Rezension: Guillaume Musso – Vielleicht morgen

Eine zweite Chance

Ihm wurde klar, dass in knapp einer Woche Weihnachten war, und diese Feststellung versetzte ihn in einen Zustand des Kummers und der Panik. Er sah mit Entsetzen den ersten Jahrestag von Kates Tod auf sich zukommen…diesen verhängnisvollen 24. Dezember 2010, der sein Leben mit Trauer und Schwermut erfüllt hatte.

Mathew ist Philosophieprofessor und lebt in Boston. Seit dem Tod seiner über alles geliebten Frau Kate kümmert er sich alleine um seine Tochter. Emma lebt in New York, sie ist Sommelier in einem guten Restaurant. Wäre ihr Leben nicht gezeichnet von falschen Beziehungen, wäre es ein gutes Leben. Sowohl Mathew wie auch Emma kämpfen mit ihrer Vergangenheit, sind immer wieder Ängsten und auch Verzweiflung ausgesetzt.

Eines Tages kreuzen sich ihre Wege auf wundersame Weise. Was als E-Mailaustausch startet, soll beim Essen in einem kleinen italienischen Lokal weitergeführt werden. Als Emma im Restaurant ankommt, wartet sie vergebens auf Mathew. Auch Mathew wartet vergebens.

Ich war da, Matthew. Ich habe den ganzen Abend auf Sie gewartet. Und ich habe keine E-Mail von Ihnen beikommen!

Dann haben Sie sich vielleicht im Restaurant geirrt?

Nein, es gibt nur eine Nummer 5 im East Village.

Das ist erst der Anfang. Was dann kommt, stellt die Vergangenheit und auch die Zukunft von Emma und von Matthew auf die Probe.

Guillaume Musso ist mit Vielleicht morgen ein packender Roman gelungen, der eine Mischung aus Liebesgeschichte und Krimi darstellt. Gewisse literarische Finessen lassen die Geschichte ins irreale abdriften, was dem Buch aber keinen Abbruch tut, selbst wenn man lieber realitätsnahe Literatur liest. Eine spannende Idee wurde hier in einen stimmigen Plot mit packenden Überraschungen verwandelt, so dass man als Leser förmlich am Buch klebt und es nicht mehr weglegen mag, bis man hinter das Geheimnis der Geschichte gekommen ist.

Fazit:
Leichte und gute Unterhaltung mit einer Mischung aus Liebesroman und Krimi. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Guillaume Musso
Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren. Er arbeitete als Gymnasiallehrer und Universitätsdozent, bis er 2001 seinen von der Kritik hoch gelobten Debütroman veröffentlichte. Der große Durchbruch gelang ihm mit seinem zweiten Roman Ein Engel im Winter, den er nach einem schweren Autounfall geschrieben hatte. Auch sein dritter Roman Eine himmlische Begegnung stürmte auf Anhieb die französischen Bestsellerlisten.

Angaben zum Buch:
Mussovielleicht_morgenTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Pendo Verlag (11. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3866123762
Preis: EUR 14.99 / CHF 19.45

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Sinnlose Form – formloser Sinn

Heute gelesen:

Ich bereue nicht meine Vergangenheit, sondern die Zeit, die ich für falsche Menschen geopfert habe.

Schon inhaltlich könnte man 1000 Fragen stellen. Indem ich die Zeit geopfert habe, gehört das zur Vergangenheit. Insofern bereut man ja immerhin einen Teil der Vergangenheit. So gelesen, fehlte ein „nur“ im Nebensatz. Lassen wir den Inhalt der Sprache mal beiseite und betrachten den Kontext.

Weisse Schrift vor einem unscharfen Bild, welches eine (halbe – man sieht sie nur bis unter die Schultern) Frau auf dem (Ping-Pong?-)Tisch sitzend von hinten zeigt. Wie dieses Bild zum Inhalt der Sprache passt, liesse sich nun fragen. Vielleicht insofern, als man nur den Rücken sieht, die Vergangenheit also als dahinter liegend bildlich erfasst worden ist? Auch das lassen wir offen.

Aber dann: Wer  kommt auf die Idee, das so typographisch umzusetzen? Welchen Sinn ergibt das nicht zusammenpassende Sammelsurium von Schriften? Was sollen die Schriften in den Teilbereichen aussagen? Und: Wieso hat man die Zeilen so gesetzt, dass die Zeilenumbrüche in keinem Verhältnis zu irgendeinem Teilsinn des Ganzen stehen?

Vermutlich denke ich wieder einmal zuviel. Darauf kommt es nicht an. Worauf aber sonst?

 

Thommie Bayer – Nachgefragt

BayerThommieThommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Thommie Bayer hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und zu seinem neusten Roman Die kurzen und die langen Jahre zu beantworten:

 

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich war ein liebes, aber freches Kind, habe die Schule vor dem Abitur verlassen, Malerei studiert, Rockmusik gemacht und dann mit dreißig das Schreiben entdeckt. Ich habe meine große Liebe gefunden, bin seit fast dreißig Jahren mit ihr verheiratet und lebe seit ebenfalls fast dreißig Jahren am richtigen Ort.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Etwas anderes als Songtexte zu schreiben war lange ein Traum, gewagt habe ich es erst, als mein damaliges Leben in die Brüche ging.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich bin nicht der Typ, der zuerst lernt und dann loslegt, ich muss gleich loslegen und dann aus jedem Fehler, den ich mache, lernen. Die besonderen Bücher sind nie nur Handwerk, aber ohne Handwerk wären sie nichts.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich mache nur minimale Pläne und minimale Notizen – es fügt sich fast alles beim Schreiben.

