Frans de Waal: Primaten und Philosophen

DeWaalPrimatenDas vorliegende Buch bietet einen interdisziplinären Diskurs, welcher auf einer Vorlesung Frans de Waals innerhalb der „Tanner-Lectures on Human Values“ basiert. Drei Philosophen und ein

Evolutionspsychologe nehmen de Waals Sicht in der Folge kritisch unter die Lupe, halten ihre Argumente dagegen, worauf Frans de Waal in einer abschliessenden Antwort reagiert.

Frans de Waal führt seine jahrzehntelange Erfahrung in der Primatenforschung sowie evolutionstheoretische Betrachtungen ins Feld, um darauf aufbauend über die Moral des Menschen nachzudenken. Beim Blick auf die Natur des Menschen unterscheidet er zwei grundlegende Strömungen, mit der Moralität des Menschen umzugehen. Die eine, die Fassadentheorie, sieht den Menschen als von Natur böse und Moral als kulturelles Konstrukt, das zu wählen dem Menschen möglich ist. Auf der anderen Seite steht die evolutive Ethik, welche Moralität als Ergebnis einer Entwicklung vom Sozialverhalten der Tiere hin zu einer menschlich immanenten Wesenseigenschaft sieht.

Mit Beispielen aus seiner Primatenforschung zeigt Frans de Waal Grundzüge sozialer Interaktion und auch Emotionen wie Empathie bereits bei diesen Tieren vorhanden. Aufgrund dieser Entdeckung schliesst er, dass die menschlichen Anlagen zur Empathiefähigkeit sowie die Bedürfnisse nach Kooperation und Moral nicht kulturelle Fassade, sondern sich in einer evolutionären Kontinuität entwickelte Natur sei.

Bei allen Parallelen zwischen Tieren und Menschen gibt es durchaus Unterschiede, welche sowohl Frans de Waal wie auch die anderen Autoren des Buches thematisieren. Zentral sind dabei sicher die Sprachfähigkeit und kognitive Fähigkeiten, welche beim Menschen weiter ausgebildet sind.

Peter Wright behandelt im Anschluss an de Waals Artikel die Problematik von Anthropomorphismen, Philip Kitcher und Christine M. Korsgaard sehen die menschliche Moralität stärker im kognitiven Bereich (im Gegensatz zum eher emotional gesteuerten Verhalten der Tiere), wozu auch Peter Singer tendiert, welcher aufgrund von Versuchen mit Hirnscans für eine kognitiv rationale Moralität beim Menschen plädiert

Die Wahrheit findet man durch dieses Buch nicht, aber sicher viele Ansätze aus diversen Forschungsrichtungen, die sich gegenseitig in Frage stellen aber auch befruchten. Das Buch zeugt von der gegenseitigen Achtung der Autoren und vermittelt dem Leser damit eine unbeschwerte Sicht auf die grundlegenden emotionalen Verhaltensweisen des menschlichen Tieres. Denn:

Es ist klar, dass Tiere keine Menschen sind, genauso klar ist aber, dass Menschen Tiere sind.

Fazit
Themen wie Mitleid, Empathie und Selbstlosigkeit bei Mensch und Tier werden kontrovers diskutiert. Informative, kurzweilige Lektüre. Absolut lesenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 220 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag 2011
Übersetzung: Hartmut Schickert, Birgit Brandau, Klaus Fritz
Preis: EUR: 12.90 ; CHF 17.90

Zu kaufen bei AMAZON.DE  und BOOKS.CH

Die Wissenschaft, die einer treibt

Wissenschaftliches Arbeiten erfordert die Einhaltung von gewissen Maximen, allen voran die Kenntlichmachung von fremden Zitaten. Es ist unwissenschaftlich, Passagen abzuschreiben oder auch nur schon in abgeändertem Wortlaut zu übernehmen, wenn man nicht offen legt, woher man die Gedanken hat. Das wird als Plagiat verschrien und führt zur Aberkennung der durch solche Arbeiten erlangten Titel.

Wie gut, war Thomas Mann kein Wissenschaftler. Er müsste seinen Titel als Schriftsteller zurückgeben. Thomas Mann arbeitete mit grossen Notizkonvoluten. Er schrieb oft Geschichte, die ein anderer schon mal geschrieben hatte. Tristan und Isolde, Der Erwählte, Doktor Faustus, Jakob – alles keine neuen Ideen, neu war nur seine Umschreibung, seine Adaption des Themas. Dadurch, dass er vor allem seinen Arbeitsprozess am Doktor Faustus sehr genau dokumentierte, wurde ersichtlich, dass in diesem Werk sehr vieles nicht neu war, sondern teilweise sogar Wort für Wort abgeschrieben. In der Literaturwissenschaft trägt dieses Vorgehen den Namen Montagetechnik. Thomas Mann schrieb ganze Passagen aus dem Volksbuch ab, bediente sich bei Nietzsche, bemühte Theodor Adorno um musiktheoretische Ausführungen, die er fast Wort für Wort undeklariert übernommen hat. Daraus entstand, was man heute als letzten grossen Roman Thomas Manns bezeichnet.

Nun könnte man denken, dass der arme Herr Nietzsche einfach ungefragt seiner Ideen beraubt wurde. Der hätte sich aber gar nicht wehren dürfen, tat er es doch selber gleich. Er schrieb unter anderem bei seinen zweiten Unzeitgemässen Betrachtungen bei Schopenhauer, Wagner, Schiller und Grillparzer ab. Auch da oft wortgenau. Während er andere Autoren offensichtlich und kenntlich zitierte, erschien das Gedankengut der oben genannten annektiert und als quasi eigener Gedankenfluss. Wie gut, kann ihm kein Titel mehr aberkannt werden. Er sässe bitterlich weinend in Sils Maria und sähe die Menschen mit Finger auf ihn zeigen. Man könnte in Anbetracht auf seine geistige Verfassung vermuten, dass es ihm egal wäre und ihn nur zu einer weiteren bitterbösen und doch treffenden Tirade gegen die Zustände der Welt verlockte.

Kürzlich diskutierte ich mit meinem Sohn über Shakespeare. Er fand es gemein, dass man munkelt, dieser hätte seine Werke nicht selber geschrieben. Der sei nun tot und als grosser Mann bekannt, man solle ihm den Ruhm lassen. Wäre es in der heutigen Zeit so, wäre er aber auch dafür, dass man den rechtmässigen Schreibern den Ruhm ihres Tuns zuteil werden liesse, diesen dem sich mit falschen Federn Schmückenden aberkenne. Dieses Denken scheint  im Menschen von klein auf angelegt.

Die undeklarierte Aneignung fremden Gedankenguts ist alles andere als eine Lappalie. Indem man ehrlich kundtut, wer Gedanken ursprünglich hatte, respektiert man dessen Leistung und geht ehrlich mit dem Eigentum anderer um. Niemand erfindet das Rad neu und dass man sich dann und wann auf andere beruft, um eigene Gedanken zu stützen, liegt in der Natur der Sache. Während man bei den Grossen wie Thomas Mann und Friedrich Nietzsche gewillt ist, grossmütig die Augen zu schliessen und ihren Ruf unangetastet lässt, zumindest ihre Grösse nicht schmälert, geht man mit Menschen unserer Zeit sehr hart ins Gericht. Wieso? Weil man es kann? Weil sie noch leben? Rachebestreben einer auf Gerechtigkeit pochenden Gesellschaft? Und wieso war es den Abschreibenden so wichtig, einen Titel zu erhaschen, wenn sie ganz offensichtlich nicht gewillt waren, die formalen Anforderungen zu erfüllen? Geltungssucht? Opportunismus, Machtstreben? Wo liegen die Gründe?

