Eine Geschichte: Fressmonster (XXXXII)

Lieber Papa

Die Sonne schien weiter. Als ob nichts wäre. Während unsere kleine Welt durcheinandergewirbelt wurde, drehte die grosse weiter. Ungebremst, ungestört, unbetroffen.  Wie wenig der einzelne in ihr doch zählt. Meine Welt ist noch kleiner geworden. Plötzlich bricht so viel weg. Kontakte werden weniger, weil meine Zeit fehlt.

«Du musst dich nicht mehr melden.»

Sagte mir eine Bekannte, weil ich wegen eines Arzttermins kurzfristig ein Treffen absagen musste. «Du hast ja eh nie Zeit.» Am Ende ist man wohl immer allein. Interessen traten in den Hintergrund, weil nur noch eines zählte. Mir fällt ein Satz von Erich Fried ein:

«Für die Welt bist du irgendjemand, aber für irgendjemand bist du die Welt.»

Auch wenn er ihn in einem anderen Zusammenhang dachte, passte er für mich. Meine Welt drehte nur noch um dich. Und den Krebs. Als ob dieser sich nicht nur in dich hinein, sondern die Welt gleich mit frässe. Krebs hat wohl nie nur einer allein, er durchdringt alle.

Die erste Chemotherapie stand an. Bislang nur ein Wort, etwas, das andere betraf. Nun zentraler Punkt in meiner Welt. Und dann:

«Wir werden nicht operieren.»

Ich verstand nicht. Es hiess doch, das sei der nächste Schritt, wenn keine Metastasen vorhanden sind. Und die gäbe es nicht.

«Wir haben uns anders entschieden.»

Ich schaute dich an. Du nicktest nur still. Ich fragte nach, wollte verstehen. Der Arzt wurde ungeduldig. Du schautest traurig. Worte schienen dich Kraft zu kosten, auch wenn andere sie aussprachen. So schwieg ich. Wir gingen in dein Zimmer zurück.

«Die wissen schon, was sie tun.»

Sagtest du. Glaubtest du das wirklich? Oder war es für dich der beste Weg? Weil dafür keine weiteren Worte nötig waren? Ruhe einkehrte?

«Bestimmt!»

Sagte ich. Und glaubte es nicht.

Sie wollten eine neue Therapieform probieren. Bald erfuhren wir auch den Grund: Metastasen. In Herz, Hals und Hirn. Der Krebs hatte Sinn für Alliterationen, nur mir war jeglicher Sinn für die Poesie des Lebens abhandengekommen.

Ich schaute dich an. Du schienst noch kleiner geworden zu sein. Nicktest noch immer. «Ja.» Sagtest du leise, während in mir alles laut «NEIN!!!!» schrie. Du schienst wie weggetreten. Als ginge dich das alles nichts an. Als sprächen wir hier über jemand anders. Das wäre schön.

Das wäre nun wieder so eine Situation, in der ich dich angerufen hätte. Du hättest mir einen deiner immer gleichen Ratschläge gegeben, die ich nie umgesetzt habe und doch froh war, sie zu hören. Es waren wohl mehr dein Dasein und deine Stimme, die mir halfen. Ich fühlte mich, wenn ich dich hörte, nicht mehr allein mit all dem, was mich gerade noch belastet hatte. Nun war ich es. Allein.

Nun war es also Tatsache. Wir hatten Krebs. Wir, die wir nicht krank werden. Wir, die wir nie Probleme haben und sie vor allem nicht zeigen. Wir, denen es doch gut gehen musste. Wir, die wir alles unter den Teppich kehrten. Nun war da plötzlich etwas, das nicht mehr drunter passte. Etwas, das zu gross war.

Eine Geschichte: XXXXI Glück?

Lieber Papa

«Sie haben etwas gefunden.»

Das waren Mamas Worte am Telefon. Ich ahnte Böses und fragte doch. In mir schrie alles «Krebs».

«Auf der Lunge. Sie machen eine Biopsie. Morgen ist ein Gespräch mit dem Arzt. Kommst du?»

Wieder die gleichen Menschen an der Bushaltestelle, ich eine von ihnen. Die täglichen Fahrten waren zu einem neuen Alltag geworden. In der Nacht hatte ich getan, was man in einer solchen Situation vermeiden sollte: Ich hatte über Lungenkrebs recherchiert. Nun wusste ich viel. Zu viel.

Im Zug steuerte ich zielgerichtet meinen Stuhl an. Ich grüsste die Menschen um mich. Wir kannten uns von den täglichen Fahrten. Ich war der Neuling, die anderen die Alteingesessene. Aber ich gehörte nun auch dazu. Ein neues Gefühl.

«Du musst nicht immer kommen. Es ist so weit. Du hast doch auch anderes zu tun.»

«Nun geht es um dich, Papa. Das ist wichtig.»

Du wusstest, wie ungern ich reise. Wie schwer mir das sonst fiel. Als du gesund warst, kam ich selten, weil mir der Weg zu beschwerlich war. Und ja, ich hatte wirklich immer zu viel um die Ohren mit diversen Jobs und Baustellen. Die waren nicht weg und doch war alles anders. Ich wusste, dass es dir etwas bedeutete, wenn ich kam. Und so war es auch für mich.

Ich sah Mama schon von weitem. Sie wartete vor dem Krankenhaus auf mich. Wir begrüssten uns wie immer. Distanziert.

«Danke, dass du gekommen bist. Mich überfordert das alles.»

«Kein Problem. Das ist selbstverständlich.»

Ich meinte es so. Wir holten dich in deinem Zimmer ab und setzten uns ins Zimmer des Arztes.

«Da sitzen wir nun.»

Hörte ich dich sagen. Mehr fiel keinem ein. Keiner traute sich, zu sagen, was er dachte. Als wäre das Aussprechen der Ängste und Möglichkeiten schon der erste Schritt, Tatsachen zu schaffen.

«Was ist, wenn es Krebs ist? Kann man etwas tun? Wirst du sterben? Wie viel Zeit haben wir noch?»

