Heute schon getrunken?

Trinken ist sozial. Trinken ist cool. Trinken schmeckt. Alles am Trinken ist toll, ausser das zuviel Trinken. Wo die Grenze ist, scheint schwammig. Folgt man den Regeln irgendwelcher Tests, sind die meisten Menschen arg kritisch und am Rande des Abgrunds. Schaut man auf die Gesellschaft, geht doch einiges rein an Schnaps, Bier, Wein. 

Alkohol ist die legale und sozial akzeptierte Droge Nummer eins. Man möchte fast sagen, es ist die sozial geforderte Droge. Feierabendbier, Wein zum Lesen, Whiskey zum Einschlafen, alles hat Platz, alles ist akzeptiert. Man geht zu Geschäftsessen und kann wählen zwischen Weiss- und Rotwein. Im Sommer auch mal Bier. Man nimmt Wasser? Da fängt der Erklärungsnotstand an. Frauen sind im Verdacht, schwanger zu sein oder auf Diät, Männer Zweiteres oder schon anonyme Alkoholiker? Einen Grund muss es haben, wenn man keinen Alkohol trinkt. Alkohol ist die Norm, kein Alkohol bedarf einer Rechtfertigung. 

Irgendwann schlägt diese gesellschaftlich fast geforderte Gewohnheit in ein ungesundes Mass um. Wo ist die Grenze? Was ist noch im Rahmen, was fällt hinaus? Die Grenzdiskussion mal aussen vor: Ist das Kind in den Brunnen gefallen, zeigen alle drauf: Wie kann man nur. War man vorher noch der Partylöwe und Stimmungskanone, ist man nun gefallener Engel und Versager.

In der Schweiz gibt es geschätzt über 300’000 Alkoholiker. Alles Versager? Die Dunkelziffer ist wohl noch höher, würde ich mal schätzen. Geht man davon aus, dass Sucht oft eine Bewältigungsstrategie ist, muss man sich wohl eher fragen, wo die Gesellschaft versagt, dass sie so viele an sich zerbrechen lässt. Wieso brauchen so viele Menschen eine Stütze, um durchs Leben zu kommen? Klar kann man sagen, dass mehr ohne klar kommen. Was aber machen wir mit den Betroffenen? Deckel drauf, sie saufen sich zu Tode? Oder doch mal hinsehen, ob die Lebensbedingungen, die wir in der heutigen Gesellschaft schaffen, wirklich noch menschenwürdig sind? Das Argument, dass viele nicht in den Alkoholismus abrutschen, zieht in meinen Augen sowieso nicht, denn dies ist nicht die einzige Sucht und auch nicht die einzige umweltbedingte Krankheit. Zählt man dann noch die dazu, die still leiden und weiter funktionieren, sind wir wohl bei einer viel höheren Zahl. 

Ein erster Anfang wäre es wohl, die offensichtlich leidenden zu unterstützen, statt sie zu verhöhnen. Man weiss nie, wann man selber einmal fällt. Dann wäre man auch froh um eine helfende Hand. Der zweite Schritt wäre das Überdenken der eingefahrenen Strukturen, in denen der einzelne Mensch nichts mehr zählt, auswechselbar ist. Denn durch diese Austauschmentalität kommt die Angst hoch, nicht gut genug zu sein. Es gibt wohl keinen bessern Boden für Süchte und ähnlich gelagerte Bewältigungsstrategien  als diesen. 

6 Kommentare zu „Heute schon getrunken?

  1. Das ist ein wichtiges Thema, das Du da angesprochen hast. Alkoholismus ist eine Krankheit. Die Gesellschaft verhindert oft, dass die Erkrankten Heilung erfahren können. Das macht ihre Mitschuld aus. Die Gesellschaft ist aber auch verantwortlich für Rahmenbedingungen, die Menschen auch in diesem Sinne krank machen.

    Das ist es schon hilfreich, wenn der Einzelne sich informiert und dann fragt: „Wie kann ich helfen?“

    Dein Artikel war so eine Hilfe!

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    1. Danke dir, Gerhard. Ja, die Gesellschaft muss hinsehen und erkennen, wo sie was ändern kann, um präventiv zu wirken, und wo sie helfen kann, um auch wiedergutzumachen.