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Um allen Regeln gerecht zu werden, sei darauf verwiesen, dass ich beim Schreibprozess Thomas Manns aus meiner eigenen Schrift zitierte (die immerhin 554 Fussnoten auf 128 Seiten verteilt und somit alles zugeordnet hat, was nur irgendwie zuzuordnen war) und bei Nietzsches Schreibprozess den Artikel von Thomas Fries und Glenn Most, Von der Krise der Historie zum Prozess des Schreibens: Nietzsches zweite Unzeitgemässe Betrachtung, im Hinterkopf hatte.

Denken? Unbequem und unerwünscht

In einem Artikel des NZZ Campus konstatiert  Theo Wehner, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, dass im universitären Betrieb immer weniger Platz zum Denken bleibe, das Studium immer mehr ökonomisiert und dem Arbeitsprozess angepasst würde. Was im Arbeitsbereich schon eine Weile zu beobachten ist, nämlich die systematisierte Abarbeitung gestellter Aufgaben ohne Nachdenken des Einzelnen (das ist weder gefordert noch gewünscht, sondern eher sogar gefürchtet und verpönt), nimmt immer mehr auch im Unialltag Überhand .

Im Zuge von Reformen und Umstrukturierungen wurden viele Lehrgefässe, die das Denken fördern und den Diskurs unterstützen zu freiwilligen Veranstaltungen, während man die Pflichtveranstaltungen verschult und mit kreditwürdigen Aufgaben versehen hat. Ziel ist nicht mehr kreative Denkleistung sondern Erfüllung der für die Kredite notwendigen Anforderungen. Damit sei das Studium globaler integriert, die Leistungen weltweit vergleichbarer. Dass dem nicht wirklich so ist, merkt man spätestens dann, wenn man wirklich versucht, die Universität zu wechseln. Noch immer wird nicht alles von fremden Unis anerkannt, wird zuerst geprüft, nur teilweise angerechnet. Man hat also wenig gewonnen, aber viel verloren.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass diese Massnahmen den Studenten auf die spätere Arbeitssituation vorbereiten, was im Grundsatz sicherlich nicht verkehrt ist, auf diese Weise aber völlig falsch läuft. Dass in vielen Firmen Leistungsbewertungen anhand von intern erstellten Quoten erstellt werden, sie damit also nicht mehr der Leistung des Mitarbeiters gerecht werden sondern nur noch vordefinierten Rankings entsprechen, führt nicht wirklich zu einer Motivationssteigerung bei den Mitarbeitern. Dies kümmert die von Profitstreben getriebenen Firmen wenig, der Mensch ist ersetzbar. Das war bereits Thema innerhalb dieses Blogs: Locker, cool und alles easy. Der Mensch fungiert in diesem Schachspiel als Bauernopfer. Er tut gut daran, das nicht zu hinterfragen, nicht zu viel zu denken, denn damit würde er unbequem.

Dass mit vordefinierten Notenschnitten  in den einzelnen Studiengängen bei Prüfungen gesiebt wird, ist nicht neu. Eine bestimmte Anzahl darf weiter, die Prüfung wird so korrigiert, dass dieses Ziel erfüllt wird. Dieses Vorgehen trägt sicher nicht dazu bei, das eigene Denken zu motivieren, es setzt die Studenten nur unter Druck, möglichst auswendig zu lernen, was gefordert ist, Vorgekautes wiederzukäuen. Das neue Kreditsystem hat aus den Universitäten eine Art Tauschfabrik gemacht: Auswendiglernen gegen Kredite. Das eigene Denken bleibt mehr und mehr auf der Strecke.

Wenn man nun ganz radikal denken möchte, verknüpfe man diese Gedanken mit dem Fazit, das Hannah Arendt aus der Angelegenheit Eichmann zog: Gedankenlose normale Menschen sind in der Lage, die grössten Gräueltaten zu begehen. Weil sie nicht mehr fähig sind, selber zu denken, weil sie es nicht mehr lernen, nicht mehr dürfen, nicht mehr wollen auch, um sich nicht selber zu deutlich in dieser gedankenlosen Maschinerie gefangen zu sehen. Man muss nicht gleich plakativ unken, dass aus jeder Gedankenlosigkeit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit resultiert, ich denke aber nicht, dass dabei viel Gutes herauskommt. Wozu sind Universitäten gut, wenn nicht dazu, denken zu lernen? Was soll Bildung bewirken, wenn sie nur aus auswendig gelernten Daten und Zahlen besteht? Wie soll man noch selber Schlüsse ziehen können, wenn nur noch die schon von anderen gezogenen wiedergegeben werden dürfen und gut benotet werden? Wie fühlt sich der Mensch, wenn er nicht mehr aufgrund seiner eigenen Leistungen, auch Denkleistungen, bewertet wird, sondern anhand eines profitorientierten Rankings?

Hannah Arendt – Der Film

Hannah Arendt fragte beim New Yorker an, ob sie als Berichterstatterin zum Eichmannprozess nach Jerusalem fahren dürfe. Natürlich war man erfreut, eine so renommierte Philosophin für das eigene Blatt vor Ort zu haben. Was war Hannah Arendts Motivation? Sie wollte den Menschen leibhaftig sehen, der für so viel Leid, für all die Greuel verantwortlich gemacht wurde. Sie wollte dem Bösen in die Augen sehen und erwartete, ein Monster, einen bösen Menschen zu sehen. Wirklich gesehen hat sie einen mittelmässigen Menschen, dem, so beschreibt sie es, die Fähigkeit zu denken abhanden gekommen ist. Ein Mensch, der nichts Teuflisches verkörperte, sondern ein ganz normaler Mensch war, der in seinen Augen nur dem damals herrschenden Gesetz gehorchte. Diese „Banalität des Bösen“, wie Hannah Arendt es nannte, war sicher schon weit neben dem, was man gerne gelesen hätte, dass sie aber die Rolle der Judenräte in den Ghettos kritisch beleuchtete, brachte ihr den Bruch vieler Freundschaften und Anfeindungen von vielen Seiten.

Wieso hat sie es getan? Sie wollte verstehen. Als Philosophin wollte sie hinschauen und verstehen, wie es kam, was war. Sie wollte denkend die Wahrheit finden,wobei sie im Gegensatz zu ihren erzürnten Lesern verstehen von vergeben unterschied. Zu recht aus der philosophischen Warte, allerdings verkannt in den Augen derjenigen, die vom Hass und der negativen Gefühle zerfressen nur die eine Botschaft hören und sehen wollen, nämlich die, dass die einen die bösen Täter, die anderen die armen Opfer waren. Man war (noch?) nicht bereit für die sachliche Sicht, für die sicher auch teilweise unbarmherzige Sicht.

