Blogger-Themen-Tage – ein Fazit

Die letzten drei Tage waren den Blogger-Themen-Tagen gewidmet. Es waren wunderbare Tage mit wunderbaren Themen. Das klingt schräg? Wie können Themen rund um Behinderung wunderbar sein? Es waren echte Tage. Ich habe selten so viele offene und ehrliche Artikel gelesen wie in den letzten drei Tagen. Ich habe selten so viel Mitgefühl und positive Stimmung erlebt wie in den letzten drei Tagen. Und es war wunderbar zu sehen, wie Menschen zusammen kamen und schrieben, sich öffneten, etwas preis gaben von sich und ihrem Denken.

Dem Thema Behinderung haftet so vieles an. Und selten ist es positiv. Behinderung klingt nach Trauer, nach Versagen, nach Verlierer, nach Kampf, nach Randgruppe und Minderheit. Es klingt nach Wegschauen, Ignorieren, Nicht-Wollen. Und genau das fehlte alles. Es war vielleicht ab und an Nachdenklichkeit dabei – doch was gibt es Besseres als Nachdenken? Nachdenken heisst Hinterfragen. Heisst, etwas in Frage zu stellen, was einfach so da steht mit all seinen negativen Nebenklängen.

Wenn ich eines gesehen habe in diesen drei Tagen, ist es, dass ganz viele Menschen sehr viel zu sagen haben. Und es sind Menschen, die Gefühle haben und sich trauen, sie zu zeigen, sie zu beschreiben. Es sind Menschen, die eine Sprache haben, Gefühle lesbar und damit verständlich zu machen. Und es sind Menschen, die diese Welt viel lehren können. Ab und an überkam mich das seltsame Gefühl: Waren das wirklich die Behinderten in unserer Gesellschaft?

Heute gelten die Menschen als normal, die funktionieren, in Schubladen passen, die an Massstäbe gebunden sind, welche man nach Jahreszahlen und in Perzentilen messen kann. Ihr Kind ist 5 Jahre alt? Es muss so und so schwer und gross sein, dies und das können. Passt das nicht, ist ihr Kind zumindest abnormal – zur Behinderung ist es ein kleiner Schritt. Es folgen Therapien, welche nur eines zum Ziel haben: Alles passend für die Schublade zu machen. Glückt die Therapie, läuft das Kind später im Gleichschritt. Altersgemäss und normgerecht passend. Therapie geglückt, Mensch platt gemacht möchte man sagen und weiss, dass man damit verspottet wird. Gegen die Norm auflehnen geht nicht. Sie basiert auf Studien und Wissenschaften. Und die müssen schliesslich recht haben.

So oder so – in den letzten Tagen las ich viel über Menschen, die in keine Schublade passten und dies in wunderbaren Worten beschreiben konnten. Ich las von ihrem Kampf im Leben und ich las davon, dass sie lebten – und leben gelassen werden wollten. Der Kampf um das eigene Leben wie es ist, ohne Zwang und Druck von aussen, passend gemacht zu werden. Der Kampf, wahrgenommen zu werden, wie man ist, ohne in Schubladen gepresst zu werden. Wann hört er auf?

Ein weiser Mann sagte einmal zu mir: Sie sind ein Schmetterling unter Maulwürfen. 90% der Menschen dieser Welt sind Maulwürfe. Sie wollen Sie in ihre Höhle ziehen, weil die Höhle normal sei. Wenn sie in die Höhle wollen, werden sie nie glücklich. Breiten sie die Flügel aus und fliegen sie so hoch sie können. Es ist nicht einfach. Es sind viele Maulwürfe, die einen in die Höhle zwingen wollen. Für sie passt diese Höhle, sie sollen da leben.  Zum Glück gibt es ein paar Maulwürfe, die sehen, dass auch Schmetterlinge in diese Welt gehören. Und es gibt andere Schmetterlinge, die einem zeigen, dass fliegen schön ist.

Hellmut Flashar: Aristoteles. Lehrer des Abendlandes

Ohne Freunde möchte niemand leben, auch wenn er die übrigen Güter alle zusammen besässe: gerade auch den reichen Leuten und denen, die Amt und Herrschaft haben, tun Freunde bekanntlich ganz besonders not. Denn wozu ist solcher Wohlstand nütze, wenn die Möglichkeit des Wohltuns genommen ist, das doch vor allem und in seiner preiswürdigsten Form dem Freunde gegenüber sich entfaltet?

Diese Worte, die aktuell klingen und in die heutige Zeit passen, stammen von einem Philosophen, der vor über 2000 Jahren lebte. Aristoteles prägte mit seinem Denken die geistige Entwicklung des Abendlandes nachhaltig. Sein Name ist bis heute bekannt, seine Philosophie wird noch immer zitiert und hat in vielen Bereichen noch immer Geltung, ist noch aktuell in ihren Inhalten.

Über Aristoteles ist viel geschrieben worden, Bücher über diesen griechischen Philosophen füllen ganze Regale. Das vorliegende von Hellmut Flashar ist nicht einfach eines mehr, sondern es sticht heraus durch seine umfassende und verständliche Darstellung des Lebens wie des Werkes von Aristoteles. Aus verschiedenen Quellen rekonstruiert Flashar Aristoteles’ Biographie, legt dabei auch die Tücken der Quellen offen. Er beleuchtet nicht nur die Familie des Philosophen, sondern zeichnet auch ein Bild der Stadt, der politischen Umstände zu seiner Zeit sowie der Einflüsse, die sein Denken prägten.

Leider ging ein Teil von Aristoteles Werk verloren. Die noch erhaltenen Werke setzen sich aus Lehrschriften zusammen, welche aus dem Unterricht Aristoteles’ hervorgegangen sind. Flashar widmet den einzelnen Gebieten des umfassenden Werks von Aristoteles je ein Kapitel und behandelt so in verständlicher Art und doch fundiert sämtliche Themen mit einer Einleitung, der Zusammenfassung und Darlegung der wichtigsten Punkte sowie Hintergründe und Ausblicke.

Den Abschluss dieses umfassenden Werkes bildet ein Kapitel über die Rezeption Aristoteles’ in der griechischen, arabischen, lateinischen Tradition sowie in der Neuzeit. Flashar beweist in diesem Buch sein grosses Wissen über diesen herausragenden Philosophen sowie seine Fähigkeit, den nicht immer einfachen Stoff verständlich und lesbar zu vermitteln.

Fazit
Informativ, fundiert, umfassend – ein grosser Philosoph und sein Werk werden hier mit viel Liebe und Wissen porträtiert. Sehr empfehlenswert.