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  2. Ein wichtiger Artikel. Das mit dem Rechtfertigen bei Abstinenz kenne ich auch. Ich trinke gerne mal ein Glas Wein. Wenn ich bei einem Essen mit Freunden Wasser trinke, heißt es immer: „Wieso? Nimmst du gerade Antibiotika oder machst du Diät?“ Dass man einfach keinen Alkohol möchte, scheint anormal zu sein.
    Ich frage mich auch, wieso unsere Gesellschaft so viel Vergessen, Ablenkung oder Benebelung braucht, um zurecht zu kommen. Was würde wohl passieren, wenn plötzlich der Alkohol nicht mehr erreichbar wäre. Was würde das in unserer Gesellschaft für dramatische Auswirkungen haben.

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    1. Ich hörte mal den Vergleich, dass Sucht vergleichbar sei mit einer Krücke. Stellt man sich das gebrochene Bein vor und die Krücke fällt weg, knickt der Mensch ein. Und wenn so viele Menschen einknicken, stünde die Gesellschaft wohl ziemlich schnell auf wackligen Beinen.

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  3. Was nicht vergessen werden darf – Alkohol ist eine der Süchte die noch (?) akzeptiert sind, und vor allem ein riesen $$$ Geschäft darstellt. Solange dieses Geschäft so gut läuft bleibt der Alkohol wohl erreichbar. Bei einem Verbot (wurde ja in USA in der Prohibition getestet) stiege eher der Preis in die Höhe als dass auf Alkohol verzichtet würde. Also das Geschäft noch grösser würde…

    Rein medizinisch gibt es aus meiner Sicht keine Gründe dass Alkohol (und auch Nikotin) legal ist und anderes wie Heroin, Cannabis dagegen illegal. Diverse Studien belegen dies auch.
    Zitat: „Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums und der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen bestätigen die Gefährlichkeit der legalen Stoffe mit Suchtpotential, die allerdings auch von viel mehr Menschen konsumiert werden als sogenannte harte Drogen: Alkoholmissbrauch fordert in Deutschland 42.000 Tote pro Jahr, an den Folgen des Rauchens sterben sogar 110.000 Personen jährlich.

    Dem stehen 1326 Menschen gegenüber, die im vergangenen Jahr am Konsum illegaler Drogen starben. „Die Gefahren des Konsums von Alkohol und Nikotin werden völlig unterschätzt“, sagt Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie der Berliner Charité: „Betrachtet man allein medizinische Kriterien, müsste Nikotin auf Platz Eins und Alkohol auf Platz Zwei der Liste stehen.““
    http://www.sueddeutsche.de/leben/drogen-ranking-alkohol-und-tabak-gefaehrlicher-als-lsd-und-ecstasy-1.724153

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  4. Nun stirbt aber, wer an einer Durchgangsstraße der hohen Kategorie wohnt, auch 10 Jahre früher an Dreck und Lärm als jemand, der durch eben diese Straße zu seinem gehobenen Vorortdomizil brettert. Nippt nun derjenige, der in der Umwelt- Hölle wohnt, jeden Abend seinen Schlummertrunk im Sinne des Wortes und stirbt nur 8 Jahre früher, weil er durchpennen kann, hat er alles richtig gemacht.
    Ist aber sicher kein Betroffenheits- Blogger. Und seinen Sonntagsreden- Politgurus ist er egal. Egal wie alle, die immer früher sterben, weil die Arbeits- und Ausbeutungsbedingungen sich radikal zu Ungunsten von 85% der Weltbevölkerung verschlechtern. Den rapiden Verfall kann man sich in den USA mit dem teuersten – sprich lukrativsten für wenige Absahner – Gesundheitswesen der Welt begucken. Die sterben so weg. Anders als in Kuba, da. wo es den Rum gibt statt seichter Plörre. Wer DA nicht säuft, muss bekloppt sein. Daran verdient dann wieder das teuerste Gesundheitswesen der Welt…..
    Hoffe, ich konnte die Märchenstunde etwas erfrischen….Prost, Salut.

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