Um die Geschichte des Eichmann-Prozesses herum wird im Film Hannah Arendt das Portrait einer grossartigen Denkerin gemalt. Man sieht eine Denkerin, die mit der ganzen Radikalität ihres Geistes der Wahrheit auf den Grund gehen will, die dabei keine Kompromisse eingeht. Sie selbst sagte einst, sie betreibe „Denken ohne Geländer“. Genau diese Radikalität zeigte sich am Beispiel des Eichmann-Buches deutlich. Die eigenen Gefühle wurden aussen vor gelassen, die Gefühle der anderen ebenso. Nicht Gefühle, nicht vorgefertigte Meinungen zählten, sondern der pure klare Blick auf das, was war. Sehr spannend waren die Einblendungen des Originalfilmes aus dem Eichmann-Prozess. Die Mimik, die Argumente – sie zeigten ein deutliches Bild dessen, was Hannah Arendt danach beschrieb. Zwar hätte ich eine gewisse Arroganz in seinen Blick hineingelesen, ganz sicher aber drückte das Unverständnis durch, dass man nicht verstehen wollte, dass er nur Befehle ausführte. Dass er selber keine Juden tötete, nicht mal was gegen sie hatte. Er war – so erscheint es deutlich – ein gedankenloses Rad in einer gnadenlosen Maschinerie. Ein farbloser Bürokrat, der nur auf seine Formulare schielt, den gesunden Menschenverstand ausgeschaltet lässt. Hannah Arendt hat genau das geschrieben.

Ob sie naiv genug war, zu denken, dass man das kommentarlos oder zumindest ohne weitere Probleme hinnehmen werde, oder ob sie die danach auftretenden Probleme und Ressentiments einfach in Kauf nahm, ist schwer abschliessend zu sagen. Ich würde dazu tendieren, dass es sowohl als auch war. Sie muss sich – so klug war sie – bewusst gewesen sein, dass sie mit der Sicht, die ja auch ihre eigenen Erwartungen von vor dem Prozess negierten, viele Leute vor die Köpfe stiess. Doch war sie wohl zu sehr Philosophin und ihrer eigenen Natur ihres Denkens verfallen, um  sich der wirklichen Sprengkraft eines solchen Schreibens bewusst zu werden. Zudem denke ich, dass sie, selbst wenn sie sich bewusst gewesen wäre, es nicht hätte unterlassen können. Denn – und das war ihr immer wichtig – Denken lässt keine Geländer zu, es hat keine Grenzen, es soll nur ein Ziel haben: Die Wahrheit. Und Wahrheit bedeutet für Hannah Arendt, „das zu sagen, was ist.“

Der Film ist sicher sehenswert, denn er zeigt das Leben einer wirklich herausragenden Philosophin unserer Zeit. Er behandelt zudem eine Thematik, die unsere Zeit durch ihre Grausamkeit geprägt hat, indem sie das Denken und auch unsere Gesetze massgeblich geprägt hat. Negativ fiel mir auf, dass Hannah Arendt fast schon penetrant rauchend dargestellt wurde. Zigaretten hatten die grössere Präsenz im Film als ihr Geist und ihre Person. Ich bin weit davon entfernt, ein militanter Nichtraucher zu sein, doch fiel mir dieses schon fast als Leitmotiv anmutende Detail störend auf. Die Frage, was es verkörpern soll, lag auf der Hand. Die rauchende Intellektuelle als Kunstbild? Die Nervosität der Denkerin, welche ihre Nerven durch Suchtkrücken still hält?  So oder so – ich empfand diese Präsenz als enorm störend und vom wirklichen Inhalt ablenkend. Die Hauptdarstellerin Barbara Sukowa überzeugte mich nicht als Hannah Arendt. Es wirkte gespielt, es wirkte als Rolle. Authentizität vermisste ich. Vermutlich war das aber auch schwer zu erlangen. Das Original ist gar gross und noch immer präsent – zumindest für eine Philosophin wie mich.

Fazit:

Ein absolut sehenswerter Film mit vielen Mängeln, der aber trotz allem zu denken anregt. Ein Film, der zeigt, dass Denken gefährlich sein kann, vor allem, wenn man es radikal betreibt. Ein Portrait einer grossen Denkerin, die ich ob ihrer Radikalität des Denkens sehr schätze.

Mühlen des eigenen Denkens – eine Ode an die Freiheit…

BildEntscheidungen – sie fällen zu können bedeutet Freiheit. Freiheit der Wahl. In ihr bestünde die Würde des Menschen, sagte Max Frisch einst. Jeder will sie, jeder sucht sie, doch dann und wann kann sie auch zuviel werden. Wenn die verschiedenen Optionen drehen, man nicht mehr ein noch aus weiss. Wenn man abwägt und vergleicht, Gründe dafür und dagegen findet, die sich dann doch wieder im Wege stehen gegenseitig. Was hier gut ist, fehlt beim anderen, dafür mangelt es an etwas, das bei anderen gut wäre.

Am Schluss sitzt man da, das Hirn eine schmerzende und qualmende Mördergrube. Man geht dahin und holt sich Ratschläge von aussen – oder versucht es zumindest. Meist merkt man, dass jeder seine eigene Sicht der Dinge hat. Das ist grundsätzlich gut und erwünscht, allerdings bringt sie wenig, wenn die eigene dabei auf der Strecke und ungehört bleibt. Man wünscht sich einen Rat, was für einen selber gut wäre und hört nur, was andere sich für sich wünschen.

Am Schluss sitzt man mit noch mehr drehendem Kopf und noch weniger Plan. Man fühlt sich alleine und unfähig, überhaupt noch zu denken. Man weiss nicht mal mehr, wer man selber ist, was man selber will. Ist zerrieben zwischen den verschiedenen Möglichkeiten, die alle etwas für und viel gegen sich haben. Sieht bald nicht mehr, was überhaupt noch gut ist und was schlecht. Zurück bleibt ein Gefühl der eigenen Kleinheit und Unentschiedenheit. Man möchte die Decke über den Kopf ziehen und gar nichts mehr denken.

Leider schalten die Gedanken nicht ab. Sie verfolgen bis in den Traum. Man sieht sich verfolgt von den Männern der einen Option, flieht, versteckt sich, wird aufgestöbert. Man will sich schützen, verteidigen, sieht sich alsbald die Verfolger mit einer Waffe in die Flucht schlagen, um dann aufzuwachen und zu merken, dass sie noch immer da sind. Nun wieder als blosse Gedankenmühlen und nicht mehr in geträumter Personengestalt, damit aber nicht weniger bedrohlich.

Der Rat, mal drüber zu schlafen, hilft also nicht wirklich. Die Sache mal setzen zu lassen, ganz etwas anderes zu tun, lässt sich gut sagen, die Praxis stellt sich schwieriger an. Und so dreht man sich, kommt zum Schluss, verwirft ihn, denkt weiter, fühlt sich so gar nicht frei, sondern eher gefangen in den eigenen Gedanken und wünschte sich fast, die Freiheit setzte einmal aus und man wäre fast gezwungen, etwas zu tun. Der Wunsch ist kurzsichtig und wenig ernst, denn wenn man sich zwingen lassen wollen würde, könnte man auch einfach die eine Option wählen und denken, das sei so gemusst.

Was hilft bei Gedankendrehen? Wie finde ich die Lösung? Meine Lösung? Tipps herzlich willkommen.

Ich sage ja

Ich bin beeindruckbar. Spontan relativ leicht, mit etwas nachdenken weniger. Doch im ersten Moment sprudelt es über. Ich schwebe in solchen Momenten ziemlich hoch über dem Boden, schwärme, lache, rede wie ein Wasserfall. Ich bin leicht zu begeistern. Und ich kann das schlecht verbergen, da ich kein Schauspieler bin, immer authentisch und durchschaubar. Es sei denn, ich bin unsicher, dann werde ich zum Buch mit sieben Sigeln. Aber sonst… wer mich kennt, weiss, was abgeht. 

Wenn ich begeistert bin, sage ich ja. Spontan. ich bin dabei. Lasse mich vereinnahmen. Bin bereit zu geben. Viel. Schaue oft zu wenig hin, was ich dafür kriege. Vertraue, dass das Leben fair ist. Der Mensch hätte eine Grundsehnsucht nach Gerechtigkeit, hörte ich heute. Da die Welt ungerecht sei,  leide er beständig an dieser Diskrepanz und reagiere darauf. Spontan wäre es Rache. Durchdacht nähme er sich zurück. 