Und vor allem:

«Wie soll ich weiterleben ohne dich?»

All das sagte ich nicht. Ich schwieg. Erzählte dann von der Busfahrt. Vom Wetter in Zürich. Vom Zug. Smalltalk wie bei einer Party an einem lauen Sommerabend.

Die Tür ging auf, der Arzt kam herein. Er schaut uns an.

«Wir haben nun die Untersuchung gemacht.»

Pause. Wieso rückte er nicht raus? Das hier war kein Thriller und wir brauchten keine künstliche Spannung.

«Es ist Krebs.»

Scheisse. Ich sagte es nicht. Wir schwiegen. Schauten ihn nur an. Warteten.

«Aber wir sind in der glücklichen Lage, dass er nicht gestreut hat. Wir werden ihn mit Chemotherapie behandeln, damit der Tumor kleiner wird, um ihn dann operativ zu entfernen. Das sollte kein Problem sein.»

Krebs und Glück. Was für eine Kombination. Ich nickte.

«Das klingt doch schon mal gut.»

Sagte ich und glaubte es nicht. Ich wollte es wohl glauben. Und ich wollte, dass du es glaubst. Schliesslich mussten wir nun an das Gute glauben, den Rest hatten wir frei Haus geliefert bekommen. Daran mussten wir nicht mehr glauben. Das war schon da.

«Wie geht es nun weiter?»

Der Arzt erklärte das Vorgehen, es erschien mir nicht logisch, aber Krebs hatte wohl keine Logik. Für einmal konnte ich mich nicht hinter Theorien und logischem Denken verkriechen. Ich musste akzeptieren, dass wir keine Wahl hatten.

«Gut, dann machen wir das so.»

Ich sagte wir. Dabei warst du es. Du schwiegst. Nicktest nur leicht mit dem Kopf. Ein leises Begreifen des Ausmasses? Irgendwie schienen wir plötzlich alle krank. Du tatsächlich und wir als Co-Kranke.

«Leider wissen wir noch nicht, wie es zu den Sprachaussetzern gekommen ist. Den Lungenkrebs haben wir nur per Zufall entdeckt, als wir die Ursache für die Hirnschläge suchten.»

«Dann kann das jederzeit wieder passieren?»

«Theoretisch ja.»

Da war etwas in dein Leben gekommen, hatte dir, der du eh schon ein Schweiger warst, die Sprache genommen. Und nun suchten wir alle nach Worten, damit umzugehen. Und sie wollten sich nicht einfinden. Nicht die richtigen. Die gab es nicht.

(«Alles aus Liebe», XXXXI)

Eine Geschichte: Das wird wieder gut (XXXX)

Lieber Papa

Das fühlte sich alles nicht gut an. All die offenen Fragen. So viel, das ich nicht verstehen konnte. Gerade war alles noch gut gewesen. Und nun? Stand alles in der Schwebe. Ich konnte nichts tun. Dir nicht helfen. Nichts sagen, denn alles wirkte nur platt.

«Das wird schon wieder.»

«Du schaffst das.»

Würde ich es aussprechen, sprach ich auch die Möglichkeit an, dass es nicht so sein könnte.

«Das wird schon wieder gut.»

Hörte ich plötzlich von dir. Wie konntest du so etwas sagen?

Dann schwiegen wir beide. Tauschten höchstens ein paar Belanglosigkeiten aus, weil alles andere unpassend erschien. Zudem schien es, als ob nichts wirklich zu dir durchdrang. Als wärst du in einer grossen Blase von Unsicherheit und Fragen gefangen.

Ich erinnere mich, wie du immer gesagt hattest, dass man nie ins Krankenhaus gehen solle. Die fänden da immer etwas und danach sei man wirklich krank, sagtest du. Ich fragte mich, was sie wohl bei dir finden werden. Was hatte dir aus dem Nichts die Sprache verschlagen?

«Das wird wieder gut.»

Du sagtest es nochmals. Und ich wusste nicht, ob du mich oder dich überzeugen wolltest. Vielleicht beide.

«Bestimmt!»

Sagte ich und glaubte es nicht. Hoffte es aber.

«Es muss!»

Sagte ich.

Dann verliess ich das Krankenhaus. Ich rannte fast, als sei ich auf der Flucht. Als liesse sich all das abschütteln. Ich lief durch Strassen und Gassen, vorbei an Läden und über den Fluss hin zum Bahnhof. Ich war blind für alles um mich, lief wie in einem Tunnel aus Gedanken, Gefühlen und Ängsten.

Ich stieg in den Zug. Fuhr weg von dir. Nahm nur die Trauer mit.  

(«Alles aus Liebe», XXXX)

Eine Geschichte: Die erste Reise (XXXIX)

Lieber Papa

Ich musste zu dir. So schnell wie möglich. Um 7 Uhr stehe ich an der Bushaltestelle. In meiner Tasche ein Buch, ein Notizbuch und in mir angespannte Unsicherheit und Nervosität. Was erwartet mich? Wie treffe ich dich an? Normalerweise sitze ich um diese Zeit zu Hause an meinem Pult und schreibe die ersten Zeilen des Tages oder kümmere mich um Administratives. Bislang dachte ich, das seien die schlechten Tage, solche, an denen mir nichts einfallen will. Da merkte ich, dass auch das gute Tage sind, denn ein wirklich schlechter Tag war heute. Nun ging es nicht um Schreiben oder nicht Schreiben, nun ging es um dich.

Ich ging nicht allein auf Reisen, an der Bushaltestelle standen viele Leute, vermutlich auf dem Weg zur Arbeit. Sie schienen geübter im Stehen und Warten. Eine Routine, die ich nie gekannt hatte im Leben, da ich mich immer auf eigenen Wegen und im eigenen Rhythmus durchs Leben bewegt habe. Die anderen grüssen einander, nicken sich zu. Alte Bekannte der täglichen stummen Begegnung, ein «auch wieder da» im Blick. Nicht als Frage, sondern als Bestätigung des gewohnten Alltags. Das, was bei mir gerade aus den Angeln gehoben worden war.