Hellmut Flashar
Hellmut Flashar wuchs in Berlin auf, studierte Klassische Philologie und Philosophie in Berlin und Tübingen und promovierte mit einer Dissertation über Platons Dialog Ion. Nach seiner Habilitierung hatte er zuerst eine Professur in Bochum inne, wechselte 1982 an die LMU München, wo er bis zu seiner Emeritierung blieb, daneben an anderen Unis lehrte
Flashar gilt als Spezialist vor allem für griechische Philosophie. Er ist Herausgeber der deutschen Aristoteles-Gesamtausgabe und arbeitete bei verschiedenen Fachjournalen. Weitere Werke sind u.a. Inszenierung der Antike. Das griechische Drama auf der Bühne. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart (2009), Sophokles. Dichter im demokratischen Athen (2010).

FlasharAristotAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 2013
Preis: EUR: 26.95 ; CHF 36.90

Zu kaufen bei AMAZON.DE, BÜCHER.DE und BUCH.CH

Martina: „Im Gefängnis der Anderen“

Dieser Gastbeitrag von Martina wird im Rahmen der Blogger-Themen-Tage zum Thema Behinderungen, Medien und die Gesellschaft geschrieben. Ich möchte Martina an dieser Stelle für Ihre Offenheit danken, mit der sie ihren Weg mit uns teilt und für ihr Vertrauen, dass sie dies in meinem Blog tut. 

Im Gefängnis der Anderen

Damals als Kind habe ich gelernt auszuhalten, eine Fremde unter Fremden zu sein. Mit einer zweiten Haut habe ich nach außen Erwartungen entsprochen, mein Inneres habe ich verborgen und war auf der Suche. Auf der Suche nach dem, was für mich richtig war. Denn ich fühlte mich immer falsch.

Die Menschen um mich herum hatten ihre Maßstäbe, nach denen ich mich entwickeln sollte. Ob diese Maßstäbe mir angemessen waren, war nicht maßgeblich. Da ich in der Welt der anderen leben musste, bemühte ich mich darum, ihren Anforderungen zu entsprechen. Bis ich nicht mehr konnte. Ich wurde in meine Welt zurückgeschleudert, weil es in der Welt der anderen nicht wirklich einen Platz für mich gab.

Ich suchte weiter um einen Platz für mich, in meiner Welt. Das dauerte 13 Jahre. 13 Jahre, in denen ich auf die Unterstützung und Diagnosefähigkeit von Ärzten und Therapeuten angewiesen war. In denen ich von Amt zu Amt ging. Ich suchte und kämpfte immer weiter, weil der Eindruck in mir blieb, dass meine Welt in der Welt der anderen nicht wirklich ankam, sie mich nicht wirklich verstanden. Ich sah mich eingesperrt in ihren Aussagen, Diagnosen und Empfehlungen, die Teilbereiche von mir betrafen, aber mich nicht als ganzen Menschen wahrnahmen.

Dieses Gefängnis löste sich auf, als ich mit 46 Jahren die Diagnose „Asperger Syndrom“ erhielt. Ich bin ganz und ich bin frei, denn ich bin mir nicht mehr entfremdet.

Heute wünsche ich mir besonders für autistische Kinder, dass sie einen solchen Weg nicht mehr gehen müssen. Ich wünsche mir eine Welt, die als „unsere Welt“ bezeichnet wird. In der sich alle Menschen offen und unvoreingenommen begegnen können.

Die öffentliche Berichterstattung ist hier ein wichtiges Hilfsmittel. Aber solange es Berichte gibt, in denen autistische Menschen aufgrund von Vorurteilen, die auf oberflächlichen Teilkenntnissen beruhen, für eine gewinnbringende Schlagzeile benutzt werden, wird dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Solange werden wir immer wieder aufs Neue entfremdet, behindert und eingesperrt.

Deshalb bitte ich Berichterstatter, dass sie nicht nur Oberflächliches von sich geben, sondern bei ihrer Recherche wirklich suchen und nicht aufgeben, bis sie die Wahrheit mit gutem Gewissen veröffentlichen können.

________________

Das komplette Programm findet sich hier: Programm der Blogger-Themen-Tage

Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstrasse

Man hörte das Knacken einer Sprechanlage, wurde von einer Stimme auf den dritten Stock im Vorderhaus verwiesen, in eine Wohnung, die Denninghoff nur allzu gut kannte. Dort hatte er die letzten Jahre mit seiner Frau verbracht, und wie oft hatte er gewünscht, sich in den Räumen, die ihm vertraut waren, nochmals umzusehen.

Nach dem Tod seiner Frau zieht Denninghoff aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er erträgt die Umgebung, in der sein gewohnter Alltag, der ein glücklicher gewesen ist, mit einem Schlag beendet war, nicht mehr. Schon kurze Zeit drauf bereut er diesen Schritt, hängt seine ganzen Gedanken an ein Poster, das in dieser Wohnung gehangen hat und das er wieder haben will. Er sieht es vor sich, bricht in die Wohnung ein, im Glauben, es müsse noch da hangen. Doch genauso wenig wie er das Bild wieder findet, lässt sich das alte Leben zurückholen.

Diese und vier andere Erzählungen finden sich in Hartmut Langes Novellenband. Hartmut Lange lässt seine Geschichten durch detaillierte Umgebungsbeschreibungen realistisch wirken, man sieht sich dem normalen Leben inmitten einer plastischen Umwelt, sei es Stadt, sei es Natur, gegenüber. Es sind Geschichten aus dem Leben von normalen Menschen, die ein normales, von Gewohnheiten geprägtes Leben führen und damit glücklich sind.

Es sind Geschichten vom kleinen Glück des Alltags, welches plötzlich getrübt wird. Sei es der Tod der geliebten Frau, die Aussage einer Frau über den eigenen Mann oder das Spiel einer toten Cellistin, alles bewirkt eine plötzliche Abkehr der Gedanken vom guten Alltag. Plötzlich ist nicht mehr das gewohnte Leben im Zentrum, sondern eine Besessenheit nimmt überhand und wird zum grossen vereinnahmenden Loch. Wie soll man damit umgehen?

„Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern“ Und: „Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern“

Hartmut Lange beschreibt die menschliche Fähigkeit, den eigenen Gedanken mehr Realität zu geben als dem gewohnten Alltag. Was ist Wirklichkeit, was Lebenslüge? War die bisherige Gewohnheit nur Wegschauen und nun ist man aufgewacht? Sind die neuen Gedanken eigene Sehnsüchte, Ängste, welche irrational sind? Das blosse Denken einer Möglichkeit wird zur Obsession, der kaum entkommen werden kann. Entweder man findet einen Weg, mit dem Zerstörerischen umzugehen oder es zieht einen in den Abgrund.

Fazit:
Geschichten aus dem Leben, menschlich, realistisch und doch phantastisch. Empfehlenswert.