Ich bin alles andere als rachsüchtig. Wenn, dann geht die Rache gegen mich selber. Wie konnte ich so blöd sein? Wie konnte ich reinrennen? Und: Wie komme ich aus der Nummer raus? Aber von vornherein nein sagen? Das wäre nicht gegangen. Das hätte den anderen verletzt. Vor den Kopf gestossen. Nun täte es das wohl umso mehr. Kann ich? Muss ich? Es klang so gut. Klang so gross. Ich fühlte mich daneben vielleicht grad klein. Sah dort das Wissen, hier den Bedarf. Wollte gefallen. Angenommen sein. Wollte geben, wie immer. Vergass, dass ich auch brauche. Vertraute drauf, dass es schon komme. 

Wo liegt der Fehler? Zu wenig nachgedacht? Zu viel vertraut? Und was mache ich mit diesem Fehler? Ich kann mich zerfleischen, mich schelten. Aber ich kann auch hinsehen und etwas erkennen. Etwas, das wie alles in dieser Welt positive und negative Seiten hat. Ich brauche mich nicht zu verdammen und auch nicht mit mir zu hadern, aber ich kann etwas lernen. Für mich und für die Zukunft. Es ist schön, begeisterungsfähig zu sein. Nie ist der Himmel so blau und die die Welt so bunt wie in diesen Phasen. Wenn ich dabei bemerke, dass diese Welt nur so bunt bleibt, wenn ich darin mich selber bleibe und mich nicht aufgebe, kann mir nichts geschehen. Die Welt bleibt hell und schön. Vielleicht merke ich, dass es nicht meine Welt ist, doch ich kann mich an ihr freuen, mich freuen, dass es solche Welten gibt. Wenn ich mich verbiege oder gar aufgebe, um in die Welt zu passen, dann kann die Welt mit ihren Farben grell und erschlagend werden. 

Es passt nicht jeder in jede Welt. Und das ist gut so, denn es gibt viele Welten – für jeden eine passende. Sich zu wünschen, man wäre in einer anderen, ist immer frustrierend, denn dann wäre man nicht mehr man selber. Ab und an hadert man mit sich, weil man ist, wie man ist. Doch gibt es immer auch Gutes am Selbst. Und das möchte man im Gegenzug nicht missen. Deswegen ist es wohl besser, die unpassenden schönen bunten Welten erfreut zu sehen, aber in der eigenen wohnen zu bleiben. Im Wissen, dass die Schönheit auf Dauer nur in dieser erlebbar bleibt.

Die andern bunten Welten leuchten weiter, verlockend, strahlend. Der Lernprozess fürs eigene Leben besteht wohl darin, zu erkennen, welches die eigene Welt ist, in der man leben kann. Ab und an sich wünschend, dass man ausbrechen könnte und neue Welten erleben. Sich aber besinnend, dass man ist, wie man ist. Mit einer Prise Dankbarkeit für das Gute und einer Prise Nachsicht für das, womit man dann und wann hadert. 

Was darf ich schreiben?

Kürzlich schrieb ich einen Blogartikel zu den Zuständen in Ungarn. Einige Artikel meines Blogs befassen sich mit der Shoah und rechtem Gedankengut. Plötzlich kam mir der Gedanke: Kann ich das schreiben? Exponiere ich mich damit nicht zu stark? Kann das nicht negativ auf mich und meine Familie zurückfallen? Was, wenn einer das liest und mit meiner Einstellung nicht konform ist? Die Methoden gewisser Radikaler sind doch eher …. heikel.

Dann fragte ich mich: Wenn jeder schweigt, wer sagt noch was? Und haben dann nicht die gewonnen, die eigentlich nie mehr gewinnen dürfen? Und so liess ich den Artikel stehen. Und stehe dahinter.

Vor einiger Zeit schrieb ich eine Geschichte. Und wurde gleich darauf gefragt, ob mir das passiert sei. Wurde betrauert und bemitleidet für das, was mir da widerfahren war. Dabei war es nur eine Geschichte. Vielleicht mit ein paar wahren Eckpunkten, aber sicher nicht meine Lebensgeschichte. Mich rührte die Anteilnahme, aber sie machte mich auch nachdenklich.

Kürzlich schrieb ich zum Thema Alkohol. Nach den Erfahrungen mit der Geschichte, fragte ich mich nachher, wer mich nun selber im Problem verhaftet sieht. Ich fragte mich erneut: Kann ich das schreiben, kann ich so auftreten. Und auch hier beschloss ich, es stehen zu lassen, da ich es als Problem sehe und hinter meinen Zeilen stehe.

Was ist persönlich in meinem Blog und was nicht? Schlussendlich bin es immer ich, die schreibt. Ich erlebe Dinge, lese welche, sehe sie. Sie arbeiten sich in mich hinein und ich bilde mir eine Meinung. Rege mich auf, fühle, denke, wälze sie hin und her. Daraus entwickelt sich der Impuls zu schreiben. Aus meiner Warte, aber nicht immer autobiographisch im Sinne, dass es mein Leben ist, das ich erzähle. Goethe sagte, dass alles Schreiben autobiographisch ist. Dem stimme ich zu, aber nur insofern, als es die persönliche Selektion widerspiegelt, die Themen, die einem wichtig erscheinen. Man kann Geschriebenes und Vita nicht eins zu eins zusammenführen.

Und so schreibe ich wohl weiter, was mich bewegt, was mir in den Sinn kommt. Mal abstrakt, mal persönlich. Doch es ist nicht mein Leben, das da steht. Denn das lebe ich ganz privat und für mich. Manchmal dringt etwas durch. Manchmal vielleicht zu viel. Aber was es ist und wann es so ist, das bleibt mein Geheimnis.

Werbung als Selbstläufer?

Smartphones und Tablets führten sie ein: die Apps. Egal, ob man spielen will, Bahn fahren, kochen, die neusten Börsentrends oder das Wetter abrufen, für alles gibt es eine App. Viele dieser Apps sind gratis, zumindest als Grundversion; will man mehr, wird man zum Zahlen aufgefordert. Der Name für dieses Geschäftsmodell lautet „Freemium“ (bestehend aus free = gratis und premium), definieren kann man es folgendermassen:

„Biete deinen Dienst gratis an, möglicherweise mit Werbeeinblendungen oder vielleicht auch nicht, gewinne viele Kunden auf effiziente Weise durch Mundpropaganda, Werbepartner, Platzierung in Suchmaschinen usw., und biete dann deinem Kundenstamm zu einem Aufpreis Zusatzleistungen oder eine erweiterte Version deines Dienstes an.“ (Fred Wilson[1]).

Dieses Geschäftsmodell wird oft so verstanden, dass man nichts mehr tun müsse, Werbung, Marketing, alles wegfalle, da sich das Produkt auf diese Weise quasi durch Mund zu Mund Propaganda selbst verkauft. Das funktioniert vielleicht bis zu einem gewissen Punkt, allerdings nimmt der Verkaufserfolg mit der Dichte der Produkte sowie mit der Kenntnis des Systems ab. Zudem ist nicht jeder Kunde, der das kostenlose Basisprodukt geniesst, automatisch ein zahlender Kunde.