Dann sass ich im Bus und schaute raus. Mein Blick erfasste nichts. Fand keinen Halt. Er ging durch die Dinge hindurch ins Leere. Was dachte ich? Was fühlte ich? Ich konnte es nicht fassen. Es war un-fassbar. Und ich fassungslos.

Am Hauptbahnhof stieg ich aus, konnte mich mit dem Menschenstrom treibenlassen, war mitgenommen. Überall so viel Leben. Und dessen Ende als dunkle Angst in mir. Ich fühlte mich wie eine einsame Insel in einem wogenden Ozean. Ein Gefühl, das mir auch sonst nicht fremd ist.

Als ich den Zug bestieg, waren erst wenige Plätze besetzt. Die noch freien füllten sich langsam. Später würde ich wissen, dass hier jeder seinen Platz hat. Dann würde auch ich meinen haben. Ich packte mein Buch und mein Notizbuch aus, legte es vor mir auf den Tisch. Das sah aus, als ob ich viel vor hätte. Wie dieser Schriftsteller, der morgens in den Zug steigt und dann schreibend durch die Schweiz fährt. Ich schrieb nicht.Ich fuhr zu dir. An dem Tag wusste ich noch nicht, dass ich einige Jahre weder lesen noch schreiben können würde. Als hätte Mamas Anruf dem einen Riegel vorgeschoben.

Irgendwann stand ich vor deiner Zimmertür. Beim Gehen durch die Gänge war ich immer langsamer geworden. Als ob das Hinausschieben helfen könnte. Oder alles nicht wahr sei, wenn ich es nicht mit eigenen Augen sehen würde. Ich klopfte leise. Öffnete vorsichtig die Tür. Linste durch den Spalt. Sah dich da liegen. Du drehtest deinen Kopf zu mir und lächeltest mich an. Wie müde du aussahst. Die Arme seltsam mager. In meiner Erinnerung waren sie kräftig. Mit zupackenden Händen.

«Hallo Papa»

Im Zug schwirrten mir so viele Gedanken und Fragen durch den Kopf. Nun kam mir nichts mehr in den Sinn. Passte nicht. Kam mir zu aufdringlich vor. Oder hatte ich Angst, auf die Fragen Antworten zu kriegen, die ich nicht hören wollte? Das war sonst eigentlich deine Taktik. Ich fand sie plötzlich gut.

«Wie fühlst du dich?»

«Eigentlich gut.»

Klar, drum lagst du da. Aber ja, ich hatte gefragt.

«Konntest du schon mit den Ärzten sprechen? Was sagen sie?»

«Sie haben keine Ahnung, was los ist. Sie wollen alles genau untersuchen. Ich muss die ganze Woche hierbleiben.»

Ich ahnte, was das für dich bedeutete. Und: Das würde nicht meine letzte Reise gewesen sein.

(«Alles aus Liebe», XXXIX)

Jedes Kind ist ein Künstlern – Kindern die Welt der Kunst zeigen

„Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.“ (Pablo Picasso)

Wenn ich als Kind mit meinen Eltern unterwegs war, wussten sie, dass ich still und zufrieden bin, wenn ich ein Blatt Papier und Stifte hatte. Ich liebte es, zu zeichnen. Ich zeichnete alles, was ich um mich sah: Häuser, Tiere, Menschen, Blumen. Es entstanden die wohl typischen Bilder, wie sie Kinder. oft zeichnen. Ich kannte nichts anderes, schuf die Bilderwelten quasi aus mir selbst. Das hat durchaus viel für sich, doch wie viel grösser und bunter wären meine Bilderwelten vielleicht geworden, hätte ich gesehen, welche vielfältigen Möglichkeiten es noch gibt, Dinge zu malen oder zeichnen? Leider erschloss sich mir die Welt der Kunst erst spät. Schade eigentlich.

Gerade Kinder lieben es, in neue Welten einzutauchen. Sie sind neugierig, phantasievoll und offen für neues. Wie leicht lassen sie sich begeistern und inspirieren. Heute weiss man, wie wichtig Kunst für Kinder sein kann. Sie fördert nicht nur Kreativität und Ausdrucksfähigkeit, beim Malen, Basteln und Kreieren lernen Kinder auch viel über ihre Emotionen und Gefühle kennen, sie lernen, einen Ausdruck dafür zu finden. Und: Sie üben sich ohne Anstrengung in Genauigkeit und Ausdauer, da es mitunter eine Weile dauert, bis ein Kunstwerk fertig ist. Dass auch die Feinmotorik geschult wird, ist noch das Sahnehäubchen.

Zum Glück gibt es heute wunderbare Bücher, die Kindern die Welt der Kunst altersgerecht eröffnen. Ein paar Beispiele möchte ich hier nennen:


Monica Brown, John Parra: Frida Kahlo und ihre Tiere
4-6 (Nord Süd Verlag 2017)

Dieses wunderbare Buch gibt Einblicke in das Leben und Malen einer der bekanntesten Künstlerinnen der Gegenwart: Frida Kahlo. Nicht nur malte sie immer wieder sich selbst, auch ihre Tiere, die ihr sehr wichtig waren, fanden Eingang in ihre Bilder. Die Farben des Buches nehmen die Farben aus Fridas Welt auf. Ein Buch, das dazu anregt, gleich selbst einen Pinsel oder Stifte in die Hand zu nehmen und die Welt rundherum auf Papier zu bringen.

Christine Ziegler, Stephanie Marian: Kunstfresser – aus dem Leben einer Museumsmotte,
5-9, (Südpol Verlag GmbH 2021).
Die Museumsmotte Heribert macht mit seiner Nichte Jolinde einen Ausflug ins Museum und zeigt ihr, wie spannend die Welt der Kunst ist. Er erklärt ihr, was Kunst ist und wie sie entsteht. Er führt sie dafür durch die Räume des Museums und die Geschichte der Kunst. Und immer wieder gibt er Hinweise, wie Jolinde selbst solche Kunstwerke schaffen könnte. Eine schöne Inspiration für Kinder, es auch auszuprobieren.