Wann und wo schreiben Sie?

Immer zuhause an meinem Schreibtisch. Unterwegs kann ich allenfalls überarbeiten, kontrollieren, korrigieren. Entstehen muss es zuhause.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich habe entweder immer Ferien oder nie, je nach Definition. Ich glaube, ich schalte nicht ab. Ich bin glücklich, wenn es läuft und halte aus, wenn es nicht läuft. Es schaltet sich sozusagen manchmal von selbst ab. Oder mich.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich glaube, es bedeutet für mich, aufmerksam zu sein, auf Menschen, auf Sprache, auf Motive, Haltungen, Entwicklungen, Selbsttäuschung, Demagogie, Rhetorik… Ich kämpfe mit der Angst, mich zu wiederholen, und freue mich, wenn die Leser immer wieder das Bündnis mit mir eingehen.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe Glück gehabt. Es geht mir gut mit meinem Verlag, ich fühle mich dort gemocht und geschätzt und unterstützt. Natürlich will jeder Künstler mehr (Werbung, Lob, Vorschuss), aber die Verlage müssen existieren, und Aufmerksamsein heißt auch, die Interessen und Notwendigkeiten anderer zu kapieren.

Was ist in Ihren Worten das Thema von Die kurzen und die langen Jahre ?

Eine platonische Liebe. Verlust. Die Ankunft im eigenen Leben.

Sie zeichnen in dem Buch eine eher düstere Sicht der Liebe. Eigentlich jede Liebesgeschichte, wie sie im Buche steht, ist meilenweit entfernt. Ist die Liebe so düster?

Auch. Ja. Als Urlaub vom Leben wäre die Liebe missverstanden. Sie ist das Leben selbst, und das ist oft auch düster.

Ist eine der Figuren in dieser Geschichte je glücklich? Sylvie schreibt in einem ihrer Briefe, sie sei es ab und an gewesen. Wo aber sind die Glücksmomente im Buch?

Sie sind schon da, aber wir erfahren mehr von den Verlusten. Diese Verluste wären aber keine, wenn nicht das Glück verloren ginge.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Das weiß ich nicht. Ideen kommen. Zum Glück.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Thommie Bayer steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Meine männlichen Hauptfiguren sind oft eine Art Mischwesen aus der ausgedachten Figur und mir selbst. Ich bevölkere mich mit denen und bevölkere sie mit mir.

„Das Leben ist eines der schrecklichsten und es endet meistens mit dem Tod“ oder „Das Leben ist eines der besten“ – was passt? Würden Sie sich als Optimisten oder Pessimisten sehen?

Trauriger Optimist. Oder skeptischer Optimist. Oder zufriedener Querulant.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Kunst darf zwar alles, auch die Menschheit erziehen oder belehren wollen, aber mich persönlich interessiert nur die Kunst, die einfach existieren will. Das Bild, das gemalt werden will, die Geschichte, die erzählt sein will, die Musik, die gehört werden will.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Seele. Sprache. Haltung.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ohja. Die Liste wäre lang. Wobei das mit der Prägung wohl keine so große Rolle spielt, jedenfalls nicht mehr. Anfangs war das sicher Kurt Vonnegut, aber inzwischen bewundere ich viele Kollegen, eifere aber keinem mehr nach.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Keine Angst vor Freundlichkeit. Keine Angst vor Liebe. Keine langen Aufzählungen. Keine langen Beschreibungen. Kein fünfter Tipp.

Ich bedanke mich herzlich für diesen Einblick in Ihr Schreiben. Ich wüsste gerne, wer am Schluss die Tipps nochmals nachzählt.

Rezension: Thommie Bayer – Die kurzen und die langen Jahre

Am Schluss bleibt die Liebe

 …ich war ein braver Junge, der nicht aneckte und immer aufmerksam den Empfehlungen Erwachsener folgte oder zumindest so tat, weil ich mit freundlichen und unbedarften Grosseltern aufgewachsen war, ohne Vater, gegen den zu rebellieren sich gelohnt hätte und normal gewesen wäre. Meine Grosseltern schlecht zu behandeln kam mir nicht in den Sinn, ich vergass nie, dass sie und ihre Tochter Irmi mich gerettet hatten vor einem Leben mit einem Vater, dessen Gegenwart ich nicht ertragen hätte.

Als Simons Mutter stirbt, lebt er zuerst bei seiner Tante, danach bei seinen Grosseltern. Zu seinem Vater hat er jeden Kontakt abgebrochen. Plötzlich erfährt er, dass dieser und ein anderer Mann umgebracht worden sind. Auf dem Weg zur Hütte des Vaters trifft ihn die Liebe. Er sieht eine nackte Frau im nahegelegenen See baden. Sie kommt ihm vor wie eine Nixe. Es stellt sich heraus, dass Sylvie, so heisst die Nixe, die Frau des zweiten Opfers war, und dass die beiden Männer ein Liebespaar gewesen waren. Diese Neuigkeit weckt in Simon eine Unsicherheit seiner eigenen Sexualität gegenüber.