Der Autor: Hartmut Lange
Hartmut Lange wurde 1937 in Berlin-Spandau geboren, wurde mit seiner Familie im Alter von zwei Jahren nach Polen umgesiedelt und kehre 1946 mit seiner Mutter nach Berlin zurück. Er studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie und erhielt 1960 eine Anstellung am Deutschen Theater in Ostberlin. 1965 verliess er die DDR und reiste über Jugoslawien nach Westberlin, arbeitete da für verschiedene Theater. Er schreibt hauptsächlich Erzählungen und Prosa, Werke von ihm sind u. a. Tagebuch eines Melancholikers, Vom Werden der Vernunft, Eine andere Form des Glücks, Der Wanderer. Hartmut Lange lebt mit seiner Frau in Berlin und bei Perugia in Umbrien.

LangeDoroAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (2013)
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.90

Wir werden ihm nicht helfen

„Wenn ihr Sohn nun auf die Welt kommt, werden wir ihm nicht helfen. Er wird dann einfach sterben.“

Als ich diese Worte höre, liege ich in einem Spitalbett, bin in der 20. Schwangerschaftswoche und blicke auf die Gesichter von 10 Ärzten, die – teilweise zu Studienzwecken – um das Bett verteilt stehen.

Die Schwangerschaft war von Anfang an schwierig, stand immer auf der Kippe. Eine Frühgeburt war mehr Wahrscheinlichkeit denn blosse Möglichkeit. Mit diesem Wissen im Hinterkopf kamen viele Gedanken auf: Was, wenn das Kind viel zu früh auf die Welt kommt? Wird es gesund sein? Die Aussicht auf ein gesundes Kind ist kleiner, je früher es auf diese Welt kommt. Körperliche Gebrechen, nicht ausgebildete Organe, geistige Beeinträchtigungen. Alles ist möglich und das in allen Schweregraden.

Ein behindertes Kind war nicht das, was ich mir gewünscht hätte. Und ja, hätte ich vor der Schwangerschaft wählen können, ob ich ein gesundes oder ein behindertes Kind haben möchte, dann hätte ich mich für das gesunde entschieden. Ich denke, damit stehe ich nicht alleine. Die Gründe sind vielfältig. Hauptgrund wäre sicher, dass es mich traurig gemacht hätte, zu sehen, was meinem Kind nicht möglich sein wird im Leben, mit welchen Einschränkungen es leben muss. Ich hätte Schmerz empfunden über seine Stellung in dieser Welt, in der behinderte Menschen noch immer teilweise ausgeschlossen, ab und an gar verstossen sind. Und ich hätte mich wohl auch schuldig gefühlt, dass ich diesem Kind keine besseren Bedingungen mit auf den Weg geben konnte und dass ich es nicht vor allem beschützen kann.

Ich habe bewusst auf Fruchtwasseruntersuchungen und ähnliches verzichtet in der Schwangerschaft. Die Nackenfalte war über dem Normalen, mehr wollte ich nicht wissen, zumal die ganzen anderen Probleme auch noch waren, das Risiko so schon gross war, das Kind zu verlieren. Das war mein Kind, es wuchs in mir, es gehörte zu mir. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, es aufzugeben, es sterben zu lassen. Damit verurteile ich niemanden, der so entscheiden würde, dies war mein Weg, der für mich stimmte.

Und nun liege ich also mal wieder im Spital. 20 Wochen Schwangerschaft liegen hinter mir, 20 noch vor mir. Es sieht nicht gut aus. Die Wehen setzen immer wieder ein, die Plazenta löst sich ständig an allen Ecken und Enden – eine Totalablösung wäre das Ende. Käme das Kind nun auf die Welt, wären alle mir vorher ausgemalten Möglichkeiten realistisch: Herzfehler, zu wenig ausgebildete Organe, geistige Behinderung.

Vor kurzem hat die Ethikkommission eine Grenze gesetzt, ab wann Frühgeburten lebensrettenden Massnahmen geholfen werden soll und unter welcher man sie sterben lässt. Wir sind noch vor dieser Grenze. Die Ärzte kommen zur Visite, stellen sich rund um mein Bett und sagen den Satz, der mir noch heute im Kopf nachhallt:

  „Wenn ihr Sohn nun auf die Welt kommt, werden wir ihm nicht helfen. Er wird dann einfach sterben.“

Wieso? Weil ein totes Kind besser ist als ein Behindertes? Ist ein behindertes Kind die Mühe nicht wert, es am Leben zu halten? Dass es Überlebenschancen gibt, weiss man, es haben schon viele Kinder dieses Stadium überlebt, wenn auch oft mit Beeinträchtigungen im späteren Leben. Das mag sein. Doch sind sie weniger wert deswegen? Abtreiben dürfte ich ihn nicht (was ich sicherlich nicht wollen würde), das wäre Leben vernichten, aber sterben lassen dürfen ihn die Ärzte (sie haben das Recht dazu – wer gibt es ihnen?), weil sie befinden, er sei nicht wert zu leben, nicht wert, gerettet zu werden.

Mein Sohn kommt 12 Wochen später mit einem Notkaiserschnitt zur Welt und landet direkt im Brutkasten. Ausser ein paar Startschwierigkeiten, die normal sind, geht es langsam aufwärts, er darf nach einem Monat nach Hause. Beim Abschiedsgespräch wird mir geraten, ihn gleich für verschiedene Therapien anzumelden, da man wisse, dass Frühgeburten verschiedene Schwierigkeiten und Defizite hätten, denen man so gleich vorbeugen könne. Ich habe dankend abgelehnt und beschlossen, mein Kind so anzunehmen, wie es ist und dann zu reagieren, wenn es wirklich den Bedarf hat, nicht darum, weil er nach Statistik in eine Schublade gehören würde.  Wir sind bis heute gut gefahren damit.

Ich bin unendlich dankbar für dieses wunderbare Kind, ich bin mir bewusst, dass wir sehr viel Glück hatten. Der Weg war nicht immer einfach, aber er war jeden Schritt wert. Das grösste Glück ist, dass er lebt. Das ist unbezahlbar.

___________

Dieser Beitrag wird im Rahmen der Blogger-Themen-Tage zum Thema Behinderungen, Medien und die Gesellschaft geschrieben. Das komplette Programm findet sich hier: Programm der Blogger-Themen-Tage

Schweizer Unis: Geld oder Unabhängigkeit

«Wir appellieren an die Leitung der Universitäten und an alle Bildungsverantwortlichen im In- und Ausland, dem kostbaren und von der Verfassung geschützten Gut der akademischen Freiheit und Unabhängigkeit Sorge zu tragen und das wissenschaftliche Ethos nicht mit problematischen Kooperationen zu gefährden.»