Wie findet man zahlende Kunden? Sie müssen von dem Produkt erfahren. Bei freemium soll das über Mund zu Mund Propaganda geschehen. Die Einstiegshürde ist dabei relativ gering, da man das Basisprodukt gratis erwerben kann. Je mehr ähnliche Produkte aber auf dem Markt sind, desto schwieriger wird es, Nutzer des eigenen zu finden, wenn diese nicht klar um die Vorzüge des einen wissen. Dazu bedarf es doch der Werbung, die genau diese Vorzüge herausstreicht. Mund zu Mund Propaganda mag bis zu einem gewissen Grad funktionieren, den grossen Markt gewinnt man auf diese Weise allerdings selten.

Der nächste Schritt ist, aus einem Gratisbenutzer einen zahlenden Kunden zu machen. Dazu bedarf es einer Bindung des Benutzers zum Produkt. Diese ergibt sich einerseits durch die bedarfsgerechte Ausrichtung des Produkts , andererseits durch die Notwendigkeit der kostenpflichtigen Erweiterungen. Ist die emotionale Bindung an ein Produkt an diesem Punkt aber nicht gross genug, wird aus dem Gratiskunden kein zahlender werden.

Wie kann ich den Kunden am mein Produkt binden?

–       Bedarfsgerechtes Produkt: Das Produkt entspricht den Bedürfnissen des Kunden an ein solches Produkt

–       Überzeugendes Marketing: Das Produkt wird glaubhaft als das am besten die Bedürfnisse abdeckend präsentiert

–       Breitgestreute Werbung: Das Produkt wird über verschiedene Kanäle bekannt gemacht – freemium kann hierbei eine (von vielen) Strategie sein.

–       Emotionale Bindung: Das Produkt wird in einen Rahmen gesetzt, mit dem sich der Kunde (emotional) identifizieren kann

–       Kontinuität: Das Produkt erfüllt die Bedürfnisse konstant und ohne grosse Veränderungen/Abstriche. Freemium kann hier kontraproduktiv wirken, wenn das Gratisprodukt nur eine Zeit lang läuft. Damit verärgert man eher Kunden als dass man sie zum Kauf zwingt. Besser ist es, Zusatzdienste kostenpflichtig zu machen, wobei die erst gekauft werden, wenn die anderen Punkte erfüllt sind.

Fazit

So gesehen ist der Aufwand, den Markt mit Produkten zu überschwemmen, in der Hoffnung, dass sie sich selber verkaufen, grösser als der wirkliche Nutzen. Zwar kann eine kostenlose Basisversion den Zugang für Kunden erleichtern, allerdings ersetzt diese Geschäftsstrategie nicht die üblichen Werbestrategien. Es heisst also, das eine tun, das andere nicht lassen.

Von Titeln und Neidern

Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt – doch trotzdem ist, ganz unbestritten, sie immer weiter fortgeschritten.

Ich habe dieses Zitat oft gebracht und es Ringelnatz zugeschrieben. Ich mag Ringelnatz sehr, lese ihn oft, er war auch oft Gedichtespender für die lyrischen Morgenessen mit meinem Sohn. Im Moment ist das Gedicht hoch aktuell. Die Bundesbildungsministerin Annette Schavan soll ihre Dissertation mit unlauteren Mitteln verfasst haben. Sie habe Zitate nicht korrekt gekennzeichnet, heisst es. Darum beschloss die Universität Düsseldorf nun, ihr den Doktortitel abzuerkennen. Spott und Häme lassen nicht auf sich warten.

Eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben bedeutet viel Arbeit, viel Verzicht (auf Essen, Ausgang, Freizeit, Kraft, Freude, Geld) und viel Aufwand (lesen, schreiben, denken, Recherche, Streit mit dem Partner wegen mangelnder Zeit, Erklärungsnotstand bei Freunden, Familie, etc., nochmals lesen, denken, schreiben) und auch Leiden (Hunger, Erschöpfung, Frust über mangelndes Vorwärtskommen, Erkenntnisse, die schon einer hatte, viele mehr). Was wird ihr vorgeworfen? Sie soll Zitate nicht korrekt deklariert haben. Das ist unschön und unwissenschaftlich. Ein ganz klarer Verstoss gegen den Formalismus der Wissenschaft. Nun kann man sagen, wer Wissenschaft betreibt, soll sich an die Regeln halten, sonst ist er nur noch populär? Wäre also die einzige Unterscheidung zwischen populärer Themenaufbereitung und Wissenschaft der Formalismus der korrekten Zitierweise? Das wäre arg wenig. Möchte sich die Wissenschaft so gesehen wissen? Was hätte sie sonst in die Waagschale zu werfen? Fundiertheit? Fundiert kann man auch mit falschen Zitierweisen sein. Ich lasse das mal so stehen, es soll sich jeder seine Meinung bilden. Darf sie auch nennen (falls von jemandem gestohlen, bitte korrekt zitiert, soll ja alles seine Ordnung haben).

War es Irrtum? War es Absicht? War es Berechnung? Da müsste man sich fragen, wieso ein Titel so viel Wert hat? Wieso denkt jemand, er müsse sich einen Titel erschwindeln? Ob sie es getan hat oder andere es ihr unterstellen macht bei dieser Frage keinen Unterschied. Sowohl der, welcher es tut, wie auch der, welcher es unterstellt misst dem Titel eine Macht und Kraft bei, die Betrug rechtfertigt. Was ist dran am Dr.? Ich sehe es nicht. Ist man mit Titel besser, wertvoller, höher? Menschlich sicher nicht. Gesellschaftlich? Müsste so sein, wenn man das Aufhebens sieht, das hier betrieben wird. Bedenklich, wie ich finde.

Als ich ein Kind war, war mir klar, ich will studieren. Damals wäre es Tierverhaltensforschung gewesen, denn ich hatte gerade Bernhard Grzimeks „Serengeti darf nicht sterben“ gesehen und ich wollte auch dahin und werden wie er. Das Fach hat noch oft gewechselt, der Wunsch nach dem Studium nie. Ich flog durch die Primarschule, quälte mich durchs Gymnasium, trat mal aus, mal ein, blieb nur bis zum Schluss, weil ich ohne nicht hätte studieren können. Die Uni war mein Hafen, endlich war ich, wo ich hin wollte. Schon beim Eintritt war klar, ich will doktorieren. Titel? Wen kümmert ein Titel? Ich wollte schreiben. In die Tiefe, in die Breite. Ich habe es ab und an verflucht, wurde einige Male schwer enttäuscht und zu Boden geworfen, habe gekämpft und immer weiter geschrieben. Es ist Herzblut, Wollen. Was zählen dagegen Titel und Formalismus?

Hat sie geschummelt? Ich weiss es nicht. Nach Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg (ich musste den Namen bei Wikipedia kopieren, das kann sich ja keine S….chweizerin merken) scheint es in zu sein, Dr.-Titeln an den Kragen zu gehen. Was dahinter steckt? Wenn ich die Häme sehe, die auf die jeweiligen Auserkorenen prallt, kann ich nur eigenen Frust und Rache denken. Alle die, welche ihr Studium nicht schafften (ich las von solchen, die der Frau Schavan vorwarfen, ihretwegen nicht studiert zu haben – Studiengebühren lassen grüssen [in der Schweiz haben wir die übrigens schon lange] und ihr nun ihren Dr.-Titel neideten) oder sonst vom System  und der Gesellschaft enttäuscht sind, freuen sich, dass eine, die in ihren Augen oben steht, vom Sockel fällt.