Samantha Friedman, Cristina Amodeo: Matisse und sein Garten
5-7, (Diogenes Verlag 2017)

Matisse war schon alt und krank, lag mehrheitlich im Bett und das Malen fiel im schwer. Da kam er auf die Idee, Silhouetten aus farbigem Papier auszuschneiden. Eine neue Kunst war entstanden. Das Buch erzählt die Geschichte von Matisse und dessen Kunst auf eine kindgerechte Weise. Die liebevollen Illustrationen erinnern mit ihren klaren Formen an die Bilder von Matisse. Eine schöne Anregung für Kinder, gleich selbst zur Schere zu greifen und eigene Kunstwerke zu machen.

Michael Bird, Kate Evans: Vincents Sternennacht (Kunst für Kinder): Eine Kunstgeschichte für Kinder,
10+ (Midas Verlag 2023)

Seit es Menschen gibt, gibt es wohl auch Kunst. Es gibt Funde, die tausende Jahre alt sind und davon zeugen. Doch: Was ist Kunst und wie hat sie sich in den vielen Jahren verändert? Dieses Buch bietet einen gut verständlichen Überblick über die Geschichte der Kunst, es erzählt von einzelnen Künstlern und ihrem Schaffen. Dabei liefert der Kunsthistoriker Michael Bird aber nicht nur trockene Fakten, sondern immer auch lebendige Geschichten aus dem Alltag einzelner Künstler. Begleitet werden die informativen Texte durch die liebevollen Illustrationen von Kate Evans. Die schöne und hochwertige Buchgestaltung rundet das Ganze ab und macht, dass das Buch nicht nur für Kinder und Jugendliche ein Hingucker ist.

Sarah Hull: Ist das Kunst?
9+ (Usborne Publishing 2021.)
Was ist eigentlich Kunst und wie arbeiten Künstler? Wieso gefällt mir ein Bild und ein anderes nicht? Ist das überhaupt wichtig? Fragen wie diesen geht Sarah Hull in ihrem Buch nach. Sie zeigt, dass Kunst nicht nur Bilder, sondern auch Skulpturen und weitere Formen beinhaltet. Es bietet Einblicke in eine vielfältige Welt, die nicht immer einfach zu durchschauen ist. Sehr empfehlenswert.

Monica Foggia, Giovanni Gastaldi: David Hockney. Der letzte Maler
10+ (Midas Verlag 2023)

David Hockney ist einer der wohl bekanntesten gegenwärtigen Künstler. Nicht nur seine früheren Bilder sind vielen bekannt, auch seine neuen Kunstwerke, die auf dem iPad entstehen, deuten auf einen kreativen und Neuem gegenüber aufgeschlossenen Künstler hin. In dieser Graphic Novel erzählt ein fiktiver Museumswärter David Hockneys Leben und Schaffen im Zusammenspiel mit dessen Werken, die in einer Retrospektive Tags darauf gezeigt werden sollen. Ein informatives, spannendes Buch nicht nur für junge Lesende.

Nun steht auch dem nächsten Museumsbesuch mit den kleinen Kunstexperten nichts mehr im Weg. Wie toll ist es doch, die Bilder, die sie aus Büchern kennen, plötzlich an den Wänden zu entdecken.

Eine Geschichte: Der Anruf (XXXVIII)

Lieber Papa

Da sind wir nun also. Schlagen ein neues Buch auf. Eines, in dem alles dreht. Und doch bleibt. Du erinnerst dich nicht an das, was nun kommt. Zwar hast du es erlebt, aber nur für dich. Du hast wenig davon gesprochen. Es reichte wohl schon, dass es so war, darüber reden musste man nicht auch noch. Ich möchte dir dennoch erzählen, wie ich es erlebt habe. Weil da noch so viele Gedanken sind.

Alles fing mit einem Anruf an.

«Papa wurde abgeholt.»

Hat Mama gesagt. Ich wusste nicht, was ich sagen soll. Also blieb ich still. Hörte ein paar Wortfetzen.

«Nicht mehr sprechen können…»

Das ist bei mir angekommen mir geblieben. Und löste Schlagworte aus. Wie «Hirnschlag». Und dann kamen die vielen Folgegedanken. Ich wollte die nicht haben.

Gerade noch haben wir telefoniert. Ich habe dich angerufen. Weil ich verzweifelt war. Und ich dich in solchen Situationen immer anrief. Weil ich wusste, du hörst zu. Und findest die richtigen Worte. Danach ist zwar nicht alles gut, aber ich bin wieder ruhiger. Das hast du immer geschafft.

Und nun ist da diese grosse Frage in meinem Kopf:  

«Bin ich schuld?»

Habe ich dich zu sehr aufgeregt? Mit meinem Drama. Mit meinem Leben, das nicht in geraden Bahnen läuft. Mit meinem So-Sein, das du nicht verstehst. Es kommt mir immer ein wenig vor, als sei es eine Zumutung ist für dich. Und irgendwo in mir sagte eine Stimme:

«Nun geht es zu Ende.»

Ich wollte das nicht denken. He, wir hatten doch einige brenzlige Situationen in letzter Zeit. Immer hiess es, dass du das nicht schaffst. Weisst noch? Die Borreliose, als du so lange im Komma lagst? Oder der Darmverschluss? Auch Komma. Ich wusste tief drin, dass du es schaffst. Und: So war es. So wollte ich auch jetzt denken. Dass du es schaffst. Dass das wieder wird. Es geht nicht. Die andere Stimme bleibt hartnäckig.

Ich stand neben mir. Kaum hatte Mama aufgelegt, hämmerten 1000 Fragen im Stakkato in meinem Kopf. Keine Antworten. Und dann kam die Angst.

Ich ging ins Bett, wollte die Welt ausschliessen, wollte in tiefen Schlaf versinken. Er blieb aus. Die Gedanken rasten. Ich wollte in den Zug steigen und zu dir fahren. Ich musste bleiben.

«Wir können nichts tun.»

Hat Mama gesagt.

«Wir müssen abwarten.»