Und ich sah mich selbst, wie ich zärtlich an seinen Ohren zupfte, und zuckte zurück, als hätte mich jemand beim Schwulsein ertappt. ich wusste, dass es lächerlich war, aber das neu erwachte Misstrauen gegenüber meinen zarteren Regungen war da und ging nicht davon weg, dass ich ironisch den Mund verzog.

Die Liebe zu Sylvie lässt Simon nicht mehr los, sie aber interessiert sich beziehungstechnisch für jeden Mann ausser für Simon. Trotzdem sind die beiden verbunden. Es entsteht eine Brieffreundschaft, zuerst sehr eng, dann immer weiter, irgendwann bleiben die Briefe aus. Das Leben geht für beide weiter, hat Höhen, Tiefen. Das Leben eröffnet immer neue Fragen, die nicht weniger werden, als plötzlich wieder ein Brief von Sylvie Simon erreicht.

Lieber Simon,
jetzt habe ich dich so lange in Ruhe gelassen, dass ich mir nicht mehr einbilden kann, es sei in Ordnung, dich einfach so wieder zu behelligen. Aber es ist wichtig. Es gibt etwas, das du wissen musst, auf wenn du nichts mehr von mir wissen willst.

Die langen und die kurzen Jahre behandelt einen Zeitraum von 50 Jahren. Das Buch reicht zurück ins Jahr 1964 und spannt einen Bogen bis 2014. Es ist Simons Lebensfaden, auf dem die einzelnen Perlen der Geschichtenkette aufgereiht werden. Es ist eine Geschichte über Themen wie Freundschaft, Familie, Liebe und Zeit.

Thommie Bayer erzählt keine Liebesgeschichte, und trotzdem handelt das Buch von der Liebe. Es zeigt, dass Liebe nicht einfach ist, dass es verschiedene Formen von Liebe gibt, dass Liebe nicht einfach aufhört, sondern sich verändert, aufblüht, verdrängt wird, sich doch wieder regt. Er erzählt von diesem vielschichtigen Thema in einer leichten Sprache, lässt die Geschichte locker dahinfliessen, ohne ihr den nötigen Tiefgang zu nehmen. Das Buch entbehrt jeglicher Höhepunkte, jeglicher Spannungsbögen, und ist trotzdem nie langweilig. Es nimmt einen leise und still in den Bann, reisst nicht, packt nicht, hält trotzdem fest.

Fazit:
Eine sehr gelungene Geschichte über das Leben, die Liebe, Freundschaft und vieles mehr. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Thommie Bayer
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Angaben zum Buch:
Bayerdie_kurzen_und_die_langen_jahreGebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Piper Verlag (10. März 2014)
ISBN-Nr.: 978-3492054812
Preis: EUR 17.99 / CHF 29.90
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Herausforderungen

Das Wochenende ist vorbei, der Montag übernimmt. Herr Müller geht ins Büro. Kaum da angekommen, wird er zum Chef gerufen.

„Müller, wir müssen Ihnen kündigen.“

Müller fällt aus allen Wolken. „Waren Sie nicht zufrieden mit mir?“

„Doch, Müller, klar! Aber wir müssen nun ans Geschäft denken. Unser Umsatz, sie wissen….“

„Aber der hat sich doch verdoppelt?“

„Klar, Müller, aber die Lage ist schwierig, wir müssen nun vorsorgen – das müssen Sie verstehen! Sie sind ja nicht alleine, mit Ihnen gehen noch ganz viele. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Sie kennen das, Müller, nicht?“

„Wer macht denn nun unsere Arbeit? Ich meine, wir waren über Jahre XX Stunden die Woche, XXX Stunden im Monat für dieses Unternehmen im Einsatz.“

„Jetzt verstehen wir uns – sie sehen unsere Herausforderungen für das kommende Jahr.“

Rezension: Michael Kibler – Opfergrube

Bittersüsse Rache

„Und du meinst, das ist die gerechte Strafe?“
Ich sitze hier in diesem dunklen Loch. Seit Tagen. Diese innere Stimme, die von den dreckigen Wänden hallt, wird jetzt auch noch philosophisch. Kaum zu ertragen.
„Quatsch. Vergiss es. Ich soll sterben, Mann. Das ist nicht gerecht. […]“

An seinem freien Tag am Badsee trifft Horndeich auf eine Leiche im Wasser. Der freie Tag ist Geschichte, der nächste Fall für ihn seine Kollegin Margot Hesgart übernimmt das Zepter. Was zuerst nach einer Beziehungstat aussieht – Emil Sacher ist nicht das, was man als beliebten Zeitgenossen beschreiben würde -, zieht bald grössere Kreise. Es finden sich weitere Morde, die ähnliche Muster aufweisen. Nur: Wie hängen die Taten zusammen? Was verbindet die Leichen?

Nicht genug, dass Margot Hesgart an ihrer Trennung von Mann Rainer – der soll sich zum Teufel scheren – krankt, sieht sie sich plötzlich mit Hexenzirkus konfrontiert – mittendrin Stieftochter Doro.

„Doro!“
Die Angesprochene starrte Margot an, als ob die angerufene Göttin in persona von ihr stünde. „Was machst du denn hier?“ Doros Ratlosigkeit schien über die Störung zu überwiegen. Noch.
„Was soll der Hokuspokus?“

Die Aufklärung des Falls führt das Ermittlerteam in die Vergangenheit. Langsam fügen sich die Puzzleteile zusammen, bis die letzte Lücke geschlossen ist. Und dann wird es erst richtig gefährlich.