27 Professoren aus dem In- und Ausland stellen eine Streitschrift mit dem Titel „Zürcher Appell“ ins Internet. Sie sorgen sich um „das akademische Ethos“ und sprechen von „fragwürdigem Universitäts-Sponsoring“. Was ist geschehen?

Die UBS hat 100 Millionen an die  an die Uni Zürich gespendet, um damit ein „UBS International Center of Economics in Society“ zu finanzieren. Zwar blieben die Details des Vertrags geheim, doch wurde versichert, dass die UBS keinen Einfluss auf Forschungsinhalte hätte. Die Verfasser beklagen die mangelnde Kommunikation und dass niemand – weder Bevölkerung noch Unilehrkörper – gefragt worden sei, ob man das überhaupt wolle. Zudem befürchten sie, dass damit die Unabhängigkeit der Forschung beeinträchtigt sei (n könnte).

Drittmittelgewinnung ist nichts Neues an Universitäten. Dabei fällt es gewissen Fachrichtungen leichter, an solche zu gelangen als anderen. Die Zahlungsfreude hängt mit der wirtschaftlichen Brauchbarkeit des Studienganges zusammen. Das zeigt schon mal, dass die Zahlungen nicht ganz unabhängig und frei von irgendwelchen Hintergedanken sind. Meistens vertreten Geldgeber Eigeninteressen, welche aber unterschiedlicher Natur sein können – Gewichten möchte ich die an dieser Stelle nicht.

Die verfügbaren Gelder sind oft Streitthema zwischen Professoren. Wenn sie zu verteilen sind, versucht jeder, das grössere Stück vom Kuchen abzukriegen. Das führte schon zu grossen internen Zerwürfnissen innerhalb von Projekten. Eigentlich schade, aber es zeigt, dass auch an Unis nur „normale Menschen“ sitzen, die genau gleich funktionieren wie die in der Privatwirtschaft es tun. Und natürlich ist das eigene Forschungsprojekt immer näher und damit wichtiger. Zudem ist das Geld knapp und man weiss, dass man nur zu leicht leer ausgeht. Wo Mangel ist, herrscht Kampf ums Überleben.

In anderen Ländern ist es teilweise üblich, dass Firmen Doktoranden übernehmen, sie ihren Fächern gemäss einsetzen und diese dann innerhalb ihrer Tätigkeit ihre Doktorarbeit fertig stellen. Auch das wäre ja bei Lichte betrachtet ein Einmischen von aussen in die Forschung. Die Forschungsergebnisse stehen immer unter dem Patronat der Firma, die forschen lässt. Zuviel Einfluss? Wie steht es mit den Rechtsgutachten von Jusprofessoren? Sind die immer völlig unabhängig?

An der Uni Basel findet am 6. März 2013 eine Podiumsdiskussion zur Hochschulfinanzierung mit dem Titel „Wer finanziert mein Studium? statt.Die Kantone diskutieren momentan intensiv, wie die nächste Periode bezahlt werden soll. Die Erhöhung der Studiengebühren steht ebenso zur Debatte wie private Förderung, Drittmittel. Die Frage bei der letzteren ist halt immer, dass meist nur die Studienrichtungen am offenen Geldhahn stehen, welche für  Wirtschaftsunternehmen interessant sind. Gerechte Verteilung und freie Forschung sieht anders aus. Freie Forschung auch. Wo liegt die Lösung?

Private Gelder sind nicht per se ein Problem. Die Universitäten müssen sich irgendwie finanzieren und alles auf Studenten abzuwälzen würde den Zugang für finanziell schwächer Gestellte erschweren und damit zu einer Ungleichbehandlung aufgrund von Einkommensverhältnissen führen (was man unter Umständen mit Steuergeldern wieder ausgleichen müsste, so dass dann indirekt doch der Staat aufkäme). So gesehen wären private Gelder sicher willkommen. Um eine Einmischung in die Forschung zu vermeiden, könnte es helfen, dass die Gelder direkt in Forschungsunabhängige Stiftungen einbezahlt würden, die dann der ganzen Uni zur Verfügung stünden, so dass sie je nach Bedarf inneruniversitär verteilt werden könnten. Dass dies zur Frage nach dem wirklichen Bedarf führen wird, liegt in der Natur der Sache. Ebenso wird eventuell das Interesse der privaten Sponsoren abnehmen. Wenn jedoch so unter dem Strich mehr Geld bleibt, als wenn gar nichts käme, dieses fairer verteilt ist und die schlechten Gefühle und Bedenken wegfallen, könnte das durchaus eine gute Lösung für alle sein.

 

__________________

Dieser Artikel wurde durch einen Artikel des Tagesanzeigers vom 1.3.2013 angeregt: UBS-Millionen: Professoren fürchten um die Unabhängigkeit der Universitäten

Vom Speckvegetarier zum liberalen Käsefreund

„Mama, hat es da auch was drin, das nicht vegetarisch ist?“

Diese Frage stellte mir mein Sohn gestern beim Nachtessen. Auf dem Teller lag ein Gemüsecurry und Reis. Und es war wirklich lecker, was er auch sagte, aber eben: Es hatte kein Fleisch drin.

Vor kurzem verkündete ich vor versammelter Mannschaft: Ich mag kein Fleisch mehr essen. Ich war 20 Jahre Vegetarierin, begann dann vor einigen Jahren, dieses zu schätzen und auch zu geniessen, ass es in Mengen und war froh, diesen Genuss wieder zu haben. Der Genussfaktor hielt nicht lange, bald merkte ich, dass das im Essen, was am wenigsten schmeckte, das Fleisch war – einzige Ausnahme: Speck. Den liebte ich heiss – in allen Gerichten diente er als Ölersatz und Geschmackträger und -bringer. Auf Speck verzichten? Keine Chance.

Ich nannte mich Speckvegetarier und kochte aber weiter wie bisher – schliesslich bin ich umgeben von Fleischfressern. Zudem ist es bequem, in alten Kochmustern zu verharren. Doch je länger je mehr stimmt es für mich nicht mehr. Die Skandale in jüngster Zeit sind nur ein Punkt mehr dabei. So kam es zu meiner Verlautbarung vor Kurzem. Das schlechte Gewissen liess nicht auf sich warten, vor allem, als ich die grossen runden ungläubigen Augen des mir Gegenübersitzenden sah. Der neben diesem Sitzenden hatte einen ebensolchen offenen Mund.

