Aus dem Bücherregal – Niklaus Brantschen: Du bist die Welt

«Religionen sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind menschengemacht. Und da sie in der Zeit des sogenannten Patriarchats entstanden sind, also männerzentriert und hierarchisch strukturiert sind, fallen sie aus der Zeit – buchstäblich.»

Niklaus Brantschens Buch Du bist die Welt beginnt unspektakulär – mit einem Besuch bei seiner Nichte. Sie pflegt einen Kräutergarten, arbeitet naturverbunden und bezeichnet sich unter anderem als Schamanin. Für Brantschen, Jesuit und Zen-Meister, ist das zunächst ein Feld von Projektionen. Schamanismus verbindet er mit gängigen Klischees: Exotik, Trommeln, Ekstase, vielleicht etwas esoterischer Unschärfe.
Gerade von dieser Skepsis aus setzt das Buch an.

«…offen zu sein bedeutet für mich vor allem dies: Ich muss nicht verteidigen, muss nicht rechtfertigen.»

Brantschen unternimmt keine analytische Klärung des Begriffs „Schamanismus“. Er liefert weder eine systematische Definition noch eine historische Einordnung. Sein Zugang ist ein existenzieller: Er will verstehen, was seine Nichte tut. Dafür hinterfragt er immer wieder sich und sein Leben, untersucht Begegnungen, in denen schon angelegt ist, was er nun zu ergründen sucht, nämlich das Leben in und mit der Natur und anderen Menschen in ihrer Vielfalt.

«Wie lebe ich so auf diesem schönen Planeten, dass auch unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen? Wer bin ich, wenn ich ein Teil der Welt bin und die Welt ein Teil von mir? Wenn ich die Welt bin?
Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt.“

Im Zentrum seines Forschens steht nicht die Frage „Was ist Schamanismus?“, sondern: Was haben wir verlernt? Dabei stellt er eine Entfremdung von der Natur – und damit von uns selbst – fest. Vor diesem Hintergrund erscheint ihm der Schamanismus als eine Praxis, die den Menschen wieder in ein Beziehungsgeflecht stellt: mit Pflanzen, Tieren, Elementen, mit anderen Menschen. „Du bist die Welt“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Du stehst ihr nicht gegenüber, du bist Teil ihres lebendigen Zusammenhangs.

Es ist ein gewisses »Etwas«, das man bodenständige, weltoffene Spiritualität nennen kann. Oder interreligiöse Spiritualität. Oder schamanische Lebensweise. Oder man kann es einfach »Leben« nennen. Leben, das alles ein- und nichts ausschließt, das mir als Individuum Sinn gibt, das mich trägt und zu dessen Gelingen ich beitragen darf
Dieses Buch ist eher eine Spurensuche als eine Lehre. Schamanismus wird zu einer Chiffre für eine Lebensweise, die die Natur achtet, ihre Eigenwürde anerkennt und sie gerade deshalb schützen will. In Zeiten ökologischer Krisen gewinnt diese Haltung für Niklaus Brantschen normative Kraft.

Fazit
Das Buch ist getragen von einer ruhigen, menschlichen Stimme. Nachdem ich Niklaus Brantschen aus vielen Interviews und Gesprächen kenne, sah ich ihn beim Lesen förmlich vor mir. So kam mir das Buch manchmal wie eine Erzählung vor, der ich nur zu gerne folgte.

Wer eine Einführung in schamanische Praktiken oder eine ethnologische Abhandlung erwartet, wird enttäuscht sein. Brantschen schreibt als Suchender. Er tastet sich vor, reflektiert eigene Vorurteile, lässt Erfahrungen wirken. Der Text lebt vom Perspektivenwechsel: vom anfänglichen Befremden zur Anerkennung einer spirituellen Intelligenz, die im Umgang mit Natur gründet.

Gerade diese persönliche Anlage macht die Stärke – und zugleich die Begrenzung – des Buches aus. Es argumentiert nicht streng, sondern erzählend. Es überzeugt weniger durch Belege als durch Nachdenklichkeit.
Getragen wird das Ganze durch eine ruhige, schlichte Sprache, welche erzählendes und reflektierendes Beobachten mit spiritueller Einsicht verbindet. Ein wahrlich menschliches Buch, das berührt und zum Nachdenken anregt.


Entdecke mehr von Denkzeiten - Sandra von Siebenthal

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2 Kommentare zu „Aus dem Bücherregal – Niklaus Brantschen: Du bist die Welt

  1. Liebe Sandra,

    Schon mit deinem letzten Tipp: die Kunst zu glauben Hast du mir eine große Freude gemacht. Ich finde darin viele Anregungen und bin fröhlich und dankbar.

    Also werde ich auch gerne dieses Buch über den Schamanismus kaufen. In meiner bescheidenen Vorstellung haben wir Menschen einen natürlichen und einen göttlichen Anteil. Ich bin teils Tier und teils Engel. Ich erhoffe mir, mit etwas schamanische Weisheit mehr von dem Göttlichen in der Natur zu erleben. Herzliche Grüße vom dankbaren Wolfgang

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Wolfgang
      Wie schön, haben dich meine beiden Buchtipps angesprochen. Ich wünsche dir auch mit diesem Buch viel Freude.

      Ich denke übrigens auch, dass wir uns als Menschen nie als Gegenüber des Drumherums sehen können, wir sind ein Teil davon und auch mit allem verbunden.

      Herzliche Grüsse zu dir
      Sandra

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