Ein Krimi, wie er im Buche steht. Ein Plot mit den nötigen Cliffhangern, der langsam seine Kreise zieht, das Netz der verfolgten Fäden dichter werden lässt, bis sich die Auflösung langsam aber sicher zeigt. Die privaten Befindlichkeiten der Ermittler machen die Geschichte menschlich, sind aber nicht so dominant, dass der eigentliche Fall in den Hintergrund tritt. Da hat ein Autor sein Handwerk beherrscht.

Opfergrube ist der 7. Darmstadt-Krimi Kiblers. Man merkt beim Lesen, dass er auf einer Vorgeschichte aufbaut, allerdings ist der Band für sich genommen gut verständlich. Man braucht die Vorgeschichte nicht, ist aber neugierig, so dass durchaus der Impuls ausgelöst werden könnte, die anderen Fälle auch lesen zu wollen.

Fazit:
Ein spannender Krimi mit einem stimmigen Plot, einnehmenden Figuren, plastischen Schauplätzen – pures Lesevergnügen. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor
Michael Kibler
Michael Kibler wurde 1963 in Heilbronn geboren, studierte an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt, im Hauptfach Germanistik mit den Nebenfächern Filmwissenschaft und Psychologie. 2005 veröffentlichte er den ersten Krimi „Madonnenkinder“, es folgen weitere Darmstadt-Krimis mit dem Ermittlerteam um Margot Hesgart und Steffen Horndeich. Neben den Krimis schreibt Kibler schreibt auch Sachbücher, hat schon einige Krimi-Kurzgeschichten veröffentlicht und zudem als Texter und PR-Profi tätig. Michael Kibler lebt in Darmstadt, wo er Lesungen, Stadtführungen durch Darmstadt und Schreib-Workshops anbietet.

Angaben zum Buch:
opfergrubeTaschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Piper Verlag (12. November 2013)
ISBN-Nr.: 978-3492300476
Preis: EUR 12.99 / CHF 19.90

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Der Mann für alle Fälle

Werbung ist in der Schweiz ganz einfach: Man nehme das Schätzeli der Nation und setze es überall da ein, wo man etwas an den Mann bringen will. Seien es Kaffeemaschinen, Uhren, Hypotheken, Turnschuhe oder ein Natel-Abo: Unser Mann lächelt dafür in die Kamera.

Dass dadurch das Produkt nicht mehr mit dem – ich gebe es zu – sehr sympathischen und nett lächelnden Modell identifiziert oder von diesem auf das Produkt geschlossen werden kann, nimmt man in Kauf. Man hofft, dass dessen Erfolg im Sport ohne grosse kreative Anstrengung auf die Verkaufszahlen abfärbt. Und der Kunde soll sich ein wenig anstrengen und lesen, worum es geht bei der Werbung, damit er dann auch weiss, was er kaufen muss.

Noch viel besser wird das Ganze, wenn auf dem Werbeplakat der einen Firma das Symbol der anderen beworbenen Firma ins Auge springt. Vielleicht könnte man in Zukunft gleich Kaufpakete anbieten: Dein Haus, deine Versicherung, deine Uhr, deine Turnschuhe und das Handy gratis obendrauf. Dein Erfolgspaket mit Roger Federer.

Ruhe

Es kracht, scheppert, bollert, tönt aus dem Kinderzimmer (des nicht mehr Kind sein Wollenden).

Mutter:

„Kind, was machst du?“

Kind:

„Nichts!“

Mutter:

„Dann hör auf damit!“

Ruhe ward’s….

Moral von der Geschicht? Damit sich’s reimt, etwas mit nicht.

Völkermordleugnung – freie Meinung oder strafbar?

70 Jahre sind vergangen seit der Befreiung von Auschwitz. Ein Thema, das bewegt. Wieder wird an eine Geschichte erinnert, die dunkler nicht sein könnte. Was damals Menschen andern Menschen angetan haben, entzieht sich jeder Erklärung, jeder Rechtfertigung, sogar jeglichem Vorstellungsvermögen. Man kann sich gedanklich nur herantasten und erfasst selbst dann nur Bruchteile – die man immer noch nicht versteht. Trotzdem gibt es Menschen, die leugnen, dass all das je passiert ist. Alles sei eine Lüge, sagen sie, und leugnen damit etwas, das so viel Unheil über Menschen, Länder, die Menschheit generell gebracht hat. Ich habe mich vor einigen Jahren intensiv mit dem Thema Völkermordleugnung auseinander gesetzt. Daraus entstanden ist eine Dissertation. Leider durfte ich aus Institutsinternen Uneinigkeiten meine ursprüngliche Fassung nicht vertreten. Sie hätte für einen expliziten Strafrechtsartikel für Völkermordleugnung plädiert. Trotdzem stehe ich noch heute hinter meiner ursprünglichen Meinung – die da wäre:

Mein Buch „Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem“ befasst sich mit dem Thema der Genozidleugnung und mit der Frage, welche ethischen, moralischen und rechtlichen Folgen diese in einer liberalen Gesellschaft haben müsse. Das Fazit sieht vor, dass moralisch eine Genozidleugnung ganz klar zu verurteilen sei, dass es auch rechtlich angegangen werden müsse. Die Frage, ob es dazu eines expliziten Strafrechtsartikels bedürfe, wurde dahingehend beurteilt, dass sowohl eine Bejahung wie auch eine Verneinung dieser Frage begründbar sei. Dies ist in der Tat so. Im Buch musste ich aufgrund diverser Umstände die These vertreten, dass ein solcher Artikel obsolet sei, da die rechtliche Verurteilung auf anderen wegen vollzogen werden könnte. Persönlich vertrete ich eine andere Sicht. Diese ist in diesem hier abgeänderten Fazit nachzulesen:

Ein Mensch, dem in seinem Leben ein traumatisierendes Unrecht wiederfährt, trägt dieses Unrecht in sich mit in die Gegenwart und in die Zukunft. Es wird immer Teil seiner selbst sein, bedarf einerseits einer Aufarbeitung, damit der Mensch überhaupt weiter existieren kann und dieses Trauma ihn nicht überwältigt, und andererseits stellt das traumatische Unglück einen Teil seiner Persönlichkeit dar, es prägt sein Wesen unweigerlich. Spricht man nun von historischem Unrecht in der Grössenordnung von Völkermord, welcher wie im Falle des Holocaust sogar Millionen von Menschen das Leben kostete, welcher die Menschen über viele Jahre hinweg in grossem Leid leben liess und der ganze Völker ins Unglück stürzte, so hat dieses Unglück nicht nur eine prägende Wirkung auf die einzelnen Individuen, sondern auch auf die ganzen Völker. Die von dem Unrecht betroffenen Menschen fühlen sich durch ihr Schicksal verbunden, die Völker fühlen sich durch dasselbe geprägt.

Nach der Herrschaft eines Unrechtsregimes geht es darum, einen adäquaten Umgang mit historischem Unrecht zu finden. Es geht darum, sich als neue Regierung zu positionieren und zu signalisieren, dass man sich von dem Unrecht des Vorgängerregimes distanziert. Es geht weiter darum, das Unrecht, das geschehen ist, zu verarbeiten und ihm mit den nötigen Massnahmen entgegenzutreten.

Sowohl für die Opfer wie für die Nachfahren der Opfer historischen Unrechts ist dieses Unrecht auch nach Beendigung der Unrechtshandlungen noch präsent. Die Erinnerung an dieses Unrecht ist etwas, das sie umtreibt. Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf historisches Unrecht bei den Überlebenden. Die einen schweigen, weil sie die Emotionen, die mit dem Unrecht verbunden sind, nicht mehr weiter ertragen. Sie haben innerlich abgeschaltet, um sich nicht ständig neu überwältigen zu lassen. Andere jedoch sehen es als ihre Pflicht an, an das Unrecht zu erinnern, da nur die Überlebenden noch Zeugnis ablegen können von dem Schrecklichen, was passiert ist. Sie sehen es als ihre Pflicht gegenüber ihren Mitopfern an, welche nicht mehr sprechen können, weil diese das Unrecht nicht überlebt haben. Und diese Pflicht zur Erinnerung, die trägt auch die Gesellschaft nach einem historischen Unrecht wie Völkermord. Indem man die Erinnerung an das Unrecht aufrechterhält, zeigt man den Opfern des Völkermords, dass man ihren Opferstatus anerkennt und sie in dem Unrecht, das ihnen widerfahren ist, annimmt. Die Erinnerung und die Stellungnahme, dass das, was passiert war, Unrecht war, ist ein Dienst an den Opfern, eine Pflicht an den Opfern, welcher von den Überlebenden und der Gesellschaft als Ganzes gefordert ist.

Eine Leugnung dieser schrecklichen Vergangenheit kommt dabei einem erneuten Unrecht gleich. Wurden während des Völkermords Menschen und ganze Volkstämme umgebracht (in der Absicht, diese schlussendlich sogar vollständig auszulöschen), so versucht Völkermordleugnung nun auch noch den letzten Rest zu eliminieren, nämlich die Erinnerung an das Unrecht und damit auch die Erinnerung an die diesem zum Opfer gefallenen Menschen. Die Leugnung vernichtet also quasi in letzter Konsequenz und stellt so eine eigentliche Fortsetzung des Völkermordes dar.

Unter diesen Gesichtspunkten ist es moralisch gefordert, historische Wahrheit über historisches Unrecht zu erinnern, anzuerkennen und Leugnung desselben nicht zu tolerieren. Es darf nicht angehen, dass Menschen, die ein solches historisches Unrecht erlitten haben, ein zweites Mal zum Opfer gemacht werden, und dass das historische Unrecht seine Fäden in die Gegenwart spannt.

Scheint die moralische Position klar, so steht die rechtliche Handhabe des Problems unter grösseren Fragezeichen. Die Frage, die sich hier hauptsächlich stellt ist, ob in einer liberalen Gesellschaft das Grundrecht der freien Meinungsäusserung eingeschränkt werden darf und jemand dafür bestraft werden soll, der behauptet, ein historisches Unrecht wie Völkermord hätte nie stattgefunden, oder der dieses nur schon verharmlost und unter andere Vorzeichen setzt. Ist es zulässig, eine Meinung unter Sanktion zu stellen? Und wenn ja, wo zieht man die Grenzen? Stellt der Holocaust eine Sonderform von Völkermord dar, da die Zeit des Nationalsozialismus und die darin verübten Verbrechen zu einer ganzen Reihe Folgen führten, welche die heutige Zeit prägen (zu nennen wären Gesetzesreformen, Staatsgründungen, etc.)?