Wie ging es dir in dem Moment? Was hast du gefühlt? Hattest du Angst? Fühltest du dich allein? Hätten wir nicht bei dir sein müssen?

Das war das Schlimmste. Diese Hilflosigkeit. Dieses Verdonnertsein zum Nichtstun. Diese Angst. In so einer Situation hätte ich sonst dich angerufen. Das ging nun nicht.

(«Alles aus Liebe», XXXVIII)

Bücherwelten: Buchtipps und mehr

„Lass die Realität eine Realität sein. Lass die Dinge auf natürliche Weise vorwärts fließen, wie sie wollen“. Lao Tzu

Heraklit sagte, dass nichts so beständig sei wie der Wandel. Dieser Gedanke findet sich bei vielen Philosophen wieder und schaut man in die Natur, sieht man das Prinzip der Veränderung vor sich. Nichts bleibt, wie es ist, alles kommt, bleibt und vergeht. So auch beim Menschen.

„Das Geheimnis des Wandels besteht darin, seine ganze Energie nicht auf den Kampf gegen das Alte, sondern auf den Aufbau des Neuen zu richten.“ – Sokrates

In meinem Leben hat es auch eine Verlagerung gegeben. Nachdem lange das Wort und Bücher im Mittelpunkt standen, habe ich mich mehr zu Farben und Bildern hingewandt. Trotzdem gibt es da draussen wunderbare Bücher, die ich wichtig und gut und lesenswert finde.

  • Philipp Hübl: Moralspektakel – wieso Moralismus oft mehr mit Selbstprofilierung zu tun hat
  • Yuval Noah Harari: Nexus – die Tücken des technischen Fortschritts und welche Entscheidungen nun anstehen
  • David Terwiel: Freundschaft als Beziehung zur Welt – wie Hannah Arendts begriff der Freundschaft als Schule der Pluralität uns gesellschaftlich und politisch helfen kann
  • Wolfram Eilenberger: Geister der Gegenwart – was uns die grossen Denker der jüngsten Gegenwart auch heute noch zu sagen haben
  • Anselm Grün: Alles in allem. Was letztlich zählt im Leben – persönliche und tiefgründige An- und Einsichten eines Menschen, der ungebrochen neugierig und offen für das Leben ist.

Kennt ihr schon eines davon?

Habt einen schönen Tag!

Eine Geschichte: Nun ist alles gut (XXXVII)

Lieber Papa

Kürzlich las ich ein Buch von Paul Auster. Darin schrieb er diesen Satz:

„…weil du immer geglaubt hast, er würde ein hohes Alter erreichen, hat es dich nie gedrängt, den zeitlebens zwischen euch hängenden Nebel zu lichten.“

Ich dachte an dich. An uns. Wir haben auch geschwiegen. Sassen im Nebel und sahen nicht hindurch. Wir dachten wohl nicht, uns bliebe noch Zeit. Das Schweigen war unsere Heimat, der vertraute Ort, an dem wir uns immer trafen.

Die Sprachlosigkeit war ein eingeübtes Verhalten, ein antrainiertes, vereinbartes Miteinander. Sie entsprach nicht meinem Naturell. Ich musste sie annehmen. Akzeptieren. Anwenden. Sie wurde aus der Erfahrung geboren, dass du keine Worte hören willst. Zumindest keine Widerworte. Oder unangenehmen Worte. Oder unbequemen Worte. All die hatten auszubleiben. Versuchte ich es anfangs noch, gab ich bald auf.

„Heute reden alle ständig und zu viel. Darum gibt es so viel Streit.“

So dachtest du. Und schwiegst. Ich wollte keinen Streit. Nicht zwischen uns. Früher nicht, jetzt erst recht nicht. Wenn ich doch ab und zu wieder einen Versuch unternahm, etwas Schwieriges ansprach, etwas erwähnen und besprechen wollte, das nicht gut gelaufen war, kam die immer gleiche Antwort von dir:

„Wir hatten es gut.“

Und:

„Alles war schön.“

Damit war alles gesagt. Das Thema war beendet, bevor ich es richtig angesprochen hatte.

Nun konnte ich nicht mehr schweigen. Ich schrieb dir all diese Briefe. Und immer wieder fragte ich mich, ob es richtig ist. Was bringt es, dir nun noch sagen zu wollen, dass es eben für mich nicht nur gut und schön war? Wieso soll ich dir deine Sicht nehmen? Aber ja, manchmal frage ich mich auch, ob du das wirklich glaubst. Dass alles gut war. Ich kann es kaum glauben. War das nicht nur dein Schutzschild, um nicht hinschauen zu müssen? Vielleicht sogar Fehler zugeben zu müssen?

Und dann denke ich wieder: Was soll’s. Es ist vorbei. Es war, wie es war. Und nun ist es gut.

Ende Teil 1

(„Alles aus Liebe“, XXXVII)

Kreatives: Neue (alte) Wege gehen

„Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe, ohne beunruhigende und sich aufdrängende Gegenstände, von einer Kunst, die für jeden Geistesarbeiter, für den Geschäftsmann so gut wie für den Literaten ein Beruhigungsmittel ist, eine Erholung für das Gehirn, so etwas wie ein guter Lehnstuhl, in dem man sich von physischen Anstrengungen erholen kann.» Henri Matisse

Geistesarbeiter und Literaten, in diese Reihen habe ich mich über lange Zeit eingeordnet und bin als solche auch aufgetreten. Ab und zu kam etwas anderes hoch, was ich aber nach kurzer Zeit wieder ignorierte. 

«Ich fand heraus, dass ich mit Farben und Formen Dinge ausdrücken konnte, die ich auf andere Weise nicht sagen konnte – Dinge, für die ich keine Worte hatte.» Georgia O’Keeffe

Und da sass ich plötzlich. Die Worte schienen mir ausgegangen. Das ist mir schon ein einige Male passiert und immer wandte ich mich den Farben und Formen zu, blühte darin auf. 

