Eine Geschichte: Hoffnung (XXXV)

Lieber Papa

Nun war ich also im Krankenhaus. Du warst gegangen. Ich war allein. Und fühlte mich unsicher, aber voller Hoffnung. Ich hoffte, dass sie mir einen Schlüssel aus meinem Gefängnis geben könnten. Dass sie einen Weg kennen, der hinausführt. In die Freiheit. Wie falsch ich doch lag.

„Sie sind bei uns auf der medizinischen Abteilung. Wir kennen uns leider mit Ihrer Thematik nicht aus.“

Mit diesen Worten begrüssten sie mich und fuhren fort:

„Auf der Kinderabteilung hätten sie wohl mehr Erfahrung, doch die sind voll belegt.“

Sie erzählten noch etwas davon, dass sie etwas versuchen wollen, guten Mutes seien und notfalls in der Kinderabteilung nachfragen würden. Und ich wäre am liebsten rausgerannt. Dann führten sie mich durch einen langen Gang. Durch die offenen Türen hörte ich Menschen husten und stöhnen. Auf dem Gang schoben alte Männer mit offenen Hemden ihren Rollator spazieren. Ich fühlte mich im falschen Film.

Sie wählten die Methode Zuckerbrot und Peitsche. Ich hatte ein Einzelzimmer, Fernsehen, Bücher, Telefon, Radio, Besuch, Essen à la carte und Freigang. Nahm ich brav zu, blieb alles, wie es war, tat ich es nicht, strich man etwas von diesem Angebot. Zuerst den Freigang. Dann den Besuch. Dann das Telefon. Die Bücher. Den Fernseher. Und so sass ich irgendwann allein und ohne nichts in meinem Bett. Mit Magensonde. Eigentlich hätte ich nun spätestens zunehmen müssen. Eigentlich. Aber: Ich hatte gelernt, die Sonde selbst rauszuziehen und wieder reinzuschieben. Ich kam mir so clever vor, dabei beschiss ich mich nur selbst. Sie standen mit Fragezeichen da, ich sass weiter in diesem neuen Gefängnis fest. Irgendwann merkte ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich nahm bis zu einem Mindestgewicht zu, dass ich mein Telefon wieder bekam. Dann rief ich dich an – erinnerst du dich?

„Papa, hol mich hier raus.“

Es war so schön, deine Stimme zu hören. In ihr lag eine Mischung aus Freude und Erstaunen. So stelle ich mir das vor, ich erinnere mich nicht. Ich weiss nur, dass du fragtest

„Wieso, entlassen sie dich?“

„Nein, aber ich halte das hier nicht mehr aus.“

Du warst nicht begeistert. Ich solle Geduld haben. Sagtest du. Ich müsse ganz gesund werden. Fandest du. Es sei zu früh. Befürchtetest du.

„Ich bin zwar schwerer als beim Eintritt, aber im Kopf geht es mir schlechter. Bitte Papa. Ich schaffe es zu Hause. Ich verspreche es!“

Du hast mir geglaubt. Und du kamst. Und hast dich eingesetzt. Für mich. Du sprachst mit den Ärzten. Sie drohten. Sie malten tausend Teufel an die Wand. Du bliebst stark. Für mich. Und du nahmst mich mit nach Hause.

Auf alle Fälle war ich wieder zu Hause. Und das war gut. Nicht, dass es einfach gewesen wäre. Ich habe mit Verstand und Logik versucht, diese Krankheit zu überwinden. Ich rechnete, plante und organisierte. Essen war dominant. Aber ich nahm nicht mehr ab. Und irgendwann sogar zu. Der Essensplan, den ich mir aufstellte, war rein auf meine Gelüste und Vorlieben ausgerichtet. Gesund war das sicher nicht. Sicher gesünder als verhungern. Du hast mich unterstützt. Du hast mich alles ausprobieren lassen. Erinnerst du dich, wie wir regelmässig ganze Früchtekuchen beim Bäcker holten, die ich dann nach ausgeklügeltem Zeit-Plan ass? Oder wie ich Diäten umkrempelte, weil ich dachte, was zum kontrollierten Abnehmen hilft, müsste auch umgekehrt gehen. Die Kontrolle war wichtig. Die konnte ich nicht loslassen. Aber es ging. Irgendwie. Immerhin hatte ich irgendwann wieder ein Gewicht, das nicht mehr besorgniserregend war.

Papa, ich schreibe dir das und ich weine dabei. Ich denke an dich und wie oft du für mich gekämpft hast. Für mich da warst. Dich für mich eingesetzt hast. Du. Immer du. Du warst mein Fels. Mein Alles. Der starke Papa, auf den ich bauen konnte.

(«Alles aus Liebe», XXXV)


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