Folgt man der Argumentation dieser Arbeit, so kann Völkermordleugnung durchaus über den Paragraphen der Beleidigung, unter Umständen auch über Rassismusgesetze und gar als Verstoss gegen Grundrechte wie die Verletzung der Menschenwürde, rechtlich verfolgt werden; man könnte also sagen, ein eigener Völkermordparagraph wäre insofern hinfällig. Allerdings erscheint es erstens im Hinblick auf die Schwere des historischen Verbrechens unangemessen, dass etwas, das als eigentliche Fortführung desselben qualifizieren kann, nur über Umwege rechtlich belangt wird, und andererseits wäre es auch im Hinblick auf die Positionierung eines Staates und seiner Regierung angemessen, hier direkt und ohne Umwege zu reagieren. Völkermordleugnung stellt ein Unrecht dar, indem es die menschliche Würde antastet und die Menschen erneut viktimisiert, welche schon einmal Opfer wurden. Sie stellt zudem eine Infragestellung einer heute eingenommenen gesellschaftlichen und politischen Haltung dar, dass solches Unrecht wie Völkermord nicht toleriert wird, dass es nie mehr passieren darf und man sich heute dagegen stellt. Würde man Völkermordleugnung akzeptieren und ihr nicht begegnen, setzte man so ein Signal in die entgegengesetzte Richtung und das wäre nicht gewünscht und darf im Interesse der gegenwärtig wie auch der zukünftig Lebenden nicht gewünscht sein. Zu argumentieren, dass Völkermordleugnung der freien Meinungsäusserung unterstellt sein müsse und somit von einem Grundrecht gedeckt sei, welches man nicht rechtlich antasten dürfe, wäre dabei eine Affront, da die freie Meinungsäusserung vor allem deswegen zum Grundrecht wurde, um genau solche Zustände, wie sie zu den Zeiten herrschten, die man nun durch die Leugnung verherrlichen oder verharmlosen will, in Zukunft nicht mehr möglich machen zu können.

(Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem)

Mein Butterbrot

Heute erhielt ich eine Mail. Adressiert an Frau Dr. XXXX. Noch heute liest sich der Titel komisch, nach nunmehr vier Jahren, die ich ihn trage. Einerseits freut es mich, dass ich es trotz aller Widrigkeiten geschafft habe, ihn zu kriegen, andererseits ist es mir irgendwie peinlich, ihn zu führen. Meist verschweige ich ihn, ihn zu nennen fühlt sich so grosskotzig an.

Ich schloss mein Studium unter erschwerten Umständen als Alleinerziehende mit Kleinkind ab. Eigentlich wäre mein Traum gewesen, zu promovieren, aber unter den Bedingungen? Von den Einen hörte ich, ich hätte nun lange genug studiert, ich solle endlich mal arbeiten (ich hatte mein Studium mit sehr viel Arbeit nebenher verdient), von anderen kriegte ich zu hören, dass ein solcher Titel eh nichts bringe und ich mir diese Träume nicht leisten könne.

Und ja, ich konnte es mir nicht leisten, wenn ich nicht eine Möglichkeit fand, wie die Arbeit an meiner Dissertation bezahlt war. Ich hatte Glück und fand sie: Zuerst erhielt mein Forschungsantrag ein Stipendium für ein Jahr, dann eines für zwei Jahre vom SNF. Zwar musste ich auch da wieder kämpfen, da gewisse Herren in gewissen Positionen meinten, als alleinerziehende Mutter könne ich das eh nicht schaffen und würde die gesprochenen Gelder nur für Schoppenmilch und Windeln ausgeben (SIC!), aber ich packte diese Hürde. Und alle späteren auch. Tagsüber war ich Mutter, nachts wälzte ich Bücher. Zwischendrin raste ich als freie Journalistin durch die Gegend und schrieb Artikel.

Die Arbeit war im Kasten, die Promotion gelungen. Freude? Wollte irgendwie nicht aufkommen. Gefeiert wurde der Abschluss nie. Was ich zu hören kriegte, waren spöttische Fragen, ob man mich nun Frau Doktor nennen müsse, oder, ob ich bei der Prüfung einen kurzen Rock getragen und dem Professor schöne Augen gemacht hätte. Was ich auch hörte war, ob ich nun endlich lange genug zur Schule gegangen sei und es mal mit Arbeit versuchen wolle.

Und da sitze ich also. Die Mail vor mir. Und ja, irgendwie bin ich stolz, habe ich den Weg gemacht. Ich bin stolz, trotzte ich allen Widrigkeiten. Ich bin aber auch traurig. Tief drin hätte ich es schön gefunden, hätte mal irgendjemand gesagt, er sei stolz auf mich. Hätte mit mir gefeiert. Auf den Abschluss angestossen. Die Zeit zurückdrehen kann ich nicht. Aber ich kann endlich mal hinstehen und sagen: Ja, ich habe diesen Titel und ich bin verdammt stolz darauf. Ich habe ihn hart erarbeitet und ich darf ihn tragen. Niemand muss mich so nennen, aber es muss sich auch niemand darüber lustig machen.

Das wäre ein guter Anfang. Und danach packe ich alle anderen wunden Punkte an und lasse mir nirgends mehr die Butter vom Brot nehmen.