Bis ich alles wieder abstellte, in den Keller verbannte, weil ich mir selbst nicht traute und die alten Glaubenssätze «du bist nicht gut genug», «was werden auch die anderen denken», und dergleichen mehr als Mantras nutzte, die mich behinderten. Ich hoffe, ich kann die Hürde dieses Mal überwinden. 

«Ein Bild soll für mich immer dekorativ sein. Wenn ich arbeite, versuche ich nie zu denken, nur zu fühlen.» Henri Matisse

Es wird hier einen Wechsel geben, der nicht allen zusagt. Ich habe lange überlegt, ob ich eine neue Seite eröffnen soll, mich aber dagegen entschieden nun. Dann müsste ich zwei führen und das kann ich nicht. So freue ich mich über jeden von euch, der bleibt. Den anderen danke ich für die gemeinsame Zeit. 

Meine Geschichte wird noch bis am 31. Dezember weiterlaufen, mit dem alten Jahr nimmt auch sie ein Ende. Ich werde schon bis dahin dann und über Kunst und Kreativität schreiben. Mal sehen, wohin die Reise führt und wer sie begleitet. Sollte sich jemand von der Mailliste austragen wollen, bitte keine Mail oder Kommentare schreiben, weil ich das nicht machen kann. Bei WordPress kann man in der Verwaltung der eigenen Einstellungen die abonnierten Blogs anpassen.

Habt einen guten Tag!

Bücherwelten: Wolfram Schneider-Lastin (Hg.): Fragen hätte ich noch

Geschichten von unseren Grosseltern

Vor nun über zwei Jahren begann ich damit, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Ich hatte keine Ahnung, wohin das führen würde, ich schrieb einfach alles auf, das mir in den Sinn kam. Irgendwann war ich fertig. Ich brachte alles in eine Form, überarbeitete, schrieb um, steckte alles in die Schublade, holte es wieder raus, schrieb wieder um. Und dann stellte ich alles Teil für Teil in meinen Blog. Die Geschichte läuft noch bis Ende Jahr. Dann ist alles ausgezählt. Und irgendwie doch nur ein Bruchteil. Würde ich es nochmals machen? Ich glaube nicht. Vor allem das Veröffentlichen würde ich wohl unterlassen, auch wenn ich sehr bewegende und berührende Rückmeldungen erhielt. 

«Der Stein, den ich ins Wasser geworfen hatte, schlug Wellen.» Wolfram Schneider-Lastin

Ich habe in dieser Zeit viele Memoirs und Erinnerungsbücher gelesen, eines fiel mir ganz besonders auf: Wolfram Schneider-Lastin hat verschiedene Autoren und Autorinnen eingeladen, über ihre Grossmütter und Grossväter zu schreiben. 

«Meine Grossmutter Else passte nicht an diesen Ort. Stets schien sie am falschen Platz zu sein. Die westdeutsche Provinz, wohin sie die Wogen des 20. Jahrhunderts gespült hatten, blieb ihr fremd. Wie ein Schuh, der nicht passen wollte, war es nicht ihr Ort, nicht ihr Land und nicht ihre Zeit.» Andreas Kossert

Entstanden sind 30 persönliche, berührende, bewegende Geschichten und 30 Blicke in vergangene Zeiten und das Leben damals. Es sind Geschichten, die Einblicke gewähren und zum Nachdenken anregen, Geschichten, die an eigenes erinnern und die Vergangenheit lebendig werden lassen. 

Ein wunderbares Buch!

Eine Geschichte: Weiterleben (XXXVI)

Lieber Papa

Kürzlich las ich in einem Buch dieses Zitat:

«Ich war so traurig an diesem Abend; ich begriff mit einer Klarheit, wie nur zu wenigen anderen Zeiten meines Lebens, dass die Isolation meiner Kindheit, die Angst und die Einsamkeit, mich nie ganz loslassen würden. Meine Kindheit war ein einziger Lockdown gewesen.»
Elizabeth Strout

Weisst du, wie einsam ich mich oft fühlte als Kind? Von klein an? Immer jemandem im Weg. Immer von jemandem nicht gewollt. Da gab es diesen Tag, als Mama mir sagte:

«Ich weiss, dass Papa dich lieber hat als mich.»

Das kam aus dem Nichts. Es war eine einzige Anklage. Ich stand da. Wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte. Wie mir geschieht. Ich fühlte mich schuldig. Und traurig. Und allein. Ich hatte ihr etwas weggenommen. War das der Grund, dass sie mir gegenüber immer so distanziert war? Konnte sie mich drum nicht lieben? Weil ich ihre Feindin war? Nahm sie mich darum nie in den Arm? Fühlte sich darum alles, was sie tat, an, als erfülle sie eine Pflicht? Ich meine: Äusserlich ging es mir immer gut. Ich war warm angezogen, hatte zu essen, sie «kümmerte sich». Sie war eine Kümmermutter, keine liebende.

Vielleicht war das die gerechte Strafe für mich. Mich konnte man nicht lieben. Weil ich böse war. Ich stahl anderen die Liebe. Ich hatte keine Ahnung, aber ich versuchte, alles wieder gut zu machen. Ich wollte, dass sie glücklich ist. Und ich wollte, dass sie mich liebt. Ich versuchte, mich von dir fernzuhalten. Das war schwer, denn du warst alles, was ich hatte. Du warst der einzige, bei dem ich dachte, er wolle etwas mit mir machen. Und ich war gerne mit dir zusammen. Ich habe die Aussage nie mehr vergessen. Von da an fühlte ich mich immer zwischen den Stühlen. Ich wusste nicht, dass es noch schlimmer kommen könnte.

Erinnerst du dich? Wir fuhren zusammen zum Einkaufen. Mama und ich hatten mal wieder Streit gehabt. Keine Ahnung, weswegen. Du hast mir diesen Streit übelgenommen. In deinen Augen war ich dafür verantwortlich. Das war ich immer, wenn irgendwo etwas nicht gut lief. Das war immer nur so, weil ich war, wie ich war.