Nun könnte man sich fragen, was ihr Fall bringt? Die Unis werden immer mehr durchleuchtet. Sie verkommen Im Geist der Allgemeinheit zu Mühlen, die nicht Wissen, sondern Titelerschwindler produzieren. Die, welche sich über den Fall freuen, steigen deswegen nicht, sie vergiften sich nur selber an ihrer Häme. Neid und Missgunst haben noch selten schöne Früchte gebracht.

Vor 30 Jahren ging jemand dahin und schrieb eine Dissertation. Heute findet man Zitatfehler und eine Universität befindet, dass man den Titel aberkennen muss. Nun ist sicher zu sagen, dass eine Dissertation, die mehr kopiert als selber geschrieben ist, die grobe Verstösse gegen die rechtmässige Zuordnung von geistigen Wissen zu seinem wirklichen Urheber aufweist, den Anforderungen an eine Dissertation nicht entspricht und somit nicht dazu qualifiziert, einen Doktortitel zu rechtfertigen. Dass dieser dann zu Unrecht getragen ist, liegt auf der Hand und es ist unfair all denen gegenüber, die rechtmässig arbeiten, dies nicht klar zu regeln, sprich den Titel zurückzuziehen (vielleicht wäre an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass auch die Doktorväter Schuld auf sich laden, die Dissertationen ungelesen annehmen, weil sie mit zu viel anderem beschäftigt sind). Wenn man mal ganz ehrlich und neutral hinschaut: Ist es hier, bei Frau Schavan, angemessen? Es scheint ein Grenzfall zu sein, folgt man den diversen Berichterstattungen. Ist das sinnvoll? WEM hilft das wirklich? Ich sehe nur Leid, das daraus resultiert. Und zwar auf allen Seiten. Ich bin ganz klar kein Verfechter des „alles geht und Strafe ist Unsinn“. Das weiss man spätestens seit meiner „unverfälschten“ Dissertation. Aber hier? Nach 30 Jahren, unter Berücksichtigung dessen, dass damals Copy Paste von Google noch nicht möglich war?

Und zu guter letzt, um den Kreis zu schliessen: Was man überall als Zitat von Ringelnatz liest:

Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt – doch trotzdem ist, ganz unbestritten, sie immer weiter fortgeschritten.

stammt ursprünglich von Eugen Roth. Ab und an wird es auch nicht Ringelnatz, sondern Christian Morgenstern zugeordnet. Was nun? Dichterstatus aberkennen?

Artikel zum Thema:

NZZ vom 5. Februar 2013

Swissinfo.ch vom 5. Februar 2013

Zeit Online vom 6. Februar 2013

Zeit Online vom 5. Februar 2013

Spiegel Online vom 5. Februar 2013

Bild.de vom 5. Februar 2013

Tagesschau vom 5. Februar 2013

 

Nachtrag: 

Ein Blog, welcher die mutmasslichen Plagiate in der Dissertation von Annete Schavan auffährt:

http://schavanplag.wordpress.com

Ursula Wolf: Die Philosophie und die Frage nach dem guten Leben

WolfPhilosophie

Ursula Wolf macht sich in diesem Buch auf die Suche nach dem guten Leben und sie startet bei den Anfängen der Griechischen Philosophie, bei Platon und Aristoteles.

Jedes Handeln und Bewirken, jede Art praktischer Betätigung strebt, wie Aristoteles zu Beginn der Nikomachischen Ethik sagt, nach einem Gut. Fragt man, warum jemand etwas strebt, so lautet der Grund häufig, es sei das Mittel zu einem weiter gehenden Ziel. Soll das Streben auf diese Weise nicht ins Unendliche laufen, dann muss es, argumentiert Aristoteles, einen Endpunkt des Wünschens geben, ein höchstes Gut oder Ziel […] es ist die Eudaimonia, das Glück oder gute Leben; nicht einig aber sind sie sich, worin dieses besteht.

Alle wollen es also haben, das gute Leben, keiner weiss, was es wirklich ist. Die Frage nach dem guten Leben ist im alltäglichen Leben selten zu finden und auch die Philosophie hat sie eher stiefmütterlich behandelt. Zentral wird sie, so scheint es, immer dann, wenn die Zeiten schwierig sind.

Nach einer Begriffserklärung und dem Aufzeigen der Unterschiede zwischen Moral (Handeln nach gesellschaftlichen Normen) und Ethik  (Lehre vom richtigen oder guten menschlichen Verfasstsein und Handeln) geht es darum, mit welcher Methode der Frage beizukommen wäre. Danach führt die Reise quer durch die Philosophiegeschichte, fängt bei Platon an, welcher das menschliche Leben als eines im sozialen Kontext sieht, so dass das individuelle Leben immer mit der Verfasstheit der guten Ordnung in der Gesellschaft zusammenhängt. Platon wirft die Frage, was ein gutes Leben ist, zurück auf die Frage, was ein guter Mensch ist. Eine wirkliche Antwort finden wir bei ihm nicht.

Als nächstes folgt Aristoteles mit seiner Spaltung von Ethik und Metaphysik. Bei ihm beleuchtet Wolf die Lehre der dreigeteilten Seele, beleuchtet ethische Tugenden und die Frage nach vollkommener Eudaimonia. Aristoteles unterscheidet zwischen Dingen, die wir in der Hand haben und solchen, die ohne unser Zutun auf uns zukommen.

Der Kunstgriff, mit dem man eine Konzeption eines im ganzen guten menschlichen Lebens finden kann, liegt also darin, auch auf derjenigen Seite des Lebens, wo wir uns nicht aktiv Ziele setzen, sondern auf gegebene Situationen reagieren, zu unterscheiden zwischen dem, was für unser Wollen Nützliches oder Schädliches geschieht, und der Frage, wie wir uns dazu verhalten. Diese Verhaltensweise (hexis) ist immer unser Beitrag […]

Weiter geht es im Text mit Kant und einer Herangehensweise an die Frage nach dem guten Leben.  Es kommen in der Folge Erich Fromm, Karl Jaspers, Martin Heidegger hinzu, um danach nochmals zurückzublenden und einen Streifzug durch die Geschichte der Philosophie in Bezug auf Metaphysik und Metaphysikkritik zu machen. Fazit ist die Erkenntnis,

dass die jeweils grossen philosophischen Theorien jeweils durch eine existentielle Spannung aus demjenigen Lebensbereich motiviert sind, der auch konkret-alltäglich in der jeweiligen Epoche besondere Probleme aufwirft.

Diese Erkenntnis ist nun nicht wirklich neu und auch nicht erstaunlich, sie liegt sogar auf der Hand. Wolf wendet sich daraufhin Nietzsche und seiner Dekonstruktion der Metaphysik zu. Diese führt zur Frage, ob wir uns nicht nur um das individuelle Gute sorgen können, das allgemeine aber ausserhalb unserer Möglichkeiten steht. Wolf plädiert aber für die Streichung der Ideale, um dann doch den intersubjektiven Aspekt der Frage weiter zu verfolgen.

Doch wie man die Frage nach dem Guten auch dreht und wendet, wohin man schaut, findet man nur Herangehensweisen und Annäherungen, nie aber eine Antwort. Wolf konstatiert denn auch:

Wie wir in dem kurzen Gang durch die Philosophiegeschichte gesehen haben, reagieren die metaphysischen Konzeptionen auf die Unerreichbarkeit eines vollkommenen Guten dadurch, dass sie die Frage nach dem guten Leben umbiegen.

Eine Antwort scheint es nicht zu geben, man ist am Ende des Buches versucht, wie Goethes Faust  zu denken:

Da steh ich nun, ich armer Thor,
und binn so klug als wie zuvor.