Der Mann mit den Hunden

Er stieg an derselben Haltestelle ins Tram wie ich. Er hatte seinen ganzen Hausrat bei sich, verstaut in einem auseinanderbrechenden Rollkoffer und diversen Tüten, die er mit Spinnenbeinen darauf befestigt hatte. Mit ihm stiegen zwei grosse Hunde ein, wohl Schäferhunde. Sie gehorchten aufs Wort, streiften erst durchs Tram, kamen aber auf einen Ton sofort zurück und legten sich hin. Seine Haare waren etwas struppig, aber nicht sehr, die Kleidung etwas fleckig, aber nicht übermässig. Er roch nach Alkohol, wirkte aber durchaus klar. Die Leute versuchten offensiv wegzuschauen, einige wechselten den Platz, was er laut kommentierte, indem er zu den Hunden sagte, dass es toll sei, Platz im Tram zu bekommen.

Er war es offensichtlich gewohnt, in der offensichtlichen Nichtbeachtung durchaus im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, einer Aufmerksamkeit, die nicht wohlwollend oder zugewandt, sondern feindlich und abgrenzend war. Er witterte hinter jedem Wort einen Angriff, schützte sich durch forsche Reaktionen. Ein Hund legte sich auf meine Füsse. Ich sagte, dass mein Hund nicht so toll gehorche wie seine beiden. Nach einem ersten argwöhnischen Blick, einem etwas angriffigen Kommentar seinerseits, kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte von meinem Hund, von den Hunden, die ich schon hatte. Er erzählte von seinen Hunden, davon, dass der eine Militärhund sei, der andere ausgebildet werden soll, er aber leider zu alt fürs Militär sei. Er erzählte von Igeln, die er gerettet hat, von Einsätzen auf dem Bau, von seinen Hunden, die er liebt, mit denen er viel erlebt hat.

Er blühte auf, weggewischt war alle Feindlichkeit, jegliche Abwehrhaltung, er erzählte und die Hunde lagen brav zu seinen und meinen Füssen. Aus den Augenwinkeln sah ich einige hochgezogenen Augenbrauen. Die dahinter steckenden Gedanken konnte man förmlich hören.

Er musste vor mir aussteigen. Mühsam versuchte er, seinen Koffer aus dem Tram zu bringen, ohne dass er ganz bricht. Die Hunde warteten geduldig vor dem Tram, schauten ihm zu und man sah, dass sie ihm zugetan waren. Anders als die Traminsassen, die mehr denn je naserümpfend da sassen, ihn in seinen Bemühungen beobachteten (hinter Handys oder ähnlichem versteckt, aber hervorschielend) und sich insgeheim triumphierend über ihn stellten.

Da kam eine junge, blonde Frau aus der Menge der Wartenden draussen und fragte ihn, ob sie ihm helfen könnte. Er blickte sie an, lächelte, verneinte. Langsam ging er weiter, die Hunde mit ihm. Mein Tram fuhr los, ich schaute ihm noch lange nach.

Wer bin ich?

Noch vor kurzem waren alle Charlie. Auf Twitter, Facebook und in Zeitungen. Überall las man nur noch von Menschen, die Charlie waren. Es waren wohl Millionen Charlie. Hintergrund der Geschichte? Ein satirisches Blatt in Frankreich, Auflage an die 60’000 Exemplare, fiel einem Massaker zum Opfer. Muslimische Blutsrächer fühlten sich durch eine Zeichnung verletzt in ihrer Ehre und rotteten bestialisch aus, was sie als Kern allen Übels erachteten. Die Betroffenheit war gross. Die Solidarität auch. Jeder, der etwas auf sich hielt, war nun Charlie – benannt nach dem bekanntesten der satirischen Zeichner. Diskussionen, ob die Zeichnungen angebracht gewesen seien, wurden als pietät- und geschmacklos im Keime erstickt. Täter und Opfer waren klar, diese Grenze musste zementiert werden. Zudem: Meinungsfreiheit. Die muss sein. Alles darf, alles kann. Widerspruch zwecklos.

Schauen wir aber mal genauer hin. Hätten alle, die plötzlich Charlie waren, die Zeitschrift gekauft, hätten 60’000 Exemplare nie gereicht. Nach dem Attentat stieg die Auflage auf Millionen. Wieso wird nach einer Schreckenstat Meinungsfreiheit so hoch gelobt, vorher aber nicht unterstützt? Und: Darf Satire wirklich alles? Diese Frage durfte man ja nicht mal mehr stellen. Die war geschmacklos. Eines vorweg: Eine solche Tat ist durch NICHTS zu beschönigen oder entschuldigen, sie ist barbarisch, sie ist unmenschlich, sie ist ein absolutes NO-GO. Meinungsfreiheit dagegen ist ein MUSS. Man muss seine Meinung offen sagen dürfen. Aber ob man sie in jeder Art und Weise (auch einer beleidigenden und andere Individualitäten verletzenden) sagen MUSS – diese Frage stellt sich mir. Und nochmals – für alle, die es noch nicht begriffen haben und schon zum entsetzten, erzürnten und niedermetzelnden Aber ansetzen – : Der Anschlag war falsch, unentschuldbar und grausam.