Ich erinnere mich so gut an alles. Du warfst mir an den Kopf, dass Mama wunderbar sei, dass sie alles für mich mache. Du schimpftest mich undankbar. Ich müsse mich ändern, weil es so nicht weitergehen könne. Und dann sagtest du diesen Satz, der mein ganzes Leben mit einem Schlag in Frage stellte:

«Deine Mutter ist mir das Wichtigste. Wenn du nicht endlich mit ihr klarkommst, kannst du gehen. Dann will ich dich nicht mehr hier haben.»

Kein Schlag, keine Ohrfeige hätte mich mehr treffen können.

Das war der Tag, an dem ich gefühlt alles verloren habe und keinen Sinn mehr sah im Leben. An diesem Abend sammelte ich alle Schlaf- und Schmerzmittel zusammen, die ich im Haus finden konnte. Es waren viele. Ich schluckte sie. Es sollte endlich alles vorbei sein. Ich schlief ein.

Erst viele Stunden später und mit viel Anstrengung habt ihr mich wieder einigermassen wach gekriegt. Mir war übel. Ich stand neben mir. Alles drehte sich. Die Beine wollten mich nicht mehr tragen. Aber ich lebte. Leider. Nur in mir war etwas gestorben.

(«Alles aus Liebe», XXXVI)

Gedankensplitter: Blumen überall

«There are always flowers for those who want to see them.» Henri Matisse

Gestern kam der Schnee und hüllte die Welt in eine märchenhafte Stille. Wo vorher noch Farben und Lärm und Unruhe war, breitete sich eine alles überdeckende Ruhe ein. Durch die Fenster sah ich die Schneeflocken tanzen, die Lichter verwandelten sie in funkelende Sterne, die vom Himmel fielen. Hätte ich nicht gewusst, dass ich später noch heimfahren muss mit dem Auto, hätte ich es noch viel mehr genossen. 

Als ich heute Morgen aufwachte, schaute ich in eine tief verschneite Winterlandschaft. Und selbst wenn ich den Winter nicht wirklich mag, weil er mir zu kalt ist, so verzaubern mich diese Momente doch immer wieder aufs Neue. 

Blumen sieht man draussen keine mehr, zum Glück steht bei mir zu Hause ein wunderbarer Blumenstrauss in den buntesten Herbstfarben, so dass mein Leben doch bunt bleibt. Vielleicht ist es ja immer so: Wenn man das Leben farbig will, muss man selbst zur Farbe greifen. 

Habt einen schönen Tag!

Eine Geschichte: Hoffnung (XXXV)

Lieber Papa

Nun war ich also im Krankenhaus. Du warst gegangen. Ich war allein. Und fühlte mich unsicher, aber voller Hoffnung. Ich hoffte, dass sie mir einen Schlüssel aus meinem Gefängnis geben könnten. Dass sie einen Weg kennen, der hinausführt. In die Freiheit. Wie falsch ich doch lag.

„Sie sind bei uns auf der medizinischen Abteilung. Wir kennen uns leider mit Ihrer Thematik nicht aus.“

Mit diesen Worten begrüssten sie mich und fuhren fort:

„Auf der Kinderabteilung hätten sie wohl mehr Erfahrung, doch die sind voll belegt.“

Sie erzählten noch etwas davon, dass sie etwas versuchen wollen, guten Mutes seien und notfalls in der Kinderabteilung nachfragen würden. Und ich wäre am liebsten rausgerannt. Dann führten sie mich durch einen langen Gang. Durch die offenen Türen hörte ich Menschen husten und stöhnen. Auf dem Gang schoben alte Männer mit offenen Hemden ihren Rollator spazieren. Ich fühlte mich im falschen Film.

Sie wählten die Methode Zuckerbrot und Peitsche. Ich hatte ein Einzelzimmer, Fernsehen, Bücher, Telefon, Radio, Besuch, Essen à la carte und Freigang. Nahm ich brav zu, blieb alles, wie es war, tat ich es nicht, strich man etwas von diesem Angebot. Zuerst den Freigang. Dann den Besuch. Dann das Telefon. Die Bücher. Den Fernseher. Und so sass ich irgendwann allein und ohne nichts in meinem Bett. Mit Magensonde. Eigentlich hätte ich nun spätestens zunehmen müssen. Eigentlich. Aber: Ich hatte gelernt, die Sonde selbst rauszuziehen und wieder reinzuschieben. Ich kam mir so clever vor, dabei beschiss ich mich nur selbst. Sie standen mit Fragezeichen da, ich sass weiter in diesem neuen Gefängnis fest. Irgendwann merkte ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich nahm bis zu einem Mindestgewicht zu, dass ich mein Telefon wieder bekam. Dann rief ich dich an – erinnerst du dich?

„Papa, hol mich hier raus.“

Es war so schön, deine Stimme zu hören. In ihr lag eine Mischung aus Freude und Erstaunen. So stelle ich mir das vor, ich erinnere mich nicht. Ich weiss nur, dass du fragtest

„Wieso, entlassen sie dich?“

„Nein, aber ich halte das hier nicht mehr aus.“

Du warst nicht begeistert. Ich solle Geduld haben. Sagtest du. Ich müsse ganz gesund werden. Fandest du. Es sei zu früh. Befürchtetest du.

„Ich bin zwar schwerer als beim Eintritt, aber im Kopf geht es mir schlechter. Bitte Papa. Ich schaffe es zu Hause. Ich verspreche es!“

Du hast mir geglaubt. Und du kamst. Und hast dich eingesetzt. Für mich. Du sprachst mit den Ärzten. Sie drohten. Sie malten tausend Teufel an die Wand. Du bliebst stark. Für mich. Und du nahmst mich mit nach Hause.