Ursula Wolf konnte keine Antwort finden, auf die es keine klare Antwort gibt. Trotzdem befriedigt weder die Herangehensweise, die durch die vielen Zeitsprünge und Wechsel sehr unruhig und wenig durchdacht erscheint, noch das Fazit des Buches. Wenn schon so viele Philosophen auf diese Frage hin untersucht werden, wäre eine konzisere Zusammenfassung von deren Meinungen wünschenswert gewesen. Dazu wäre ein chronologischer Aufbau sinnvoller gewesen als dieses Hin und Her in der Zeit.

Fazit
Informativ, wenn auch ohne wirkliche Antwort. Das Fazit des Buches erscheint wenig befriedigend. Trotzdem ist es durchaus lesenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 216 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag 1999
Preis: EUR: 8.50 ; CHF 36.90

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Heute schon getrunken?

Trinken ist sozial. Trinken ist cool. Trinken schmeckt. Alles am Trinken ist toll, ausser das zuviel Trinken. Wo die Grenze ist, scheint schwammig. Folgt man den Regeln irgendwelcher Tests, sind die meisten Menschen arg kritisch und am Rande des Abgrunds. Schaut man auf die Gesellschaft, geht doch einiges rein an Schnaps, Bier, Wein. 

Alkohol ist die legale und sozial akzeptierte Droge Nummer eins. Man möchte fast sagen, es ist die sozial geforderte Droge. Feierabendbier, Wein zum Lesen, Whiskey zum Einschlafen, alles hat Platz, alles ist akzeptiert. Man geht zu Geschäftsessen und kann wählen zwischen Weiss- und Rotwein. Im Sommer auch mal Bier. Man nimmt Wasser? Da fängt der Erklärungsnotstand an. Frauen sind im Verdacht, schwanger zu sein oder auf Diät, Männer Zweiteres oder schon anonyme Alkoholiker? Einen Grund muss es haben, wenn man keinen Alkohol trinkt. Alkohol ist die Norm, kein Alkohol bedarf einer Rechtfertigung. 

Irgendwann schlägt diese gesellschaftlich fast geforderte Gewohnheit in ein ungesundes Mass um. Wo ist die Grenze? Was ist noch im Rahmen, was fällt hinaus? Die Grenzdiskussion mal aussen vor: Ist das Kind in den Brunnen gefallen, zeigen alle drauf: Wie kann man nur. War man vorher noch der Partylöwe und Stimmungskanone, ist man nun gefallener Engel und Versager.

In der Schweiz gibt es geschätzt über 300’000 Alkoholiker. Alles Versager? Die Dunkelziffer ist wohl noch höher, würde ich mal schätzen. Geht man davon aus, dass Sucht oft eine Bewältigungsstrategie ist, muss man sich wohl eher fragen, wo die Gesellschaft versagt, dass sie so viele an sich zerbrechen lässt. Wieso brauchen so viele Menschen eine Stütze, um durchs Leben zu kommen? Klar kann man sagen, dass mehr ohne klar kommen. Was aber machen wir mit den Betroffenen? Deckel drauf, sie saufen sich zu Tode? Oder doch mal hinsehen, ob die Lebensbedingungen, die wir in der heutigen Gesellschaft schaffen, wirklich noch menschenwürdig sind? Das Argument, dass viele nicht in den Alkoholismus abrutschen, zieht in meinen Augen sowieso nicht, denn dies ist nicht die einzige Sucht und auch nicht die einzige umweltbedingte Krankheit. Zählt man dann noch die dazu, die still leiden und weiter funktionieren, sind wir wohl bei einer viel höheren Zahl. 

Ein erster Anfang wäre es wohl, die offensichtlich leidenden zu unterstützen, statt sie zu verhöhnen. Man weiss nie, wann man selber einmal fällt. Dann wäre man auch froh um eine helfende Hand. Der zweite Schritt wäre das Überdenken der eingefahrenen Strukturen, in denen der einzelne Mensch nichts mehr zählt, auswechselbar ist. Denn durch diese Austauschmentalität kommt die Angst hoch, nicht gut genug zu sein. Es gibt wohl keinen bessern Boden für Süchte und ähnlich gelagerte Bewältigungsstrategien  als diesen. 

Der Hirnforscher Eric Kandel: Auf der Suche nach dem Gedächtnis

BildEric Sandel, kam als Kind des jüdischen Spielwarenhändlers Hermann Kandel und dessen Frau Charlotte 1929 in Wien auf die Welt. Schon bald bekam er die antisemitische Gesinnung Österreichs zu spüren, indem zuerst in der Schule keiner mehr mit ihm sprach und er eines Tages aus heiterem Himmel mit seiner Familie umgesiedelt wurde. 1939 emigrierte die ganze Familie nach Amerika, genauer nach Brooklyn. Hermann Kandel eröffnet wieder ein Spielwarengeschäft und Eric besucht die Schule, bewirbt sich bei Harvard und startet so seine Karriere, die ihn bis zum Nobelpreis bringen soll. Dieser ist zwar der Höhepunkt seines Schaffens, nicht aber dessen Ende. Mit ungeminderter Leidenschaft, mit Ehrgeiz und Einsatz forscht Eric Kandel Zeit seines Lebens über das Gedächtnis und dessen Grundlagen und Funktionieren.

Der Film begleitet Eric Kandel zurück nach Wien, lässt ihn seine eigenen Wurzeln suchen und finden. Kandel spürt seinen Erinnerungen nach, welche immer wieder Emotionen in ihm wachrufen. Kandel sieht seine Geschichte mitverantwortlich für seinen Einsatz für das Gedächtnis. Was ist das Gedächtnis, wie entstehen Erinnerungen, welche für die menschliche Identität so fundamental sind? Dieser Frage widmet er sein Leben.

Wer nun glaubt, einen trockenen Film über einen verbohrten Wissenschaftler anschauen zu müssen, der irrt sich gewaltig. Eric Kandel besticht durch ein herzliches Lachen, das er oft erklingen lässt. Mit viel Humor und Witz erzählt er über sich, sein Leben, seine Forschung, lässt es aber trotz all dem Witz nie an Tiefe und Substanz mangeln.

Der Film gibt Einblicke in den Laboralltag des Forschers, der 1000e mühseliger und erfolgloser Stunden mit Versuchen, Enttäuschungen und neuen Versuchen verbringt, bis – teilweise nicht mehr erwartet – der Durchbruch gelingt, passiert, was erhofft und zu beweisen versucht wurde.

Fazit:
Kurzweiliger, anregender und informativer Film. Kandel erreicht Herz und Hirn der Zuschauer. Absolut sehenswert.

Angaben zum Film:
Dauer: 95 Min.
Extras 25 Min.
Land/Jahr: D 2008 (arte edition)
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Preis: EUR: 22.99 ; CHF 36.90
Auf der Suche nach dem…Gedächtnis. Der Hirnforscher Eric Kandel, Film von Petra Seeger, arte Edition.

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Georg Northoff: Das disziplinlose Gehirn

BildKant kam doch aus Königsberg heraus und nimmt im Berlin unserer Tage an einer Tagung von Neurowissenschaftlern teil. Begleitet wird er von einem jungen Studenten, welcher zwar angetan von Kant ist, diesen aber im Namen der Neurowissenschaft widerlegen will. Dies ist die Rahmenhandlung von Georg Northoffs Buch über die Suche nach dem Bewusstsein. Auf amüsante und gut lesbare Art stellt Northoff die heutigen Erkenntnisse der Hirnforschung dar, zeigt auf, was durch Experimente beobachtet werden kann und wo diese Experimente ihre Grenzen haben. Diese  Erkenntnisse werden quasi durch Kants Augen kritisch beäugt, indem die Begrifflichkeiten genau geprüft werden und darauf geachtet wird, dass es zu keinen falschen Zuordnungen kommt. Es soll ja alles seine Ordnung haben.