„Mama, das geht nicht. All die leckeren Würste, dein Fleischkäse im Teig, all deine leckeren Rezepte…“

Sprachloses Nicken Seitens des andern Skeptikers unterstützte dieses Votum. Andere scheinen da abgebrühter, schrieb doch unlängst eine Journalistin ein Buch mit dem Titel Mami, ist das vegan? Das dazugehörige Video gibt es auch, selbst wenn es wenig preisgibt, wie ich meine Skeptiker überzeugen könnte. Und irgendwie widerstrebt es mir auch, andere für Dinge zu gewinnen, die ich will. Zwar finde ich die Skandale grausam, trotzdem ist es jedermanns eigene Sache, wie er sich ernähren will. Da ich sowieso schon nur frisch kaufe und koche, betraf mich bislang keiner der Skandale, ich bin da sehr bewusst. Und trotzdem: Ich für mich will mehr.

Noch greife ich beim Einkaufen gewohnt zum Fleisch, der Kühlschrank ist noch voll davon, die Tiefkühltruhe sowieso. Die Aufgabe wird sein, wie das an die beiden Fleischesser zu verteilen, und dabei selber meinen Weg zu gehen. Es wird kein radikaler Weg sein, denn es steckt nicht mal wirklich eine Ideologie dahinter. Als Gast esse ich noch immer, was ich vorgesetzt kriege. Und doch möchte ich für mich zurück zu einem fleischlosen Alltag. Vegan indes ginge nie. Milch, Joghurt, Sahne, Honig – kein Problem, können alle wegbleiben (ich vertrage sie eh alle nicht). Aber so ein leckerer rezenter Hartkäse – auf den würde ich nicht verzichten wollen.

Darf ich meine Familie zwingen, fleischlos zu leben, wenn sie das nicht wollen? Ich finde nicht. Genauso wenig können sie aber von mir erwarten, dass ich das Fleisch esse, nur weil sie es haben wollen. Da ich koche, werde ich es für sie weiter auf dem Speiseplan haben. Wir sind damit ein nicht konsequenter, liberaler Haushalt. Mir soll’s recht sein. Schliesslich will ich nicht die Welt verbessern, sondern für mich ein Stück Bewusstsein leben. Bewusstsein kann man nicht befehlen, man kann es nur leben – vielleicht findet jemand Geschmack dran. Das darf aber nicht das Ziel sein.

Behinderung in unserer Gesellschaft – Blogger-Themen-Tage

#EinfachSein Behinderungen, Medien und die Gesellschaft

Einzelne Stimmen werden selten gehört, viele Stimmen finden Gehör! Viele Stimmen finden Gehör, wenn einzelne untergehen!

Mit diesem Gedanken starteten vor einigen Tagen Überlegungen, einen Aktionstag zum Medien- und Gesellschaftsbild von Behinderungen zu machen. Herausgekommen ist die Idee der Blogger-Themen-Tage 2013!

Mit diesen Worten beschreibt der Betreiber des Blogs Quergedachtes  seine Idee, welche in der Folge viele dazu brachte, sich ihm anzuschliessen, einen Beitrag zum Thema zu liefern und damit die Blogger-Themen-Tage 2013 lebendig zu machen.

Viele Blogger möchten an mehreren Tagen zu einem Leitthema einen Beitrag leisten und so dazu beitragen, dass auch Themen und Blogger, die weniger „massentauglich“ sind, Gehör in der Gesellschaft und den Medien finden.

Dank der Organisation von Aleksander von Quergedachtes, Katrin von Autzeit und Sabine von Aspergerfrauen werden die Blogger-Themen-Tage wirklich Realität und zwar vom 1. – 3. März 2013. Ich freue mich, mit Denkzeiten dabei zu sein und damit einen Beitrag zu diesem mir am Herzen liegenden Thema beizusteuern.

Das Programm für die einzelnen Blogger-Themen-Tage findet Ihr hier:

Freitag 01. März

Samstag 02. März

Sonntag 03. März

Denkzeiten wird mit einem eigenen Beitrag (Wir werden ihm nicht helfen) am Samstag um 17.30 dabei sein und mit einem Gastbeitrag von Martina (“Im Gefängnis der anderen” Autismus und Medien) am Sonntag um 19.30.

Ich freue mich darauf!

Wer klug ist, muss klug klingen

Liest man Sach- und Fachbücher, gerade im universitären Rahmen, findet man sich einer Flut unverständlicher Wendungen und hochgestochenen Kauderwelschs gegenüber. Jeder, der etwas auf sich hält, scheint das in hoch komplexen, verschachtelten, mit Fremdwörtern gespickten, möglichst langen Sätzen kundtun zu wollen. Oder er scheint zu denken, es zu müssen, damit auch alle gleich merken, dass da einer schreibt, der einer ist und nicht keiner. Wenn dann zu all den Verschachtelungen die an sich schon schwer genug zu lesen wären stünden alle Satzzeichen da  diese auch noch fehlen dann wird das Lesen zur Tortur und man sieht sich ständig suchend wo denn nun der Anfang war und wo das alles endet.

„Das wirklich Wichtige in Diagrammen befindet sich meist in den Pfeilen dazwischen.“

Oft sind die gelehrten Schreiber einsichtig und stellen ihren Text in vereinfachten Diagrammen dar. Das soll veranschaulichen, was vorher unverständlich geschrieben war. Damit es auch wirklich anschaulich wird, lässt man das eine oder andere weg, reduziert maximal und hat danach ein buntes und schönes Diagramm mit Pfeilen und Strichen, Balken und Kuchenstücken. Selbsterklärend ist das nicht, es wird noch eine Erklärung dazu brauchen. Dazu kommt, dass man nun nur einen Teil der Wahrheit kennt, der Rest wurde weg reduziert. Das passt dann auch zum Ausspruch:

„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“

Vereinfachungen sind selten befriedigend, gerade, wenn es um komplexe Gegenstände geht, die aus mehreren, nicht hierarchisch zu gliedernden Ebenen bestehen. Reduziert man die zu betrachtenden Punkte auf einige wenige, fallen die anderen, die durchaus Relevanz haben (für sich oder im Ganzen), weg, was zu einem verzerrten und damit falschen Bild führt. Zwar ist dieses Bild dann verständlich, aber es ist schlicht nicht richtig. Damit vermittelt man eine Sachlage, die Menschen als Faktum nehmen, welche aber als solche weder existiert noch irgendwelche Relevanz hat. Bauen dann Menschen auf dieser Sachlage auf, können nur wacklige Konstrukte entstehen.

„Ich habe die Sache zu wenig verstanden, um mich einfach auszudrücken“

Statt die Dimensionen zu reduzieren wäre es in meinen Augen sinnvoller, die ganze Bandbreite offen zu legen. Es müssen auch nicht immer markige Diagramme sein, oft reicht ein simpler Text aus. Beim Offenlegen der ganzen Breite sollte aber darauf geachtet werden, dass man sich sprachlich nicht zu sehr in einen abgehobenen Fachjargon flüchtet. Darin sehe ich die Hauptproblematik. Jeder denkt, er müsse die Lage noch abgehobener und mit noch komplexeren Sätzen und Fremdwörtern schildern, so dass am Schluss keiner mehr etwas versteht, aber alle weise nicken, weil keiner sich die Blösse geben will. Oft sagen die so gelehrt klingenden Sätze aber gar nichts aus, was man spätestens dann bemerkt, wenn man sie Wort für Wort entschlüsselt. Der Sache ist damit nicht gedient.

