten zusammen sei. Ich musste mich artig bedanken. Das gehörte sich so. Dem Grossvater durfte ich nicht danken, da er nichts wissen durfte.

„Psst, sag deinem Grossvater nichts davon.“

Sagte sie. Das war mir nicht recht. Ich glaube, ich hätte lieber nichts bekommen.

Bei dem Geburtstagsfest war mir langweilig. Mein Grossvater merkte das und nahm mich mit in seine Werkstatt. Da hatte es ein Trottinett. Noch nie war ich mit sowas gefahren. Er reichte es mir und ich wollte es probieren. Ich stand oben am Hang. Die Strasse ging steil runter und dann wieder steil rauf. Die ersten Male fuhr ich zögerlich bergab. Es war mehr ein ständiges Bremsen als ein Fahren. Danach lief ich auf der anderen Seite wieder hoch, das Trottinett stossend. Da kam mir die Idee: Ich wollte könnte, das Trottinett stossend, hinunterrennen, unten aufs Trottinett springen, den Schwung mitnehmen und so hochsausen. Das klang nach einem guten Plan. Ich rannte los, schob das Trottinett mit, sprang unten auf – leider nur fast, denn ich verfehlte das Trottinett. Ich schlug der Länge nach hin, das Trottinett knallte auf den Boden.

Was für ein Schock. Hoffentlich hatte ich es nicht kaputt gemacht. Ich stellte mir vor, wie du schimpfen würdest, wenn ich das Trottinett nicht mehr heil zurückbrachte. Du würdest sagen, dass die Cousinen brav waren, nur ich mache Mist. Nur ich sei mal wieder dumm, nur ich hätte mal wieder Unsinn im Kopf, nur ich blamiere dich. Danach wäre Schweigen. Wohl für lange.

Ich hatte Glück. Das Trottinett war heil. Der nächste Schreck: Das Kleid. Ich blickte an mir herunter. Ausser ein paar Dreckflecken war auch das in Ordnung. Dann fiel mein Blick aufs Knie. Es war komplett blutig geschlagen, viele kleine Kieselsteine steckten drin. Ein Schreck durchfuhr mich. Was würdest du sagen? Dass es schmerzte, realisierte ich nur am Rande, zu sehr war ich mit meinen Sorgen beschäftigt.

Langsam lief ich zum Haus zurück, stellte das Trottinett vor die Garage, ging in die Pergola und setzte mich an den Tisch. Keiner nahm Notiz von mir. Ich war froh. Plötzlich fragte mich meine Grossmutter, wie es gewesen sei. „Hast du Spass gehabt?“, fragte sie. Ich nickte stumm. Sie liess nicht nach. Sie fragte nach: „Ist alles in Ordnung?“ Ich nickte. Wohl mit ein paar Tränen in den Augen. Das Knie brannte. Es tat weh. Ich sagte nichts. Alle blickten her (stelle ich mir heute vor, ich weiss es nicht mehr). Du hast eine Augenbraue hochgezogen. Wohl, weil ich schon wieder auffiel. Das weiss ich noch. Was ich nicht weiss, ist, wie es rauskam. Das mit meinem Knie. Irgendwann wussten sie es. Meine Grossmutter nahm mich mit in die Küche. Ich sollte auf den Küchenschemel sitzen und sie wollte das Knie verarzten. Ich hatte Angst davor. Die Wunde war gross. Das könne man nicht so lassen. Sagte sie. Sie lief zum Medizinschrank und kam mit einer braunen Flasche wieder zurück. Ich wollte weg, doch sie meinte, sie müsse die Steine aus der Wunde ziehen. Das entzünde sich sonst. Sie war mir so fremd und sie war so nah vor mir. Und mein Knie war wund. Und schmerzte. Und ich fühlte mich so allein.

Als sie alle Steine entfernt hatte, nahm sie die braune Flasche. Jod sei das. Das kannte ich nicht. Es brannte. Und da kamen die Tränen. Sie hat mich getröstet. Sie machte mir ein Pflaster auf das Knie. Eigentlich war sie sehr lieb da. Ich ging zum Tisch zurück.

Du hast mich nicht angeschaut. Du hast kein Wort zu mir gesagt. Du redetest mit den anderen weiter. Ich konnte das nicht einordnen. Es verunsicherte mich. Ich weiss nicht mehr, ob danach noch was kam. Erinnerst du dich noch an diesen Tag?

(«Alles aus Liebe», XX)