Wo aber findet sich nun das Bewusstsein? Im Gehirn? Im Verstand?

Unser Student würde jetzt wohl sagen: „Dann müssen wir im Gehirn selbst schauen, und das können wir am besten durch Beobachtung.“

„Da werden Sie nicht viel sehen“, würde Kant erwidern. „Nichts als Neuronen und Aktivität. Weder Einheit noch Bewusstsein.“

„Nein“, kontert der Student, „das lasse ich so nicht stehen. […]“

Northoff führt uns in seinem Buch in die moderne Neurowissenschaft ein, geht dabei auf Erkenntnisse durch Experimente von anerkannten Forschern ein und zeigt – vermittelt durch Kants kritischen Blick – deren Ergebnisse und auch deren Grenzen auf. Der Leser gewinnt so auf spielerische Weise Einblick sowohl in die Empirie des Gehirns wie auch in die transzendentale Philosophie Kants. Während man im Vorbeigehen noch einiges über die Lebensumstände und die Biographie des Königsbergers Philosophen erfährt, Gedanken seiner geistigen Vorgänger und Nachkommen kennenlernt, nähert man sich Schritt für Schritt dem Bewusstsein.

Anhand von anschaulichen Beispielen wird deutlich gemacht, wie das Gehirn funktioniert, was im Gehirn abläuft, wenn wir etwas wahrnehmen, etwas in unser Bewusstsein dringt oder eben nicht. Man sieht das Gehirn als Teil einer Einheit mit der Umwelt, mit welcher es interagiert. Diese statische Umwelt-Gehirn-Einheit macht denn auch deutlich, dass es nicht nur Hirn oder Umwelt ist, sondern beide, dass es nicht nur Neurowissenschaften oder Philosophie braucht, sondern eine Verbindung der beiden, wenn man dem Bewusstsein auf die Schliche kommen will. Empirie und Erkenntnis in Verbindung und nicht im erbitterten Kampf um den Thron und die Herrschaft über die andere Wissenschaft.

Negativ aufgefallen an dem Buch sind mir einzig die vielen Wiederholungen, teilweise innerhalb eines Absatzes fast derselbe Satz zweimal. Auch hat der Übersetzer oder Korrektor nicht immer ganz sauber gearbeitet, da teilweise Wörter fehlen, wodurch der Sinn gerade umgedreht wird, sprich, das Falsche ausgesagt. Dass es das Falsche ist, ergibt sich aus der Logik des Textes, dazu müsste man nicht mal Kenntnis der Materie haben. Aus dieser heraus ist es aber offenkundig. Dies nur ein kleiner Makel an einem sonst herausragenden Buch.

Fazit:

Eine fundierte Einführung in ein komplexes Thema auf amüsante und lesbare Art. Wissenschaft kann unterhaltsam und muss gar nicht trocken sein. Absolut empfehlenswert.

Angaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 312 Seiten

Verlag: Irisiana Verlag 2012

Preis: EUR: 22.99 ; CHF 36.90

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Ungarn auf dem Rechtstripp?

Ein Publizist in Ungarn ruft zur Vernichtung der Roma auf. Sie seien Tiere und man müsse sie mit allen Mitteln vernichten, da sie nicht existieren sollten. Die Regierung schweigt und dieses Schweigen trägt die Botschaft:

Rassistische Hetze ist erlaubt, wenn sie die richtige Minderheit trifft.

Die Roma in Ungarn leben in grosser Armut. Arbeit kriegen sie nicht, Geld nur wenig. Von den politischen Parolen erfahren sie nichts, ihr einziges Interesse gilt dem puren Überleben. Vermutlich verdrängen sie den Rest, haben resigniert. Dieses Phänomen zeigte sich auch in der Zwischenkriegszeit, die österreichischen Soziologen Paul Lazarsfeld und Marie Jahoda beschrieben es folgendermassen:

Armut und Langzeitarbeitslosigkeit führen nicht zu Wut und Revolte, sondern zu Hoffnungslosigkeit und Apathie. Wer einmal in diesem Zustand ist, findet kaum mehr heraus.

Die Lebensbedingungen der Roma sind menschenunwürdig. Als verachtete Minderheit leben sie in Armut. Wenn nun öffentlich zu ihrer Ausrottung aufgerufen werden darf und die Regierung wortlos zuschaut, sind das bedenkliche Zeichen. Es sind Zeichen, die zeigen, dass man aus der Geschichte nichts gelernt hat und dass das, was den Armeniern in der Türkei 1915 oder den Juden im 2. Weltkrieg passierte, jederzeit wieder geschehen kann.

Rückt die Welt nach rechts? Sind es nur einzelne Staaten? Wer gebietet ihnen Halt?

Die Zitate zu diesem Artikel stammen aus „Die Ausgestossenen“, TA vom 02.02.2013

Alles Gehirn, oder was?

Nachdem die Hirnforschung eine Zeit lang sehr dogmatisch verkünden wollte, dass wir unser Hirn seien und damit determiniert, ohne eigenen Willen und eigenes Selbst, rudern die meisten Wissenschaftler ein Stück zurück (sofern sie vorher so weit wie ihre Vorreiter gerudert waren) und  geben zu, dass die moderne Hirnforschung viel erreicht hat in letzter Zeit, trotzdem aber nicht alles erklären kann.

Der Hirnforscher Karl Zilles sagt es deutlich:

Die Vorstellung, wir seien nicht für unser Verhalten verantwortlich, sondern absolut determiniert, ist nicht haltbar.

Unser Verhalten ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Dingen:

Es ist ein Zusammenspiel: Erziehung, Gesellschaft und Bildung prägen das Gehirn, und umgekehrt beeinflusst die Leistungsfähigkeit des Gehirns die Welt in und um uns.

Das gibt dabei die Rahmenbedingungen vor, innerhalb derer wir uns bewegen, es bestimmt unsere Fähigkeiten. Kommen nun Einflüsse von aussen hinzu, verändert sich unser Gehirn. So können Erziehung, Ausbildung, soziales Umfeld Einfluss nehmen auf unser Gehirn. Auf dieser Grundlage funktionieren auch Therapien, indem sie durch Gespräche und dadurch sich verändernde Gehirnstrukturen zu einer Veränderung des Verhaltens führen.

Eric Kandel, amerikanischer Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger, zu diesem Thema:

Bei jedem Gespräch verändert sich das Gehirn. Jeder lernt etwas anderes aus demselben Gespräch, so dass jedes Gespräch auch eine andere Veränderung durchläuft.

Dies drückt die Interaktion von Gehirn und Umwelt aus. Das Gehirn, das bei Gespräch schon durch vergangene Erfahrungen und Ereignisse entwickelt war, steuert teilweise das, was wir in einem Gespräch wahrnehmen, wie wir es wahrnehmen. Diese Wahrnehmung wiederum führt zu neuen Veränderungen im Gehirn, welche in der Folge wirksam sind im weiteren Verhalten.

Interessant in diesem Zusammenhang:

„Es gibt kein Mörderhirn“ (Tagesanzeiger, 4. Februar 2013)

„Auf der Suche nach dem Gedächtnis, Der Hirnforscher Eric Kandel“, Ein Film von Petra Seeger, Arte Edition (ISBN 9783898481465)