Das satirische Blatt ging jüngst in Millionenauflage raus. Sie haben ihr eigenes Unglück ausgenutzt und machen es zu Geld. Hätte es ein anderer gemacht, wäre der Aufschrei gross. Wie kann man nur. So sagt keiner was. Darf man eine solche Tat für den eigenen Profit ausnutzen? Vielleicht spenden sie den Gewinn bald – oder eröffnen eine Stiftung. Ist es dann besser?

Fakt bleibt: Der Anschlag war eine Gräueltat, wie sie ihresgleichen sucht – und hoffentlich nicht findet und finden wird. Trotzdem bleiben viele Fragen offen. Diese unter den Tisch zu kehren, würde niemandem helfen. Und: Ich bin ich. Ich war nie Charlie. Ich kannte das Blatt vor dem Anschlag nicht mal. Ich kaufe es auch heute nicht. Ich achte jeden Menschen in seinem Sein und seinem Glauben. Nie käme es mir in den Sinn, jemanden zu verspotten oder zu verachten, weil er anders ist oder glaubt. Wieso? Ich möchte auch nicht verspottet werden. Ich argumentiere. Und ich bin dankbar, darf ich offen sagen, was ich denke. Nein, ich gehöre keiner Kirche an. Und ja, ab und an denke ich, es wäre schön, einer anzugehören. Zu glauben, dass da irgendein gütiger Herr sitzt, der alles lenkt und für mich denkt. Nur denke ich lieber selber. Und liesse ihn wohl nicht mal ausreden. Aber: Wer an ihn glauben kann und daraus Trost schöpft – soll ich ihn verlachen? Verachten? Verspotten? Weiss ich es denn besser? Ich glaube nur, es besser zu wissen – schlussendlich glauben wir alle. Keiner weiss.

Wer also ist Charlie? Und was ist das Fazit von der Geschichte? Ich weiss es nicht. Ich blicke in die Welt und ich finde sie kompliziert, in meiner kleinen Welt oft wunderbar, weiter draussen teilweise erschreckend.

Bring es auf den Punkt

Keiner will sich langweilen. Schon gar nicht im Internet. Wer was zu sagen hat, soll das tun. Bitte schnell. Denn viel Zeit hat er nicht. Der Leser ist schneller weg, als man auf drei zählen kann. Ich lege ja schon Bücher zur Seite, wenn die erste Seite nicht packt. Spätestens nach dem ersten Kapitel ist aber endgültig Schluss. Ich kriege meine Zeit nicht geschenkt und da draussen wartet mehr auf mich, als ich je lesen können werde. Also:

Packt mich oder lasst es sein.

Kürzlich sah ich bei Twitter einen Link einer Kommunikationsexpertin. Die muss es wissen. Dachte ich. Klick. Ich bin drin. In ihrem Text. Lese einen Satz. Stirnrunzeln. Den zweiten. Augenrollen. Mann, die muss es wissen. Nur drum lese ich weiter. Aber: Es wird nicht besser. Bla bla ohne Hand und Fuss; und schon gar kein Biss.

Drum merke: Auch sogenannte Experten wissen es nicht immer, sie tun nur so. Was dich nicht packt, ist schlicht nicht gut. Wer dich nicht überzeugt, den lese nicht, sondern suche weiter.

Und an die Schreibenden: Ihr habt ganze 2 Sekunden. Sie entscheiden über gelesen werden oder weggeklickt. Nutzt sie.

Gnade

Als ich aus der Dusche kam, sassest du auf dem Balkon. Ich stellte mich hinter dich und blickte mit dir in den Innenhof. Solche Innenhöfe hatte ich in der Schweiz noch nie gesehen. Häuser rundherum, ganz viele Fenster auf denselben Platz hin ausgerichtet und hinter allen sassen Menschen, die dann und wann während ihres alltäglichen Lebens hindurch sahen. Was das wohl für Menschen waren? Familien? Einzelgänger? Alte Menschen, junge?

Die Häuser waren alle schon älter, dicht an dicht standen sie, jedes anders, und doch bildeten sie eine Einheit. Auch die Fenster unterschieden sich, es gab grosse, kleine, welche mit zuklappbaren Läden, andere mit Rollos. Vor einigen standen Blumen, vor anderen kleine Kompostkübel. Alle waren sie geschlossen, dunkle Scheiben, hinter denen sich das Leben abspielte. Trotzdem wirkte der Innenhof nicht verschlossen. Er wirkte weit und lebendig. Überall Bäume, Büsche, ein kleiner Weg, der sich hindurchschlängelte. Gestern waren wir ihn entlang gegangen, als wir zum Laden an der Ecke wollten. Er wirkte schon vertraut auf mich, ich hatte ihn mir erlaufen.

Ich fragte dich, worüber du nachdenkst. Über die Gnade, sagtest du. Ich konnte mir darunter nichts vorstellen. Was das sei, fragte ich dich. Du sprachst von Zuwendung und Verzeihen. Gnade sei das, was das Leben lebenswert mache, indem es erträglich werde, frei von allen Zwängen und Gesetzen. Du sprachst von Gottes Gnade. Du hattest nie an ihn geglaubt, mit den Jahren hatte sich das geändert. Ich konnte dir nicht folgen, aber das hat uns nicht getrennt. Im Gegenteil. Ich stellte es mir schön vor, an eine Gnade zu glauben. An etwas, das sich wärmend um einen legt, wenn man sich verloren fühlt. Irgendwie hatte ich das bei dir gefunden. Vielleicht verstand ich es doch.