Auf alle Fälle war ich wieder zu Hause. Und das war gut. Nicht, dass es einfach gewesen wäre. Ich habe mit Verstand und Logik versucht, diese Krankheit zu überwinden. Ich rechnete, plante und organisierte. Essen war dominant. Aber ich nahm nicht mehr ab. Und irgendwann sogar zu. Der Essensplan, den ich mir aufstellte, war rein auf meine Gelüste und Vorlieben ausgerichtet. Gesund war das sicher nicht. Sicher gesünder als verhungern. Du hast mich unterstützt. Du hast mich alles ausprobieren lassen. Erinnerst du dich, wie wir regelmässig ganze Früchtekuchen beim Bäcker holten, die ich dann nach ausgeklügeltem Zeit-Plan ass? Oder wie ich Diäten umkrempelte, weil ich dachte, was zum kontrollierten Abnehmen hilft, müsste auch umgekehrt gehen. Die Kontrolle war wichtig. Die konnte ich nicht loslassen. Aber es ging. Irgendwie. Immerhin hatte ich irgendwann wieder ein Gewicht, das nicht mehr besorgniserregend war.

Papa, ich schreibe dir das und ich weine dabei. Ich denke an dich und wie oft du für mich gekämpft hast. Für mich da warst. Dich für mich eingesetzt hast. Du. Immer du. Du warst mein Fels. Mein Alles. Der starke Papa, auf den ich bauen konnte.

(«Alles aus Liebe», XXXV)

Ulrich Schnabel: Zusammen


Wie wir mit Gemeinsinn globale Krisen bewältigen

«Kein Mensch ist eine Insel, begrenzt in sich selbst;
jeder Mensch ist ein Stück vom Kontinent, ein Teil aus dem Ganzen;» John Donne

Ulrich Schnabel ist ein wichtiges Buch gelungen. Er ruft dazu auf, uns wieder bewusst zu werden, dass wir nur gemeinsam unsere Welt zu einer besseren machen können. Er zeigt anhand von Studien und wissenschaftlichen Erkenntnissen aber auch mit Blick auf aktuelle Krisen und Probleme, dass Kooperation und Solidarität den Menschen weiterbringen als Egoismus und Selbstoptimierung.

«…die Kraft des Gemeinsinns: die Fähigkeit, sich als Teil eines grossen Netzwerkes zu begreifen und sich darauf auszurichten. Das heisst, nicht nur das eigene Wohl, sondern auch das der anderen im Blick zu haben – was letztlich alle stärker macht.»

Oft vergessen wir, dass wir durch Kooperation und Gemeinsamkeit auch selbst profitieren. Wir blenden aus, wie viele Abhängigkeiten in unserem Leben bestehen und denken, dass wir alles möglichst alleine schaffen wollen und können. Wir bilden unsere Meinung und halten an ihr fest, blenden andere aus, die anders denken, hören nicht hin und werten sie ab. Dabei vergessen wir, dass jeder nur einen begrenzten Horizont hat und der Blick über den Gartenzaun mitunter neue Welten eröffnen könnte. Während es früher noch grosse Gemeinschaftsgärten gab, in welchen alle miteinander zuständig waren und sich dadurch auch verbunden fühlten, pflegt heute jeder sein eigenes Gärtchen. Zwar mögen die Blumen gedeihen und die Freude daran gross sein, doch wir haben sie für uns allein und können sie nicht teilen. Gerade in diesem Teilen aber liegt viel Energie, soziale Energie.

«…ein solch positives Zugehörigkeitsgefühl fehlt heute vielen. Als Nebenwirkung des Individualismus erleben wir eine regelrechte Epidemie der Einsamkeit.»

Einsamkeit ist die Krankheit unserer Zeit. Wir fühlen uns in der Welt nicht mehr zuhause, fühlen uns alleine. Wir sitzen in immer kleineren Wohnungen mit immer weniger Menschen und verstehen wenig: die Welt, die anderen, teilweise sogar wir selber sind zu Mysterien geworden. Eine Entfremdung in grossen Teilen der Bevölkerung.

Gerade jetzt, in Anbetracht all der globalen Krisen, ist es wichtig, die Grenzen zu weiten und zu sehen, dass wir nur gemeinsam weiterkommen. Wir können nicht warten, bis einer kommt und uns die perfekte Lösung auf dem Silbertablett präsentiert.

«Denn es ist klar, dass die Lösung der grossen Zukunftsfragen nicht von den Geistesblitzen einzelner Genies zu erwarten ist, sondern nur im gemeinsamen Handeln entstehen kann…sowohl kommunal wie global brauchen wir die Weisheit der Vielen, mit all ihren unterschiedlichen Perspektiven, Ansichten und Ideen.»

Es geht gerade nicht darum, als gleichgeschaltete Einzelne gemeinsam zu agieren, sondern als je eigene Wesen mit eigenen Gedanken und Meinungen sich einzubringen in einen offenen Dialog, in welchem sich alle begegnen und aus der so entstehenden Vielfalt ein gemeinsames Ziel errichten, das gemeinsam anzustreben ist. Gemeinsam, so Schnabel, erreichen wir viel mehr, als viele Einzelne erreichen könnten.

Eine grosse Leseempfehlung!

Über Kunst: Eintauchen

Guten Morgen

«Die Blumen des Frühlings sind die Träume des Winters.» Khalil Gibran

An grauen Tagen müssen es einfach ein paar Blumen sein – für mehr Farbe im Leben. Im Moment schweigen die Worte bei mir, die Lust an ihnen scheint im Winterschlaf. Die Welt der Farben und Formen scheint mir die tröstlichere, sie erscheint mir wie ein wärmender Ort, an den ich zurückkehren kann. Von hier aus träume ich mir die Welt bunt und niste mich in ihr ein. 

Picasso sagte einst, Kunst wasche den Staub des Alltags von der Seele. Das empfinde ich beim Malen und Zeichnen, aber auch, wenn ich mich mit Kunst beschäftige. Kunst bedingt ein Einlassen. Beim einfachen Vorbeistreifen kommt man über ein „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ nicht hinaus und verpasst dabei so viel. Man verpasst es, neue Sichten auf die Welt kennenzulernen, aber auch, die eigene zu erkennen.

Das nächste Jahr wird für mich der Kunst gewidmet sein in all den Formen, die sie für mich annehmen kann und wird. Ich freue mich, wenn ihr mich auch auf diesem Weg begleitet.

Habt einen schönen Tag!