Will die Wissenschaft nicht vollends nutzlos im Elfenbeinturm verschwinden und sich gegenseitig Häppchen zuwerfen, wäre es an der Zeit, sich in einen Diskurs mit der Gesellschaft einzubringen. Dann erfüllt sie nämlich eine gute und wichtige Aufgabe und all die in stillen Kammern geschriebenen Bücher und Arbeiten werden plötzlich sinnvoll, weil praktisch wahrgenommen.

Als letztes Zitat, welches mir noch aus meiner Unizeit im Kopf schwebt (die oben genannten stammen auch aus meiner Studienzeit) fällt mir noch ein:

„Ich hatte keine Zeit mich kurz zu fassen.“

Und damit schliesse ich.

 

________

Inspiriert zu diesem Thema wurde ich durch diesen Blogartikel auf michellebeyeler.ch: Neue Dimensionen für unseren politischen Raum?

Sex und der Postbote

Ab und an klingelt es hier und der Postbote hat wieder eine Paket-Ladung für mich. Das ab und an ist wohl eher ein „sehr oft“, denn der Postbote erkennt mich schon von Weitem auf der Strasse und grüsst mich mit Namen (mein Sohn fragte mich schon: Wieso kennt der dich?). Wir wohnen erst ein halbes Jahr hier. Da es kein Dorf, sondern Grossstadt ist und ich mir überhaupt keine Namen merken kann, gehe ich davon aus, dass es an der Paketflut liegen muss. So weit, so gut.

Heute hat er nicht geklingelt. Nicht einmal ein Mal. Trotzdem war der Briefkasten voll. Ich freute mich. Bücherpakete. Eines mit gelbem Kleber – von der Post wegen Überprüfung von was auch immer geöffnet und schön gelb wieder zugeklebt. Kein Thema, dachte ich so naiv. Ich packte die drei Pakete, ging in meine Wohnung, begann mit Auspacken. Ein Roman war schöner als der andere. Die Vorfreude aufs Lesen stieg förmlich an. Dann kam der Karton mit den gelben Klebern dran. Ich schnitt sie auf, schüttelte mühsam das Buch heraus, in freudiger Erwartung.

Raus kam: Sex total. Lebe deine Fantasien! Ein Rezensionsexemplar, von dem ich nicht wusste, es je angefordert zu haben. Ich blickte auf das Buch und in meinem Kopf startete der ganze Fragenkatalog: Wieso hatte die Post ausgerechnet dieses Paket geöffnet? Hätte es nicht das mit einem harmlos witzigen Roman sein können? Was denken die nun von mir? Und vor allem: was mache ich nun damit? Ich kann doch UNMÖGLICH ein solches Buch in meinem Blog rezensieren? Was denken all die Leser? In welche Schublade gerate ich da?

Ich wage einen Blick ins Buch. Die Bilder sind eigentlich meist ansprechend, negativ fällt mir nur auf, dass man die Frau in allen Posen und von allen Seiten mit (fast) allen Details nackt sieht, der Mann doch eher bedeckt bleibt. Nicht dass ich ihn selber hätte sehen wollen, aber ganz fair und richtig finde ich das nicht. Entweder alle oder keiner.

Auf der Umschlag-Innenseite finden sich die „Zehn Gebote für einfallsreiche Paare“. Nun wären einfallsreiche Paare wohl gar nicht darauf angewiesen, solche Gebote zu haben, geschweige denn, ein Buch zu konsultieren, insofern wären es wohl eher Gebote für einfallslose Paare.Da sich niemand so nennen lassen will, hat der Titel wohl Programm. Die Gebote selber sind durchaus gut, besagen, dass man sich selber annehmen und zu sich stehen, sich dem anderen mitteilen und ehrlich bleiben soll. Ob die Anlehnung an die Bibel (10 Gebote) sinnvoll ist, bleibe dahingestellt. Jeder wie er mag.

Das Buch glänzt mit Superlativen wie „den besten Stellungen“, „Sex für Experten“ und „Unwiderstehlicher Cunnilingus“ (ich lerne heute viel – was man als Philosophin und Literaturwissenschaftlerin an Lernpotential hat – enorm – und ich meinte das nun in Bezug auf die Begrifflichkeiten, damit hier kein Missverständnis aufkommt), es hat aber auch Tipps für schwierige Momente, wenn es eben nicht klappt, wie man sich das so vorstellt.

Fazit:
Nützt’s nicht, so schadet es auch nicht. Neues lernen ist immer schön, wenn man am Ende des eigenen Lateins steht, hilft ein Wörterbuch weiter.

 

Und so sitze ich hier, das Buch neben mir. Ich denke an den Postdienst, an die gelben Kleber, frage mich, was ich meinem Sohn sage, wenn er das Buch je findet und versuche nun, die rote Farbe wieder aus dem Gesicht zu kriegen.

____________________
Für die, welche es interessiert:
Anna Costa: Sex total. Lebe deine Fantasie, südwest Verlag, München 2013.

Hannah Arendt, Joachim Fest: Eichmann war von empörender Dummheit

Aber diese Dummheit hat etwas Empörendes. […] Da war keine Tiefe – das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist […]

Diese Dummheit, die weder grausam noch dämonisch war, sondern einfach die Gedankenlosigkeit eines Funktionärs innerhalb eines bürokratischen Systems  ausdrückt bezeichnete Hannah Arendt in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem als „Banalität des Bösen“. Mit diesem Begriff (unter anderem) löste sie eine der grössten Kontroversen des letzten Jahrhunderts aus.

Das vorliegende Buch enthält ein Gespräch mit Joachim Fest, welcher zur selben Zeit wie Hannah Arendt Eichmann in Jerusalem sein Werk Das Gesicht des Dritten Reiches veröffentlicht hatte, welches zu einem ähnlichen Schluss kam wie Arendt, nämlich dass man mit dem Problem konfrontiert sei,

wie „so viel Unvermögen, so viel Durchschnittlichkeit und charakterliche Nichtigkeit“ mit den ungeheuren Verbrechen , die hiervon ausgingen, in einen begrifflichen Zusammenhang zu bringen sind.

Das Gespräch behandelt Themen wie die Definition eines neuen Verbrechertypus, welcher eben keine kriminelle Energie  hat, sondern aus (oft blindem ) Gehorsam handelt, es handelt von der Frage nach Verantwortung und Schuld in einem totalitären System, von Gerechtigkeit nach einem historischen Unrecht solchen Ausmasses, sowie von gut und böse als moralischen Urteilen.

Neben dem Gespräch findet man den das Gespräch vorbereitenden Briefaustausch zwischen Arendt und Fest sowie sporadische spätere Briefe, welche eher auf eine intellektuelle Verbindung denn auf eine Freundschaft hinweisen, allerdings von gegenseitigem Respekt zeugen.

Anschliessend folgen vier Dokumente aus der Kontroverse um Hannah Arendt und Eichmann in Jerusalem, welche während des Austauschs zwischen Arendt und Fest erwähnt worden sind. Die Stellungnahme des Council of Jews from Germany tut sein Unverständnis kund über die „unverantwortbaren Schlussfolgerungen“, die Hannah Arendt aus „unfundiertenn Feststellungen“ zog, Golo Manns sarkastischer Text voller plakativer Herabwürdigungen gibt ihr immerhin in Bezug auf das Portrait Eichmanns recht und Mary McCarthy verteidigt das Buch so sachlich, wenn auch offensichtlich wohlgesonnen. Den Abschluss macht Reinhard Baumgard mit einem Nachwort zu Hannah Arendts Eichmann-Buch: Mit Mördern leben?

Die Zusammenführung der Texte ist aufschlussreich und sinnvoll, die Einleitung zeigt durch Vorwegnahme und Zusammenfassung einiger zentraler Argumente die Grundaussagen des Austauschs und hilft damit beim Verständnis des Kommenden. Die abschliessenden Dokumente aus der Kontroverse verdeutlichen die Unsachlichkeit der Angriffe gegen Hannah Arendt und ihr Buch.

Fazit:

Die spannende Analyse eines Jahrhundertverbrechers und des Systems, das ihn zustande brachte. Sehr empfehlenswert.

Zu den Autoren:

Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Joachim Fest
Geboren am 8. Dezember 1926 in Berlin Karlshorst als Sohn einer bildungsbürgerlichen Familie. Jura-Studium ohne Absicht, Jurist zu werden, daneben Geschichte, Soziologie, Germanistik und Kunstgeschichte. Fest brach seine Promotionsarbeit zugunsten einer Festanstellung bei RIAS Berlin ab und blieb danach im journalistischen Bereich tätig. Veröffentlichte einige Bücher, die sich hauptsächlich mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit befassten(Das Gesicht des Dritten Reiches, Speer. Eine Biographie, Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches, Hitler). Joachim Fest starb am 11. September 2006 in Kronberg im Taunus.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 207 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Auflage 2011)
Preis: EUR 16.95; CHF 27.90

Hannah Arendt. Ihr Denken veränderte die Welt (Das Buch zum Film)

Die Frau, die das Denken ohne Geländer liebte, konnte mitunter ganz unromantisch sein, sachlich, buchstäblich ohne Rücksicht auf andere und ihre Gefühle.

Diese nüchterne Sachlichkeit und fehlende Weitsicht, was sie mit ihrem Protokoll des Eichmann-Prozesses auslösen könnte, machten Hannah Arendt zum Mittelpunkt einer der grössten Kontroversen des vergangenen Jahrhunderts und kosteten sie einige Freundschaften, an denen ihr Herz gehangen hatte. Diese Sachlichkeit war aber auch nur eine Seite, die andere war voller Charme, Herz und auch einer gewissen Schüchternheit. Hannah Arendts erster Mann, Günther Stern, brachte die Widersprüchlichkeiten ihres Charakters auf den Punkt:

Sie war damals zugleich profund, frech, fröhlich, herrschsüchtig, schwermütig, tanzlustig – für die scheinbaren Widersprüche übernehme ich keine Verantwortung – sie war eben so.

Das vorliegende Buch mit einem Vorwort von Franziska Augstein ist mehr als ein Buch zum Film. Es bietet eine Annäherung an eine der grössten Denkerinnen von verschiedenen Seiten, es beleuchtet ihr Leben und Werk (vornehmlich das Buch Eichmann in Jerusalem, dessen Entstehung die Ausgangslage zum Film bot).

Margarete von Trottas schildert, wie sie sich langsam der Person Hannah Arendt annäherte und von ihr immer mehr begeistert war. Auch werden die Schwierigkeiten offensichtlich, die bei der Suche nach den geeigneten Mitstreitern und vor allem nach den finanziellen Mitteln für einen solchen Film auftauchen. Vom ersten Gedanken bis hin zum fertigen Film sollte mehr als eine Dekade ins Land streichen. Pam Katz (Mitautorin), Barbara Sukowa und Klaus Pohl (Schauspieler) beschreiben ihre Auseinandersetzung mit diesem Film und der Rolle, die sie dabei spielten und Bettina Brokemper den Weg vom Projekt hin zum Film.

Viel Platz wird der Arendt-Kontroverse rund um das Buch Eichmann in Jerusalem gewidmet. Mary McCarthy, Schriftstellerin und Hannah Arendts Freundin bezeichnet das Werk als „Dokument ethischer Verantwortung, Ernst Vollrath zeichnet ihren Gedankengang vom „radikal Bösen“ (Kant) hin zur „Banalität des Bösen“ nach und auch Jerome Kohn und Rainer Schimpf beleuchten Aspekte des Buches und der daraus entstehenden Debatte, die für Hannah Arendt sehr schmerzlich war.

Durch Volker Schaefer gelingt noch ein Blick in Hannah Arendts Wohnung in New York, die Zentrum ihres Schaffens, Liebens und der Freundschaftspflege war, also quasi ihr ganzes Leben beherbergte.

Fazit:
Ein sehr gelungenes Buch, das einem Hannah Arendt in ihrem Schaffen und Sein näher bringt und zudem einen Einblick in die Entstehung des Filmes über sie bietet. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 252 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Auflage Februar 2013)
Preis: EUR 9.99; CHF 15.90

Im Kreis

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

Das Leben zieht an einem vorbei, man sieht die alltäglichen Kleinigkeiten des Seins, wird müde dabei. Man folgt den ausgetretenen Pfaden, täglich, wöchentlich, monatlich, jährlich gleich. Ab und an durchbrochen durch herausragende Momente trauriger oder schöner Natur. Immer wieder zurückkehrend in denselben Trott. Hat der Trott die Sicherheit der Kontinuität, so hat er auch den zerstörenden Charakter für das Leben, das Lebendige in einem.

Man gibt nicht auf, spürt in sich den Willen, weiter zu gehen. Will den Tag, die Woche, die Monate und Jahre bezwingen, tief drin wissend, dass noch mehr da ist, es noch mehr gibt – geben könnte auch für einen selber. Ab und an, da sieht man es, spürt es förmlich. Sieht all die Möglichkeiten, die es zu ergreifen gäbe, wären nur die Arme lang genug. Und ab und an stellt man sich vor, sie wären es, spürt sie wachsen gar. Und merkt dann, dass es doch nicht so einfach ist, Arme selten wachsen und wenn, Ziele sich ändern oder gar verschwinden. Und so geht der Trott von Neuem los. Und man geht weiter in den ausgetretenen Pfaden, ab und an dankbar, sie zu haben, dann wieder müde von dem stetigen Gehen.

Annemarie Pieper: Gut und Böse

Die Frage nach dem Guten und Bösen hat viele Philosophen, Theologen, Psychologen, Biologenbeschäftigt. Jede Richtung ging aus der ihr eigenen Warte an die Thematik heran, versuchte sie mit Hilfe der eigenen Methoden zu entschlüsseln. Annemarie Pieper geht diesen Erklärungsversuchen quer durch die einzelnen Richtungen nach.

Können Mittel, die zu einem bösen Zweck verwendet gut sein? Rechtfertigt der gute Zweck die bösen Mittel? Was ist „das Gute“ im Gegensatz zu „gut“ als Adjektiv? Alltagssprachlich streben wir nach dem Guten, wollen das Böse meiden. Wir teilen Menschen in gut und böse ein und haben damit unsere Welt strukturiert. Dass dies zu kurz greift, liegt auf der Hand. Die Problematik liegt tiefer. Und so kommt Annemarie Pieper zu der Hypothese,

dass der Mensch von Natur aus weder gut noch böse ist, wohl aber an sich indifferente Anlagen mitbringt, die sich je nach Einfluss und Milieu zur Moral oder zur Unmoral hin entwickeln können.

Annemarie Pieper stürzt sich zur weiteren Erforschung in die Ethologie, verweist auf Lorenz’ Aggressionstrieb, geht weiter zum Sozialdarwinismus, wo sie Dawkins egoistisches Gen seziert, geht danach der Frage nach, ob der Mensch durch seine Anlagen determiniert oder frei in seinem Handeln und damit dafür verantwortlich ist. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.

Als nächstes sind die Psychoanalytiker und Soziologen gefragt, welche auf eine Wechselbeziehung zwischen Ich und Gesellschaft verweisen. Dabei gehen die Meinungen auseinander, ob nun das Individuum in seiner Triebunterdrückung oder aber die Gesellschaft mit ihren repressiven Strukturen für das Böse mehr verantwortlich sei. Wohl auch da liegt die Antwort irgendwo in der Mitte oder ganz woanders.

Bei so viel irdischem Unwissen kann nur noch die Theologie helfen, welche daraufhin befragt wird, wo das Übel herkomme. Von Gott kann es nicht kommen, es muss von den Menschen sein. Der hätte es zwar kommen sehen, musste es aber stehen lassen, um dem Menschen nicht seine Willensfreiheit zu nehmen, welche den Menschen als solchen ausmacht. Das ist die Antwort auf die Frage, wie Gott Auschwitz hätte geschehen lassen können. Nachdem auch noch Pandora als Schuldige ins Feld geführt wurde, kommen wir zur Philosophie, durchlaufen Metaphysik und Ethik, verweilen lange bei Kant, streifen Kierkegaard, vermissen danach Hannah Arendt, freuen uns dafür über Nietzsche.

Und am Schluss stehen wir da und sind so klug als wie zuvor. Der Mensch will stets das Gute, fühlt sich vom Bösen angezogen, widersteht ihm nicht und tut es doch. Im Wissen, dass es falsch ist, zu sehr davon gezogen. Schlussendlich bleiben die Begriffe ein Rätsel, das auch dieses Buch nicht lösen konnte.

Die Lösung zu erwarten wäre zu hoch gegriffen. Die Thematik ist zu komplex und es gibt keine definitiven klaren Antworten. Die Ausführungen sind teilweise für die knappe Schrift zu lang, um in der Folge in wenigen Sätzen verworfen zu werden. Es fehlt der rote Faden und eine wirklich stringente Argumentationskette. Das Ganze wirkt eher wie eine Aneinanderreihung von verschiedenen Theorien, die man aufgelesen hat, nun da wiedergibt, wo sie gerade in die vorher gesetzten Kapitel passen und am Schluss zum schon vorher klaren Ergebnis kommt, nämlich keinem. Trotzdem ein guter Einstieg in die Thematik, der gute Hinweise zur Vertiefung liefert.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 127 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 2008
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 13.40

Bringt mehr Kinder um

Ein Bild mit toten Kindern aus dem Gaza-Streifen, getötet durch einen israelitischen Raketenangriff, soll Pressebild des Jahres 2012 sein. Diese Auszeichnung lässt mir das Blut in den Adern gefrieren.

Ist es wirklich angebracht, ein Bild mit toten Kindern auszuzeichnen? Heisst das nicht, dass bitte mehr tote Kinder her sollen, damit man noch mehr tolle Bilder schiessen kann? Hat sich die Presse so weit entwickelt, dass je blutiger, je grausamer, je auszeichnungswürdiger gilt? Ästhetisierung des Schreckens auf höchster Stufe. Man wird Argumente finden, klar, von wegen man müsse informieren, die Menschheit auf dem Laufenden halten. Mit Auszeichnungen für Bilder von toten Kindern?

Krieg wird seit je her ästhetisiert. Ausdrücke wie „fürs Vaterland sterben“, „sein Leben geben fürs Vaterland“ sind an der Tagesordnung. Bilder von Schlachten, niedergemetzelten Menschen, Leichenbergen gehen durch die Medien, früher wurden sie in Öl gemalt. Information ist gut. Sie ist sogar wichtig. Aber Auszeichnungen für besonders grausame Bilder zu verteilen erachte ich als dekadent. Eine Auszeichnung heisst, dass etwas besonders gut ist. Das Bild als solches mag nach Kriterien gut sein, doch könnte es dann nicht ebenso ein Blumenbild sein? Was zeichnet dieses Bild aus? Doch bloss der Schrecken. Der fällt hinter die Auszeichnung zurück. Es ist blosse Kunst. Ich schaue es an, denke wow, tolles Bild, gehe weiter im Alltag, kochen, bügeln, arbeiten, essen. Abgehakt.

Diese ganze Bilderflut, für welche auch noch Auszeichnungen verteilt werden, helfen nicht, den Schrecken des Krieges präsent zu halten. Sie helfe, ihn zum Alltag werden zu lassen. Und das Ganze wird noch ausgezeichnet. Wie alles wiederkehrt an Strömungen, hat die Dekadenz wohl grade Hochkultur.